Sonntag, 27. April 2025

Eine groteske Situation?


 torreros und arenas

Liebe Marlena

Im Moment sitze ich in der Stube, und im Hintergrund läuft der Fernseher. Ich kann das Bild in der Spiegelung der Vitrine sehen, denn ich bin ja zur Wand und zum PC gewandt.

Sie zeigen einen Stierkampf in Pamplona. Das sind ja bekanntlich mehrere Kämpfe hintereinander. Habe ich Dir schon mal erzählt, dass ich ein afficionado bin, ein barbarischer Typ, der von diesen merkwürdigen und archaischen Kämpfen irgendwie fasziniert ist. Es ist absolut pervers, nicht wahr, und ich kenne einige Leute, die ich schätze, die absolut gegen ein solches Vergnügen sind. Ich gebe zu, dass es peinliche Situationen gibt. So etwa die Begegnung des Reiters mit dem Stier. Das wirkt absolut komisch und lächerlich. Den armen alten Pferden müssen sie die Augen verbinden und einen Schutzumhang umbinden, so dass sie aussehen wie eine mittelalterliche Festung. Und weiter ist peinlich der Todesstoss, vor allem dann, wenn der Matador nicht gut getroffen hat. Wenn man sieht, wie der Stier sich im Todeskampf windet, so ist das manchmal unerträglich.

Allerdings kann man sich immer auch vorstellen, was passieren würde, wenn der Stier den Menschen erwischt. Er hätte auch kein Mitleid. Er würde ihn ohne jede Rücksicht kaputt machen.

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Und daneben schreibe ich an meinen Abschiedsworten für Hans. Ist dies nicht eine groteske Situation? Stierkampf und Abdankungsworte. Welche Kombination! Aber ich versuche in dieser modern komponierten Situation das beste zu machen.

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Bei uns ist das Wetter wieder heiss geworden. Und am Freitag Abend, wenn wir unser Picknick machen wollen, soll es nochmals echt sommerlich werden. Ich habe heute schon Getränke eingekauft. Meine Sorge ist im Moment, wie ich all die Flaschen kühl bekommen und behalten könnte. Woher kriege ich bloss soviel Eis. Erst wollte ich, auf Anraten einer Sekretärin, mit den Getränken eine Firma beauftragen. Aber wir sind oben am Waldrand, wohin man bloss mit einem Jeep gelangen kann. Es ist echt nicht so einfach. Aber ich bin sicher, wir werden einen Schluck trinken. Vielleicht nicht superkühl, sondern eher lau. Ich habe mich entschlossen, zuerst einen Chardonnay als Apero zu offerieren. Der ist ja ein wenig süsslich und gut als Einstieg. Aber dann gibt es auch Bier für die besonders Durstigen, Mineralwasser für die Grundversorgung und noch einen Roten. Doch wenn es besonders heiss sein wird, dann ist der Rote sicherlich nicht besonders gefragt. Zum Essen soll jeder mitbringen, was er mag. Nur Salate und Dessert haben wir organisiert. So hoffe ich, dass die Sache einigermassen glimpflich und erfolgreich ablaufen wird.

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Jetzt hat er den Stier erwischt. Man kann kaum glauben, wie er mit welch weissem Anzug er aus diesem blutigen Geschäft heraussteigt. Als ob er keiner Fliege ein Leid antun könnte. Sie haben grosse Posen des Stolzes, der Verehrung, des Respektes, des Mutes, diese Spanier. Sie wirken in ihren Figuren so statuesk, vielleicht aus dem einzigen Grund, um nicht zu zeigen, wie sehr ihnen die Knie zittern, wenn der Stier auf sie zurennt. Die beste Medizin gegen Angst ist eine mutige Pose. Es ist doch so einfach. Das zumindest lässt sich daraus lernen. Und es erinnert mich an die Perser. Sie sind den Spaniern wirkklich recht ähnlich.

Gerade ist einer dieser Vorkämpfer am Werk. Sie sind manchmal so locker und gewandt mit ihren Veronicas, dass das Publikum ganz begeistert reagiert. Das ist die eine Freude, die man hat, die Schönheit, die Gewandtheit in einer an sich gefährlichen Situation. Die andere Freude ist der Schauder, der einem über den Rücken geht, wenn die Situation echt gefährlich wird. Oder scheint. Das ist das Gruseln.

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Aber ich will Dich nicht mit Stierkämpfen konfrontieren. Ich glaube doch sehr, dass wir dieses Thema schon abgehakt haben.

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Das Problem des Stieres ist, dass er sich – wegen seiner Masse – nicht allzu rasch zu drehen vermag. Er hat die Tendenz, geradeaus zu rennen. Das heisst, seine Kampfbahn ist geradeaus, die Haltung stur. Darin liegt die Chance des Menschen. Wenn die Picadores in einer eliptischen Bahn an den Stier herangehen, so sieht das prächtig aus, aber sie sind schnell wieder aus der geraden Kampfbahn des Stieres heraus. Er vermag sich nicht so rasch vorwärts zu bewegen und gleichzeitig zu drehen. Das bricht seine Bewegung. Er läuft ins Leere. Er würde lieber geradeaus breschen.

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Bei uns läuft die Schule schon in der zweiten Woche. B. hat sich nicht schlecht eingelebt. Doch sie erzählt mir im Moment wenig. Ich nehme mal an, es geht recht. Und ich hoffe nicht, dass später Überraschungen kommen.

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Und daneben koche ich ab und zu. Du kennst ja die Männer, die in der Küche stehen und als erstes den Wein kosten, und weil sie über das Resultat nicht schlüssig sind, wieder kosten und wiederholt kosten, bis eine zweite Flasche fällig wird.

Ich bin sicher, Du kennst sie.

Mit einem schönen Gruss

...

Samstag, 26. April 2025

Saturday night feaver

 Ämne: Saturday night feaver

Liebe Marlena

Es ist Samstag Abend. Die Mädchen sind ausgegangen. In Basel feiern sie ein patriotisches Fest. 500 Jahre Basel seit dem Beitritt zur Eidgenossenschaft.
Und ich sitze hier in der Küche und koche Linsen und Bohnen für die nächste Woche!!
Das ist fast so schlimm wie Protestbügeln. Dazu trinke ich einen Chardonnay. Das mildert die Härte des Schicksals. Eigentlich würde ich gerne mit Dir anstossen. Aber Du weißt ja, es ist ein wenig weit!

Ich bin daran, die nächste Woche vorzubereiten. Montag und Dienstag bin ich an einem Kurs. Er wird durch meine Direktion organisiert. Und ich kann Dir nicht erklären, weshalb sie dazu zwei ganze Tage einsetzen. Ich glaube, die Fragen, die man dabei besprechen muss, könnte man in einem halben Tag bewältigen. Und zu allem Überdruss wollten sie meine beiden Leiter auch noch einladen. Wir hätten dazu 6 Arbeitstage opfern sollen. Das ist der reine Luxus. Und die Schreibtischtäter dort drüben wissen nicht, was sie tun.
So haben wir beschlossen, dass ich von unserem Dienst allein am Kurs teilnehme. Ich bin überzeugt, dass das bei weitem reicht. Aber wir werden sehen. Man soll nicht überheblich sein.
Am Freitag haben wir ein kleines Bürofest organisiert. Ein ehemaliger Mitarbeiter hat eine schöne Stelle am Waldrand ausfindig gemacht. Er organisiert Tische und Bänke und wird zusehen, dass wir einen Grill und ein Feuer zur Verfügung haben werden. Ich habe mich bereit erklärt, die Getränke zu organisieren.
Doch vorher kommen wir in der Kirche zusammen, um unseres Mitarbeiters zu gedenken, der Ende Juli verstorben ist. Ich glaube, ich habe Dir davon erzählt. Ein ehemaliger Kollege spielt auf der Orgel. Ich soll unseren lieben Hans mit Worten würdigen. Und sein Freund wird auch noch ein paar Dinge sagen.
Es ist merkwürdig, was geschieht. Seit ich mich mit unserem Hans beschäftige, kommt er mir immer näher. Er war gebürtiger Österreicher und kam aus der Nähe Tirol. Und die letzte Woche habe ich versucht, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich habe mit seinem Chef gesprochen. Und ich werde versuchen, nächstens noch mit seinem Freund Kontakt aufzunehmen.
Aber alles in allem staune ich darüber, wie sehr tote Seelen Macht über uns haben. Ich versuche, ihn zu verstehen, und ich merke dabei, dass er mir näher gestanden hat, als ich es je bemerkt hatte. Ach, das ist schwierig zu erklären.
Hans war ein guter Psychologe, aber er war schwach in Administration. Ich meine, er hat viele Probleme verursacht, weil er oft die administrativen Dinge nicht berücksichtigt hat, die notwendig gewesen wären. Sein Chef oder ich selbst hatten immer wieder Probleme deswegen. Das hat mich nicht sonderlich geärgert, aber ich hatte Angst, dass einmal ein Skandal entstehen könnte. Das wollte ich natürlich vermeiden.
Doch heute, da Hans tot ist, denke ich, er war wirklich ein sehr menschenfreundlicher Typ. Oder müsste man sagen „human“? Und die Tatsache, dass er alle administrativen Dinge vernachlässigt hat, finde ich im Nachhinein geradezu sympathisch. Es betont seine Menschlichkeit. Und wenn ich die Briefe nachlese, die er geschrieben hat, sehe und höre ich, wie poetisch und sensibel er war. Das wusste ich eigentlich schon immer. Aber heute fällt es stärker ins Gewicht.
Kurz und gut: ich versuche, einige Gedanken zu formulieren, die ich in der Kirche vor Mitarbeitern, vor Geschwistern und Freunden von Hans sagen könnte. De mortuis nihil nisi bene. Das ist mir klar. Aber es fällt mir nicht schwer, Gutes zu sagen. Es fällt mir erstaunlich leicht!!

Im Hintergrund läuft der Fernseher mit einem spanischen Programm. Das heisst viel Musik und dramatische Posen, wie es die Spanier lieben. Sie haben manches gemeinsam mit den Persern. Die Islamische Kultur ist seit dem Mittelalter in Spanien eingedrungen.

Ist das Leben nicht merkwürdig? Ich habe mir nie vorgestellt, dass es so wechselhaft und gelegentlich so dramatisch sein kann. Ich kann es kaum in Worte fassen. Und ich hätte mir nie vorgestellt, dass mich der Tod eines meiner Mitarbeiter so traurig machen könnte. Es ist schliesslich nicht zufassen. Ich habe in den Akten ein altes Foto von Hans gefunden. Da sieht man ihn mit knapp 30 Jahren. ... Hans neigt sich schräg ins Bild hinein, und sein optimistischer Blick verrät, dass er sich zutraut, alle Probleme dieser Welt zu lösen. Ach, ich weiss, wie es damals war, nach den 68er Jahren. Und jetzt ist er tot, unser armer Hans.
Wenn ich diese Zeiten zu überblicken versuche, werde ich ziemlich melancholisch. Es erinnert mich an Baudelaire und sein hochempfindliches Sensorium für die Vergänglichkeit. Man sollte fähig sein, das Leiden in Worte zu fassen. Das kann ich leider nicht.

Es gibt ein kleines Gedicht von Rilke, das mir immer durch den Kopf geht:

Der Tod ist gross.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Du wirst es kennen. Rilke hat viel über den Tod nachgedacht. Er war ein Existenzialist avant la lettre. War nicht Rilkes Mutter Oesterreicherin. Ich glaube, dass sie nach der Scheidung mit ihrem Sohn nach Oesterreich zurückgekehrt ist. Ist das so?

