Heute feiern wir auch unseren
König Carl Gustaf
.
(5 Monate später)
---
Hier unsere Coproduktion. Du erinnerst Dich daran. Ich meine die Zeichnung der Logopädin, die Sprechblasen bügelt. Sie hatte wirklich grosse Freude an der Zeichnung und am Kommentar darüber. Wir haben gerade gestern in der Kommission nochmals darüber erzählt und gespasst, als wir ihre Nachfolgerin wählen sollten. Es ist für mich ein wunderschönes Gefühl, dass wir, dh. Du und ich, das irgendwie gemeinsam gemacht haben. Ich glaube Deine Hilfe war, dass Du einmal vom "Protestbügeln" gesprochen hast. Das war beim Eurovisionswettbewerb, der in Schweden stattgefunden hat. Du erinnerst Dich sicherlich, Marlena? Diese Formulierung und Idee fand ich lustig und originell, so dass ich überhaupt erst dieses Bügeln in meine Gedanken aufgenommen habe. Vorher fand ich Bügeln absolut uninteressant und öde. Aber beim Protestbügeln ist mir irgendwie der penny gefallen. Aha, habe ich mir gesagt, Bügeln ist was ganz Spezielles. Bügeln kann man mit einer Haltung. Mit Bügeln kann man sogar die Welt verbessern. Mit Bügeln kann man Politik machen. Man kann damit protestieren, demonstrieren, reklamieren, warum nicht auch reformieren, initiieren, sanieren, therapieren? So ungefähr ist mir dann wohl diese Vorstellung gekommen, dass eine Logopädin Sprechblasen bügelt.
Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen.
Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.
Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.
Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*
Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.
Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Der Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.
So lasse ich dich wieder.
LGuKuS,
Malou
Liebe Malou
Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
Ämne: Gloomy Sunday evening
Am Abend haben wir gut gegessen (Lachs) und ein wenig Fernsehen geschaut. Es gab eine interessante Reportage von der Buchmesse in Göteborg, ein intellektueller Treffpunkt, der einmal jährlich stattfindet. Ich habe dabei an dich gedacht und wie es dir gefallen hätte. Viele berühmte Schriftsteller sind anwesend und lassen sich interviewen. Das grosse "dragplåster" (Publikumsmagnet) diesmal war Chomsky, der Amerikaner mit den "eigenen" Ansichten, ich denke du wirst ihn kennen. Und man hat von vielen neuen Büchern gesprochen u.a. von einem mit dem Titel "Die Tyrannei des Augenblicks" von dem norwegischen Sozialanthropologen Thomas Hylland Eriksen. Ich glaube du solltest es lesen.
Es gab ein Buch über den "richtigen" Vater von Pippi Langstrumpf, d.h. den Mann, den Astrid Lindgren als Vorbild hatte. Er hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine farbige Frau geheiratet (eine Sensation zu der Zeit) und er hat auch Gold gefunden (heute die grösste Goldgrube der Welt).
Date : Sat, 30 Sep
Lieber,,,
Ich war gerade dabei deinen gestrigen Brief noch einmal durchzulesen als dein neuer eintraf. Ich weiss nicht wie es kommt, aber nichts könnte mich eigentlich mehr freuen als von dir zu hören.
Ja, kannst du dir denken, in einem "mutigen" Augenblick habe ich dir nun doch eine Adresse geschickt. Ich werde deine Post spätestens einen Tag später erhalten als sonst.
Es hat mich ein bisschen überrascht, dass du nun meine Karten doch als etwas "gewagt" betrachtest. Ich werde versuchen deinen Ruf zu verbessern, indem ich dir eine Karte schicke, die von mir und K unterschrieben ist. OK?
Das Buch, von dem du sprichst (siehe unten), werde ich mir besorgen. Es interessiert mich sehr, denn dieses neue Medium ist eine wirkliche Revolution aller Verbindungen und die Welt wird nie mehr dieselbe sein. Nun, bei euch auf dem Kontinent ist es noch nicht so schlimm. Aber bei uns, wo nun bald jeder Mensch einen Internetanschluss hat, merkt man schon die Folgen.
Jetzt kannst du mir ja auch ein neues Bild von dir senden, ohne vorher Walter bitten zu müssen, es zu scannen. Schicke mir doch auch welche von deiner Umgebung. Du kannst sie mir nur zum Ansehen senden und ich schicke sie dann wieder zurück.
Ach, Chéri, du verstehst sicher, was ich meine. Über mich selbst darfst du alles wissen. Aber ich kann dir nicht Dinge erzählen, wo ich die ganz private Sphäre anderer Leute beeinträchtige. Die anderen müssen anonym bleiben. Nicht ich.
---
GuK
Marlena
******************
Liebe M..
Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.
Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
*

Lieber ...
Ich sende dir nochmals das Bild von dem Mund.. Japaner! Ich mag sie. Ihre Begeisterung lässt auch uns wieder das schöne, was uns umgibt, entdecken.Immer noch lache ich über deine acht Finger.. Ich würde mich kaum trauen, meine Hände in den Mund zu stecken. Jemand kann doch was gefährliches reingelegt haben: Einen Skorpion oder so..
Trotz deiner acht Finger, habe ich wohl die Hoffnung aufgegeben, ein Beauvoir-Sartre-Verhältnis mit dir zu haben. Ich meine ein solches, wo man total offen über alles sprechen kann. Doch vielleicht sind wir auch etwas zu englísch für sowas.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MlG,
Malou
Meine liebe Marlena
Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.
Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. , mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.
Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.
Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.
Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
...
Subject: Iran II
(---)
Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.
Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?
Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
...
(R)
Date: Sat, 12 Aug 16:32
Liebe Marlena
(---)
Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es S immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.
Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.
Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...