den 8 mars 2000 15:53
Haustiere und andere Menschen
(R)
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im
schwedischen Winter (bemerkt man die Ankunft des Frühlings bei euch noch
nicht?) und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander
zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und
Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der
Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es
nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus.
Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund,
oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue
Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die
männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund
hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich
oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit
den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte
ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer
gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren
die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine
Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen
Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze
Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und
Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen.
Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen
gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter,
und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6
stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden,
es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass
auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen
suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir
das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los
wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen,
dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen
Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung
und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine
Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht
hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach
einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem
Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und
wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir
waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die
Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am
liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich
als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts
anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball
spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas
unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von
unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein
echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der
Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie
kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in
einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die
Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und
ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im
Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den
Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den
verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda
oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein
herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie
wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus
unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein
wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht
mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner
weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber
nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes,
ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie
alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt
sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein
solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da
liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte,
da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich
hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie
zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar.
Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden
bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch
und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige
Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie
und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als
Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist
einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken
können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in
ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf
und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den
Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns
merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu
bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne
einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und
Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen.
Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut
nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss
Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten
Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie
sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die
Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die -
wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel
gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein
Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte
sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen
Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder
neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir
hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns
absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu
verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an
die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich
gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann
war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett
gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch
hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter
und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt
rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich
schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es
regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell
zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach
oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste,
ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär
erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte
sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie
es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich
meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die
Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu
düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch
rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der
Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll.
Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter
Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war
Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht
wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war,
haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund
gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines
Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden.
Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde,
die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen,
kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz
abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein
Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind,
Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn
unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell,
und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd
dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser
kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht
so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die
jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig
wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter,
Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen
jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...