Dienstag, 15. September 2026

Es ist Zeit

 


Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 


Rainer Maria Rilke



2 Kommentare:

  1. Jag vet inte, men det känns som en ung dikt av Rilke. Konstlöst förfinad, och mycket han.
    Rätta mig om jag har fel.

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    1. Inget går upp mot Rilke! :-) Denna dikt är en av mina favoriter. Och du har rätt. Här mer information om dikten:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Herbsttag

      Ta det som en övning i tyska språket.
      Är du inte uppe i norr än?

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Montag, 14. September 2026

Wieso eigentlich?

Lieber ...,

Ich habe mich in den letzten Tagen immer mehr nach einem Wellness-Center gesehnt. Wir nennen es Spa. Du kennst es sicher. Es ist eine luxuriöse Anlage wo du deinen Körper verwöhnen lässt mit Lehmeinpackungen, Massagen und warmen Bädern u.a. Und nachher fühlt man sich wie neugeboren und so wohl dass man das Leben umarmen möchte.
*
Ich habe deine Story nochmals durchgelesen und ich muss sagen dass man sie immer wieder bei vollem Genuss lesen kann. Und bei allen mit grösster Präzision geschilderten Realitäten ist sie doch irgendwie surrealistisch. Du meinst das ganze passiert nur auf der Couch aber das ist ganz unmöglich zu glauben, weil eben alles so detailliert geschildert wird. Und in diesem "nicht-wissen" liegt auch der Reiz.
Oh, wie habe ich Angst, dich an die Öffentlichkeit zu verlieren..

*

Es fällt mir auch auf, wie du das VL beschreibst. Sind es wirklich nur Rosen ohne Dornen und Läuse? Und Eifersüchteleien und Enttäuschungen? Gibt es die wirklich nur im RL? Vielleicht mache ich keine klare Grenze zwischen RL und VL. Sie greifen ineinander und beeinflussen einander. Der Text im VL zieht seine Nahrung aus dem RL. Und die Freuden im RL haben nicht selten ihren Ursprung im VL. Aber man kann wählen und man kann zensieren. Das ist das angenehme. Doch in schweren Zeiten, wenn man fast nur Dornen sieht, ist es schwer. Man muss sich mit dem Willen dafür blind machen, um Rosen zu entdecken. Und du hilfst mir immer wieder dabei mit deinen schönen Mails.

Manchmal wünsche ich mir doch, wir hätten uns damals in Rom kennengelernt. Es ist aus ganz egoistischen Gründen. Vielleicht erkläre ich es dir einmal.


So, chéri, ich muss mich ein wenig nützlich machen in der Küche. Crevetten schälen! Diese langweiligen Aufgaben fallen immer auf mich.. :-)

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende im Kreise deiner Familie.
Marlena



Sonntag, 13. September 2026

Revolte gegen die Uhrzeit

 Re: Sein und Zeit


Lieber ...,

Sorry! Ich habe mein Abendmail verpasst. Du wirst es nicht glauben, aber auch ich war so müde, als hätte ich Schwerarbeit geleistet. So war ich wohl ab 20.00h für keinen Gedankenaustausch mehr zu haben und bin früh zu Bett gegangen. Ich hatte die Absicht, noch früh am Morgen ein kleines Frühstücksmail für dich abzusenden. Und dann bin ich in der Nacht nach so 5 Stunden Schlaf aufgewacht und es war fast unmöglich wieder einzuschlafen. Um sieben bin ich dann trotzdem aufgestanden und habe gefrühstückt. Aber meine Glieder waren schwer wie Blei und so bin ich nochmals in die Federn gekrochen, wie du es nennst.
Lustig eigentlich, heutzutage können wir fast ein Mail mit solchen prosaischen Details füllen. Aber eigentlich finde ich sie nicht unwichtig. Im Gegenteil lassen wir einander auf diese Weise wirklich Teil haben an unserem Dasein.
Nun, ich glaube ich litt ganz einfach an Schlafdefizit. Bin in den letzten Tagen immer sehr spät zu Bett gegangen. Es kann wirklich nichts mit Überanstrengung im Beruf zu tun haben, denn dort waren "wir drei" gestern so gut wie unbeschäftigt. Wir haben im Aufenthaltszimmer neben unserem Arbeitszimmer vor dem Fernseher gesessen. Eigentlich nicht davor, sondern eben an dem Tisch, wo wir uns immer mit einer Tasse Kaffee zwischen den Unterrichtsstunden belebt haben und haben uns gut unterhalten. Ab und zu kam jemand von den "Arbeitenden" dazu und es war ein angenehmer Zeitvertreib. Um 11.30h sind wir dann in die Kantine gewandert und haben auch dort unsere Mahlzeit so lange wie möglich hinausgezogen. Welch ein Luxus, nicht an Uhrzeit denken zu müssen!!! Ich hatte sogar meine Armbanduhr zu Hause vergessen. Wozu sollte ich sie auch brauchen?

Natürlich bin ich noch lange nicht so weit, dass ich von Uhrzeit auf Ereigniszeit umgeschaltet habe. Ich glaube so was muss geübt werden. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, mir irgendwelche Tätigkeiten auf Uhrzeit zu verlegen, d.h. zu einem gewissen Zeitpunkt etwas vorher bestimmtes zu tun. Vielleicht muss man das sogar. Aber im Moment ist meine Revolte gegen die ständige Uhrzeit (in unserem Beruf ist man ja besonders davon geplagt) noch so gross, dass ich mich für nichts festlegen möchte. Es soll kein "muss" mehr geben sondern nur "will". *s*

(---)
Ich glaube, dass du schon wartest. Sicher brauchst du ein kleines Mail von mir, und so schicke ich dies nun gleich ab. Vielleicht komme ich später nochmals wieder.

Ich wünsche dir einen schönen Tag ohne Müdigkeit.
MlGuK,

Uhrzeit und Ereigniszeit


Liebe Marlena

(---)

Ich beschäftige mich zur Zeit mit interkulturellen Fragen. Das ist ein interessantes Komplex, und natürlich bin ich davon auch persönlich betroffen, indem bei uns der Bosporus mitten durch die Wohnung verläuft. Ein wichtiger kultureller Faktor ist der Umgang mit der Zeit. Die Orientalen leben im wesentlichen nach der Ereigniszeit. Eine Versammlung beginnt, wenn alle da sind, und endet, wenn man sich verabschiedet. Die Ereignisse geben die Zeitphasen vor. Und ich muss sagen, dass ich einen Grossteil meines Lebens so gelebt habe. Mindestens meine Schulzeit, inklusive Universität, war geprägt von dieser Auffassungsart von Zeitdauer. Natürlich gab es damals Termine, aber sie standen nicht im Vordergrund und sie hatten mein Leben nur nebenbei beeinflusst, nicht wirklich geprägt. Die Uhrzeit, nach welcher die westliche Welt nach der Industrialisierung hauptsächlich lebt, ist in jeder Hinsicht absolut abstrakt, hart und leer. Und sie ist in der Lage, uns jede Menge Stress zu verursachen. Man kann hören, dass einige Kulturhistoriker nicht die Dampfmaschineals die Einflussreichste Erfindung des Industriezeitalters bezeichnen, sondern eben die mechanische Uhr, welche die Uhrzeit in Stunden und Minuten vorgibt. Lange Zeit waren die Uhren damals schon recht genau, aber es gab keine wirkliche Standardisierung. Von Ort oder Region zu Region änderte die Zeit vor- und rückwärts. Und es waren nicht zuletzt die nationalen Eisenbahnen, die eine Vereinheitlichung und Standardisierung der Zeit vorantrieben. Ich glaube, erst im 20. Jahrhundert hat die USA per Gesetz 4 Zeitzonen definiert. Vorher waren es einmal um die 50.

