Donnerstag, 30. April 2026

Happy Birthday!

 

Heute feiern wir auch unseren 

König Carl Gustaf 


beliebt von gross und klein


.

Valborg in Uppsala



 Hier bei uns, aber ...


Eigentlich müsste man diesen Tag in Uppsala verbringen.. 
Nirgends sonst feiert man Valborg so gross und schön wie dort.


damals



und  2023


Vintern rasat ut bland våra fjällar 

(Der Winter hat sich ausgetobt ...)








Samstag, 25. April 2026

Nochmals - unsere Coproduktion

 (5 Monate später) 

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Hier unsere Coproduktion. Du erinnerst Dich daran. Ich meine die Zeichnung der Logopädin, die Sprechblasen bügelt. Sie hatte wirklich grosse Freude an der Zeichnung und am Kommentar darüber. Wir haben gerade gestern in der Kommission nochmals darüber erzählt und gespasst, als wir ihre Nachfolgerin wählen sollten. Es ist für mich ein wunderschönes Gefühl, dass wir, dh. Du und ich, das irgendwie gemeinsam gemacht haben. Ich glaube Deine Hilfe war, dass Du einmal vom "Protestbügeln" gesprochen hast. Das war beim Eurovisionswettbewerb, der in Schweden stattgefunden hat. Du erinnerst Dich sicherlich, Marlena? Diese Formulierung und Idee fand ich lustig und originell, so dass ich überhaupt erst dieses Bügeln in meine Gedanken aufgenommen habe. Vorher fand ich Bügeln absolut uninteressant und öde. Aber beim Protestbügeln ist mir irgendwie der penny gefallen. Aha, habe ich mir gesagt, Bügeln ist was ganz Spezielles. Bügeln kann man mit einer Haltung. Mit Bügeln kann man sogar die Welt verbessern. Mit Bügeln kann man Politik machen. Man kann damit protestieren, demonstrieren, reklamieren, warum nicht auch reformieren, initiieren, sanieren, therapieren? So ungefähr ist mir dann wohl diese Vorstellung gekommen, dass eine Logopädin Sprechblasen bügelt.

Gestern abend ...

 




Liebe Marlena
Was kann ich dir erzählen von gestern abend. Es war eine langweilige Sitzung. Der Präsident ist ein Arzt und ein bisschen ungeübt, eine grössere Runde zu kontrollieren. So gibt es zum Teil wilde Diskussionen um reine Spekulationen. Ich halte mich in solchen Situationen zurück, denn es bringt eigentlich nicht viel. Es heizt nur die Diskussion noch mehr an, und dann kommt man überhaupt nie zu einem Ende.
Die Logopädin wurde verabschiedet. Und nach der Sitzung habe ich ihr, vor dem Essen noch, unser Bild übergeben. Ich habe natürlich daraus eine ziemliche verbale Geschichte gemacht und die Leute haben es genossen. Und die Betroffene war echt gerührt. Sie hat mich nachher abgeküsst, obwohl wir erst an diesem Abend von Sie auf Du gewechselt hatten. Vorher hat der Arzt sie schon verabschiedet und ihr ein paar Komplimente gemacht. Aber die unseren waren noch eine Klasse konzentrierter. Sie war wirklich Auge und Ohr und nahezu in Tränen. Und das Bild fanden natürlich alle gerissen mit dieser Idee des Bügelns von Sprechblasen. Und ich habe ja auch erwähnt, dass mir jemand aus Schweden diese feine Idee geschenkt hat. Du siehst, Marlena, du bist hier schon ziemlich präsent. Und bald werden sie anfangen, nach dir zu fragen.
Und nachher hatten wir ein gemütliches Essen zusammen mit lustigen Diskussionen. Der Arzt und ich waren die einzigen Männer. Sonst war es eine echte Frauenrunde. Und wir haben viel gelacht und einander auch etwas geneckt. Es war wirklich sehr angenehm und auch das Essen war ausgezeichnet. Vielleicht ein bisschen teuer, aber es was in Ordnung.
Und schliesslich bin ich doch etwas früher als erwartet wieder zurückgefahren.  ...

*
Weißt du, was mir in den Sinn gekommen ist, nachdem im Antonioni Film wieder von den Seelen die Rede war, auf die man warten muss. Ich habe gedacht, für den Fall, dass wir zwei uns mal treffen würden, dass wir dann hingegen auf unsere Körper warten müssten, weniger auf die Seelen, die ja nun ihren Ort bereits erreicht haben, aber auf die Körper, die noch weit zurück zu sein scheinen. Wir werden dann unsere Seelen mal vorläufig an irgendwelchen Kleiderbügeln aufhängen, damit sie hängen und warten, bis auch die Körper eingetroffen sind. Das gäbe auch einen hübschen Cartoon mit den hängenden Seelen, hängend, aber doch nicht schlapp, bitte sehr! Und wenn die körper eingetroffen sein werden, dann müssen wir wohl noch auf die 20kg Gepäck warten. Alles braucht seine Zeit.

*

Ich hoffe, du hast meine Adresse bekommen. Ich werde mein Büro informieren, dass ich mit meiner Kusine Marlena, einer Kusine zweiten Grades, um exakt zu sein, dass ich mit ihr eine Wette abgeschlossen habe, wer sich gegenseitig aus den Ferien die schockierendere Postkarte zustellen können wird. Sie werden mich sicherlich alle unterstützen und der Meinung sein, deine Karte sei wirklich nur halb so schockierend, wie sie in Wirklichkeit sicherlich sein wird ;-----))).
Deinen Scherz fand ich sehr lustig und pfiffig. Das mag ich sehr, meine Liebste. Ich könnte dich dafür umarmen.
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Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Mit liebsten Grüssen
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Donnerstag, 23. April 2026

Ist es ein Wunder oder ...

 


Subject: Ein bisschen verspätet ..
Liebe Marlena
Heute habe ich mich sosehr verschlafen, dass ich erst um 730 im Büro war. Das reicht nun vielleicht nicht, für deinen Morgenkaffee? Denn ich brauchte noch Zeit, um dein wunderbares Mail zu lesen. Das ist wirklich sehr schön, und das einzige, was mich daran beunruhigt, ist die Tatsache, dass du bis nach Mitternacht daran geschrieben hast. Ich sorge mich ein bisschen um deinen Schlaf. Aber ich erlaube mir doch wieder so viel Egoismus, dass ich glücklich bin über dein Mail.

Du brauchst auch lustige Bilder, wenn du schreibst. Das gefällt mir gut. Du erzählst, dass ihr bei deinem Fest gelacht habt, dass sich das Dach hob. Das kann man sich gut vorstellen, wie sich der ganze Dachstuhl hebt und senkt, wann immer eine Welle losgeht, wie ein grosser Organismus, der atmet. Es ist ein bisschen das Bild meiner Zeichnung für die Gartenpartie. Sie allerdings war ein Schrebergärtchen. Es ist schade, dass du deine Handtasche geschlossen hattest beim Fest. Ich hätte dich gerne vergnügt und ausgelassen und lustig und schlagfertig und witzig gesehen. Und dass du das alles auch sein kannst, das spüre ich zwischen den Zeilen da und dort. Und ich bin ein bisschen stolz darüber, dass meine Freundin das auch ist, neben ihren tiefen Gefühlen und der Affinität zum Lyrischen, wie man es bei Rilke oder bei Verlaine antrifft. Ach weißt du Marlena, ich weiss schon, dass ich dich ein bisschen idealisiere. Ich brauche das auch, um schreiben zu können, um ein bisschen schöner zu schreiben als einfach normale Tagesprotokolle. Diese Verschönerung ist einerseits eben das Künstliche, der Anfang der Kunst, und andererseits ist es so etwas wie ein Stimulans, ein Joint kann man sagen. Alle Verliebten machen ihre Geliebte perfekt. Das gehört nun mal dazu. Wenn es sehr stark ist, dann sprechen sie vielleicht weniger über ihre Geliebte als vielmehr über ihre eigenen Gefühle. Ich halte nicht viel von Objektivität. Das habe ich bei uns zu Hause genug gehabt und es bringt nicht viele Vorteile. On ne voit bien qu'avec le coeur. Ach, Marlena, ich weiss, du bist eine Studienrätin, und ich weiss, wie Studienrätinnen im allgemeinen sind. Es gibt da natürlich auch ziemliche Unterschiede! Doch, ich bin nicht mehr der jüngste und kenne die Menschen. Ich glaube, ich kenne sie wirklich. Ich habe schon viel Unglück gesehen und mir angehört. Ich weiss wie Menschen ungerecht und hart und feige und falsch sein können. Stell dir vor, ich hatte eine Zeit, da habe ich ...
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Aber eins möchte ich dir sagen, meine Liebe Marlena. Geniesse es, wenn ich dich ein bisschen perfekt mache. Du darfst nicht zu bescheiden sein. Ich weiss sehr wohl, dass man da nicht in Zentimetern nachmessen soll. Wenn du nur wüsstest, wie unvollkommen ich bin, welche unangenehmen und linkischen Seiten ich habe, du würdest dir gar keine Gedanken machen. Natürlich verstehe ich deine Reaktion, dass du dich manchmal fast distanzieren möchtest von dem, was und wie ich sage. Nimm es einfach als meine Begeisterung und lass mir die Freude.

