Mittwoch, 3. April 2013
Haustiere und andere Menschen
den 8 mars 2000 15:53
Haustiere und andere Menschen
(R)
Liebe Marlena
Ich stelle mir vor wie du am PC sitzt vor deinem Pin-Brett im schwedischen Winter (bemerkt man die Ankunft des Frühlings bei euch noch nicht?) und im Hintergrund die Wellensittiche, die miteinander zwitschern und plaudern. Ein Bild voller bürgerlicher Ruhe und Friedlichkeit. Zwei Wellensittiche im Bauer (das Wort wird in der Schweiz selten gebraucht, ein schweizerischer Sekundarschüler würde es nicht kennen), das schaut mir sehr nach bürgerlicher Trautheit aus. Gehören die zwei Vögelchen deiner Anna?
Ich habe mir als Kind immer ein Tier gewünscht. Am liebsten einen Hund, oder vielleicht eine Katze, nun ja, ich hatte nicht einmal so genaue Vorstellungen. Lange Zeit hatte ich gar geglaubt, die Hunde seien die männlichen und die Katzen die weiblichen Tiere. Also, einen schönen Hund hätte ich fürs Leben gern gehabt, einen Irish Setter, von dem habe ich oft geträumt. Sicherlich kennst du diese wunderschönen roten Hunde mit den langen Haaren und der sympathischen Schnauze. Doch zur Not wollte ich mich auch mit einer Katze, mit einer getiegerten oder mit einer gefleckten zufrieden geben. Aber meine Eltern waren strikte dagegen.
Nur einmal in meinem Leben hatte ich eine Serie weisser Mäuse. Sie waren die reine Occasion, denn ein Nachbarskamerad hatte sie, und seine Eltern hatten ihm das Ultimatum gestellt, weil diese zierlichen weissen Tierchen mit den roten Augen heftig stanken. So gab er mir die ganze Anlage, ein kleiner zweistöckiger Stall aus Holz mit Türchen und Riegelchen. Doch ich durfte die lebendigen Dinger nicht ins Haus nehmen. Und draussen - so befürchtete ich - würden sie von den Katzen gefressen. So stellte ich über ihre kleine Holzvilla ein grosses Gitter, und darüber legte ich einige Tücher, damit sie nicht erfrieren würden.
So war ich etwa für 14 Tage stolzer Besitzer von etwa 5 oder 6 stinkenden, weissen Mäusen. Es dauerte solange, bis meine Eltern fanden, es sei wirklich genug und sie stinkten wirklich bestialisch, so dass auch ich schlussendlich ein Ultimatum bekam und den nächsten Dummen suchte, der die kleine Menagerie übernehmen würde. Irgendwie gelang mir das. Doch ich weiss nicht mehr, wie ich den Mausezirkus wieder los wurde. Aber irgendwie wurde ich ihn los. Die kleinen Tiere umzubringen, dazu hätte ich das Herz nicht gehabt. Das waren meine 14-tägigen Erfahrungen mit der Maus. Und von daher vielleicht meine Lebenserfahrung und mein Expertentum in Sachen Mausfreundschaft ;-)).
Ich glaube mein Vater war immer strikt gegen Haustiere. Wir hatten eine Schildkröte im Garten, die mein Vater einmal von Beirut heimgebracht hatte. Es waren ursprünglich zwei gewesen. Doch die eine war nach einiger Zeit gestorben und ihr Schild steht heute noch auf dem Fenstersims meiner Eltern. Die zweite hatte ein langes Leben und wanderte in unserem Garten herum, wanderte von Garten zu Garten. Wir waren in ganz Visp bekannt als "die mit der Schildkröte". Die Schildkröte frass Salat, gerne auch Kirschen oder Früchte, und döste am liebsten in der Sonne vor sich hin. Als Junge hatte ich sie nie wirklich als Tier genommen, denn mit einer Schildkröte kannst du absolut nichts anfangen. Du kannst nicht mit ihr spazieren gehen, zu kannst nicht Ball spielen, sie gibt absolut keinen Laut von sich, sie hat eine etwas unangenehm kalte und geschuppte Haut, und sie schliesst die Augen von unten nach oben. Also, unsere Schildkröte aus Beirut war wirklich kein echtes Tier. Sie hatte nicht einmal einen Namen. Vielleicht war das der Fehler, dass mein Vater ihr nicht mal einen Namen ausgesucht hatte. Sie kam einfach eines Tages an, als wir Kinder noch sehr klein waren, in einem Korb und zusammen mit etlichen Büchsen voller Oliven. An die Oliven kann ich mich noch fast besser erinnern als an die Schildkröten.
Die Schildkröte musste man jährlich im Herbst in den Keller bringen und ihr ein Winterlager mit Laub und etwas Erde bereiten, sonst wäre sie im Garten erfroren. So schlief sie in unserem Weinkeller neben den Schnapsflaschen, die mein Vater jeweils auf Neujahr von den verschiedensten Firmen erhielt.
Es ist schade, das sie keinen Namen hatte. Heute würde ich sie Esmeralda oder ähnlich nennen, und zur Taufe eine kalte Flasche Schaumwein herumreichen. Aber das ist jetzt zu spät. Unsere Esmeralda, die nie wirklich Esmeralda heissen konnte, wanderte wohl wie eh und je aus unserem Garten aus in den nächsten und dann weiter. Sie hatte ein wirklich internationales Bewusstsein. Und so wurde sie einfach nicht mehr gefunden. Sie blieb verschollen, unsere Esmeralda. Und keiner weinte ihr wirklich eine Träne nach. Denn sie war zwar ein Tier, aber nicht ein Tier, wie man es sich als Kind vorstellt. Sie war ein kaltes, ein stummes und ein sehr unbewegliches Tier. Niemand wusste auch, wie alt sie war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Esmeralda, steinalt sein musste. Ein solcher Schild aus Horn, der ganz merkwürdig roch, ein solches Ding produziert man nicht einfach in Monaten oder Jahren. Da liegen Jahrhunderte drin, dachte ich mir.
Später, als ich schon in Zürich studierte und nicht mehr zuhause wohnte, da kam offenbar doch noch eine Katze in unser Haus. Wahrscheinlich hatte meine kleinste Schwester die Eltern genervt und gelöchert, bis sie zustimmten. Es war ganz erstaunlich. Es war einfach unvorstellbar. Schliesslich konnte man meinen Vater auf dem Sofa in der Stube finden bei seiner Siesta nach dem Essen, und die Katze hockte ihm auf dem Bauch und schnurrte. Stell dir dieses Bild vor, Marlena, wie der heilige Francesco, der mit den Tieren zu sprechen pflegte. Mein Vater, der nie und nimmer ein Tier in seinem Haus haben wollte, stellt sich als Liegekissen für eine ganz gewöhnliche Katze zur Verfügung!!! Es ist einfach unvorstellbar, wie sich die Menschen ändern und verrenken können. Oder andersherum: es ist einfach erstaunlich, was Katzen in ihrem kurzen Leben erreichen können. Sie haben einen sehr harten Kopf und einen eisernen Willen. Und sie wissen, was sie wollen. Von den Katzen können wir uns ein gutes Stück abschneiden. Das dürfen wir uns merken.
