Donnerstag, 30. April 2020

30 April - Walpurgis - Valborg


Heute pure Nostalgie



Lieber ...,

Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässo- afton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt, wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder (hier ein Beispiel) wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet".





Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala, wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.





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Mittwoch, 29. April 2020

Monsieur Germain an Albert Camus


Louis Germain
...
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normale von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.


Algier, am 30. April 1959

Mein lieber Kleiner,
 von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen. 
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast. Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten. Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis

*
Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. Wir könnten feine Gespräche darüber haben.
Und jetzt bin ich todmüde und schicke dieses Mail. Du musst es nicht gleich alles durchlesen, wenn du keine Zeit hast. Eile ist hier nicht nötig. Aber das wirst du nun ja erst am Ende lesen, kannst es also nicht wissen, bevor du es wirklich gelesen hast.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit, meine Liebe
...



La lettre d´Albert Camus





 en français ici

and in English:
Dear Monsieur Germain,
I let the commotion around me these days subside a bit before speaking to you from the bottom of my heart. I have just been given far too great an honour, one I neither sought nor solicited.
But when I heard the news, my first thought, after my mother, was of you. Without you, without the affectionate hand you extended to the small poor child that I was, without your teaching and example, none of all this would have happened.
I don’t make too much of this sort of honour. But at least it gives me the opportunity to tell you what you have been and still are for me, and to assure you that your efforts, your work, and the generous heart you put into it still live in one of your little schoolboys who, despite the years, has never stopped being your grateful pupil. I embrace you with all my heart.
Albert Camus

Dienstag, 28. April 2020

Ein Brief ...

Subject: Mit Preisfrage diesmal

Liebe Marlena

Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich sie für die Lehrkräfte, um ihnen zu zeigen, wie sehr sie das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.
Und so bekommen Lehrer ihre Rückmeldungen und Feedbacks von den ehemaligen Schülern aus der Zukunft erst um eine Generation verspätet zurück. Du hast mir auch einmal davon erzählt. Das macht die Arbeit schwer. Man bräuchte doch die Rückmeldung sofort, in der gleichen Stunde, in derselben Minute sogar. Aber nein, sie kommen 20 Jahre später. Lehrer sein ist ein hartes und ein sehr langsames Geschäft. Der Fabrikationsprozess geht im Schneckentempo.

Und hier ist dieser Brief. Ich werde ihn in meinem Vortrag über Hochbegabung verwenden. Du hast mich einmal nach dem Vortrag gefragt. Nein, ich habe ihn noch nicht gehalten. Er ist Mitte Juni, glaube ich. Und ich hoffe, du wirst auch unter den Zuhörern sein ;--)) Im Moment bin ich noch im "Kompositions-Prozess". Der Brief also:

19. November 1957

Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen. Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen, die Arbeit und die Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.
Signatur

*
Ich kann dir die Antwort des Lehrers auch kopieren, wenn du das wünschst. Sie ist etwas länger. Aber vielleicht kennst du die Briefe schon, und vielleicht sogar in der Originalsprache, und nicht in deutscher Übersetzung. Ach nein, vielleicht doch nicht original, so rasch wirst du dein Italienisch nicht gelernt haben!

Re:

Lieber ...,
(---)
Hier ein paar Worte von Camus:
"At the heart of all beauty lies something inhuman, and these hills, the softness of the sky, the outline of these trees at this very minute lose the illusory meaning with which we had clothed them, henceforth more remote than a lost paradise . . . that denseness and that strangeness of the world is absurd."

Chéri, deine Preisfrage kann ich nicht beantworten. Du sagst es soll ein Italiener sein aber dann stimmt doch nicht das Jahr, oder? Meinst du Albert Camus damit?
...
Re: Re:
...
Und natürlich hast du Recht mit Camus. Ist er nicht rührend, dieser Brief? Und die Bemerkung mit dem Italienisch war eine falsche Fährte, eine Finte meinerseits, damit du nicht zu schnell draufkommen solltest. Und jetzt spüre ich einen kleinen zärtlichen Box von dir, wegen meiner verspielten Boshaftigkeit. Du spielst die empörte Geliebte, oder die geliebte Empörte, wie immer!
Und damit bekommst du natürlich noch einen K (3)

Montag, 27. April 2020

Unser Schicksal


Liebe Marlena
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Die Wahlfreiheit, die wir kürzlich abgehandelt haben, bringt mit sich, dass jeder etwas Spezielles und Besonderes und Einmaliges sein kann. Aber weil jeder das sein kann, ist es eben wieder normal und gewöhnlich. So paradox ist das Leben, es ist einfach ein Skandal !!! Ist das nicht eine der Grundideen bei Camus? Die Welt ist absurd. Unser Denken und die Welt sind inkompatibel, sie passen schlechterdings nicht zusammen. Wir möchten das ewige Leben, wir möchten die absolute Liebe, wir möchten das reine Schöne. Und was finden wir auf dieser Welt? Es sind alles nur faule Kompromisse. Von Ewigkeit und Absolutheit kann keine Rede sein. Alles ist vermischt und verunreinigt. Sind alles nur halbe Sachen. Da könnte man verzweifeln!!! Und in dieser Lage den Stein immer wieder hinaufzutragen, wie ihn Sisyphos immer wieder hinaufgeschoben hat, der dumme, etwas beschränkte Kerl, immer wieder von Neuem zu versuchen, das ist unser Schicksal. Die Welt ist schon merkwürdig, meinst du nicht, Marlena?

Der Turm, an dem wir bauen, wie du mit Rilke sagst, ist nun auch wieder ein Symbol für dieses Versagen. Der Turm ist ein Symbol für die Vergänglichkeit und die Tatsache, dass unsere Absichten nicht verwirklicht werden können.

Freitag, 24. April 2020

Rom



Ich habe gestern ein Bild entdeckt, das eigentlich ganz interessant ist. Es zeigt eine Gruppe Jugendlicher, die mit ihren beliebten Motorfahrrädern herumhantieren und dabei auch ein bisschen flirten. Die Szene befand sich in einer engen Gasse, was man auf dem Bild nicht bemerkt, nahe der Piazza Venezia.
An der hübschen Wand ist ein Marienbild befestigt, als ob die gute Maria beauftragt wäre, die jungen Leute zu beschützen, mindestens ihnen ihr Wohlwollen herunter zuschicken. Aber das Interessanteste auf dem Bild sind die vielen Leitungen, die rund um dieses Bild herum installiert sind. Wer sowas sieht, der ist nicht erstaunt, dass es ab und zu Wasserbrüche, elektrische Kurzschlüsse und ähnliche Katastrophen in Italien gibt. scheint mir alles ein bisschen improvisiert. Chaotismo eben!




