Freitag, 31. Oktober 2025

Mein Höllensturz



"Nachempfindung von Rubens' Höllensturz"

Liebe Marlena
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Habe ich Dir erzählt von meinem grossen Bild 'Höllensturz'? Na ja, es ist eine Nachempfindung - so würden die Leute heute sagen - eine Nachempfindung von Rubens' Höllensturz. Auf dem Bild stürzen Hunderte von nackten Menschen und unglücklichen, wohl irgendwie schuldigen Kreaturen durch graue Wolkengebilde und blaue Wolkenfenster hindurch in die Tiefe. Es ist eine bodenlose Situation. Man weiss wirklich nicht, wo sie schliesslich landen werden. Und dabei versuchen einige dieser Sünder, sich an sehr weltlichen Dingen festzuklammern, an einem Lampenschirm, an Tüchtern, an Papieren usw. Sie schaffen neben soviel Fleisch einige Farbtupfer im Bild. Und durch das ganze Bild weht ein steifer Wind. Man sieht das an den Körpern, deren Dynamik sich als grosse Bewegung durchs Gewölk zieht. Die menschlichen Leiber wirken wie abgefallene Blätter im Herbstwind.
Die Komposition hat mir damals sehr gefallen. Und ich habe tagelang an der Komposition der Wolken  gearbeitet. Das war vielleicht das schwierigste. Es sieht auf dem Bild eher wie zufällig aus, aber es ist sehr viel Kalkulation dahinter.
Solche oder ähnliche Bilder würde ich gerne malen. Aber es fehlt mir ein bisschen die Zeit. Man muss da wochenlang dahinter sein, damit es vorwärts geht und damit man den Anschluss nicht verpasst. Denn wenn das Zeug mal trocken ist, ist es sehr schwer, wieder anzufangen. Die Farbpalette stimmt nicht mehr, und auch die Striche im Bild wirken plötzlich wie Fremdkörper. Es ist, wie wenn man eine alte Liebe wieder aufwärmen wollte. Das geht selten gut.
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Das wäre ein Traum: selbstvergessen in irgend einem atelier-ähnlichen Raum tagelang zu werken, bei Musik, bei ab und zu einem Espresso. Früher hätte ich gesagt, bei einer Gauloise ab und an. Aber heute würde ich den Tabak mit einem kleinen Besuch einer Person eintauschen. Aber es wäre schön, wenn die Situation offen wäre, wenn also Leute zufällig oder gewollt vorbeikommen zu einem kleinen Schwatz oder zu einer längeren Unterhaltung. Das wäre schön.
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Ach, Marlena, wie gerne würde ich Dir mal meine Dinge zeigen, an denen ich hänge: Bilder, Bücher, Ideen, Zeichnungen, Projekte, kleine und grössere Träumchen. Weshalb können wir das nie in jener sinnlichen und RL Form, in der es so schön und einsichtig wäre? Wir bewegen uns - notgedrungen - immer auf dem abstrakten VL-Niveau von Ronda.

Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag.
Mit lieben Grüssen
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Donnerstag, 30. Oktober 2025

Herbst im Wallis

 

Liebe Marlena

(...)

Das schöne Herbstlied oder Herbstgebet von Rilke. ist so schön und bekannt, dass man es kaum mehr zitieren darf. Ich habe mir dazu immer die Landschft Rarons vorgestellt, obwohl das Gedicht eigentlich 1902 in Paris entstanden ist. Aber es gibt in Raron und Umgebung alles, was hier beschrieben wird: die Fluren mit dem Wind, die Rebberge mit dem Wein (der zwar im Wallis nicht allzu schwer ist) und vor allem die Allee. Die Alleen sind eine kleine Spezialität im Wallis. Es gibt sie sonst nicht mehr oft in der Schweiz. Hier stammen sie noch aus der Zeit Napoleons, als das Tal als Département Simplon für kurze Zeit zu Frankreich gehörte.

Und wenn Du Marlena einmal einen Herbst im Wallis erleben wirst, dann weißt Du schnell, was es ist, das mich sosehr an diese Landschaft bindet. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, aber ich habe all diese Sensationen noch in meinem Körper, zusammen mit der Erinnerung an jene Sehnsüchte, unter denen man als junger Mensch zu schmachten pflegt. Das Wallis ist die Provence der Schweiz. Und eigentlich müsste ich Dir dieses Goldgelb der Lärchen beschreiben, das um diese Zeit unter der warmen Herbstsonne langsam an den Berghängen heranreift. Es ist die Zeit, da man an den Wochenenden unter blauem Himmel an irgend ein hübsches Plätzchen fährt, um eine Raclette zu geniessen. ---





Raclette ist eine Käsespeise. Man lässt einen halben Käse am Stück an der Glut eines Holzfeuers schmelzen und streicht nach und nach mit einem grossen Messer die Portionen direkt auf den Teller. Dazu gibt es Pellkartoffeln, Cornichons und natürlich jede Menge weissen Weines. Weil man immer wieder warten muss, bis man die nächste Portion Käse bekommt, gibt es genug Zeit zu plaudern oder die Ameisen, die einen in den Hintern beissen, zu vertreiben.


...

Es ist Zeit ..


Herbstlied

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

Rainer Maria Rilke

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Real life .. und Traum

 

Liebe Marlena

Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive,
 wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagonal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.



Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.

Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.

In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!

Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!

Verzeih mir und schreib mir, Marlena

Gruss und Kuss

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Dienstag, 28. Oktober 2025

Wenn die Blätter treiben

 

den 17 oktober 07:43
Re: müde...nicht eigentlich erklältet

Liebe Marlena
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Ich hatte eine enorm strenge Woche. Na ja, sie ist nicht ganz vorbei. Gestern liess ich sogar das Weekly sausen um meine Ruhe zu haben. Ich habe den Eindruck ich sei mindestens schon drei Wochen wieder unterwegs. Dabei ist es noch nicht mal eine Woche sei den Ferien. Solchen Druck mag ich überhaupt nicht. Und am Samstag hat der Chef gleich auch noch zu einer Tagung eingeladen. Ziel: 100 Millionen sparen. Das wird ein Fest werden!!

Einziger Trost ist das schöne Herbstwetter, das uns die Seele erhellt. Der klare, blaue Himmel und die abgeklärten Farben der Wälder sind wunderhübsch. Man sollte jetzt in den Alleen wandern, wenn die Blätter treiben. Ich mag Rilkes Bild der Allee, das immer wieder kommt. Es erinnert an Frankreich und das Departement Simplon, jene hübsche französische Provinz, die heute zur Schweiz gehört. Lustig, der Onkel meines Freundes und Schulkameraden, ein eloquenter Jurist und Journalist, hatte stets gefordert, dass sich das Wallis von der Schweiz trennen und mit Hilfe eines grossen Casinos sich die nötigen Steuereinnahmen beschaffen sollte. 'République Valais' nannte er das Gebilde. Alle lächelten natürlich über diese Ideen, während sein Bruder als Gouverneur eben dieser Republik tätig war und sich vielleicht eher ein bisschen ärgerte. Aber für uns jungen Leute war der Mann eine Vorbildfigur. Ich bewunderte ihn und las regelmässig seine Kolumnen . Und wie er eines Tages im Spätsommer im Haus gegenüber sein Büro geräumt hatte und seine Aktenordner im kleinen 2CV verstaute, das habe ich Dir einmal im Detail erzählt. Er war ein eleganter Mann und hatte viele weibliche Bewunderer, die um ihn alles hergegeben hätten. Er war auch wirklich ein Charmeur, grossgewachsen, bilingue, ein Causeur mit einem grossen historischen Überblick, dazu aus einer adeligen Familie. Er hat Rilke ins Walliserdeutsche übersetzt. Ich glaube das weisst Du schon, und darüber warst Du schon einmal entrüstet. Vielleicht schaffe ich es ein zweites Mal??

Ich bin gespannt, ob Du heute früh erwacht bist. Werde mal sehen, ob schon etwas von Dir da ist. Na ja, so früh wirst Du wohl auch nicht am PC sitzen?

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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Freitag, 24. Oktober 2025

Anfang des Teenager Kultes

 




den 11 september  08:05
Wer weiss, was morgen ist ...


Liebe Marlena
Vielleicht kennst Du dieses Foto: "James Dean on Times Square". Es stammt von 1955. Das ist auch das Jahr des Todes von James Byron Dean, als er an einem Septemberabend mit seinem Porsche Speedstar auf der Highway 466 mit einem Ford Sedan zusammenprallte. Das Ereignis erinnert ein bisschen an Camus.
Nun habe ich persönlich mit James Dean eigentlich ganz und gar nichts am Hut. Ich habe nie ganz begriffen, weshalb man ihn hochstilisiert hat, wo er doch bloss 173 gross und Brillenträger war. Wahrscheinlich war er wirklich sehr kurzsichtig, und schaute deshalb in die Welt mit einer Mischung aus jugendlichem Missmut und Aufsässigkeit. Aber wird man damit schon zum Giganten, zum Rebellen? Tatsache ist, dass Dean zum Vorläufer unserer Jugendbewegung gemacht worden ist, zum 68er avant la lettre. In seinem dunkeln Mantel schleicht er hier über den leeren Times Square. Und die späteren Generationen finden in dieser Zufälligkeit eine jugendliche Gebärdensprache, einen baudelairschen Helden, der die ganze juvenile Ungeduld und Aggressivität, diese moderne Mischung aus Nervosität und Schüchternheit in die Welt schreit.
Auf dem Foto sieht er unscheinbar aus. Es ist regnerisch und unklar. Bei seinem dunkeln Mantel hat er den Kragen hochgeschlagen. Eine Chesterfield steckt zwischen seinen Lippen. Weshalb eigentlich Chesterfield? Es muss Morgen sein, denn der Times Square ist mehr oder weniger leer. Und wir alle wissen, dass die New Yorker ungefähr viertel vor zehn für ihren ersten Starbucks Kaffee anstehen. Und hier hat der junge Kerl schon eine Zigarette im Mund! Hinten erscheint die grosse Reklamewand, das Markenzeichen des Times Square. Sie verschwindet im Grau des Nebels und des Regens. Und die Eisengitter rechts, die den Verkehr regeln, entsprechen mit den provisorischen Abschrankungen links. Es sieht alles nach purer Zufälligkeit aus. Und im grauen Asphalt reflektiert sich der missmutige Jüngling, der zum Vorreiter der Teenager werden soll. Es gibt ein ähnliches Foto von Cartier-Bresson, das Giacometti in Paris zeigt. Doch mindestens war damals Giacometti ein bekannter Mann. Hier ist aber auf dem morgendlichen Broadway nur ein kleiner Narziss unterwwegs, der noch selbst kaum weiss, wer er ist. Und vielleicht ist er zu diesen nassen Morgenstunden auch noch nicht ganz wach. Er hat Theater und kleine Rollen im Fernsehen gespielt. Berühmt wird er im Kino werden. Ein Film ist bereits abgedreht: "Rebel without cause". Das ist sozusagen sein ästhetisches Programm. Im Kino Astor, das man auf dem Foto linkerhand sieht, wird seine Uraufführung stattfinden.
Alles kann zum Mythos werden. Auch ein junger, zerknitterter Mann auf dem morgendlichen Broadway, der sich irgendwo einen faden und überzuckerten Kaffee sucht. Ein Mythos ist eine Botschaft. James Dean wurde zum Mythos gemacht, das den Nerv der Zeit traf. Eine Botschaft des jugendlichen Aufbegehrens. Es blieb ihm, dem jungen Narziss, erspart, alt, hässlich und ungeschickt zu werden. "Lebe schnell, sterbe jung und habe einen schönen Leichnahm", soll er oft aus dem Film "Knock on Any Door" zitiert haben. Es ist wie eine Regieanweisung für seine Selbststilisierung.
Offenbar war er eitel, was man doch von einem Rebell nicht direkt erwartet. Einmal, so wird erzählt, soll er versucht haben, als Fotopose Michelangelos David einzunehmen. Ein David des 20. Jahrhunderts? Auf jeden Fall waren bisher Brando und Presley die noch etwas unentschiedenen Idole. Und jetzt wird es Dean, der Jugend nicht als Unreife, sondern als eigentlichen und wahren Seinszustand deklariert. James Dean ist der Anfang des Teenager Kultes. Und dabei war er zum Zeitpunkt dieses Fotos längst ein purer Twen. Dazu war er längst tot. Aber Tote, so weiss man, leben eben etwas länger!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Gruss




Donnerstag, 23. Oktober 2025

Argumente für Englisch


Liebe Marlena
Vielen lieben Dank für Dein barockes Mail. Sie sind in der Tat wunderschön geworden, Deine Mails in letzter Zeit. Ich geniesse sie wie ein Festschmaus, jedes von ihnen.
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Ein bisschen unfair bist Du darin, dass Du Dich nicht zwischen mir und meinem Chef entscheiden willst. Du sagst, klar, alle müssen Frühenglisch haben. Aber auch Französisch. Was jetzt nun, beides?? Das ist wohl nicht gut möglich, mit den Grundschülern schon mit zwei Fremdsprachen anzufangen, schliesslich müssen sie auch noch Hochdeutsch lernen, was sie im Alltag ja auch nicht brauchen. Das wären sozusagen drei fremde Sprachen, wie einige behaupten.
Nein, ich glaube, es geht wirklich um die harte Entscheidung: Französisch oder Englisch ab 2. Klasse? Ich bin, wie gesagt, für Englisch. Und ich habe gute Argumente:
Erstens: Englisch bietet, wie Du sagst, Anschluss zur Welt, zur Welt des Kommerzes, des Computers.
Zweitens: Kinder haben mehr Motivation, Englisch zu lernen als Französisch.
Drittens: Englisch ist leichter als Französisch, vor allem in der Anfangsstufe.
Viertens: Schüler auf dem praktischen Bildungsweg erreichen in 7 Jahren eine Kompetenz in Englisch, die ihnen im Beruf nützlich sein kann. In Französisch kommen sie kaum soweit, dass sie praktisch sprechen könnten.
Fünftes: Mein Chef behauptet, Sprache sei mehr als ein Verständigungsinstrument weltweit, mehr als eine lingua franca. Klar, hat er recht, aber auch das moderne Englisch ist Teil einer Kultur, der postmodernen, internationalistischen, übernationalen Kultur. Es ist ja nicht ein Queens-Englisch, das hier zur Diskussion steht, sondern eine Art Strassenvariante in hunderten von Akzenten. Wie nennt man dieses neue Englisch, das man überall spricht, mit einem sehr reduzierten Wortschatz? Es hat doch irgendwie einen Namen, den ich schon gehört habe?
Sechstens: Der Kulturstreit in der Schweiz wird nicht so heiss werden, wie mein Chef prognostiziert, weil auch die Romands Englisch lernen, und dann können wir mit ihnen Englisch reden, wenn es denn sein muss. Das geschieht schon heute gelegentlich im Militär beispielsweise.
Siebtens: Der Kulturstreit könnte sogar gemildert werden dadurch, dass wir uns nicht mehr zwischen Italienisch oder Französisch entscheiden müssen. Es wäre doch denkbar, dass die Tessiner enttäuscht sind, wenn wir Französisch wählten, und dass die Romands enttäuscht sind, wenn wir Italienisch wählen. Mit Englisch sind wir von beiden gleich weit entfernt, oder gleich nah respektive.
Achtens: Und die Romands und Tessiner können sich auch auf die Weltsprache Englisch konzentrieren, und müssen nicht zuerst noch Deutsch lernen, einfach, weil man in der Schweiz ohne Deutsch keine Karriere machen kann. In Zukunft wird man auch in der Schweiz die Karriere in Englisch machen.
Neuntens: Wenn alle Englisch können, wird es wieder geschätzt und exklusiv werden, Französisch auch noch zu können. Dann wird der Wert von Französisch bestimmt wieder steigen, vielleicht nicht für alle, aber für diejenigen, die sich auf Marktlücken vorbereiten.
So:
Findest Du denn nicht, Marlena, mein Chef sei längst k.o.? Seine Argumente sind doch ideologischer Natur, ein wenig nostalgisch. Und unter uns gesagt, ich vermute, dass er selbst kein Englisch kann. Aber das weiss ich nicht. Er ist sonst sehr kompetent und intelligent. Auf jeden Fall muss man doch konstatieren, dass, wenn man ein wenig herumreist, zu aller erst auf das Englische fällt, und kaum je auf Französisch. Sogar mit meiner belle soeur aus Paris spreche ich Englisch, wobei es bei ihr ja sünd und schade ist. Ich könnte nämlich viel von ihr lernen.
Also, meine liebe Marlena, ich hoffe doch sehr, dass Du Deine Pflicht tust und das Match entscheidest Er oder ich, das müssen wir jetzt wissen ;--))
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Nein, wenn ich regressive Trance sage, meine ich nicht, dass ich es bereue. Ich fand bei der Lektüre bloss, es wäre sehr schlecht formuliert, nachlässig und undiszipliniert. Vielleicht so, wie man auf der Couch des Psychiaters spricht? Nein, es ist keine Reue, eher etwas unwohl Dir gegenüber, wo Du doch immer perfekte und korrekte Sätze schreibst.
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Ja, wenn Du Dich richtig erinnerst, habe ich den Begriff Internet-Ehe erfunden und Dich damit ziemlich erschreckt! Kannst Du Dich erinnern? Damals warst Du noch sehr "korrekt" und als ich erzählte, ich träumte, mit Dir in Paris zu sein, hast Du Dich etwas indigniert gewundert, was den meine Frau dazu denke und dass sie sowas bestimmt nicht möge. Du hast mich praktisch zurechtgewiesen. Remember?? Es war köstlich. Es war wohl noch vor Deiner feinen und vorsichtigen Liebeserklärung, die ich immer noch in schönster Erinnerung habe. Und Du warst es, die das Symbol des Turmes erkannt und thematisiert hast. Das fand ich auch sehr schön, nun ja, ist es immer noch.