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende
Mit lieben Grüssen
..

Mittwoch, 23. April 2025

Sorry...

... 

Vorfreude ist die beste Freude.


Lieber ...,


Du polierst meine Gedanken

Ämne: Kunterbunt..

Lieber ...,
Wie kann ich dir danken für dein schönes Mail? Ich frage mich immer wieder, was für ein glücklicher Stern dich in meinen Weg geführt hat.

Zuerst möchte ich dir sagen, dass ich dich keineswegs als einen Lehrer betrachte. Nicht in dem Sinne, wie du meinst. Für mich ist es etwas sehr Positives. Du kennst dich in so vielen Dingen gut aus und bereicherst mich mit deinem Wissen. Und ich bin dir sehr dankbar dafür. Nur muss ich eben manchmal lachen über das, was ich selbst schreibe, denn ich äussere mich ab und zu über Dinge, von denen ich nicht besonders viel weiss. Aber du bist lieb. Polierst meine Gedanken und machst sie so schön, dass ich sie kaum wiedererkenne und zu guter Letzt sogar stolz bin darauf. Ich liebe dich dafür. Doch gerade dabei kommt mir auch der kleine Verdacht, dass du nicht ganz ehrlich bist. So wie ein Lehrer Lob verteilen kann mit einer bestimmten Absicht.. nicht weil das Lob berechtigt ist. Wie dem auch sei: Es werden schöne Mails daraus. Und das ist ja das Wichtigste, da wir nur durch das Wort für einander existieren.
Du weisst doch, dass mich das Thema interessiert. Vielleicht ist es sogar das interessanteste Thema, das es gibt. Wie man das Leben so gut wie möglich hinter sich bringt.

Was habe ich dir längst gesagt? Aber, schau dir doch noch einmal das Bild von dem ordentlichen kleinen Mädchen an. Siehst du darin eine zukünftige "amoureuse Professionelle"? Ich habe nicht wenig gelacht über diesen Scherz.

(---)

Übrigens, auf dem Portrait hinter mir siehst du keinen König, sondern einen der Honoratiores unserer Nation. Professoren und andere prominente Mitglieder der Nation bleiben Mitglieder als Senioren. Ja, ich sehe sehr anständig aus dort. Genau wie es meiner Tante gefallen hat, mit Perlenkette und aufgestecktem Haar. Oh, meine arme Tante, wenn sie sehen könnte, wie ich heutzutage herumgehe. Aber es ist eine andere Zeit. Jeans sind fast zur Uniform geworden, nicht nur für junge Leute. Aber vielleicht ist es auch ein Protest gegen meine Erziehung. Das glaube ich fast.

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Hier beginnt es nun grün zu werden. Du weisst, diese ersten kleinen hellgrünen Blätter, die wie hauchdünne, durchsichtige Schleier an den Bäumen aussehen. Immer wieder bin ich ganz hingerissen von diesem Anblick. Und im Garten beginnen die Tulpen und die Narzissen aufzublühen (heisst es so?). Der Rasen ist schon ganz grün. Die Johannis- und Stachelbeersträucher sind auch schon grün, aber die Obstbäume lassen noch auf sich warten. Ich denke bei euch dort unten, muss alles schon viel früher sein.
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Dieser Roman, den du gern schreiben möchtest, interessiert mich. Weisst du, ich glaube, Glück und Unglück laufen parallel in unserem Leben, wie zwei Eisenbahnschienen. Man ist nicht glücklich oder unglücklich. Man ist beides zugleich.
Ich bin sehr neugierig auf ein neues Buch über die Familie Myrdal, das heute in unserer Lokalzeitung (die grösste in Schweden!) rezensiert wird. Alva und Gunnar Myrdal, die ich in meiner Jugend irgendwie als Vorbild hatte für eine gute Ehe. Bis ihr Sohn einen Roman über seine Eltern schrieb. Auch die beiden Töchter haben übrigens Bücher über ihre Kindheit geschrieben. Aber das seine war grausam. ".. er schrieb "seine Wahrheit" auf Strindbergsche Art um zu verletzten und zu töten". Ich frage mich, ob seine Bücher ins Deutsche übersetzt sind.  Das neue Buch ist von Kerstin Vinterhed geschrieben und hat den Titel "Liebe im 20. Jahrhundert".



Man nennt es eine moderne griechische Tragödie. Es handelt u.a. von der Schwierigkeit, Karriere und Familienleben zu vereinigen.
Falls es dich interessiert, kannst du in http://www.google unter Jan Myrdal oder Gunnar Myrdal (der Sohn) suchen.
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Oh, du Glückspilz! Kannst vom Bett aus fernsehen. Hast du ein eigenes Schlafzimmer? Und falls du einschläfst, läuft dann der Apparat die ganze Nacht weiter? Du siehst, ich mache mir ganz konkrete Vorstellungen. ;-)
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Die kleine Schweizerin ist wieder lange nach der letzten Stunde zurückgeblieben. Sie scheint ihren Aufenthalt hier bei uns sehr zu geniessen. Unglaublich wie gut das Mädchen die schwedische Sprache beherrscht nach so kurzer Zeit. Und heute hat sie mir auch von ihren Lateinstudien in der CH erzählt, die sie wieder aufnehmen muss, wenn sie nach Hause kommt.

Nun muss ich schliessen.
Mit lieben Grüssen,
Marlena

PS Ich muss mir wieder ein Rechtschreibprogramm installieren. Auf Schwedisch schreibt man "karriär" und "parallell". Diese kleinen Unterschiede finde ich am schwierigsten.





Montag, 21. April 2025

Der Vatikan

 



Liebe Marlena
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Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ein bisschen weitergelesen. Aber allzu spannend ist es nicht, weil noch allgemein.

Bis im Jahre 1870 war das geistliche Oberhaupt der Kirche, der Papst, auch weltlicher Herr über den Kirchenstaat. Die Mauern und Befestigungen machten durchaus einen Sinn. 1870 wurde dann im ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes festgenagelt (damals trennten sich die Neukatholiken von der römischen Kirche, weil sie dies nicht akzeptieren konnten. Und im gleichen Jahr verlor der Papst den Staat, da dieser vom neuen Königreich Italien annektiert wurde. In die päpstliche Hauptstadt drangen die Truppen, doch vor den Mauern des Vatikans blieben sie stehen. Erst 1929 gab Musolini die weltliche Souveränität des Territoriums wieder zurück und seither ist die vatikanische Residenz der kleinste Staat der Welt.
Der "Heilige Apostolische Stuhl" ist die Zentralregierung der katholischen kirche. Sie steht an der Spitze einer Kirche mit 800 Mio Gläubigen oder nahezu Gläubigen, mehr oder weniger. Von hier aus wird die Kirche regiert. Aber nicht nur. Es gibt auch zahlreiche Ministerien und Aemter ausserhalb des Vatikans, etwa im Palast der Kongregationen, oder sie haben eigene Paläste.
Roma locuta causa finita, heisst der lateinische Satz. Rom hat entschieden und die Sache ist erledigt. Das ist heute noch so, aber keiner weiss, wie die Entscheidungen zustande kommen. Es ist sehr intransparent, und wie gesagzt, letztlich unfehlbar.

Gegenüber den päpstlichen Gemächern residiert der "Rat für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche". Er ist die Schaltzentrale der Kurie, aller Kongregationen und Kommissionen.
Das Geheimnis des Vatikans liegt im Paradox einer höchsten Prätention - nämlich die Gewissen von Millionen von Menschen zu bestimmen - und dabei auf einer zwerghaften weltlichen Machtbasis zu stehen.
Am Sonntag kann man den Papst vom Petersplatz aus sehen, wenn er im obersten Stock seines Palastes das Angelus betet und dann den Segen erteilt. Und am Mittwoch kann man ihn an der Generalaudienz in der grossen Halle treffen.
Am einfachsten ist der Eintritt in die Basilika San Pietro, der Hohe Tempel des Katholizismus. Er ist grandios und hat Platz für 60'000 Gläubige. Das kann man kaum glauben, das sind soviele, wie sie ein ganzes Fussballstadion füllen. Aber sie ist schon sehr geräumig, diese Basilika in der Form eines lateinischen Kreuzes. Und in der Mitte steht dieser Altar unter dem Baldachin mit den geschwungenen barocken Säulen.

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Freitag, 18. April 2025

Schöne Ostern

 

                           Brissago  Tessin                           Foto: Chris


Subject: Schöne Ostern

Liebe Marlena
Vielleicht schaust du noch einmal rasch rein. Und da möchte ich dich mit einem kleinen Gruss überraschen. Er ist ein absolutes suplément, eigentlich bin ich schon weg.
Heute ist Karfreitag. Das ist das Ende der Fastenzeit und das Ende unserer Melodramatik! Ab Ostern fangen wir ein neues Leben an, froh und sachlich und ohne zu Leiden. Wir dürfen einfach nicht MEHR wollen, als wir haben. Es ist doch so schön genug. Ein wichtiger Teil des Lebensglückes besteht darin, sich bescheiden zu können. Davon bin ich ziemlich überzeugt, auch wenn es nicht immer gelingt.
Du siehst, ich bin an der Programmatik. Ohne gleich alle §§§ umzuformulieren. Sie sind immer noch gut und wir lassen sie gelten. Wenn du einverstanden bist.





Wir fahren morgen früh ins Tessin. Das ist schon südlich der Alpen und in seiner Vegetation ganz anders. Dort blüht es schon überall und es hat Palmen und schöne Blumen und unendlich viele Deutsche. Unsere Freunde wohnen in einem kleinen Dorf oberhalb Locarno  ...
*
Es war schön, unser Karfreitagschat, es waren tolle 50 Minuten. Ich hab es genau gemessen. Und es war ruhig und ohne Hast, nur die paar Minuten, die es bei dir nicht ordentlich gelaufen ist. Es war lieb von dir, um 12 rasch hereinzukommen, oder war es 11h? Ich wollte soeben mein Mail abschicken und habe gedacht, dass du auf irgend ein Zeichen wartest. Ich versuche mir euch immer so vorzustellen im Haus in der Nähe des Waldes, wo die Hasen und die Elche einander gute Nacht sagen. Du sollst nicht denken, ich wolle dich irgendwie für mich allein. So selbstbezogen und gierig bin ich glaube ich nicht. Ich kann sehr gut akzeptieren, dass du in erster Linie für deine Familie da bist. Und dass du Rücksicht nehmen musst mit dem PC und dass du noch 100 Dinge tun musst, die man als Hausfrau und Mutter und Berufsfrau einfach tun muss. Und dass du dir die Zeit zum Schreiben vom Schlaf stehlen musst, macht mich nicht glücklich.
Ich möchte einfach viel mehr von dir hören. Du hast das Gefühl, ich weiss schon viel. Aber die Crux mit dem Wissen ist die: je mehr du weißt desto mehr möchtest du noch dazu wissen. Deshalb doch sind die Unwissenden die glücklichsten Menschen.
Vielleicht bin ich auch bloss sehr ungeduldig? Dann verzeih mir. Nimm es einfach als meine Sympathie für dich und für euch alle und als mein Interesse. Ich habe schon soviele Fragen gestellt und soviele Themen angeschnitten, die irgendwo verschwunden sind. Du hättest vielleicht Jahre, das alles zu beantworten. Wahrscheinlich verursache ich das Problem, weil ich einfach zuviel und zu schnell will. Dann gib mir gerade noch einmal die Absolution.
*
Und wie gesagt, das wird jetzt alles gut. R nimmt es nach Ostern ganz langsam und ist glücklich über jede Zeile, die er von Marlena erhält, ohne soviel zu erwarten. Jede Zeile ist ein Geschenk. Jedes Wort ist mehr als kein Wort. Und manchmal sendet sie ja sogar noch Bilder, und die sind bekanntlich "mehr als tausend Worte", wie wir im Deutschen sagen.
*
Ach, Marlena, wenn ich da auch manchmal ein bisschen jammere, es ist eine schöne und aufregende Sache, unsere Maladi. Und wenn du versprichst, du wolltest helfen, daraus eine ruhige Sache zu machen, so weiss ich gar nicht, ob ich das überhaupt so will. Wahrscheinlich habe ich zwischendurch ganz gerne ein bisschen Aufregung und Sensation.
Ich wünsche euch dreien wirklich ganz schöne und warme und fruchtbare Ostern
Und dir Marlena, ein besonders prächtiges Osterei.
Wir hören uns wieder nach Ostern.
 i.M.
  ...