Donnerstag, 23. April 2020

Busfahrt in Rom




Liebe Malou

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Ja, finde ich auch, dass man in einer halbstündigen Busfahrt morgens und abends die einheimische Bevölkerung ein bisschen kennenlernt. Und es gibt ja doch ziemlich erstaunliche Situationen in einem Bus. Auf einer Fahrt war beispielsweise der Entwerterautomat defekt, mit dem man das Ticket abstempeln sollte. Jeder Schweizer würde sich in einer solchen Situation genüsslich zurücklehnen und den Vorteil geniessen, den eine Gratisfahrt bietet. Die Italiener fingen an zu diskutieren, und eine Frau meinte, man sollte das Ticket entwerten, indem man von Hand das heutige Datum draufschreibt. Alle rundum nickten überzeugt, aber zufällig hatte keiner einen Stift im Sack. Na ja, keiner hatte sich auch wirklich bemüht, im Jacket mal nackzusehen, ob vielleicht ein Kugelschreiber verfügbar wäre. Und so sind wir alle frei gefahren, obwohl ein solch hoher moralischer Anspruch in der Luft lag. Das fand ich doch ziemlich scheinheilig. Das war - unter uns gesagt - echt katholisch.
Auf den Abendfahrten waren die Menschen jeweils ziemlich müde. Und jeder war glücklich, der sich einen Sitz ergattert hatte. Einmal war da eine deutsche Familie mit zwei Kindern ungefähr im Primarschulalter. Sie waren bei der Stazione Termini so früh eingestiegen, dass sie alle sitzen konnten. Aber allmählich füllte sich der Bus und etliche Damen und Herren im fortgeschrittenen Alter mussten stehen. Eine Frau fand das sehr unpassend, dass die zwei Kinder sich auf den Plätzen breit machten, während die Grossmütter stehen mussten. Sie fing an zu reklamieren, erst mehr oder weniger vor sich hin. So suchte sie sich einige Verbündete unter den Fahrgästen, stelle ich mir vor. Schliesslich wurde sie immer laut, war daran, einen echten Skandal zu entflammen und fragte die beiden Kinder immer wieder, wo denn ihre Eltern wären, und das dies doch wirklich ungebührlich sei, diese Plätze zu besetzen, wo nebenan schwangere Frauen stehen mussten. Sie konzentrierte ihre Attacken auf die beiden Kinder, obwohl jeder halbwegs sehfähige Mensch bemerken konnte, dass die blonden Eltern gleich zwei Sitze weiter vorne sassen. Die Kinder sassen mit roten Ohren da, bewegten sich nicht und gaben vor, von allem nichts zu verstehen. Und auch die Eltern stellten sich taub und blind. Aber ich glaube, die resolute Italienerin hatte ihnen allen richtig eingeheizt und sie in eine ziemlich unangenehme Situation gebracht. Und die Menschen rundum hatten ihr mit den Augen ihre Zustimmung signalisiert. Nächstes Mal wird sich die deutsche Familie überlegen, wie sie die Plätze belegt.
Oder jene junge Römerin, die in einer Viertelstunde Fahrt drei Anrufe von ihrem Lover erhielt, der zuhause kaum mehr auf sie warten konnte. Jedesmal schilderte sie ihm geduldig, wo wir jetzt gleich vorbeifuhren und wie lange er ungefähr noch warten müsste. Ich stellte mir vor, dass er vielleicht zuhause bereits die Spaghetti in kochendem Wasser hatte. Und da ist wohl jede Minute entscheidend, wenn man die Dinger 'al dente' behalten wollte. Na ja, diese Fantasie hatte ich, weil meine Freunde eine solche Rollenverteilung hatten, dass er früher vom Büro kam und zuhause kochte. Er stellte den Fernseher auf absolute Lautstärke, liess eine von den lockeren Vorabendserien losflimmern, und machte sich dann in der Küche zu schaffen, nicht ohne alle paar Momente hinüber in den Wohnraum zu treten, um im Film keine filmische Wendung zu verpassen. Kurz und gut: er machte es sich sehr gemütlich. Doch seine Spaghetti schmeckten schliesslich perfekt, wenn seine Tina so gegen 9 Uhr auch heimkam. Sie übernahm dann noch schnell, den Salat zu waschen und zuzubereiten. Und nach dem Essen putzte sie die Küche. Ist doch eine ziemlich römische Rollenverteilung, nicht wahr?
Wir haben hier sehr trübes Wetter. Und ich bin noch ein bisschen müde nach dem grossen Essen, das wir gestern hatten. Für einen guten Schlaf darf ich abends nicht zuviel essen. Na ja, manchmal kommt man eben nich daran vorbei.
Ich wünsche Dir einen guten Tag
Mlg+k
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Rome - historical moments

7 april 2005

Lieber ... ,
Ja, es scheint als sei das ganze Fokus der Welt auf das Geschehen in Rom konzentriert. "un delirio di massa", wie es meine römer Bekannten nennen. Aber irgendwie verstehe ich die Reaktion der Menschen, jedenfalls der Polen, die ja diesem Papst ihre Freiheit zu verdanken haben. Ich habe einen stundenlangen Dokumentarfilm über ihn gesehen. Ich wusste nicht so viel über seinen Hintergrund. Er war Schauspieler und Dichter und später auch Fabriksarbeiter. Und immer wieder nennt man seine schöne Stimme. Und weisst du, dabei denke ich an dich. Auch du hast eine wunderschöne Stimme die man nicht vergisst, wenn man sie gehört hat.

Gerade habe ich im Fernsehen von einer neuen katholischen Jugendbewegung gehört, die "Papa Boys". Es sind junge Leute, die sich direkt angesprochen fühlen von Johannes Paulus und die nach seinen strengen moralischen Regeln leben wollen. Habe ich wirklich richtig gehört? 10 Millionen sollen es schon sein.


8 Apr 2005, 10:01

Lieber ...
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Heute habe ich eine gute Definition über Katholizismus kontra Protestantismus gehört.. Die Diskussion galt dem Papst und seinen "reaktionären" Ansichten über u.a. Sexualität.

Katholizimus:
Hier ist das Ideal (zeigt nach oben) und da bist du. Du wirst nie das Ideal erreichen, aber  wir werden dir helfen ihm nahe zu kommen.
Protestantismus:
Hier ist das Ideal.. und da bist du. Du wirst das Ideal niemals erreichen.. also passen wir es dir an.. (velegen es auf dein Niveau).

Klar werde ich die Sendung aus Rom sehen. Ich werde sie mir auch auf Video aufnehmen. Es ist doch etwas ganz einmaliges, was da passiert. Millionen Menschen haben sich nach Rom begeben, um daran teilzunehmen.

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8 Apr 2005, 13:26

Liebe Malou
Lass mich mir erlauben, dich zu korrigieren. Schliesslich bin ich ein alter Lateiner. Es heisst CETERUM CENSEO. Ceterum heisst 'im übrigen' oder 'des weiteren'. Aber das ist ja doch eine Kleinigkeit. Ich habe kürzlich ein kleines Büchlein gekauft mit dem Titel: Latein für Angeber. Der Titel hat mir gefallen und im Übrigen liebe ich diese lakonischen lateinischen Sprichwörter und Wortprägungen.

