Datum: den 27 november
Liebe Marlena
Nein, niemals langweilst Du mich. Du schreibst so plastisch, mit einer feinen Ironie! Und aus einer femininen Position. So wie ich es nie könnte. Ich bewundere es. Ich höre und sehe, wie gescheit Du bist. (Du kennst das Wort "gescheit", nicht wahr?) Es ist wirklich ein Vergnügen, Dir zuzuhören. Auch wenn Du über Deine Arbeit und Deinen Direktor sprichst.
Aber dass Du einfach so geschriebene Mails in den Abwässern des Internet verschwinden lässt, das kann ich weniger gut verstehen. Ist mir zwar anfangs auch ein oder zwei Mal passiert. Aber seither gebe ich ziemlich acht!
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Ja, wie ein König in der Runde seiner Leibärzte. Diese Fantasie hatte ich auch einen Moment lang, bevor die Gäste ankamen. Und ich habe mir gedacht, sie beobachteten mich jetzt sehr genau, wieviel ich esse und wieviel - vor allem - ich trinke.
Der Abend war eigentlich ganz gut. Wir hatten ja ein kleines Ungleichgewicht. Es waren 4 Männer und nur 2 Frauen. Und vor dem Essen hatte mich S. gefragt, wie sie die Gäste denn platzieren sollte. Mehr im Spass als wirklich ernsthaft hatte ich gesagt, wir setzten die beiden Frauen neben mich, und die Männer oben neben S. Und so hat sie es dann auch getan. Ach, ich war der Hahn im Korb. A. ..weiss viel über Filme. Das ist ihr Job. Sie hat tatsächlich auch sehr viel gesprochen. Und O. ist Japanerin und sehr künstlerisch begabt. Ich war also wirklich verwöhnt an meinem Platz. Mein Problem war, dass ich auf dem rechten Ohr noch nicht so gut höre. Es ist noch verstopft. Und weil O. rechts von mir sass, und weil sie ausserdem noch nicht so gut deutsch spricht, hatte ich etwas Mühe, sie zu verstehen. Ich hätte gerne mit ihr etwas geflirtet. Aber es war echt hart, weil ich ein bisschen um den Brei herumreden musste, weil ich sie manchmal nur ungefähr verstanden hatte. Ach, ich kam mir ein bisschen vor wie ein alter, schwerhöriger Mann. Nichts isoliert ja so sehr wie Schwerhörigkeit. Blindheit ist nur halb so schlimm. So habe ich den Abend eisern durchgekämpft und versucht, mich als Mundschenk geschäftig zu machen. Der Flirt war ein sehr mageres Gewächs, um das Kind beim Namen zu nennen. Und A. und P. waren sehr unkompliziert und haben zum Schluss noch mitgeholfen, die Gläser und handgemalten Teller zu waschen, die man ja nicht einfach in die Maschine stellen sollte. So dauerte der Abend doch noch bis 2300h, obwohl wir schon um 1800h angefangen hatten.
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Ach Marlena, ich glaube, es wäre schön, Dich mal an unserem Tisch zu haben. Oder EUCH müsste ich doch eigentlich besser sagen. Ja, und dann kommt wieder die Römergeschichte hoch. Du hast jetzt die Hoffnung völlig aufgegeben. Nun ja, es ist auch ziemlich kompliziert geworden. Oder immer schon gewesen? Ich weiss schon gar nicht mehr, wie ich darüber reden soll. Vielleicht doch besser schweigen?
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Ich war den ganzen Tag unterwegs und deshalb jetzt ein bisschen in Eile. Ich hoffe, Du hast einen schönen Abend. Und mein Schatz, Du solltest mich nicht für zu sehr oberflächlich und dandyhaft nehmen. Das bin ich nämlich nicht.
Ich küsse Dich
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Danke Dir für das hübsche Bild. Es ist schön arrangiert und zeigt die Stimmung gut. Man möchte am liebsten bei Dir zuhause sein.