Re: Schöne Ostern



Mein lieber Mausfreund!

Ja, ich habe noch einmal reingeschaut und deinen lieben kleinen extra Brief gefunden. Es hat mich sehr stark berührt.. Irgendwie habe ich gefühlt, dass du mir noch etwas schreiben würdest.. und auch ich wollte dir so gern noch ein Mail schicken, aber konnte leider nicht mehr. Es fällt mir immer schwer, von dir zu gehen, wenn wir geschattet haben.

Nun bist du vielleicht an deinem Ziel angekommen und verbringst schöne ruhige Stunden in netter Gesellschaft. Es gibt eigentlich nichts Schöneres als das. Dann ist das Leben so wie es immer sein sollte.:-)
Wir fahren erst morgen weg und kommen wohl spät am Montagabend nach Hause und am Dienstag geht es wieder los. Sicher werde ich dann extra viel arbeiten müssen, da ich wahrscheinlich am 1. Mai für eine Woche verreise. Ich werde dich sehr vermissen.

Nun wünsche ich dir noch ein paar richtig schöne angenehme Ferientage im Tessin.
i.M.
Marlena



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Donnerstag, 17. April 2025

Kleines Erlebnis in Wien

 

 Hotel Sacher

                                                                            
Liebe Malou,
Ich muss dir ein kleines Erlebnis aus Wien erzählen. Vor vielen Jahren fuhren S und ich um Ostern nach Wien. Es war eine unendlich lange Autoreise und es fing sogar an zu schneien. Ich war noch Student und wir wollten billig reisen. Deshalb klingelte ich an etlichen Türen, um ein Privatzimmer für eine Nacht zu mieten. Aber kein Mensch öffnete die Türe. So gingen wir schliesslich doch ins Hotel. Wir waren dann in Wien im Hotel Berger, etwas ausserhalb, ganz ok. Und eines abends wollten wir Wien by night geniessen und spazierten die Ringstrasse entlang zum Hotel Sacher. Im Café Sacher, so hatten wir beschlossen, eine Sachertorte zu essen. Das war auch alles sehr schön und schick und k&k, du weißt ja schon.

Im Sacher sassen wenige Gäste, lasen Zeitung, tratschten und genossen die Zeit. Gegenüber setzte sich ein rundlicher Herr. Er wünschte zu Essen und studierte fachmännisch und in Windeseile die Karte. Und nach einiger Zeit kam auch schon der Kellner mit einer riesigen Suppenschüssel, zugedeckt, elegant auf einem Tablett. Und er arrangierte eine grosse Zeremonie und legte das Gedeck bereit und das Glas an die richtige Stelle und scharwänzelte um diesen dicklichen Gast herum, dass es eine Freude und ein Vergnügen war. Und zum Schluss hob der eifrige Kellner mit abgespreizten Finger, also mit gekonnter Preziosität und einem kleinen Bückling den Deckel von diesem grossen Topf.

Und natürlich sassen wir armes Studentenehepaar gegenüber, sahen eine kleine Duftwolke entweichen, schluckten leer und trocken und waren hungriger Neugierde, welches schöne Menue der kleine Herr nun auf seinen Teller garniert erhalten würde. Und schliesslich hievte der Ober, die Umständlichkeit in Person, hievte der Ober mit der langen weissen Schürze feierlich und überaus vorsichtig ein Paar Wienerwürstchen aus dem Topf und legte sie mit einer gewissen Zärtlichkeit und Ehrfurcht auf den Teller, so wie man ein zartes Stück Wild auf den Teller platzieren würde. Dazu gab´s Brot und Senf, na ja, so, wie man Wienerli eben zu essen pflegt.




Mittwoch, 16. April 2025

Fortsetzung: Wetter, Politik und Virginia Woolf



Gestern habe ich die kleine Biographie über Virginia Woolf zu Ende gelesen. Wie könnte man sie zusammenfassen? Ich glaube, der Film the Hours trifft den Grundton ziemlich gut. Das Schreiben war für V. als Medizin gegen ihre drohende Erkrankung gedacht. Ihr Ehemann war stets sehr bemüht, dass sie beschäftigt, vor allem auch mit Handarbeiten beschäftigt war. Auch die kleine Druckerei, die Hogarth Press, hatten sie nur aus therapeutischen Gründen eingerichtet. Sie haben damit einen kleinen Verlag geführt und unter anderem russische Autoren, sogar auch Rilke in England verlegt. Der letzte Brief, den V. geschrieben haben soll, ist offentsichtlich authentisch, ein rührendes Dokument der Liebe zwischen dem kinderlosen Ehepaar. Offenbar hat auch Virginia W. ihren Roman zuerst the Hours genannt, und erst später Mrs Dalloway. In jenem Roman ist Clarissas Freund nicht an Aids, sondern an einer Psychose erkrankt. Er stürzt sich aus dem Fenster, weil er der Einlieferung in eine Klinik verhindern will. Insgesamt scheint die Atmosphäre am Beginn des neuen Jahrhunderts ziemlich revolutionär gewesen sein. Die jungen Leute wollten alte Konventionen von sich werfen. Der Bloomsbury-Kreis der Stephens war dafür ein gutes Beispiel. Es gab auch Bewegungen wie jene von Monte Verità im Tessin, von der Hesse angezogen war. Andere waren die Expressionisten wie jene der Brücke, zumeist nicht professionelle Maler sondern Architekten. Es ist merkwürdig, wie jene Zeit jetzt plötzlich auftaucht in den Rückblicken. Wir hatten gerade eine kleine Expressionistenausstellung im Kunstmuseum Basel. Man hört zur Zeit viel über Kirchner. Der erwähnte Film ist ein weiteres Beispiel. Dazu gehören auch Nietzsche und Rilke. Ich glaube, wir liegen enorm gut im Trend, Marlena, mit unseren rückgewandten Interessen. Das war die Zeit unserer Grosseltern. Und heisst es nicht: wenn du aus einem Mädchen eine Lady machen willst, beginne mit seiner Grossmutter. Drei Generationen, das scheint die überblickbare Grösse. Was früher liegt, ist nicht mehr Gegenwart im engeren Sinne.
*
Morgen, so höre ich gerade, soll es wieder sonniger werden. Lass uns darauf hoffen.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...




Politik - damals...

 ...

Dagegen sieht man im Irak das Licht am Ende des Tunnels. Die Amerikaner sind jetzt doch bereit, der UNO eine wichtigere Rolle im Wiederaufbau einzuräumen, als es früher schien. Vielleicht hat Blair auf Bush doch einen guten Einfluss gehabt. Trotzdem ist hässlich, dass jetzt schon Milliardenverträge mit Ölgesellschaften abgeschlossen werden. Das ist eine Mafia, zu der offensichtlich die Bushs dazugehören und die wesentlich die Wahlkampagne des kleinen Bush finanziert hatte.
Ich bin dafür, dass wir Europäer so rasch wie möglich einen eigenen Block bilden und uns von diesen Amis absetzen. Die Amis sind vielleicht nicht ganz so schlecht, wie sie uns im Moment erscheinen. Aber letztlich missbrauchen sie ihre Stärke. Man hört, dass in den Irak bereits wieder Waffen geliefert werden.
Erstaunlich bei der ganzen Geschichte, wie ruhig Russland und Putin geblieben sind. Zwar hat sich Putin leicht von den USA distanziert, um diese ominöse Achse des Alten Europa zwischen Paris-Berlin-Moskau-Peking zu bilden. Aber er konnte wohl nicht völlig vergessen, wie inniglich er damals vom kleinen Bush geküsst worden war. Denn er hat ja immer noch Tschetschenien am Hals.
*
Haben wir keine besseren Themen?




Montag, 14. April 2025

Mittwoch Morgen

 

Subject: mimo
Date: Wed, 9 Apr 08:51

Liebe Marlena
Nun ja, trotzdem finde ich unsere detaillierten Wetterdurchsagen etwas merkwürdig. Aber ich muss zugeben, sie sind ein gutes Aufputschmittel. Weißt Du, was ein Aufputschmittel ist. Zwei oder drei kräftige Expressi sind beispielsweise ein Aufputschmittel. Das treibt den Puls in die Höhe und macht wach. Die Wetterprognosen erlauben es, schon anfangen zu schreiben, auch wenn man noch nicht weiss, was man schreiben sollte oder könnte. Sie sind, wie die Engländer bestens wissen, ein unverfängliches, gemeinsames Thema. Aber das funktioniert eigentlich nur, solange man gemeinsames Wetter hat. Und wir haben nicht mal gemeinsames Wetter. Ich meine, wir in der Schweiz sind hier im Vorzimmer des Südens. Und ihr dort oben, ihr seid doch mindestens im Hinterzimmer des Nordens. Na ja, vielleicht sind sie nicht Aufputschmittel, sondern préludes, Vorspiele, bevor man zum todernsten Hauptakt schreitet.
*
Schicke mir mal die Tabuliste, Marlena. Ich werde sie dann ergänzen mit meinen eigenen Punkten. Ist mir bisher gar nicht bewusst gewesen, dass wir allzu viele abgesperrte Tabubereiche hätten. Und was mich selbst betrifft, so lebe ich auch sehr klösterlich und klosterbrüderlich. Ich hoffe nicht, dass ich schliesslich irgend welche Escapaden und Abenteuer erfinden muss, damit ich Dir nicht nachstehe. Auf jeden Fall bin ich wirklich sehr gespannt, was eine solche Tabuliste sein könnte. Vielleicht im Geheimen Schokolade naschen? Fingernägel kauen? Die Zeitung des Nachbars lesen und in den Briefkasten zurückstecken? Schwarzfahren in der Strassenbahn? Zur Abendlektüre Likör trinken? Ach, ich kann mir wirklich nichts Umwerfendes vorstellen. Du möchtest also weiterhin als Engel erscheinen? Das finde ich lustig. Ich hatte immer den Eindruck, Du kannst bei weitem nicht über alles in Deinem leben schreiben, was Dich echt beschäftigt oder berührt. Ich hatte immer wieder den Eindruck eines gewissen Doppellebens, das Du führst. Du bist einfach der Typ dazu. Vielleicht neigen Frauen ohnehin mehr dazu als Männer. Und manchmal, in stillen und unbeobachteten Momenten, kommt es gar soweit, dass Du das zugibst.

