Subject: Re: repetitiones ???
Liebe Marlena
Allzu
gerne würde ich Annas Artikel "Die Eidechsen von Sorrento" lesen. Schon
aus der Titelwahl sieht man, dass sie schreiben kann. Und sie ist ja
auch sehr nachsichtig. Stell Dir vor, sie hätte "Die Echsen von
Sorrento" gewählt! Das klingt ein wenig nach Saurier. Und dieses Wort
nehme ich auch, wenn ich eine Person als sehr alt, oder doch mindestens
altmodisch bezeichnen will. Nun ja, ich zähle mich ja praktisch auch
schon zu den Sauriern dieser Welt.
---
Im Mittelalter hatte ja alles in dieser irdischen Welt neben seiner
Erscheinungsweise noch Hinweischarakter. Es deutete auf den Schöpfer hin.
Und dieser Signalcharakter war wichtiger als alles andere. Das zu
wissen, worauf das alles hindeutete, auf die Schöpferhand des
Allmächtigen nämlich, das war entscheidend. Die Wirkung des irdischen
Dinges für sich war eher nebensächlich. Deshalb wirkt mittelalterliche
Malerei so symbolhaft. Das ist eine Art Zentralperspektive, aber die
Fluchtlinien laufen alle auf den absoluten Augenpunkt Gottes zu. Deshalb
sind Engel grösser als Menschen, und Kirchen sind grösser als normale
Häuser, und die Erlösten sind grösser als die Verdammten. Das ist die
göttliche Perspektive. Heute hat jeder seine eigenen Fluchtlinien und
alle gehen sie auf individuelle Augen zurück.
Nein, Marlena, das Buch
ist nicht schwer zu lesen, und es verlangt auch keine
Kunstgeschichtlichen Kenntnisse. Es geht ja nicht um Kunst, sondern um
Kosmologie, dh. um Vorstellungen, wie die Welt als ganzes, der Kosmos
gebaut ist. Es geht sozusagen eher um Architektur als um Kunst. Aber
weil die Künstler diese Vorstellungen in ihre Bilder eingebaut haben,
sieht man sie dort wieder sehr plastisch. Und sie erklärt, warum
mittelalterliche Bilder aussehen wie mittelalterliche Bilder. Wir haben
ja in Europa dank Papst Gregor IV das grosse Glück, dass er Bilder
erlaubt hat. Er hat ihnen die Funktion des Textes für die Analphabeten
gegeben. Und damit war die Konzession gegeben, alle Kirchen mit
wunderbarsten religiösen Bildern zu schmücken und die Kirche hat riesige
Summen aufgewendet, solche Bilder in Auftrag zu geben. Das ist bei
Juden und Moslems anders, wo ein Bilderverbot bestand. Du sollst Dir
dort kein Bildnis machen. Und in der griechisch-orthodoxen Kirche waren
die bildnerischen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Die Ikonen sind sehr
stilisierte und repetitive Bilder, die so bloss für das Abgebildete
selbst stehen. Aber wir in Europa haben jede Menge wundervoller Bilder,
vor allem in den katholischen Ländern. Es ist ein unermesslicher
Reichtum. Und der liebe Gott müsste in hellste Begeisterung ausbrechen,
wenn er hier bei uns sein Familienalbum anschaut. Und Allah und Jehova
müssten darob eigentlich neidisch werden.
*
Nein Marlena, Du
wiederholst Dich nie. Ich habe es noch nie erlebt. Wirklich nicht. Im
Gegenteil, Du lässt Lücken. Und manchmal sprichst Du so, als ob Du mir
etwas schon erzählt hättest, was Du noch gar nicht erwähnt hast. Es ist
genau umgekehrt. Es sind eher Lücken als Wiederholungen. ..
Bei mir hingegen ist es genau umgekehrt. Ich quatsche soviel drauflos,
dass ich mich bestimmt manchmal wiederhole. Aber Du bist ja ganz und gar
barmherzig!.
*
Marlena, mach Dich darauf gefasst, dass mein Brief
kein Brief ist, sondern nur ein Papier. Erwarte nicht zuviel
Persönliches. Es ist ja nur eine Verbindungskontrolle. Nicht dass Du
dann enttäuscht bist. Es wird sein wie ein Reklameschreiben von einer
Firma, also nichts, worüber Du dich besonders freuen müsstest.
Dies nur zu Deiner Vorsicht.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende zusammen mit Deiner Familie, und ich grüsse Dich mit einigen Ks
...
Montag, 29. April 2013
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