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Mittwoch, 22. Oktober 2025

FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI

  

Subject: FELICI FAUSTOQ(UE) INGRESSUI
Date: Sun, 03 Sep 09:00

Liebe Marlena
Alle Lehrbücher teilen die Geschichte Roms nach einem schlichten kulinarischen Prinzip ein:

Als Suppe wird die Zeit der Könige (753-510v.Chr.) gereicht.

Als Braten folgt die römische Republik (510-30v.Chr.) und füllt den Bauch mit endlosen gerechten Kriegen, die natürlich alle Verteidigungskriege waren, auch wenn Rom jedesmal einen fetten Brocken Land dazuerobert hatte. Das wird dekoriert mit süssen vaterländischen Sätzen wie DULCE ET DECORUM PRO PATRIA MORI. Da das Verschlingen ganzer Länder mit der Zeit bürgerkriegsartige Magenschmerzen bereitet, folgt darauf:

Das Dessert, die Epoche des Kaisertums (30v.Chr. – 476n.Chr), die je nach Geschmack als goldenes Friedenskompott aufgetischt wird, als nerosüsses Sündenpfuhlsoufflé oder als sadomsochistisches Christenverfolgiúngssorbet au Marc Aurèle.



Am 15. Januar ist Sant’Antonio Abate, das Fest des heiligen Anton. Es ist aber nicht der Heilige von Padua. Hier ist ein Einsiedler gemeint, der von 251 bis 356 n.Chr. gelebt haben soll, also 105 Jahre, und dabei vielen fleischlichen Versuchen widerstanden hat. Er ist der Schutzheilige der Haustiere, und sein Bild mit Bart und Kutte, Schwein und T-förmigem Antoniuskreuz darf in keinem Stall fehlen.
Schon am frühen Morgen werden die Tiere zur BENEDIZIONE, zur Segnung vor dem Portal von Santa Maria della Rosa getrieben. Bis vor Jahren war das wie ein Viehmarkt. Heute begnügen sich die frommen Bauern damit, ausgewählte Tiere zu delegieren, vor allem Pferde, meist mit einem Wagen voller Zicklein, Lämmer, Verkel, Kaninchen, Hühner, Enten, Truten Tauben und sogar Pfauen – alles sehr zur Freude der Kinder.
Früher gab es in der Festa del Sant’Antonio Abate Spiele wie Baumklettern, Pferderennen, Gänsehauet und auch das gioco della padella. Dabei wurden Münzen auf den Boden einer russverschmierten Pfanne geklebt, die Teilnehmer, denen die Hände auf denn Rücken gefesselt waren, mussten versuchen, möglichst viele davon mit Zähnen und Lippen abzureissen. Heute sieht man Miniröcke mit Spitzenvolants, Anzüge von Armani, Pelze wie man sie sonst an Opernprmieren erblickt.
Früher bestand der Höhepunkt des Antoniusfestes darin, dass die Grossfrundbesitzer ihren Hirten ein gewaltiges Essen offerierten. Heute reiten die BUTTERI, die Cowboys der Maremma, nach der kirchlichen Zeremonie auf ihren geschmückten Pferden durch die Gassen der Altstadt zum gemeinsamen Umtrunk. Am Nachmittag versammelt sich die ganze Stadt auf der Piazza Basile, wo in einer Eisenpfanne mit den Ausmassen eines kleinen Swimmingpools Hunderte Liter Öl sieden. Sechs schwitzende Köche bereiten Berge köstlicher FRITELLE: Stücke von Blumenkohl werden in Teig getaucht, schwimmend gebacken und dann mit Zucker bestreut. Mädchen verteilen das knusprige Gebäck.

Ach, Marlena, du siehst, ich habe ein wenig ein Durcheinander in meinem Zettelkasten. Das macht aber wohl nichts. In Rom ist das Durcheinander noch viel grösser. Ich versuche einfach, irgendwo anzufangen und mich langsam hineinzubewegen. Heute gehe ich noch rasch nach Basel. Ich möchte wieder einmal den wunderbaren Sarkophag ansehen, der die Sage Medeas zeigt. Du hast mal angedeutet, das diese Geschichte dich sehr beeindruckt hat. Aber du hast mir nie näher erzählt, weshalb. Der Sarkophag ist eine römische Meisterleistung aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n.Chr., so glaube ich. Er ist einfach fantastisch gearbeitet, und jedesmal bin ich von Neuem fasziniert. Wenn du mal nach Basel kommst, werden wir ihn zusammen anschauen.
*
Es ist hier regnerisch, wie es zum Herbst gehört. Aber die Temperatur ist dennoch ziemlich mild. Ich fahr jetzt los.
Mit einem lieben Gruss und einem echten Kamel-Kuss

...

Montag, 20. Oktober 2025

Mildernde Umstände ...

 

Ämne: mildernde Umstände des Winterschlafs
Datum: den 17 oktober  07:43

Liebste Marlena
Ach, ein paar Monate zusammengerollt mit Dir, der grossen weisen Bärin, das würde mir doch zusagen, in einer dunkeln, aber geschützten Höhle. Und dazu die Stille, so dass man nur das leise Liebesgeflüster hört. Das wäre doch wunderbar.
Es war ganz lustig gestern. Ich meine, der geschäftliche Teil ging einigermassen gut über die Bühne. Sie haben zwar wieder mal intensiv über Geld diskutiert, die Herren Direktoren und Bosse und Chefs. Aber die Beschlüsse waren dann ganz vernünftig. Und der neue Präsident hat eine kurze Antrittsrede gehalten und sein Dreipunkteprogramm vorgestellt. Weißt Du, welches sein erstes Ziel ist: dass keiner aus dem Club austritt. Ein reines Negativprogramm. Aber er meint es nicht so. Er ist ein Kunstmaler und ein ziemlich origineller Kopf. Es wird ihm in diesem Jahr schon was lustiges einfallen.



Und dann gab es ein essen. Und ich hatte zwei interessante Tischnachbarn. Beide waren mehrere Jahre in Schweden gewesen und waren begeistert. Und ich glaube, bei beiden ging die Liebe zu Schweden über schwedische Frauen. Der eine, heute ein älterer Gentrleman, immer sehr schick gekleidet, Modejournalist, erzählte mir von seiner schwedischen Freundin, eine Adelige, mit der er in Sörland oder so ähnlich gelebt hatte. Er konnte sogar aus der schwedischen Literatur zitieren und die ersten Takte eines Liedes singen. Och, er hat richtig geschwärmt von den Schweden, ihrer Naturmystik, ihrer Liebe zur Geschichte und zur Literatur. Aber zwischen den Zeilen konntest Du sehen, dass er immer noch an seine adelige Liebe denkt. Und er meinte, sie hätten bloss nicht heiraten können, weil sie keinen Bürgerlichen heiraten konnte.
Und der andere Kollege, ein Klavierbauer, und sonst eigentlich ein stiller Typ hatte ganz leuchtende Augen, als er von den schwedischen Mädchen erzählte. Wenn er abends von der Arbeit nach Hause gekommen sei, hätten sie schon zu mehreren auf der Treppe gesessen und auf ihn gewartet. Als Ausländer hätte er auch an der Bar Alkohol bekommen können. Und wenn man den Mädchen eine Flasche zeigte, dann wären sie überall hin mitgekommen. Oder an einem Fest hätte er immer gefragt, woher die Mädchen kommen, und sich dann mit derjenigen beschäftigt, die 50km weit hergekommen ist, um sie anschliessend mit dem Auto wieder heimzubringen.
Du siehst, Marlena, die schwedischen Frauen haben einen Ruf, der durch ganz Europa weht. Man weiss ja nie so genau, was man davon halten kann, denn wir haben auch ziemlich Wein getrunken gestern Abend. Aber eines ist sicher: beide waren von den schwedischen Frauen tief beeindruckt. Und sie haben die intensiven Erlebnisse auch in Zusammenhang gebracht mit der langen Dunkelheit im Jahr, und der kurzen und intensiven Vegetationszeit. Es hat so geklungen, als ob man die paar sommerlichen Monate bis zur kürzesten Sekunde auskosten muss, weil sie bald vorüber sind.
Und José, der Journalist, hat von den roten Preisselbeeren geschwärmt und wie die Landschaft zur einer bestimmten Zeit einfach total rot sei von diesen Sträuchern. Ist das nicht das, was Du mir auch geschildert hast? Auf jeden Fall waren diese Preisselbeeren der initiale Punkt, weshalb wir überhaupt auf Schweden zu sprechen kamen. Und du kannst Dir vorstellen, dass ich natürlich immer weiter gefragt habe und mehr und mehr wissen wollte, was denn dort oben so besonders sei. Und so sind die beiden älteren Knaben noch einmal richtig ins Schwärmen gekommen. Das war doch eigentlich recht köstlich, ganz abgesehen von den schmackhaften Preisselbeeren auf dem Fleisch.
*
Du klingst ein wenig erschöpft, meine Liebe. Ich würde Dir gerne in der Höhle den Rücken massieren und Dir neue Energie geben. Aber die länge meiner Arme reicht nicht ganz. Weshalb gehst Du nicht in die Sauna, oder vielleicht in ein Solarium. Ich glaube, dass das fehlende Licht auf das Gemüt schlägt. Ich jedenfalls habe in den letzten Jahren bemerkt, wie ich im Herbst gewöhnlich etwas mehr melancholisch werde. Das heisst, ich habe es nicht mal selbst realisiert, sondern S hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und ich glaube, sie hat recht. Ich habe immer Weihnachten bis Neujahr eine Art Baisse, so dass ich die Zeit und das Fest gar nicht richtig geniessen kann. Bisher hatte ich es immer mit der Tatsache des Jahresende in Zusammenhang gebracht. Es ist aber schon möglich, dass ein Sonnenenergiemangel auch eine Rolle spielt. So lass mich denn Deine Sonne spielen, Marlena.
Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag
...