Na ja, das ist ein interessantes Thema, dieses Verständnis der Zeit. Weil ja – wie wir seit Heidegger wissen – Sein und Zeit identisch sind, ist die Rythmisierung und Ordnung der Zeit tief in Fleisch und Blut des Menschen. Ich glaube – und jetzt kommt die Pointe – ich glaube, dass der Übergang ins Pensionsalter einem solchen Übergang von der Uhrzeit in die Ereigniszeit entspricht. In der Pension kann man sich, wie früher einmal in der Kindheit, soviel Zeit für Dinge und Tätigkeiten nehmen, wie sie es für sich verlangen. Man braucht nicht mehr mit Minuten und Terminen zu kämpfen. Die Hauptsächlichen Uhren bleiben der Hunger und der Schlaf, die Dämmerung und der Gang der Natur. Das ist eine Rückkehr zur Natur, wie man davon vielleicht immer wieder in diesen hektischen Zeiten geträumt hatte.
---
Mit lGuK
...


Samstag, 12. September 2026

Kleine Pause

 

Lieber ...,
Ich habe bis jetzt fest gearbeitet und nun bin ich eine Pause wert. Es ist so schön draussen heute Abend und drüben am Waldrand leuchtet die rote Scheune im Abendlicht. Ganz windstill scheint es auch zu sein. Eigentlich sollte ich alles liegen lassen und einen Spaziergang machen. Aber was man gern möchte und was man kann, ist nicht immer dasselbe. Ich muss hier bald weitermachen.
Wie humoristisch du bist.. Diese Perserkriege, die du führst, sind vielleicht garnicht so schlecht.. ;-) Es reinigt die Luft .. Du weisst, wie schön klar die Luft sein kann nach einem richtigen Gewitter. Bei uns gibt es keine solche Kriege. Hier herrscht bewaffnete Neutralität.. ein kalter Krieg, wenn du so willst. Beide Seiten haben zu starke Waffen, um dass man wagen würde, einen Krieg zu entfachen.

Freitag, 11. September 2026

Götter

 ...

Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schätze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder? Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden. Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!


Donnerstag, 10. September 2026

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Lieber ...,

Es war nett eine Weile heute mit dir zu plaudern. Ich habe dir schon ein Bild gemacht von den Zutaten, die du brauchst für das Rezept, das ich dir senden will.

Neulich musste ich lachen, denn gerade jetzt, wo du dich mit deiner Garderobe für den Aufstieg in den Himmel beschäftigst, kam mir dieser Titel vor die Augen. Es ist ein Buch von Doris Lessing. Vielleicht sollten wir uns auf beide Möglichkeiten vorbereiten. Mir spielt es eigentlich keine grosse Rolle wo ich lande. Die Hauptsache ist, du bist auch dort. Dann wird es nie langweilig. :-)
Alles Liebe noch
mit Gs und Ks
Malou


Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle handelt von einem Altphilologieprofessor, dessen äußere Realität zusammenbricht und der stattdessen in einer inneren Welt des Geistes aufgeht. Das klingt zunächst einmal klischeehaft, fast abgedroschen, ist aber aufgrund der einfühlenden Erzählweise von Doris Lessing spannend und interessant zu lesen. Passagen aus dieser inneren Welt wechseln sich ab mit kurzen Einschüben aus der so genannten normalen Realität, in der Professor, Charles Watkiens, in einer Psychiatrie gelandet ist, in welcher er mit Psychopharmaka behandelt wird. Doch nichts hält Watkiens davon ab, die verborgenen Bereiche seiner Psyche zu erkunden. Schließlich bringt er die Psychiater auch dazu, sich ernsthaft mit seinem Geist und Leben auseinander zusetzen: durch Briefe und persönliche Interviews von und mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten wird ein facettenreiches, panoptisches Bild dieses Mannes gezeigt. Schließlich holen die Vertreter der Commonsense-Realität den Professor mit Elektroschocks wieder in die anerkannte Wirklichkeit zurück, so viel sei hier schon verraten. Insgesamt ist dieses Buch ein gelungenes Bewusstseins-Panoptikum, das sich hauptsächlich aus bunten Innenweltschilderungen, Briefen und Interviews zusammensetzt und nicht ganz anspruchslos ist.

Mittwoch, 9. September 2026

Thema: Beichtstühle

 



Lieber ...

Gerade habe ich ein Mail aus Rom erhalten mit unserem Gesprächsthema heute: Beichtstühle. Wie sind wir eigentlich auf die Idee gekommen?

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Römern erzählt, dass Anna die Osterwoche in Göteborg verbringen wird.. und weil Göteborg eben schöne Erinnerungen weckt bei mir hatte ich folgendes geschrieben (glaube du hast das schon vor Jahren gehört).

Göteborg is a very beautiful and interesting city at the West Coast. I lived there half a year, while I was attending the school of education.
One of the Catholic priests let me rent his big and wonderful apartment while he was travelling around the world giving talks (lectures).
He was a very learned person and when he visited Uppsala and was preaching in the mass, the "important" people in cultural life came to listen to him.. also the atheists. Besides, it was this priest who heard my first confession.. I think I was about ten years old. I had searched my memory and conscience with great seriousness  and I had a list of 65, (yes, I mean sixty-five) sins to report. ;-)))
Still, when I was grown up I always thought that he remembered this when he smiled at me.

*
Und hier, ich glaube das wird dir gefallen, sind die Gedanken meines Römers über Beichtstühle. Nimm es zugleich als eine kleine Sprachübung.

Non sò se nelle vostre chiese il rito della confessione si svolge in quei sarcofaghi neri e bui tipici delle chiese cattoliche che appaiono più simili all'anticamera dell'inferno che alla porta del paradiso. Tu sai che ho fatti per tanti anni il chierichetto proprio nel periodo in cui la guerra ci mostrava segni molto più tragici della prospettiva di andare agli inferi, punizione prevista per chi non si avvicinava al confessionale; il fatto di non poter vedere in faccia il prete, vista la grata che ci divideva, mi metteva in una condizione di disagio che non era il linea con l'intento di questo sacramento, in fondo, non ho mai ben sopportato.
Penso all'espressione che deve aver avuto quel sacerdote nel sentire i "65 sins" detti da una bambina come te che, all'età di 10 anni gli doveva apparire come un angioletto portato via da una pala d'altare; quando vedo le tue foto da bambina, la vera bambina, non quella di Saalbach :-), appari realmente tale.

