Subject: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug
Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
*.
Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
In meiner kleinen Arbeit über die moderne Familie habe ich herusgefunden, dass sich die Kleinfamilie tendentiell im Nordwesten Europas herausentwickelt hat. Bedingungen dazu waren relativ späteres Heiratsalter der Frau, was dann konsequenterweise zur geringeren Kinderzahl führt (das Heiratsalter der Frau ist geschichtlich die Geburtenkontrolle, nach Epidemien und grosser Sterbilichkeit ist das Heiratsalter jeweils gesunken), relativ geringer Altersunterschied der Ehepartner, Gründung eines eigenen Hausstandes zusammen mit ökonomisch relativ gesicherter Stellung des neuverheirateten Paares. Das sind Bedingungen der Individualisierung, der Kleinfamilie und in gewissem Sinne auch schon der Emanzipation der Frau. Im Osten Europas gab es in der Neuzeit immer die Grossfamilie, der Familienclan, den grossen Altersunterschied der Ehepartner, und die Integration des neuvermählten Paares in den Clan. Das hing zusammen mit der oekonomischen Situation. In den feudalistischen Verhältnissen musste der Grossgrundbesitzer die Ehe bewilligen. Und er war daran interessiert, dass die Familien gross waren, denn sie erhöhten die Produktivität seines Arbeitspotentiales.
Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir wieder die Familie Sp besucht, jenen sympatischen älteren Teppichhändler, der ein Freund der Familie von S ist. Er ist wirklich köstlich, wie er spricht, hat viel Humor (und trägt lange Unterhosen auch sommers, wie ich nebenbei und zufällig sehen konnte;--)). Sein Sohn möchte gerne einmal Europa besuchen. Nun hat er von seinem Cousin, der in Frankreich wohnt, eine Einladung erhalten. Doch die Behörden haben ihm ein Visum verweigert, weil er nicht vrheiratet sei. Offenbar haben die Franzosen Angst, dass er nicht nach dem Iran zurückkehren würde). S und ich konnten dies nicht glauben und sagten, dass es doch eine Möglichkeit geben sollte. Er entschloss sich in der Folge, 8 Stunden mit der Bahn nach Teheran zu fahren um in der französischen Botschaft vorzusprechen. Er nahm den Nachtzug, kam um etwa 5 Uhr in Teheran an, nahm ein Taxi zur Botschaft und stellte sich dort in die Warteschlange. Die Botschaft öffnete erst um 0900h. Und er war an 37. Stelle, dh. er konnte damit rechnen, 6 bis 8 Stunden zu warten, bis er vorgelassen würde. S erklärte sich bereit, ihn zu begleiten. Ich glaube, sie fuhr etwa 2 mal dorthin, bis es endlich soweit war. Und dann schliesslich kam sie mit Tränen in den Augen zurück und erzählte, dass man sie nicht mal vorgelassen hätte. Man sagte, das Gesuch sei abgelehnt und es werde darüber nicht diskutiert. Man gab auch keine Gründe für die Ablehnung an. S war ausser sich. Sie hatte verlangt, direkt mit dem Botschafter zu sprechen. Ich bin sicher, sie hat alle ihre Waffen eigesetzt. Und sie hat etliche. Sie war wirklich aufgebracht und der Meinung, man könne doch Menschen nicht wie Tiere behandeln. So fuhr Ahmed (oder wie er heisst, ich weiss es nicht mehr) unverrichteter Dinge wieder zurück nach Isfahan.
Nun kann man sagen, das seien eigentlich die Franzosen, und nicht die Perser gewesen. Aber ich bin überzeugt, die Franzosen können sich sowas nur im persischen Milieu erlauben. In Europa wäre es unmöglich (obwohl man sich ja über die Franzosen und ihren harten Zentralismus schon ab und zu wundern kann). Der Umgang mit Behörden in Persien ist zeitraubend und frustrierend. Ach, es gibt viele Dinge, die für uns Europäer absolut ärgerlich sind. Du hast sicherlich noch einige in Mahmoodys Buch kennengelernt.
Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
*
Deine Geschichte mit dem Musiker aus der Gegend von Sorennt finde ich absolut romantisch. Und ich wusste gar nicht, dass du mal geträumt hast, Sängerin zu werden. Warum bist du es nicht geworden? Hast du Versuche zu einer solchen Laufbahn unternommen? Bereust du es, es nicht geworden zu sein? Ich weiss wohl, dass du eine Stimme hast wie unsere Tessinerin (wie hiess sie schon, mein Vater erwähnt sie immer; sie war wohl ein Star zu seiner Zeit; ach ja Lis Assia). Und ich würde dich fürs Leben gerne singen hören. Aber dass du wirklich davon geträumt hast, das wusste ich nicht. Wenn wir uns mal telefonieren, singst du mir ein paar Takte, nicht wahr?
Das finde ich schön, dass Du diesem alten Brieffreund nachgegangen bist. Vielleicht hat schon die Wahl eures Ferienortes einen Zusammenhang damit?? Sowas hätte ich auch getan. Es ist wirklich aufregend und kitzelig, jenen Menschen nachzugehen, die mal wichtig waren im eigenen Leben. Und es ist auch sehr rücksichtsvoll von Dir, mir zu sagen, dass du nie verliebt gewesen bist. ;---). Du bist ein Schatz.
*
Ach mein Liebes, du hast schon wiederholt Kopfweh angedeutet. Hast du das oft? Und bei dieser Gelegenheit kommt mir in den Sinn, dass vor den Ferien noch ein Arztbericht ausstehend war. Findest du es sehr indiskret, wenn ich dich frage, wie es dir geht? Als dein Mausfreund sollte ich es doch wissen dürfen! Es gäbe natürlich etliche gute Gründe, nicht darüber zu reden. Aber ich, mit meinen psychologischen Doktrien, bin der Meinung, reden sei besser. Es entlastet ein bisschen die Seele. Es verteilt die Sorgen ein wenig. Man kann sich etwas von den Sorgen distanzieren, indem man sie formuliert. Ich habe so ein vages Gefühl, dass du im Moment Sorgen hast.
Ich weiss, mein Schatz, dass du für mich nur positiv sein möchtest. Das bist du ja auch. Die Dinge, die mich gelegentlich etwas traurig machen, sind jene, die du auch nicht beeinflussen kannst. Das wollte ich damit sagen. Du musst nicht denken, es liege in deiner Hand, oder es sei gar deine Schuld. So sehe ich das ganz und gar nicht an.
*
Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass du in deiner Ferienlektüre auch Rom hattest. Bei mir ist es so, dass ich im Moment noch ein bisschen persische Erlebnisse verarbeiten muss. Und dann werde ich mich auf Rom stürzen, wie ich es dir gesagt hatte. Ich habe zwar etwas Hemmungen, mit dir darüber zu sprechen. Aber ich hoffe immer noch sehr, du weißt schon was und wie. Und ich bereite S schon heute darauf vor.
Weißt du, es ist nicht so, dass ich gar keine Schuldgefühle hätte ihr gegenüber. Aber ich brauche wirklich eine Distanz. Wenn ich Dich jetzt einladen müsste und dir alles bezahlte, dann hätte ich Schuldgefühle. Aber so sage ich mir: ich möchte wirklich Rom intensiv erforschen. Es interessiert mich im Moment mehr als NY oder Peking oder weiss was. Und wenn ich das mit einer lieben Person tun kann, die sich auch für Rom interessiert, was gäbe es Schöneres und Inspirierendes? Es ist für mich mehr ein Romabenteuer als ein Liebesabenteuer. Vielleicht bin ich etwas naiv, aber so schaue ich es im Moment an.
Und Hemmungen habe ich, mit dir darüber zu reden, weil du sagst, es sei dir unmöglich. Ich glaube es Dir eben nicht ganz, aber vielleicht tue ich Dir unrecht. Und ich möchte Dich nicht quälen. That's it!
Roma locuta causa finita oder so ähnlich heisst es doch.
*
Ich wünsch dir, dass sich dein Kopfweh in Wohlgefallen aufgelöst hat und dass du bester Dinge bist. Vielleicht war es der Vollmond, wie mir gerade auffällt. Schreib mir, meine Liebe, soviel du kannst. Ich bin immer noch wie ein kamelartiges Wüstentier. Und dazu umarme ich Dich innig.
KKSS
...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen