Mittwoch, 17. April 2013

Barbara


http://www.youtube.com/watch?v=zo0DzFCKK0M


Re: Schuberts Reise nach Prag
den 30 april 2000 04:38

Liebste Marlena
Natürlich bin ich noch rasch ins Netz heute abend. Ich meine, wie man früher noch rasch ein paar Schritte an die frische Luft gegangen ist vor dem zu Bett gehen, so  geht man heute noch rasch für ein oder zwei tiefe Züge ans Netz. Man vertritt sich im Netz die Beine, holt zwei oder dreimal tief Luft und geht dann ins Bett. Und natürlich haben mich deine Mitteilungen so gut wie elektrisiert. Das ist alles real-life und Echtzeit?
Ich freue mich, dass du heute Abend Barbara gesehen hast. Und natürlich brenne ich darauf zu hören, wie du sie erlebt hast. Wenn du nicht ein paar echte Superlative findest, bin ich enttäuscht. Ist sie nicht, wie soll ich sagen, für mich hat sie eine absolut feminine Seele. Sie ist nicht so vielseitig, wie man vielleicht anfangs denkt. Wenn man die Chansons immer wieder hört, merkt man schon irgendwie ein Grundmuster, das sich wiederholt. Aber dennoch macht sie sehr viel daraus. Also, ich bin immer noch begeistert. Und du? Ist sie nicht französisch par excellence? In sowas kann ich mich verlieben. Da kann ich im Moment alles opfern dafür! Sag schon Marlena, wie war dein Eindruck? Welche Chansons hast du gehört? Du hast natürlich auch noch die visuellen Eindrücke! Es ist ja wirklich fies, dass mir hier das TV-Programm zuvorgekommen ist. Hast du mir nicht hoch und heilig versprochen, Augen und Ohren zu verschliessenn wie Odysseus vor den Sirenen und wie ein invalider Bettler in der Ecke zu sitzen? Nein, sie (wer sie? Natürlich Marlena) hört die TV-Ansagen, nein, sie geht sogar noch im Programm nachschauen, nein, sie holt eine Video Kasette, ich verstehe die Welt nicht mehr, jede Menge Regelverletzungen! Man kann sich nicht mehr auf die moderne Jugend verlassen. Sie macht einfach, was sie will, diese Marlena!
Wie hast du sie nun wirklich gefunden? Überschätze ich sie ein bisschen? Vielleicht magst du eher Männerstimmen? Das könnte ich mir irgendwie vorstellen, dass diese gewisse Erotik, die in Barbaras Stimme liegt, bei den Frauen gar nicht so intensiv ankommt. Amours incestueuses, hast du das gehört, ich finde es immer wieder phänomenal, die Mutter, die ihren geliebten Sohn vergöttert, hysterisch irgendwie und gekonnt, echt ein bisschen überdreht und pathologisch. Für den Sohn natürlich die absolute Katastrophe. Aber insgesamt wunderschön. Und Barbara ist doch - oder war - eine schöne Frau, grazil, fein, mit einer etwas zu markanten Nase, aber sonst sehr ansprechend, finde ich, vielleicht ein bisschen viel Make-Up, eine Folge ihrer Arbeit in den Cabarets, der Preis des öffentlichen Lebens. Ich habe sie allerdings live nicht mehr in Erinnerung. Nur schade, dass sie nicht einen echt französichen Namen gehabt hat, Natalie oder Marie-Noël oder vielleicht Solange oder so was ähnliches. Einfach einen Namen, der zu Pastis um 1115h passen würde, den man in Paris mit diesem kleinen Krug Eiswasser serviert. Ach, ich habe oft zuhause am Sonntag Morgen ein Pastis getrunken, um diese Stimmung einzufangen. Und dazu Oliven gekaut, vielleicht nicht ganz stilecht, aber doch eine gute Kombination. Französischen Pastis und griechische Oliven!  Und bei Barbara diese Melancholie, begleitet mit dem Saxophon, hört sich sehr einsam an, wunderbar, wie spät in der Nacht auf einem Pariser Boulevard! Und wie sie den Regen besingt! Ist ebenso schön wie Les copins d'abord von Brassens.
Siehst du Marlena, ich bin einfach weg, abgehoben.

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