*


Ja, du siehst.. nicht nur du machst dir besondere Vorstellungen von Beichtstühlen.

Glück ist kein permanenter Zustand (wäre auch bald langweilig) sondern kommt täglich in kleinen Momenten. Und zu dieser Jahreszeit gibt es so viele kleine Glücksspender, besonders in der Natur.
---
Ich freue mich auch, weil du wieder etwas glücklicher erscheinst. Danke für die schönen Bilder aus deiner Wohnung. Das neue Bild mit dem blauen Sofa finde ich wunderschön. Es sieht alles so heimelig und einladend aus bei dir. Ich glaube ich wäre glücklich, dort zu wohnen. Und dieser bastante und imposante Schreibtisch, an dem ich mir vorstelle (und hoffe) dass du bald schreiben wirst.

Es ist spät und ich bin müde, aber auch zufrieden mit diesem Tag, denn ich habe alles ausgerichtet was ich mir vorgenommen hatte. Die Pflicht ist angenehm, wenn sie getan ist.
--
 Mit lieben Grüssen mit sowohl Ks und Qs
Malou



Dienstag, 8. September 2026

RE: Altes Pult..


date 3 May 08:16

Lieber ...,
Ach, wie schön diesen Satz zu finden: "Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben." Ich habe gerade gestern ein Mail gefunden, wo ich dich dringend bitte, dass du schreiben sollst." .. die Schweiz braucht doch einen  ...". Und das schöne Pult musst du fotografieren und mich sehen lassen. --- Ich frage dich gleich nochmals, damit du merkst, dass mir wirklich daran liegt: Kannst du mir die Bilder von dir (deinem neuen Look) und dem Büro nochmals senden? Bitte, bitte!
---
Du weisst, dass ich sehr viel zusammen mit Anna erlebe.  z.B. die Traditionen die wir hier feiern. Und manchmal stelle ich mir die Frage: Wie sieht sie das? Und ich versuche alle meine Assoziationen abzuschirmen, um zu sehen, was der Augenblick selbst in sich trägt. Versuch es mal.. du wirst erstaunt sein über das Ergebnis.
(---)

Ich hatte eine ehemaligen Kollegin angerufen, um ihr mitzuteilen, dass L .gestorben ist. Und nun schrieb sie mir ein langes Mail, gefüllt mit Erinnerungen an den Verstorbenen. Ich musste lachen, denn natürlich kannte auch ich diese Seite.. obwohl er für mich ein guter Kompanjon, ja man könnte fast sagen ein Komplize war. Es reichte, dass man seine munteren Augen und seine Miene sah, um gute Laune zu bekommen. Es spielte so viel Unfug in seinen Augen.

Diese  Kollegin erzählte von anderen Dingen: Es kam einmal ein Anruf von seiner Bank an die Schule (das Büro?) mit der Frage ob er noch am Leben sei. Er hatte nämlich ein Jahr lang nicht sein Konto, auf dem er sein Gehalt erhielt, gerührt. Dann wollte I.S. ihn einmal zu Ostern zu einem Lammbraten einladen. Doch die Telefonverbindung funktionierte nicht. Schliesslich hat sie das "televerket" angerufen, um zu erfahren, dass man sein Telefon gesperrt hatte, weil er nicht die Rechnungen bezahlt hatte. Es drehte sich um 100:- kronen, also ca 10 euro. Und sie hatte einen riesigen Respekt vor dem Mann, Ein Respekt, von dem ich nie eine Spur gefühlt habe. Doch ich wusste, dass er sehr korrekt sein konnte. "Vrång" sein konnte. Mein deutsches Wörterbuch hat das wort nicht und das englische sagt: Making things difficult for somebody. Disobliging (ungefällig?) würde vielleicht auch passen. Gegen andere Leute. ;-)
Wenn du schwedisch könntest, würde ich dir eine Kostprobe schicken, von den fantastischen Reden, die man bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat in unserem Freundenkreis von Kollegen. Da gibt es eins, was L's  Wesen "in nuce" erfasst.

Ja, in dieser Hinsicht, habe ich viel dir voraus. Ich meine, ich habe schon viele meiner Freunde und Verwandten unter der Erde. Dazu zähle ich auch die Leute, die in meiner Kindheit in unserem Haus verkehrten. So viele starke Persönlichkeiten, die man nicht vergessen kann. Und du weisst ja, dass ich damals, als ich hier anfing zu arbeiten, ein älteres Kollegium vorfand. Mindestens eine halbe Generation Altersunterschied. Und Studienräte leben anscheinend nicht lange nach der Pensionierung.

*

Asaglauben, der Glaube an altnordische Götter. Ich weiss nicht viel darüber, ich meine wie ein moderner Mensch sich das vorstellt und diesen Glauben praktiziert. Aber vielleicht ist es wie du sagst: Die Hauptsache man glaubt an etwas.

*
Der Kakao? Das ist sehr einfach: Du rührst Kakao und Zucker zusammen, gibst Schlagsahne dazu und verrührst es bis es schäumig wird. Dann kochend heisses Wasser darüber. Schmeckt ganz wunderbar und hilft auch gegen eine frierende Seele. ;-)) Anna würde dann sicher noch irgendein starkes Gewürz dazugeben
*
Hat denn Sozialdemokratie irgend etwas mit Arbeitern zu tun? fragst du und ich staune sehr. Bei uns sind sie so stark verbunden, dass sogar die LO (Gewerkschaft der Arbeiter) in Symbiose mit dieser Partei lebt. So kann man auch schwer am 1. Mai protestieren, da ja die eigene Partei an der Macht sitzt. Doch im Moment blasen Rechtswinde hier in Schweden und die Sozialdemokraten sind hypernervös und benehmen sich ziemlich hysterisch.
*
Auch heute ist ein grauer nasser Tag, obwohl es aufgehört hat zu regnen. Das Gras wächst schon ziemlich hoch. Bald wird Zeit für das erste Mähen. Eine schöne Form von Bewegung. (Motion, wie wir sagen). Ich merke, dass ich Kaffeeabstinenz habe. Muss mir schnell einen machen. Kommst du eine Weile?

Ich grüsse dich lieb und hoffe, dass du meine Bitten in diesem Mail siehst. :-)
K
Malou

 

Montag, 7. September 2026

Re: Frequenzen ...


