Dienstag, 30. April 2013

Walpurgis - Valborg




Lieber ...,
Du weißt vielleicht dass der letzte April bei uns gross gefeiert wird. Es ist Valborgsmässoafton, der Abend an dem man den Frühling willkommen heisst und die Finsternis verjagt. Überall zündet man Feuer an und Männerchöre singen die typischen Lieder, die mich immer so nostalgisch machen wie z.B. "Sköna maj välkommen" oder "Oh, hur härligt majsol ler" (Oh, wie herrlich die Maisonne lächelt). Die Sänger tragen dabei die weissen Sängermützen (sehen aus wie unsere weissen Studentenmützen die man bekommt wenn man das Abitur bestanden hat). Ich liebe diesen Abend und diese Lieder, denn ich bin damit aufgewachsen. Mein Onkel war Sänger in einem Männerchor und sein bester Freund war der Dirigent dieses Chores. So fuhren wir an solchen Abenden von Feuer zu Feuer und ich hörte diese schönen Lieder (hier ein Beispiel) wieder und wieder. Nachher wurde noch die ganze Nacht "gefestet". Besonders in Uppsala (und auch anderen grossen Universitätsstädten) wird Valborg sehr gross gefeiert. Ich erinnere mich noch gut an solche Abende in Uppsala wo ich im Schein des Feuers die schönen Lieder und die Rede an den Frühling hörte und vielleicht die nähe spürte von jemanden in den ich ein bisschen verliebt war und der dann zu demselben Fest eingeladen war. Alle Studentnationen haben s.g. "gask" an diesem Abend und daneben werden auch viele private Feste veranstaltet. Am nächsten Tag kommt dann noch der grosse "majmiddag" zu dem sich auch alle Professoren und Honoratiores einfinden. Es ist sehr feierlich und alle tragen ihre weissen Mützen, die mit der Zeit immer weniger weiss aussehen (d.h. eine schöne Patina bekommen ) :-)


 Valborg in Uppsala

Hier zu Hause legen wir am Valborgsmässoafton, wenn wir nach Hause kommen eine Platte auf mit den typischen Liedern. Es ist eine alte etwas raspige Platte aber es macht nichts. Im Gegenteil, es hört sich an wie das Knistern des Feuers und macht das ganze noch mehr authentisch.

Montag, 29. April 2013

Kunst im Mittelalter

Subject: Re: repetitiones ???

Liebe Marlena
Allzu gerne würde ich Annas Artikel "Die Eidechsen von Sorrento" lesen. Schon aus der Titelwahl sieht man, dass sie schreiben kann. Und sie ist ja auch sehr nachsichtig. Stell Dir vor, sie hätte "Die Echsen von Sorrento" gewählt! Das klingt ein wenig nach Saurier. Und dieses Wort nehme ich auch, wenn ich eine Person als sehr alt, oder doch mindestens altmodisch bezeichnen will. Nun ja, ich zähle mich ja praktisch auch schon zu den Sauriern dieser Welt.

---
 Im Mittelalter hatte ja alles in dieser irdischen Welt neben seiner Erscheinungsweise noch Hinweischarakter. Es deutete auf den Schöpfer hin. Und dieser Signalcharakter war wichtiger als alles andere. Das zu wissen, worauf das alles hindeutete, auf die Schöpferhand des Allmächtigen nämlich, das war entscheidend. Die Wirkung des irdischen Dinges für sich war eher nebensächlich. Deshalb wirkt mittelalterliche Malerei so symbolhaft. Das ist eine Art Zentralperspektive, aber die Fluchtlinien laufen alle auf den absoluten Augenpunkt Gottes zu. Deshalb sind Engel grösser als Menschen, und Kirchen sind grösser als normale Häuser, und die Erlösten sind grösser als die Verdammten. Das ist die göttliche Perspektive. Heute hat jeder seine eigenen Fluchtlinien und alle gehen sie auf individuelle Augen zurück.
Nein, Marlena, das Buch ist nicht schwer zu lesen, und es verlangt auch keine Kunstgeschichtlichen Kenntnisse. Es geht ja nicht um Kunst, sondern um Kosmologie, dh. um Vorstellungen, wie die Welt als ganzes, der Kosmos gebaut ist. Es geht sozusagen eher um Architektur als um Kunst. Aber weil die Künstler diese Vorstellungen in ihre Bilder eingebaut haben, sieht man sie dort wieder sehr plastisch. Und sie erklärt, warum mittelalterliche Bilder aussehen wie mittelalterliche Bilder. Wir haben ja in Europa dank Papst Gregor IV das grosse Glück, dass er Bilder erlaubt hat. Er hat ihnen die Funktion des Textes für die Analphabeten gegeben. Und damit war die Konzession gegeben, alle Kirchen mit wunderbarsten religiösen Bildern zu schmücken und die Kirche hat riesige Summen aufgewendet, solche Bilder in Auftrag zu geben. Das ist bei Juden und Moslems anders, wo ein Bilderverbot bestand. Du sollst Dir dort kein Bildnis machen. Und in der griechisch-orthodoxen Kirche waren die bildnerischen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Die Ikonen sind sehr stilisierte und repetitive Bilder, die so bloss für das Abgebildete selbst stehen. Aber wir in Europa haben jede Menge wundervoller Bilder, vor allem in den katholischen Ländern. Es ist ein unermesslicher Reichtum. Und der liebe Gott müsste in hellste Begeisterung ausbrechen, wenn er hier bei uns sein Familienalbum anschaut. Und Allah und Jehova müssten darob eigentlich neidisch werden.
*
Nein Marlena, Du wiederholst Dich nie. Ich habe es noch nie erlebt. Wirklich nicht. Im Gegenteil, Du lässt Lücken. Und manchmal sprichst Du so, als ob Du mir etwas schon erzählt hättest, was Du noch gar nicht erwähnt hast. Es ist genau umgekehrt. Es sind eher Lücken als Wiederholungen. ..
Bei mir hingegen ist es genau umgekehrt. Ich quatsche soviel drauflos, dass ich mich bestimmt manchmal wiederhole. Aber Du bist ja ganz und gar barmherzig!.
*
Marlena, mach Dich darauf gefasst, dass mein Brief kein Brief ist, sondern nur ein Papier. Erwarte nicht zuviel Persönliches. Es ist ja nur eine Verbindungskontrolle. Nicht dass Du dann enttäuscht bist. Es wird sein wie ein Reklameschreiben von einer Firma, also nichts, worüber Du dich besonders freuen müsstest.
Dies nur zu Deiner Vorsicht.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende zusammen mit Deiner Familie, und ich grüsse Dich mit einigen Ks
...

Samstag, 27. April 2013

Leise zieht durch mein Gemüt ...




... liebliches Geläute...

Lieber ...,
ja, so geht es,  das kleine Frühlingslied, das ich manchmal im Auto
singe, wenn ich zu Anna unterwegs bin. Und heute passt es extra gut,
denn nun ist der Frühling hier eingezogen. Die Sonne scheint und wärmt
und die dunklen Monate sind definitiv vorbei. Es ist herrlich!