Die Angst vor der Enttäuschung verstehe ich nun allerdings sehr gut. Weißt du, auch wenn ich das vielleicht nicht tun sollte, ich denke oft an Rom und wie es sein könnte. Und ich mache mir Gedanken, wie du mich anschauen würdest, ob DU nicht enttäuscht sein würdest, weil ich zu alt bin, weil meine Haare schon ziemlich weiss sind, weil ich vielleicht zuwenig Haare auf der Brust hätte ;-) .. oder weiss Gott was. Ich habe bemerkt, dass ich mich im Spiegel wieder anschaue, wie ich das seit langer Zeit nicht mehr getan habe, und dass ich auf die Waage stehe, um meine Tonnage zu beurteilen, obwohl mich das seit langer Zeit nicht mehr interessiert hatte. Wenn man zusammen ist, genügt es nicht, schöne Worte zu machen. Da kommen noch ein paar andere Faktoren ins Spiel, und die physische Präsenz ist nicht unwichtig.

Ist es ein Wunder oder ist es Glück, dass wir uns getroffen haben. Ach, wer kann das beurteilen. Ich kann das gut als Wunder anschauen. Aber wenn ich es mir genauer überlege, dann sehe ich es eher als Glück. Es gibt doch auch Menschen, die behaupten, es gebe keine Zufälle. Und wahrscheinlich gibt es weniger Zufälle, als wir zu denken bereit sind. Ich glaube, wenn sich zwei Menschen mehr als durchschnittlich kennenlernen und schätzen lernen, dann ist eine Seelenverwandtschft mit im Spiel. Es gibt doch auch viele Kontakte, die gibt man rasch wieder auf, weil man ahnt, dass sie zu nichts führen. Man plaudert mit jemandem, es ist nicht unngenehm, aber es ist nichts da, was einem faszinieren könnte, es gibt keine Bindung. Es ist alltäglich. Und dann gibt es andere Menschen, die etwas an sich haben, was funkt. Ich kenne hier in B eine ... . Sie ist vielleicht jetzt um die 10 Jahre hier, und ich habe sie 3 oder 4 mal gesehen. Sie hat eine noble Art und sie hat etwas im Gesicht, was mich einfach mehr als sonst anspricht. Ich habe keine Ahnung, was es ist. Sie ist nicht einmal besonders hübsch. Man fühlt sich in der Gesellschaft solcher Menschen schneller zuhause, wollen wir es mal so sagen. Man findet leichter heim. Ich glaube wirklich, dass man immer wieder auf seine erste Liebe zurückkommt. Das ist Platonisch gedacht: jedes Erkennen ist Wiedererkennen. In jeder Liebe erkennt man die alte, die erste, die grosse Liebe. Das ist sozusagen eine Theorie der Wiedergeburt innerhalb des Lebens. Sehr platonisch, wirklich.

Weil du nach der platonischen Liebe gefragt hast, will ich einmal nachlesen, was man zum "Platonischen" sagen kann. Meine Antwort im Chat war vielleicht für dich etwas unbefriedigend. Aber ich fand es charmant, wie du gefragt hast, und der Gedanke, dass dieser Begriff der platonischen Liebe oder der platonischen Zärtlichkeiten (das hast du mal von mir zitiert, ich erinnere mich) für dich immer etwas rätselhaft gewesen sein muss, hat mich - nun ja - irgendwie sehr zärtlich gestimmt. Es ist im übrigen auch für mich ein bisschen ein Zauber- Begriff. Aber wenn ich nachlese, werden wir vielleicht ein paar rätselhafte Aspekte lösen können.
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*
Ich finde unsere Geschichte märchenhaft. Wir haben zwar unsere §§§§, aber kein Mensch schert sich mehr darum. Schau mal, wie sich das alles entwickelt hat. Du hast immer wieder gewarnt, wir lebten gefährlich. Ich habe gesagt, ich will dich gewinnen. Ich habe gesagt, binde dich am Schiffsmast fest und verstopfe dir die Ohren. Wir haben uns weiss Gott gewarnt. Es ist wie in einem Märchen. Man spürt, wie das Schicksal gleich zuschlägt, jeder weiss es, noch das kleinste Kind merkt es, aber das Rotkäppchen geht trotzdem durch den Wald, geht trotzdem vom Weg ab, spricht trotzdem mit dem Wolf. Alle Alarmsirenen gehen los, aber das Rotkäppchen hört nichts und sieht nichts. Ach, wie ist das märchenhaft schön. Entgegen allen Warnungen ins Glück zu laufen, gibt es denn etwas Schöneres? Vor allem, wenn man selbst warnt. Man warnt ja dann mit grosser Nachsicht und drückt ein Auge zu (das meint, man lässt 5 gerade sein), vielleicht beide Augen zu.

Es ist ein Wunder oder ein Glück. Aber wenn ich sehe, wieviele Gemeinsamkeiten wir haben, dann kann es auch nicht nur Zufall sein. Da ist ein bisschen System dahinter, Marlena, das kannst du mir glauben. Ich habe das schon damals gedacht, als du etwa im 2. oder 3. Mail gesagt hast, Rilke sei dein Favorit der deutschen Dichter. Das konnte kein Zufall sein. Das nun wirklich nicht.
*
Lass uns unser Wunder pflegen und hüten und Sorge tragen darum. Und lass uns möglichst wenig leiden. Suche einen Weg, damit dich die Distanz nicht "beinahe krank macht", Marlena. Und wenn ich dir irgendwie dabei helfen kann, lass es mich wissen. Es klingt vielleicht ein bisschen absurd, aber du bist gefühlsmässig die wichtigste Person in meinem Leben geworden. Und ich weiss, dass das etwas absurd ist. Und jeder Psychologe würde mir auf die Schulter klopfen und mir den Rat geben, auf den Boden zurückzukehren. Ach, es ist so schön, verrückt zu sein.
Ich küsse dich, meine Liebste, bis zum nächsten Mail.
Ich will nachsehen, was ich beim Brief an Camus ausgelassen habe. Aber jetzt muss ich unbedingt an die Arbeit.

K+G+H

Mittwoch, 22. April 2026

Re: kleines Selbstgespräch

 

 



Lieber ...,
Danke für dein schönes langes Mail. Was das Meer bei Sorrento betrifft so kann ich eigentlich nicht verstehen, wie man in solchem Wasser baden kann. Und doch zogen täglich ganze Heere zum Strand hinunter. Und die Felswand, die du erwähnst, hatten wir gerade vor unserem Fenster. Immer so gegen 5 Uhr abends sah man diesen Lemmelzug von Menschen die Treppen hinaufsteigen. 