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Abiturtag

Ämne: Re: Frequenzen und Sequenzen? oder Konferenzen..
Datum: den 6 juni 10:37

Nun werde ich hier weitermachen. Habe gerade Blumen bestellt für K, die er Anna um den Hals hängen wird. Ich selbst mache einen schönen Strauss mit gemischten Blumen aus dem Garten. Das wünscht sie sich. Leute, die nicht kommen können, um ihr zu gratulieren, haben schon Geschenke geschickt. Ich finde das ganze etwas übertrieben.

Frequenzen und Sequenzen?

 

Ämne: Frequenzen und Sequenzen?
Datum: den 3 juni 15:45

Liebe Marlena
Habe ich an der Frequenz gedreht? Ist mir nicht bewusst. Aber ich weiss, dass ich im Moment ziemlich in der Weltgeschichte herumdüse und wenig Ruhe habe. Vielleicht liegt es daran. Manchmal kann ich abends noch ein paar Zeilen einhacken und muss dann plötzlich wieder aufhören, weil noch etwas ansteht. Ist es das, was Du meinst? Ich bin im Moment ein gehetzter Mensch und ich hoffe, dass es bald wieder ruhiger wird. Die zwei Wochen Abwesenheit fallen stark ins Gewicht.

Was den Lateintext betrifft, so kann ich damit schon zurecht kommen. Allerdings wäre die Hilfe von einem Fachmann gut gewesen. Persönliche Dinge will ich dort allerdings nicht zuviele vorbringen, denn ich kenne die Burschen nicht mehr so gut. Auf jeden Fall sind keine Damen zugegen, ein Umstand, den ich an sich kritisiert habe. Aus den Erfahrungen früherer Zusammenkünfte kann ich sagen, dass die Tendenz zur Regression gross war. Das heisst, nach einer Stunde haben sich die alten Gruppierungen mit den alten Sprüchen wieder hergestellt. Und das war bisweilen ziemlich pubertär. Deshalb habe ich vorgeschlagen, ein Treffen mit den Damen zu machen. Aber das wollten sie nicht.

Und wie Du richtig geraten hast, war ich gestern zum Mittagessen bei Onkelchen. Wir sind zusammen an den See gefahren und haben dort, in einer gemütlichen Gartenwirtschaft, Fisch gegessen. Das war sehr gut und sehr unkompliziert. Unter Männern gehen gewisse Dinge eben doch leichter als mit Damen, die dann manchmal gerne hochtakeln. Ich glaube, er hat es auch genossen, an diesem schönen Sommersonntag, durchs Land zu fahren und sich an alte Dinge in seinem Leben erinnern zu lassen.

Und abends bin ich dann nach Luzern gefahren, um ein Konzert zu hören. Eigentlich wäre dieser Konzertbesuch ein Geschenk meiner Mutter für S gewesen. Aber weil sie nun noch im Iran weilt, musste ich allein hingehen. Die Plätze waren ziemlich teuer, und ich dachte, ich könne vielleicht den zweiten Platz auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Aber das gelang nicht. Es war ein Gala-Abend mit Montserrat Caballé, der bekannten spanischen Sopranin. Und der neue Saal im Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL war nicht voll besetzt. Lustig war, dass die Sängerin, die Du Dir umfangmässig gar nicht gross genug vorstellen kannst, erschien. Sie kam mit zwei Krücken auf die Bühne. Das sah aus, als rudere sie ein riesiges Boot von hängenden Stoffen über das glatte Parkett, denn ihre Robe schleifte sie mit. Sie erzählte dann auf lustige Art und Weise von ihrem kleinen Unfall. Meniskus, so meine ich gehört zu haben. Der Arzt hätte ihr Ruhe verschrieben. Sie hätte ja gesagt. Und schliesslich zog sie ihren schweren Rock bis übers Knie hoch und zeigte dem amüsierten Publikum einen dicken Verband, damit es ihr auch jeder glauben würde. Die Leute waren begeistert.




Und dazu kam natürlich dieses neue Gebäude in Luzern, ein supermoderner Konzertsaal mit allen technischen Möglichkeiten. Die Wände sind perforiert wie im Musiksaal Ali Qapu, dem Empfangspalast des Schahs in Isfahan aus dem 17. Jahrhundert. Der Architekt ist ein Franzose, so glaube ich. Und in der Schweiz hat man natürlich viel gesprochen über die 50 Millionen, die das Gebäude gekostet hat. Aber ich muss sagen, es ist ein ausserordentliches Gebäude und die Luzerner können stolz darauf sein. Man hat dort als internationalen Anziehungspunkt die Musikfestspiele. Und da brauchen sie einen solchen Magneten. 

Caballé Montserrat (klicke hier)


Ich lass Dich, denn ich habe hier noch viel zu tun. Es scheint eine volle Woche zu werden. Ich hoffe, ich schaffe das.
Mit einem lieben Gruss
...

Sonntag, 6. September 2026

Altes Pult, Kakao und Religiosität


Liebe Malou

Puh, es ist schon Dienstag. Die Woche ist so gut wie vorbei. Es ist wie ein Schnellzug, der vorbeibraust.
Gestern hatten wir wunderschönes, fast etwas zu warmes Wetter. Heute ist es wiederum regnerisch. Das macht nicht, weil auf der anderen Seite die Börse steigt. Aber das wird sich wohl auch bald wieder ändern.

Ich hatte die letzte Woche wieder mal Bücher geholt und war am Wochenende mehr oder weniger damit beschäftigt, die ersten - ich nehme immer die interessantesten zuerst - die ersten also zu rezensieren. Ja es gibt einige prima Bücher darunter: Oliver Twist, ein Sachbuch über Attraktivitätsforschung und Schönheitschirurgie, ein hochinteressantes Buch über den Comic, und noch ein paar andere. Auf jeden Fall wurde mir dann die Zeit knapp, um meine Sitzung vorzubereiten, denn das schöne Wetter verlangte doch auch, dass ich ein bisschen an die frische Luft ging. Ich war in Basel. Und dabei habe ich ein schönes altes Pult gefunden, genau, was ich brauchen kann. Es ist nicht uralt, aber stilmässig schaut es gotisch aus, und ist aus massiver Eiche. A. wird mir jetzt ein Auto organisieren und das Ding heimtransportieren. Wenn du es sehen würdest, dann würdest du das Ding bestimmt auch ganz süss finden. Das Pult ist ein bisschen tiefer als Pulte üblicherweise. Und es ist breiter als tief, hat also ganz eigene, bemerkenswerte Proportionen. Und dazu viele Schnitzereien. Ich glaube, dass es knappe 100 Jahre alt ist. Bestimmt wird es wunderschön glänzen, wenn ich es behandelt habe. Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben.