Wie immer habe ich dir auch heute lange Gedankenmails geschrieben
während der Fahrt. Du, mein "drittes Auge", wie du es einmal genannt
hast.

Das mit dem drangehängten Mail, was nicht für mich abgesehen war, ist
sowohl mir wie dem Absender etwas schleierhaft. Du und P habt mir doch
gerade schöne Bilder aus dem Wallis geschickt und jetzt noch das
hier.. Aber die Begeisterung in dem Mail hat mir sehr gefallen und
eure Fassnacht so richtig lebendig gemacht. Man könnte es mit einem
unserer festlichen Traditionen vergleichen, an denen sich das ganze
Volk mit Lust beteiligt. Schade eigentlich, dass du mit deiner
Fabulierungskunst nicht mitmachst. Du könntest die wunderbarsten
Schnizelbänke  schreiben.und die Leute würden sich freuen.
---
Walo ist ein kluger Mann. Aber was für einen Menschen das Beste ist,
kann nur er selbst wissen. Du wirst es herausfinden. Das Leben ist
eben voll von Kompromissen. Oder wie es als Einleitung zu dem Buch
steht, das ich für Anna mitgebracht habe:

"Es gibt keine Strafen oder Belohnungen
alles was es gibt sind Konsequenzen".

Gut gesagt, findest du nicht?

Ich glaube Anna wird nun bald hier auftauchen.
Jetzt ist sie da, meine Kleine.

Ich grüsse dich nochmals lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende,
mit U und K
Malou

Freitag, 26. April 2013

Warum nicht "maladi"?


kleine Frühlingsboten 25/4 -13

den 13 april 2000 23:53
Lieber ...
Ich suche vergebens nach einem schönen Wort das "LIEBE" ersetzen
könnte. Warum nicht "maladi"? Niemand würde je verstehen um was
es geht und ausserdem ist es inhaltlich verwandt mit "maladie" Es ist
eine Zusammenschmelzung von unseren Namen. ... Maladi ist ein
schönes Wort, klingt wie Musik und passt gut zu unseren Gefühlen.
Sollen wir unsere LIEBE mit einem Glas Champagner taufen? Oder
hast du Einwendungen gegen diesen Namen, Chéri?"
----------

den 14 april 2000 17:37
 
Liebe Marlena
Maladi finde ich absolut super. Wir sollten dieses schöne Wort wirklich begiessen bis es pudelnass ist, wie bei einer grossen Schiffstaufe. Man muss gar nicht viel erklären zu diesem Wort. Wir zwei wissen alles, was drin steckt. Es ist grandios, ich gratuliere der Patin, die den Namen gefunden hat. Er wird uns wie Honig auf der Zunge liegen. Maladi wird wie ein Turm vor unseren Augen aufragen. Und sie wird sich als fröhliche Melodie durch unsere Jahre ziehen. Ich finde, wir sind wirklich ein fantastisches Team, Marlena, und eine solche Maladi, wie wir sie hier pflegen und geniessen, wird es auf dieser Welt keine zweite geben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und dazu hat Maladi eine Affinität zum Französischen, das ist auch sehr gut getroffen. Und die Silben machen, wie du zeigst, einen Sinn. Ach, es ist praktisch ein Zauberwort. Und dass auch ein Hauch von maladie drin ist, eine kleine melancholische Note, finde ich besonders reizend, bricht die Farbe um eine Nuance. Ich kann uns nur zu diesem Kunstwerk beglückwünschen. Und wenn ich irgendwann und irgendwo auf dieser Welt über Ostern ein Weinglas in der Hand haben werde, so werde ich mit dir anstossen. Du wirst es hören am schönen hellen Klang der Gläser. Ich bin sicher, du wirst es hören. Und natürlich werde ich auch meinerseits genau in die Lüfte horchen, ob ich irgendwann einen solchen kleinen Kristallkuss höre. Und ich werde dir später die Uhrzeit sagen.

Donnerstag, 25. April 2013

in allen diesen Dingen


20 April 2013


Subject: Re: sofort
Date: Wed, 09 Feb 2000 11:53:19 GMT


Liebe Marlena
 ---
Ich hab dir ein Rilke-Gedicht versprochen. Das ist vielleicht ein bisschen törricht, weil du sie bestimmt ja auch irgendwo hast und bei dir nachlesen könntest. Aber es ist einfach so schön, diese Zeilen zu zitieren und rezitieren und erneut zu rezitieren. „Die Schwestern" habe ich im Moment nicht gleich zur Hand, aber habe ein anderes, das ist sehr schön, pantheistisch schön und sehr „rilkisch" oder „rilkesk" oder vielleicht gar „rilkoid". Nein, rilkoid bestimmt nicht! (Kann man das sagen?? Bei Kafka gibt es das Wort „kafkaesk". Du wirst wissen, was das bedeutet?). Es liegt ein wunderbarer Rhythmus und eine Melodie darin. Die Evokation ist die des Gebetes, also der Anrede an diesen Gott:

„Ich finde dich in allen Dingen,

denen ich gut und wie ein Bruder bin;

als Samen sonnst du dich in den geringen

und in den grossen gibst du gross dich hin."



So komme ich zum Ende, meine Marlena

Gehab dich gut und glaube wenigstens an die Engel Rilkes!!
 

...

Dienstag, 23. April 2013

Gute Nacht, chéri ...


Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe gross
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

(Rilke)

Sonntag, 21. April 2013

???


Ämne: Vorspeise..
Datum: den 19 maj 2004 20:20


Lieber ...,

Schau mal hier:

"Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existens von einem Tag zum anderen aus den Angeln hob, war J. N. schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, dass ihm überhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod." so beginnt es, das kleine Büchlein, das mir Anna gerade in die Hand gesteckt hat. Sie hat es gekauft weil es so billig war. Nur 6:- (weniger als ein Liter Milch) statt frühere 70:-
Die ersten Zeilen gefallen mir ganz gut, aber dann kommt die Fortsetzung: "Und das war ihm durchaus recht." Kann es einem wirklich recht sein, den Tod als nächstes Ziel im Leben zu haben???
*
Das war ein komischer Mailanfang. Sorry!

Ich bin also zu Anna runter gefahren. Es war eine durchaus herrliche Fahrt. Vor mir riesige Gewitterwolken und über mir immerzu Sonne. Und ab und zu war der Weg ganz nass, denn es hatte anscheinend immer wieder Regenschauer gegeben. So sah die grüne Natur noch frischer aus. Wenn ich so lange Strecken fahre, lasse ich das Auto selbst fahren und unterhalte mich mit dir über alles was ich sehe. Die grossen, einzeln gelegenen Bauernhöfe, manche richtige Güter mit fast kilometerlangen Alleen und rundherum die dazugehörenden Felder. Die Rapsfelder leuchteten so stark, dass man fast geblendet wurde.

Jetzt ist es schon spät und ich werde noch heute abend nach Hause fahren. Es wird wohl bald dunkel werden.

Ich glaube ich schreibe dir von zu Hause weiter, damit es nicht zu spät wird. Meine Parkzeit geht auch bald aus.