Der Vergleich zwischen Katholizismus und Protestantismus überzeugt mich noch nicht ganz. Stelle dir vor, du konstruierst eine Examensprüfung, bei der es unmöglich ist, eine Note 6 zu erreichen. Du sagst als Lehrerin, das sei das Ziel, aber es ist kaum zu erreichen. Alle protestantischen Schweden und Schwedinnen werden protestieren. Und die katholischen dazu.

Der Platonismus, den die Kirche verkündet, funktioniert vielleicht etwas anders. Man könnte dies beim Idealismus beobachten. Ich erinnere mich an die Zeit in Zürich, damals im Jahre 69 hielt der bekannte Zürcher Literaturprofessor und damalige quasi Literaturpapst Staiger anlässlich der Ueberreichung des Zürcher Kulturpreises eine Rede, die damals enormen Wind entfacht hatte. Staiger hatte gefragt, weshalb moderne Autoren von Huren und Bettlern und Verbrechern und all den schlimmen Gestalten schreibe. Er fragte - ganz wörtlich, denn daran erinnere ich mich - er fragte 'in welchen Kreisen verkehren sie'? Das war, mindestens in meiner Erinnerung, das Ende des Idealismus. Staiger war spezialisiert für die deutsche Klassik, für Schiller und Goethe. Ich habe damals eine Vorlesung über Rilke von ihm gehört.
Ich glaube, mindestens in der Kunst ist es nicht mehr möglich, zurückzukehren und das Gute und das Erhabene vorzuzeigen. Meines Wissens ist Ingres einer der letzten.
Soll man sich selbst hohe, geradezu göttliche  Ziele setzen? Oder soll man sich erreichbare, d.h. menschliche Ziele setzen? Irgendwie schimmert da doch der Unterschied zwischen den Katholiken und den Protestanten durch.

MlG

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date 8 April 2005

Lieber ...,
Danke für deinen schnellen Kommentar.. und für die Berichtigung meines Lateines. Ich habe diese Sprache nur 1½ Jahre studiert, denn ich ging die neusprachliche Linie. Aber diesen Spruch habe ich immer irgendwie gemocht. Jemand, der an seiner Auffassung festhält. Doch wenn ich das sage so protestiert gleich etwas in mir und sagt, dass ich auch sehr Leute schätze, die sich ändern können. Ach, was sind wir für komplizierte Geschöpfe.
Doch, ich bin der Meinung, die Ideale sollen so hoch sein, dass man sie eigentlich kaum erreichen kann. Nur dann bleiben sie Ideale. ;-))
Ich habe den ganzen Vormittag in Rom verbracht. Es war grandios und auch würdig. Ich bewundere die Organisation. Und ich muss auch zugeben, dass ich gerührt war. Ich dachte, wenn ich nicht katholisch wäre, würde ich Lust haben zu konvertieren.. :-)

Jetzt hat es angefangen zu regnen. Ich war froh, dass der liebe Wettergott die Römer heute Morgen davon verschont hat.

Grüsse dich nochmals lieb und wünsche dir einen guten Start des Wochenendes./> Malou

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date 8 April 2005 12:49

Lieber ... ,

Ich balge mich mit der englischen Sprache herum - very difficult - at least the spelling of ít. But as you can see, gmail has got Check spelling. Perhaps you already have noticed?
I let you read one of my letters to my roman friends to give you an impression.

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Thank you very much for all those wonderful and interesting pictures from Rome in this historical moment. But how on earth was it possible for you to make them? Were you flying over the crowds like an angel? Or did you have some kind of permission to use the file "per le autorità"?
When I see and hear about all those people, I just wonder how they manage with all the practical things. I mean, where and when do they eat? Do they have toilets? Where do they rest (or sleep)? It must be exhausting for some people to stand and wait. I know about the arrangements the Roman authorities have made to help all people. This situation must be extremely difficult to handle - almost impossible. "un delirio di massa" as you call it. The world has not seen anything like it. And you are in the centre of this historical event.
We see what is going on every day in Rome. Only some minutes. This is in fact the first time that I would like to have "un impianto satellitare". Until now, I've thought I can manage without, because I don't look at TV so very much..
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No, you must not think we live in a very protestant world here in Sweden. In fact, most people don't care at all about religion. And the ones who do, often belong to a nonconformist church. The catholic church is highly thought of and a lot of prominent people in Sweden are Catholics.

I saw a wonderful documentary about the pope and his life. It was highly interesting. But most of all it showed the political importance of John Paul II and his contribution to the fall of the Iron Curtain.
Well, I think it must be difficult to succeed such an outstanding Pope and I'm curious to know who will be chosen for this important task.
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9 Apr 2005, 10:23

Lieber ...
Ich habe das Begräbnis in Rom gesehen. Es war sehr eindrucksvoll. Dieser ganz einfache Sarg inmitten all der Pracht, erinnerte daran, dass ïrdische Güter nichts mehr bedeuten, wenn man das Leben verlassen hat.



Besonders habe ich mich gefreut, dass die "Grossen" unserer Welt, die gekommen waren um den verstorbenen Papst nochmals zu ehren, sich hier einmal unter friedlichen Umständen sehen konnten.
Dabei können natürlich auch nicht erwünschte Dinge passieren, wie z.B. der Handschlag zwischen Prinz Charles und Mugawe. Darüber regen sich heute unsere Medien auf.

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11 Apr 2005, 15:29

Liebe Malou
Weisst du, was mir auf aufgefallen ist an der ganzen Zeremonie?  Der Sarg stand auf einem Perserteppich, geknüpft mit islamischen Frauenhänden (meist wohl, sofern nicht sogar Mädchenhände, was auch nicht auszuschliessen ist). Sonst habe ich mich nicht sehr damit beschäftigt. Es war ein kaltes Wochenende und mein Internetzugang war total blockiert. Das ist ungefähr so, wie wenn dir im Urwald das Handy abhanden kommt. Rundum kreischende Affen und keine Hoffnung, sich mit Hilfe einer menschlichen Stimme etwas zu beruhigen.
MlG