Du musst mir das Rezept für den Kakao mitteilen. Ich trinke auch sehr gerne Schokolade oder Kakao. Und im Restaurant ist es eine gute Abwechslung zum gewöhnlichen Kaffee, der meist ja nicht besonders schmeckt. Als Kinder hatten wir oft Kakao am Sonntag zum Früstück. Ach, ich erinnere mich jetzt, dass es eine Zeitlang dazu frische Bröchten gab. Jeden Sonntag Morgen lagen sie in einem grossen Papiersack vor der Türe. Das war absoluter Luxus in Visp. Heute ist das vielleicht anders. Aber damals war es bestimmt eine Ausnahme und für den Bäcker Abegg eine grosse Ausnahme. Ich hatte es gar nicht richtig zur Kenntnis genommen. Wenn man jung ist, stehen Bröchten und Kakao am Sonntag zum Früstück nicht an erster Stelle der Agenda. Aber in unserem Alter kämpfen sie sich langsam vor und gewinnen von Jahr zu Jahr Rangplätze.

Was denn ist ein Asaglauben? Ist das irgend eine nordische Konfession? Dass die Religiosität über die Generationen weitergegeben wird, erstaunt mich nicht. Es muss ja nicht die gleiche Konfession sein. Manchmal gibt es in Familie Konversionen auf die andere Seite. Doch das Wichtige ist nicht die Konfession, sondern die Fähigkeit zum Glauben. Dies ist vielleicht - um ein aktuelles Wort zu gebrauchen - genetisch bedingt. Hast du Jane Fonda gehört? Sie hat in einem Interview gesagt, dass die Tatsache, dass sie mit bald 70 Jahren noch frisch und lebendig aussieht, wohl an den 'guten Genen' liegt. Bald erklärt man alles mit diesen Genen. Die Psychologen werden arbeitslos werden !!
Hast du gewusst, dass Glaube stärker ist als Wissen? Ich meine, bestimmt hast du das gewusst. Frauen wissen das besser als Männer, so glaube ich. Glaube ist auch stärker als der eigene Wille. Man könnte vielleicht sagen, Glaube sei ein versteckter, sehr tief im Körper verankerter Wille. Es gibt in der Hypnose und in der Trance Übungen, in denen man das sehr genau beobachten kann. Die Fähigkeit zum Glauben ist wirklich eine wertvolle Sache im Leben. Und ich habe persönlich die Meinung, dass man ihn in der Jugend mehr fördern sollte. Ich meine damit nicht Religion, sondern den allgemeinen lebenspraktischen Glauben.

...



Mittwoch, 26. August 2026

Veränderte Welt

 

Ämne:  Identität ????
Datum: den 14 juni 08:27

Liebe Marlena
Dein Brief klingt so unbeschwert und frei, wie man sie nur in sonnigen Ferientagen niederschreiben kann. Du bist beneidenswert. Und Du packst Deine Koffer und suchst nach passender Sommerlektüre. Ach, Du bist wirklich zu beneiden.
Ich bin noch nicht so weit.
...
Ich suche meine Identität? Und das Zeichen eigener Identität sei, dass man sich nicht von anderen beeinflussen lässt? Ach, das glaube ich beides nicht, meine Liebe. Was soll ich dazu sagen. Du ziehst Deine Schlüsse aus meiner Lektüre: Epikur und "Männer" von Schwanitz? Nun ja, das Schwanitz Buch hätte ich nie gekauft, wenn ich ihn nicht selbst im TV gehört hätte. Den Titel hatte ich nämlich schon oft gesehen. Und im Prinzip mag ich sie nicht, diese Ratgeber Bücher für Frauen oder für Männer. Aber seine Argumentation in diesem Fernsehinterview fand ich doch recht eigenwillig. Eigentlich soziobiologisch. Nun, da ich die ersten Kapitel gelesen habe, muss ich mein Lob etwas herunterschrauben. Es ist ein wenig sehr populärwissenschaftlich geschrieben. Aber das ist wohl sein Rezept für Erfolg. Das andere Buch "Bildung" fand ich anspruchsvoller.
Und mein lieber Herr Epikur. Ich muss präzisieren, dass ich nicht Epikur selbst gelesen habe. Es gibt auch nicht viel zu lesen. Der grosse Teil seiner Ideen ist durch Lucretius in seinem De Rerum Natura überliefert. Was ich also studiert habe ist ein Büchlein über den alten Hedonisten. Und ich war eben erstaunt, wie viel Diszipliniertheit er empfohlen hat, während wir doch unter Hedonismus ein mehr oder weniger ausgelassenes Leben verstehen. Das ist die Folge der christlichen Kirche, die sich Epikur als Feindbild ausgesucht hat.
Und nun Deine prinzipiellste Frage: ob ich meine Identität suche? Ach, die Frage zielt ins Herz, Marlena, oder in den Kopf, oder in beides.
Ich will Dir die Frage etwas prägnant, vielleicht übertrieben beantworten. Dann wird das, was ich sagen will, am deutlichsten.
Also höre: seit etwa 10 oder 15 Jahren erschrecke ich, wie schnell und grundsätzlich die Welt verändert. Es war ein ziemlicher Schock, als ich es erstmals feststellte, obwohl sich ja die Weltveränderung sicherlich nicht plötzlich eingestellt hat, sondern kontinuierlich und gemächlich vor sich geht. Aber es ist vielleicht auch wie bei den Lawinen. Im Untergrund und in den diskreten statischen Verhältnissen gibt es feine und viele Kleine Verlagerungen und Verschieben, die man von Aussen kaum sieht. Und das geht soweit, bis schliesslich - synergetisch - das ganze Feld losbricht und den Hang hinunterdonnert.
Schau Dir die Familie an. Kinderzahl, Arbeitstätigkeit der Frau, Disharmonien, Freizeitverhalten, Wohnverhältnisse: seit dem 19. Jahrhundert kleine demographische Verhältnisse. An sich interessant, aber wichtig? Doch mittlerweile, sagen wir seit dem zweiten Weltkrieg, ist die traditionelle bürgerliche Familie so ziemlich zusammengebrochen. Liquidiert, pulverisiert. Heute müssen wir Regel und Ausnahme neu beschreiben.
So geht es mit vielen Lebensbereichen: Mobilität, Arbeitssituation, Wissensexplosion, Globalisierung, Vernetzung, Digitalisierung. Alle diese Tendenzen sind - für sich allein betrachtet - interessante neue Aspekte in der Welt. Aber revolutionär? Revolutionär und umwerfend sind sie wirklich in der Kombination, in der Menge, wie sie auftauchen. Wie in Goethes Zauberlehrling sehen wir der Entwicklung etwas ratlos zu.