OK Tschüss bis dann.
Mit lieben G+K,
Malou

Samstag, 20. April 2013

Küsse, damals und heute


---

Vielleicht muss man heute die Benimmbücher neu schreiben, die Comments des bürgerlichen Lebens. Es gibt den alten Handkuss. Wir kennen ihn alle. Er ist ein bisschen umständlich, macht den Eindruck ritueller Menschenfresserei und wirkt absolut lächerlich. Unser Frans im Club, der gebürtige Holländer, macht gelegentlich noch Anstalten zum Handkuss. Aber vielleicht prüft er auch bloss die Qualität der Edelsteine am Finger? Das lässt sich schwer sagen.
Und dann gibt es den moderneren Handykuss. Das ist die häufigere Variante und nur dank eines Systems technischer Satelliten möglich. Wenn man bedenkt, wieviele Handyküsse heutzutage gleichzeitig zwischen Himmel und Erde pendeln und herumflattern, so müsste man sich das bestimmt wie einen aufgeregten, sagen wir sogar wie einen aus den Fugen geratenen Heuschreckenschwarm vorstellen. Aber man muss dem Handykuss zugestehen, dass ihm in der Regel die prefekte Punktlandung gelingt.

Freitag, 19. April 2013

zwischen den Stäben


Liebe Malou
---
Bei uns ist der Frühling durchgebrochen. Der gestrige Tag war ziemlich warm und ich war abends durstig, ohne zu wissen, woher das eigentlich kam. Und viele leiden schon an Heuschnupfen. Und auf der Strasse siehst Du die Jungen ziemlich intensiv küssen. Es wird jedes Jahr intensiver und sie werden jedes Jahr jünger! Nun ja, ich kann mich eigentlich noch ziemlich gut an jene Zeit erinnern. Und wahrscheinlich hat auch uns der Frühling damals das Blut in Wallung gebracht. Wir hatten uns niemals erlaubt, auf der Strasse zu küssen. Aber man stand doch stundenlang an irgend einer Ecke und schäkerte herum. Und man war gut drauf und wusste nicht mal so echt, woher das alles kam. War es vielleicht das schöne Wetter? Und die Erwachsenen, die vorbeigingen, schauten mit einem gewissen Verständnis hin. Wussten sie vielleicht, woher das kam, dass man sich so gut fühlte? Na ja, gelegentlich schauten sie auch eher kritisch. Die wussten sie bestimmt, woher das kam.

Ach, Du siehst, ich verstehe sie schon, die Jungen. Und in kurzen Momenten, wie in Rilkes Gedicht vom Panther, sehe ich  zwischen den Stäben meines Käfigs durch und fühle ein kleines Stechen, welches man Neid nennen könnte.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lGuK
...

Donnerstag, 18. April 2013

nicht mehr Rilke


Lieber  ...,

Gerade heute habe ich ein Buch gekauft, mit einer Auswahl der "schönsten Gedichte" der Welt. Und darin habe ich dann besonders diejenigen (wenige) von Rilke angeschaut, und wie sie in Übersetzung klingen. Dazu möchte ich nur sagen: Das ist nicht mehr Rilke.
Rilkes Grösse liegt neben den tiefen Gedanken auch besonders in dem Reim und in der Musikalität der Sprache.


                      Der Panther

Sein Blick ist vom vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein groser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille --
und hört im Herzen auf zu sein.


                                                     Rainer Maria Rilke



Beispiele von Übersetzungen des Gedichtes  hier.


Re: top urgent


den 30 april 2000 00:12
Re: top urgent

Lieber ...!
Ich frage mich ob das Schicksal mit uns Spass macht.. Ich ging gerade zum PC hinunter um dir mitzuteilen was ich vor ein paar Minuten im Fernsehen gehört habe .. (der Fernseher läuft im Hintergrund..während ich noch ein bisschen für die Reise zurechtmache) da plötzlich hörte ich den Namen Barbara und wunderte mich was das sein könnte.. Ich schaute schnell nach im Programm und konnte kaum meinen Augen trauen .. heute Abend um 22.00 Uhr kommt ein Dokumentärprogramm mit deiner Lieblingssängerin hier im Fernsehen. Ich werde es natürlich auf Video aufnehmen...

Und nun, als ich dir diese Überraschung mitteilen wollte fand ich dein extra "urgent-mail". Ja, ich fahre auch nach Prag.. aber es ist nur ein Teil unserer Reise. Wir machen einen kleinen Kulturtripp durch Europa.
Die Schüler haben diese Reise selbst organisiert.. es ist ein Teil ihrer Studien und wir beiden Erwachsenen lassen uns überraschen von dem Programm. Wir haben eigentlich nur die Funktion in der Nähe zu sein falls etwas passieren sollte.. sonst können wir unsere eigenen Wege gehen und uns Dinge ansehen, die die jungen Leute vielleicht weniger interessieren.

Leider habe ich nicht den Namen des Hotels. Aber könntest du mir das Hotel von A. mitteilen und die Telefonnummer dorthin so kann ich versuchen, wenn möglich, mit ihr Kontakt zu bekommen.
Lass mich bald wieder von dir hören, bitte. Und denke an mich um 22.00 Uhr. Dann geniesse ich Barbara (in Gedanken mit dir zusammen).
Danke für dein wunderschönes Abschiedsmail..

