Datum: den 28 maj 07:33
Liebe Malou
Nein, ich meine Iranistin, nicht Islamistin. Danke für den Artikel über Ebadi. Ich glaube, ich habe ihn schon. Ich sammle ja doch etliche Artikel, vor allem aus der NZZ. Manchmal erscheint es sogar mir lächerlich. Aber ich stehe in einem Dilemma. Einerseits finde ich diese ganzseitigen Artikel in der Beilage ausgezeichnet. Sie sind von einem Kenner des Gebietes geschrieben, sie sind aktuell und sie beschränken sich auf eine Seite. Es ist wirklich das, was man sich in heutiger Zeit in einem fremden Gebiet zu lesen leisten kann. Aber dann habe ich in letzter Zeit kaum die Zeit (oder Energie), sie zu lesen. So lege ich sie zur Seite und registriere diejenigen, die mir besonders gut erscheinen, im File Maker und lege sie in eine einfache Dokumentation. Ich habe schon etliche Schachteln voller Artikel. Und weil natürlich Zeitungspapier innert 5 Jahren vergilbt, kopiere ich sie vorher auf ein Papier guter Qualität. So werden sie für die Ewigkeit halten ;--)
Es ist ein typisches Beispiel, wie man sich beschäftigen kann und dann seinen Pflichten, seinen selbsternannten Pflichten notabene, immer hinten nachrennt.
Man erlebt dabei auch die Dynamik solch hobbyartiger Dinge. Am Anfang waren es wenige Artikel aus wenigen speziellen Gebieten, die mich interessierten: Literatur, Philosophie, Kulturen vielleicht. Mit der Zeit kamen Randgebiete dazu: Politik, Ökonomie, Europafragen. Dann kamen Kuriositäten dazu wie: Schweden, Nachtigallen, Islam und weiss Gott was. Da sieht man, wie sich das Leben voll packt, und wie die Jugendfreiheiten und die Mussezeiten bachab fliessen.
Deine ornithologischen Studien sind wirklich bemerkenswert. Und die Fotos sind aufregend. Ich habe das nie so genau beobachtet, hatte auch nicht die Gelegenheit. Und welche Funktion dieses zögerliche Füttern und Weglocken vom Nest hat! Das ist wirklich interessant und man fragt sich, wie die Evolution so was zustande bringt. Wir sollten das mit unseren pubertären Kindern auch so tun. Na ja, sie tun es so, und kaufen sich ihren Mac ausser Haus. Ich hatte einen Studienkameraden. Sie waren zwei Brüder zuhause, und der Vater war Arzt. Aber er hatte seine Kinder sehr knapp gehalten, hatte ihnen kaum genug Geld fürs Studium bezahlt. Und dieser Kamerad ist sehr tüchtig geworden, war es schon damals, besitzt heute viele Häuser und Wohnblöcke und ist ein tüchtiger Anwalt. Ich glaube, wer die Kinder etwas knapp hält, macht sie tüchtiger fürs Leben. Aber die Perser können das natürlich absolut nicht. Sie verwöhnen ihre Kinder nach Strich und Faden. Aber im Iran werden sie dennoch sehr tüchtig, weil es eine grosse Solidarität in den Familien gibt. Die Jungen ruhen sich nicht auf den Lorbeeren der Eltern aus, sondern tun alles, um im Leben noch höher zu steigen. Nun ja, ich selbst bin auch nicht knapp gehalten worden, und darum wohl ist mein Ehrgeiz eher begrenzt.
Könnte man das nicht als pädagogisches Prinzip bezeichnen: „Förderung durch Verknappung“. Das ist doch in ökonomisch knappen Zeiten ein nützliches Prinzip.
Ja klar, einen Roman zu beurteilen ist eigentlich anspruchsvoll. Aber diese Geschichten hier sind auch nicht so anspruchsvoll. Und wenn einer gut ist und mich packt, dann lese ich ihn sehr wohl von Anfang bis Ende. Oder zumindest beinahe. Ich musste auch lernen, in einem Buch Kapitel zu überspringen. Das konnte ich früher nicht. Ich hatte immer den Eindruck, dass man in einem Buch jedes Wort gelesen haben müsse, um es zu kennen. Aber das trifft bei weitem nicht zu. Man kann auch bloss eine Ahnung gewinnen. Und was Stil und Schreibweise betrifft, so wird der Autor bestimmt nicht gerade in jenem Kapitel eine völlig andere Art gewählt haben. Bücher sind ja doch irgendwie handwerkliche Kunstprodukte. Und wenn ich mir - sagen wir - eine hölzerne Puppenstube anschaue und sie prüfe, so kontrolliere ich nicht jeden Nagel, jede Konstruktion, jede Puppe. Ich nehme mir exemplarisch ein paar wichtige Teile vor und schliesse darauf auf das Ganze. Und das - so habe ich herausgefunden - kann man auch beim Buch machen. Das grösste Problem sind dabei die langweiligen Bücher, die Romane, die dich nicht packen, die Geschichten, die durchhängen. Da besteht die Gefahr, dass man ungerecht ist.