Bei mir ist es wohl anders. Natürlich schreibe ich nicht über gewisse Dinge. Aber sie sind nicht etwas total anderes, als man erwarten würde. Es ist nicht ein Doppelleben, sondern es ist vielleicht einfach der Teil des Eisberges, der unter dem Wasser liegt. Aber es ist immerhin derselbe Eisberg. Und wenn Du den oberen Teil des Eisblocks gut anschaust, kannst Du ungefähr erraten, was unter dem Wasser noch übrig sein kann. Ich bin also, wenn vielleicht kein echter Engel, so doch mindestens kurz vor der Heiligsprechung! Das Problem ist bloss, dass der Vatikan so schleppend vorwärts macht.
*
Und dann bist Du auch sehr ambivalent. Schon damals, als Du eine höhere Etage der Offenheit vorgeschlagen hattest, ist mir aufgefallen, wie sehr Du es eigentlich auch nicht willst. Wobei ich, wie gesagt, niemals so genau wusste, was 'es' eigentlich sei. Ja, die Hypnose, ist im Grunde ein ureigenes Gebiet der Psychologie, aber wohl in der akademischen Ausbildung vernachlässigt. Freud hatte - von Charcot angeregt - mit Hypnose angefangen. Seine ersten Handauflegungen haben schliesslich zur Psychoanalytischen Kur geführt, wie er es zu nennen pflegte. Und ich erinnere mich, wie wir ganz zu Beginn des Studiums eine Lektüre zu bearbeiten hatten, bei der es um Hypnose und ähnliche Phänomene ging. Aber es wurden eben nur theoretische Aspekte behandelt. Niemals wäre Hypnose demonstriert worden. Jener Trainer, der Ende Mai in die Schweiz kommen wird, ist ein NLP Spezialist. Ich glaube, er hat bei Milton Ericson studiert, einem der grossen amerikanischen Kenner der Hypnose. Die Oesterreicher haben - nebenbei gesagt - die höhere Affinität zur H. als wir nüchternen Schweizer. Wir haben auch falsche Vorstellungen von Hypnose, weil man ab und zu spektakuläre Demonstrationen am Fernsehen sieht. Das sind aber ziemliche Übertreibungen, die auch durch Masseneffekte zustande kommen. Es ist bei weitem nicht so, dass man in der Hypnose Geheimnisse erzählt, die man eigentlich nicht erzählen will. Kommt dazu, dass man in der Klinik oft nicht eigentlich die Hypnose braucht, sondern viel eher vor-hypnotische Zustände. Das sind mentale Zustände, wie man sie zB. beim Einschlafen erlebt, hypnagoge und hypnopompe Bereiche also, die nichts Aussergewöhnliches an sich haben. Und ich bin sicher, dass sie sehr nützlich sein können in der Medizin, in der Zahnmedizin und eben auch in der psychologischen Beratung. Aber sie sind, das muss ich zugeben, in unserer rationalen und nüchternen Zeit eher etwas zauber- und oft auch rätselhaft. Ich bin vor allem daran interessiert, meine Fähigkeiten zu trainieren, solch prä-hypnotische Zustände zu induzieren. Das erfordert sehr viel Sensiblität und Einspielung auf den Organismus des Gegenübers. Und die habe ich, so scheint mir, in den letzten Jahren der Arbeit etwas verloren.

*
Jetzt muss in ran an meinen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Re: Mittwoch Morgen

Date: Wed, 09 Apr 10:25

Lieber ..

Prélude:

Die Sonne scheint von einem fast ganz blauen Himmel aber die Luft ist noch kühl. Ich habe heute keine Stunden, und werde mich hier zu Hause beschäftigen. Das Haus ein bisschen österlich (?) machen. Dann später, wenn es etwas wärmer geworden ist, werde ich mich eine Weile, gut emballiert, auf die Terrasse setzen. Lichttherapie, wenn du es so nennen willst.

Todernster Hauptakt:

Eine Tabuliste möchtest du? Die hast du doch schon. Du warst doch sogar derjenige, der am eifrigsten darauf bestanden hat, wenn ich mich richtig erinnere. Unsere §§§ ! Das ist unsere Tabuliste. Was man darf und nicht darf. Du denkst vielleicht es gibt Dinge, die ich dir verheimlichen muss. Nein, auch ich führe ein anständiges, sogar "klösterliches" Leben, wie du es nennst. Es fällt mir auch gar nicht schwer, so zu leben.   ---   Es bleibt einiges hängen von unserer Erziehung. Manchmal ist man sich dessen gar nicht bewusst. Das gilt wohl auch für dich.. Ein katholischer Muslim aus evangelischem Haus. Ich glaube du hast dich immer schon über die Grenzen bewegt. :-) Oder willst du nun protestieren?              

Nachspiel:

Gestern war ich beim Zahnarzt. Hatte schon gefürchtet, dass der gute Mann sich eine Behandlung ausdenken würde, die mich ruiniert hätte, so wie es einem Kollegen kürzlich passiert ist. Aber nicht ein einziges Loch hat er gefunden und ich kam aus seiner Praxis mit einem strahlend weissen Lächeln. Der Zahnarzt kommt aus dem Iran oder sogar Irak (habe vergessen) und immer wieder fragt er nach K und ob er wirklich nicht hier wohnt, sondern nur am Wochenende zu Hause ist. Er kann das irgendwie nicht schmelzen.

Aber was ich sagen wollte: mein erster Schritt nach dem Zahnarztbesuch ging ins Kaufhaus, wo ich mir u.a. drei Tafeln dunkle Schokolade gekauft habe. Ich meine, so ein Glück muss man doch feiern. :-)

Möchtest du auch ein Stück davon? Ein kleines Liebessubstitut?
Ach, mein lieber Mausfreund, es ist so schön mit dir plaudern zu können. Wenn du Zeit findest, schreib mir noch ein paar Zeilen. Ich habe Zeit heute dir gleich zu antworten.

Alles Liebe,
Marlena


Subject: 2

Date: Wed, 9 Apr 11:04

Liebe Marlena
Glückspilz Du, kannst zuhause herumsitzen und den Tag vor Dich herschieben.
Eigentlich sollten dann Deine Mails gegen 10 Seiten erreichen. Oder seien
wir gnädig, sagen wir 8.
*
Ach, Du meinst unsere §§ seien die Tabuzone. Na ja, das sind eigentlich keine Tabus, das sind Verbote. Es scheint mir, Du wolltest rasch aufräumen mit der Tabuliste. Ich akzeptiere aber, dass es persönliche oder intime Dinge gibt, über die man nicht per 'Postkarten' - wie es das Mail eigentlich ist - palavern sollte. Die totale Transparenz bringt mehr oder weniger Unglück. Das sollte man sich nicht antun. Es ist eine enorme menschliche Fähigkeit, von sich selbst Abstand nehmen zu können. Das Exzentrische beim Menschen, das ist das Menschliche. Es wird sichtbar beim Lachen und beim Weinen, wie Plessner behauptet. Nur die Jungverliebten wollen die Grenze zwischen sich und dem anderen total aufheben, wollen einen freien Grenzverkehr ohne Wenn und Aber. Doch die Jungverliebten haben auch noch nichts zu verbergen. Sie sind -sozusagen- eben erst auf die Welt gekommen. Auch die Babies ermahnen wir nicht, sie sollen nicht lügen. Sie können es gar nicht. Dieses Mimikry haben sie noch nicht entdeckt.
*
Und gleich noch zweite Glückssträhne: beim Zahnarzt ohne Loch. Dieses Ereignis würde ich auch mit einer Schokoladen-Orgie feiern. Kein Zweifel. Ich habe, um meine Ehrlichkeit auf die Spitze zu treiben, heute morgen auch Schokolade gegessen. Das spricht für eine Phase des frustrierten Ungücklichseins.
*
Übrigens bin ich weder Katholik noch eingefleischter Protestant, schon gar nicht Muslim. Ich bin Darwinist, praktizierend um genau zu sein. So wenigstens pflege ich mich in diesen und ähnlichen Diskussionen aus der Affäre zu ziehen.
*
Zur Zeit lese ich gerade ein Jugendbuch über Gentechnologie. Es ist anspruchsvoll und nicht unkompliziert. Eigentlich bin ich daran, das Buch zu rezensieren. Die meisten Bücher, die ich rezensiere, lese ich nicht von vorne bis hinten. Das erforderte viel zuviel Zeit. Aber dieses ist wieder mal ein Büchlein, dessen Lektüre sich auszahlt. Ich finde es fantastisch, welch gute Bücher für junge Leute heute bestehen. Und eigentlich sind sie auch für uns Erwachsene. Denn wo sonst sollte man sich über eine solche Frage informieren? Die meisten Leute fühlen sich rasch überfordert. Aber in einem Jugendbuch, da geht alles sehr bequem.
Ich wünsche Dir einen schönen Nachmittag
Gruss
...




Ja, ein Glückspilz :)


Ämne: Ja, ein Glückspilz
Datum: den 9 april 16:01

Lieber...,
Ja, ich gebe es zu. Es ist ein Luxus, plötzlich einen freien Tag vor sich zu haben und damit ich ihn nicht nur so durch die Finger rinnen lasse, habe ich dann meine Nachbarin und Freundin seit jungen Jahren  mitgelockt zu einem Spaziergang im Wald. Es stürmt heute sehr und dies war die einzige Möglichkeit überhaupt an die Luft zu kommen. Ich wollte mir auch etwas Osterreisig holen. Mit solchem schmückt man bei uns das Haus zu Ostern. Man schmückt es mit bunten Federn. Glaube das tut man nicht unten am Kontinent, oder? Und dann habe ich mir auch einen Strauss Heidelbeerreisig mitgebracht. Es ist so wunderschön, wenn es anfängt zu blühen.
*
Du bist lieb. Und auch klug und hast viel Lebenserfahrung, schon durch deinen Beruf, denke ich. Aber Darwinist? Da hast du es nicht allzu leicht mit der modernen Wissenschaft. Soweit ich weiss, entfernt sie sich doch vom Darwinismus, oder? Aber als Ausrede finde ich das Wort nicht schlecht. Sicher setzt du damit leicht Punkt für viele unnötige Diskussionen.
*
Längere Mails willst du nun auch haben? Ich weiss nicht richtig, was ich dazu sagen soll. Denke mir, wenn ich ein kurzes schreibe, dann liest du es vielleicht ordentlich aber bei einem langen schnupperst du nur ein wenig daran, wie an den Büchern die du rezensierst. Und dann habe ich mich umsonst angestrengt schöne deutsche Sätze zu konstruieren. ;-) Aber ich frage mich auch, was wichtig ist dabei. Dass ich mir was vom Herzen schreibe oder dass du es liest.
*
Wir hören täglich Rapporte von Bagdad und im Fernsehen werden sie immer von einer hübschen jungen norwegischen Journalistin vermittelt. Und man kann es kaum fassen. Da steht diese hübsche junge Frau mitten im Kugelregen und den Bomben und berichtet vom Krieg. Und wenn heftig geschossen wird um sie herum, dann duckt sie. Einmal verschwand sie eine kleine Weile, um schnell wieder zurückzukommen mit den Worten: "Wenn die anderen laufen, dann laufe ich auch." Sie ist eine fantastische Reporterin und ich glaube, ich werde sie vermissen.



*

Ich will dass du mein mail noch vor dem heimgehen bekommst. Darum sende ich es nun gleich ab.
Ich grüsse dich nochmals lieb an disem stürmigen Mittwoch,
Marlena

Sonntag, 13. April 2025

Re: 2. Momo-Portion

 .