Ich schreibe dir noch morgen ein Mail
In Maladi
Marlena

Mittwoch, 17. April 2013

Barbara


http://www.youtube.com/watch?v=zo0DzFCKK0M


Re: Schuberts Reise nach Prag
den 30 april 2000 04:38

Liebste Marlena
Natürlich bin ich noch rasch ins Netz heute abend. Ich meine, wie man früher noch rasch ein paar Schritte an die frische Luft gegangen ist vor dem zu Bett gehen, so  geht man heute noch rasch für ein oder zwei tiefe Züge ans Netz. Man vertritt sich im Netz die Beine, holt zwei oder dreimal tief Luft und geht dann ins Bett. Und natürlich haben mich deine Mitteilungen so gut wie elektrisiert. Das ist alles real-life und Echtzeit?
Ich freue mich, dass du heute Abend Barbara gesehen hast. Und natürlich brenne ich darauf zu hören, wie du sie erlebt hast. Wenn du nicht ein paar echte Superlative findest, bin ich enttäuscht. Ist sie nicht, wie soll ich sagen, für mich hat sie eine absolut feminine Seele. Sie ist nicht so vielseitig, wie man vielleicht anfangs denkt. Wenn man die Chansons immer wieder hört, merkt man schon irgendwie ein Grundmuster, das sich wiederholt. Aber dennoch macht sie sehr viel daraus. Also, ich bin immer noch begeistert. Und du? Ist sie nicht französisch par excellence? In sowas kann ich mich verlieben. Da kann ich im Moment alles opfern dafür! Sag schon Marlena, wie war dein Eindruck? Welche Chansons hast du gehört? Du hast natürlich auch noch die visuellen Eindrücke! Es ist ja wirklich fies, dass mir hier das TV-Programm zuvorgekommen ist. Hast du mir nicht hoch und heilig versprochen, Augen und Ohren zu verschliessenn wie Odysseus vor den Sirenen und wie ein invalider Bettler in der Ecke zu sitzen? Nein, sie (wer sie? Natürlich Marlena) hört die TV-Ansagen, nein, sie geht sogar noch im Programm nachschauen, nein, sie holt eine Video Kasette, ich verstehe die Welt nicht mehr, jede Menge Regelverletzungen! Man kann sich nicht mehr auf die moderne Jugend verlassen. Sie macht einfach, was sie will, diese Marlena!
Wie hast du sie nun wirklich gefunden? Überschätze ich sie ein bisschen? Vielleicht magst du eher Männerstimmen? Das könnte ich mir irgendwie vorstellen, dass diese gewisse Erotik, die in Barbaras Stimme liegt, bei den Frauen gar nicht so intensiv ankommt. Amours incestueuses, hast du das gehört, ich finde es immer wieder phänomenal, die Mutter, die ihren geliebten Sohn vergöttert, hysterisch irgendwie und gekonnt, echt ein bisschen überdreht und pathologisch. Für den Sohn natürlich die absolute Katastrophe. Aber insgesamt wunderschön. Und Barbara ist doch - oder war - eine schöne Frau, grazil, fein, mit einer etwas zu markanten Nase, aber sonst sehr ansprechend, finde ich, vielleicht ein bisschen viel Make-Up, eine Folge ihrer Arbeit in den Cabarets, der Preis des öffentlichen Lebens. Ich habe sie allerdings live nicht mehr in Erinnerung. Nur schade, dass sie nicht einen echt französichen Namen gehabt hat, Natalie oder Marie-Noël oder vielleicht Solange oder so was ähnliches. Einfach einen Namen, der zu Pastis um 1115h passen würde, den man in Paris mit diesem kleinen Krug Eiswasser serviert. Ach, ich habe oft zuhause am Sonntag Morgen ein Pastis getrunken, um diese Stimmung einzufangen. Und dazu Oliven gekaut, vielleicht nicht ganz stilecht, aber doch eine gute Kombination. Französischen Pastis und griechische Oliven!  Und bei Barbara diese Melancholie, begleitet mit dem Saxophon, hört sich sehr einsam an, wunderbar, wie spät in der Nacht auf einem Pariser Boulevard! Und wie sie den Regen besingt! Ist ebenso schön wie Les copins d'abord von Brassens.
Siehst du Marlena, ich bin einfach weg, abgehoben.

Leider nur ein Traum




Leider nur ein Traum
Datum: Wed, 13 Feb 2002 20:43:05 +0000

Lieber ...,

Etwas spät, aber doch endlich komme ich wieder zum Schreiben. Ich danke dir
nochmals für den Artikel. Er ist sehr interessant. Hier wird im Moment die neue
sicherheitspolitische Doktrine, die am Montag van den Parteien gemeinsam
präsentiert wurde, debattiert. Sie bedeutet eigentlich dass die Doppelheit in der
Aussenpolitik besteht. Alliancefreiheit im Wort und Natoorientierung in der Tat.
Als vor ein paar Jahren das heimliche Doppelspiel der Sozialdemokraten bekannt
wurde, war man nicht wenig erstaunt. Aber es lag wohl im allgemeinen Interesse
nicht allzu laut davon zu sprechen. Auch der Unterschied zwischen dem jetzigen
sicherheitspolitischen Agieren und einer Mitgliedschaft der Nato ist haarfein.
Nun ja, das ist Politik..:-)

Du hast so gut und schön für eure Domokratie argumentiert dass ich wohl gar
nichts dagegen einwenden kann. Und wenn die Schweizer zufrieden sind mit
ihrem System dann ist doch alles OK. Dann sollte man euch doch eigentlich
gratulieren, oder? Ich bin übrigens erstaunt über dein politisches Engagement.
Wusste garnicht dass du dich dich so erhitzen kannst für diese weltlichen Dinge.. ;-))
Ach, es ist schade, dass wir nur die Schrift haben. So siehst du nicht wie ich
versuche das Lachen zu verkneifen. Schade dass ich nicht im real life mit dir
Politik diskutieren kann. Dann könntest du mich nicht falsch verstehen, was du
manchmal (ich denke sogar absichtlich) tust. Ich würde es nicht zulassen.

*
Übrigens gestern morgen hat mich das Radio aus einem schönen Traum geweckt.
Ich glaube es war das erstemal dass ich von dir geträumt habe. Ich habe dich
nicht deutlich gesehen. Aber deine Stimme habe ich erkannt. Wir gingen
zusammen durch eine Stadt irgendwo in der CH. Eigentlich sah es aus wie Paris
in meiner Jugend. Es gab wunderschöne Häuserfassaden aber die Fenster waren
alle mit herrlich leuchtenden Blumen geschmückt so wie man es in der Schweiz
sieht. Und du hast auf die Fenster gezeigt wo du einmal gewohnt hast und von
früheren Zeiten erzählt.
Ich trug ein ärmelloses Kleid und es war ein etwas kühler Wind trotz der
strahlenden Sonne. Und du hattest den Arm um meine Schulter gelegt, so wie es
eben die Männer tun, wenn sie eine Stütze brauchen beim gehen. Dabei habe ich
etwas gestaunt dass du grösser warst als ich es mir vorgestellt hatte. Es war so
natürlich und schön dart mit dir zu gehen. Und dann hat mich das dumme Radio
geweckt und du warst verschwunden. :-(
*
Morgen haben wir also unseren ersten Studientag. Erst vor zwei Tagen haben
wir erfahren dass wir dies en ersten Tag für unsere Fächer verwenden dürfen.
So werde ich meine sechs übrigen Deutschkollegen um 9 Uhr treffen und den
neuen Budget diskutieren. Bestellungen, Büchereinkäufe und dergleichen
konkrete Dinge. Dann werden wir wahrscheinlich zusammen ein Test
konstruieren für die Tentamensprüfungen (?).
Anna hat gerade einen guten Kuchen gebacken den ich zum Vormittagkaffee
anbieten will und ich werde ihr jetzt mit der Glasur helfen gehen.

So, bin schon zurück. Heute haben wir wieder Minusgrade und ich hab ein Bild
von den ersten kleinen Blumen gemacht. Ausser Schneeglöckchen sind diese
kleinen gelben (Primeln?) die ersten in unserem Garten. Ein Zeichen dass auch
dieses Jahr der Frühling kommt.
---
So grüsse ich dich herzlich und hoffe bald wieder van dir zu hören.
Marlena

Montag, 15. April 2013

Lugano und Mario Botta

...

