Donnerstag, 23. April 2020

Busfahrt in Rom




Liebe Malou

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Ja, finde ich auch, dass man in einer halbstündigen Busfahrt morgens und abends die einheimische Bevölkerung ein bisschen kennenlernt. Und es gibt ja doch ziemlich erstaunliche Situationen in einem Bus. Auf einer Fahrt war beispielsweise der Entwerterautomat defekt, mit dem man das Ticket abstempeln sollte. Jeder Schweizer würde sich in einer solchen Situation genüsslich zurücklehnen und den Vorteil geniessen, den eine Gratisfahrt bietet. Die Italiener fingen an zu diskutieren, und eine Frau meinte, man sollte das Ticket entwerten, indem man von Hand das heutige Datum draufschreibt. Alle rundum nickten überzeugt, aber zufällig hatte keiner einen Stift im Sack. Na ja, keiner hatte sich auch wirklich bemüht, im Jacket mal nackzusehen, ob vielleicht ein Kugelschreiber verfügbar wäre. Und so sind wir alle frei gefahren, obwohl ein solch hoher moralischer Anspruch in der Luft lag. Das fand ich doch ziemlich scheinheilig. Das war - unter uns gesagt - echt katholisch.
Auf den Abendfahrten waren die Menschen jeweils ziemlich müde. Und jeder war glücklich, der sich einen Sitz ergattert hatte. Einmal war da eine deutsche Familie mit zwei Kindern ungefähr im Primarschulalter. Sie waren bei der Stazione Termini so früh eingestiegen, dass sie alle sitzen konnten. Aber allmählich füllte sich der Bus und etliche Damen und Herren im fortgeschrittenen Alter mussten stehen. Eine Frau fand das sehr unpassend, dass die zwei Kinder sich auf den Plätzen breit machten, während die Grossmütter stehen mussten. Sie fing an zu reklamieren, erst mehr oder weniger vor sich hin. So suchte sie sich einige Verbündete unter den Fahrgästen, stelle ich mir vor. Schliesslich wurde sie immer laut, war daran, einen echten Skandal zu entflammen und fragte die beiden Kinder immer wieder, wo denn ihre Eltern wären, und das dies doch wirklich ungebührlich sei, diese Plätze zu besetzen, wo nebenan schwangere Frauen stehen mussten. Sie konzentrierte ihre Attacken auf die beiden Kinder, obwohl jeder halbwegs sehfähige Mensch bemerken konnte, dass die blonden Eltern gleich zwei Sitze weiter vorne sassen. Die Kinder sassen mit roten Ohren da, bewegten sich nicht und gaben vor, von allem nichts zu verstehen. Und auch die Eltern stellten sich taub und blind. Aber ich glaube, die resolute Italienerin hatte ihnen allen richtig eingeheizt und sie in eine ziemlich unangenehme Situation gebracht. Und die Menschen rundum hatten ihr mit den Augen ihre Zustimmung signalisiert. Nächstes Mal wird sich die deutsche Familie überlegen, wie sie die Plätze belegt.
Oder jene junge Römerin, die in einer Viertelstunde Fahrt drei Anrufe von ihrem Lover erhielt, der zuhause kaum mehr auf sie warten konnte. Jedesmal schilderte sie ihm geduldig, wo wir jetzt gleich vorbeifuhren und wie lange er ungefähr noch warten müsste. Ich stellte mir vor, dass er vielleicht zuhause bereits die Spaghetti in kochendem Wasser hatte. Und da ist wohl jede Minute entscheidend, wenn man die Dinger 'al dente' behalten wollte. Na ja, diese Fantasie hatte ich, weil meine Freunde eine solche Rollenverteilung hatten, dass er früher vom Büro kam und zuhause kochte. Er stellte den Fernseher auf absolute Lautstärke, liess eine von den lockeren Vorabendserien losflimmern, und machte sich dann in der Küche zu schaffen, nicht ohne alle paar Momente hinüber in den Wohnraum zu treten, um im Film keine filmische Wendung zu verpassen. Kurz und gut: er machte es sich sehr gemütlich. Doch seine Spaghetti schmeckten schliesslich perfekt, wenn seine Tina so gegen 9 Uhr auch heimkam. Sie übernahm dann noch schnell, den Salat zu waschen und zuzubereiten. Und nach dem Essen putzte sie die Küche. Ist doch eine ziemlich römische Rollenverteilung, nicht wahr?
Wir haben hier sehr trübes Wetter. Und ich bin noch ein bisschen müde nach dem grossen Essen, das wir gestern hatten. Für einen guten Schlaf darf ich abends nicht zuviel essen. Na ja, manchmal kommt man eben nich daran vorbei.
Ich wünsche Dir einen guten Tag
Mlg+k
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