Ämne: Re: 2. Momo-Portion
Datum: den 8 april 19:17

Lieber ...,
Birder? Welch ein lustiger Name. Vogelschauer bei uns. Und du hast ganz recht. Früher, als wir noch nicht so bequem waren, sind wir immer um diese Jahreszeit an den ... gefahren. Das ist ein grosser bekannter Vogelsee in unserer Region und dort rasten tausende von Zugvögeln um diese Zeit. Eigentlich muss ich dir gestehen, dass ich nie begriffen habe, was z.B. junge Männer an einen solchen See treibt. Ich meine, es müsste doch interessantere Objekte für sie geben. Aber für mich war es so etwas wie ein Sonntagsspaziergang in meiner Jugend. Ein nicht allzu verlockendes Vorhaben, das aber meistens doch schöne Erinnerungen hinterliess. Die Sonne und die Bewegung waren wichtiger als der Anblick der Vögel. Auch Anna haben wir immer mitgenommen. Das erste mal war sie kaum drei Wochen alt und lag in ein Fell eingewickelt in meinen Armen. Aber das letzte Jahr am Gymnasium hat sie ihre Spezialarbeit über diesen See geschrieben und seitdem hat sie genug davon, wie sie meint.
Aber ich glaube doch, dass sie immer noch gern einen Frühlingsausflug dorthin macht, besonders wenn wir bei der Gelegenheit auch noch Brennesseln pflücken. Das ist bei uns Sitte geworden: an einem der Osterfeiertage eine Brennnesselsuppe mit einem Ei drin als Vorspeise zu haben.

Ach nein, ich glaube nicht dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn wir von Wetter schreiben. Es gehört doch auch zu unserem Leben und ich bilde mir sogar ein, dass es mit dem Alter immer wichtiger wird. So sehe ich es eher als eine Alterserscheinung als einen Mangel an anderen Themen. Oh, glaube mir, ich wüsste so viele. Aber leider sind die meisten tabubelegt. ;-)
Ich habe nichts zu reklamieren an deinen Mails. Ich finde sie wunderschön und interessant zu jeder Zeit. Und kürzer sind sie auch nicht geworden. Du bist so klug, .... Hast schon früh Themen vermieden, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen. Stattdessen blickst du in die weite Welt, wozu ich auch deine Erinnerungen zähle, und bringst mir täglich wunderbare Lektüre ins Haus. Ich kann mir nichts besseres wünschen.
Wenn du meinst, ich hätte mich verändert, so hat das nichts mit meinem Verhältnis zu dir zu tun. Manchmal fühle ich mich sehr gestresst. Irgendwie gehetzt. Dann fällt es mir nicht leicht, ein schönes ausgeglichenes Mail zu schreiben. Mir fehlt dann die innere Ruhe, so zu schreiben, wie du es gern hast und wie ich es auch möchte. Glaub mir, ich kann nichts dafür.
*
Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht, ob ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut, ist man natürlich nicht zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten Geheimnisse kennen lernen  möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht. Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
*
Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen. Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht, gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
*
Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas Ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen sollen, als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten, sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.
*
Schön, dass du verreisen kannst zu Ostern. Es wird dir gut tun. Ein bisschen Wärme, schöne Natur und sicher auch liebe Freunde.
Wir bleiben wohl zu Hause. Für K ist ja "zu Hause" schon Abwechslung genug. Und Anna wird wohl auch hier sein, aber wahrscheinlich viel zu tun haben vor ihren Prüfungen. Ich wünsche mir vor allem Sonne und Wärme.
*
Deine 2. momo-portion hat mich sehr gefreut. Aber es war komisch, denn das mail kam erst am Dienstag hier an, obwohl du es doch mitten am Montag (siehe unten) abgeschickt hast. Am Montagabend, als ich dir geschrieben habe, hatte ich es noch nicht erhalten. 
*
Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich, wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
*
Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena


Samstag, 12. April 2025

2. Momo-Portion


Subject: 2. Momo-Portion
Date: Mon, 7 Apr  13:38

Liebe Marlena
Es ist wirklich echt kühl hier und ich bin froh, den Wintermantel nochmals hervorgezerrt zu haben. Erst mitte Woche soll es wieder wärmer werden. Und das tut uns hier, Mensch und Tier, allen gut.
*
Ich habe Deine hübschen Fotos im Fotofolder gesehen. Hast Du sie alle selbst aufgenommnen? Besonders bei den Vögeln war ich erstaunt, wie gut Dir das gelungen ist. Ist es eine Drossel, der schwarze Vogel mit den grossen Augen? Es ist ein hübsches Bild. Heute morgen habe ich am Radio gehört, dass es sog. Birder gibt, Leute, die  an Wochenenden ausziehen, um irgendwo in der Natur die Vögel zu beobachten. Bei uns in der Schweiz treffen sie sich offenbar am Neuenburgersee. In den schilfigen Ufern gegenüber der Stadt Neuenburg gibt es offenbar eine Vielzahl an Vögeln und anderen Tieren. Ich glaube, Naturbeobachtung ist eine sehr schöne Sache. Und gerade wir Menschen, die das halbe Leben im Büro herumsitzen, hätten es besonders nötig. Erst kürzlich habe ich mir wieder mal gesagt, dass ich öfters an die frische Luft sollte. Früher hatte ich zwei oder dreimal die Woche einen kleinen Waldlauf frühmorgens gemacht. Da konnte man viele Vögel sehen, und manchmal auch Rudel von Wildschweinen. Aber heute quäle ich mich bloss noch mit der gemeinen Stubenschabe herum. Und vielleicht noch mit ein paar aufsässigen Bücherwürmern.
*
Ist Dir aufgefallen, dass wir viel übers Wetter reden? Das ist vielleicht ein wenig symptomatisch. Früher haben wir uns kaum über ein Thema wie Wetter ausgelassen. Das Ausweichen auf ein solch konventionelles Thema macht mir ein bisschen Sorgen. Haben wir uns nichts mehr zu sagen? Du hattest Doch mal eine Vitalisierungs-Initiative gestartet mit dem Vorschlag, eine ganz neue Offenheit zu starten, hast sie dann wieder aufgegeben. Was hattest Du eigentlich damit gemeint. Ich hatte es damals nicht richtig verstanden. Aber vielleicht ist es etwas, das uns neu belebt. Oder was denkst Du über unsere Mailerei nach so langer Zeit?

Ich glaube, im Wesentlichen denkst Du, mir sei die Luft ausgegangen. Aber das stimmt nicht. Ich habe noch viel zu erzählen, zu beichten, zu offenbahren, zu behaupten, zu übertreiben, zu verleugnen. Ach, ich könnte bis ans Ende meiner Tage schreiben. Aber vielleicht wäre - na ja - nicht alles so sehr interessant.
Im Moment überlege ich, wohin wir über Ostern reisen sollten. Hier hat es Tradition, dass man in den Süden fährt, vielleicht ins Tessin, vielleicht an die bezaubernden oberitalienischen Seen. Dort gibt es dann zu Ostern Lamm- oder Kitzfleisch mit den feinen provenzalischen Gewürden und einen guten Wein, so dass die Welt und die winterlichen Wunden wieder in Ordnung gehen. Die Nähe zu Italien ist wirklich eine feine Tatsache, obwohl ich heute sagen muss, dass auch die Spanier ganz ok sind, und dass man auch mit den Südfranzosen was anfangen kann. S. und ich waren mal in unseren jugendlichen Jahren in Südfrankreich in den Ferien. Du kennst die Gegend bestimmt: Arles, Saintes Maries, Marseille, Aix en Provence, all diese hübschen Städte mit ihrem südlichen Flair. Mal verirrten wir uns in ein kleines Nest namens Rochelle oder Roche oder ähnlich in der Nähe von Marseille. Wir fanden ein kleines Hotel mit etwa 6 Zimmer. Es gab nur einen spartanisch schmucklosen Gang mit je drei Zimmer links und rechts. Durch die Fenster blendete das helle Mittelmeerlicht. Nach 1 oder 2 Tagen bemerkten wir, dass das süsse kleine Hotelchen eigentlich ein kleines Freudenhaus war. Junge Paare von Marseille kamen angefahren, vergnügten sich in den kleinen Zimmern unter offenen Fenstern an der warmen Meerluft und der Sonnenwärme, um nach ein paar erotischen Kreischereien und Schreien bald wieder zu verschwinden. Wir zwei waren geradezu sesshaft verglichen mit diesen ambulanten Paaren, die sich nicht wirklich Zeit liessen, die feine Küche von Madame zu geniessen, einer Spanierin, die eine exzellente Paella kochte. Wir waren nach 2 Tagen praktisch Einheimische, langweilige Eingeborene, während die jungen flatterigen Vögel kamen und gingen. Teils zeigten sie den Glanz eines gelungenen Climax im Gesicht, teils die profanen Sorgen einer komplizierten Liebschaft. Wir aber, wir sassen im kleinen Gärtchen vor dem Haus und taten uns an Madames Küche gütlich. Und der Chef sass mit zwei Einheimischen am Nebentisch und goss ihnen jede Menge Pastis pur nach, so dass die beiden immer lustiger wurden. Irgendwo habe ich noch eine kleine Zeichnung von diesem Nest am Strand in der Nähe von Marseille. Vielleicht gibt es das heute nicht mehr, vielleicht ist jetzt alles überbaut. Aber damals war es ein kleines, geheimnisvolles Einod gewesen, das in jugendlichen Kreisen von Marseille als Geheimtip kursierte. Nun ja, damals fürchtete man sich mehr vor dem öffentlichen Gerede als vor Aids. Und so war die Liebe damals noch durchaus geniessenswert.
*
 Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Gruss
...

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Montag Morgen

 