Wenn man oben war, befand man sich mitten im Zentrum. Und auf der anderen Seite des Hotels hatte man den schönen Blick über das Meer. Aber wie gesagt, der Strand war eine grosse Enttäuschung. Ich konnte für mein Leben nicht begreifen, wie man sich dort niederlassen konnte und schon lange nicht, dass jemand in das unfreundliche, schmutzige Wasser steigen wollte. Ich bin mal dort gewesen, weil Anna gern baden wollte.. aber auch sie fand es ziemlich ungeniesbar.

Die engen kleinen Strassen und Plätze waren abends voll von Leuten, meist englischen Touristen, von denen ich vermutete, dass sie nun gekommen waren um ihre schönen Jugenderlebnisse wieder zu erleben. Ich glaube, dass sie in jungen Jahren, damals als Sorrento und die Amalfiküste der Taumelplatz der europäischen Jet-set war, ihren Sommer dort verbracht haben.
Aber tanzen konnten sie, die alten Eidechsen (Echsen). Am Abend, auf der Terrasse des Foreigners Club, mit Blick über das Meer und den Sternenhimmel, hatte man den Eindruck, dass sie ihre Jahre wie einen schweren Mantel ablegten und wider lebendig wurden.

Schön, dass du etwas an der Wand hast, was dich an mich denken lässt. Aber was sagt deine Familie dazu? Sicher schauen sie auch hinten auf die Karte. Hatte ich genügend neutral geschrieben? :-) Die sich küssenden Elche hast du sicher verstecken müssen. *s*

Ich lebe in einer glücklichen Zeit und ich versuche zu tanken für andere Zeiten. Doch im Moment fühle ich nur wie herrlich es ist frei zu sein. Ich habe eine lange Zeit mit mir selbst gekämpft um schliesslich dann diesen Entschluss zu fassen. Und jetzt bin ich froh und denke, dass ich richtig gewählt habe.

Es hat geregnet auf dem Weg hierher und nur ab und zu brechen plötzlich ein paar helle Strahlen durch die schwarzen Gewitterwolken. Ich glaube, wir werden uns jetzt sofort auf den Heimweg machen. Es war schon ziemlich viel Verkehr auf den Strassen. Der Midsommarverkehr kann gefährlich sein. Und am schlimmsten waren alle diese Schnecken, an denen man schwer vorbeikommt. Ich meine Autos mit Wohnwagen. Auch einige deutschregistrierte Autos habe ich schon gesehen. Vielleicht wollen sie den schwedischen Midsommar hier feiern.

So lasse ich dich  wieder.
LGuKuS,
Malou



Kleines Selbstgespräch

 Liebe Malou

Puh, heute habe ich lange geschlafen. Ich habe mir eine Reserve geschaffen für die nächsten 14 Tage. Ich könnte also gut und gern die nächste Zeit nächtelang an Bars und zwielichtigen Orten herumtreiben, bis mein Schlafreservoir aufgebraucht wäre. Aber das ist doch wohl auch nicht die Lösung.
(---)
Hier ist es kühl, bewölkt und regnerisch. Es ist unfreundlich, die Sonne blinzelt zögerlich und verschämt manchmal kurz zwischen den schweren Wolken hindurch. Es ist - alles in allem - nicht das, was man sich von einem anständigen Juni wünschte. Es ist so windig, wie man sich einen kühlen Vormittag an einem nordischen Meeresstrand vorstellt.

Habe ich Dir schon über meine Erfahrungen mit nordischen Meeresstränden erzählt? Na, so viele sind es auch nicht. Aber doch einige. Die wichtigsten stammen aus meiner Studentenzeit in England. Dort hatten wir den gesamten Strand in Bornemouth zur Verfügung. Und das war auch ziemlich in Ordnung. Mindestens an schönen und warmen Tagen. Es gibt doch da dieses Pier, wo man hinausgehen kann. Draussen ist wohl ein Restaurant und ein kleines Casino vielleicht. Ich war nie wirklich dort draussen, denn ich hatte mir immer gedacht, das würde Geld kosten. Und soviel Geld hatte ich nicht zur Verfügung.
Ich trieb mich also mit meinen Kollegen am Strand herum. Nun muss man wissen, dass die Walliser zu jener Zeit von Meer und Wasser und Strand keine blasse Ahnung hatten. Die meisten waren wohl kaum schwimmen gegangen. Ich hatte einige Erfahrung, von unseren Sommerferien in Italien. Und genau dies war es, was meine Erfahrungen hier in England prägten. Verglichen mit einem schönen italienischen Strand mit wunderbarem hellem Sand und klarem seichtem Wasser war der Strand von Bornemouth die pure Geröllhalde. Statt Sand eine mehr oder weniger steinige Fläche. Statt Sonne wiederkehrende Bewölkung mit Wind, so dass diese weissen Schäumchen auf den Wellen erschienen. Statt hübsche lachende Italienerinnen im Bikini etwas sonderliche und klapperige Engländer auf ihren Campingstühlen, unsorgfältig gekleidet in einem flatternden Hemd, Zeitung vor dem Gesicht, auf dem Arm ein Tatoo, leichter Sonnenbrand auf der Stirn. Und auf der Strandstrasse viele Leute in Kleidern, auch viele Rockers damals mit ihren Höllenmaschinen. Kurz und gut: ein englischer Strand war mit einem italienischen überhaupt nicht zu vergleichen. Er war, im Grunde genommen, die totale Enttäuschung. Und dabei habe ich noch nicht geschildert, wie es war, wenn man vorsichtig über diese spitzen Steine für ein paar Minuten ins trübe kalte Wasser gestiegen ist. Es war die reine Rosskur. Ich meine, wenn man alles in Rechnung stellte, so wurde man eher vom Strand vertrieben, als dass er einen hätte anlocken können mit irgendwelchen südlichen und süssen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass für einen oder zwei Tage unser Lehrer zu Besuch kam. Er sass den ganzen Tag auf einem Stühlchen am Strand, las irgend einen Schmöker und rauchte seine Pfeife, um unter den Engländern nicht zu sehr aufzufallen. Nein, um ein paar schöne Tage am Strand zu haben, muss man nicht nach England fahren.
Heute würde ich das vielleicht anders sehen. Heute könnte ich wahrscheinlich auch dem Wasser entlang im Wind wandern und die Aussicht übers Meer geniessen. Vor allem die Weite ist ja immer wieder schön, wie wir sie hier in der Schweiz nicht haben. Diese weite Sicht über das Wasser, die sich irgendwo in der Ferne verliert und an keinem fixen Punkt festmachen lässt, ausser vielleicht in einem glücklichen Moment an einem winzigen Schiff, das irgendwo in der Ferne dahin zu dümpeln scheint, diese Sicht ist wunderbar. Ist es nicht so, dass der weite Raum nicht auch den Eindruck von viel Zeit verschafft? Die räumliche Weite schafft auch eine ruhige Zeit. Vielleicht ist es das, was ich so liebe. Ich mag Aussichtspunkte, von wo man in die Weite sieht. Das gibt eine Art philosophische Position vis-à-vis unserer Welt. Alles erscheint dann irgendwie wohl gefügt und in Ordnung. Ich kann mir schon vorstellen, dass der liebe Gott mit seinem Werk zufrieden war. Er hat es sich ja nicht aus der Nähe angeschaut, sondern aus Distanz, mit einem generösen Überblick. Wenn man sich die Details anschaut, dann könnte man schon das eine oder andere bemäkeln, nicht wahr. Aber der ferne Blick des lieben Gottes verschafft ihm sozusagen ein impressionistisches Bild. Ein Bild nämlich, mit dem ein Kurzsichtiger in die Welt blickt. Es schaut alles hübsch und luftig aus, weil er nicht so genau sehen kann. Die Details würden ihn wohl erschrecken.
Vielleicht ist der liebe Gott wirklich ein bisschen kurzsichtig?

