Subject: mimo
Date: Wed, 9 Apr 08:51
Liebe Marlena
Nun ja, trotzdem finde ich unsere detaillierten Wetterdurchsagen etwas merkwürdig. Aber ich muss zugeben, sie sind ein gutes Aufputschmittel. Weißt Du, was ein Aufputschmittel ist. Zwei oder drei kräftige Expressi sind beispielsweise ein Aufputschmittel. Das treibt den Puls in die Höhe und macht wach. Die Wetterprognosen erlauben es, schon anfangen zu schreiben, auch wenn man noch nicht weiss, was man schreiben sollte oder könnte. Sie sind, wie die Engländer bestens wissen, ein unverfängliches, gemeinsames Thema. Aber das funktioniert eigentlich nur, solange man gemeinsames Wetter hat. Und wir haben nicht mal gemeinsames Wetter. Ich meine, wir in der Schweiz sind hier im Vorzimmer des Südens. Und ihr dort oben, ihr seid doch mindestens im Hinterzimmer des Nordens. Na ja, vielleicht sind sie nicht Aufputschmittel, sondern préludes, Vorspiele, bevor man zum todernsten Hauptakt schreitet.
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Schicke mir mal die Tabuliste, Marlena. Ich werde sie dann ergänzen mit meinen eigenen Punkten. Ist mir bisher gar nicht bewusst gewesen, dass wir allzu viele abgesperrte Tabubereiche hätten. Und was mich selbst betrifft, so lebe ich auch sehr klösterlich und klosterbrüderlich. Ich hoffe nicht, dass ich schliesslich irgend welche Escapaden und Abenteuer erfinden muss, damit ich Dir nicht nachstehe. Auf jeden Fall bin ich wirklich sehr gespannt, was eine solche Tabuliste sein könnte. Vielleicht im Geheimen Schokolade naschen? Fingernägel kauen? Die Zeitung des Nachbars lesen und in den Briefkasten zurückstecken? Schwarzfahren in der Strassenbahn? Zur Abendlektüre Likör trinken? Ach, ich kann mir wirklich nichts Umwerfendes vorstellen. Du möchtest also weiterhin als Engel erscheinen? Das finde ich lustig. Ich hatte immer den Eindruck, Du kannst bei weitem nicht über alles in Deinem leben schreiben, was Dich echt beschäftigt oder berührt. Ich hatte immer wieder den Eindruck eines gewissen Doppellebens, das Du führst. Du bist einfach der Typ dazu. Vielleicht neigen Frauen ohnehin mehr dazu als Männer. Und manchmal, in stillen und unbeobachteten Momenten, kommt es gar soweit, dass Du das zugibst.
Bei mir ist es wohl anders. Natürlich schreibe ich nicht über gewisse Dinge. Aber sie sind nicht etwas total anderes, als man erwarten würde. Es ist nicht ein Doppelleben, sondern es ist vielleicht einfach der Teil des Eisberges, der unter dem Wasser liegt. Aber es ist immerhin derselbe Eisberg. Und wenn Du den oberen Teil des Eisblocks gut anschaust, kannst Du ungefähr erraten, was unter dem Wasser noch übrig sein kann. Ich bin also, wenn vielleicht kein echter Engel, so doch mindestens kurz vor der Heiligsprechung! Das Problem ist bloss, dass der Vatikan so schleppend vorwärts macht.
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Und dann bist Du auch sehr ambivalent. Schon damals, als Du eine höhere Etage der Offenheit vorgeschlagen hattest, ist mir aufgefallen, wie sehr Du es eigentlich auch nicht willst. Wobei ich, wie gesagt, niemals so genau wusste, was 'es' eigentlich sei. Ja, die Hypnose, ist im Grunde ein ureigenes Gebiet der Psychologie, aber wohl in der akademischen Ausbildung vernachlässigt. Freud hatte - von Charcot angeregt - mit Hypnose angefangen. Seine ersten Handauflegungen haben schliesslich zur Psychoanalytischen Kur geführt, wie er es zu nennen pflegte. Und ich erinnere mich, wie wir ganz zu Beginn des Studiums eine Lektüre zu bearbeiten hatten, bei der es um Hypnose und ähnliche Phänomene ging. Aber es wurden eben nur theoretische Aspekte behandelt. Niemals wäre Hypnose demonstriert worden. Jener Trainer, der Ende Mai in die Schweiz kommen wird, ist ein NLP Spezialist. Ich glaube, er hat bei Milton Ericson studiert, einem der grossen amerikanischen Kenner der Hypnose. Die Oesterreicher haben - nebenbei gesagt - die höhere Affinität zur H. als wir nüchternen Schweizer. Wir haben auch falsche Vorstellungen von Hypnose, weil man ab und zu spektakuläre Demonstrationen am Fernsehen sieht. Das sind aber ziemliche Übertreibungen, die auch durch Masseneffekte zustande kommen. Es ist bei weitem nicht so, dass man in der Hypnose Geheimnisse erzählt, die man eigentlich nicht erzählen will. Kommt dazu, dass man in der Klinik oft nicht eigentlich die Hypnose braucht, sondern viel eher vor-hypnotische Zustände. Das sind mentale Zustände, wie man sie zB. beim Einschlafen erlebt, hypnagoge und hypnopompe Bereiche also, die nichts Aussergewöhnliches an sich haben. Und ich bin sicher, dass sie sehr nützlich sein können in der Medizin, in der Zahnmedizin und eben auch in der psychologischen Beratung. Aber sie sind, das muss ich zugeben, in unserer rationalen und nüchternen Zeit eher etwas zauber- und oft auch rätselhaft. Ich bin vor allem daran interessiert, meine Fähigkeiten zu trainieren, solch prä-hypnotische Zustände zu induzieren. Das erfordert sehr viel Sensiblität und Einspielung auf den Organismus des Gegenübers. Und die habe ich, so scheint mir, in den letzten Jahren der Arbeit etwas verloren.
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Jetzt muss in ran an meinen Tag.
Mit lieben Grüssen
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