Montag, 15. April 2013
über die Tschechen und über Prag
Ämne: J.U. once again
Datum: den 16 november 2002 11:50
Liebe Marlena
Danke Dir für die schönen Komplimente zu meinen Exkursionen in die südliche
Schweiz. Wenn man es genau betrachtet würde jede Jungfrau, die etwas auf
sich hält, mit einem Ehrverletzungsprozess zurückschlagen, wenn man sie mit
dem Monte Brè verglichen hätte. Vielleicht kannst Du Dir den Monte Bré nicht
so genau vorstellen? Er ist ein monströser Berg genau am Luganersee, und
wirkt von Statur und Linie her am ehesten noch wie eine adipöse ägyptische
Pyramide. Soviel an Masse und Gewicht würde eine Frau nicht einmal auf dem
Schafott zugeben.
Hör mal an über die Tschechen und über Prag:
"Der Wunsch, Teil Europas zu sein: dass ihnen die Erfüllung dieses
bescheidenen Wunsches versagt blieb, war der Grund für das besonders
intensive Leiden der Tschechen. Ein paar gläserne Hochhäuser zwischen den
alten Kirchen und Burgen zu haben, ein paar Geschäftsleute, die mit
Expresszügen kamen und wieder wegfuhren, ohne pompöse Reihen von
Stacheldraht passieren zu müssen, eine Währung, die in den heimischen Läden
nicht wie Falschgeld zurückgewiesen wurde, die Möglichkeit, auf dem Markt
frische Orangen aus Sizilien zu kaufen oder ein paar Leuchtreklamen in die
düsteren Arkaden Prags zu hängen, das Zentrum um ein bisschen Poronographie
und ein paar Verkehrsstaus zu bereichern, den harmlosen Luxus einer
Anti-Atomkraft-Bewegung und einer nihilistischen Avantgarde zu geniessen -
das war gewiss nicht zuviel verlangt, nachdem man jahrhundertelang die
Habsburger auf dem Hals gehabt hatte. Aber es wurde ihnen verweigert:
Nachdem sie Hitler und die Anti-Hussiten überlebt hatten, waren die
Tschechen in die byzantinischen Fänge Moskaus geraten. Zwei Daten markierten
die Geschichte des Dissens: 1968, das Jahr des "Prager Frühlings" (so oft,
so eilfertig beschworden, dass ein einziges Wort daraus geworden war:
"Pragfrühling") und des bald darauf folgenden Einmarsches der Russen; und
1977, als die Charta 77 verkündet wurde, mit dem Ergebnis, dass viele ihrer
Unterzeichner im Exil oder im Gefängnis verschwanden. "
Stammt aus John Updikes "Bech in Bedrängnis" (Fast ein Roman) (englisch
1998: "Bech at Bay"). Bech ist ein gefeierter amerikanischer Schriftsteller,
der Europa im Allgemeinen, Tschechien und Prag im Speziellen besucht. Bech
übernachtete in der Residenz, deshalb schreibt J.U. weiter:
"Es schient so, als wäre dies die ihm angemessene Wohnstatt, als wären alle
Menschen von Natur aus dazu berechtigt, in nicht geringerem Luxus zu leben,
inmitten von Parkett und Intarsien, Foyertischen mit Marmorplatten und
vergoldeten Bilderrahmen, mit einer jungen Ehefrau, deren blondes Haar
aufblitzte und deren in Chiffon gehüllte Brüste schimmerten, wenn sie sich
im nächsten Moment am Fenster zeigte, um ihn hereinzurufen. Wie eine
riesige, leicht gebogene Leinwand im Kino projizierte die Residenz die
Vorstellung von häuslicher Glückseligkeit. Was bin ich doch für ein
Ungeheuer, dachte er, dreichundsechzig und noch immer begehrlich, in meinen
Gedanken noch immer König. Europa, nicht Amerika, dachte er weiter, ist das
Land der Träume, der Märchenschlösser und rückwärts gehenden Uhren. Hitler
hatte die Prinzessin geküsst, und alle ihre bösen Träume waren wahr
geworden. Andererseits - hat es nicht viele Holocausts gegeben? Man hatte
Bech das Fenster des Hrqadcany, der Prager Burg, gezeigt, wo der
Fenstersturz von Prag stattgefunden hatte; obwohl die hinausgestürzten
Sendboten unversehrt auf einem Misthaufen gelandet waren, hatte der Vorfall
doch den Dreissigjährigen Krieg ausgelöst, der Mitteleuropa Tod und
Verwüstung brachte. Bech hatte die Statue Jan Zihkas gesehen, des einäugigen
Hussiten-Generals, der frommen Glaubens fünf Jahre lang die Streitkräfte des
Papstes und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches abgeschlachtet hatte, und
im barocken Sankt-Nikolaus-Dom die Statue, die einen mächtigen Papst zeigt,
der graziös und glückselig lächelnd mit seinem Stab die Kehle eines
spitzohrigen Ungläubigen zermalmt. Jahrhundertelang hatten Eroberung und
Besitzergreifung ihre Palais und Kirchen auf den krummen, steil ansteigenden
Strassen Prags angehäuft. Die Ansammlung blieb unbeschadet, obwohl die
Nazis, bis zuletzt ihrer Säuberungsmission getreu, versucht hatten, alles in
die Luft zu sprengen, als sie abzogen. Die Laubdecke über der Geschichte war
an diesen feuchten Morgen, wenn Bech den ovalen Park für sich hatte,
zutiefst friedlich. Die Toten und Misshandelten in ihrer unendlichen Zahl
sind barmherzig still.
Das ist, für einen Amerikaner, doch respektabel und mit einigem
Hintergrundwissen geschrieben.
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