Subject: mimo
Date: Wed, 2 AprLiebe Marlena
Es ist dunkel draussen und regnerisch. Hat die ganze Nacht mehr oder weniger gestürmt. Ich nehme an, bei Euch oben schneit es jetzt, und Ihr seid bestimmt um Wochen zurückgeworfen in den Winter. Gestern abend war es noch ziemlich mild gewesen. Aber man konnte schnuppern, dass etwas in der Luft lag.
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Ja, da sieht man, wieviel Konsens über die Beliebtheit von Filmen herrscht. Es ist ja nicht ohne, dass man mit diesen Awards die öffentliche Aufmerksamkeit auf einzelne Stücke und Schauspieler lenkt. Gehört mit zum Geschäft. Und wenn ein Film gut ankommt, so ist er wohl immer so gut eingelegt im Zeitgeist wie die Gurke im Essig. Es gibt Filme, die kann man heute kaum mehr anschauen, obwohl sie damals grosse Erfolge waren. Und schliesslich gibt es so etwas, was man Kultfilm nennt. Sie sind wohl die Spitzen der Eisberge, die über einer Periode stehen und irgendwie repräsentativ für eben diesen Zeitgeist stehen. Denke an 'Der blaue Engel' (1930), 'Casablanca' (1942), 'High Noon' (1952), 'Bonnie and Clyde' (1967), 'Le Charme discret de la Bourgeoisie' (1972), 'Le dernier Tango à Paris' (1972), 'Schindler's List' (1993). *
Ich erinnere mich, wie wir im Gymnasium einmal über einen damals aktuellen Film diskutiert haben, und dies zwar in einer regulären Deutschstunde. Im einzigen Kino in Visp - genannt La Poste - war der Film 'Wem die Nachtigall schlägt' mit Grant als charismatischer Anwalt gelaufen, der einen Schwarzen zu verteidigen hatte. Doch die Diskussion war sehr mager, und heute denke ich, dass wir damals sehr wenig geübt waren, mit Geschichten umzugehen. Das ist eigentlich schade, und es ist auch erstaunlich, wo doch die meisten Lehrer Priester waren, und die katholische Kirche ein wahres Freudenhaus voller illustrer Geschichten darstellt. Es ist wirklich schade. Ich liebe Personen über alles, die mit Geschichten umgehen können, die erzählen und wiedererzählen, und vor allem, die gut erzählen. Meine Schwiegermutter ist so, ein Naturtalent. Sie stammt natürlich aus einer Zeit und Kultur, wo Geschichten das pure Leben sind. Leben ist dort nichts anderes als diese Geschichten, die dauernd erzählt und wiedererzählt werden. Wenn die Geschichten abbrechen würden, könnten die Menschen nicht mehr weiterleben. Sie leben in Geschichten wie die Fische im Wasser. Natürlich haben die Lehrer als katholische Priester da und dort eine Legende, eine Heiligengeschichte oder so was erzählt. Aber heute muss ich sagen, sie haben es nicht mit grossem Selbstbewusstsein getan. Auch sie haben schon gelebt unter diesem Eindruck, dass diese Geschichten doch eigentlich nicht sonderlich wahr sind, mindestens nicht wahr in unserem modernen Sinne, und dass es heute neuerdings viel Informationen gibt, die für junge Leute weitsaus wichtiger sind. Man hatte auch schon an unserer Schule Geschichten mit Informationen oder mit Nachrichten ersetzt. Ich denke, ich habe an dieser Schule eine sehr gute sprachliche Ausbildung genossen. Das merke ich noch heute, wenn ich mit Schülern bis hinauf ins Gymnasium über ihre sprachlichen Fertigkeiten und Kenntnisse spreche. Allein die Kenntnisse der Grammatik aus dem Lateinunterricht ist ein solides Fundament. Aber die Semantik der Sprachen, die Bedeutungen, damit haben wir uns nicht ganz so intensiv mit beschäftigt.
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Was kann ich Dir noch erzählen von meinem kargen Leben? Vielleicht, dass ich im Moment Mühe habe mit meiner Arbeit. Ich muss mich zwingen, dieses oder jenes zu tun, warte bis im letzten Moment, bis ich nicht mehr ausweichen kann. Es geht immer einigermassen, aber ich lebe irgendwie mit einem schlechten Gefühl, mit einem diffusen Hintergrund an Schuldgefühlen, nicht mehr zu tun, alles nicht schneller zu tun. Ich glaube, es fehlt mir an der Energie und der Kraft. Man sollte doch, wenn möglich, nicht mit Druck, sondern mit Zug leben. Man sollte, mit anderen Worten, sich die Ziele in den schönsten Farben und Formen ausmalen, so dass man geradezu automatisch dazu verführt wird, sie zu realisieren. Es wäre eine Lust, diesen Zielen näher zu kommen und man könnte kaum darauf warten, die Resultate zu geniessen. Aber dieses Ausmalen braucht viel Optimismus, und Optimismus braucht Kraft, und Kraft braucht eine gute physische Konstitution. So lasse ich mich zur Zeit vom Termindruck und von den Zwängen voranstossen. Stossen bewirkt immer sehr viel Reibung und Energieverlust. Man sollte segeln, nicht rudern, hat mal jemand gesagt. Zum Segeln bedarf es den weiten Blick, das Sensorium für Athmosphärisches und Metereologisches, die behenden Berechnungen zum Nutzen des Augenblicks. Rudern ist eine völlig andere Strategie des Vorankommens. Es erfordert bloss einen starren Blick vor sich hin (Indiz für einen sturen Willen) und zwei beträchtliche Dinge namens Biceps. Das genügt vollauf.
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Ich wünsche Dir einen schön verschneiten Frühlingstag
Mit einem lieben Gruss
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Was kann ich Dir noch erzählen von meinem kargen Leben? Vielleicht, dass ich im Moment Mühe habe mit meiner Arbeit. Ich muss mich zwingen, dieses oder jenes zu tun, warte bis im letzten Moment, bis ich nicht mehr ausweichen kann. Es geht immer einigermassen, aber ich lebe irgendwie mit einem schlechten Gefühl, mit einem diffusen Hintergrund an Schuldgefühlen, nicht mehr zu tun, alles nicht schneller zu tun. Ich glaube, es fehlt mir an der Energie und der Kraft. Man sollte doch, wenn möglich, nicht mit Druck, sondern mit Zug leben. Man sollte, mit anderen Worten, sich die Ziele in den schönsten Farben und Formen ausmalen, so dass man geradezu automatisch dazu verführt wird, sie zu realisieren. Es wäre eine Lust, diesen Zielen näher zu kommen und man könnte kaum darauf warten, die Resultate zu geniessen. Aber dieses Ausmalen braucht viel Optimismus, und Optimismus braucht Kraft, und Kraft braucht eine gute physische Konstitution. So lasse ich mich zur Zeit vom Termindruck und von den Zwängen voranstossen. Stossen bewirkt immer sehr viel Reibung und Energieverlust. Man sollte segeln, nicht rudern, hat mal jemand gesagt. Zum Segeln bedarf es den weiten Blick, das Sensorium für Athmosphärisches und Metereologisches, die behenden Berechnungen zum Nutzen des Augenblicks. Rudern ist eine völlig andere Strategie des Vorankommens. Es erfordert bloss einen starren Blick vor sich hin (Indiz für einen sturen Willen) und zwei beträchtliche Dinge namens Biceps. Das genügt vollauf.
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Ich wünsche Dir einen schön verschneiten Frühlingstag
Mit einem lieben Gruss
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