Ach, ich bin irgendwie in eine Thematik geraten, von der ich nicht weiss, was ich Dir damit bieten könnte. Alles ist von unserem momentanen windigen Wetter ausgegangen. Und ich glaube, dass Du diese Art des englischen Wetters sehr gut kennst. Aber Du weißt auch, wie es sich am Mittelmeer anfühlt. Seid Ihr in Sorrent auch schwimmen gegangen? Wenn ich mir das Foto anschaue - es hängt, wie Du weißt, immer noch an meiner Wand -, so habe ich den Eindruck, der Ort sei so alt und schick, dass man gar nicht fürs Bad eingerichtet sei. Der Ort stamme nämlich aus einer Zeit, da man noch nicht im Meer zu baden wagte. Die Gäste, alte zitterige Adelige an eleganten Stöcken und aufgetakelte Jungfrauen wandeln in kleinen Schritten durch die engen Strässchen und promenieren auf der Terasse über dem Meer. Aber niemals würden sie sich auch nur einen Zentimeter ihrer Haut in diesem Meer feucht machen. Niemals! Und die Gefahr kann auch gar nicht aufkommen, denn der Ort ist durch eine Felswand vom Wasser getrennt. Man sieht das Wasser aus der Höhe, und niemals ist es blauer und einladender, als aus dieser Perspektive. Aber die Greisinnen und Greise geraten nicht in Versuchung, denn sie stehen oben am Geländer und lassen sich den Wind durch ihr schütteres Haar streichen.

Vielleicht ist das schon die Ferienstimmung, die mich zu solchen Gedanken treibt?

Ich muss mich aber vorläufig noch hier in unseren Breiten zufrieden geben. Vielleicht fahr ich mal, zwischendurch, für einen Tag ins Wallis. Ich möchte mit meiner neuen Kamera ein paar Bilder schiessen. Vielleicht kann ich dann wieder mal malen. Ich muss unbedingt den Einstieg zurück finden jetzt in die Malerei. Unbedingt! Es ist lustig, wie ich bei solchen Unternehmungen immer wieder im Mittelwallis lande. Ich glaube, dort ist das Wallis am schönsten. Oben, im deutschen Teil, ist es steiler und enger, irgendwie karger und härter, eben so, wie die Oberwalliser sind: etwas holperig und eckig, aber so lieb und loyal wie nirgendwo sonst in der Schweiz. Im Mittelwallis wird das Tal dann breit und die Bergrücken mild. Und abends, wenn die Hänge über Siders hinauf bis Montana mit den vielen kleinen Lichtlein zu scheinen beginnen, so ist dieser Lichterteppich so wunderschön und zart ungefähr wie jener, den man von Shemiran herunter erblickt, wenn man in der warmen Nachtluft auf der Terasse einer dieser noblen Villas steht und die Millionenstadt Teheran vor sich betrachtet. Aber natürlich ist der Teheraner-Teppich unendlich weit und in einer Ebene unter einem klaren Sternenhimmel ausgerollt, während jener von Montana mehr oder weniger vor uns und genau genommen ziemlich klein an der Alpenwand hängt. Beide Male geht aber der Lichterteppich ziemlich nahtlos in den Sternenhimmel über.

Es ist so kühl heute, dass ich mir eine grosse Portion Tee gebraut habe, um mich ein wenig aufzuwärmen. Hagebuttentee! Kennst Du ihn, Malou. Er wird von Rosenblüten gemacht und schmeckt ein wenig säuerlich. Ich mag die Säure. Bestimmt kennst Du ihn!

Ich glaube, ich muss dieses kleine Geplätscher beenden. Es gibt nicht wirklich ein Thema, schon gar nicht eine Botschaft, wie man immer sagt. Es ist bloss ein kleines Selbstgespräch, irgendwie.
Ich wünsch Dir einen guten Tag
MLGK

Sonntag, 19. April 2026

Flug nach Teheran

 

Liebe Marlena
Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten. Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istanbul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunklem Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlangen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.
...


Gloomy Sunday evening

 

Ämne: Gloomy Sunday evening

Am Abend haben wir gut gegessen (Lachs) und ein wenig Fernsehen geschaut. Es gab eine interessante Reportage von der Buchmesse in Göteborg, ein intellektueller Treffpunkt, der einmal jährlich stattfindet. Ich habe dabei an dich gedacht und wie es dir gefallen hätte. Viele berühmte Schriftsteller sind anwesend und lassen sich interviewen. Das grosse "dragplåster" (Publikumsmagnet) diesmal war Chomsky, der Amerikaner mit den "eigenen" Ansichten, ich denke du wirst ihn kennen. Und man hat von vielen neuen Büchern gesprochen u.a. von einem mit dem Titel "Die Tyrannei des Augenblicks" von dem norwegischen Sozialanthropologen Thomas Hylland Eriksen. Ich glaube du solltest es lesen.
Es gab ein Buch über den "richtigen" Vater von Pippi Langstrumpf, d.h. den Mann, den Astrid Lindgren als Vorbild hatte. Er hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine farbige Frau geheiratet (eine Sensation zu der Zeit) und er hat auch Gold gefunden (heute die grösste Goldgrube der Welt).

Mittwoch, 15. April 2026

Re: Weil du..



Liebe Malou,
ja, diesen tempio della fortuna virile habe ich gesehen. Ich bin mal Abends daran vorbeispaziert. Er ist gleich neben dem Tiber. Und er sieht auch nicht so gut aus wie hier. Er ist in Wirklichkeit ziemlich mitgenommen und abgelaugt. Die gute Göttin Fortuna sollte sich mal eine kleine Restaurierung überlegen. Aber die Götter, die denken ja nicht an die Vergänglichkeit der Dinge. Die leben in höheren Sphären.
Ich werde einen kurzen Nachmittag machen. Ich spüre, wie mein Kopf ein bisschen brummt. Das ist ein Anzeichen, worauf ich reagieren muss.
Über die Gruseligkeiten zwischen B und S ein andermal. Ich glaube nicht, dass es nur Offenheit war. Es war eine Art Starbündnis. Und S war meist mehr oder weniger belämmert, weil er Whisky getrunken hat. Na ja, wir müssen dieses grosse Thema wirklich besprechen, wenn ich Zeit habe. Heute ist das nicht so.
Mlg
...


Dienstag, 14. April 2026

Re: Flaschenpost

 Date : Sat, 30 Sep 

Ach, Chéri, du verstehst sicher, was ich meine. Über mich selbst darfst du alles wissen. Aber ich kann dir nicht Dinge erzählen, wo ich die ganz private Sphäre anderer Leute beeinträchtige. Die anderen müssen anonym bleiben. Nicht ich.

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GuK
Marlena

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Liebe M..

Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.

Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
*




Montag, 13. April 2026

Wie Atlas



Subject: Re: Flaschenpost
Date: Fri, 29 Sept


Liebe Marlena
Du bist wirklich gross im Schuss. Ich weiss, dass die Mausfreundschaft nur funktioniert, wenn man Mails schreibt. Das weiss ich sehr gut. Ich habe doch das vergangene halbe Jahr gearbeitet wie Herkules, oder noch besser wie Atlas, der den ganzen Himmelsbogen auf den Schultern tragen muss. 
Na ja, vielleicht nicht ganz den ganzen, aber doch immerhin bis hinauf zur Venus und wieder zurück. Das ist vielleicht der Grund, weshalb Du mich besser kennst als ich Dich. Ich habe deswegen oft gemeckert, oder etwa nicht? Oder vielleicht bist Du bloss die weit vielfältigere und weitläufigere Person, als ich es schon bin. Sehr gut möglich. Manchmal habe ich stark diesen Eindruck. Auf jeden Fall bist Du doch sehr von Gefühlen getragen, bis hinunter zum Grund der Schwermut, und ich merke, dass Du grosse Räume zu füllen vermagst. Ich habe das alles gewusst von Dir, Marlena, dass Du fröhlich bist, sozial, und lebhaft, das hört man in Deiner Stimme. Und gelegentlich haben wir alle unsere gedämpfteren und stilleren Zeiten.
Der Vers im Gästebuch ist fantastisch gut. Davon kann man beinahe ein halbes Leben leben, nicht wahr? Das erinnert mich sehr an jene jugendliche Gefühlslage in der Schul- und Studentenzeit, da wir noch ausdrückten, was wir fühlten, und noch fühlten, was uns beeindruckte. Es war schön und leicht und vieles war grossartig, weil das Ende nicht abzusehen war. Du musst eine echte Prinzessin gewesen sein.