Im Moment lese ich die Biographie von Walter Benjamin. Ich hatte früher einiges von ihm gehört, ab und zu Zitate gesehen. Aber so als ganze Figur ist er mir neu. Offenbar hat Benjamin einen Artikel über ‚Kritik’ geschrieben und hat sich dabei auf die Romantik bezogen. Nach der Romantik ist das Ziel der Kritik, das Kunstwerk zur Vollendung zu bringen, durch innere Beleuchtung zum Strahlen zu bringen. Ist ein schöner Aspekt des Kritisierens, nicht wahr. Und Rezensieren ist ja doch auch kritisieren. Ich habe mich auch schwer getan mit dem Begriff Kritik und habe mir immer vorgenommen, den Leuten zu sagen versuchen, wozu das Buch taugt. Es gibt ja nicht einfach gute oder schlechte Bücher an sich. Es gibt ein gutes Buch, wenn Du vor dem Gotthardtunnel stundenlang in einer Autoschlange stehst und die ganze Familie fängt an zu quengeln. Es gibt gute Bücher, wenn Du für die Schule eine Arbeit scheiben sollst. Es gibt feine Kinderbücher, woraus man so etwas wie Lebenslust und Neugier lernen kann. Aber manchmal gibt es auch Bücher, die daneben gehen.
Das Problem bei den Jugendbüchern liegt darin, dass sich auch hier einige grosse Verlage entwickelt haben. Sie haben Know How, sie haben ihre Fachleute und ihre Standards. Sie produzieren Bücher mit Illustrationen, die sich sehen lassen. Und unsere Augen und Ohren gewöhnen sich daran. Und dann kommt ein kleiner Verlag und macht ein Büchlein mit seinen beschränkten Mitteln für eine kleine Auflage vielleicht. Das weicht oft in vielen Dingen von diesen homogenisierten, qualitativ guten Produkten der Grossen ab. Und erscheint leicht als minderwertig. Vor allem die Illustrationen sind oft etwas mager. Und ich selbst reagiere schnell auf Illustrationen. Ich wähle sogar viele Bücher bloss nach ihren Illustrationen, weil man in 5 Minuten ja doch nicht den Text, aber immerhin die Zeichnungen bewerten kann. Und ich glaube, ich habe ein Auge und kann beurteilen, ob eine Illustration von einem Profi oder einem Amateur stammt. Na ja, es gibt auch profihafte Amateure, wie mich zum Beispiel !!! ;--)))
Du sagst, das Kriterium eines guten Buches liege darin, ob Du vergisst, dass Du liest. Das weiss ich nicht, ob die Selbstvergessenheit wirklich ein Kriterium darstellt. Na ja, Du meinst wohl nicht Selbstvergessenheit, sondern totale Hingabe. Ich glaube, dass ich früher auch so geurteilt hätte. Aber heute bemühe ich mich, beim Lesen immerzu auch zu beobachten, wie der Autor das macht. Es ist ja doch alles erfunden. Weshalb erfindet er so und nicht anders? Wie kombiniert er seine Ideen? Warum sagt er dies, und nicht jenes. Sogar bei Büchern, die die Realität beschreiben, kann man so urteilen. Es ist alles gemacht, es ist alles arrangiert. Sogar die Realität ist arrangiert, entweder durch die Absichten des Autors oder durch meine eigenen Vorstellungen und Konzepte. Es gibt wohl nichts an sich. Und wer einfach so von ‚Natur’ spricht, macht sich verdächtig. Na ja, das ist meine etwas radikale medienkritische Position.
Vielleicht mache ich das Gegenteil von dem, was Du suchst. Ich suche Distanz, ich will niemals vergessen, dass ich ein Buch in der Hand halte. Und dann will ich dazu noch wissen, ob es ein gutes oder ein mittelmässiges Buch sei. Und da kommt mir meine gewisse Oberflächlichkeit ganz gut entgegen. Wenn ich nämlich anfinge, mich bei jedem Buch zu hintersinnen, käme ich zu keinem Ende und würde mich in den Aspekten und Details verlieren. Und schliesslich darf ich ja über jedes Büchlein nur um die 10 Zeilen schreiben. Das ist ein Nichts. Wenn man den Inhalt zusammenfasst, sind schon 8 Zeilen besetzt.
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Siehst Du, wie die Pfingstrosen blühen? Es sind von allen Blumen die ersten, die ich in meiner Jugend irgendwie bemerkt habe. Vielleicht mal von den Hortensien abgesehen, die ich seit der Beerdigung meiner Mutter irgendwie kannte. Pfingstrosen haben Ameisen, deshalb vielleicht habe ich sie mir gemerkt. Und ich erinnere mich an ein Bild Manets mit schönen Pfingstrosen. Sie sind schön, wenn sie blosse Knospen bilden und sie sind schön, wenn sie in barocker Fülle sich offen den warmen Pfingsttemperaturen hingeben. Siehst Du Malou, ich bin ja wirklich nicht gerade ein guter Blumenkenner. Aber zu den Pfingstrosen habe ich ein kameradschaftliches Verhältnis gefunden. Und ich frage mich, weshalb wir in unserem Garten keine Pfingstrosen haben.
Ich wünsche Dir schöne Pfingsten.
MlGuK
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