Iran ist megasonnig, nebeibei gesagt. Deshalb haben dort alle lachende Gemüter.




Re: Mildernde Umstände


lingon  

Ämne: Abendgruss
Datum: den 18 oktober  22:29

Lieber ...

Es war wie ich geglaubt hatte und nun sitze ich hier warm eingehüllt mit einem heissen Tee neben mir und versuche mich zu kurieren. Gerade habe ich noch einmal dein schönes Mail durchgelesen, was mich gleich ein bisschen wohler zumute macht. 

Am Montagabend habe ich  sehr an dich gedacht. Als hätte ich gespürt, dass du mit deinen Gedanken in Schweden bist. Allzu gern hätte ich deinen Tischnachbarn zugehört, als sie von Schweden erzählten. Und du, chéri? Es muss doch ein komisches Gefühl gewesen sein, nicht auch von hier sprechen zu können. Du hast Fragen gestellt und vielleicht hat man doch gemerkt, dass du nicht ganz fremd bist in diesem Land. Oder hast du ihnen auch erzählt von einer Schwedin, die in dich vernarrt ist seit einem halben Jahr? Du weißt doch, mein Liebling, dass wir diese Woche ein halbes Jahr gemailt haben? Ich wundere mich manchmal dass es nicht schon länger ist. Wir haben uns unendlich viel geschrieben in dieser Zeit. Und doch bin ich immer noch hungrig nach deinen Worten. Ich kann nie genug von dir hören. Du beschreibst alles so genau und so schön .. z.B. von den Eiszapfen im Wallis. Ich hatte mein Leben lang nicht mehr an Eiszapfen gedacht und plötzlich sah ich sie wieder vor mir, ich fühlte sie und ich erinnerte mich sogar, wie sie riechen und schmecken ;-)

Als ich die schwärmerischen Berichte deiner Clubfreunde über Schweden las, wurde ich fast melancholisch. Sie haben recht.. es ist etwas besonderes mit diesem Land.. etwas, das mit den Jahreszeiten und der Natur zu tun hat. Ich bin froh, dass mich meine Mutter damals wieder hierher geschickt hat. Aber der Journalist hat natürlich ein bisschen übertrieben. Nicht ganz Schweden leuchtet von "lingon". Sie wachsen an bestimmten Stellen im Wald und man muss schon wissen wo, bevor man sie leuchten sieht. Es ist möglich, dass sie in Südschweden etwas offener wachsen als hier bei uns. Oben in Norrland haben wir sie auf dem Hof hinterm Haus. Aber schade, dass wir nicht dort sein können, wenn sie reif sind.
Du weisst, es ist eine sehr nützliche Beere. Sie konserviert dich von innen, sodass du nicht älter wirst ;-) Ein Geheimnis, das ich dir hiermit verraten habe.
*
Bei uns ist es zur Zeit schon stockdunkel. Aber ende des Monats stellen wir dann unsere Uhr eine Stunde zurück. Man sollte sich nicht beschweren. Ich war mal im Dezember oben in Luleå, um bei meinem Schwiegervater 
Weihnachten zu feiern . Der Tag dauerte ungefähr eine Stunde und bestand aus einem rosa Streifen über dem Waldrand.

Eigentlich glaube ich nicht, dass ich zu den Menschen gehöre, die leicht vom Wetter beeinflusst werden.. Wenn ich mich wohl fühle aus anderen Gründen, dann kann mich das Wetter kaum stören. Du bist lieb, dass du meine Sonne spielen willst. Ja, tu es Liebling. Denn diese Art von Sonne kann ich schon sehr vermissen. :-)
*
Ich liebe es, in die Sauna zu gehen und dazwischen ein paar Längen zu schwimmen. Zu Hause in Uppsala hatten wir unsere eigene Sauna in der Villa und ich vermisse es sehr. Hier fehlt mir leider oft die Zeit dazu, aber ich werde doch versuchen ab und zu hinzugehen. Wir haben übrigens seit kurzem freien Zugang zum "Gym". Brauche mir nur den Schlüssel zu holen. Das ist doch eigentlich fantastisch. Daneben liegen das Solarium, das Schwimmbecken und die Sauna. Und alles nur knapp 100 Meter von meinem Arbeitsplatz. Da staunst du wohl, Chéri.
Wie ist es bei dir? Gehst du auch in die Sauna? Ich bin manchmal eifersüchtig auf meinen Bruder, der sich nachher noch ganz durchmassieren lässt. Diese Möglichkeit haben wir leider nicht hier bei uns (obwohl mein Kollege Å, der eine Masseurausbildung hat, mir öfters seine Dienste anbietet) ;-))
Nun, chéri, ich werde mit deinen guten Ratschlägen und lieben Briefen schon noch die dunkle Jahreszeit überleben.

Wenn ich so zum Ende eines Mails komme, muss ich mich immer ein wenig zurückhalten, dass ich dir nichts Unpassendes schreibe.. Mein Wunsch dich einmal so ganz glücklich zu sehen ...
Oh, nein Schatz.. Ich sage dir nun gute Nacht.
Bitte lass mich nicht verhungern
Marlena

In Eile ..

 

Ämne: In Eile..
Datum: den 14 oktober 11:02


Hello love,
Gestern kam ich nicht an den PC ran weil A und K ihr neues Program ausprobieren. Ich glaube beide werden in Zukunft viel hier am PC zu tun haben mit ihren Websites. Aber das gilt ja nur am Wochenende.
...

So viele Illusionen hast du gehabt, dass du einen ganzen Karren dafür brauchtest? ;-) Ja, das Leben eines Menschen ist meist etwas anders, als es die Umwelt sieht. In den Augen meiner Umgebung gelte ich als stark, selbstbewusst, stolz, offen und glücklich (vielleicht auch als etwas abenteuerlich :-) ... 

Und dir mein Schatz sage ich, wie mein Leben wirklich ist.. wie ich es erlebe.. meine Gefühle und Gedanken. Es ist schön, einen Menschen zu kennen, dem man das sagen möchte.

Ich muss schon weg. Schreib mir doch bitte noch ein Mail, falls du Zeit dazu findest. Es macht mein Leben so schön.. .
Ich umarme dich, mon chéri
Marlena



Illusionen??

 