Und was sagt sich der kluge Psychologe namens --  --? Er sagt: in dieser Veränderung und in der veränderten Welt kann man nicht mehr leben wie früher. Der exponentielle Anstieg an neuen Möglichkeiten bringt existentielle neue Probleme. Deshalb beispielsweise hat mich Epikur interessiert. Das Bild der Welt in seiner Zeit des Hellenismus hatte wohl einige Ähnlichkeiten mit unseren turbulenten Zeiten. Die Frage ist, wie muss das Individuum sein in dieser unordentlichen Welt?
Ich suche also nicht meine Identität, sondern ich bin am Umbau. Ich möbliere neu! Ich bin überzeugt, dass es ziemlich viel Arbeit bedeutet, die alten Konzepte im Kopf über Bord zu werfen. Das ist nicht so einfach. Das geht eigentlich nur, indem man anstelle der alten neue Konzepte konstruiert. Die jungen Menschen brauchen das nicht zu tun. Sie sehen die Welt und wissen intuitiv meist, was hier los ist. Wir gesetzten Semester haben hier zusätzliche Aufgaben.
Neben meiner nostalgischen Trauer um die alte Welt der Moderne bin ich fasziniert und überaus erregt über die allerneuste Welt mit ihren Veränderungen und ihren Ungeheuerlichkeiten. Und ich weiss, dass ich jungen Leuten nicht einfach alte Ideale predigen kann. Damit werden sie im Dschungel der Zukunft nicht überleben. Sie brauchen neue Ideale und neue Konzepte. Und sie, diese fantastischen Erfindungen, versuche ich, zu erkämpfen. Zum Beispiel mit Epikur, zum Beispiel mit Schwanitz. Ich versuche, mir die Stichworte der Zeit zu erhaschen. Ich versuche mit eine Lebensphilosophie für die Zeit nach der Postmoderne zu konstruieren. Das ist einfach deshalb anstrengend und aufreibend, weil in unserem Alter alles durch den Kopf geht.
Teil dieser neuen Welt ist ein neues Subjekt. Wie denn muss ein neues Subjekt sein, um erfolgreich sein zu können? Und was denn könnte Erfolg sein? Kann Identität des Subjektes dasselbe sein wie es in der Stabilität der Industriegesellschaft war? Das glaube ich nicht. Doch wie das neue Subjekt aussehen muss, das erzähle ich Dir morgen. Wie denn denkst Du, dass es sein sollte? Welches sind beispielsweise die menschlichen Eigenschaften, die für die Zukunft besonders wichtig sind? Was denkst Du? Etwa die Fähigkeit, sich selbst treu zu sein, wie es der Begriff der Identität voraussetzt?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...




Dienstag, 25. August 2026

Sehnsucht nach ...

Paris




Lieber ...,
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Ich sehne mich schon sehr danach, alle Stellen wiederzusehen, die ich in jungen Jahren besucht habe und die schöne Erinnerungen in mir erwecken. Das Jeu de Paume, das Panthéon, der Louvre, Place du Tertre, die Tuillerien.. alle diese Sehenswürdigkeiten die mit ganz persönlichen schönen Erlebnissen verbunden sind. Du ahnst nicht welche grosse Rolle Paris in meinem Leben gespielt hat.
Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, dann lande ich immer wieder in Paris. Es ist für mich wie Brig oder das Wallis für dich. Diesmal will ich mir auch das futuristische neue Viertel ansehen mit dem "Grande Arche" von dem Dänen von Spreckelsen. Dort wo ein Mensch sich klein fühlen kann wie eine Ameise. ;-) Ich habe diese neuen modernen Teile von Paris noch nie gesehen. Aber am liebsten werde ich mich in dem "alten" Paris aufhalten.
Ich werde, so hoffe ich, nette Stunden auf der Champs-Elysées verbringen (in Gedanken mit meinem winzigen Mausfreund *) und in die grands magasins gehen mit S. .. ich glaube das ist was sie am meisten interessiert (leider). Doch ich werde ihr auch ein wenig Kultur "aufzwingen".. ob sie will oder nicht.
...

Montag, 24. August 2026

... ihm muss man es verdanken...

(R) 

 Ingvar Kamprad und Sven-Erik Bucht

Lieber ...,
Nochmals ein paar Zeilen, wie ich gehofft hatte. Wie schön, dass du nun einen schnellen Weg nach Visp hast. Und vielleicht freust auch du dich auf den Aufschwung für die Region, die das bedeutet. Oder hättest du es gern wie früher, nur dass du schneller hingelangen kannst?

Zum "Schweden des Jahres" hat man diesmal den Kommunevorsitzenden von Haparanda gewählt. Ihm muss man es verdanken, dass Kamprad ein IKEA dort etabliert hat. Und damit folgte ein unerhört grosser Aufschwung auf allen möglichen Gebieten. Eine immer mehr verfallene und entvölkerte Region hat wieder Leben bekommen. Der Umsatz bloss bei IKEA war im ersten Jahr doppelt so hoch als man erhofft hatte. Und das freut mich alles sehr, denn jeden Sommer fahren wir mal dorthin, eigentlich auf dem Weg nach Tornio in Finnland das an Haparanda grenzt.
Ja, mach es, fahr bald einmal nach Visp und nimm deine Digitalkamera mit.
...

Wie schön, wenn du meine Mailbox als zu Hause siehst. Das ist sehr lieb gesagt. Ja, bei mir sollst du immer zu Hause sein. Stell dir vor, nie im Leben musst du dich einsam fühlen, weil ich immer bei dir bin.. irgendwie bin ich das wirklich.

So, ich lasse dich wieder. Geniesse diese kleine Praline zu deinem Kaffee.
Mit lieben Gs und Ks
Malou

Donnerstag, 20. August 2026

RE: 2. Tag in NY

Datum: den 21 augusti 21:46

Liebster Mausfreund, 

Ich bin immer erstaunt, wenn ein Mail von dir in der Inbox liegt. Hatte geglaubt, dass ich lange ganz ohne Lebenszeichen von dir auskommen müsste. Und so freue ich mich riesig, wenn ich deinen Namen sehe.

So viele neue Eindrücke kann man wohl gar nicht auf einmal schmelzen. Wie war es übrigens in Chinatown? Und wo hast du den Fisch gegessen? War es so gut, wie du gehofft hattest?


(---)


Wir haben gerade Sauerheringspremiäre gehabt. Eine Surströmmingsakademie untersucht im Moment die verschiedenen Fabrikate des Jahres und man stellt fest, dass die günstigen Voraussetzungen in diesem Jahr eine ungewöhnlich hohe Qualität bei allen Sorten mit sich gebracht haben. Wie bei Krebsen ist es bequem, nicht selbst herausfinden zu müssen, welche am besten schmecken, obwohl man sich nicht immer 100%-ig auf die Expertise verlassen muss.

Man merkt, dass der Sommer zu Ende geht. Es ist schon dunkel draussen und erst halb zehn Uhr. Tagsüber ist es noch sehr warm, aber auch ziemlich windig. Mit anderen Worten, herrlich frisch. Gut, dass die grosse Hitzewelle vorbei ist, denn es wäre unmöglich, bei solchen Temperaturen zu arbeiten.