Subject: momo
Date: Mon, 7 Apr 07:04

Liebe Marlena
Ich habe nur ein klitzekleines Bisschen Zeit heute morgen. Muss sofort nach Basel weiterfahren, wo wir die Sitzung haben. Wenn ich nach 07.00h losfahre, komme ich in den Stau und strapaziere meine Nerven. Das mag ich nicht, schon gar nicht gleich am Montag Morgen. Es ist auch hier kühl geworden. Der Himmel iost zwar blau und nur wenig bewölkt. Doch während der Nacht war es mindestens -2°. Ich frage mich, was mit den Pflanzen passiert ist, die wir bereits hinausgestellt haben. Nun ja, sie stehen zwischen den Häusern, wo sie etwas geschützt sind.
*
Gestern war ich allein bei Onkelchen. Und ich habe auch selbst gekocht. Hör mal an, gekocht! Nun ja, einige Dinge waren bereits vorbereitet. Ich meine, den Reis hatte S schon zubereitet: Tomatenreis mit Bohnen, meine Lieblingsvariante. Und auch den Salat hatte sie schon gewaschen. So musste ich nur noch den Fisch anbraten. Das ist gut gelungen. Auf jeden Fall fand O. das alles köstlich, auch die vorbereitete Crème . Kurz und gut, ich musste nur den Kaffee selbst anbrühen. Und etwas Maionnaise in der Tube haben wir in einem Kasten auch noch gefunden. Es war köstlich. Nächstes Mal wollen wir wieder einmal auswärts essen. Eigentlich hatte er mich eingeladen, unter Männer sozusagen, ins Restaurant zu gehen. Doch ich habe mit Hinweis auf S. diesen Anlass verschoben. Es ist gut, wenn sie dabei ist, schliesslich macht sie die Hauptarbeit. Und so soll sie das Restaurant geniessen. Onkelchen macht sich immer ganz chick, wenn wir auswärts gehen, zieht die schönste Kravatte an und den besten Anzug. Und beim Bestellen ist er nicht kleinlich. Früher, als er mit seiner Frau unterwegs war, haben sie natürlich Lokalitäten berücksichtigt, die auch bei ihnen eingekauft hatten. Und da ging es nicht an, sparsam zu erscheinen. Sie gaben ihr Geld grosszügig aus. Und das tut er noch heute. Er beginnt gleich am Anfang mit einem Champagne, wählt dann mindestens drei Gänge, und ist auch beim Wein während des Essens nicht kleinlich. Einzig mit der Tatsache, dass seine Zähne nicht mehr die besten sind, hat er zu kämpfen. Er kann nicht schnell essen. Und die Portionen sind so gross, dass er Mühe hat, sie zu beenden. Und das wiederum kann er nicht aufgeben. S. hat die letzten Male veranlasst, dass man ihm die Resten einpackt. Das hat ihn dann beruhigt. Doch in neuerer Zeit bekommt er die Mahlzeiten von auswärts. Und so hat er zuhause kaum mehr Gelegenheiten, Resten aufzuessen. Jedesmal kommt gleich eine neue Portion. Ist es nich gut, das alles zu wissen. Wenn wir mal alt und zitternd vor der Tür stehen, um im Kesselchen die Mahlzeiten entgegen zu nehmen, dann wissen wir schon, worauf es ankommt. Es ist auch gut, eine gefrässige alte Katze im Haus zu haben. Sie hilft, die Resten zu vertilgen und schnurrt einem die Einsamkeit von der Seele.
*
Bald ist Ostern. Ich hoffe, das Wetter wird wärmer und freundlicher. Das ist doch, was wir alle wünschen. Schnee um Ostern ist wie Nachsitzen in der Schule. Es ist eine herbe Strafe, und niemand lernt was dabei.
*
Mittlerweile ist sieben geworden. Heute abend haben wir im Club Generalversammlung. Das ist, nach einer turbulenten Diskussion ums Budget, immer vor allem ein grosses Fressen. Ich hungere mich ein bisschen durch bis abends, damit ich dort nicht wie Onkelchen am Tisch die Teller anknabbern muss.
Ich wünsche Dir einen schönen Wochenanfang.
Mit einem lieben Gruss
...

Donnerstag, 10. April 2025

Ja bald ...

 


Ämne: Ja...bald
Datum: den 7 april 15:23

Lieber ...,
Ach, wie schön noch ein mail von dir zu finden. Ich bin gerade erst hier angekommen. Es hat fast die ganze Strecke stark geregnet und K's Scheibenwischer sind nicht mehr von bester Qualität. So konnte ich nur ahnen wie der Weg lief und ob mir was entgegenkam.

Jetzt habe ich schon den Staubsauger hervorgenommen, den ich von zu Hause mitgebracht habe. Derjenige, den es hier, gibt ist nur ein akkustisches Gerät, das nicht an Staub interessiert ist.

Anna ist noch an der Uni, aber sie wird wohl auch bald hier auftauchen. Habe sie von meinem Handy aus angerufen.

Vor ein paar Tagen habe ich mir den Roman "Blonde" gekauft (handelt von Marilyn Monroes Leben). Ich hätte mich nicht dafür interessiert, wenn nicht meine Bekannten, die ihn gelesen haben, so voll von Lob wären. Auch solche, von denen man es nicht vermuten würde.
Habe erst angefangen, darin zu lesen. Leider habe ich eine Pocketausgabe und die Schrift ist so klein, dass ich mich richtig anstrengen muss beim Lesen und gutes Licht brauche. Aber ich glaube nicht, dass es das Buch ist, von dem du gesprochen hast, denn es ist nicht in Ich-form geschrieben, wenn nicht später..

Ach, mein armer Mausfreund. Du musst etwas tun gegen deine Müdigkeit. Das habe ich mir auch selbst versprochen. Ein täglicher Spaziergang steht auf meinem Programm. Ich habe vorgestern einen herrlichen langen Spaziergang mit Gudrun im nahen Wald gemacht. Es ist etwas ganz anderes, auf einem weichen Teppich von Fichtennadeln zu gehen als auf hartem Steinboden. Bei der Gelegenheit habe ich mir auch ein wenig Birkenreisig geholt, das wir hier zu Ostern immer mit bunten Federn schmücken. Und auch ein wenig Heidelbeerreisig, das nach einer kurzen Zeit so wunderbar aussieht, wenn es zu blühen beginnt. Eine ganze Stunde sind wir dort gegangen und haben die frische Waldluft eingeatmet. Gudrun hat kein Auto und kommt sonst nicht in die Natur hinaus. Sie hat sich sehr gefreut über den kleinen Frühlingsausflug.

Hast recht. Lamm ist natürlich das beste, was man zu Ostern essen kann. Und wie du sagst mit einem guten Rotwein dazu.. Bärlauch kenne ich nicht. D.h. ich kenne nicht das Wort. Werde  im Lexikon nachsehen, wenn ich nach Hause komme.
Vielleicht stimmt es, dass die Liebe des Mannes durch den Bauch geht. Leider kann ich es nicht an dir ausprobieren.. ;-)

So, nun werde ich hier weitermachen, damit wir dann gleich die Heimfahrt antreten können.

Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und  ...
Jetzt kommt gerade Anna.

Ich grüsse dich lieb,
Malou




Ostern in Sicht



Marylin Monroe


Ämne: osterninsicht.. Ja...bald

Liebe Malou
Ja, Lammbraten an Ostern ist goldrichtig. Ich glaube, das ist etwas vom besten, passt wunderbar. Und dazu, wie gesagt, Bärlauch-Pesto und ein paar Gewürze, die an den Süden erinnern. Das ist perfekt, wenn man dazu noch einen feurigen Pinot Noir findet. Ach, bei einem solchen Gedeck, da wäre ich bereit, mich nochmals zu verlieben.

Hier haben wir Aprilwetter, wie es im traurigsten Buche steht. Vor einer halben Stunde war es noch sonnig, und jetzt regnet es bereits wieder und der Wind treibt durch die Strassen. Ich habe soeben eine Biographie von Marilyn Monroe rezensiert. Ich weiss gar nicht, wie ich dazu gekommen bin. Na ja, eigentlich liegt der Grund darin, dass derselbe Autor bereits eine Biographie über Mozart geschrieben hat. Und so wollte ich sehen, wie er die Monroe abhandelt. Er schreibt in ich-form. Das fand ich schon mal merkwürdig. Besonders zu Beginn des Buches, wo die Marilyn sozusagen als Dreijährige Spricht. Später löst sich das Problem auf, und ich glaube, es ist nicht so schlecht geworden. Sie hatte ein absolut wechselvolles Leben. Und natürlich findet man in der zweiten Hälfte des Buches jede Menge berühmter Namen. Allerdings bin ich in diesem Gefilde nicht so sehr bewandert. Ich war nie ein besonders eifriger Kinogänger. Na ja, damals, als ich in Zürich studierte, und als der französische Film seine Glanzzeiten feierte, haben wir einige gesehen. Aber sie haben mich selten so sehr beeindruckt, dass ich sie nicht vergessen hätte.

Ich habe heute fast den ganzen Morgen im Büro gezeichnet und gemalt. Das war wundervoll. wenngleich vielleicht für einen Chef ein bisschen merkwürdig. Zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Computer. Daraus wurde ich ganz wild und ungeduldig. Aber ich glaube, fürs Zeichnen ist die Stimmung gut. Dann geht man forsch voran und hält sich nicht mit kleinen Details auf. Ich glaube, das ist wirklich mein Geheimtipp. Ich muss mich aggressiv machen, wenn ich malen oder zeichnen will. Ich will dann einfach durch und damit basta. Und das sieht dann schliesslich aus wie Art brut, wenn Du verstehst, was ich meine.

Und jetzt fahre ich heim und lege mich aufs Ohr. Ach, ich bin wirklich faul geworden.
Nun, so ist es eben.
Mit einem lieben vorosterlichen Gruss
...

Montag, 7. April 2025

Noch nicht ...

Liebe Marlena

(---)

Kennst du Jean Piaget? Wahrscheinlich hast du von ihm gehört. Er war vielleicht der grösste Psychologe neben Sigmund Freud. Er hat die kognitive (nicht emotionale, wie Freud) die kognitive menschliche Entwicklung untersucht mit seiner Forschung. Seine Theorien sind absolut interessant, aber auch nicht ganz leicht bis ins Letzte zu begreifen. Ich zumindest habe das nie ganz geschafft. Piaget war ein Genie, schon früh in der Schule hatte man das bemerkt. Und er war aus Neuchàatel, also ein Welschschweizer. Worauf ich aber hinaus will: als er schon ziemlich alt war gab es im Fernsehen ein Porträt über unseren Jean Piaget. Man konnte ihn sehen mit seinem weissen Haar und wie er an seiner Tabakpfeiffe herumfingerte und in alter Manier diskutierte und argumentierte. Interessant, ja frappant für mich war nicht der alte Piaget, sondern sein Büro. Es war das absolute Chaos, voller Papier auf den Regalen, Papier auf dem Pult und - wenn ich mich recht erinnere - sogar Papier am Boden. In meinem Bild-Gedächtnis sehe ich den alten Piaget, wie er in einer Flut von Papieren versinkt und ertrinkt. Ich glaube, er war schon ein bisschen senil.

Nun ja, so sieht es um mich herum ja dank meiner S und aus vielleicht ein paar anderen Gründen noch nicht gerade aus. Aber ich bin auf gutem Weg dazu (zum Chaos, nicht zur Senilität)!

Immer wieder finde ich neue interessante Artikel, die ich lesen möchte und zur Seite lege. Auf der andern Seite sollte ich periodisch wieder aufräumen und die alten Sachen wegräumen, die ich nicht mehr brauche. Und alles in allem müsste zwischen diesen beiden Prozessen eine Balance sein. Du verstehst was ich meine? Im Büro sage ich meinen Mitarbeitern (zum Spass mehr als im Ernst): Jeder der zu mir ins Büro kommt und Papier mitbringt, ist verantwortlich, dass er ebensoviel Papier wieder hinaus- und mitnimmt. Unwichtig was es ist, es muss gleichviel sein. Sonst ersaufe ich hier in meinem Büro!

Und so ein Samstag Abend ist ideal, ein bisschen Papier aufzuräumen und dieses und jenes durchzuschauen. Und weißt du, wie das schliesslich geendet hat? Ich habe zwei alte Artikel gefunden und sie (nochmals) gelesen. Der eine war über...

À propos Unordnung.

Lieber ... 

