Sonntag, 13. April 2025

Re: 2. Momo-Portion

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Ämne: Re: 2. Momo-Portion
Datum: den 8 april 19:17

Lieber ...,
Birder? Welch ein lustiger Name. Vogelschauer bei uns. Und du hast ganz recht. Früher, als wir noch nicht so bequem waren, sind wir immer um diese Jahreszeit an den ... gefahren. Das ist ein grosser bekannter Vogelsee in unserer Region und dort rasten tausende von Zugvögeln um diese Zeit. Eigentlich muss ich dir gestehen, dass ich nie begriffen habe, was z.B. junge Männer an einen solchen See treibt. Ich meine, es müsste doch interessantere Objekte für sie geben. Aber für mich war es so etwas wie ein Sonntagsspaziergang in meiner Jugend. Ein nicht allzu verlockendes Vorhaben, das aber meistens doch schöne Erinnerungen hinterliess. Die Sonne und die Bewegung waren wichtiger als der Anblick der Vögel. Auch Anna haben wir immer mitgenommen. Das erste mal war sie kaum drei Wochen alt und lag in ein Fell eingewickelt in meinen Armen. Aber das letzte Jahr am Gymnasium hat sie ihre Spezialarbeit über diesen See geschrieben und seitdem hat sie genug davon, wie sie meint.
Aber ich glaube doch, dass sie immer noch gern einen Frühlingsausflug dorthin macht, besonders wenn wir bei der Gelegenheit auch noch Brennesseln pflücken. Das ist bei uns Sitte geworden: an einem der Osterfeiertage eine Brennnesselsuppe mit einem Ei drin als Vorspeise zu haben.

Ach nein, ich glaube nicht dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn wir von Wetter schreiben. Es gehört doch auch zu unserem Leben und ich bilde mir sogar ein, dass es mit dem Alter immer wichtiger wird. So sehe ich es eher als eine Alterserscheinung als einen Mangel an anderen Themen. Oh, glaube mir, ich wüsste so viele. Aber leider sind die meisten tabubelegt. ;-)
Ich habe nichts zu reklamieren an deinen Mails. Ich finde sie wunderschön und interessant zu jeder Zeit. Und kürzer sind sie auch nicht geworden. Du bist so klug, .... Hast schon früh Themen vermieden, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen. Stattdessen blickst du in die weite Welt, wozu ich auch deine Erinnerungen zähle, und bringst mir täglich wunderbare Lektüre ins Haus. Ich kann mir nichts besseres wünschen.
Wenn du meinst, ich hätte mich verändert, so hat das nichts mit meinem Verhältnis zu dir zu tun. Manchmal fühle ich mich sehr gestresst. Irgendwie gehetzt. Dann fällt es mir nicht leicht, ein schönes ausgeglichenes Mail zu schreiben. Mir fehlt dann die innere Ruhe, so zu schreiben, wie du es gern hast und wie ich es auch möchte. Glaub mir, ich kann nichts dafür.
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Diese Offenheit, von der wir mal geschrieben haben, ich weiss nicht, ob ich sie mir eigentlich wünsche. Immer noch möchte ich dich nur meine guten Seiten sehen lassen und wenn man sowas tut, ist man natürlich nicht zu 100% offen. Ich glaube auch nicht, dass ich deine innersten Geheimnisse kennen lernen  möchte. Doch ganz sicher bin ich auch wieder nicht. Vielleicht hätte ich gern, dass du dich bei mir beichtest. :-)
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Gerade in diesen Tagen ist eine unserer bekanntesten Schriftstellerinnen, Kerstin Thorvall, mit einem neuen Buch erschienen. Sie hat sich einen Namen gemacht mit ihrer absoluten Aufrichtigkeit, ihrer totalen Auslieferung. Das gilt für alles in ihrem Leben. Ihre sexuellen Eskapaden u.a. Jetzt ist sie alt, 77 Jahre, und schreibt über die Erniedrigung und Einsamkeit eines alternden Menschen. Man vergleicht sie manchmal mit Simone de Beauvoir, wobei die letztere wohl kaum so schockierende Dinge zu erzählen hatte. Das Buch ist von den Kritikern sehr gut empfangen worden.
Du hast recht, es ist nicht leicht, gute Vorbilder zu finden. Aber wozu? Das Schicksal tut sowieso was es will mit uns.
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Über das Hotel, von dem du erzählst muss ich lachen. Uns ist etwas Ähnliches passiert. Es war in Deutschland, in einem kleinen wunderschönen und biederen Städtchen. Vielleicht war es Rothenburg. Und da haben wir ein kleines Hotel (oder war es ein Pensionat) gefunden. Es sah so ordentlich aus, in einem schön geschmückten Fachwerkhaus mit einem hübschen Garten drum. Aber du hättest unsere Überraschung sehen sollen, als wir die Einrichtung sahen. Dunkelrote, dicke Teppiche und gepolsterte Türen. Ausserdem zwei nebeneinanderstehende Waschbecken im Zimmer. Alles sah sehr nach Sünde aus. Und als wir uns ins Bett legten, sahen wir oben an der Decke ein paar schwedische Worte geschrieben, die man normalerweise in öffentlichen Toiletten finden kann. Ich fand es ein bisschen widerlich und weiss noch, dass ich am nächsten Morgen das sicher garnicht schlechte Frühstücksbuffet kaum angreifen wollte.
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Schön, dass du verreisen kannst zu Ostern. Es wird dir gut tun. Ein bisschen Wärme, schöne Natur und sicher auch liebe Freunde.
Wir bleiben wohl zu Hause. Für K ist ja "zu Hause" schon Abwechslung genug. Und Anna wird wohl auch hier sein, aber wahrscheinlich viel zu tun haben vor ihren Prüfungen. Ich wünsche mir vor allem Sonne und Wärme.
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Deine 2. momo-portion hat mich sehr gefreut. Aber es war komisch, denn das mail kam erst am Dienstag hier an, obwohl du es doch mitten am Montag (siehe unten) abgeschickt hast. Am Montagabend, als ich dir geschrieben habe, hatte ich es noch nicht erhalten. 
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Der Kurs in Hypnose, den du machen willst, ist das um später es selber ausüben zu können? Vielleicht willst du eine eigene Praktik öffnen? Oder bist du so mutig, dass du dich selbst hypnotisieren lässt? Das ist etwas, was ich nie wagen würde. Habe Angst davor, was ich da sagen würde. :-) Erzähl mir mehr davon. Was sagt S. dazu, wenn du dir in Zürich ein Zimmer mietest? Ist sie nicht ängstlich, was du in dem nächtlichen Zürich anstellen könntest?? ;-) Doch ich glaube, du würdest jede Stunde davon geniessen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, in einer Stadt, wo man als junger Mensch gewohnt hat, herumzugehen. Das merke ich, wenn ich mal nach Uppsala komme, was leider allzu selten ist.
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Nun habe ich so lange geplaudert, dass du wirklich von Wortschwall reden könntest. Will dich nicht länger aufhalten.
So wünsche ich dir noch einen schönen Abend und einen angenehmen Tag morgen.
Mit lieben Grüssen
Marlena


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