Ämne: die Illusionen auf dem Kartoffelkarren


Liebe Marlena

Wo ich meine Illusionen verloren habe? Illusionen über die Menschen?
Na ja, das ist wie wenn Du mit einem Karren voller Kartoffeln über einen holperigen Weg rollst. Sie fallen ja nicht gleich alle zusammen vom Karren, sondern springen einzeln da und dort herunter.
Aber ich habe nicht ein schlechtes Bild von den Menschen. Das bestimmt nicht. Und ich habe im Leben wirklich eine Menge Menschen kennengelernt.
Weißt Du Marlena, ich habe den Eindruck, dass es sehr von der Distanz abhängt, wie man Menschen wahrnimmt. Kennt man sie nur aus Entfernung, oder kennt man sie in einem sehr persönlichen Rahmen. Das ist die Frage. Es gibt doch auch diesen merkürdigen Riss durch die Welt, den jeder von uns selbst erleben kann, diese unüberbrückbare Diskontinuität zwischen meiner Innenwelt und der Aussenwelt. Man könnte grob sagen, das eine sei die private, das andere die öffentliche Welt. Aber es stimmt hier auch nicht ganz. Die Sprache, nota bene, wie Wittgenstein nachweist, ist eine durch und durch öffentliche Angelegenheit. Es gibt nicht die Privatsprache, nur für mich selbst, so, wie sie Bichsel in der Kindergeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" vorgeführt hat. Das ist keine Sprache mehr.
Ich habe in den letzten Jahren einige Biographien gelesen und ein wenig studiert. Am liebsten hatte ich die Lebensgeschichten von Malern, die auch illustriert waren mit ihren eigenen Gemälden. So konnte ich irgendwie die Werke mit dem Leben des Malers in eine Verbindung bringen. Kunstgeschichtlich ist ja das Leben des Malers ziemlich irrelevant. Aber psychologisch ist es interessant. Und wenn man dann diese Lebensläufe, diese Krisen und Stürme und Liebschaften und Katastrophen und Höhepunkte und Seligkeiten sich anhört, und daneben die öffentliche Rolle sieht, die sie gespielt haben und die mit Gemälden belegt ist, dann gibt es doch sehr erstaunliche Phänomene.
Schau mal Dali an, dessen Biographie ich gerade auf meinem Nachttischchen habe! Er war ein armer Wurm. Er hatte soviele Ängste und Unsicherheiten. Er war ganz und gar von seiner Frau Gala abhängig, die ja auch in seinen Bildern immer wieder auftaucht, eine Russin, die ein sehr extravagantes Sexualleben geführt haben soll, während von Dali gesagt wird, er wäre ein Autoerot gewesen. Das heisst wohl, er hat sich meist selbst mit sich selbst befriedigt. Das ist ja doch schon eine echte Kunst, würde ich sagen. Und er muss seiner Gala echt hörig gewesen sein. Sie haben viele Bilder gemeinsam signiert, obwohl er sie gemalt hat, er im engeren Sinne sozusagen. So ist der arme Kerl stets am Trichterrand zur Psychose gewandelt, hat diese Tatsache genutzt für seine Bilder. Aber ich bin sicher, das war nicht das reine Vergnügen. Er war ein echter Spinner und hat sich mit seinem Vater schwer verkracht und hat offenbar auch enorm darunter gelitten.
Und wenn man bloss Dalis öffentliches Leben anschaut, hat man den Eindruck, er wäre ein berühmter Maler gewesen, der sein Leben geschäftstüchtig inszeniert hat, jede Menge vor dem Publikum der Oeffentlichkeit Theater gespielt, aber alles in allem ein genialer Held, der diese fantastischen und eindrücklichen Bilder gemalt hat, die jeder im Gedächtnis hat. Man denkt, er sei der grossartige und selbstbewusste Schöpfer dieser Ikonen des frühen 20. Jahrhunderts.
Was jetzt nun, ein genialer Held oder ein armer Wurm? Ist eben eine Frage der Distanz der Wahrnehmung. Und in der Oeffentlichkeit verzerren vielleicht die öffentlichen Vorurteile und Legenden unseren Blick und im Privaten sind es dann wohl unsere persönlichen Gefühle und überwertigen Ideen und familiären Neurosen, die das Bild trüben.
Ich habe kein schlechtes Bild von den Menschen. Und ich bin immer wieder berührt und beeindruckt von der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Ich glaube, das ist die stärkste Kraft auf unserer Welt. Bei Vätern merkt man gelegentlich auch viel Liebe, aber nicht so oft wie bei den Müttern. Und wenn diese Mutterliebe nicht wäre! Stell Dir die Welt vor. Es wäre der wahre Dschungel und Krieg und Egoismus! Die Menschen hätten kein Feingefühl und keinen Respekt und auch keinen Zusammenhang. Es sind bestimmt die Frauen, die dieses Positivum in der Welt vertreten und unterstützen und pflegen. Und es ist wohl in allen Kulturen so. Die Leistungen der Frauen für den Bestand unserer Welt sind bei weitem höher einzuschätzen als diejenigen der Männer. Wenn man das mal so auf eine einfache Buchhaltung reduzieren will. Und es ist, nach all dem, was wir hier unten wahrnehmen, überhaupt nicht einzusehen, weshalb der liebe Gott denn nun unbedingt so etwas wie ein Mann sein sollte.
Wir haben in unserem Dienst vor Jahren mal eine Fortbildung gemacht mit einer Feministin. Und sie hat erzählt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter abends "zur Göttin" betet. Fand ich lustig, instruktiv und auch mutig.
*
Kurz und gut, meine Illusionen liegen an den Rändern meines Lebensweges wie Kartoffeln, die vom Karren heruntergekollert sind. Aber ein paar sind wohl immer noch oben geblieben. Und das spricht doch auch für den Karren, oder nicht?
Ich küsse Dich innig, meine barocke Mausfreundin
...

PS: wollen wir doch keinen Indizienprozess beginnen, wer wem zuerst die Liebe angedeutet habe. Es geht mir da wie den alten Römern, die in ihren Zitaten immer sehr ungenau waren, einfach weil sie die Mühe scheuten, ihre Pergamentrollen aufzurollen und das Zitat wörtlich zu suchen und nachzulesen. Es ist einfach schön, sich zu erinnern, wie das ganz zart und sachte entsteht, und wie man auf jede Geste und Wendung achtet, die auf ein Mehr hindeuten könnte. Und wenn solche Ahnungen und Gefühle entstehen, ist man ganz zufrieden und hell. Aber es ist doch nicht Geschichte, Marlena! Es ist die nackte Gegenwart, bloss ein paar Monate her. Ich küsse dich nochmals.

Sonntag, 19. Oktober 2025

Nur ganz kurz ...

 

Ämne: Nur ganz kurz..
Datum: den 12 oktober 

Lieber...
Ach ,  es ist so spät geworden heute und ich finde nicht die Zeit, ein längeres Mail zu schreiben. Aber einen kleinen "Gutenachgruss" möchte ich dir trotzdem schnell senden.
Danke für dein schönes, langes Mail. Ich bin ganz auf deiner Seite was Englisch betrifft. Aber später, wenn die Schüler älter sind, sollten sie auch Französisch lernen.. aber nur die, die eben eine gute theoretische Ausbildung haben wollen. Klingt das fair?

Morgen ist Freitag der 13. Viele meinen, das ist ein spezieller Tag. Man muss etwas aufpassen :-)
Ich habe heute ein wenig nach dem Mail gesucht, wo ich dir eine Liebeserklärung gemacht haben soll.. aber im März gab es noch keine. ;-) Doch man merkt,  dass ich schon nach ein paar Wochen "Harroinsüchtig" gewesen bin..
Nicht ich.. sondern du, hast das erste Mal von Liebe gesprochen.. :-) Erinnerst du dich? Damals wollte ich schnell die Feuerwehr holen.. Wir reden manchmal, als wäre alles schon Geschichte.. Ist das so?

Jetzt muss ich noch etwas arbeiten, aber morgen werde ich dir hoffentlich mehr schreiben können.
Wünsche dir alles gute
Marlena

Wo hast du deine Illusionen verloren? Erzählst du mir davon?

Zu dem Wort "barock" sagt mein Duden: "seltsam, verschroben"...




Montag, 13. Oktober 2025

Mein Vollmondblues

  

Date: Wed, 17 May 14:54

Liebste Marlena

Du bist eine echte Lehrerin. Du bist kommunikativ sehr bewusst und kontrolliert. Du weißt, worüber du sprechen sollst und worüber sich besser schweigen lässt. Dessen muss man sich im Unterricht wohl immer ziemlich genau bewusst sein. Man kann nicht halbwegs über etwas sprechen und dann die Diskussion wieder abbrechen. Ich glaube, du hast darin die weit klarere Linie als ich sie habe. Ich bin gewohnt, private Gespräche zu machen. Da gibt es viele Zwischentöne und angefangene Sätze und Versprecher und Fragezeichen. Da macht man Kurven und Schlingen und Stops. Zwei oder drei Personen sind leicht zu steuern. Aber eine ganze Klasse, das ist wie ein Hochseedampfer; der hat einen sehr langen Bremsweg. Man muss weit in die Ferne sehen und wie ein Kapitän vorausdenken und mit feiner Hand steuern.

Und du bist Oberstudienrätin, das habe ich indirekt von dir vernommen! Das hast du mir anfangs nicht gesagt, du hast bloss Studienrätin gesagt. Ist das vor allem eine Frage der Erfahrung, wann man von der Studienrätin zur Oberstudienrätin avanciert? Oder muss man dazu vom Vorgesetzten vorgeschlagen werden? Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind lohnmässig gleich gestellt wie Studienräte, dh. wie Gymnasiallehrkräfte. Ich selbst und meine zwei Leiter sind ein bisschen höher angesetzt, so dass sich unsere grossen Sorgen auch ein bisschen auszahlen.

