Mittwoch, 29. Oktober 2025

Real life .. und Traum

 

Liebe Marlena

Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive,
 wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagonal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.



Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.

Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.

In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!

Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!

Verzeih mir und schreib mir, Marlena

Gruss und Kuss

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