
Kinderspiel für Carolina Klüft
Schwedische Siebenkämpferin nach dem 1. Tag der Leichtathletik-WM
Von Rod Ackermann, Paris
Im Rampenlicht zuvorderst und in der Publikumsgunst am höchsten standen am ersten Tag der IX. Leichtathletik-Weltmeisterschaften weder die schwersten Männer noch die leichtesten Frauen, obwohl die um Gold, Silber und Bronze kämpften. Wichtiger waren im Stade de France - um mit der Sport-Fachzeitung «L'Equipe» zu sprechen - la guerrière et l'enfant, die Kriegerin und das Kind. Das Heptathlon- Duell zwischen Eunice Barber, der grössten WM-Gold-Hoffnung Frankreichs, und der schwedischen Newcomerin Carolina Klüft blieb auch hinter den höchsten Erwartungen nicht zurück. Von der ersten der sieben Disziplinen an wogte heftig der Kampf um möglicherweise vorentscheidende Punkte, die heute Sonntag die Ausgangsposition beim Griff nach dem Titel einer «Königin der Leichtathletik» verbessern könnten.
Dabei machte Klüft, das Kind, zur Enttäuschung der Franzosen unter den 56 000 Zuschauern im nahezu ausverkauften Nationalstadion von Paris-St- Denis dem Übernamen alle Ehre. Als wär's ein Kinderspiel und kein Krieg, rannte, sprang und hüpfte die lange Blonde mit dem sprudelnden Temperament von einer persönlichen Bestleistung zur nächsten - ähnlich, wie sie es im Frühjahr 2002 in Kingston (Jamaica) auf dem Weg zum WM-Titel der Juniorinnen und einige Monate später in München auf jenem zum EM-Gold getan hatte. Ausser im Hürdensprint, den Barber, die 28-jährige Kriegerin und Weltmeisterin von Sevilla 1999, eher knapp für sich entscheiden konnte, gab die 20-jährige Schwedin der aus Sierra Leone eingewanderten Französin Mal um Mal das Nachsehen und durfte schliesslich mit 194 Punkten Vorsprung übernachten. Weit im Hintertreffen lag da schon der Rest des Feldes, darunter die Olympiasiegerin von 2002 in Sydney, die Britin Denise Lewis.
Der Zweikampf der beiden vom Aussehen wie auch vom Charakter her so unterschiedlichen Kontrahentinnen stellte die restlichen Prüfungen am ersten WM-Tag klar in den Schatten. Ganz nach dem Geschmack des Heimpublikums war Barber nach den 100 m Hürden in Führung gegangen, doch replizierte Klüft bereits im Hochsprung und gab die Führung nicht mehr ab. Berauschend der Reigen ihrer persönlichen Bestleistungen: 13,18 s im Hürdensprint (bisher 13,22), 1,94 m im Hochsprung (1,92), 14,19 m im Kugelstossen (13,27) und 22,98 s über 200 Meter (23,20). Nicht minder hinreissend die Faxen und Freudentänze, mit welchen Carolina ihre stetig wachsende Anhängerschaft erfreut. Quel phénomène!
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