Ich habe in einem Restaurant gegessen, welches wir früher mal besucht
hatten. Es war immer noch gemütlich eingerichtet und gut besucht. Sogar der
berühmte Architekt Mario Botta sass dort mit zwei Männern und hat
stundenlang diskutiert. Ich glaube, die Tessiner, die für uns Schweizer so
gut wie Italiener darstellen, leben etwas gemütlicher als wir
Nord-Schweizer. Es erinnerte mich ans Wallis, wo Leute auch gewohnt sind,
jede Kleinigkeit, die sie gemeinsam zu besprechen haben, mit einem Glas Wein
im Bistro zu begiessen. Mario Botta, der brühmte Architekt ist ein kleiner,
nicht gerade hübscher Mann. Er trug, wenn ich richtig gesehen habe, ein
Seidenhemd mit indischem Kragen und einen mehr oder weniger ausgebeulten
Manchesteranzug, wie er einem grossen Star gut ansteht. Seine Haartracht
stand unwirsch in die Höhe, wie bei jemandem, der sich - angesichts grosser
denkerischer und gestalterischer Probleme - immer wieder
selbstvergessen-ratlos mit der Hand durchs Haar pflügt. Das macht sich aus
wie bei jemandem, der gerade aus dem morgendlichen Schlafzimmer getreten
ist. Also durchaus nicht unsympatisch ... noch etwas abwesend ... Nachsicht
erheischend ... nach starkem Kaffee lechzend ... die grossen Dinge des Tages
noch vor sich.
...

Gestern in Lugano.


   Monte Bré           unbeschleiert                           Foto: Chris


...
Die Landschaft dagegen zeigte sich von der düsteren Seite. Der Monte Bré
versteckte sich wie eine duschende Jungfrau hinter einem dichten
Nebelschleier. Der See war grau, man sah kaum hinüber bis zum italienischen
Ufer, wo in Campione ein grosses Casino immer wieder Spielernaturen
anzulocken und zu ruinieren pflegt. Man hatte den Eindruck, die Palmen
Luganos müssten die Nebeldecke stützen. Und der grosse Brunnen auf der
Piazza goss stolz sein Wasser, als ob er sich vom grossen Regen nicht hätte
beleidigen lassen wollen.




über die Tschechen und über Prag


Ämne: J.U. once again
Datum: den 16 november 2002 11:50


Liebe Marlena
Danke Dir für die schönen Komplimente zu meinen Exkursionen in die südliche
Schweiz. Wenn man es genau betrachtet würde jede Jungfrau, die etwas auf
sich hält, mit einem Ehrverletzungsprozess zurückschlagen, wenn man sie mit
dem Monte Brè verglichen hätte. Vielleicht kannst Du Dir den Monte Bré nicht
so genau vorstellen? Er ist ein monströser Berg genau am Luganersee, und
wirkt von Statur und Linie her am ehesten noch wie eine adipöse ägyptische
Pyramide. Soviel an Masse und Gewicht würde eine Frau nicht einmal auf dem
Schafott zugeben.

Hör mal an über die Tschechen und über Prag:
"Der Wunsch, Teil Europas zu sein: dass ihnen die Erfüllung dieses
bescheidenen Wunsches versagt blieb, war der Grund für das besonders
intensive Leiden der Tschechen. Ein paar gläserne Hochhäuser zwischen den
alten Kirchen und Burgen zu haben, ein paar Geschäftsleute, die mit
Expresszügen kamen und wieder wegfuhren, ohne pompöse Reihen von
Stacheldraht passieren zu müssen, eine Währung, die in den heimischen Läden
nicht wie Falschgeld zurückgewiesen wurde, die Möglichkeit, auf dem Markt
frische Orangen aus Sizilien zu kaufen oder ein paar Leuchtreklamen in die
düsteren Arkaden Prags zu hängen, das Zentrum um ein bisschen Poronographie
und ein paar Verkehrsstaus zu bereichern, den harmlosen Luxus einer
Anti-Atomkraft-Bewegung und einer nihilistischen Avantgarde zu geniessen -
das war gewiss nicht zuviel verlangt, nachdem man jahrhundertelang die
Habsburger auf dem Hals gehabt hatte. Aber es wurde ihnen verweigert:
Nachdem sie Hitler und die Anti-Hussiten überlebt hatten, waren die
Tschechen in die byzantinischen Fänge Moskaus geraten. Zwei Daten markierten
die Geschichte des Dissens: 1968, das Jahr des "Prager Frühlings" (so oft,
so eilfertig beschworden, dass ein einziges Wort daraus geworden war:
"Pragfrühling") und des bald darauf folgenden Einmarsches der Russen; und
1977, als die Charta 77 verkündet wurde, mit dem Ergebnis, dass viele ihrer
Unterzeichner im Exil oder im Gefängnis verschwanden. "

Stammt aus John Updikes "Bech in Bedrängnis" (Fast ein Roman) (englisch
1998: "Bech at Bay"). Bech ist ein gefeierter amerikanischer Schriftsteller,
der Europa im Allgemeinen, Tschechien und Prag im Speziellen besucht. Bech
übernachtete in der Residenz, deshalb schreibt J.U. weiter:

"Es schient so, als wäre dies die ihm angemessene Wohnstatt, als wären alle
Menschen von Natur aus dazu berechtigt, in nicht geringerem Luxus zu leben,
inmitten von Parkett und Intarsien, Foyertischen mit Marmorplatten und
vergoldeten Bilderrahmen, mit einer jungen Ehefrau, deren blondes Haar
aufblitzte und deren in Chiffon gehüllte Brüste schimmerten, wenn sie sich
im nächsten Moment am Fenster zeigte, um ihn hereinzurufen. Wie eine
riesige, leicht gebogene Leinwand im Kino projizierte die Residenz die
Vorstellung von häuslicher Glückseligkeit. Was bin ich doch für ein
Ungeheuer, dachte er, dreichundsechzig und noch immer begehrlich, in meinen
Gedanken noch immer König. Europa, nicht Amerika, dachte er weiter, ist das
Land der Träume, der Märchenschlösser und rückwärts gehenden Uhren. Hitler
hatte die Prinzessin geküsst, und alle ihre bösen Träume waren wahr
geworden. Andererseits - hat es nicht viele Holocausts gegeben? Man hatte
Bech das Fenster des Hrqadcany, der Prager Burg, gezeigt, wo der
Fenstersturz von Prag stattgefunden hatte; obwohl die hinausgestürzten
Sendboten unversehrt auf einem Misthaufen gelandet waren, hatte der Vorfall
doch den Dreissigjährigen Krieg ausgelöst, der Mitteleuropa Tod und
Verwüstung brachte. Bech hatte die Statue Jan Zihkas gesehen, des einäugigen
Hussiten-Generals, der frommen Glaubens fünf Jahre lang die Streitkräfte des
Papstes und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches abgeschlachtet hatte, und
im barocken Sankt-Nikolaus-Dom die Statue, die einen mächtigen Papst zeigt,
der graziös und glückselig lächelnd mit seinem Stab die Kehle eines
spitzohrigen Ungläubigen zermalmt. Jahrhundertelang hatten Eroberung und
Besitzergreifung ihre Palais und Kirchen auf den krummen, steil ansteigenden
Strassen Prags angehäuft. Die Ansammlung blieb unbeschadet, obwohl die
Nazis, bis zuletzt ihrer Säuberungsmission getreu, versucht hatten, alles in
die Luft zu sprengen, als sie abzogen. Die Laubdecke über der Geschichte war
an diesen feuchten Morgen, wenn Bech den ovalen Park für sich hatte,
zutiefst friedlich. Die Toten und Misshandelten in ihrer unendlichen Zahl
sind barmherzig still.