So schickst Du mir endlich eine Adresse!!!!!!!!!!! Das ist ja sensationell, das ist kaum zu glauben. Ich habe nicht gedacht, dass wir das noch in diesem Jahr schaffen werden. Ich werde Dich nicht in ein schlechtes Licht bringen, indem ich Dir allzuviele Postkarten schicke. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich so neutral und sachlich wie möglich geben. Und wenn irgendwas falsch läuft, so melde es mir so rasch wie möglich, Marlena. Ich werde Deinen Namen nicht so ruinieren wie Du den meinen ruiniert hast ;--) Mein Sekretariat denkt bestimmt, es werde gleich eine Explosion geben: die Karten kamen von Schweden, Prag, Bratislava, Zürich innert kurzer Zeit, also eine Station näher als die andere. Die nächste wird wohl Basel sein!! Du musst nicht denken, ich brauche den Schutz weniger, Marlena. Meine Leute denken sich auch ihren Teil. Aber ich weiss schon, dass Du jede Karte mit Liebe geschickt hast. Jede einzeln liebevoll. Deshalb ertrage ich die Situation mit einiger Seelenruhe.
Ich schicke Dir meinen Artikel. Das ist alles quasi wissenschaftlich und neutral. Und ich schreibe auch nicht zuviel drauf. Es ist sozusagen eine Verbindungskontrolle. Sehr geschäftlich also, und niemand wird die Augen zum Himmel drehen.
(...)



Immer noch ...


subject Re: Endlich fertig

Liebe Malou
Hei, das ist ja eine wahre Flut von Mails und schönen Gedanken! Am meisten habe ich mich ergötzt mit der Vorstellung, dass ich mit Dir vor der bocca della verità stehe. Sicherlich würde ich ein bisschen bleich werden ob all Deiner Fragen. Und dann musst Du wissen, dass dort immer viele Leute herumstehen, um sich auch dem Lügendetektor zu unterziehen. Man ist also nicht unter sich mit seinen Fragen, sondern einem kritischen römischen Publikum ausgesetzt. Und dann stelle ich mir vor, wie ich nach all Deinen heikeln und kritischen und detektivischen Fragen meine Hand herausziehe ... und, siehe da, mit 8 Fingern dran!!


Lieber ...

Ich sende dir nochmals das Bild von dem Mund.. Japaner! Ich mag sie. Ihre Begeisterung lässt auch uns wieder das schöne, was uns umgibt, entdecken.

Immer noch lache ich über deine acht Finger.. Ich würde mich kaum trauen, meine Hände in den Mund zu stecken. Jemand kann doch was gefährliches reingelegt haben:  Einen Skorpion oder so..
Trotz deiner acht Finger, habe ich wohl die Hoffnung aufgegeben, ein Beauvoir-Sartre-Verhältnis mit dir zu haben. Ich meine ein solches, wo man total offen über alles sprechen kann. Doch vielleicht sind wir auch etwas zu englísch für sowas.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MlG,
Malou

Sonntag, 12. April 2026

Wieder ein Tag vorüber ...


Lieber ...,

Wieder ein Tag vorüber.. und wenn ich nachdenke, was ich damit tun wollte und vergleiche mit dem, was ich getan habe.. Na ja, das Ergebnis kann ich dir garnicht verraten. Du bist ein so strenger Mensch geworden. :-)

Jedenfalls kam S hier an,  kurz nach ein Uhr. Sie brachte diesmal den Lunch mit. Den üblichen: kleine Minipizzas, die in ein paar Minuten im Ofen aufgewärmt sind. Ich hatte schon einen Salat dazu bereit. Und dann hätten wir wohl fleissig lernen sollen. Aber ich hatte gestern am Telefon erfahren, dass unsere Buchhandlung nicht das Wörterbuch hat, das ich neulich woanders gesehen habe, aber dann hier kaufen wollte, um eben diese wunderbare kleine Buchhandlung zu unterstützen. Der Buchhändler wollte es bestellen, aber es zeigte sich, dass es auch im Verlag nicht mehr zu haben war. Und so habe ich S mitgelockt nach M.. um dasjenige zu kaufen, das ich dort gesehen hatte. 


Also habe ich das Buch heimgeführt, wie eine Trophäe, mit dem Gedanken, dass ich das allerletzte im ganzen Land ergattert hätte. Ein herrliches Gefühl.
 
(Wenn ich so weiter schreibe, könnte doch eigentlich etwas Proustähnliches dabei herauskommen, oder was meinst du?) *s* 
Na ja, eigentlich habe ich ja nicht Proust gelesen aber ich stelle mir vor, dass er in einem so dicken Buch viel über nichts sagt. 

S hatte heute Anweisungen zu Qi Gong mitgebracht und wir haben es ein wenig ausprobiert. Ich kenne es nicht. Habe nur mal Chinesen auf der Strasse am frühen Morgen sowas ausüben gesehen. Dagegen würde ich gern wieder mit Thai Chi beginnen. Es sind sehr langsame harmonische Bewegungen, von denen man schnell abhängig wird. Ich meine es wirkt wie eine beruhigende Droge. Sehr "habit-forming". Wie sagt man das auf Deutsch?

Jetzt am Abend habe ich einen englischen Film über die Kraft der Liebe gesehen. An ein paar Beispielen hat man gezeigt, was sie mit einem tun kann. Da war auch der alte Mann, der sein Leben lang nicht seine erste Liebe vergass. Ein Mädchen, in das er sich als Kind verliebte. Und als seine Frau gestorben war, begann er nach ihr zu suchen und fand sie schliesslich in .. Australien. Und sie meinten beide, als sie sich wiedersahen, dass sie das Gefühl hatten, nie auseinander gewesen zu sein. Ja, ein komisches Ding,
die Liebe.

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Donnerstag, 9. April 2026

Iran III - Persönliches?

  Meine liebe Marlena

Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.

Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. , mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.



Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.

Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.

Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
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Iran II - Private Einladungen

  



Subject: Iran II

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Ach, es gäbe noch soviel zu erzählen.