Und noch etwas würde mich aus deiner Schule sehr interessieren. (ich muss ja wohl ein paar Fragen zur Schule stellen, wenn ich später behaupten werde, ich hätte in der Arbeitszeit mit einer schwedischen Schule Fachgespräche geführt). Ich behaupte immer wieder, wir hätten in der Schweiz die besten Schulen der Welt! Ich behaupte das einfach in die blaue Luft hinaus, weil hier in der Schweiz die Schule von allen Seiten kritisiert wird. Jeder meint, er könnte es besser machen. Ich bin auch der Meinung, dass man vieles besser oder anders machen könnte. Aber man muss sich immer bewusst sein, in welcher sportlichen Liga man diskutiert. Und wir sind in der Liga der Weltspitze. Und Schweden ist es sicherlich auch. Meine Tochter  A. war in Spanien - Andalusien, in Ungarn und in Südamerika zur Schule gegangen. Und wenn ich mir das anhöre, wie Schule dort funktioniert, dann muss ich sagen, wir sind meilenweit davon entfernt. Ungarische Schüler sind zwar sehr fleissig. Sie lernen aber auch noch viel auswendig, wie sie erzählt hat. Und die spanisch sprechenden Schulen sind mit den unseren kaum zu vergleichen.

Seid ihr im Schulsystem ähnlich wie Deutschland, oder England, oder Amerika? Wie läuft es bei euch in Schweden, Marlena? Habt ihr einen grossen Prozentsatz pro Jahrgang, der ins Gymnasium übertritt? In der Schweiz sind es wenige, ich glaube bei 15 -20%, bin aber nicht sicher. Und es gibt Stimmen, die laut behaupten, dass die zukünftige Dienstleistungsgesellschaft mehr AkademikerInnen brauchen wird.

Was ist die Stärke des Schwedischen Bildungssystems? Habt ihr auch das duale System der Lehre, der praktischen Berufsbildung, dh. Schule einerseits, praktische Arbeit andererseits?

Du hast mir gesagt, dass euer König ein Legastheniker sei. Habt ihr spezielle Therapien in der Schule für Kinder mit legasthenischen Problemen? Gibt es am Gymnasium auch Legastheniker, so dass ihr zum Beispiel dann die Noten in der Rechtschreibung weniger gewichten würdet?

Es sind viele Fragen, Marlena. Ich habe sie gestellt, damit ich behaupten kann, ich hätte sie gestellt. Wenn du keine Lust hast, sie zu beantworten, dann sag mir was Liebes. Das höre ich noch viel lieber von dir als irgend etwas anderes!

Und hast du mir nicht vor 400 Jahren versprochen, du würdest mir von deinem Studium in Uppsala erzählen, hast du das nicht?

*

Zur Tatsache, dass man in Rom auf seine Handtasche sehr acht geben muss, habe ich einen kleinen Witz.

Drei Piloten diskutieren, wie man in Europa bei Nebel am besten landen kann. Der Pilot der British Airways sagt: "Well boys, landing in London ist very easy, even when it is foggy. Du fliegst immer straight on. Und wenn du den Big Ben hörst, du stichst down and there you are!". Da kommt der quirlige Franzose von der Air France: "Et pour arriver à Paris, das is facile, mon dieu, très facile, du älst das main gauche hmm den linghe And, , aus dem Coquepite, und wenn tu sens das Tour Eiffel, dann du bist à Paris, définitivement!" Und zum Schluss kommt dann noch Giovanni, der Kleine von der Alitalia: "Allora amici, in Roma zu landen e molto facile, tu älstä il mano sinistra, die linke Andä aus das Cockpitä und wenn die Uhrä ist wegä, Madonna mia, è certo, du bisä a Roma.

*

Ich bin einfach ziemlich blue, wenn du weißt, was ich meine. Ich bin über Mittag rasch im Städtchen gewesen, um frische Luft zu schnappen. Normalerweise bleibe ich im Büro. Ich muss versuchen, mich abzulenken. Es ist richtig, was du sagst. Stell dir vor, wo wir angefangen haben! Du bist die Champs Élysées auf der rechten Strassenseite hinaufspaziert und ich auf der linken Seite hinunter. Und in der Hälfte haben wir uns kurz gesehen, flüchtig und nur zwischen anderen Menschen. So was von unschuldig! Und heute? Deine Küsse sind so süss. Ich darf sie mir nur in Schwarz-Weiss und mit Untertiteln vorstellen! Keinesfalls farbig und keinesfalls synchronisiert. Das wäre zu lebensecht und zu intensiv!   
...
Ach, es gibt soviele Frauen hier in der Schweiz, blonde, blauäugige, schöne blasse Wesen. Ich weiss bloss nicht, warum wir es uns so schwer machen müssen? Wieso so weit, Marlena, kannst du mir das sagen? Wie überhaupt kommst du dazu, im ST herumzuwandern, zu flanieren, und noch dazu im all zu plaudern? Du könntest dich doch in Deutschland umschauen, oder in Frankreich? Warum in aller Welt gerade in der Schweiz? Und dann diese Liebesgedichte Rilkes und und all die schwersüssen Zeilen! Ach, Marlena, sag nicht ich hätte dich verführt! Ich hab mir nichts weiter vorgestellt als einen kleinen Chat. Nichts Weitergehendes. Ich habe mir unter Marlena auch nicht so ein Wesen gedacht, wie du jetzt hervorgetreten bist, aus der Schaumkrone, wie Venus bei Botticelli. Wie konnte ich wissen, dass sich ein Mensch wie du im ST herumtreibt?

Du siehst, ich bin wirklich blue und ein bisschen bekloppt! Ich schreibe auch ziemlich ironisch, das merkst du sicher. Ich möchte nicht, dass du das ernst nimmst und persönlich. Es ist ironische gemeint. Du kannst es gleich abtropfen lassen.

*
Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.  ...

Die Zeit der Ironie

 

Peter Handke  

...einer der wenigen Anti-Ironiker, 2019 mit dem Nobelpreis  ausgezeichnet

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Gerade lese ich einen Artikel, dass die Zeit der IRONIE vorbei sei. Soll ich ein bisschen ausholen? Das lenkt uns vielleicht ab.

Ironie und Moderne gehören zusammen. Sie sind ein Zwillingspaar. Es gibt im 20. Jahrhundert kaum einen Schriftsteller von Rang, der sich als unironisch bezeichnen liesse. Das vergangene Jahrhundert hat bombastische, hybride und teilweise verheerende Weltveränderungen gebracht. Aber im Geistigen war es in einer diametral entgegengesetzten Tonart. Es war ein Zeitalter der Verstellung, der Untertreibung, der Verkleinerung, kurz: der Ironie. Den programmatischen Auftakt bildete 1903 die Novelle von Thomas Mann "Tonio Kröger". Für das Adjektiv unironisch findet der junge Autor ein ganzes Arsenal von Synonymen: pathetisch, sentimental, schwerfällig, täppisch-ernst, unbeherrscht, ungewürzt, langweilig, banal. Er nennt 9 Ausdrücke für das Unironische, und das Unironische selbst steht in der Mitte zwischen unbeherrscht und ungewürzt. Die Kette ist aufgebaut nach einer Art Antiklimax, vom Pathetischen herabstürzend zum Banalen.

Aber das Ironische war schon zu Manns Zeiten ein alter Hut, gut hundert Jahre alt. Und bei Tonio Kröger fehlt der Begriff "unmodern". Denn Moderne und Ironie gehören zusammen. Ironie ist nach der Französischen Revolution in Mode gekommen. Sie war als methodisches Instrument und geistige Haltung natürlich viel älter. Wurzeln gehen zurück bis Sokrates, Cervantes, Diderot, Sterne und vielen anderen. Aber erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurde Ironie zur privilegierten und beliebten Ausdrucksform der Elite. Es gab auch Skeptiker. Nietzsche meint, sie verderbe den Charakter, sie gleiche einem bissigen Hund, "der noch das Lachen gelernt hat, ausser dem Beissen". Und Kiergegaard nennt sie ein "Niezuendekommen in negativer Freieit" ein "Herumirren im Nichts". Kundera nennt den Roman als die ironische Kunst schlechthin. Und er Zitiert Sciascia: "Nichts, was schwieriger zu verstehen wäre, nichts, was weniger zu entziffern ist als Ironie". Doch jeder monderne roman zeichnet sich aus durch seine "ihm wesensgemässe Ironie". Das ist die offizielle Lesart der klassischen Moderne, von Mann über Kafka, Musil, Broch bis zu Green, Brodkey. Es ist eine Cheflinie, eine Geisteshaltung einer bildungsbürgerlichen Elite. Doch mittlerweile ist sie in die Defensive geraten. Das junge Feuilleton spricht geradezu veräntlich vom "Ironiekult", dem endlich ein Ende gemacht werden müsse.

Schön und gut, doch was ist das Gegenteil von Ironie? Man hat sich in der begrifflichen Not auf das "Pathetische" geeinigt. Sie steht bei Thomas Mann auf Platz eins. Das Pathetische, der sogenannte hohe Ton, scheint seit Schiller ziemlich ausgestorben. Das Pathetische und das Ironische unterscheiden sich vor allem in ihrem Verhältnis zum Schmerz.

Einer der wenigen Anti-Ironiker ist Peter Handke. Er hat sich in den 80er Jahren notiert: "Vermeide das Ironische; es zeigt deine Verletztheit (...) suche den Ernst". Denn Ironie ist ein Mittel, Abstand zu schaffen, sich zu verstecken, Schmerz und Verletztheit zu leugnen. Und nach handkes Dialektik zeigt man eine Wunde gerade dadurch, dass man sie geflissentlich zu verstecken sucht.