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19 Apr 2005, 07:36

Liebe Malou
Im Radio berichten sie über den schwarzen Rauch in Rom. Es ist wirklich ein gut inszeniertes Theater, was dort unten geschieht, nicht wahr. Gut ausgedacht. Die Kardinäle haben geschworen, dass sie Stillschweigen wahren werden. Stelle dir vor, alle würden ihre Gründe für oder gegen eine Wahl laut in den Zeitungen breitschlagen. Alles Geheimnisvolle würde dahinschwinden. Der neue Papst würde zur durchschnittlichen Person mit vielen Schwächen, wie man nachlesen könnte, und vielen positiven Seiten, wie man ebenso nachlesen kann. Diese Relativierun-gen lässt die katholische Kirche beiseite, indem sie mit viel Pomp und theatralischem Aufwand einen neuen Papst aus dem Zylinder zaubert, wie man anderswo Kaninchen rauszieht. Erst das bringt die Menschen zur Bewunderung. Ich finde, sie sind genial, die alten und erzkonservativen Katholiken dort unten in Rom. Und sie sind irgendwie topmodern mit ihren Fernsehmethoden. Und das ist eigentlich meine alte These, Malou, worüber ich ganz stolz bin. Man kann doch sagen (achtung, meine These folge...!), dass mit der Reformation und dem Aufkommen der Schrift der Norden Europas, also die protestantische Seite die Führung in der zivilisatorischen Entwicklung übernommen hatte. Die protestantischen Länder haben die Führung übernommen und die Aufklärung vorangetrieben. Die französische Revolution geschah geradezu gegen die katholische Kirche. Jahrhundertelang war der katholische Mittelmeerraum in Führung gewesen. Aber das war jetzt vorbei. Mit der Bibel und der Schrift hatte der Norden jetzt das neue Medium. Der protestantische Norden war on top of time und trieb die Modernisierung voran. Und heute wendet sich das Blatt wieder. Mit dem Fernsehen gerät das Bild wieder in den Vordergrund und verdrängt die Schrift. Junge Leute lesen kaum noch. Und diese Dominanz des Bildes hat die katholische Kirche natürlich seit der Gegenreformation aufs Gründlichste gelernt und öffentlich ausgespielt. Die Barockbilder waren im Grunde perfekteste Fernsehbilder. Sie waren die Bibel für all jene, die nicht lesen konnten. Fernsehbilder heute sind für all jene, die nicht lesen.

20 Apr 2005, 06:41

Liebe Malou
Am Wetter hier hat sich nicht viel geändert. Tief bewölkt, kühl, eher feucht und ... die schlimmste Neuigkeit, erst Mittwoch.
Hast du gehört vom neuen Papst? Ich bin nicht begeistert vom Papa-Ratzi. Ich meine, es hätte soviel Auswahl gegeben. Und es gab soviele gute, südamerikanische Typen, die papabile waren. Und dann wählen sie nicht nur einen Deutschen, sondern einen Bayern. Das finde ich nachgerade nicht sonderlich originell. ... Ein Papst und ein Deutscher passen nicht besonders zusammen. Ich hätte ziemlich viel Geld gewettet, dass Ratzi nicht gewählt wird. Ich hatte es als unmöglich angeschaut. Und ich weiss nicht, was in diese Römische Bande gefahren ist. Nun, wenn man seine Greisenstimme hört, kann man vielleicht hoffen, dass er nicht zu lange bleibt.
Was findest du dazu?
MLG

date 20 April 2005 08:35

Lieber ...,
Ja, wir haben Schnee und wir haben einen neuen Papst. Und du willst meine Meinung über ihn wissen? Nun muss ich dir sagen, dass es mir bisher immer ziemlich egal war, wen man gewählt hat. Erst durch Johannes Paulus habe ich gemerkt, welch grosse politische Rolle ein Papst spielen kann. Doch ich persönlich glaube, dieser Paparatzi.. wie du ihn nennst, kann der Welt etwas Gutes zuführen. Er hat ein scharfes Intellekt und man sagt von ihm (was ich nicht erwartet hatte) dass er ein demütiger und "lågmäld" Mensch ist. Lågmäld finde ich leider nicht im Wörterbuch. Man sagt "mit leiser Stimme", aber in dem Wort liegt etwas mehr. Ein Mensch, der sich nicht aufdrängt, der nicht "preussisch" ist in seinem Benehmen.. Feine gebildete Menschen besitzen oft diese Eigenschaft. Du siehst ich lüfte hier meine Vorurteile.. ;-)
Und wie du siehst, so glaube ich also, dass er nicht typisch "deutsch" ist. Ich glaube, die ihn gewählt haben, wissen warum sie es getan haben. Leute, die man auf dem Petersplatz gefragt hat, sagen: Gott hat gewählt.. Nun, darüber wissen wir nichts. Doch man kann natürlich hoffen, dass auch er ein wenig "einen Finger im Spiel" hatte.
Ich habe mit K etwas diskutiert. Im Grunde glaube ich er ist stolz eine katholische Frau zu haben, aber bei solchen Diskussionen verteidigt er seine protestantische Kirche, um die er sich sonst überhaupt nicht kümmert.

Mittwoch, 22. April 2020

"christianisierte Antike"



Piazza Santa
...
Es ist nebelig heute morgen, und die Tauben sitzen etwas depressiv dort oben auf dem Dachfirst. Aber bestimmt riechen sie, was in der Luft liegt. Bis Mittag wird doch sicherlich die Sonne wieder erscheinen und uns schönes Wetter schenken.
 ...

Ich füge hier ein Bild ein. Es ist ein Ausblick von der Kuppel des Petersdoms auf die Piazza Santa (so ist es auf den Autobussen angeschrieben) und die Engelsburg. Dahinter, der grosse helle Komplex, das ist der Justizpalast. Ist ja auch merkwürdig, dass die Italiener einen solch stattlichen Palast haben für ihre Justiz, wenn man weiss, wie sie mit ihr umgehen. Und das ganze liegt in Trastevere, also jenseits des Tiber. Das ist ein stattlicher Ausblick, nicht wahr?
Was mir immer wieder gefällt, sind diese vielen Statuen, die Heiligen, auf den vatikanischen Kolonnaden. Das ist sozusagen christianisierte Antike. Darauf falle ich immer wieder herein. Das gefällt mir immer wieder. Und auch die barocken Kuppeln packen mich. Sobald eine erscheint, zücke ich meine Kamera. Jedes Mal I fall in love. Ich kann es weder erklären noch ändern. Na ja, will ich eigentlich auch nicht.

Ich muss jetzt mal herausfinden, wie ich die Bilder in den Fotofolder transportieren kann. Dh. ich weiss das schon, aber ich möchte sie in einem speziellen Arrangement.

Mit lGuK


Dienstag, 21. April 2020

Nochmals Mr. Blix


Liebe Marlena 
---
Gestern habe ich nochmals Mr. Blix im Fernsehen

gesehen. Er scheint ein mutiger Mann und es gefällt
mir, wenn er den Amis ein bisschen auf die Zehen tritt.
Er wird im Juni in Pension gehen, hat er offenbar
irgendwo geäussert, und hat die Absicht, sich in sein
Ferienhäuschen zurückzuziehen. Der Glückliche! Er
hatte wirklich eine Herkules-Mission zum Schluss
seiner Karriere. Und er hat als David zwischen den
übermächtigen und arroganten Goliaths sein Bestes
daraus gemacht. Jetzt geht er bald in sein Refugium.