Vielleicht noch ein Wort zu den privaten Einladungen. Wir sind ja da und dort eingeladen worden. Eine solche Einladung im Privaten hat einen standardisierten Ablauf. Perser gesetzeren Alters halten ihn minutiös ein, Jüngere machen da und dort heute kleine Abweichungen. Wenn du hereinkommst, servieren sie dir nach der Begrüssung ein Glas eiskalten Sirups, meist Kirschensirup. Obwohl du natürlich danach lechzst, weil du gerade über eine halbe Stunde im Auto geschwitzt, und nun endlich die staubigen Schuhe abgestreift und dich auf eine kühle Erfrischung gefreut hast, solltest du diesen Sirup dankend ablehnen. Sie mischen den Drink nämlich mit Hahnenwasser, und davor solltest du dich hüten. Du kannst darauf bestehen, dass sie dir einen mit Mineralwasser bringen. Aber meist haben sie kein Mineralwasser. Es ist hier sündhaft teurer, weit teurer als Benzin. Also lässt du den Sirup einfach stehen. Das ist auch insofern gut, also du dann auf keinen Fall gierig wirkst. Schnell zu trinken oder zu essen wäre ziemlich daneben. Etwas stehen zu lassen gilt eher als schick denn als unhöflich. Es zeigt, dass du sehr wählerisch bist, und dass sie sich sehr anstrengen müssen, um deine Wünsche zu erfüllen. Du lässt dich nicht mit dem Erstbesten abspeisen. Nach dem Sirup bringen sie dir einen Tee. Da kannst du jetzt getrost zugreifen. Er ist ohnehin brandheiss, so dass du ihn mit deinem Wüstendurst nicht gleich hinuntergiessen kannst. Du musst daran nippen wie im Damenkränzchen. Sie servieren den Tee in einem kleinen Glas. Heute sind sie etwas bequemer geworden und bringen manchmal für Männer ein grosses Glas. Und das Gläschen steht auf einer tiefen Untertasse, oft recht hübsches chinesisches Porzellan. Wenn der Tee zu heiss ist, darfst du die ersten Schlücke in die Untertasse giessen, damit er schneller kühlt. Diese Prozedur machst du aber sehr besonnen und mit unendlicher Langsamkeit. Sie zeigt trotzdem, dass du sehr durstig bist und nicht warten kannst, bis das Glas auf Genusstemperatur abgekühlt hat. Zum Tee nimmst du einen kleinen Zuckerbrocken und legst ihn auf die Zunge. Er ist ein bisschen unförmig und eckig, sperrig im Gaumen und sehr hart, damit er sich nicht schon beim ersten Schluck ganz auflöst. Der erste Schluck ist dann praktisch ohne Süsse, guter und etwas bitterlicher Schwarztee, wirklich meist ausgezeichnet und belebend. Der zweite Schluck ist schon etwas süsser, der dritte sehr süss, weil sich der Zucker mittlerweile aufgelöst hat. So schmeckt jeder Schluck ein bisschen anders. Und wenn du den Tee einmal so genossen hast, dann findest du einen Schwarztee aus dem Beutel, der einfach so gesüsst wird und von oben bis unten gleichermassen schmeckt, dann findest du das einfach so monoton und reizlos wie Büchsennahrung oder wie Unterwäsche aus dem letzten Jahrhundert.
Zum Tee oder nach dem Tee bringen sie einige Süssigkeiten, Gebäck, Schokoladestücklein oder sowas. Vielleicht zweifelst du jetzt an deiner Wahrnehmung und du bist nicht sicher, ob du in die richtige Einladung geraten bist. Denn eigentlich hast du dich auf ein Essen vorbereitet, und es scheint eine Teeparty geworden. Aber keine Bange. Du liegst schon richtig. Du musst jetzt einfach diese Süssigkeiten dankend ablehnen, weil du dir damit den Appetit versaust. Du kannst, wenn du äusserst höflich sein willst, einen kleinen Bissen naschen und den Rest liegen lassen. Diese Süssigkeiten gehören einfach dazu. Allah weiss warum. Sonst kaum jemand.
Und dann, irgendwann, wenn du schon lange nicht mehr daran glaubst, tragen sie auf und bitten zu Tisch. Meist stehen vier oder fünf verschiedene Speisen da, auf grossen Platten und schön arrangiert. Und dazu immer Reis und Brot und oft wieder Zwiebeln und Limetten, meist Mastchiar, die Yoghourt-Speise. Und natürlich Cola. Wenn du dir einen Sitzplatz gesichert hast, kannst du gleich loslegen. Jeder nimmt selbst, es wird nicht so förmlich serviert, einer nach dem andern, so dass nur noch der Allerletzte, nämlich der servierende Gastgeber, wirklich ein warmes Essen geniessen kann, wie wir dies in Europa machen. Jeder nimmt, was er mag und fängt gleich an zu essen. Es geht manchmal ziemlich wild durcheinander. Aber alle geniessen es so, und es ist sehr unkompliziert.
Nach dem Essen, wenn der Tisch aussieht wie ein Schlachtfeld, dann bringen sie die Melone. Sie ist kalt und in grosse Stücke geschnitten. Du kannst mit deiner Gabel gleich lospeilen und diesen Melonenbrocken, wenn du magst, direkt und nonstop zum Mund führen und abbeissen. Meist sind sie saftig und zuckersüss, genau das Richtige nach dem Essen. Du kannst sie auch, etwas ladylike, auf dem Teller mit der Gabel zerkleinern und die schwarzen Kerne der Henduné, der roten Wassermelone, herausstochern. Es gibt in Persien etwa 8 Melonensorten. Und jede hat einen eigenen Namen. Wenn sie nicht sehr reif sind, sind sie etwas fade. Aber man kann sie immer auch als Getränkersatz sehen und essen, anstatt Wasser zu trinken.
Nach dem Tisch gibt es sofort wieder Tee. Und nach ein paar Malen bist du so konditioniert, dass du darauf nicht mehr verzichten möchtest. Es gibt extravagante Leute, allermeist Westlerinnen, die fragen, ob sie einen Lindenblütentee oder einen Hagebuttentee haben können. Sie haben Angst, dass sie später nicht einschlafen könnten. Sie werden natürlich angesehen wie Extraterrestrians. Aber die Perser werden sich nichts anmerken lassen. Ich erinnere mich, S wollte bei ihrer Tante irgend so einen Tee. Und diese sagte, sie müsse in der Küche nachsehen, ob sie diesen Tee hätte. Ich hätte schwören können, dass sie keinen solchen Tee in der Küche hat. Sie hat auch wirklich keinen gehabt. Wenn ich richtig verstanden habe, wollte sie nicht einfach schon so zu Beginn nein sagen und die Hoffnung zerstören. Eine Schweizer-Hausfrau hätte wohl umgekehrt vorerst direkt die Hoffnung gemindert, indem sie Zweifel an der möglichen Erfüllung des Wunsches formuliert hätte. Oder sie hätte direkt gesagt, so ein Tee führe sie nicht in ihrer Küche. Klipp und klar und hart, wie wir in Europa sind. Aber das ist nicht Sache der Perser. Sie lassen dich lieber noch eine Zeitlang in deinen falschen Hoffnungen schwelgen. Es wird sich ja dann schon irgend eine Lösung finden. Weshalb also die Leute gleich frustrieren?

Es gibt ein hübsches Spiel, das die Perser mit einem speziellen Knochen des Poulets spielen. Es ist ein symmetrischer Knochen, fein und wie ein Bügel. Das Spiel heisst soviel wie: ich erinnere mich. Du nimmst diesen Knochen und brichst ihn zusammen mit deinem Spielpartner entzwei. Jeder hat jetzt einen gleichen Teil. Und wenn du deinem Spielpartner zum nächsten Mal etwas reichst, muss er sagen: Yadam, dh. ich erinnere mich. Und wenn er das vergessen sollte, hätte er die Wette, um die ihr spielt, verloren. Umgekehrt hättest du verloren, wenn er dir etwas reicht und du erinnerst dich nicht. Die Rafinesse des Spiels besteht darin, den Spielpartner zu überraschen, noch bevor er sich richtig auf das Spiel eingestellt hat. Zum Beispiel reichst du ihm gleich sofort dein Knochenstücklein, damit er es auf den Teller legt, der für dich unerreichbar ist. Vielleicht musst du dazu noch eine kleine Ablenkung arrangieren, ein kleines Rütteln an seiner Fassung, irgendwas umkippen lassen, leicht stolpern, ein kleiner Aufschrei der Überraschung oder was weiss ich. Dann hast du ihn erwischt noch bevor er merkt, dass das Spiel schon begonnen hat. Oder die andere Variante ist die, dass du den Moment aufschiebst. Du reichst ihm einfach nichts, und er tut dasselbe. Und am nächsten Morgen, wenn alles vergessen ist, dann reichst du ihm die Serviette, die er hat fallen lassen. Dann hast du ihn und hast deine Portion Bastani, dein Eis oder welche Wette auch immer gewonnen. Theoretisch kann das Spiel Wochen dauern, und es ist natürlich lustig und amusant, es mit einem Kind zu spielen. Ich behaupte, ein solches Spiels sei für Kinder ein gutes mentales Training. Es braucht eine Art der Konzentration, die wir hier in Europa weniger entwickeln. Aber das ist meine ganz persönliche Theorie.
Soweit Isfahan. Und nächstes Jahr in Rom, ich erinnere mich.
Mit einem lieben Gruss
...

