Ämne: Re: Turm zu Babel ? Nee, das nicht
Datum: den 29 oktober
Liebe Marlena
Dein Mail ist nicht so komisch, wie Du sagst, sondern schön gefasst, wie ich finde, und echt poetisch. Ich finde es zauberhaft, wie Du die Fragen in den Raum stellst. Es ist sehr zart, ja zärtlich und auch behutsam.
Ach unser Turm! Steht er so schief? Hat er solche Risse? Und Du meinst, er eignet sich bloss noch für gelegentliche Wallfahrten? Nein, meine Liebe, das finde ich nicht. Und ich glaube auch nicht, dass wir bei irgendwem Fehler suchen müssen. Fehler sind ja nicht besonders nützlich. Also, weshalb sollte man sie suchen, gar finden?
Ich kann Dir nur beschreiben, wie es für mich ist. Du meinst, dass ich zuviel arbeite. Das glaube ich eigentlich nicht. Aber ich bin in der letzten Zeit ziemlich unkonzentriert bei meiner Arbeit. Ich zögere, die wichtigen Aufgaben anzupacken. Ich lasse mich von vielen kleinen Fragen und Dingen, Telefonaten, Terminen etc. etc. ablenken. Ich ärgere mich über diese dumme Computerisierung. Ich fühle mich irgendwie müde und ohne Energie. Ich werde leicht krank, wie ich bemerkt habe. Irgendwie habe ich im Moment nicht die nötige Widerstandskraft. Und das geht nun schon einige Zeit so. Die Ferien in Persien waren nur eine kleine Pause. Es hatte alles schon vorher angefangen.
Vielleicht findest Du, meine Mails seien nicht mehr so begeistert und gefühlvoll und lang wie am Anfang? Ich hatte kürzlich auch den Eindruck, dass Du es im Moment bist, der sich für unseren Turm einsetzt, und weniger ich. Du hast Dich sehr bemüht und hast sehr liebe Mails geschrieben. Das habe ich wohl bemerkt. Ich habe es genossen, aber ich konnte nicht so richtig mitziehen.
Ach Marlena, mach Dir nicht zu viel Sorgen und hab ein wenig Geduld mit mir. Was soll ich denn tun, bevor es zu spät ist? Sag es mir, und ich werde es tun. Aber das meinst Du wohl nicht. Du wirst sagen, das sei meine Sache, herauszufinden, was nötig ist. Marlena, es wird bestimmt wieder aufwärts gehen. Ich glaube, man kann nicht dauernd in Hochstimmung leben. Manchmal gibt es einfach Flauten und Ebben und fade Zeiten. Und irgendwie muss ich hier in meiner Arbeit wieder den richtigen Rhythmus finden. Und schliesslich geniesst man die neuen Höhepunkte umso mehr.
*
Aber ich habe Freude, weil Du mir den Eindruck gibst, Du wenigstens seist im Moment munter und wohlauf. Und dieses Mail, obwohl es vielleicht nicht nur fröhlich geraten ist, hat sehr viel Charme. Und damit, meine Liebe, kannst Du mich jederzeit erwärmen. Auf jeden Fall hat es mich sehr gerührt. Und wenn Du mir noch genauer beschreiben kannst, worin für Dich die Schiefe und die Risse bestehen, dann bin ich Dir dankbar. Ich will nicht, dass der Turm verkommt.
Ich würde Dich fürs Leben gerne umarmen, jetzt Marlena.
Mit langen und zarten Küssen.
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