Liebe Marlena
Wir haben hier am Montagmorgen mildes und lichtes Frühlingswetter. Der Himmel ist zwar leicht durchzogen mit feinen Wolken, die aussehen wie dünne Gazestreifen. Aber dennoch kommt die Sonne durch und beleuchtet die Hausfassaden gegenüber. Und gestern Abend, bei Onkelchen, haben wir auch eine ganze Weile in den sonnigen Himmel geschaut. Du weißt, er wohnt auf einer Anhöhe, so dass man vom Tisch, wo wir essen, eine wunderbare Aussicht weitherum über das Land hat. Ich sitze gleich gegenüber dem Fenster. Meist blendet es zwar ein bisschen, weil um diese Essenszeit gerade die Sonne hinter den Jurahügeln unter geht. Aber dennoch schätze ich diese weite Sicht über die kleine Stadt und das Land bis hinüber nach Aarau und in die Gegend von Olten. Diese Jurahügel geben eine hübsche Kulisse ab. Und Onkelchen erzählt von den einzelnen Hügeln und Höhen, als ob es Viertausender wären. Sie waren natürlich in seiner Generation die einzigen Möglichkeiten für den Skisport im Winter oder für Klettereien im Sommer. Man war damals noch nicht so gereist wie heute. Und wenn er dann noch vom Militärdienst erzählt, aus der Zeit zwischen 1938 bis 1945, als viele Schweizer Männer im Aktivdienst - wie man das nennt - waren, dann kommt er vollends in sein Element. Es muss eine wunderbare Zeit gewesen sein, dieser Krieg, und diese Männergesellschaften. Die Offiziere waren damals noch zu Pferd. Und noch heute, wenn er davon erzählt, scheint er auf einem Pferderücken zu sitzen. Das ist komisch, denn er ist sonst ein sehr sensibler und feiner Mensch, überhaupt kein Militärkopf oder Haudegen.
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