(R)


Dienstag, 7. April 2026

Unsere Ferien im Iran

 Date: Sat, 12 Aug 16:32


Liebe Marlena

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Ich will Dir ein bisschen über unsere Ferien im Iran erzählen. Das war ja bekanntlich ein grösseres Unternehmen, und es ist deshalb nicht einfach, dieses 4-Wochen.Projekt in Worte zu fassen. S ist ja schon einige Wochen früher abgeflogen und hat einiges für uns organisiert. Sie hat auch unsere Wohnung für meinen Neffen und seine Freundin bereitgemacht. Ist recht schön geworden, unsere Wohnung. Sie liegt im 8. Stock eines hohen Hauses in einem sehr "bürgerlichen" Quartier, dh. umgeben von Villen in 2 Stockwerken. Wir haben also eine wundervolle Aussicht auf den nördlichen Teil Teherans, an diesen Gebäudemoloch, der sich an den Hängen des Elburs Gebirges in die Höhe frisst. Ich glaube, die ganze Stadtgrenze ist seit meinem letzten Besuch wieder um einige Meter gestiegen. Die Berghänge sind in ein helles Ocker getaucht. Tagsüber sieht das heiss und staubig aus. Aber abends, wenn die Sonne leichte bläuliche Schatten in die Halden wirft, dann wirkt dieser Hintergrund sehr schön und plastisch. Wir waren mal bei einer Kusine von S zu Besuch. Sie und ihr Mann haben in Paris Architektur studiert und sind jetzt sehr erfolgreich in Teheran. Sie haben eine Attika-Wohnung praktisch zuoberst. Dahinter, so sagte man mir, lebt nur noch Chamenei, der erzkonservative Staatspräsident. Und Komeinis Witwe lebt in naher Nachbarschaft. Es ist wirklich eine ganz heisse Gegend, und im Stillen habe ich mir beim Essen vorgestellt, dass die nächste Revolution wohl in dieser Gegend ausbrechen und in heimlich deponierten Bomben explodieren würde. Vom Dach ihres Hauses hatte man eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt, die sich wohl an die 50 km in den Süden hinunterzieht. Dort unten, in down-town ist es sündhaft heiss und nur für Ärmste noch gerade zu ertragen. Es gibt im Stadtbild drei Elemente. Die traditionellen Häuser sind in der Regel höchstens zweistöckig. Und die engen Gassen sind nicht sehr geometrisch geordnet. In der Nacht wirken diese Quartiere unstrukturiert mit zahllosen kleinen und feinen Lichtlein, wie ein völlig ausverkaufter und überfüllter Sternenhimmel. Dann gibt es die grossen Expressstrassen. Sie sind mit grossen Strahlern beleuchtet, die ein etwas orangenes Licht ausstrahlen. Sie geben dem nächtlichen Bild einigermassen eine Struktur. Und schliesslich gibt es einige Gebiete, wo Hochhäuser in die Höhe schiessen. Sie haben wohl etwa 30 Stockwerke. Ganz in unserer Nähe war so ein Haus, der Borghe sefid, der weisse Turm. Zuoberst ein Restaurant, voll verglast, das sich im Kreise dreht, wo man guten Kaviar bekommen soll. Dort trifft sich die Jugend, saugt stundenlang an einer Cola-Büchse und wirft dem anderen Geschlecht vielsagende Blicke zu. Die Mädchen sind zwar mit Kopftuch und Cape, aber hier oben streifen sie das Tuch ein bisschen weiter zurück, um ihr schönes Haar ein bisschen mehr versprechen zu lassen. Aber sie sind für unsere europäischen Verhältnisse immer noch sehr zurückhaltend und kontrolliert und höflich. Unsere B war auf diesem Hintergrund geradezu frech und auffallend locker und unkontrolliert. Sie wirkte wirklich machmal ungezogen, was sie hier in Europa nicht eigentlich ist. Es war für uns Eltern gelegentlich ein bisschen peinlich. Aber ich glaube, sie wollte auch gerne etwas provozieren. Meine Schwiegermutter hat Todesängste ausgestanden, wenn sich B mit jemandem getroffen hat und sich dann - was ja eigentlich im Iran völlig normal ist - etwa um eine Stunde verspätet hat. Und sie hat sich geschminkt, wie ich sie hier in der Schweiz nie gesehen habe. Ich hatte das Gefühl, sie müsste sich mit ihren Signalen auf diese kleine Gesichtsfläche beschränken und wollte diese "Werbefläche" voll ausnutzen. Mit Kleidern oder Haaren war ja sonst nicht viel zu machen. Doch B hat mir erklärt, dass sich die Perserinnen so intensiv schminken würden, und dass sie - wohl oder übel - doch mithalten müsse. Ist möglich, dass sie Recht hat. So genau studiere ich bei den jungen Mädchen jeweils nicht mehr, was nature und was artificiel ist. Aber manchmal sehen sie wirklich unverschämt schön aus. Das muss man ihnen zugestehen. Und B war in der oberen Spielklasse gut mit dabei, muss ich ihr auch zugestehen. Sie mag es, wenn ich ihr Komplimente mache. Sie bedankt sich manchmal so postwendend, dass ich den Eindruck habe, sie hätte förmlich darauf gewartet. Das heisst, sie zieht sie mir geradezu aus dem Mund. Na ja, vielleicht weißt du, wie Töchter sind.
Teheran hat um die 20 Millionen Einwohner. Der Iran insgesamt 65 Millionen, haben wir gehört. Ein Drittel der Bevölkerung wohnt also in Teheran. Das ist das Resultat der riesigen Landflucht in den letzten 20 Jahren. Das Staatsgebiet liegt, im europäischen Vergleich, etwa zwischen Madrid und der zentralen Sahara Südalgeriens. Teheran liegt auf demselben Breitengrad wie Gibraltar (ich weiss jetzt wirklich, warum es S immer dort hinunter nach Andalusien zieht: Klima, maurischer Einschlag, Flamenco etc.). Aber Teheran liegt als Stadtzentrum auf etwa 1200 m ü.M, die nördlichsten Teile steigen bis 1700m, also so hoch, wo bei uns etwa die Waldgrenze liegt. Das macht also einen Höhenunterschied von ca. 700m, der sich aber auf diese 50 km verteilt. Aber es ist doch im oberen Teil, wo die reicheren Bürger wohnen und wo auch die ehemaligen Gebäude und Paläste des Schahs sich befinden, doch deutlich ansteigend. Die grossen Strassen sind mit riesigen Bäumen gesäumt, die tagsüber Schatten spenden und im Grunde ein schönes Bild abgeben. Sie stehen allesamt im Graben, wo häufig Wasser wie ein Bächlein in einem offenen Kanal hinunter fliesst. Früher gab es kaum noch Randsteine, und wenn du beim Parkieren mit einem Rad deines Wagens in diesen Kanal gesackt bist, dann konntest du den Abschleppdienst rufen. Und das konnte man da und dort beobachten. Natürlich hat Teheran Kontinentalklima, dh. trocken, mit grossen Temperaturunterschieden, im Winter manchmal Schnee für ein paar Tage. Und sonst mindestens Schnee auf dem Elburs, wo die Perser gerne Skifahren gehen.
Wir haben unsere Ferien dreigeteilt. Am Anfang sind wir für ein paar Tage ans Kaspische Meer gefahren. Nach ein paar Tagen im Ferienhaus im Elburs und in Teheran eine Woche in Isfahan. Und zum Schluss wieder in Teheran.
Die Tage am Kaspischen Meer waren gut, wenn auch nicht gerade überwältigend. Wir haben im Hotel Engehlab gewohnt, was soviel wie Revolution heisst. Es ist ein ziemlich grosszügig konzipiertes Hotel mit einer riesigen Lobby über alle 6 Stockwerke, mit zwei Glasliften als die Attratkion dieser riesigen Halle. Wenn noch ein Araber mit zwei oder drei Frauen herumflaniert ist, dann hat das Bild gestimmt. Wir hatten drei Zimmer, und S musste bei der Rezeption schummeln und mit einem guten Trinkgeld nachhelfen, damit sie glaubten, all die jungen Leute (auch mein Neffe und seine Freundin) seien ihre Kinder. Nur so kamen sie in den Genuss, auch mit Rials bezahlen zu können. Die Dollar-Preise sind sehr hoch. Man spürt in den Preisen noch förmlich den Hass gegenüber den den Amerikanern, den das Regime damals geschürt hatte. An der Nordseite des Elburs gibt es tropisches Klima, sehr feucht und warm, mit etlichen Mücken. Sie haben hier den Steigungsregen vom Meer her (das eigentlich ein See - mässig salzig - ist, und nota bene keinen Abfluss hat), und die Berge sind bis zum Horizont hinauf grün bewaldet. Es soll Bären geben und Leoparden, hat man uns gesagt. Das Kaspische Meer ist bekannt für den Stör und den Kaviar, den man von ihm gewinnt. Wir haben dort oben in der Provinz Gilan am Meer jede Menge Fisch-Kebab gegessen. Der Stör hat ein festes Fleisch, und er schmeckt ein bisschen - nur ganz wenig - bitterlich. Er hat mich ein an den Geschmack des Tintenfischs erinnert, den ich sehr mag. Kaviar haben wir keinen gegessen. Ich mag ihn auch nicht so besonders.
Und dann gab es vor dem Hotel den Strand. Zum Baden haben sie für Frauen und für Männer mit Planen je ein Geviert abgegrenzt. Die Frauen mussten rechts vom Hotel, die Männer links. Das ganze war etwa 500 m voneinander entfernt. Als Familie konntest du also nicht gemeinsam baden. Und die Tuchplanen haben auch jede Sicht verdeckt. Das hat mir wirklich nicht gefallen. Normalerweise ist am Meer doch das Schönste die Weite des Strandes und des Wassers, und das Spiel der Familien und der Kinder und das Promenieren der Allerschönsten. Hier war alles in ein 50 mal 50m Karre eingesperrt, voller Männer und Söhne und eine lausige Dusche und in der Mitte ein Gestell, wo alle die Kleider aufhängen sollten. Der Bademeister hat registriert, aus welchem Hotelzimmer du kommst, weiss Gott respektive Allah, wozu. Und wenn du etwa 20m im Meer draussen die Abschrankung ignoriert hast, haben sie bereits mit der Pfeife getrillert. Das haben sie wohl in Bay-watch gelernt. Es war echt mittelalterlich, solches Baden. Und auch meine Schwiegermutter war enttäuscht. Sie war als junge Mutter zu Zeiten des Schahs jedes Jahr während ein oder zwei Monaten mit ihren Kindern hier am Meer gewesen. Und ich habe diese offenen sandigen Strände damals, vor der Revolution, auch noch erlebt. Aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen. Ich ging beispielsweise gerne abends nach 1900h baden. Dann haben sie nämlich ihren Tuchzaun schon geschlossen und teilweise aufgerollt. Aber ganz legal war mein Tun nicht, und ich wurde mit Mistrauen beobachtet. Und auf den Märkten haben wir uns die vielen Handarbeiten angeschaut, die hier vornehmlich aus Holz sind. Es gibt alles Mögliche, und alles für uns sehr billig. Mein Neffe hat ein hübsches Dais-Spiel gekauft, ein Backgammon aus Holz mit Intarsien. Backgammon ist sozusagen der Nationalsport. Doch das Regime hat verboten, es in der Oeffentlichkeit zu spielen. Aber im Privaten kann man es durchaus finden, und es ist ein gutes Spiel, das man sehr einfach aber auch ziemlich raffiniert spielen kann. Es ist also gut für alle Generationen. Mein Neffe musste schon Runden Eiscreme bezahlen, weil er in diesem Würfelspiel wirklich noch kein Meister war, auch nicht sein konnte.
Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt per Auto über das Elbursgebirge. Das kann man sich eigenttlich nur vorstellen, wenn man weiss, wie die Perser autofahren. Sie interpretieren die Verkehrsregeln wirklich sehr grosszügig und sind nicht kleinlich, nein, sie sind sogar echt erfinderisch. So kann es vorkommen, dass du in einer Kolonne hinter einem Lastwagen den Berg hinauf kriechst. Und dann überholt einer links, weil die Strasse im Moment mehr frei scheint als wirklich ist. Und der nächste überholt rechts, auf dem Grienstreifen über Stock und Stein praktisch, indem er eine riesige Staubwolke hinter sich nachzieht. Für europäische Augen sieht sowas einfach abenteuerlich und unglaublich aus. Du denkst du spielst hier in einem Triller mit, einem Streifen, wo du jede Szene, wenn sie quer herauskommen sollte, nochmals spielen kannst. Doch es gibt nicht viele Unfälle, weil alle wissen, dass man sich nicht soserh auf Regeln verlassen kann. Wenn du überholst und es reicht nicht ganz, dann weicht der Entgegenkommende eben etwas aus, geht notfalls auch auf den Grienstreifen hinaus. Diese Fahrt über die Berge dauerte etwa 5 Stunden insgesamt. Und wir haben alle ein bisschen gezittert u nd geschwitzt.





