Mittwoch, 15. April 2020

Armer Papst

Nov. 2004

 "Dein Bild vom Petersplatz war wunderschön. Aber, der arme alte Papst. Wer hätte gedacht, dass dieser Mann so enden würde. Das Leben ist grausam."


Re:

Liebe Malou
Vielleicht ist das schlimmste an der Ansicht des Papas der Bildschirm.



Vielleicht hat der alte Mann immer noch undendliche Glücksgefühle, wenn er vor dem Petersdom vor aller Welt eine Messe feiern kann und wenn ihm links und rechts jede Handreichung geboten wird. Vielleicht fühlt sich das an, wie in dem Moment, da ein Greis seine alte Geliebte küsst.
Ach, ich weiss es nicht. Es gab in der Schweiz grosse Diskussionen, weil ein Theologe aus Basel gefordert hatte, der Papst sollte doch zurücktreten. Er hatte damit die halbe katholische Kirche schweizweit gegen sich aufgebracht und man warf ihm vor, ein Verräter zu sein. Zu Zeiten der Inquisition wäre er bestimmt geköpft worden.
Mir war lange nicht ganz klar, weshalb sein Vorschlag so schlimm sein sollte. Offenbar könnte ein Papst theoretisch zurücktreten. Aber wenn er das tut, dann ist das Papsttum bloss mehr ein Amt, und nicht sozusagen die Inkarnation der Stellvertretung Petri. Na, so ungefähr würde ich mir das vorstellen als Semi-Katholik.
Damals, als in der Schweiz soviel über diese Frage geredet worden war, gab es auch eine Fernsehdiskussion. Und ich war erstaunt, wie sehr die zwei jungen Leute (sie kamen aus der katholischen Innerschweiz, woher auch die Gardisten zu kommen pflegen) den Papst unterstützten und argumentierten, dass er der ganzen Welt zeige, wie das Alter eine Realität sei und wie man im Leben auch Leiden auf sich nehmen sollte. Sie haben den Papst unterstützt und nicht befürwortet, dass er zurücktrete.
Aber auf dem wunderbaren Petersplatz wirkt das alles halb so schlimm. Es sieht einfach alles grandios aus bei Sonnenschein und bei Menschenmassen aus der ganzen Welt. Es ist wirklich ein friedlicher Moment, hatte ich den Eindruck, natürlich eine Mischung zwischen Kultur und Folklore.



Was mir auch immer wieder ins Auge sticht, sind die grossen Bilder, die man oben an St. Peter aufgehängt hatte. Das ist für Protestanten vielleicht das Allerfremdeste. Dieser gewisse Personenkult bis hin zu Selig- oder Heiligsprechungen, das können die Reformierten nicht verstehen.

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