Subject: 2. Momo-Portion
Date: Mon, 7 Apr 13:38
Liebe Marlena
Es ist wirklich echt kühl hier und ich bin froh, den Wintermantel nochmals hervorgezerrt zu haben. Erst mitte Woche soll es wieder wärmer werden. Und das tut uns hier, Mensch und Tier, allen gut.
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Ich habe Deine hübschen Fotos im Fotofolder gesehen. Hast Du sie alle selbst aufgenommnen? Besonders bei den Vögeln war ich erstaunt, wie gut Dir das gelungen ist. Ist es eine Drossel, der schwarze Vogel mit den grossen Augen? Es ist ein hübsches Bild. Heute morgen habe ich am Radio gehört, dass es sog. Birder gibt, Leute, die an Wochenenden ausziehen, um irgendwo in der Natur die Vögel zu beobachten. Bei uns in der Schweiz treffen sie sich offenbar am Neuenburgersee. In den schilfigen Ufern gegenüber der Stadt Neuenburg gibt es offenbar eine Vielzahl an Vögeln und anderen Tieren. Ich glaube, Naturbeobachtung ist eine sehr schöne Sache. Und gerade wir Menschen, die das halbe Leben im Büro herumsitzen, hätten es besonders nötig. Erst kürzlich habe ich mir wieder mal gesagt, dass ich öfters an die frische Luft sollte. Früher hatte ich zwei oder dreimal die Woche einen kleinen Waldlauf frühmorgens gemacht. Da konnte man viele Vögel sehen, und manchmal auch Rudel von Wildschweinen. Aber heute quäle ich mich bloss noch mit der gemeinen Stubenschabe herum. Und vielleicht noch mit ein paar aufsässigen Bücherwürmern.
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Ist Dir aufgefallen, dass wir viel übers Wetter reden? Das ist vielleicht ein wenig symptomatisch. Früher haben wir uns kaum über ein Thema wie Wetter ausgelassen. Das Ausweichen auf ein solch konventionelles Thema macht mir ein bisschen Sorgen. Haben wir uns nichts mehr zu sagen? Du hattest Doch mal eine Vitalisierungs-Initiative gestartet mit dem Vorschlag, eine ganz neue Offenheit zu starten, hast sie dann wieder aufgegeben. Was hattest Du eigentlich damit gemeint. Ich hatte es damals nicht richtig verstanden. Aber vielleicht ist es etwas, das uns neu belebt. Oder was denkst Du über unsere Mailerei nach so langer Zeit?
Ich glaube, im Wesentlichen denkst Du, mir sei die Luft ausgegangen. Aber das stimmt nicht. Ich habe noch viel zu erzählen, zu beichten, zu offenbahren, zu behaupten, zu übertreiben, zu verleugnen. Ach, ich könnte bis ans Ende meiner Tage schreiben. Aber vielleicht wäre - na ja - nicht alles so sehr interessant.
Im Moment überlege ich, wohin wir über Ostern reisen sollten. Hier hat es Tradition, dass man in den Süden fährt, vielleicht ins Tessin, vielleicht an die bezaubernden oberitalienischen Seen. Dort gibt es dann zu Ostern Lamm- oder Kitzfleisch mit den feinen provenzalischen Gewürden und einen guten Wein, so dass die Welt und die winterlichen Wunden wieder in Ordnung gehen. Die Nähe zu Italien ist wirklich eine feine Tatsache, obwohl ich heute sagen muss, dass auch die Spanier ganz ok sind, und dass man auch mit den Südfranzosen was anfangen kann. S. und ich waren mal in unseren jugendlichen Jahren in Südfrankreich in den Ferien. Du kennst die Gegend bestimmt: Arles, Saintes Maries, Marseille, Aix en Provence, all diese hübschen Städte mit ihrem südlichen Flair. Mal verirrten wir uns in ein kleines Nest namens Rochelle oder Roche oder ähnlich in der Nähe von Marseille. Wir fanden ein kleines Hotel mit etwa 6 Zimmer. Es gab nur einen spartanisch schmucklosen Gang mit je drei Zimmer links und rechts. Durch die Fenster blendete das helle Mittelmeerlicht. Nach 1 oder 2 Tagen bemerkten wir, dass das süsse kleine Hotelchen eigentlich ein kleines Freudenhaus war. Junge Paare von Marseille kamen angefahren, vergnügten sich in den kleinen Zimmern unter offenen Fenstern an der warmen Meerluft und der Sonnenwärme, um nach ein paar erotischen Kreischereien und Schreien bald wieder zu verschwinden. Wir zwei waren geradezu sesshaft verglichen mit diesen ambulanten Paaren, die sich nicht wirklich Zeit liessen, die feine Küche von Madame zu geniessen, einer Spanierin, die eine exzellente Paella kochte. Wir waren nach 2 Tagen praktisch Einheimische, langweilige Eingeborene, während die jungen flatterigen Vögel kamen und gingen. Teils zeigten sie den Glanz eines gelungenen Climax im Gesicht, teils die profanen Sorgen einer komplizierten Liebschaft. Wir aber, wir sassen im kleinen Gärtchen vor dem Haus und taten uns an Madames Küche gütlich. Und der Chef sass mit zwei Einheimischen am Nebentisch und goss ihnen jede Menge Pastis pur nach, so dass die beiden immer lustiger wurden. Irgendwo habe ich noch eine kleine Zeichnung von diesem Nest am Strand in der Nähe von Marseille. Vielleicht gibt es das heute nicht mehr, vielleicht ist jetzt alles überbaut. Aber damals war es ein kleines, geheimnisvolles Einod gewesen, das in jugendlichen Kreisen von Marseille als Geheimtip kursierte. Nun ja, damals fürchtete man sich mehr vor dem öffentlichen Gerede als vor Aids. Und so war die Liebe damals noch durchaus geniessenswert.
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Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Gruss
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Samstag, 12. April 2025
2. Momo-Portion
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