Datum: den 31 oktober
Liebste Marlena
Ich könnte Deinen Schutz doch sehr gut brauchen. Ich bin wieder krank. Heute war ich beim Arzt. Er sagt, vor nächsten Montag soll ich auf keinen Fall anfangen zu arbeiten.
Ich habe etwas Frostfieber, Ohrenschmerzen, Husten wie eine Jagdhundemeute und Durst wie eine Herde Walliser Braunvieh.
Habe Geduld Wenn ich kann, schreibe ich wieder.
Mit einem lieben Gruss
Re: Gute Besserung!
Lieber ...,
Danke, mein Liebling, dass du mir so schnell geantwortet hast. Ich war sehr besorgt um dich, denn ich glaube nicht, dass du ein Mensch bist, der seine Termine einstellt, wenn es nicht dringend nötig ist.
Du tust mir leid, mein lieber Mausfreund und ich hoffe nur, dass du dich nun auch schonst und nicht das Bett verlässt, bevor du wieder frisch und munter bist. Ach, munter bist du ja sogar jetzt, wo es dir nicht gut geht. Ich habe herzlich lachen müssen darüber, wie du deine Symptome beschreibst. Ganz im Sinne von Proust, möchte ich sagen. Beim Herumstöbern in meinen Papieren habe ich das kleine Büchlein wieder gefunden und bin darin hängengeblieben, an der Stelle wo er einem Verfasser vorwirft, dass er seine Gedanken nicht originell genug formuliert. Ich werde noch ein wenig weiterlesen, wenn ich heute nach Hause komme. Ich bin im Moment in meinem Büro und hier ist es so menschenleer wie sonst nur bei einer Hochmesse in der Schwedischen Kirche. Das Zimmer wo der PC steht ist etwas kahl und inspiriert kaum zum Schreiben, aber wenn ich an dich denke, sehe ich es nicht mehr.
Der Kurs Montag und Dienstag war sehr gut. Wir drei "Damen" waren wohl nicht die diszipliniertesten Schüler, aber wir haben fleissig gelernt und nun kann ich sogar ein Bildspiel herstellen am PC. Zu Mittag haben wir in einem kleinen Restaurant in der Nähe gegessen. Es hatte gute "Husmanskost", wie wir es nennen, und war bis zum letzten Platz besetzt. Da hat Anne-Marie, die Psychologin erzählt, dass sie eine Kusine in St. Gallen hat, die mit einem Schweizer verheiratet ist. Du verstehst sicher, dass ich sehr aufmerksam zugehört habe. ;-) Wenn ich ihr glauben darf, sind die Schweizerinnen den Schwedinnen nicht sehr ähnlich. Sie hat sie mir ungefähr so beschrieben wie einst der Visper (nicht zu ihrem Vorteil). Aber man soll nicht generalisieren. Sie sind sicher sehr liebe treue "Hausmütterchen" :-) Und hier gibt es auch alle Sorten.
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Ach, Schatz, ich versuche mir dich vorzustellen, wie du in deinem Bett liegst. Es tut fast weh, dass ich nicht zu dir gehen kann und dich ein wenig pflegen darf. Ich würde dir warme Getränke ans Bett bringen und es auch mit etwas healing versuchen. Dann, wenn du nicht zu müde bist, würde ich dir ein paar Passagen von Rilke vorlesen oder vielleicht über Proust diskutieren.. Das letzte kleine Gedicht von Rilke, das ich dir schickte, hast du sicher erkannt. Hoffentlich hast du deinen Laptop zu Hause, damit ich dich wenigstens mit meinen Mails erreichen kann.
Heute ist ein schöner sonniger Tag hier und ich werde versuchen etwas an die frische Luft zu gehen. Die letzten Tage war es so grau und dunkel, dass ich sie am liebsten verschlafen hätte. Und dann noch dazu zwei Tage ohne Lebenszeichen von meinem geliebten Mausfreund. Es war nicht leicht.
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Ich habe gerade meine Mailbox hier geöffnet. Du hast recht, man ist dauernd überwacht. Natürlich war sie schon wieder voll von Post, solche, die ich lieber erst später entdeckt hätte, mit neuen Konferenzen (nach Arbeitszeit) nächste Woche. Die Tatsache, dass man immer erreichbar sein muss, finde ich schrecklich.
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