Liebe Marlena
Sind Kamele Wiederkäuer? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube,
sie könnten es schon sein. Ich habe sie in Erinnerung, wie sie
daliegen und kauen. Sie haben also nicht bloss den Vorteil, dass sie
Reserven speichern können, sie können sich auch noch mit sich selbst
beschäftigen, sie können daliegen und vor sich hinkauen wie ein
amerikanischer Base-Ball-Spieler, der seine Mannschaft soeben in
Führung gebracht hat. Sie sehen ja so zufrieden aus, die Kamele. Es
gibt in Persien auch Kamele, aber sie sind eigentlich nicht heimisch.
Wenn es sie hat, kommen sie aus dem arabischen Raum.
Ich habe einmal ein paar Tage in einem persischen Wüstendorf gelebt.
Das war mit dem deutschen UNO-Experten und dem persischen
Übersetzer. Wir konnten bei einer Familie, ich glaube, es war die
Familie des Dorfvorstehers, wohnen. Die Frauen und Töchter haben
uns das Essen bereitet. Das war sehr einfach. Aber während des Essens
sind die Frauen in der Küche verschwunden. Du hast sie immer nur im
Türrahmen gesehen. Und es hat mich manchmal merkwürdig berührt,
wenn sich die Blicke ab und zu kurz begegnet sind. Man merkte, es ist
eine intelligente Person, aber sie wird hier nicht als Person zugelassen.
Und dann kann man sich überlegen, was eine solche Person wohl
denken mag, ob sie sich ihrer Situation bewusst ist. Es gab nicht soviele
solche Blicke. Bei den meisten konntest du sehen, dass sie sich in
ihre Situation geschickt haben. Sie wissen nichts anderes und nehmen
es, wie es kommt. Aber manche Blicke waren ein bisschen anders. Und
da hatte ich manchmal das Gefühl: sie weiss es, dass es ungerecht ist!
Aber wenn man es sich wirklich überlegt, wussten auch diese es nicht.
Sie wussten vielleicht ein bisschen mehr. Aber wirklich wussten sie es
nicht. Denn es ist nicht primär eine Sache des Wissens, sondern eher
der Lebenspraxis. Und die war ja wohl eindeutig.
Doch ich wollte Dir von diesem Wüstendorf erzählen, das mir durch
die Kamele in den Sinn gekommen ist. Wir waren dann abends oben
auf dem Dach. Sie haben uns Tee gereicht in diesen kleinen Gläsern
mit einer Untertasse, die sehr tief ist. Der Tee ist ja immer brandheiss.
Und wenn man so sehr Durst hat, dass man sofort trinken möchte,
dann schüttet man ein bisschen Tee in die Untertasse und schwenkt
sie kurz, damit er abkühlt und gerade trinkwarm wird. Aber noch so
schlürft man den Tee in kleinen Zügen. Es sind nicht die grossen
Schlücke, die wir hier nehmen. Und dazu halten sie dir eine Dose
mit Zuckerstücken hin. Die stammen von gebrochenen Zuckerstöcken
und sind sehr hart. Die legst du auf die Zunge und lässt jetzt den Tee
darüberrieseln. Das schmeckt sehr fein, weil nicht jeder Schluck gleich
schmeckt. Manchmal erwischt man eine Welle der Süsse, und
manchmal wieder dringt mehr der leicht bittere Geschmack des
Schwarztees durch. Das ist also ein richtiges Zeremoniell. Wenn
man so zusammensitzt und redet und Tee trinkt, dann holen sie
immer wieder. Man trinkt ja dann ganz langsam. Und dieses
kleine Teeglas mit der Untertasse, das du in Händen hälst, bietet
dir jede Menge Möglichkeiten, mit Gesten zu spielen, auch die
Wertschätzung dem Gastgeber gegenüber zu zeigen. Du stellst
das leere Glas ja nicht einfach wieder so zurück auf den Boden,
sondern du tust das, als ob es das Wertvollste Ding auf der Welt
sei, als ob der kleinste Kratzer die grösste Katastrophe der Welt wäre.
Ich glaube, es ist ein ganzer Kanon, der hier spielt, ein Zusammen-
spiel von Regeln. Und erst jetzt, da ich Dir davon erzähle, wird es
mir mehr bewusst, wie ich auch mitmache, ohne die Regeln so
bewusst zu kennen, einfach, weil ich die umgebenden Menschen
imitiere.
Als wir in diesem Dorf eingetroffen waren, sind wir im Wohnraum
zusammengesessen. Und sie haben für jeden von uns eine kleine
Flasche Pepsi Cola hingestellt. Ich hatte einen riesigen Durst, und
ich hatte das Gefühl, ich brauchte mindestens eine Literflasche Pepsi.
Aber das Fläschchen war nicht gekühlt, denn sie haben dort keine
Kühlschränke (wenn ich mich richtig erinnere). Doch ich habe alle
meine Willensstärke zusammengenommen und dieses Pepsi, das
ich mit einem Zug hätte austrinken mögen, ich habe es stehen lassen.
Diese Menschen haben praktisch kein Geld. Und ein Pepsi ist für sie
der absolute Luxus. Es ist eigentlich viel zu teuer, dieses braune
Zuckerwasser. Es ist schon bei uns viel zu teuer. Aber für diese
Menschen ist es vielleicht so, wie für uns eine gute Flasche Bordeaux.
Sie haben auch selbst keines getrunken. Es war nur für die Gäste, weil
es so exklusiv war. So habe ich es stehen gelassen, und habe mit
Sehnsucht auf den Tee gewartet, den sie später serviert haben.
---