Die Tage in Teheran waren zwar sehr warm, aber angenehm, weil wir zuhause Essen und nachher ein Schläfchen nehmen konnten. Mit der Air Condition ist es in der Wohnung sehr bequem. Wir konnten ausruhen, unsere Reiseführer studieren, Tee trinken und Hendune essen, die rote Wassermelone, die, wenn sie wirklich reif ist, ausgezeichnet schmeckt. Allerdings muss man sie vorher im Kühlschrank lagern, so dass sie kalt ist. Man kann sich daran wirklich zu Tode essen, oder trinken, müsste man eher sagen. Denn sie besteht ja wohl zu 99% aus wasser. Wenn das Fleisch leicht bricht, tiefrot ist, und fast trocken wirkt, dann ist sie wirklich süss. Die Kunst ist, auf dem Markt eine solch süsse Nummer herauszufinden. S hat sie jeweils aufschneiden lassen und sie dann nur genommen, wenn sie wirklich reif schien. Die Grossen schmecken in der Regel süsser als die Kleinen. Wir haben Apparate von 10 bis 15 kg heimgeschleppt. Gegen ein kleines Trinkgeld trägt sie dir ein Bursche bis zum Auto. Wir haben in Teheran natürlich den Bazar besucht, der eher im Süden liegt, und auch die Golestan Palastanlage, die ehemaligen Paläste der Katscharen, die sehr schwach und sehr europafreundlich waren. Damals hat Persien grosse Gebiete im Norden, Azerbeitschan, Georgien, Armenien, Turkmenistan an die Russen verloren, und hat die 0elrechte an die Engländer verschachert. Sie waren eine schwache Dynastie, und ihre Paläste sehen ein bisschen aus wie europäische Fabriken des 19. Jahrhunderts in Backstein, von den Dimensionen her. Aber sonst sind sie natürlich mit wunderbaren Fliessen verziert und noch recht gut erhalten und es gibt einen Marmorthron, auf dem sich sicherlich gut leben liess, weil er etwas kühl ist, und milchig-grünlich.

Ich bin ein bisschen in Eile. Ich werde Dir die Isfahaner Phase das nächste mal erzählen. Ach, ich sollte dir das alles zeigen, damit du es mit eigenen Augen sehen kannst. Mit einem lieben Gruss
...