Mittwoch, 25. Februar 2026

Nochmals an diesem dunklen Abend


Lieber ... ,
Nun habe ich dein liebes Mail gelesen und auch de Botton gesehen. Das schöne an dem Programm ist, dass er es in dem authentischen Milieu zeigt. So konnte man das Schloss bewundern, in das sich de Montaigne zurückzog um zu schreiben. Es sah, verglichen mit anderen alten Schlössern, die ich schon gesehen habe, ziemlich gemütlich aus. Auch hatte er einen wunderschönen Blick auf die Landschaft von seiner Bibliothek aus. Und auf dem Hof gab es auch jetzt allerlei Tiere zu sehen. Schweine, Schafe, Enten u.s.w. Montaigne hatte ein gutes Verhältnis zu Tieren. Er fand sie klug und meinte wir könnten einiges von ihnen lernen.
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Ja, ich verstehe schon, dass dir der Briefwechsel, von dem du sprichst, gut gefällt. Gewiss, dieser Anthony Hopkins hat etwas besonderes, was ich sehr mag. Etwas um dessen Verlust man trauern könnte. Und wenn er gegen Emma Thompson spielt ist er am meisten zu seinem Vorteil.



Ein ein Bild aus dem Film, den du erwähnt hast. (siehe Bild unten).
Und hier der Kommentar eines Lesers zu dem Film:

Summary: For once you shouldn't read the book

When you first take a look at the story, 84CCR hasn't much going on for it. A movie about books (even worse: old books!), for 75% told off-screen and with two stars who don't share one scene together. It's a miracle that this movie has so much impact on the viewer. The atmosphere is really tense, it's like you're in that little dusty bookstore and you really like the characters, though you don't know that much about them. Great acting by all. Hopkins, playing a character that resembles the ones he played in Shadowlands and even Remains of the Day, is impossibly convincing in his role. Anne Bancroft, although sometimes slightly over the top when she talks to the viewer, makes a great match.


She's in love with ...






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Mittwoch, 11. Februar 2026

Romantisches Programm - Novalis

  

 

Liebe Marlena
...

Gerade habe ich einen Artikel über Novalis gelesen. Ich würde wetten, dass Du ihn kennst. Der Exponent der Romantik und der Taufpate Deines eigenen Denkens. Es gibt ja auch dieses berühmte Abbild, wo er aussieht wie ein Mädchen, mit einem feinen Gesicht und süssen Lippen. Novalis, der in seinen "Hymnen an die Nacht" und dem unvollendeten Roman "Heinrich von Ofterdingen" die Romantik inkarniert hat. Romantik, das ist die erste Avantgardebewegung. Novalis ist der Dichter der Romantik schlechthin.
In seinen "Blütenstaub"-Fragmenten schreibt er, und da spricht er Marlena aus dem Herzen:

"Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft".

Ja ich finde in diesem ausgezeichneten Artikel von Bohrer sogar ein romantisches Programm, was ich in den letzten paar Jahren immer gesucht habe.

 "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Anschein gebe so romantisiere ich es".

Das ist, kurz gesagt, Werbung. In den letzten Jahren hatte ich immer stärker den Eindruck, die Romantik sei eine besonders starke Bewegung der Moderne. Vor allem auch in der Psychologie spielt sie eine wichtige Rolle. Aber ich hatte darüber nur ein diffuses Gefühl, keine wirklichen Informationen. Nur da und dort, da ich etwas gelesen habe, hat sich mir die These erhärtet.

Bohrer ist Professor für deutsche Literatur und Spezialist für Romantik, soviel ich weiss. Ich habe zwei Bücher von ihm, aber ich habe etwas Mühe, sie zu lesen, denn sie sind ziemlich komplex.

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So, meine liebe Marlena, ich hoffe, dass Du meine Mails doch noch erhalten hast ...

Mit einem lieben Gruss
... 





Dienstag, 10. Februar 2026

Olten und Romantik

  

Liebe Marlena

(...)

Heute bin ich unterwegsMorgens in Basel, nachmittags in Olten, jener kleinen Stadt, wo ich früher einmal für 5 Jahre gelebt habe. Olten ist der Verkehrsknotenpunkt der Schweiz. Hier kreuzen sich eisenbahnmässig die Achsen Basel - Chiasso und Genf - Romanshorn. Mit andern Worten Nord-Süd und Ost-West. Früher, als die Leute noch mit der Bahn reisten, wusste jeder, dass er früher oder später den grossen Oltner Bahnhof durchqueren würde. Natürlich mit einem Halt, zum Umsteigen. Jeder kannte also die Ortschaft, aber keiner war wirklich je in der kleinen Stadt gewesen. Und dabei ist es eine recht lebendige Stadt mit einer sehr hübschen Altstadt direkt am Fluss, mit einer romantischen alten und gedeckten Holzbrücke. Mein Büro war auch direkt an diesem Fluss, wunderschön gelegen.