Das ist, für einen Amerikaner, doch respektabel und mit einigem
Hintergrundwissen geschrieben.

...

Sonntag, 14. April 2013

Amsel


Lieber ...,

Danke für dein liebes Frühlingsmail. Ja, die Amsel. Kein anderer Vogel
singt so schön wie sie... oder lass mich sagen ER. Denn er ist es, der
uns mit seinem schönen Gesang begeistert.

Erinnerst du dich noch an das Bild damals zu Weihnachten. K wollte den
Baum etwas unten absägen und neben ihm stand eine kleine Amsel, die
ihren Apfel bewachte. Sie wich nicht von seiner Seite.



Ja, es gibt sie auch bei uns in Schweden. Aber nicht im ganzen Land,
wie du auf der Karte sehen kannst. (hier) Sie ist sogar unser Nationalvogel.
Du kannst sie auch hören, wenn du den Zeiger der Maus auf den
Lautsprecher hältst.

Leider kann ich sie selten live hören wie du. :-(

Ich grüße dich lieb und wünsche dir einen guten Start in die neue Woche.
Kuss
Malou




Samstag, 13. April 2013

Blick durchs Fenster


13 April 2013


Wenn man ein Wochenende monoton und ereignislos verlaufen lässt, dann erscheint es lange. Wenn allerdings ein Wochenende voller Erlebnisse und Ereignisse im Vollzug sehr kurz erscheint, dann wirkt es dagegen im Rückblick lang und reich. Was also soll man tun. Ist der Vollzug wichtiger oder die Erinnerung daran? Seneca plädiert für den Vollzug.
 

Freitag, 12. April 2013

Zitat von Nietzsche


Liebe Marlena

Ich habe ein schönes Zitat von Nietzsche gefunden. Habe ich Dir das schon
mal vorgelesen? Na ja, niedergeschriebenerweise...
"Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich
schlecht auf Weiber verstanden? Dass der schauerliche Ernst, die linkische
Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten,
ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer
für sich einzunehmen?"
Ist ein bisschen lang als Zitat zum Gebrauch. Aber man kann es beim ersten
Satz belassen: vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist ... das allein
klingt geheimnisvoll und weckt Neugier!

Es gibt zu diesem Zitat vielleicht zwei Dinge zu sagen:
 1. Lächerlich, dass Nietzsche so was sagt, gerade er, der ewige Junggeselle,
der in einem Frauenhaushalt aufgewachsen ist, von seinen Frauen wenn
nicht terrorisiert, so doch wenigstens schwer bevormundet. Hat er denn
nicht jahrelang eine Frau gesucht und schliesslich keine gefunden? Hat er
nicht mehrere Heiratsanträge gemacht? Ich glaube nicht, dass ihm diese
Tatsache bewusst war, als er diesen Satz zu Papier gebracht hat. Er findet
sich überigens in der Vorrede zu "Jenseits von Gut und Böse", dem Vorspiel
einer Philosophie der Zukunft, wie der Autor dieses Werk stolz nennt.

2. Gar nicht so dumm, der Satz, sondern eben auch niezscheanisch
intelligent. Allerdings könnte er heute leicht in die Räder einer grausamen
Gender-Diskussion geraten. Ist denn die Wahrheit eine Sache der Männer,
die im Satz die Subjekte darstellen? Die Weiber sind die Objekte?
Darf man sowas heute noch sagen? Schon das Wort Weib ist eher anrüchig.
Aber dass man Frauen nur auf spielerische und verspielte Weise zu schöner
Erscheinung bringen kann, das glaube ich sehr, das gilt ja wohl auch
umgekehrt von uns spröden Männern. Die Liebe, oder wie immer man
dieses Transaktionsgeschäft psychischer und physischer Energien nennen
will, die Liebe also ist doch wahrlich ein Spiel. Es gibt dafür einen
Spieleinsatz, es gibt vielleicht Würfel oder Karten oder Spielgeld, es gibt
Spielzüge und Spielstrategien, und es gibt wohl auch einige Regeln,
grossgeschriebene und kleingeschriebene.
...

Turm zu Babylon




Ach, Marlena, du machst mir Komplimente, dass ich in den Himmel
wachse wie der Turm zu Babylon und mit der Nase an den Wolken
anstosse. Kennst du das Bild von Bruegel mit dem schönen Turm?
Ungefähr so, die Spitze über den Wolken, aber nicht ganz fertig gebaut,
eigentlich eine Baustelle noch, wenn nicht Ruine gar. Es ist nicht ganz
klar letztlich. Aber du weißt ja auch, was aus dem Turm geworden ist.

Deine schönen Worte sind platonische Zärtlichkeiten, wenn du weißt,
was ich meine. Darum sage ich doch wieder und wieder: von den
Betörungen sind die platonischen die schönsten! So wachse ich denn in
den Himmel, und die Luft wird dünner und dünner hier oben. Schön,
dass du mich begleitest. Hoffentlich kommen wir heil wieder herunter.
Aber ich glaube, wir schaffen das schon.

------

http://derstandard.at/
1339639238967/Eine-grosse-babylonische-Fantasie  

Mittwoch, 10. April 2013

Ausstellung in Basel




date 1 May 2006 08:46
subject Re: *smile*



Liebe Malou
Es ist etwas kühler geworden. Doch für den 1. Mai ist das nicht schlimm, wo sich doch die Gemüter ohnehin ein wenig erhitzen.
Ich habe viel gelesen und viel geschlafen über das vergangene Wochenende. Gestern war ich im Kunstmuseum. Es gibt eine hübsche Ausstellung mit Arbeiten von Holbein dem Jüngeren. Er war ein exzellenter Porträtist. Im Zuge der Reformation, als es auch in Basel einen Bildersturm gab, war unser Holbein nach England ausgewandert, weil er die Arbeitsbedingungen in Basel nicht mehr als günstig eingeschätzt hatte. Ein echter Fremdarbeiter also in England und schliesslich der Hofmaler. Seine Familie hatte er in Basel zurückgelassen. Es gibt ein wunderbares Bild, das seine Frau mit den beiden Kindern zeigt. Sieht ein wenig melancholisch aus. Am Hof Henry VIII hat er viele Hof- und Topleute porträtiert, inklusive Cromwell und Mill, wie ich glaube. Ich denke, er musste auch mithelfen, für den König eine neue Frau zu finden. Er hatte ja einen ziemlich hohen Konsum. Als Hoffotograf sozusagen war Holbein dann an die Königshöfe gereist und hat Porträts gemacht, um dem König die möglichen erotischen und dynastischen Aussichten zu zeigen. War echt cool damals, nicht wahr? Die Maler waren noch echte Heiratsvermittler und konnten wohl, indem sie ein bisschen retouchierten, eine Verbindung befördern oder bremsen. Kurz und gut, sie sassen am Hebel der Macht und konnten weitgehend die Zukunft bestimmen.
---

Blick durchs Fenster


10 April 2013

Dienstag, 9. April 2013

Du, Nachbar Gott ...