Ich stelle mir sein Ferienhäuschen vor an einem
menschenscheuen schwedischen See mit tintiger
Wasserfläche, umgeben von schwarzen Wäldern
voller neugieriger Grizzlis. Und über dem Eingang
des einfachen Blockhauses,...  die Jagdtrophäe,
das stattliche Riesengeweih eines Elchs, das in der
Hütte die bösen Geister fernhält. Mr Blix wird nicht
daran glauben, aber er weiss, ein solches Geweih
wirkt auch bei Ungläubigen. Er wird die Zeit der
bösen Geister definitiv hinter sich haben.
*



Ich bin unterbrochen worden. Und mittlerweile ist
es schon bald 11.00h. Ich will also, wie versprochen,
diesen Text in die Mühle geben, ...
Mit einem lieben Gruss zum schönen Tag.



Re:  Nochmals ...

Lieber ...,
---
Schade, dass du unterbrochen wurdest. Müsstest eigentlich ein Schild an die Tür hängen: Marlena-time, bitte nicht stören!

 











Ich glaube nicht, dass sich Blix ein Elchgeweih aufhängen wird. Für uns sind Elche etwas ziemlich alltägliches und wir verstehen nicht die Deutschen, die ganz verrückt sind nach diesen Tieren. Sogar unsere Verkehrsschilder mit Elchen drauf stehlen sie.
Aber sicher hat Blix ein schönes Sommerhäuschen irgendwo an einem See oder an der Küste. "Il faut cultiver notre jardin!" Wie recht er hatte, Voltaire. Das ist eine Beschäftigung, die einem im hohen Alter noch Freude machen kann.

Montag, 20. April 2020

Verhandlungsgeschick - Diplomatie

Forts. Hans Blix
...
Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen. Wir gehen herum, halten krampfhaft unsere Börse und nehmen die Fröhlichkeit und Nettigkeit des Verkäufers als reinen perfiden Hinterhalt. Aber er meint sein Lächeln nicht als Trick, er will durchaus freundlich sein, er will dich gewinnen und seine Regeln des Handelns erlauben ihm dies alles. Dass man die Artikel in seinem Laden mit einem Preisschild bezeichnen könnte, fände er einigermassen dumm. Das würde ihm die ganze Freude des Verkaufes nehmen, und er hätte keine Möglichkeit, bei einer ärmeren Frau sein Mitleid fliessen zu lassen, bei einem Reichen den Betrag wieder hereinzuholen, also eine Art von kleiner Gerechtigkeit spielen zu lassen. Auch solche Händler haben, wie ich immer wieder festgestellt habe, ein grosses Ehrgefühl. Das Ziel des Verkaufes ist vielleicht, beide, Händler und Käufer glücklich zu machen. Und wenn das manchmal auf der zweiten Seite nicht zu lange andauert, liegt es meist an der Dummheit des Käufers. Im orientalischen Markt gehen Käufer und Verkäufer davon aus, dass beide wissen, was sie wollen. Der Käufer hat die Ware geprüft - dazu dient nicht zuletzt die Zeit, die er beim Feilschen einsetzt - weiss, wieviel Interesse er dafür hat, ob und wie dringend er das Ding braucht. Zur gleichen Zeit prüft der Verkäufer den Käufer, versucht herauszufinden, wie gross sein Interesse ist und wie viel Ressourcen er zur Verfügung hat. Im Spiel des Feilschens werden diese zwei Positionen zwischen zwei Menschen, das heisst eben Personen mit all ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten von den schauspielerischen bis zu jenen Zufälligkeiten des Momentes ausgespielt, um einen Konsens in der Mitte zu suchen. Doch die Mitte ist eben nicht allein von anonymen Marktgesetzen vorbestimmt, sondern ist ein Resultat des Horizontkreises, den die beiden Akteure des Marktes ziehen. Darin ist viel Menschliches und einer guten Feilscherei zuzuschauen, das ist soviel wie ein kleines Kunststück geniessen. Meine Schwiegermutter ist darin eine Künstlerin. Und sie versteht es, ihre Feilschereien immer sehr lustig zu machen. Vielleicht ist das eine Strategie, das Herz des Gegenübers aufzuweichen? Auf jeden Fall ist Lachen, wie wir alle wissen, gesund. Es handelt sich also nicht bloss um Kauf und Verkauf, sondern ebenso um eine kleine Therapie, um eine soziale Unterhaltung, um einen Wettbewerb, ein Spiel, um eine moralische Auseinandersetzung, kurz und gut: um die Begegnung zweier Menschen. Doch davon haben wir Westler kaum mehr Ahnung. Der orientalische Markt erfordert Intelligenz, der westliche vielleicht bloss Geld.

Doch wir waren bei Blix. Auf diesem Eis also bewegt sich der gute schwedische Diplomat. Doch als Diplomat wird er sich in solchen Dingen auskennen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist ja doch wohl das dauernde, primitive Säbelrasseln der Amerikaner, das wir alle kaum mehr zu ertragen vermögen.
*
Heute ist einigermassen mildes Wetter mit einem hellen, leicht bewölkten Himmel. Ich habe viel zu tun heute Samstag. Und nachmittags möchte ich noch rasch nach Basel. Ich glaube, es gibt Ausverkauf und ich will mal sehen, ob ich mit meinen Möglichkeiten des Feilschens etwas erreiche.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...

Sonntag, 19. April 2020

Hans Blix - eine gewissenhafte Figur


  Datum: den 18 januari 2003

Liebe Marlena
Merci für den Artikel über Hans Blix. Lange hatte ich nicht gewusst, dass er Schwede sei. Und im Fernsehen, wenn immer ich diesen Mann mit seinem Hut und seiner durch und durch soliden, bürgerlichen Erscheinung gesehen habe, fand ich ihn lustig. Das hing auch an seinem Namen. Es klingt alles so gewöhnlich, sieht so gewöhnlich aus, und dabei geht es hier um nichts weniger als um Krieg und Frieden. Diesen Zusammenhang habe ich immer ziemlich krass gefunden. Doch wahrscheinlich müssen wir von Glück reden, dass wir eine solch unscheinbare, aber gewissenhafte Figur haben, die in diesen sensiblen Bereich zwischen den Kanonen arbeitet. Es gibt ja zwei Typen von Menschen: es gibt die Blender, die grossartig erscheinen und die Welt mit eloquenten Worten für sich einnehmen. Und es gibt die bescheidenen Typen, die sich zurückhalten, die dann aber im Hintergrund Grosses leisten. Ich glaube, Blix ist von der zweiten Sorte. Und wir hoffen alle, dass er seine Arbeit für uns alle gut macht und sich von den Iraqis nicht an der Nase herumführen lässt.

