Subject: l'essentiel est invisible
Liebe Marlena
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Warum also sollte mich diese Marlena 2000 km weit weg in Stockholm so sehr interessieren? Ich kann es dir kurz oder lang erläutern. Oder auf beide Arten!
Kurz: Aus dem Artikel über Peter Bichsel hast du ein Zitat von Jean Paul zitiert, das dir gefallen hat, das dir aufgefallen ist: „Es ist verdammt langweilig, zu sein". Es ist genau der Satz, der auch mir aufgefallen ist. Auch ich hätte, wenn ich einen kurzen Kommentar über diesen Artikel gemacht hätte, dieses Zitat genommen. Darin fühle ich, dass wir verwandt sind.
Länger: Du bist in dieser europäischen Kultur zuhause, mit dir kann ich mich über vieles unterhalten. Deine Gedanken regen mich an zu weiteren Gedanken. Wenn ich von Troubadours spreche, klingt es bei dir an und du erinnerst dich an dieses mittelalterliche Liebesgedicht "ich bin dyn, du bist myn ....", wenn du Rilke zitierst, kommen bei mir Erinnerungen hoch und ich sehe den Turm von Muzot. Verstehtst du, was ich meine? Ich habe den Eindruck, wir sind im selben Schiff, wir schwimmen im gleichen Wasser (meine pubertäre Fantasie, erinnerst du dich?), du hast einen Sinn für die Natur, der mir sehr nahe kommt und der mich berührt. Du sagst im letzten Mail "Also gut" und sprichst dann mit leichter Überwindung von der körperlichen Grösse. Nur ein germanisch sprechender Mensch versteht, was das ALSO GUT hier heisst. Es gibt da noch ein weiteres, ein sehr schönes und liebevolles Beispiel. Du hast einmal gesagt, du schickst mir wieder einen Kuss zurück "ich brauche doch nur einen". Nur ein Deutschsprachler, wozu ich dich auch zähle, meine Liebe (das ist ein Kompliment, bitte nicht übersehen) nur ein Mensch mit deutscher Zunge weiss, wie wichtig dieses Wörtchen "DOCH" hier ist. Ohne dieses DOCH wäre alles offen, was du sagst. Es könnte dann auch ein Affront sein. Es könnte wirklich alles bedeuten. In diesem DOCH liegt hier das Herz des Satzes. Es hat mich sehr gerührt, als ich es gelesen habe. Ich weiss, dass du mich verstehst, weil du dieses DOCH ja geschrieben hast. Und wahrscheinlich musstest du dabei gar nicht soviel denken, wie ich hier denke.
Einmal hast du einige Zeilen von Rilke zitiert, ein Liebesgedicht, welches mit dem Bild des Geigenbogens spielt, der über zwei Saiten streicht. Das ist es! Dieses Gefühl, verstanden zu werden in diesen Dingen, die vielleicht nicht gerade das praktische, alltägliche Leben sind, das ist für mich einfach wunderbar. Darum sage ich, du bist meine Muse (ich hoffe, du findest diesen Begriff nicht eine beleidigende Zumutung? Die Muse ist die moderne Variante der minniglichen Frau, der Lady im Turm), du inspirierst mich zu Dingen, die ich sonst nicht beachten würde oder nicht tun könnte. Und natürlich hoffe ich, dass bei dir Ähnliches passiert.
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Sehr lang: Du hast das schon richtig verstanden, meine Marlena, das ist sozusagen meine Liebeserklärung an Dich. Und weil sie philologisch ist, verletzt sie nicht §5. Sie ist eben platonisch. Nur mit dieser Liebe kann ich meine gegenwärtige Manie erklären, dir meterlange Mails zu schicken, mich durch dich bei meiner Arbeit ablenken zu lassen, oder nachts aufzuwachen und an dich zu denken.
(Einschub: Du sagst, du könntest meinen Traum sehr einfach und direkt interpretieren. Siehst du, genau das habe ich auch gedacht. Ich habe noch eher daran gedacht, wie du ihn interpretieren würdest, als daran, wie ich ihn denn interpretiere. Das heisst, ich habe gewusst, du würdest ihn so interpretieren (wie "so"?) Ich bin überzeugt, ich weiss, wie du ihn interpretierst. Und ich hatte gezögert, ihn dir überhaupt zu erzählen. Aber ich bitte dich, Traumdeutung ist nun wirklich mein Fachgebiet und nicht deines!! Damit wir uns richtig verstehen. Nach den Regeln der Kunst soll man den Traum nicht im luftleeren Raum interpretieren, sondern im Zusammenhang mit den Assoziationen des Patienten. Aber - und das ist schön - auch hier spüre ich diese Übereinstimmung mit dir, dieses Verständnis ohne Worte. (desshalb meine vielen Worte ;-))) Einschub Ende)
Ich weiss, ich habe dich auch etwas überrannt mit meinen Mails. Du allein für dich hast dir bestimmt einen Maus-Kontakt nicht so intensiv vorgestellt, so dass man jeden Tag ein Mail schreiben würde. (Eine strenge Reihenfolge der Gegenseitigkeit, wie du andeutest: "ich wäre an der Reihe"). Ist ja auch verrückt! Und manchmal hast du ganz einfach nicht die Zeit oder die Ruhe oder die Lust oder weiss was dazu. Diese Kadenz stammt von mir. Und sie hat dich ein bisschen in eine Sache hineingezogen, die du von dir aus nicht gesucht hast. Dafür entschuldige mich und ich hoffe wirklich von Herzen, dass du keine Probleme damit kriegst.
Aber das kommt - so erkläre ich mir im Moment - aus meiner gewissen Einsamkeit, wie soll ich sagen, platonischen Einsamkeit, geistigen Einsamkeit. Deshalb bist du mein Fyrklöver, und ich danke Gott, dass du nicht nur eines, sondern dass du mindestens vier Blätter hast. Wahrscheinlich hast du ja noch etliche mehr. Wir sind für das Platonische sehr begabt, das ist meine Überzeugung.
Nun, meine liebe Marlena, das war "der langen Rede kurzer Sinn" wie man in Deutsch schön sagen kann. Es war die Liebeserklärung vom Sonntagmorgen, dem 2. April, von ... an Marlena, unter Respektierung der Paragraphen 1 bis 5.
Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und freue mich darauf, von dir zu hören.
Mit einem feinen Gruss
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