(R)

Liebe Marlena
...

Hör mal an, Rilke hat mich erstaunt:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiss: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Ich finde das ganz enorm. Hörst du, er tröstet ihn, er
möchte ihm helfen, er will bereit sein, im Dunkeln einen
Drink zu reichen, hörst du das? Er sieht noch eine kleine
Überlegenheit seines Nachbars, aber es ist doch ein Nachbar,
der Gott heisst, fast schon auf gleicher Ebene. Beinahe mit
ihm angestossen hat er. Und das war mindestens vor 100
Jahren geschrieben. Grossartige Brüderschaft!
Mit einem allerliebsten Gruss

Bei Onkelchen

Liebe Marlena

Wir haben hier am Montagmorgen mildes und lichtes Frühlingswetter. Der Himmel ist zwar leicht durchzogen mit feinen Wolken, die aussehen wie dünne Gazestreifen. Aber dennoch kommt die Sonne durch und beleuchtet die Hausfassaden gegenüber. Und gestern Abend, bei Onkelchen, haben wir auch eine ganze Weile in den sonnigen Himmel geschaut. Du weißt, er wohnt auf einer Anhöhe, so dass man vom Tisch, wo wir essen, eine wunderbare Aussicht weitherum über das Land hat. Ich sitze gleich gegenüber dem Fenster. Meist blendet es zwar ein bisschen, weil um diese Essenszeit gerade die Sonne hinter den Jurahügeln unter geht. Aber dennoch schätze ich diese weite Sicht über die kleine Stadt und das Land bis hinüber nach Aarau und in die Gegend von Olten. Diese Jurahügel geben eine hübsche Kulisse ab. Und Onkelchen erzählt von den einzelnen Hügeln und Höhen, als ob es Viertausender wären. Sie waren natürlich in seiner Generation die einzigen Möglichkeiten für den Skisport im Winter oder für Klettereien im Sommer. Man war damals noch nicht so gereist wie heute. Und wenn er dann noch vom Militärdienst erzählt, aus der Zeit zwischen 1938 bis 1945, als viele Schweizer Männer im Aktivdienst - wie man das nennt - waren, dann kommt er vollends in sein Element. Es muss eine wunderbare Zeit gewesen sein, dieser Krieg, und diese Männergesellschaften. Die Offiziere waren damals noch zu Pferd. Und noch heute, wenn er davon erzählt, scheint er auf einem Pferderücken zu sitzen. Das ist komisch, denn er ist sonst ein sehr sensibler und feiner Mensch, überhaupt kein Militärkopf oder Haudegen.

Montag, 8. April 2013

Freitag, 5. April 2013

Frühjahrsmüdigkeit


date 25 April 2006 13:06
subject Re: ...


Liebe Malou
---
Hier ist es deutlich wärmer geworden. Aber im Moment hat es angefangen, zu regnen. Ein echter Frühlingsregen, der dann alles ins Kraut schiessen lässt. Ich glaube, die Natur mag sowas. Die Natur lechzt nach solchen Drinks und Cocktails. Und ich hatte glücklicherweise einen kleinen Regenschirm bei mir, um die paar Schritte vom Bahnhof bis hier trockenen Hauptes zu bewältigen. Es ist schade, dass man als Erwachsener die Regengüsse nicht mehr so entgegennehmen kann, wie man dies in der Jugend tat. Dieses feuchtwarme Gefühl in den Kleidern, wenn alles nass war. Vielleicht das tropfende Gras in den Füssen, wenn man barfuss unterwegs war? Ach, damals waren wir noch irgendwie mit der Natur in Kontakt, und nicht wie heute, wo wir alle sozusagen hinter Cellophan leben. Ich habe das immer geliebt. Allerdings muss ich sagen, dass der Regen im Wallis doch eher eine Ausnahme war. Der Boden war meist trocken und - fast immer - ziemlich staubig.

---

Im Übrigen fühle ich die Frühjahrsmüdigkeit. Man sagt ja doch von den Staatsangestellten, die purzelten direkt aus dem Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit. Und ich glaube, ich tue das ganz besonders intensiv. Gestern bin ich auch nicht laufen gegangen. Wenn die Pollen in der Luft sind, tut mir das nicht sonderlich gut. Dann bleibe ich lieber in den eigenen vier Wänden. Ich habe in den letzten Tagen einen Roman von Genazino gelesen. Aber den fand ich äusserst fade und schal. Er handelt von einem alternden Typen mit zwei Freundinnen, der sich nicht entscheiden kann, welche von beiden er wirklich fallen lassen sollte, um sich bei der anderen fürs Alter einzunisten. Wirklich kein grosses Kunstwerk. Das erstaunt mich etwas, denn bisher habe ich Genazinos Texte meist geschätzt. Na ja, der Titel heisst auch "Liebesblödigkeit". Vielleicht ist der Titel die Entschuldigung für das Buch?

Und dann sollte ich ein paar Cartoons zeichnen für eine Kollegin. Sie sind daran, für eine Zeitschrift ein paar Artikel zum Thema Schulschwänzen (verstehtst du das Wort), dh. Absentismus zu schreiben. Und dazu wünschen sie sich ein paar Bilder. Ich habe mir die kleine Studie einer der Leute vorgenommen und angefangen, darin zu lesen. Aber es ist ein wenig kraftlos geschrieben. Immerhin versuche ich, zum Thema ein paar visuelle Ideen zu entwickeln. Ich habe beim Schuleschwänzen sogar eigene Erfahrungen. In der Primarschule habe ich ein oder zweimal Krankheit vorgeschützt. Ich glaube, ich habe sogar den Thermometer ein bisschen in die Höhe geschraubt. Aber damals in Visp haben wir gleich neben dem Schulhaus gewohnt. Und in der 10Uhr Pause bin ich natürlich oben am Fenster gestanden und habe diskret hinuntergeschaut. Ich musste doch beobachten, wie sich das alles ausmacht, wenn ich nicht dabei bin. Es ist ein herrliches Gefühl. Man fühlt sich - kann man sagen - ein bisschen wie ein Engel. Man sieht, wird aber selbst nicht gesehen. Das ist wirklich engelhaft und insgesamt eine erstklassige Unterhaltung.

Du siehst, ich bin wieder bei den Engeln. Wirklich schade, dass sie so aus der Mode gekommen sind. Ich finde es nützlich, zu glauben, man hätte einen Schutzengel wenigstens. Oder man kann glauben, dass ein persönlicher Engel stehts für mich unterwegs ist. Das ist doch ein prima Gefühl, nicht wahr. Und wenn man nur genügend daran glaubt, so werden sich die Dinge schon eher zum Guten wenden. Garantie!