Nur dass Olten im Winter jeweils etwas nebelig war. S mochte das gar nicht. Ich fand es hingegen phänomenal, bei dichtem Nebel durch die Strassen zu gehen. Alles erscheint dann so nah und intim, es ergibt ein merkwürdiges Gefühl. Sicherlich gibt es darüber einige romantische Gedichte. Eines, so erinnere ich mich, beginnt wie: "Seltsam, im Nebel zu wandern ...". Gerade gestern habe ich im Gestell ein Büchlein gefunden mit Gedichten deutscher Romantik. Doch ich habe dieses eine Gedicht nicht gefunden. Vielleicht handelt es ja auch nicht hauptsächlich vom Nebel, diesem diffusen und höchst beliebten Szenenbild der Romantik, sondern von Naturerlebnissen oder Sonnenaufgängen oder geheimer Liebe, wie sie die Romantik ja auch nicht verachtet hat.

Erst in den letzten Jahren habe ich entdeckt, wie wichtig die Romantik noch für unsere Tage ist. Sie hatte wirklich einen nachhaltigen Einfluss auf unser Denken und Fühlen. Die Gedichte wirken heute, neben ihrer Süsslichkeit und ihrem Pathos, etwas ekstatisch. Das Romantische ist eine "Gemütserregungskunst", hat Novalis gesagt. Und das kennst Du ja bestens, Marlena. Nun ja, über Romantik muss ich Dir wirklich kaum etwas erzählen.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

Mit einem lieben Gruss  ...


Re:

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Ja, das schöne kleine Gedicht von Hesse habe ich noch in guter Erinnerung. Es hat mir auch sehr gefallen. Aber es ist ein trauriges Gedicht. Es endet mit den Worten:

Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.


Donnerstag, 5. Februar 2026

Sei vorsichtig...

Subject:  Luft, Hilfe Luft!

Liebe Marlena

Wollte ich Dich wirklich ärgern? Das glaube ich nicht. Vielleicht wollte ich Dich etwas provozieren, „aus dem Busch klopfen", wie wir sagen. Damit du dich ein bisschen verteidigst und in Bewegung kommst? Immerhin von wegen Pünktlichkeit: wer immer in der letzten Sekunde kommt, der ist schon mehr als pünktlich, der ist top-pünktlich.

Ich weiss nicht, ob es so geschickt ist, meine Gedanken über die kochenden Männer Deinem Mann zu zeigen. Sie sind ironisch und er könnte beleidigt sein. Du willst doch nicht die schwedischen Männer gegen mich aufhetzen, Marlena? Sie werden mich hassen, weil ich so ironisch wenn nicht sarkastisch über uns Männer spreche! Sie werden einen Kreuzzug planen und diese kläffenden Schweizer zum Schweigen bringen! Sei also vorsichtig und überlegt, meine Marlena. Noch wenn du zuhause behauptest, du führest mit einem Schweizer von der Spitze der Alpen fachliche Gespräche über die Schule, über die Schule allgemein und über die Schule im speziellen. Es wird den Schwedischen Männern wie Schuppen von den Augen fallen, wenn sie merken, welches unsere wirklichen „Fachgespräche" sind. Sie werden den Geheimdienst auf uns hetzen! Sie werden nach Zensur schreien! Sie werden die Telefonrechnung kontrollieren! Ich weiss wirklich nicht, ob das so weise ist, Marlena?

Du kannst es so erzählen, als ob es von Dir wäre. Mach es zu deinen eigenen Gedanken und erzähle es mit eigenen Worten. Dann ist alles im Butter. Ich möchte nicht, dass Dein Mann misstrauisch oder eifersüchtig wird gegen mich. Und das ist schnell passiert! Ist das klaro, meine Liebe? Wie in aller Welt willst Du kochende Männer mit dem europäischen Schulsystem in Zusammenhang bringen? Ist doch ein Trapezakt sondergleichen!

Du erwähnst, in meinen Gedanken sei „esprit", und das war für mich ein grosses Kompliment. Esprit ist ein französisches Luxusprodukt, so gut wie Champagner oder Trüffeln. So was gibt es gar nicht in Deutsch. Geist, das erinnert an Hegel und den deutschen Idealismus. Aber esprit ist was sehr Elegantes, Feines, Spitzes vielleicht auch, ein Zeichen von Lebenskunst und von Lebenskompetenz. Ich hoffe, dass ich etwas davon habe. Ich hoffe es doch sehr! Ich flehe täglich darum! Esprit ist die Qualität französischer Intellektueller. Und die gibt es eben leider in der deutschsprachigen Kultur in diesem Sinne auch nicht. Manchmal wünsche ich, ich wäre mit einer französischen Zunge, oder doch mindestens mit einem französischen Geist geboren. Die germanische Kultur ist etwas schwerfälliger, auch etwas plumper gelegentlich.
...



Mittwoch, 4. Februar 2026