Montag, 7. April 2025

À propos Unordnung.

Lieber ... 

Als Anna klein war hatte ich ein Spiel erfunden (eigentlich waren es beide). Das Spiel hiess "Ska-den-vara-där?-leken"
Du schaust dir einen Gegenstand an, irgendetwas in deiner Nähe, und fragst: Soll das dort sein? Und wenn die Antwort "nein" ist (was in 90 % der Fälle passiert ;-) so fragt man weiter: "Wohin gehört es?" Und wenn man es dann an den rechten Platz gestellt hat, bekommt man Punkte dafür.
Du kannst dir garnicht vorstellen wie viele Dinge in Windeseile ihren richtigen Platz gefunden haben und wir haben um die Punkte gewettet und hatten einen riesen Spass dabei. Natürlich hat sie mit der Zeit meine geheime Absicht bemerkt  ...
Versuchst du es mal mit deinem Büro? Du kannst dabei Zeit nehmen und zählen wie viel du in 5 Minuten finden wirst. Und nachher wirst du dich wundern, wie schnell so viel richtig gelandet ist. Naja, dein Büro sieht sicher nicht aus, wie es hier damals und manchmal auch noch heute  aussieht. Wie du manchmal sagst, man könnte darin schwimmen.*

Weisst du, ... Wir schreiben uns nun schon so lange und es kommt sicher immer öfter vor, dass ich dir wieder von etwas erzähle, was du eigentlich schon weisst. Dann schäme ich mich ein wenig über mein schlechtes Gedächtnis. Aber wie du ja ind deinem heutigen Mail sagst: man kann es immer wieder erzählen. Das tröstet mich ein wenig.
*
Nun lasse ich dich wieder, an diesem grauen regnerischen Tag und wünsche dir alles Gute,
Mit lieben Grüssen
Marlena

RE:

Skadenvaradär, das Spiel scheint ja auf den ersten Anblick sehr überzeugend. Und man ist geneigt, es auszuprobieren. Aber - das zumindest war mein erster Gedanke - aber es ist ein Spiel, das von ordentlichen Erwachsenen erfunden worden ist. Es setzt voraus, dass man weiss, dass ein Ding nicht hierher, sondern richtigerweise dorthin gehörte. Es setzt also ein Gefühl für Ordnung voraus. Was aber, wenn man das nicht hat. Was tut einer wie ich, der ein Ding in der Hand hat und eben gar nicht weiss, wohin er es tun sollte.

Natürlich gibt es eine intuititve Topologie im Raum. Und ich kann sagen, wo meine neuen Bücher sind, die ich rezensieren muss, wo meine Wörterbücher stehen, wo die Dinge liegen, die ich in der Dokumentation verstauen sollte. Aber es gibt soviele Papiere und Dinge, die sich nicht für einen bestimmten Platz entscheiden können. Sie schweben sozusagen im Raum wie helle, nach Waschpulver riechende Leintuchgespenster. Vor allem will ich sie nicht zu gut verstauen, weil ich sie sonst vergessen würde. Deshalb erhalten sie vielleicht einen Platz, der etwas zu prominent ist. Die mangelnde Ordnung hängt also wohl damit zusammen, dass die vielen Dinge der Erledigung harren. Erledigte Dinge lassen sich in der Regel sehr einfach versorgen.
Ich glaube, Du siehst meine Probleme. Und ich fühle mich hier dem genialen Jean Piaget artverwandt.



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