MLG

Mittwoch, 3. April 2013

Kleines Erlebnis in Wien


Hotel Sacher


Ich muss dir ein kleines Erlebnis aus Wien erzählen. Vor vielen Jahren fuhren S. und ich um Ostern nach Wien. Es war eine unendlich lange Autoreise und es fing sogar an zu schneien. Ich war noch Student und wir wollten billig reisen. Deshalb klingelte ich an etlichen Türen, um ein Privatzimmer für eine Nacht zu mieten. Aber kein Mensch öffnete die Türe. So gingen wir schliesslich doch ins Hotel.
Wir waren dann in Wien im Hotel Berger, etwas ausserhalb, ganz ok. Und eines abends wollten wir Wien by night geniessen und spazierten die Ringstrasse entlang zum Hotel Sacher. Im Café Sacher, so hatten wir beschlossen, eine Sachertorte zu essen. Das war auch alles sehr schön und schick und k&k, du weißt ja schon. Im Sacher sassen wenige Gäste, lasen Zeitung, tratschten und genossen die Zeit. Gegenüber setzte sich ein rundlicher Herr. Er wünschte zu Essen und studierte fachmännisch und in Windeseile die Karte. Und nach einiger Zeit kam auch schon der Kellner mit einer riesigen Suppenschüssel, zugedeckt, elegant auf einem Tablett. Und er arrangierte eine grosse Zeremonie und legte das Gedeck bereit und das Glas an die richtige Stelle und scharwänzelte um diesen dicklichen Gast herum, dass es eine Freude und ein Vergnügen war. Und zum Schluss hob der eifrige Kellner mit abgespreizten Finger, also mit gekonnter Preziosität und einem kleinen Bückling den Deckel von diesem grossen Topf. Und natürlich sassen wir armes Studentenehepaar gegenüber, sahen eine kleine Duftwolke entweichen, schluckten leer und trocken und waren hungriger Neugierde, welches schöne Menue der kleine Herr nun auf seinen Teller garniert erhalten würde. Und schliesslich hievte der Ober, die Umständlichkeit in Person, hievte der Ober mit der langen weissen Schürze feierlich und überaus vorsichtig ein Paar Wienerwürstchen aus dem Topf und legte sie mit einer gewissen Zärtlichkeit und Ehrfurcht auf den Teller, so wie man ein zartes Stück Wild auf den Teller platzieren würde. Dazu gabs Brot und Senf, na ja, so, wie man Wienerli eben zu essen pflegt.


.

Haustiere und andere Menschen


den 8 mars 2000 15:53
Haustiere und andere Menschen
(R)
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im schwedischen Winter (bemerkt man die Ankunft des Frühlings bei euch noch nicht?) und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).

Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
...

Dienstag, 2. April 2013

der "1. April-Verein" in Wien


...
 Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien. Ich habe hier gerade eine Meldung aus Wien gelesen. Da gibt es einen "1. April-Verein". So etwas können nur die Wiener machen. Es geht den 5 Leuten, die dort offenbar dabei sind, darum, Politik zu machen. Sie wollen der Politik zeigen, dass sie die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge ständig verwische mit ihren Intrigen und Täuschungen und Masken und sie wollen beweisen, wie liebenswert doch eigentlich die Wahrheit sei. Sie treffen sich im Café Landtmann, das ist im Herzen der Stadt an der Ringstrasse, gleich neben dem Burgtheater und in Nähe von Parlament und Rathaus. Das Café Landtmann war immer ein Ort der Heimlichkeiten. "Im Café Landtmann kann man sich treffen, um nachher unwidersprochen zu behaupten, man habe sich weder gesehen noch irgendwas miteinander zu bereden gehabt" (wäre echt eine Adresse für uns, und dazu schummrig, wie die Wiener-Cefés sein sollen), sagt eine gewisse Waltraut Sikl, Mitglied dieses ominösen Vereins. Der Verein ist 1969 als "Verein zur Belebung des 1. Aprils" gegründet worden. Es war eigentlich ein anarchodadaistischer Akt (allein das Wort für sich ist schon ein Kunstwerk). Vorbild war Orson Welles' Film "Krieg der Welten", der von einer Invasion der Marsmännchen erzählt und als Aprilscherz im Amerika grosse Panik ausgelöst hatte. Der April-Verein hat sich zum Ziel gesetzt, jeden 1. April einen neuen, völlig überflüssigen Verein nach allen gesetzlichen Auflagen zu gründen. So wurde 1970 der "Verein der freiwillig Schwitzenden" gegründet, und heuer soll ein "Verein für den 2. April" aus der Taufe gehoben werden. Es hat auch einen "Verein für Senkrechtbestattung" gegeben, oder einen "Verein für die Vereinigung von Vereinen". Beide seien aber heute nicht mehr aktiv.

Der Ursprung des 1. April ist unklar. An sich gilt der April als Unglücksmonat bei den Bauern, und sie waren seit je angehalten, keine Geschäfte zu machen und keine Bäume zu putzen. Judas soll sich am 1. April an einem Baum erhängt haben.
Es ist auch möglich, dass der 1. April vom römischen Narrenfest herkommt oder an das Herumschicken Christi von Pontius zu Pilatus erinnert.
Andere sehen seine Ursprünge Ende des 16. Jahrhunderts, als der 1. Januar verbindlich als Jahresanfang eingesetzt worden war. Die Narren waren diejenigen, die immer noch das Neujahr am Frühlingsanfang feierten.
Oder aber 1530, da sollte am 1. April ein Reichstag in Augsburg stattfinden. Doch er wurde gestrichen, sehr zum Gespött von Händlern und Geldspekulanten.
Wen man erwischt, nennt man Arpilkalb, -ochs, -esel, -narr oder -affe. In romanischen Ländern nennt man ihn den Aprilfisch. Napoleon erhielt diesen Übernamen, weil er sich am 1. April hatte trauen lassen.
Seit 20 Jahren sammelt der Verein dokumentarisch die besten Enten und Scherze. Die NZZ hatte mal berichtet, man hätte einen bisher unbekannten Brief von Goethe entdeckt und man hat ihn wortgetreu, vielleicht gar faksimile abgedruckt. Der Literaturredaktor der reputierten Zeitung Die Zeit sogar war auf diese literarische Ente hereingefallen. Der Verein aus Wien will die besten Scherze der Vergangenheit unter www.aprilscherz.de im Internet veröffentlichen.
Der 2. April soll nun aber der Tag der Wahrheit werden, so sagen die Verantwortlichen. Und er soll alle 4 Jahre am 29. Februar stattfinden, bloss. Ist ein bisschen selten, für die Wahrheit?

Ich muss dir ein kleines Erlebnis aus Wien erzählen.  ...

Montag, 1. April 2013

Se non è vero ...


den 1 april 13:13

Liebe Marlena
Se non è vero, e ben trovato!
Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könne dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.
*
Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien. Ich habe hier gerade eine Meldung aus Wien gelesen. Da gibt es einen "1. April-Verein". So etwas können nur die Wiener machen.

Geständnis


Grösse x Länge = Volumen
den 1 april  11:08


Liebe Marlena,
Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du
bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein
bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich
enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen.
Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich
schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht
an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehtst du, Marlena, mit 135
spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument
doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim
Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was
mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen
wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass'
Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel
herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Malou, und ich
zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch
vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!!
Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie
ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten
würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen sie sogar
Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser
Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist
haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber
meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal
unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann
müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz
sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
xxx