Zur Leidenschaft hat der moderne Mensch ein gebrochenes Verhältnis. Er stellt sich gönnerhaft neben sie, belächelt sie milde: das ist eine klassische Thomas Mann Attitüde. Dessen Antipode ist Kafka. Martin Walser erkennt bei ihm das Begriffspaar "Mitleid und Furcht". Bei Kafka vermischen sich pathetische und ironische Elemente auf brisante Weise. Sie provozieren Reaktionen von Lachen, Heulen bis Zähneknirschen.

"Eine unheimliche Begleiterscheinung des ironistischen Zeitalters des menschlichen Selbstverständnisses besteht darin, dass in ihm die Menschen verlernt haben, zu weinen", sagt Hermann Schmitz. Weinen befreit. Es ist in erster Linie ein physiologischer Affekt, weniger eine geistige Tat.

Lachen befreit auch. Und einer der Endzwecke der Ironie ist gerade das Lachen. Aber Ironie irritiert.

Wenn also Pathos, Ernst - im Sinne Handkes - die Nachfolge von Ironie antreten würde, wäre das nicht die schlimmstmögliche Wendung. Pathos und Ernst könnten auch Gegengifte sein gegen die Infantilisierung durch ubiquitäre Entertainment in der Gesellschaft.

...




Samstag, 11. Oktober 2025

Give me one reason

 


Subject: Torsdag = Donnerstag

Tor, ein altnordischer Gott (in Deutschland bekannt unter dem Namen Do'nar)

Lieber ...,
Ein herrlicher Herbsttag, so wie du sie am liebsten magst. Alles wäre so schön, wenn mich nicht plötzlich die mail-abstinenz plagen würde. Ich betrachte sie klinisch und wundere mich über ihre Kraft. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, der keinen Alkohol findet, ein Raucher, der versucht von seiner Last frei zu werden. Doch dieser Letztere hat den Vorteil zu seiner Sucht zurückkehren zu können, wenn es ihm beliebt.

Von einer CD höre ich Tracy Chapman. Das ist wie ein Lutschbonbon gegen Grippe. Ich meine es schmeckt zwar gut, hilft aber kaum. Doch man kann seine Gedanken damit betäuben.
"Give me one reason".  

Nächste Woche schon wirst du vielleicht deine Reise nach Rom antreten. Ich glaube, es wird ein wunderbares Erlebnis werden. Vielleicht sogar noch schöner als damals New York. Und ich weiss, dass du das Beste daraus machen wirst. Wenn es schon keinen guten interessanten Reiseführer gibt, samle doch Material für einen eigenen. Jetzt hast du eine gute Digitalkamera und das photographische Auge fehlt dir auch nicht. Ich wünsche dir wunderbares Spätsommerwetter.

Soll ich? Soll ich nicht? Ich denke falls du krank zu Hause liegst brauchst du etwas Ermunterung.. vielleicht drücke ich auf die Taste "send".

OK.

Mit einem lieben Gruss,
Malou

2 KOMMENTARE:

  1. Liebe Malou,

    seit langer Zeit bin ich wieder einmal hier auf dieser geheimnisvollen Seite gelandet. Weil ich traurig war, bin ich durch das Netz geirrt - und zum Glück für mich bald in diesem Blog gelandet. Die Mischung aus Alltag, Geheimnis und Spannung hat mich aufgeheitert. Als Antwort auf all das, was ich von diesen Dialogen hier mitbekommen habe, schicke ich dir einen Link auf ein Gedicht, dass ich Anfang des Jahres geschrieben habe.

    Wo ich bin, hat die Nacht begonnen. Du hingegen stehst bald auf.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen und weiter viel Spaß beim Schreiben.

    Herzlich
    Jorge D.R., Kitchener-Waterloo, Ontario, Canada

    http://traumtuch.blogspot.ca/2016/02/hier-und-dort.html
    SvaraRadera

  2. Lieber Jorge,

    Wie schön, dass dieser Blog einen so guten Einfluss auf dich hat. Das Gedicht von dir ist wunderschön.

    "Spass beim Schreiben" wünschst du mir. Aber es ist nur Veröffentlichen.

    Herzliche Grüsse
    Malou


Freitag, 10. Oktober 2025

Ein Büffel meldet sich

 (R)


Stockholm



Ämne: Ein Büffel meldet sich
Datum: den 9 oktober  10:40


Lieber ..,

Ich wollte eigentlich erst ein wenig Ordnung ins Haus bringen, bevor ich mich zu dir setze, aber nun habe ich deinen Brief nochmals durchgelesen und kann es nicht so lange aufschieben. Am schönsten wäre es, wir könnten einander gegenüber sitzen und uns unterhalten. Wir würden wohl bis spät in der Nacht beschäftigt sein.

Ach mein verrückter Liebling, als einen Saurier oder Büffel siehst du mich im Augenblick? Das ist ja schrecklich wo ich doch eine moderne junge Frau im 21. Jahrhundert bin. Nun ist "jung" vielleicht etwas übertrieben, aber meine Kolleginnen meinen, ich sehe mehr aus wie ein Teenager als eine Frau in meinem Alter.
(---)
Ich erinnere mich als ich am Flughafen in Zürich sass und auf den Flug nach Wien wartete. Neben mir sass ein Mann, vielleicht so in deinem Alter. Er war ganz in seinen Laptop versunken und ich betrachtete ihn im geheimen und dachte, dass er vielleicht auch eine Marlena irgendwo hatte. Einen kleinen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken dass es du seist und ich versichere dir dass es nichts mittelalterliches in dieser Situation gab Übrigens wunderte es mich wie klein solche Laptops sind und du tatst mir ein bisschen Leid dass du deine Mails auf einem so kleinen Ding schreiben musst, ganz zu schweigen vom Chatten.
*
Anna schläft noch. Sie kommt immer so spät ins Bett und es ist gut, dass sie einmal richtig ausschlafen kann. Ja, du hast recht. Ich glaube, ich hätte das Wort "ödla" mit Echse übersetzen sollen. Es war nicht schön gemeint.
*
Du hast mir wieder einmal aus deiner Kindheit erzählt und immer wenn du das tust, fühle ich mich sehr nahe bei dir. Ich sehe ihn vor mir, den armen kleinen Jungen, der sich so fremd fühlt und ich kann mir schon denken, wie es war, die Einheimischen hinter sich her zu haben. Für ein Kind in dem Alter, kann das schrecklich sein und sicher vergisst man es nie.
Es freut mich auch sehr, dass du die Möglichkeit hattest, das Leben auf dem Lande zu geniessen. Ich wünschte, jedes Kind könnte es einmal erleben. Als Anna die 7. Klasse begann (neue Schule), bekam sie  eine Freundin, die auf dem Lande wohnte. Sie war öfters bei ihr am Wochenende und sie hatte ihren grossen Spass. Vor allem wenn sie den Stierkälbern das "Hochspringen" beibringen wollten.. Sie bauten eine Hinderbahn und dann ging's los.Die vorbeifahrenden Autos bremsten oft ein. Sicher trauten sie nicht ihren Augen :-)

Auch ich hatte als Kind die Möglichkeit, auf dem Lande zu sein und ich glaube, ich trage diese schönen Erinnerungen und das Gefühl, ganz mit der Natur verbunden zu sein, noch heute in mir. Ich wusste nicht richtig, was ich tun sollte, um auch Anna das mal erleben zu lassen, und dann kam eben diese Chance wie ein Geschenk vom Himmel.
*
Nein, ich bin nicht in Uppsala aufgewachsen, sondern in Stockholm. Das Zentrum von Stockholm war mein "Revier" und dort bin ich auch 7 Jahre lang zur Schule gegangen. Zuerst in die Realschule, ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Dieses Stadtviertel hat man dann abgerissen, um dem Verkehr Raum zu geben. Man sieht es heute fast als eine kriminelle Handlung, denn damit hat Stockholm ein Stück seiner Seele verloren. Es war das "Klaravietel" wo die grossen Zeitungen ihre Redaktionen hatten, wo es enge Strassen gab mit gemütlichen kleinen Restaurants wo wir manchmal Sonntags essen gingen nachdem wir in der grossen Markthalle eingekauft hatten, wo ich dann später vom Schulhof aus die leichte Garde beobachten konnte die sich mit ihren Kunden oder Zuhältern ziemlich laut stritten (denn es war auch ein sündiges Viertel :-) und wo "Jocke" mit einem Kasten auf dem Bauch vor dem Schultor stand (wie ein Wurstverkäufer) und Süssigkeiten an uns Schüler verkaufte. Der liebe alte Jocke, wenn er wüsste, wie er uns das Leben süss gemacht hat.
Dann mit 16 kam ich aufs Gymnasium. ...  Und später habe ich noch eine Zeit in einem staatlichen Amt gearbeitet. Es hat mir  gute Einblicke in die Beamtenwelt gegeben und ich möchte nicht ohne diese Erfahrung sein.
Erst als ich so 20 Jahre alt war, zogen wir, die ganze Familie, nach Uppsala und ich begann meine akademischen Studien. Zuerst Germanistik und dann Romanistik (heisst es so?) Uppsala hat die beste Universität von Schweden, obwohl Lund auch immer um diesen Titel kämpft. Aber dieser schönen Stadt werde ich ein eigenes Kapitel widmen.
*
Die schönste Zeit des Herbstes ist nun schon vorbei und die Bäume haben schon die meisten Blätter verloren. Aber auch diese Zeit ist schön. Etwas traurig vielleicht, weil sie unsere Gedanken an Vergänglichkeit führt. Nun wird es auch schon ziemlich früh dunkel. Doch das macht mir nicht viel aus  denn es ist um so schöner in der wohligen Wärme im Haus zu sein.