Ich kenne diese Menschen aus dem Mittleren Osten ein bisschen. Sie haben in ihrem taktischen Verhandlungsgeschick einfach ein breiteres Register, als wir Westler es tun. Das hängt meiner Meinung nicht zuletzt damit zusammen, dass sie über eine andere, integralere Logik verfügen. Wir Menschen aus dem Westen sind ja doch sehr beeinflusst und geprägt von der naturwissenschaftlichen Logik, von klaren und distinkten Ideen und der Unterscheidung wahr und falsch. Das alles haben die Orientalen viel weniger. Während wir sozusagen in grossen, autobahnähnlichen mainstreamartigen Bahnen denken, denken sie in kleinen Pfaden und Abkürzungen und Umwegen quer durch das Gelände und Gebüsch. So erreichen sie ihren Punkt schneller als wir den unseren. Wir haben immer wieder den Eindruck, sie würden uns hintergehen.

Denk an die Gefühle, die uns in einem orientalischen Bazar aufkommen.  Wir ...


Donnerstag, 16. April 2020

Mittwoch, 15. April 2020

Armer Papst

Nov. 2004

 "Dein Bild vom Petersplatz war wunderschön. Aber, der arme alte Papst. Wer hätte gedacht, dass dieser Mann so enden würde. Das Leben ist grausam."


Re:

Liebe Malou
Vielleicht ist das schlimmste an der Ansicht des Papas der Bildschirm.



Vielleicht hat der alte Mann immer noch undendliche Glücksgefühle, wenn er vor dem Petersdom vor aller Welt eine Messe feiern kann und wenn ihm links und rechts jede Handreichung geboten wird. Vielleicht fühlt sich das an, wie in dem Moment, da ein Greis seine alte Geliebte küsst.
Ach, ich weiss es nicht. Es gab in der Schweiz grosse Diskussionen, weil ein Theologe aus Basel gefordert hatte, der Papst sollte doch zurücktreten. Er hatte damit die halbe katholische Kirche schweizweit gegen sich aufgebracht und man warf ihm vor, ein Verräter zu sein. Zu Zeiten der Inquisition wäre er bestimmt geköpft worden.
Mir war lange nicht ganz klar, weshalb sein Vorschlag so schlimm sein sollte. Offenbar könnte ein Papst theoretisch zurücktreten. Aber wenn er das tut, dann ist das Papsttum bloss mehr ein Amt, und nicht sozusagen die Inkarnation der Stellvertretung Petri. Na, so ungefähr würde ich mir das vorstellen als Semi-Katholik.
Damals, als in der Schweiz soviel über diese Frage geredet worden war, gab es auch eine Fernsehdiskussion. Und ich war erstaunt, wie sehr die zwei jungen Leute (sie kamen aus der katholischen Innerschweiz, woher auch die Gardisten zu kommen pflegen) den Papst unterstützten und argumentierten, dass er der ganzen Welt zeige, wie das Alter eine Realität sei und wie man im Leben auch Leiden auf sich nehmen sollte. Sie haben den Papst unterstützt und nicht befürwortet, dass er zurücktrete.
Aber auf dem wunderbaren Petersplatz wirkt das alles halb so schlimm. Es sieht einfach alles grandios aus bei Sonnenschein und bei Menschenmassen aus der ganzen Welt. Es ist wirklich ein friedlicher Moment, hatte ich den Eindruck, natürlich eine Mischung zwischen Kultur und Folklore.



Was mir auch immer wieder ins Auge sticht, sind die grossen Bilder, die man oben an St. Peter aufgehängt hatte. Das ist für Protestanten vielleicht das Allerfremdeste. Dieser gewisse Personenkult bis hin zu Selig- oder Heiligsprechungen, das können die Reformierten nicht verstehen.

...




Die Engelsburg






Liebe Malou
Wenn es gelingt, schicke ich Dir noch ein Bild. Vielleicht mal eines der Engelsburg, jenem hässlichsten Bau Roms. Das runde Möbelstück ist zwar rund 2000 Jahre alt. Es hat als Fluchtburg für die Päpste gedient. Es gibt einen geschützten Gang vom Vatikan in diese alte Backsteinburg. Sie ist wirklich nicht hübsch.


Aber die Brücke vorne dran macht doch eine recht feierliche Atmosphäre. Meist ist sie überfüllt mit Schwarzen, die dort ihre kleinen Handarbeiten, Gürtel und Taschen, verkaufen.
MlG
...




 *




2020

Dienstag, 14. April 2020

"farbenprächtige Internationalität"




Liebe Malou
Hier noch ein Bild, direkt aus dem Vatikan. Es heisst wohl "Die Farbigen" oder so ähnlich. Die beiden breiten afrikanischen Hintern haben mich dazu animiert, von diesem Winkel her zu knipsen. Ich finde, es gibt einen schönen Eindruck von einer farbenprächtigen Internationalität.
Eigentlich heissen die Gardisten gli svizzeri, und viele kommen aus dem Wallis oder aus anderen katholischen Teilen der Schweiz. Im Wallis sind Alt-Gardisten, die meist keine Ausbildung hatten und im fortgeschrittenen Alter, wenn sie aus Rom zurückgekehrt sind, auch keine Frau oder Familie. Aber wahrscheinlich hatten sie ein grosses Konto im Himmel.

Die Gardisten schaffen es, dass wir Schweizer, wenn wir den Vatikan besuchen, uns ein bisschen zuhause fühlen. Wir können sie nämlich in unserer Muttersprache um Rat und nach dem Weg fragen. Und meist haben auch sie Freude daran, und in ihren Reaktionen kannst du ein bisschen Heimweh nach den Schweizer Bergen feststellen. Es ist ja auch ziemlich öde, stundenlang am Tor Wache zu stehen. Und manchmal ist es auch ziemlich warm.
Die farbige Uniform tragen sie bloss sonntags. Ich glaube, sie ist ein Design aus der Hand Michelangelos: ziemlich unpraktisch, aber schön und imposant anzusehen.
Mlguk
...
Kunstwerk mit Gardist ;-)

Römer

Liebe Malou
Noch ein paar Fotos über die Römer. Man hat manchmal den Eindruck, man befinde sich in einem Dorf.


Der Maler war in einer kleinen Strasse in der Nähe des Campo dei Fiori beschäftigt. Er war kein grosser Künstler, aber sehr vertieft in sein Bild. Der andere ist ein Porträtist auf der Piazza Navona.


Das sind die Leute, die Touristen kopieren. Und man sollte nicht meinen, dass das allzu leicht sei. Er hat hinten zwei Müsterchen aufgehängt.


Dann haben wir Antonio, der während der Arbeitszeit telefoniert wie alle Italiener. Ich fand diesen Kontrast zwischen Plastikwelt und robustem Bauarbeiter ganz fotogen.


