Retrospektiv
Liebe Marlena
Heute wollte ich dein Mail wiederlesen, wo du deinen Alltag schilderst. Ich bin jetzt hier auf Seite 309, und dieses Mail habe ich auf ungefähr Seite 260 gefunden. Und dabei hatte ich den Eindruck, es wäre erst kürzlich gewesen.
Beim Suchen habe ich auch ein paar meiner Briefe wieder gelesen. Ach was soll ich dazu sagen? Ich finde, ich schreibe manchmal wirklich lustig, dass ich selbst wieder lachen muss. Manchmal bin ich fast etwas erstaunt, dass ich sowas geschrieben habe. Und wenn ich mit meinen Gefühlen in der Weltgeschichte herumspritze, dann kommen sie gerade wieder und ich würde es nochmals ganz gleich sagen.
Ich schreibe wirklich frisch von der Leber weg und es ist fast nichts gelogen. Gelogen ist nur, dass ich so vergnügt sein kann, während du gar nicht da bist. Das ist der einzige Lug und Trug. Sonst schreibe ich wirklich direkt von meinem Herzen und via meine Fingerbeeren. Es geht ziemlich schnell und ich schäme mich manchmal sehr, welche Fehler ich mache. Aber sie entstehen, weil ich die Tastatur nicht genügend anschlage. So fehlen einfach Buchstaben, Endungen. Ach du wirst das mit deinen scharfen Lehrerinnenaugen sofort merken. Es tut mir ein bisschen leid, aber dann doch nicht so sehr, dass ich es ändern könnte, dass ich alles nochmals detailliert Korrekturlese. Da müsste ich eine Sekretärin anstellen dazu. Normalerweise korrigiert meine Sekretärin, die Liz, meine Briefe. Sie ist perfekt in der Rechtschreibung. Ihr entgeht gar nichts und ich bin froh, dass ich sie habe. Sie passt genau zu mir. Ich habe die Fantasie und die Formulierungen, und sie bringt es in eine Form, so dass alle beeindruckt sind. So erreichen wir viel zusammen.
Ich habe mich gefragt, was du machst mit allen diesen Mails, die du ausdruckst. Verbrennst du sie oder steckst du sie in einen Ordner? Er muss ja schon ziemlich dick sein. Ich hoffe, all diese Aussagen werden nie vor Gericht gegen mich verwendet. Ich kriegte lebenslänglich, wie du. Und wir würden als Gnadenakt eine gemeinsame Zelle erbitten. Möchtest du dann auf der Pritsche zum Fenster schlafen, oder lieber zur Türe hin, wo nachts die Mäuse durchhuschen? Bist du sehr empfindlich gegenüber den Ameisen, die vorne am kleinen vergitterten Fenster hereinkommen? Und das alte Brot, willst du zuerst daran lutschen, damit es etwas weicher wird und wir es teilen können, oder soll ich diese Aufgabe übernehmen. An der Wand machen wir Striche, jeden Tag einen. Für lebenslänglich braucht es eine grosse Wand. Also fangen wir ganz oben links an wie an der Wandtafel im Klassenzimmer. Und wer macht am Morgen das Bett? Ist das deine Sache, deine als Frau. Oder herrscht im Gefängnis Gleichberechtigung? Ich würde sagen, wir wechseln ab. Und wenn ich mal dran bin, dann mach ich dir am Stamstag ein Schlupfbett, und wenn wir nach Mitternacht auf unsere Pritsche kriechen, weil wir uns so lange Geschichten aus unserem Leben erzählt haben, dann schimpfst du, weil du nicht ins Bett kommst. Und dann lachen wir Tränen und ich lade dich ein, in meine Pritsche zu kommen. Sie ist verdammt eng, diese Gefängnispritsche, und wir sind beide froh, dass du ein schlankes Ding bist. Und wenn wir etwas wackeln, was sich ja ab und zu geben soll, dann ächzt und knarrt die Pritsche, so dass die Wache vor der Türe stehen bleibt und horcht, ob wir vielleicht einen Ausbruchversuch machen. Und dann halten wir uns einen Moment den Atem an und halten uns so sehr, wie sich nur zwei Verliebte halten können. Und dann geht die Wache weiter und unsere Pritsche knarrt, als ob sie etwas zu reklamieren hätte. Doch da gibt's nichts zu reklamieren.
Ach Marlena, jetzt sind wir im Gefängnis gelandet. Wie kommen wir da wieder raus? Tut mir leid, ich hoffe, ich habe dich nicht schockiert. Ich meine bloss wegen der paar Ameisen.
Ach so ja, meine Frage war, was machst du denn mit den vielen Mails. Ich frage dich, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie dick die Beige ungefähr ist. Wir sind doch erst im 4. Monat. Stell dir vor im 9. Monat. Nach einem Jahr, nach 20 Jahren. Habt ihr eine grosse Garage? Oder denkst du eher an die Müllabfuhr?
*
Ach Marlena, erzähle mir auch ein bisschen über Anna. Ich glaube, sie ist deine liebste Person. Ich würde sie gerne kennenlernen. Oder einfach wissen, was sie für dich bedeutet und wie du dich mit ihr verstehst. Unsere Kinder sind ja unsere grossen Zukunftshoffnungen. Aus praktisch einer Zufälligkeit geboren, bauen sie sich selbst hinauf wie ein Turm, wenn es gelingt, der ein Leben lang stattlich dasteht und hinhält. Oder vielleicht erzählst du mir über deine Freunde, vielleicht über K, was mich mit dieser Abkürzung immer an Kafka erinnert, oder über deine Kusinen, mit denen du wie Schwestern gelebt hast. Oder erzähle mir von Verlaine. Ich glaube, das machst du bald, da du den Gedichtband geholt hast. Habe ich recht. Auf jeden Fall freue ich mich darauf.
Du hast gestern gesagt, du hast nicht immer, oder noch nicht den Mut zu erzählen. Es braucht keinen Mut. Ich erzähle doch nichts weiter. Ich schlucke alles in mich hinein. Es bleibt nur ein Teil dieses unseres Textes. Ich möchte dich auch nicht ausfragen, das wäre doch sehr peinlich. Aber das weiss ich schon, bei dir braucht das Formulieren ein wenig Anstrengung. Du musst einfach nur an dich denken und es hochkommen lassen. Meine Töchter sind manchmal etwas eklig mit S, wenn sie etwas nicht genau sagen kann und sinnt, wie das zu tun. Sie sagen "Komm schon, spuck es aus, komm schon" wie der Kriminalbeamte beim Verhör. Echt eklig können die kleinen sein, und dann lachen wir alle zusammen.
Ich schicke dir das, damit dein Ordner voll wird.
Und packe meine lieben Grüsse mit ein, und ein paar Küsse, wenn es denn noch Platz hat. Reserve, sozusagen
G+K
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