Als Anna klein war hatte ich ein Spiel erfunden (eigentlich waren es beide). Das Spiel hiess "Ska-den-vara-där?-leken"
Du schaust dir einen Gegenstand an, irgendetwas in deiner Nähe, und fragst: Soll das dort sein? Und wenn die Antwort "nein" ist (was in 90 % der Fälle passiert ;-) so fragt man weiter: "Wohin gehört es?" Und wenn man es dann an den rechten Platz gestellt hat, bekommt man Punkte dafür.
Du kannst dir garnicht vorstellen wie viele Dinge in Windeseile ihren richtigen Platz gefunden haben und wir haben um die Punkte gewettet und hatten einen riesen Spass dabei. Natürlich hat sie mit der Zeit meine geheime Absicht bemerkt  ...
Versuchst du es mal mit deinem Büro? Du kannst dabei Zeit nehmen und zählen wie viel du in 5 Minuten finden wirst. Und nachher wirst du dich wundern, wie schnell so viel richtig gelandet ist. Naja, dein Büro sieht sicher nicht aus, wie es hier damals und manchmal auch noch heute  aussieht. Wie du manchmal sagst, man könnte darin schwimmen.*

Weisst du, ... Wir schreiben uns nun schon so lange und es kommt sicher immer öfter vor, dass ich dir wieder von etwas erzähle, was du eigentlich schon weisst. Dann schäme ich mich ein wenig über mein schlechtes Gedächtnis. Aber wie du ja ind deinem heutigen Mail sagst: man kann es immer wieder erzählen. Das tröstet mich ein wenig.
*
Nun lasse ich dich wieder, an diesem grauen regnerischen Tag und wünsche dir alles Gute,
Mit lieben Grüssen
Marlena

RE:

Skadenvaradär, das Spiel scheint ja auf den ersten Anblick sehr überzeugend. Und man ist geneigt, es auszuprobieren. Aber - das zumindest war mein erster Gedanke - aber es ist ein Spiel, das von ordentlichen Erwachsenen erfunden worden ist. Es setzt voraus, dass man weiss, dass ein Ding nicht hierher, sondern richtigerweise dorthin gehörte. Es setzt also ein Gefühl für Ordnung voraus. Was aber, wenn man das nicht hat. Was tut einer wie ich, der ein Ding in der Hand hat und eben gar nicht weiss, wohin er es tun sollte.

Natürlich gibt es eine intuititve Topologie im Raum. Und ich kann sagen, wo meine neuen Bücher sind, die ich rezensieren muss, wo meine Wörterbücher stehen, wo die Dinge liegen, die ich in der Dokumentation verstauen sollte. Aber es gibt soviele Papiere und Dinge, die sich nicht für einen bestimmten Platz entscheiden können. Sie schweben sozusagen im Raum wie helle, nach Waschpulver riechende Leintuchgespenster. Vor allem will ich sie nicht zu gut verstauen, weil ich sie sonst vergessen würde. Deshalb erhalten sie vielleicht einen Platz, der etwas zu prominent ist. Die mangelnde Ordnung hängt also wohl damit zusammen, dass die vielen Dinge der Erledigung harren. Erledigte Dinge lassen sich in der Regel sehr einfach versorgen.
Ich glaube, Du siehst meine Probleme. Und ich fühle mich hier dem genialen Jean Piaget artverwandt.



The Hours

(Mail wiedergefunden)



To: "'marlena..@hotmail.com'"
Date: Tue, 1 Apr  08:49

Liebe Marlena
Aber ich wünsche mir die Tage gleich golden, nicht bloss goldumrandet. Richtig überflutet mit Gold.
*
Ich habe Dich geschlagen. Echt, Du bist auf den zweiten Platz verwiesen! Darin hast Du die Nase nicht vorne! ;--)) Du wirst es auch kaum erraten, was ich hier meine. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig, wie ich es jetzt mache. Aber ich habe gestern abend, kurzentschlossen und aus dem Bauch heraus, den Film The Hours gesehen. Und ich bin in der Tat begeistert. Die Verknüpfung dreier Frauenschicksale - alle sind sie Frauen von diesem hellen, anglosächsischen Typ - ist wirklich gut gemacht, sehr abwechslungsreich und höchst komplex. Am meisten liebte ich Meryl Streep (so heisst sie doch?) als Mrs Dalloway 'im besten Alter' Sie ist herrlich, wenn sie mit ihren grünen Handschuhen in Küche und Stube herumfuchtelt. Und ist bis zu den Ohren voller Gefühle, Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen. Virginia Woolf im 19. Jahrhundert, die mit ihrem Mann in Richmond England lebt, ist wirklich so eckig und ein bisschen fremd wie eine schizoide Person. Man hat Mitleid mit ihrem Mann, der sich einsam für sie aufopfert. Aber die Situationen im Haus, auf dem alten Bahnhof, in den Strassen oder bloss im Garten sind hinreissend schön. Das scheint wirklich altes englisches Pflaster zu sein! Und die dritte Frau lebt einen langweiligen American Way of Life, liest Woolfs Roman und ist ein bisschen verloren in dieser künstlichen Vorstadtwelt der kleinen Einfamilienhäuschen im Süden Amerikas. Später stellt sich heraus, dass ihr kleiner Sohn, dem sie auch etwas hilflos und linkisch begegnet, der grosse preisgekrönte und aidskranke Schriftsteller war. Mit anderen Worten, die drei Frauen leben zu verschiedenen Zeiten. Doch ihre Schicksale berühren sich immer wieder.

Ich bin noch ganz begeistert von den schönen Bildern und der Komplexität, die zum Denken anregt. Ich werde auch S. empfehlen, hinzugehen. Ich habe mir ja den Montagabend ausgesucht. Das Kino war bloss zu einem Viertel besetzt, aber zumeist mit jungen, Popcorn knackenden und kichernden jungen Mädchen. Offenbar ist der Film jugendfrei. Und das ist er ja wirklich. Ich glaube, dass Du ihn rasch auch sehen solltest. Wenn Du mir dann erzählst, was Du gesehen hast, dann kann ich ihn ein zweites Mal durchgehen. Vielleicht kannst Du auch herausfinden, woher der Titel stammt. Hours, was ist damit gemeint? Einmal liegt Meryl Streep mit ihrer Tochter auf dem Bett und sinniert über ihre Vergangenheit. Sie redet über das Glück im Leben und stellt fest, dass es ein Moment war. Es war ein Moment, wo man meint, jetzt ist das Glück da und es werde immer mehr. Aber das Glück war nur dieser eine Moment. Ich glaube, das ist sehr gut beobachtet. Ist nicht der ganze Film eine Frage nach dem Lebensglück und was wir uns gegenseitig dafür bedeuten können? Wir leben für den anderen, damit der andere nicht stirbt. Na ja, Du musst es Dir selbst anschauen.

Heute werde ich über Mittag nach Basel fahren. Ich hoffe, es sei dann etwas wärmer als morgens, da ich auf dem kleinen Bahnhöflein ziemlich gefroren hatte.

Ich wünsche Dir einen goldüberlaufenen Tag
Mit einem lieben Gruss
...

Nochmals Filme

Subject: mimo

Date: Wed, 2 Apr

Liebe Marlena
Es ist dunkel draussen und regnerisch. Hat die ganze Nacht mehr oder weniger gestürmt. Ich nehme an, bei Euch oben schneit es jetzt, und Ihr seid bestimmt um Wochen zurückgeworfen in den Winter. Gestern abend war es noch ziemlich mild gewesen. Aber man konnte schnuppern, dass etwas in der Luft lag.
*
Ja, da sieht man, wieviel Konsens über die Beliebtheit von Filmen herrscht. Es ist ja nicht ohne, dass man mit diesen Awards die öffentliche Aufmerksamkeit auf einzelne Stücke und Schauspieler lenkt. Gehört mit zum Geschäft. Und wenn ein Film gut ankommt, so ist er wohl immer so gut eingelegt im Zeitgeist wie die Gurke im Essig. Es gibt Filme, die kann man heute kaum mehr anschauen, obwohl sie damals grosse Erfolge waren. Und schliesslich gibt es so etwas, was man Kultfilm nennt. Sie sind wohl die Spitzen der Eisberge, die über einer Periode stehen und irgendwie repräsentativ für eben diesen Zeitgeist stehen. Denke an 'Der blaue Engel' (1930), 'Casablanca' (1942), 'High Noon' (1952), 'Bonnie and Clyde' (1967), 'Le Charme discret de la Bourgeoisie' (1972), 'Le dernier Tango à Paris' (1972), 'Schindler's List' (1993). *

Ich erinnere mich, wie wir im Gymnasium einmal über einen damals aktuellen Film diskutiert haben, und dies zwar in einer regulären Deutschstunde. Im einzigen Kino in Visp - genannt La Poste - war der Film 'Wem die Nachtigall schlägt' mit Grant als charismatischer Anwalt gelaufen, der einen Schwarzen zu verteidigen hatte. Doch die Diskussion war sehr mager, und heute denke ich, dass wir damals sehr wenig geübt waren, mit Geschichten umzugehen. Das ist eigentlich schade, und es ist auch erstaunlich, wo doch die meisten Lehrer Priester waren, und die katholische Kirche ein wahres Freudenhaus voller illustrer Geschichten darstellt. Es ist wirklich schade. Ich liebe Personen über alles, die mit Geschichten umgehen können, die erzählen und wiedererzählen, und vor allem, die gut erzählen. Meine Schwiegermutter ist so, ein Naturtalent. Sie stammt natürlich aus einer Zeit und Kultur, wo Geschichten das pure Leben sind. Leben ist dort nichts anderes als diese Geschichten, die dauernd erzählt und wiedererzählt werden. Wenn die Geschichten abbrechen würden, könnten die Menschen nicht mehr weiterleben. Sie leben in Geschichten wie die Fische im Wasser. Natürlich haben die Lehrer als katholische Priester da und dort eine Legende, eine Heiligengeschichte oder so was erzählt. Aber heute muss ich sagen, sie haben es nicht mit grossem Selbstbewusstsein getan. Auch sie haben schon gelebt unter diesem Eindruck, dass diese Geschichten doch eigentlich nicht sonderlich wahr sind, mindestens nicht wahr in unserem modernen Sinne, und dass es heute neuerdings viel Informationen gibt, die für junge Leute weitsaus wichtiger sind. Man hatte auch schon an unserer Schule Geschichten mit Informationen oder mit Nachrichten ersetzt. Ich denke, ich habe an dieser Schule eine sehr gute sprachliche Ausbildung genossen. Das merke ich noch heute, wenn ich mit Schülern bis hinauf ins Gymnasium über ihre sprachlichen Fertigkeiten und Kenntnisse spreche. Allein die Kenntnisse der Grammatik aus dem Lateinunterricht ist ein solides Fundament. Aber die Semantik der Sprachen, die Bedeutungen, damit haben wir uns nicht ganz so intensiv mit beschäftigt.
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Was kann ich Dir noch erzählen von meinem kargen Leben? Vielleicht, dass ich im Moment Mühe habe mit meiner Arbeit. Ich muss mich zwingen, dieses oder jenes zu tun, warte bis im letzten Moment, bis ich nicht mehr ausweichen kann. Es geht immer einigermassen, aber ich lebe irgendwie mit einem schlechten Gefühl, mit einem diffusen Hintergrund an Schuldgefühlen, nicht mehr zu tun, alles nicht schneller zu tun. Ich glaube, es fehlt mir an der Energie und der Kraft. Man sollte doch, wenn möglich, nicht mit Druck, sondern mit Zug leben. Man sollte, mit anderen Worten, sich die Ziele in den schönsten Farben und Formen ausmalen, so dass man geradezu automatisch dazu verführt wird, sie zu realisieren. Es wäre eine Lust, diesen Zielen näher zu kommen und man könnte kaum darauf warten, die Resultate zu geniessen. Aber dieses Ausmalen braucht viel Optimismus, und Optimismus braucht Kraft, und Kraft braucht eine gute physische Konstitution. So lasse ich mich zur Zeit vom Termindruck und von den Zwängen voranstossen. Stossen bewirkt immer sehr viel Reibung und Energieverlust. Man sollte segeln, nicht rudern, hat mal jemand gesagt. Zum Segeln bedarf es den weiten Blick, das Sensorium für Athmosphärisches und Metereologisches, die behenden Berechnungen zum Nutzen des Augenblicks. Rudern ist eine völlig andere Strategie des Vorankommens. Es erfordert bloss einen starren Blick vor sich hin (Indiz für einen sturen Willen) und zwei beträchtliche Dinge namens Biceps. Das genügt vollauf.
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Ich wünsche Dir einen schön verschneiten Frühlingstag
Mit einem lieben Gruss
...


