Liebe Marlena
Im Moment sitze ich in der Stube, und im Hintergrund läuft der Fernseher. Ich kann das Bild in der Spiegelung der Vitrine sehen, denn ich bin ja zur Wand und zum PC gewandt.
Sie zeigen einen Stierkampf in Pamplona. Das sind ja bekanntlich mehrere Kämpfe hintereinander. Habe ich Dir schon mal erzählt, dass ich ein afficionado bin, ein barbarischer Typ, der von diesen merkwürdigen und archaischen Kämpfen irgendwie fasziniert ist. Es ist absolut pervers, nicht wahr, und ich kenne einige Leute, die ich schätze, die absolut gegen ein solches Vergnügen sind. Ich gebe zu, dass es peinliche Situationen gibt. So etwa die Begegnung des Reiters mit dem Stier. Das wirkt absolut komisch und lächerlich. Den armen alten Pferden müssen sie die Augen verbinden und einen Schutzumhang umbinden, so dass sie aussehen wie eine mittelalterliche Festung. Und weiter ist peinlich der Todesstoss, vor allem dann, wenn der Matador nicht gut getroffen hat. Wenn man sieht, wie der Stier sich im Todeskampf windet, so ist das manchmal unerträglich.
Allerdings kann man sich immer auch vorstellen, was passieren würde, wenn der Stier den Menschen erwischt. Er hätte auch kein Mitleid. Er würde ihn ohne jede Rücksicht kaputt machen.
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Und daneben schreibe ich an meinen Abschiedsworten für Hans. Ist dies nicht eine groteske Situation? Stierkampf und Abdankungsworte. Welche Kombination! Aber ich versuche in dieser modern komponierten Situation das beste zu machen.
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Bei uns ist das Wetter wieder heiss geworden. Und am Freitag Abend, wenn wir unser Picknick machen wollen, soll es nochmals echt sommerlich werden. Ich habe heute schon Getränke eingekauft. Meine Sorge ist im Moment, wie ich all die Flaschen kühl bekommen und behalten könnte. Woher kriege ich bloss soviel Eis. Erst wollte ich, auf Anraten einer Sekretärin, mit den Getränken eine Firma beauftragen. Aber wir sind oben am Waldrand, wohin man bloss mit einem Jeep gelangen kann. Es ist echt nicht so einfach. Aber ich bin sicher, wir werden einen Schluck trinken. Vielleicht nicht superkühl, sondern eher lau. Ich habe mich entschlossen, zuerst einen Chardonnay als Apero zu offerieren. Der ist ja ein wenig süsslich und gut als Einstieg. Aber dann gibt es auch Bier für die besonders Durstigen, Mineralwasser für die Grundversorgung und noch einen Roten. Doch wenn es besonders heiss sein wird, dann ist der Rote sicherlich nicht besonders gefragt. Zum Essen soll jeder mitbringen, was er mag. Nur Salate und Dessert haben wir organisiert. So hoffe ich, dass die Sache einigermassen glimpflich und erfolgreich ablaufen wird.
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Jetzt hat er den Stier erwischt. Man kann kaum glauben, wie er mit welch weissem Anzug er aus diesem blutigen Geschäft heraussteigt. Als ob er keiner Fliege ein Leid antun könnte. Sie haben grosse Posen des Stolzes, der Verehrung, des Respektes, des Mutes, diese Spanier. Sie wirken in ihren Figuren so statuesk, vielleicht aus dem einzigen Grund, um nicht zu zeigen, wie sehr ihnen die Knie zittern, wenn der Stier auf sie zurennt. Die beste Medizin gegen Angst ist eine mutige Pose. Es ist doch so einfach. Das zumindest lässt sich daraus lernen. Und es erinnert mich an die Perser. Sie sind den Spaniern wirkklich recht ähnlich.
Gerade ist einer dieser Vorkämpfer am Werk. Sie sind manchmal so locker und gewandt mit ihren Veronicas, dass das Publikum ganz begeistert reagiert. Das ist die eine Freude, die man hat, die Schönheit, die Gewandtheit in einer an sich gefährlichen Situation. Die andere Freude ist der Schauder, der einem über den Rücken geht, wenn die Situation echt gefährlich wird. Oder scheint. Das ist das Gruseln.
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Aber ich will Dich nicht mit Stierkämpfen konfrontieren. Ich glaube doch sehr, dass wir dieses Thema schon abgehakt haben.
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Das Problem des Stieres ist, dass er sich – wegen seiner Masse – nicht allzu rasch zu drehen vermag. Er hat die Tendenz, geradeaus zu rennen. Das heisst, seine Kampfbahn ist geradeaus, die Haltung stur. Darin liegt die Chance des Menschen. Wenn die Picadores in einer eliptischen Bahn an den Stier herangehen, so sieht das prächtig aus, aber sie sind schnell wieder aus der geraden Kampfbahn des Stieres heraus. Er vermag sich nicht so rasch vorwärts zu bewegen und gleichzeitig zu drehen. Das bricht seine Bewegung. Er läuft ins Leere. Er würde lieber geradeaus breschen.
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Bei uns läuft die Schule schon in der zweiten Woche. B. hat sich nicht schlecht eingelebt. Doch sie erzählt mir im Moment wenig. Ich nehme mal an, es geht recht. Und ich hoffe nicht, dass später Überraschungen kommen.
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Und daneben koche ich ab und zu. Du kennst ja die Männer, die in der Küche stehen und als erstes den Wein kosten, und weil sie über das Resultat nicht schlüssig sind, wieder kosten und wiederholt kosten, bis eine zweite Flasche fällig wird.
Ich bin sicher, Du kennst sie.
Mit einem schönen Gruss
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