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Ämne: Ein Büffel meldet sich
Datum: den 9 oktober 10:40
Lieber ..,
Ich wollte eigentlich erst ein wenig Ordnung ins Haus bringen, bevor ich mich zu dir setze, aber nun habe ich deinen Brief nochmals durchgelesen und kann es nicht so lange aufschieben. Am schönsten wäre es, wir könnten einander gegenüber sitzen und uns unterhalten. Wir würden wohl bis spät in der Nacht beschäftigt sein.
Ach mein verrückter Liebling, als einen Saurier oder Büffel siehst du mich im Augenblick? Das ist ja schrecklich wo ich doch eine moderne junge Frau im 21. Jahrhundert bin. Nun ist "jung" vielleicht etwas übertrieben, aber meine Kolleginnen meinen, ich sehe mehr aus wie ein Teenager als eine Frau in meinem Alter.
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Ich erinnere mich als ich am Flughafen in Zürich sass und auf den Flug nach Wien wartete. Neben mir sass ein Mann, vielleicht so in deinem Alter. Er war ganz in seinen Laptop versunken und ich betrachtete ihn im geheimen und dachte, dass er vielleicht auch eine Marlena irgendwo hatte. Einen kleinen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken dass es du seist und ich versichere dir dass es nichts mittelalterliches in dieser Situation gab Übrigens wunderte es mich wie klein solche Laptops sind und du tatst mir ein bisschen Leid dass du deine Mails auf einem so kleinen Ding schreiben musst, ganz zu schweigen vom Chatten.
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Anna schläft noch. Sie kommt immer so spät ins Bett und es ist gut, dass sie einmal richtig ausschlafen kann. Ja, du hast recht. Ich glaube, ich hätte das Wort "ödla" mit Echse übersetzen sollen. Es war nicht schön gemeint.
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Du hast mir wieder einmal aus deiner Kindheit erzählt und immer wenn du das tust, fühle ich mich sehr nahe bei dir. Ich sehe ihn vor mir, den armen kleinen Jungen, der sich so fremd fühlt und ich kann mir schon denken, wie es war, die Einheimischen hinter sich her zu haben. Für ein Kind in dem Alter, kann das schrecklich sein und sicher vergisst man es nie.
Es freut mich auch sehr, dass du die Möglichkeit hattest, das Leben auf dem Lande zu geniessen. Ich wünschte, jedes Kind könnte es einmal erleben. Als Anna die 7. Klasse begann (neue Schule), bekam sie eine Freundin, die auf dem Lande wohnte. Sie war öfters bei ihr am Wochenende und sie hatte ihren grossen Spass. Vor allem wenn sie den Stierkälbern das "Hochspringen" beibringen wollten.. Sie bauten eine Hinderbahn und dann ging's los.Die vorbeifahrenden Autos bremsten oft ein. Sicher trauten sie nicht ihren Augen :-)
Auch ich hatte als Kind die Möglichkeit, auf dem Lande zu sein und ich glaube, ich trage diese schönen Erinnerungen und das Gefühl, ganz mit der Natur verbunden zu sein, noch heute in mir. Ich wusste nicht richtig, was ich tun sollte, um auch Anna das mal erleben zu lassen, und dann kam eben diese Chance wie ein Geschenk vom Himmel.
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Nein, ich bin nicht in Uppsala aufgewachsen, sondern in Stockholm. Das Zentrum von Stockholm war mein "Revier" und dort bin ich auch 7 Jahre lang zur Schule gegangen. Zuerst in die Realschule, ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Dieses Stadtviertel hat man dann abgerissen, um dem Verkehr Raum zu geben. Man sieht es heute fast als eine kriminelle Handlung, denn damit hat Stockholm ein Stück seiner Seele verloren. Es war das "Klaravietel" wo die grossen Zeitungen ihre Redaktionen hatten, wo es enge Strassen gab mit gemütlichen kleinen Restaurants wo wir manchmal Sonntags essen gingen nachdem wir in der grossen Markthalle eingekauft hatten, wo ich dann später vom Schulhof aus die leichte Garde beobachten konnte die sich mit ihren Kunden oder Zuhältern ziemlich laut stritten (denn es war auch ein sündiges Viertel :-) und wo "Jocke" mit einem Kasten auf dem Bauch vor dem Schultor stand (wie ein Wurstverkäufer) und Süssigkeiten an uns Schüler verkaufte. Der liebe alte Jocke, wenn er wüsste, wie er uns das Leben süss gemacht hat.
Dann mit 16 kam ich aufs Gymnasium. ... Und später habe ich noch eine Zeit in einem staatlichen Amt gearbeitet. Es hat mir gute Einblicke in die Beamtenwelt gegeben und ich möchte nicht ohne diese Erfahrung sein.
Erst als ich so 20 Jahre alt war, zogen wir, die ganze Familie, nach Uppsala und ich begann meine akademischen Studien. Zuerst Germanistik und dann Romanistik (heisst es so?) Uppsala hat die beste Universität von Schweden, obwohl Lund auch immer um diesen Titel kämpft. Aber dieser schönen Stadt werde ich ein eigenes Kapitel widmen.
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Die schönste Zeit des Herbstes ist nun schon vorbei und die Bäume haben schon die meisten Blätter verloren. Aber auch diese Zeit ist schön. Etwas traurig vielleicht, weil sie unsere Gedanken an Vergänglichkeit führt. Nun wird es auch schon ziemlich früh dunkel. Doch das macht mir nicht viel aus denn es ist um so schöner in der wohligen Wärme im Haus zu sein.
Ich sende dir nun dies. Vielleicht kannst du es schon in der Mittagspause lesen. Etwas zum Kauen zu deiner frugalen Suppe. ;-)
Lass bald von dir hören, mein lieber Mausfreund
Ich sehne mich immer nach deinen Mails
In Liebe
Marlena
PS Ich lege dir ein Bild bei. Es ist vom Rathaus aufgenommen, hinüber zur Altstadt. In dem weissen Haus in der Mitte habe ich gearbeitet.

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