Und schliesslich Claudia auf ihrem Motorino. Sie sieht ganz keck aus und ist natürlich so beweglich, wie sonst niemand in der Stadt. Weder mit U-Bahn noch mit Bus kommt man so rasch vorwärts. Es gibt jede Menge dieser Motorinos, und sie kommen daher wie Hornissenschwärme.
Ecco Roma.


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Montag, 13. April 2020

Rom und Zürich


Liebe Malou
Ich glaube, ich schicke Dir wieder mal ein Römerbild. Hast Du den Stadtplan dabei, damit Du dann auch genauestens orientiert bist. Ich behaupte, in einer halben Stunde kann man das Zentrum Roms auf einem Plan kennenlernen, dass man sich dann schon ziemlich gut auskennt, sodass man kaum mehr verloren gehen kann. Und ich muss gestehen, dass ich mich nach einigen Tagen dort nach meinem Bild Zürichs orientiert habe. Ich würde sagen, dass Zürichs Zentrum ungefähr gleich gross sein muss. Die Via del Corso ist die Bahnhofstrasse. Die Universität liegt ungefähr im Raum der Stazione Termini, wo dahinter ja wirklich auch die Uni liegt. Der Vatikan wäre ungefähr der Uetliberg. Und das Forum Romanum stellt als eine Art Steinwüste den Zürichsee dar.
Aber ich habe diese Vorlage nicht bewusst genommen, sondern habe erst im Nachhinein bemerkt, dass es in meinem Kopf so abläuft. Schau mal dieses hübsche Foto.

Santi Luca e Martina
Ich glaube, es war eines der ersten, die ich knipste. Es war gegen Abend und ich kam von Termini herunter. Und da fand ich diese Gruppe Jugendlicher vor der Kirche S Martina e Luca. So glaube ich zumindest, dass sie heisst. Sie liegt gleich neben dem Forum Romanum. Diese Kuppelkirchen, typische Barockgebilde, haben es mir einfach angetan. Ich habe sie von allen Seiten fotographiert. Sie prägen ja auch die Sky-Line Roms. Und sie sehen aus allen Seiten gleich aus ;--).
(---)
Schön ist die Abendsonne auf dem Bild und der Kontrast der doch überaus vergänglichen und volatilen Ballone vor dem Hintergrund der Kirche, die ja schon fast sowas wie die Ewigkeit repräsentiert.


Freitag, 10. April 2020

Glad Påsk




an alle lieben Leser


Glad Påsk


Frohe Ostern

Happy Easter

   Joyeuses Pâques 




.

Mittwoch, 8. April 2020

The Consolations of Philosophy



Nur ein Artikel.. in aller Eile

Lieber ...,
Ich schicke dir diesen Artikel über Alain de Bottons Buch.
Somit kannst du ein wenig "brush up your English". :-)
---.

Humphrey Carpenter in The Sunday Times

Six of the best, in deep thought
"There are more books on books than on any other subject: all we do is gloss each other. All is a-swarm with commentaries: of authors there is a dearth." So wrote the essayist Montaigne in the late 16th century, and, at first glance, Alain de Botton’s new book seems to run a risk by quoting this remark in its chapter on Montaigne, since the book itself exemplifies this trend, which has continued unabated since Montaigne’s day.
The Consolations of Philosophy is certainly a commentary rather than a work of original thought; but few discussions on the great philosophers can have been so entertaining. De Botton takes us on a brisk, playful tour of the lives and ideas of half-a-dozen of the big names in the history of philosophy, done in the manner of his celebrated How Proust Can Change Your Life.
Short, often whimsical passages of prose are punctuated with little pictures dotted around the text. As in the Proust book, these have occasionally been chosen with irritating facetiousness - for example, the passing mention of chocolate milk gives rise to a photograph of a packet of NesQuik. Yet most are thoroughly justifiable. The pictures of Schopenhauer sunk in a typical angry gloom and of Nietzsche sporting a ridiculous moustache like a hearth-brush superbly complement de Botton’s verbal portraits of these two restless thinkers. Even better, the weeping Adam and Eve from Masaccio’s fresco of the Expulsion from Eden provides an eloquent visual climax to the excellent chapter about Schopenhauer’s analysis of misery.
De Botton’s title alludes, unacknowledged, to the De Consolatione Philosophiae of the 6th-century philosopher Boethius, but de Botton uses "consolation" in an entirely modern sense. His tour begins with a chapter called Consolation for Unpopularity, which is about Socrates. The title and its subject-matter don’t really mesh here, since Socrates didn’t care two figs that he was unpopular with the Athenian rabble, who had him sentenced to death because they blamed him for the city’s misfortunes. Moreover de Botton’s exposition of the Socratic method (philosophy by question-and-answer) doesn’t improve on, or add to, Plato’s readable accounts of his old teacher. How could it?
In contrast, the Greek philosopher Epicurus gets a witty chapter with a fresh feel, entitled Consolation for Not Having Enough Money. De Botton begins it by listing the constituent parts of his imaginary ideal lifestyle but, as it progresses, the chapter shows us that Epicurus, supposedly the high priest of hedonism, actually preferred water to wine, bread and cheese to fancy cooking, and the company of friends to limitless wealth. Consequently, de Botton (aided by appropriate illustrations) revises his list to a few simple needs, of which the most important is friendship.
The chapter Consolation for Frustration unpacks the stoicism of Seneca, who (among other things) warns us against getting into rages with inanimate objects. De Botton might have cited John Cleese in Fawlty Towers beating his car with a tree-branch when it won’t start. Instead he retells the legend of Cyrus, king of Persia, who was so furious with the river which had drowned his favourite horse that he wasted military time by ordering his army to punish it by dividing it into 360 feeble little channels.
Following current fashion, de Botton makes the book into something of a personal quest. Every so often he drops little pieces of autobiography - or maybe fiction - into the narrative. In the chapter on Montaigne, Consolation for Inadequacy, we glimpse him experiencing impotence on holiday; and in the Schopenhauer chapter, Consolation for a Broken Heart, he chats up a girl on a train, but is rejected. Finally, in the Nietzsche chapter, Consolation for Difficulties, he climbs one of Nietzsche’s favourite Alps, and recites some of the philosopher’s words, but it exhausts him.
These self-deprecating personal touches are quite unnecessary. When de Botton sticks to the facts, he always has a story to tell - and tells it with sparkle. Montaigne is the most charming member of his cast, a man who should have been a book-reviewer, since he declared that if we find a book incomprehensible we should blame the author rather than ourselves.
On the other hand, the prize for ideas-ahead-of-their-time should probably go to Schopenhauer, who wrote with immense shrewdness on falling in love, despite - or perhaps because of - being rejected by every woman he ever wooed. He anticipated Richard Dawkins in perceiving that the apparently selfless process of falling in love is, in fact, governed by the extreme selfishness of our genes. De Botton writes with tender sympathy about the eccentric philosopher, who argued "this world could not have been the work of an all-loving Being, but rather that of a devil, who had brought creatures into existence in order to delight in the sight of their sufferings".
Nietzsche, with whom the book concludes, began as a disciple of the deeply depressive Schopenhauer, but then developed his own manic views about mankind. (Of course, at this point de Botton’s account of Nietzsche’s theory of the Ubermensch has to be comically illustrated with a drawing of Superman.) Not altogether surprisingly, Nietzsche eventually went mad, and throughout The Consolations of Philosophy there is a slightly uncomfortable contrast between the usually painful, struggling lives of the philosophers themselves and de Botton’s urbane, faintly giggly detachment as he narrates their stories.
Nevertheless this is an ingenious, imaginative book which will not disappoint fans of How Proust Can Change Your Life, and might even win over a few readers to study philosophy at a more demanding level.