Sonntag, 6. April 2025

Wo bleibst Du ???


Subject: Wüste!
Date: Tue, 01 Apr 23:57  (Fwd: 07 Apr)

Lieber ...,
Goldüberlaufen war dieser Tag absolut nicht. Schon früh am Morgen habe ich vergebens nach dem Wässerchen, meinem "Eau de Vie" gesucht aber alles war ganz trocken. Und dann, am Nachmittag und Abend konnte ich nicht von zu Hause ins Internet gehen. Telenordia hatte scheinbar grosse Probleme, denn nicht einmal via Telefonlinie hat es geklappt. Als ich jetzt am Abend wieder reinkam, fand ich immer noch nichts von meinem untreuen Mausfreund. Bis mir schliesslich der Gedanke kam, in der alten Mailadresse (eine Hotmail) nachzusehen. Und voilà! Da lag endlich etwas gegen den Durst.
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Ja, du hast mich übertroffen in Geschwindigkeit. Hätte ich gar nicht von dir gedacht, da du doch sagst, dass du kaum mehr ins Kino gehst. Aber du warst auch nicht an erster Stelle.
Am Nachmittag hat Gudrun, eine liebe Kollegin, angerufen und sich bedankt für meine Gratulation. Ich hatte ihr eine Geburtstagskarte auf den Schreibtisch gelegt mit einer Kinokarte drin und dem Versprechen von Eskort zum Kino. Sie hat kein Auto und die öffentlichen Verkehrsmittel passen nicht immer so gut. Deshalb ist sie froh, wenn ich sie mitnehmen kann.

Nun, jedenfalls hatte sie sich ein paar Tage frei genommen, um in Stockholm mit ihren Geschwistern ihren Geburtstag zu feiern. U.a. war sie auch im Kino gewesen und hat, ja du rätst es schon, "Hours" gesehen. Sie war ebenfalls begeistert. Der beste Film, den sie je gesehen habe. So bin ich nun schon doppelt neugierig. ..

Der Regen schmettert gegen die Fensterscheiben. Ich hatte fast vergessen, wie das ist. Und den ganzen Tag hat es ziemlich gestürmt. Man sagt uns sogar Schnee voraus. Ein richtiges Aprilwetter also.



Meryl and Clint

Ja, Meryl Streep ist wunderbar. Ich denke besonders an einen Film mit ihr, der mir sehr gefallen hat. "Bridges of Madison County". Er schildert eine kurze Liebesgeschichte zwischen einem alternden Fotografen (Clint Eastwood) und einer verheirateten Frau mit einem langweiligen American Way of Life, wie du es nennst. Oh, du würdest den Film lieben. Vielleicht hast du ihn gesehen?
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Es ist spät und ich sage dir gute Nacht. Komme morgen wieder, wenn ich nicht müde bin.
Wünsche dir einen goldenen Tag.
Marlena

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Auf Deinen Wortschwall ...

 

Subject: auf Deinen Wortschwall ...
Date: Sat, 5 Apr 10:46

Liebe Marlena
Da bist Du aber ziemlich wortkarg, nach Deinem Filmbesuch. Na ja, vielleicht ist es nicht gut, wenn man zu früh zuviel Lob hört. Und vielleicht hat wirklich das Popcorn gefehlt!

Und nun möchtest Du nochmals wissen, was mir dabei gefallen hat? Soll ich mich wirklich wiederholen?

Wenn ich nochmals über meine Erinnerung gehe, nach einer Woche, so könnte ich sagen:

1. Die Gesamtkomposition hat mir gut gefallen. Ich meine damit diese Verqickung dreier biographischer Szenen aus drei verschiedenen Zeiten von drei verschiedenen Orten verbunden durch eine literarische Quelle. Am Anfang des Filmes gibt es diese dramatischen Schnitte, mit denen über die drei Zeiten und Orte hin und her gehüpft wurde. Das ist ein gutes Spannungsmoment. Anders gesagt: die Erzählweise ist komplex. Es ist dieselbe Technik, die der tschechische Schriftsteller in seinen Romanen braucht. Die Kombination von verschiedenen Erzählsträngen ergibt neue Aussagen, die man mit einer Geschichte allein nicht machen kann. Der Zuschauer wird so nicht durch Identifikationen in den Strudel der Handlung hereingerissen, sondern bleibt in einer Metaposition. Er bekommt geradezu eine Sicht sub specie aeternitatis, eine göttliche Position mit einem Überblick über Orte, Zeiten und Handlungen. Und das ist, wie mir scheint, eine eigentlich literarische Position.

2. Ich glaube, dass es diese komplexe Gesamtkomposition erlaubt, die einzelnen Szenen völlig sinnlich und ohne allzu tiefsinnigen Text zu gestalten. Der Tiefsinn entsteht durch die Schnitte und die Kombinationen. So haben mir die vielen romantischen Szenen gefallen, der hübsche englische Bahnhof, der Park, jene wunderbare enge Gassenkurve in Richmont. Aber auch die New Yorker Szenen hatten viel Cachet. Stell Dir jenen Blumenladen vor, wo Meryl Streep ihre Sträusse für die Party holt. Sowas findest Du heute nur noch in Teheran.

3. Und wahrscheinlich hat mich dieses Thema der gegenseitigen Aufopferung berührt, der These also, dass wir Menschen uns gegenseitig opfern und hingeben können, dass das Leben eigentlich zwischen den Menschen ist, nicht in ihnen. Das ist eine Antithese zum modernen Individualismus und vielleicht ein Versuch auf die Frage: was ist ein glückliches Leben! Das Glück ist dann wohl eigentlich jenes unfassbare 'Dazwischen'. Und es ist bloss die Rückseite des Leides.

Na ja, man kann viel darüber spekulieren. Und um genauer zu interpretieren, müsste man den Film gleich nochmals sehen. Wie ich Dir gesagt habe, hat mich Meryl Streep mit den Küchenhandschuhen und ihrem wackeligen Hintern sehr gut gefallen. Ihr Gesicht hat die Geheimnisse eines halben Lebens angedeutet.
£*£
Und so sitze ich im Moment an diesem Samstagmorgen in meinem Büro. Klarer blauer Himmel, kühle Luft, die Bäume for dem Café gegenüber spriessen zartgrün, und die Leute sind wohl daran, ihre Osterhasten einzukaufen. Ich muss einige Sachen machen heute. Kann Dir gar nicht alle schildern. Es sind einige unangenehme dabei. Ich versuche, auf die Zähne zu beissen und unten durch.
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B. hat von Kreta geschrieben. Der Grundton scheint mir Allegro. Also durchaus optimistisch, so das nicht zu erwarten ist, dass sie gleich wieder zurückkehrt. Das wäre bei A. schon möglich, wenn ihr etwas ganz und gar nicht zusagt. Sie macht manchmal ziemlich absolute und endgültige Urteile. Nun ja, das ist das Privileg der Jugend, während wir Frühpensionisten hin und her denken und in einer Sauce von Kompromissen rühren.
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Nach all dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass Du Marlena eine gute buchhalterische Ader hast. Und dazu gehört Skadenvadär sicherlich auch. Ich glaube, darin sind wir verschieden. Ich denke, dass Du im Geheimen oft rechnest und ordnest. Stimmt's? Und das ist sicherlich ein realistisches Moment in der heutigen Welt. Ich bin dagegen oft sehr fantasieverloren, träumerisch, eben, wie Du gesagt hast, nicht auf diesem Steinboden der Schweizeralpen. Ach ja, das ist ein bisschen Gerede.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
Mit lieben Grüssen
...

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 Re:   Auf Deinen Wortschwall ... (5. april)

Lieber ...,
Wie lieb von dir, trotz deiner Eile ein kleines Mail zu senden. So hat mein Tag gut begonnen. :-)
Bin zu Hause in der Lunchpause. Draussen sieht es warm und sonnig aus. Aber der Schein trügt. Vor allem ist es windig und das mag ich nicht besonders.

Ich glaube der Irakkrieg geht zu Ende. Jedenfalls hoffe ich, dass es bald vorüber ist und dass nicht noch mehr Menschen sterben müssen.
Und nun fangen sie an über die Nachkriegszeit zu diskutieren. Was bei dieser komischen Situation schon herauskommen wird. Blair und Bush scheinen sich nicht einig zu sein.
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G ist so erkältet, dass Åke und ich ihn gebeten haben nach Hause zu fahren. Er will am Wochenende nach London (wo seine Tochter wohnt) und muss sich so schnell wie möglich kurieren.
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Es ist Abend geworden. Bin etwas müde und lustlos heute. Weiss eigentlich nicht wieso. Aber es geht vorüber, wie alles hier in der Welt.
Du schreibst so wunderschön über den Film. Auch ich möchte ihn noch einmal sehen. Es ging alles ein bisschen schnell. Deine Gedanken zu dem Film sind interessant. Dieses sich Aufopfern für etwas oder jemanden. Vielleicht gibt es uns Existenzberechtigung. Und deine Idee, dass das Leben zwischen den Menschen ist.. natürlich ist es so. Es muss nicht einmal ein Mensch sein. Wenn du ein Gemälde betrachtest, spürst du das Leben. Es ist die Energie die dich mit diesem Objekt verbindet. Aber wo bleibt, bei deiner Theorie, die Seele eines Menschen?
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Ich habe mir ausnahmsweise eine Tasse Kaffee gemacht heute Abend. Aber sie schmeckt am besten am Morgen.
Du denkst, dass ich im Geheimen ordne und rechne? Ich habe Anna gefragt, und ich glaube nie hat sie so spontan laut gelacht. Das ist nämlich das Letzte, was man von mir sagen kann. Nur eben jetzt, in dieser Situation, wo ich nachdenken muss, ob ich überhaupt auskommen werde mit meinem Geld, falls ich früher gehen will, bin ich gezwungen etwas nachzudenken. Es würde mir nicht gefallen, wenn ich meine Spontanität oder Generosität irgendwie einschränken müsste. Gott bewahre mich davor!
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Ach, wie schön, dass du wieder einmal von Onkelchen erzählst. Und dein Kochen? Ich habe nur so gestaunt über deine Schilderung. ;-)  Fisch zu braten verlangt schon etwas können. ;-))
Ich denke eben, dass Onkelchen gern mal mit dir allein isst, weil er es sicher anstrengend findet, seine Hilflosigkeit vor einer Frau zu verbergen. Mit dir muss er das nicht tun.
Übrigens, hast du gemerkt, dass wir bei Pensionierung und Altertum gelandet sind? Wie lustig eigentlich. Denn wir sind doch wirklich noch nicht so weit, oder?
Mein Journalistfreund, den ich gefragt habe, wann er endlich seine Teenagerzeit verlassen wird, meint er ist "froh dass es noch ab und zu in seinen Gliedern zuckt, bevor er in die Kindheit mit Scheisse, Piss und Windeln zurückkehrt". Vielleicht hat ihn meine Frage beleidigt. Na ja, wahrscheinlich hat er auch die Serie, die im Altersheim spielt, gesehen. Es war deprimierend und es ist wirklich kein Dasein, nach dem man sich sehnt.
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