Ich sende dir nun dies. Vielleicht kannst du es schon in der Mittagspause lesen. Etwas zum Kauen zu deiner frugalen Suppe. ;-)

Lass bald von dir hören, mein lieber Mausfreund
Ich sehne mich immer nach deinen Mails
In Liebe
Marlena

PS Ich lege dir ein Bild bei. Es ist vom Rathaus aufgenommen, hinüber zur Altstadt. In dem weissen Haus in der Mitte habe ich gearbeitet.

Ein böser Traum

Liebster Mausfreund,

Danke für dein schönes Mail. Ich staune nur so, wenn ich es lese, denn auch ich war zu dieser Zeit heute Nacht total schlaflos. Bei mir begann es übrigens schon so um 2.00 Uhr. Vielleicht habe ich dich dann sogar mit meinen Gedanken geweckt ;-) Ja, ich habe wirklich intensiv an dich gedacht. Und dabei kam mir immerzu ein Gedicht von Rilke in den Sinn:

"Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt,
  Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen.."

Weisst du, ich bin ganz verzaubert von deiner Art zu schreiben und manchmal denke ich, sowas kann ich doch nicht für mich allein behalten. Kein Mensch hat doch recht auf so viel.

...  und dich besitzen nur ein lächeln lang  um dich an alles zu verschenken wie einen Dank           

Und dann denke ich wiederum, dass ich dich vielleicht bald mit der Öffentlichkeit teilen muss. Oh Gott, nein! Ich werde ganz eifersüchtig bei dem Gedanken.

Dann später bin ich doch ein wenig eingeschlafen und erst um 6.45 Uhr aufgewacht. Da hatte mein Radio schon eine halbe Stunde lang gesendet, ohne dass ich davon erwacht bin. Ich hatte auch einen grausamen Traum. Plötzlich traf ich meine beiden (schon verstorbenen) nahen Kollegen und ich weinte, weil ich wusste, dass sie schon tot waren. Und dann sass ich auf einem Stein am Wegrand und weinte ganz bitterlich (glaube man tut es nie so intensiv wie in einem Traum) und das schlimme war, dass alle Leute vorbeigingen und nicht einmal zu mir her schauten, als ob es mich gar nicht gäbe.
Na ja, Träume sind Schäume, aber ein Traumdeuter würde schon etwas daraus machen wollen.
...


(Jahr 3)

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Ämne: Sogar die NZZ...


Ämne: Sonntag Abend
Datum: den 24 augusti 2003

Lieber  ...
(---)
Ich habe den ganzen Tag hindurch (mit so 4 Stunden Intervallen) die dramatischen Sportsendungen von den Weltmeisterschaften in Paris angeschaut. Immer, wenn unsere kleine Carolina Klüft wieder dran war. Sie ist Weltmeisterin im 7-kampf geworden, obwohl sie kaum 20 Jahre alt ist und ich glaube, sie ist auch der Liebling der ganzen Welt geworden mit ihrem natürlichen Charme und ihrer Freude. Sicher wirst du ihr Bild auf allen Zeitungen sehen können. Besonders der Weitsprung war äusserst dramatisch, weil sie die ersten zwei Sprünge über das Brett getreten war und hätte sie das beim letzten Sprung auch getan, wäre sie rausgefallen. Ich glaube, die ganze Sportwelt hat den Atem angehalten in diesem Augenblick. Die Franzosen waren wohl zuerst nicht besonders froh über ihre Erfolge, weil eine Französin klare Favoritin zur Goldmedaille war aber Carolina hat mit ihrem fröhlichen Charme, auch ihre Herzen gewonnen. Tja, du siehst was du verpasst hast.. ;-))




Kinderspiel für Carolina Klüft
Schwedische Siebenkämpferin nach dem 1. Tag der Leichtathletik-WM 

Von Rod Ackermann, Paris

Im Rampenlicht zuvorderst und in der Publikumsgunst am höchsten standen am ersten Tag der IX. Leichtathletik-Weltmeisterschaften weder die schwersten Männer noch die leichtesten Frauen, obwohl die um Gold, Silber und Bronze kämpften. Wichtiger waren im Stade de France - um mit der Sport-Fachzeitung «L'Equipe» zu sprechen - la guerrière et l'enfant, die Kriegerin und das Kind. Das Heptathlon- Duell zwischen Eunice Barber, der grössten WM-Gold-Hoffnung Frankreichs, und der schwedischen Newcomerin Carolina Klüft blieb auch hinter den höchsten Erwartungen nicht zurück. Von der ersten der sieben Disziplinen an wogte heftig der Kampf um möglicherweise vorentscheidende Punkte, die heute Sonntag die Ausgangsposition beim Griff nach dem Titel einer «Königin der Leichtathletik» verbessern könnten.

Dabei machte Klüft, das Kind, zur Enttäuschung der Franzosen unter den 56 000 Zuschauern im nahezu ausverkauften Nationalstadion von Paris-St- Denis dem Übernamen alle Ehre. Als wär's ein Kinderspiel und kein Krieg, rannte, sprang und hüpfte die lange Blonde mit dem sprudelnden Temperament von einer persönlichen Bestleistung zur nächsten - ähnlich, wie sie es im Frühjahr 2002 in Kingston (Jamaica) auf dem Weg zum WM-Titel der Juniorinnen und einige Monate später in München auf jenem zum EM-Gold getan hatte. Ausser im Hürdensprint, den Barber, die 28-jährige Kriegerin und Weltmeisterin von Sevilla 1999, eher knapp für sich entscheiden konnte, gab die 20-jährige Schwedin der aus Sierra Leone eingewanderten Französin Mal um Mal das Nachsehen und durfte schliesslich mit 194 Punkten Vorsprung übernachten. Weit im Hintertreffen lag da schon der Rest des Feldes, darunter die Olympiasiegerin von 2002 in Sydney, die Britin Denise Lewis.

Der Zweikampf der beiden vom Aussehen wie auch vom Charakter her so unterschiedlichen Kontrahentinnen stellte die restlichen Prüfungen am ersten WM-Tag klar in den Schatten. Ganz nach dem Geschmack des Heimpublikums war Barber nach den 100 m Hürden in Führung gegangen, doch replizierte Klüft bereits im Hochsprung und gab die Führung nicht mehr ab. Berauschend der Reigen ihrer persönlichen Bestleistungen: 13,18 s im Hürdensprint (bisher 13,22), 1,94 m im Hochsprung (1,92), 14,19 m im Kugelstossen (13,27) und 22,98 s über 200 Meter (23,20). Nicht minder hinreissend die Faxen und Freudentänze, mit welchen Carolina ihre stetig wachsende Anhängerschaft erfreut. Quel phénomène!

*


Montag, 6. Oktober 2025

Herbst - meine Zeit

 


Foto: Chris


Liebe Marlena
Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)
Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir raus gehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!)
Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!)

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.

Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt. Und dazu kommt das feine Herbstwetter hier. Es ist zur Zeit, wenn die Morgennebel sich verziehen, alles sehr klar und himmelblau und herbstwarm.

Es ist eine wunderbare Zeit. Ich habe stets rundum behauptet, der Herbst wäre meine Zeit. Jedes Jahr muss ich dies neu bestätigen. Und wenn dazu noch Früchte kommen, die feinen Chasselas-Trauben beispielsweise, die mein Bruder vor ein paar Tagen in einer Kartonschachtel vor die Türe gestellt hatte!
Zwetschgen liebe ich besonders. Das war nicht immer so. Aber in den letzten 10 Jahren haben sie sich zu meinen Lieblingen aufgeschwungen. Jetzt könnte man lange Jura-Wanderungen machen. Es wäre die beste Zeit. Im Wallis würden wir in die Gegend von Zeneggen hinauf wandern, um dort eine Raclette zu bereiten. Die goldleuchtenden Lärchen, der Geruch des trockenen Waldes und die gepfefferte Raclette zu ein paar Gläsern Fendant, und das alles unter dem klaren Walliser Himmel, das wäre was vom Schönsten.

....