Ich habe heute eine neue grosse Französischklasse zum ersten Mal gehabt. Ich hatte zwei schwarze Schüler, die beide ausgezeichnet gut französisch sprachen und sicher den Kurs in kürzerer Zeit machen können. Und ich hatte ein gutes Gefühl nach der Stunde. Wie ein Pianist, der ein neues Klavier getestet hat, das schöne Töne hervorbringt und auf dem es sich gut spielen lässt.

Ich habe eigentlich noch Arbeit für morgen. Aber ich werde früh aufstehen und damit beginnen.
Jetzt grüsse ich dich lieb und sage dir gute Nacht.   ...
S+U
Marlena


Mittwoch, 19. August 2026

2. Tag in New York

 

Ämne:  2. Tag
Datum: den 21 augusti  03:02


Liebe Marlena
Doch, heute war ich in China Town, und auch in Little Italy und im Greenwich Village. Das sind die alten Quartiere, die manchmal fast deutsch oder hollaendisch wirken. Es sind diese grossen Backsteingebaeude mit den Metallleitern zur Seite. Daraus lassen sich natuerlich im Greenwich Village schoene Gallerien machen.
Ich war auch in einem Kaufhaus und habe das Angebot studiert. Sie arrangieren die Fruechte schoen, so dass einem das Wasser im Mund zusammenlaeuft. Bestimmt polieren sie jeden Apfel einzeln. Und die Tomaten tuermen sie neben den Orangeen, so dass man meint, es waeren Kaki. Bei den Gebaecken haben sie viel Undefinierbares. Und die Zuckerbeeren sind gleich neben den gedoerrten Fruechten, als ob das beides Fruechte waeren. Die Torten sind zum Weinen kitschig mit der gruenen oder blauen Dekoration. Am besten haben mir zwei Kuechengeraete gefallen: das eine ein Alleskoenner (Zapfenzieher, Zange fuer Drehverschluss und Zapfen) in exotischen Farben. Daneben eine Klemme fuer die Zahnpastatube, damit alles nach Vorne an die Front gedrueckt wird.
In eine Privatbibliothek haben sie mich nicht eingelassen. Darum bin ich dann nachmittags in die New York Public Library. Sie ist natuerlich riesig und hat viele kleine Unterbibliotheken, sog. Collections. Sie sind schon aufgemacht und mit noblen Moebeln umgeben. Und der Lesesaal ist gross, mit hohen Fenstern und Tischlampen mit goldenen Messingschirmen. Viele Arbeitsplaetze sind mit PC eingerichtet. Und natuerlich kontrollieren sie beim Eingang, ob du irgendwelche Bombem mitbringst. Doch die Schwarze hat nur halbherzig in meine Tasche gelaeuchtet. Nachmittags bin ich ins Guggenheim und in den Central Parc gegangen. Und anschliessend bin ich beim Metropolitan Museum vorbeigegangen. Aber ich hatte zuwenig Geld im Sack und zuwenig Zeit im Nachmittag, um dort hineinzugehen. Vielleicht gehe ich spaeter mal.
Heute abend gehen wir also Fisch essen. Ich hoffe, es schmeckt. Ich habe mich deswegen fast den ganzen Tag zurueckgehalten.

Und Du bist bei der Arbeit. Das Feld hinter Eurem Haus sieht doch gar nicht so schlecht aus. Ich finde, es wirkt ziemlich malerisch. Das darf man doch den beiden Bruedern zugutehalten.
Ich schreibe Dir morgen mehr. Heute warten sie auf mich.
Liebe Gruesse und Kuesse

Montag, 17. August 2026

Politik und Nostalgie


Lieber ...,

"Eine andere Welt ist möglich. Sie ist nodwendig denn diese Welt ist am aussterben". Wer würde nicht gern weiter hinhören nach diesen Worten. Ja, Chomsky ist ausserordentlich populär und überall muss man die ursprünglich gebuchten Vorlesungssäle gegen grössere austauschen denn der Andrang von Zuhörern ist enorm. Und heute Abend spricht er hier unter dem Thema: "The Role of the United States in World Politics: examples from Afghanistan and the Middle East". Ich hätte ihn gern gehört aber die Karten sind längst ausverkauft.
Natürlich sitzt er ein wenig fest in seinen linken Ansichten (wie du?) aber jemand hat es so beschrieben: "Für alle, die zwei Ideen gleichzeitig im Kopf behalten können, die die Kritik an der Aussenpolitik der USA mit einer Huldigung der grundlegenden amerikansichen Freiheitsideen kombinieren können ist Chomsky immer ein lesenswerter Schriftsteller.

Ja, diese andere mögliche Welt. Vielleicht ist es das was uns an Cuba und ähnlichen Staaten fasziniert. Wir sehen Menschen und nicht nur Arbeitsrobote. Wir sehen Lebensfreude und Leute die Zeit haben das Leben zu geniessen. Und vielleicht ist es auch ein wenig Nostalgie. Auch wir waren einmal so frei bevor wir in dem "treadwheel" (weiss nicht auf deutsch) hängengeblieben sind. Wenn man unser und ihr Leben verbinden könnte. Genug Geld und genug Zeit zum Leben. Weisst du übrigens dass ich immer wenn ich an gestresste Europäer denke den Anblick der schweizer Männer vor mir sehe, denen ich damals in Zürich auf der Strasse begegnet bin. Vielleicht weil ich normal nicht Männer auf der Strasse beobachte.. nur eben in Zürich..

(---)

Ach, ..., du hast wirklich deine Sensoren verloren. Wie kannst du von nahe bevorstehender Eiszeit sprechen wo ich doch so für diese Mausfreundschaft glühe. Spürst du das denn nicht? Bist du ganz und gar ein Eiszapfen geworden? Jetzt werde ich mich mit einem guten heissen Kaffe von diesem eisigen Gedanken befreien. Kommst du? Setzt dich doch mir gegenüber und lass uns den Augenblick geniessen.
Ich glaube ich liebe dich.

Mit lieben Grüssen
Marlena



Donnerstag, 13. August 2026

Juan-les-Pins


Ämne: Re: Wieder da..
Datum: den 31 juli 

Lieber ... ,
Was immer das Thema auch sei, so verstehst du es ein kleines Kunststück daraus zu machen. Deine Gedanken über die Wettervorhersagen sind köstlich. Und da wir ja nun gerade wieder bei dem Thema gelandet sind muss ich dir sagen, dass auch wir im grossen Teil vom Lande sehr trockenes Wetter gehabt haben. Das staatliche "Vattenfall" droht schon jetzt damit ihre bereits riesigen Elektrizitätspreise nochmals zu erhöhen. Auch von Waldbränden sind wir nicht verschont geblieben. Aber hast du von Südfrankreich gehört? Ich habe gerade einen meiner Schüler in Antibes -Juan les Pins und er wird sicher viel zu erzählen haben.