Dienstag, 7. April 2020

Hotchpotch


"Ich war in Basel. Und dabei habe ich ein schönes altes Pult gefunden, genau, was ich brauchen kann. Es ist nicht uralt, aber stilmässig schaut es gotisch aus, und ist aus massiver Eiche. A.wird mir jetzt ein Auto organisieren und das Ding heimtransportieren. Wenn du es sehen würdest, dann würdest du das Ding bestimmt auch ganz süss finden. Das Pult ist ein bisschen tiefer als Pulte üblicherweise. Und es ist breiter als tief, hat also ganz eigene, bemerkenswerte Proportionen. Und dazu viele Schnitzereien. Ich glaube, dass es knappe 100 Jahre alt ist. Bestimmt wird es wunderschön glänzen, wenn ich es behandelt habe. Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben.
... "

date 3 May 08:16

Lieber ...,

Ach, wie schön diesen Satz zu finden: "Ich freue mich richtig darauf, an diesem Pult meine Romane zu schreiben." Ich habe gerade gestern ein Mail gefunden, wo ich dich dringend bitte, dass du schreiben sollst." .. die Schweiz braucht doch einen  ...". Und das schöne Pult musst du fotografieren und mich sehen lassen. --- Ich frage dich gleich nochmals, damit du merkst, dass mir wirklich daran liegt: Kannst du mir die Bilder von dir (deinem neuen Look) und dem Büro nochmals senden? Bitte, bitte!
---
Du weisst, dass ich sehr viel zusammen mit Anna erlebe.  z.B. die Traditionen die wir hier feiern. Und manchmal stelle ich mir die Frage: Wie sieht sie das? Und ich versuche alle meine Assoziationen abzuschirmen, um zu sehen, was der Augenblick selbst in sich trägt. Versuch es mal.. du wirst erstaunt sein über das Ergebnis.
(---)

Ich hatte eine ehemaligen Kollegin angerufen, um ihr mitzuteilen, dass L.gestorben ist. Und nun schrieb sie mir ein langes Mail, gefüllt mit Erinnerungen an den Verstorbenen. Ich musste lachen, denn natürlich kannte auch ich diese Seite.. obwohl er für mich ein guter Kompanjon, ja man könnte fast sagen ein Komplize war. Es reichte, dass man seine munteren Augen und seine Miene sah, um gute Laune zu bekommen. Es spielte so viel Unfug in seinen Augen.

Diese  Kollegin erzählte von anderen Dingen. Es kam einmal ein Anruf von seiner Bank an die Schule (das Büro?) mit der Frage ob er noch am Leben sei. Er hatte nämlich ein Jahr lang nicht sein Konto, auf dem er sein Gehalt erhielt, gerührt. Dann wollte I.S. ihn einmal zu Ostern zu einem Lammbraten einladen. Doch die Telefonverbindung funktionierte nicht. Schliesslich hat sie das "televerket" angerufen, um zu erfahren, dass man sein Telefon gesperrt hatte, weil er nicht die Rechnungen bezahlt hatte. Es drehte sich um 100:- kronen, also ca 10 euro. Und sie hatte einen riesigen Respekt vor dem Mann, Ein Respekt, von dem ich nie eine Spur gefühlt habe. Doch ich wusste, dass er sehr korrekt sein konnte. "Vrång" sein konnte. Mein deutsches Wörterbuch hat das wort nicht und das englische sagt: Making things difficult for somebody. Disobliging (ungefällig?) würde vielleicht auch passen. Gegen andere Leute. ;-)
Wenn du schwedisch könntest, würde ich dir eine Kostprobe schicken, von den fantastischen Reden, die man bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat in unserem Freundenkreis von Kollegen. Da gibt es eins, was L's  Wesen "in nuce" erfasst.

Ja, in dieser Hinsicht, habe ich viel dir voraus. Ich meine, ich habe schon viele meiner Freunde und Verwandten unter der Erde. Dazu zähle ich auch die Leute, die in meiner Kindheit in unserem Haus verkehrten. So viele starke Persönlichkeiten, die man nicht vergessen kann. Und du weisst ja, dass ich damals, als ich hier anfing zu arbeiten, ein älteres Kollegium vorfand. Mindestens eine halbe Generation Altersunterschied. Und Studienräte leben anscheinend nicht lange nach der Pensionierung.
*
 Tor - der Donnergott

Asaglauben, der Glaube an altnordische Götter. Ich weiss nicht viel darüber, ich meine wie ein moderner Mensch sich das vorstellt und diesen Glauben praktiziert. Aber vielleicht ist es wie du sagst: Die Hauptsache man glaubt an etwas.
*
Der Kakao? Das ist sehr einfach: Du rührst Kakao und Zucker zusammen, gibst Schlagsahne dazu und verrührst es bis es schäumig wird. Dann kochend heisses Wasser darüber. Schmeckt ganz wunderbar und hilft auch gegen eine frierende Seele. ;-)) Anna würde dann sicher noch irgendein starkes Gewürz dazugeben
*
Hat denn Sozialdemokratie irgend etwas mit Arbeitern zu tun? fragst du und ich staune sehr. Bei uns sind sie so stark verbunden, dass sogar die LO (Gewerkschaft der Arbeiter) in Symbiose mit dieser Partei lebt. So kann man auch schwer am 1. Mai protestieren, da ja die eigene Partei an der Macht sitzt. Doch im Moment blasen Rechtswinde hier in Schweden und die Sozialdemokraten sind hypernervös und benehmen sich ziemlich hysterisch.
*
Auch heute ist ein grauer nasser Tag, obwohl es aufgehört hat zu regnen. Das Gras wächst schon ziemlich hoch. Bald wird Zeit für das erste Mähen. Eine schöne Form von Bewegung. (Motion, wie wir sagen). Ich merke, dass ich Kaffeeabstinenz habe. Muss mir schnell einen machen. Kommst du eine Weile?

Ich grüsse dich lieb und hoffe, dass du meine Bitten in diesem Mail siehst. :-)
K
Malou

Montag, 6. April 2020