(Mail wiedergefunden)
To: "'marlena..@hotmail.com'"
Date: Tue, 1 Apr 08:49
Liebe Marlena
Aber ich wünsche mir die Tage gleich golden, nicht bloss goldumrandet. Richtig überflutet mit Gold.
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Ich habe Dich geschlagen. Echt, Du bist auf den zweiten Platz verwiesen! Darin hast Du die Nase nicht vorne! ;--)) Du wirst es auch kaum erraten, was ich hier meine. Es ist vielleicht auch nicht so wichtig, wie ich es jetzt mache. Aber ich habe gestern abend, kurzentschlossen und aus dem Bauch heraus, den Film The Hours gesehen. Und ich bin in der Tat begeistert. Die Verknüpfung dreier Frauenschicksale - alle sind sie Frauen von diesem hellen, anglosächsischen Typ - ist wirklich gut gemacht, sehr abwechslungsreich und höchst komplex. Am meisten liebte ich Meryl Streep (so heisst sie doch?) als Mrs Dalloway 'im besten Alter' Sie ist herrlich, wenn sie mit ihren grünen Handschuhen in Küche und Stube herumfuchtelt. Und ist bis zu den Ohren voller Gefühle, Hoffnungen ebenso wie Enttäuschungen. Virginia Woolf im 19. Jahrhundert, die mit ihrem Mann in Richmond England lebt, ist wirklich so eckig und ein bisschen fremd wie eine schizoide Person. Man hat Mitleid mit ihrem Mann, der sich einsam für sie aufopfert. Aber die Situationen im Haus, auf dem alten Bahnhof, in den Strassen oder bloss im Garten sind hinreissend schön. Das scheint wirklich altes englisches Pflaster zu sein! Und die dritte Frau lebt einen langweiligen American Way of Life, liest Woolfs Roman und ist ein bisschen verloren in dieser künstlichen Vorstadtwelt der kleinen Einfamilienhäuschen im Süden Amerikas. Später stellt sich heraus, dass ihr kleiner Sohn, dem sie auch etwas hilflos und linkisch begegnet, der grosse preisgekrönte und aidskranke Schriftsteller war. Mit anderen Worten, die drei Frauen leben zu verschiedenen Zeiten. Doch ihre Schicksale berühren sich immer wieder.
Ich bin noch ganz begeistert von den schönen Bildern und der Komplexität, die zum Denken anregt. Ich werde auch S. empfehlen, hinzugehen. Ich habe mir ja den Montagabend ausgesucht. Das Kino war bloss zu einem Viertel besetzt, aber zumeist mit jungen, Popcorn knackenden und kichernden jungen Mädchen. Offenbar ist der Film jugendfrei. Und das ist er ja wirklich. Ich glaube, dass Du ihn rasch auch sehen solltest. Wenn Du mir dann erzählst, was Du gesehen hast, dann kann ich ihn ein zweites Mal durchgehen. Vielleicht kannst Du auch herausfinden, woher der Titel stammt. Hours, was ist damit gemeint? Einmal liegt Meryl Streep mit ihrer Tochter auf dem Bett und sinniert über ihre Vergangenheit. Sie redet über das Glück im Leben und stellt fest, dass es ein Moment war. Es war ein Moment, wo man meint, jetzt ist das Glück da und es werde immer mehr. Aber das Glück war nur dieser eine Moment. Ich glaube, das ist sehr gut beobachtet. Ist nicht der ganze Film eine Frage nach dem Lebensglück und was wir uns gegenseitig dafür bedeuten können? Wir leben für den anderen, damit der andere nicht stirbt. Na ja, Du musst es Dir selbst anschauen.
Heute werde ich über Mittag nach Basel fahren. Ich hoffe, es sei dann etwas wärmer als morgens, da ich auf dem kleinen Bahnhöflein ziemlich gefroren hatte.
Ich wünsche Dir einen goldüberlaufenen Tag
Mit einem lieben Gruss
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