In Antibes war ich mal bei einem Kurs für Französischlehrer und die Nachmittage haben wir meist am Strand in Juan les Pins verbracht. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Hotel und den schönen Park mit Palmen und wo Zitronen und Orangen an den Bäumen leuchteten. In der Nacht, wenn man durch die stillen dunklen Gassen nach Hause ging, hörte man Laute, die ich sonst nur in einem afrikanischen Djungel erwartet hätte. Und die Nächte waren lau und die Sterne leuchteten über dem Meer. Und einer der französischen Assitenten war etwas verliebt in mich und um mit mir ausgehen zu können musste er auch die anderen Frauen in meiner Gesellschaft akzeptieren. Er war gesprächig und auch sprituell und man sah, dass sich die Damen freuten über diese männliche Eskorte.
Es war eine schöne Zeit.
...

Donnerstag, 6. August 2026

Lazy saturday morning..


Lieber ...,
Es ist Samstagmorgen. Neben mir auf dem Sofa liegt ein Haufen Bügelwäsche. Soll sie tun. Zuerst will ich mich ein wenig mit einem Mail an dich ”verlusten” (heisst es so?).
Gestern war ein schöner sonniger Nachmittag. Freitags komme ich erst spät nach Hause (sogar nach K und A) und bin meistens ziemlich erschöpft. Anna und K dagegen schienen in prima Form zu sein und beschlossen noch schnell vor dem Essen einen Waldlauf zu machen. Und dann kamen sie mit einem schönen grossen ”blomkålssvamp” nach Hause.


 

Aujourd’hui je vais téléphoner à la soeur de mon oncle qui habite à Paris pour lui demander l’adresse e-mail de sa fille en Amérique. Malheuresement j’ai perdu le contact avec elle. Nous avons passé des étés merveilleux ensemble à Paris (quand nous étions jeunes) et je la regarde presque comme une petite soeur. Il faut que je fasse quelque chose pour ne pas oublier le français. Un peu d’exercise pour m’aider à m’exprimer plus facilement.


Devant moi je vois la carte avec les deux élans qui s’embrassent tendrement. Elle me fait penser à toi.
Je t’embrasse aussi et te souhaite une bonne journée,
Marlena  

 



 

Mittwoch, 5. August 2026

Mein Bild - dein Bild (pure Nostalgie)

 

Liebe Marlena

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Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

 

RE:

Lieber ...

Ach, dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt. Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt, das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht, dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue, dann bin ich mir bewusst, dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich, das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch, dass du aus Fleisch und Blut bist, aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast, als hätte ich vergessen, dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt, dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen, das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???


 (---)


RE:

Liebe Marlena 

Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)   Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!) Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!) 

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.  Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt.

(---)

Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.

Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.

Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?

Ich bin also von Ronda zurück!

Mit einem lieben Gruss 

...

Ravitaillement - kleiner Picknickkorb

  

Ronda

Ämne : Ravitaillement... 

Lieber ...,
Eigentlich hätte ich dir ein langes Mail senden wollen. Das versuche ich immer am Donnerstag, weil ich nicht weiss wann ich demnächst ungestört schreiben kann. Es soll sozusagen ein kleiner Picknickkorb sein um deinen ärgsten Hunger zu stillen. Aber vielleicht hast du garnicht mehr so grossen Appetit dass es nötig ist - oder (was noch schlimmer ist) du wirst von anderen gefüttert. Nun ja, von S erwarte ich es ja - es ist doch die Pflicht einer guten Ehefrau ihren Mann zu pflegen, aber nun dachte ich eben an die anderen. Die rothaarige und die Brunette. Obwohl ich glaube dass du Spass machst kann ich es doch nicht verhindern dass ich ein wenig eifersüchtig werde dabei. Ich möchte dich mit allen teilen und gleichzeitig für mich allein beanspruchen. Du siehst mein Dilemma. ;-)

Du schreibst wieder so schön von Ronda und wenn ich noch einmal eine Liebesaffaire haben werde, werde ich wahrscheinlich diesen Ort dafür wählen. Aber vielleicht doch nicht, denn ich will nicht meine grosse Liebe betrügen: Rom.
Siehst du, nun bist du so klug geworden dass du auch die Gefahren sehen kannst. Und du hast sie sehr gut beschrieben. Man kann nicht ewig Hand in Hand herumspazieren... und das Gefühl nachher, wenn man es nicht mehr kann. Wie wäre unsere Relation jetzt wenn wir Rom hinter uns hätten? Ach, das Leben ist wirklich nicht nur ein Fest. Würde man sowas überhaupt aushalten? Wir würden uns wahrscheinlich vergessen.. ups ich meine veressen. Aber auch da bin ich nicht richtig sicher. Was dich betrifft bin ich nie richtig sicher was und wie...
Nur eines weiss ich mit 100%iger Sicherheit. Du machst mein Leben schön mit deinen Mails und wenn ich mich wegen irgendetwas glücklich fühle so hat es immer auch mir dir zu tun.
Sieht es wieder aus wie eine Art Liebeserklärung? Ach, ich bin doch nur aufrichtig.
*
Heute haben wir (WIR, wie das klingt!) den Nobelpreis in Literatur verliehen. Und du weisst ja schon an wen. Man fragt sich ob das irgendwie politisch begründet sein könnte und ob man vielleicht heute nicht jemand anderen hätte wählen sollen. Aber es freut mich dass man einmal nicht eine völlig ungelesene Person irgendwo ausgegraben hat sondern einen Schriftsteller gewählt hat dessen Werk von einem grossen Publikum geschätzt wird. Und der Mann scheint etwas scheu zu sein. Als er die Nachricht erfuhr versteckte er sich in einer Ecke seines Gartens und man hat bis jetzt noch keinen Kommentar aus seinem Mund gehört.
Ich werde mir ein Buch von ihm besorgen. Das versuche ich meistens zu tun mit Preisträgern die ich noch nicht gelesen habe. So kam es auch dass ich damals Singer las. Und sein Buch hat mein Bild von Amerika, das ich bis dahin hatte, sehr verändert.
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Man hört so viel Elend in allen Medien und ich denke wie eine Schülerin heute sagte: man muss sich ein wenig abschirmen um es überhaupt ertragen zu können. Vor einer Weile habe ich "al Jazira" angesehen, das arabische Gegenstück zu CNN. Es war interessant. Kennst du das Programm?
*
Eigentlich geht es mir nicht allzu gut im Moment und ich hoffe dass ich es nicht werde büssen müssen dass ich zur Arbeit gegangen bin. Es schmerzt im Hals und in der Brust (Luftröhre und Lunge) und ausserdem höre ich kaum. Das ist wirklich kein Vorteil für einen Sprachlehrer. Oder vielleicht doch? ;-)
*
So, nun habe ich den Korb gepackt. Fehlt nur noch eine kleine Süssigkeit als Nachspeise. Vielleicht ein paar von den italienischen "bachis", du weisst die mit einem Spruch auf dem Papier. Ja, die magst du sicher gern.
Ich wünsche dir eine gute Nacht und einen schönen Freitag.
Love
Marlena