Und schliesslich, um die Sache mit den Haustieren zu einem Ende zu bringen, hatten wir einen Hund. Weil ich ja mein Leben lang immer gerne einen Hund haben wollte, war meine Frau nach langem hin und her und Diskussion und Zweifeln bereit, einen Hund in die Wohnung aufzunehmen. Er sollte aber nur im Gang bleiben. In Persien hat man die Hunde absolut nicht im Haus. Man denkt sie bringen Schmutz und Krankheiten und weiss Gott was alles. Also kauften wir eines Tages einen kleinen, jungen roten Cocker Spaniel. Er war ein richtiges Kind, wedelte mit dem Schwanz, wie sonst kein Wesen auf der Welt wirklich wedeln kann. Und er war die Treue selbst. Wir nannten ihn Dido, nach der griechischen Göttin, die - wenn ich mich recht erinnere - mit Aeneas irgend ein Techtelmechtel gehabt hatte. Doch davon hatte unsere Dido keine Ahnung. Sie war wie ein Kind, freute sich, wenn man nach Hause kam, gab schmerzerfüllte sehnsüchtige Laute von sich, wenn man weg war. Sie liess in der ganzen Umgebung Liebe und Haare verströmen. Meine Frau musste sich immer wieder neu überwinden. Und wann Dido auf der Schwelle zur Stube lag und zu mir hinüberäugte, mit diesem treuherzigen Hundeblick, so fand ich uns absolut barbarisch und unmenschlich, diesem armen Hund die Stube zu verbieten. Dido hatte den grossen Vorteil, dass sie täglich mehrmals an die frische Luft musste. Und wir mussten natürlich mit. Das war ziemlich gesund und bei schönem Wetter auch ganz ok. Nur wenn es regnete, dann war es schon mühsam. Die schlimmste Variante war abends vor dem zu Bett gehen, wenn es regnete. Da sollte ich also mit unserer Dido noch rasch hinaus, damit sie ihr Geschäft erledigen konnte. Ich ging also hinunter und öffnete die Haustüre. Ich forderte die kleine Hündin auf, jetzt rasch in den Garten zu verschwinden, um das Ding zu erledigen. Ich schaute zum Himmel, wie es regnete und Dido schaute zum Himmel, wie es regnete. Sie konnte sich einfach nicht entschliessen, ihr kostbares Fell zu nässen. Und so kehrten wir beide unverrichteter Dinge wieder nach oben. Ich hatte immer angenommen, dass sie schon selbst wissen müsste, ob sie pinkeln muss oder nicht. Ich wollte sie sozusagen antiautoritär erziehen. Und sie hat wirklich nie in die Wohnung gepinkelt. Sie hätte sich damit den ewigen Groll meiner S. zugezogen. Und soweit wollte sie es nun wirklich nicht kommen lassen.
Allerdings gehorchte Dido ziemlich gut. Auf Spaziergängen hatte ich meistens den Hosensack voller Hundekuchen. Und wenn ich pfiff, durch die Finger, so dass es durch Mark und Bein ging, dann pflegte Dido daher zu düsen wie die Feuerwehr mit Blaulicht. Sie schaute weder links noch rechts und kam in Windeseile, um ihren Kuchen abzuholen. Von der Lernpsychologie wusste ich, dass man "intermittierend" verstärken soll. Das hiess, nicht jedes Mal wirklich einen Kuchen zu geben. Ein leichter Frustrationspegel war also durchaus nützlich, alles andere war Verzärtelung. Und so war ich stolz, dass unsere Dido in dieser Hinsicht wirklich sehr zuverlässig gehorchte. Erst als meine Frau schwanger war, haben wir Dido einer Bekannten, die sich schon lange einen Hund gewünscht hatte, verschenkt. Meine S. war überzeugt, dass ein kleines Baby und ein Hund sich in derselben Wohnung niemals vertragen würden. Und sie malte die schlimmsten Bilder an die Wand, wie frustrierte Hunde, die sich plötzlich wegen eines Neugeborenen vernachlässigt fühlen, kleine Babies anzufallen und brutal zu Tode beissen pflegen. Ganz abgesehen davon, dass der Schmutz und die Haare in der Wohnung für ein Kind, das noch auf dem Boden herum kriecht, absolut Gift sind, Krankheiten und Infektionen heraufbeschwören wird. So haben wir denn unsere Dido abgegeben, mit ihren treuen Augen und dem rotbraunen Fell, und den langen Ohren, die sie - wenn sie mit ihrer Nase schnuppernd dahinfegte - stets leicht auf dem Boden mitzog. Sie war ein süsser kleiner Hund, und treu, wie sonst kein Mensch treu sein kann. Und nicht so klein, als dass ihr das Hündische gefehlt hätte.
Ach, darwinistisch gesprochen sind die Tiere unsere Geschwister, die jüngeren im Grunde genommen, weil noch nicht so kompliziert und bösartig wie wir. Sie sind unsere Schwestern und Brüder, Basen und Vetter, Nichten und Neffen der Schöpfung. Und sie sind, dass muss man ihnen jederzeit zugestehen, meistens hoch anständig.
Mit einem lieben Gruss
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