Dienstag, 31. Dezember 2013

Gott Nytt År!







Ich wünsche Dir von Herzen
ein schönes, glückliches,
neues Jahr 2014.


Samstag, 28. Dezember 2013

26. Dezember


Ämne: RE: Annandag jul immer noch
Datum: den 26 december 2003 20:09


Liebe Malou
Den 26. Dezember nennt man hier Stephanstag, so glaube ich wenigstens. Und alle Menschen sitzen zuhause in ihren warmen Stuben herum, lesen am neuen Roman, naschen an den vielen Süssigkeiten, tragen den neuen Pullover und - in heutiger Zeit - testen die allerneuste Elektronik, die nicht funktionieren will.

Ich tue beinahe dasselbe. Wir haben im Büro neue, drahtlose Telefons erhalten. Sie sind wie kleine Computer. Und ich bin froh, etwas Zeit zu haben, damit ich lernen kann, damit umzugehen. Im Moment kann ich bloss Anrufe senden und empfangen, sowie - hurrah - Telefonnummern speichern. Aber das sind bei diesem modernen Ding natürlich nur einige wenige Funktionen. Man kann offenbar auch Telefonate umleiten, Gruppengespräche führen, Schnellwahl. Gespräch beenden (sehr wichtig), Wahl als Wahlwiederholung, weitere Wahlmöglichkeiten, Eintrag im Telefonbuch speichern, Optionen festlegen oder ändern, Wahl aus dem Telefonbuch, Telefonbucheintrag ändern, Telefonbucheintrag löschen, Telefonbucheintrag in Wahlvorbereitung übernehmen, Anklopfen, Rückfragen, Gesprächswechsel, 3er Konferenz, Zurück zum Makeln, Gespräch übergeben usw. usw. Ich glaube, das sind noch nicht mal alle. Ich werde die Telefongesellschaft anrufen und höflich anfragen, welchen Knopf ich zu drücken habe, damit der Kaffee herauskommt. Schliesslich kann ich nicht warten, bis ich das gesamte Büchlein durchgelesen habe. Das geht mir einfach z-u-u-u lange.

Wir haben ganz hübsches Wetter. Es ist schade, dass es in den letzten Tagen vor Weihnachten nicht mehr geschneit, sondern bloss geregnet hat. Heute ist es kalt, und der Schnee würde gut liegen bleiben. Aber ich glaube, wir müssen uns auf Zeiten bereit machen, in denen Kinder nicht mehr wissen, was Schnee ist und wie er aussieht. Das hat übrigens die schwedische Königin Silvia im Interview erzählt. In Südamerika war sie niemals mit dem weissen Material konfrontiert, und ihr Vater habe ihr erzählt, Schnee fühle sich ungefähr an wie der weisse Sand am Meer. Na ja, das ist eine sehr ungenaue Übersetzung. Schnee fühlt sich natürlich nochmals ganz anders an.
***
Jetzt habe ich gerade Dein Mail gelesen. Natürlich habe ich auf alle Rentiere gedrückt, zuerst auf jenen mit der roten Nase. Die ganze Bande hat zum Schluss auf dem Dach Allotria getrieben und vor allem viel Radau gemacht. Zuerst hatte ich gedacht, man sollte ein Tier auswählen, um dann - von der Fortuna unterstützt - irgend einen Wunsch zu hören. Aber sie sind eine tüchtige Band, die vor allem gemeinsam stark sind.

Ich habe auch den Weihnachtsbesuch bei meinen Eltern gemacht. A und B waren gerade dort, und als ich kam, sind sie dann schon langsam wieder weiter gezogen. Ich glaube, sie waren zufrieden, dass ich sie ‚abgelöst habe. Stundenlang bei den Grosseltern herumzusitzen und Tee zu trinken, finden sie nicht zu cool. Es war für sie eher eine Pflichtübung.

Ist das wirklich eine Kohlmeise. Sie scheint wirklich zu allem bereit. Niemand sollte es wagen, ihr diesen Apfel zu klauen. Und daneben sieht man, dass Ihr schönen Schnee hattet. Das macht doch Weihnachten gemütlich. Ich erinnere mich, dass wir früher häufiger Schnee hatten. Na ja, so ist es eben geworden.

Und Du wolltest damals einen Elefanten? Da war ich mit meinem Zugpferd doch wirklich noch ziemlich bescheiden. Aber die Idee ist mir nicht völlig fremd. Ich hatte vor Jahren einen Cartoon gezeichnet: Zwei Nachbarn sind mittags auf der Quartierstrasse gemeinsam auf dem Heimweg. Der eine sagt zu anderen in einer Sprechblase - versteht sich - : ach, ich denke, es wäre alles anders gekommen, wenn wir Kinder gehabt hätten. Und im Garten seines hübschen kleinbürgerlichen Einfamilienhäuschen siehst du eine Herde Elefanten, wie sie sich die Zeit vertreibt: in den Rosenbeeten herumtrampeln, Äste von den Bäumen herunterzerrt, mit dem Rüssel im Fenster des ersten Stockes herumwühlt usw. Ein Elefant in der Nähe wäre wirklich wundervoll. Und man weiss ja, wie anhänglich die Tiere sein können. Allerdings benötigt das eine harte Konditionierung, die man den armen Tieren in Indien beibringt. Ich befürchte, die Elefanten sprechen über uns Menschen nicht so vorteilhaft, wie wir das über sie tun. Wir haben bei ihnen wohl ein Image-Problem, nicht wahr. Aber Deiner hätte es bei Dir bestimmt gut gehabt. Hättest Du ihm ein Halsband angezogen? Und vielleicht im Sack ein paar Nüsschen bereit gehabt. Ach, ich erinnere mich an einen zweiten Cartoon, den ich hier in L lokalisiert habe. Ein orientalisch gekleideter Herr drückt seinem Elefanten, den er an eine Parkuhr fest gekettet hat, ein paar Münzen in den Rüssel mit der Bitte, nachzuwerfen, wenn die Zeit abgelaufen sei. Im Hintergrund sieht man das alte Gebäude der Bank, die gleich hier neben dem Bahnhof steht. Und neben dem Elefanten steht ein kleiner Fiat, der neben dem riesigen Tier umso mikriger ausschaut. Du siehst, auch in meiner Fantasie spielen Elefanten eine gute Rolle. Aber ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass sie nicht allzu schwer zu zeichnen sind. Sie sind Tiere mit einer eindeutigen, körperlichen Erscheinung. Ich meine, man kann sie nicht allzu leicht mit Kamelen, Flusspferden oder Giraffen verwechseln. Es sind in der Tat dankbare Tiere. Ich sollte wirklich auch ein paar Nüsschen in meiner Tasche für sie bereit halten.

Ich wünsche Dir einen schönen Abend
G&K
...

Dienstag, 24. Dezember 2013

...





God Jul


Frohe Weihnachten


Merry Christmas


Joyeux Nöel


Sonntag, 22. Dezember 2013

23 Dezember





Ämne: 23.12
Datum: den 23 december ...



Liebe Malou

Gestern war ich schon wieder in einen Film über das schwedische Königshaus hineingeraten. Was ist bloss los? Stell Dir vor, Du kommst abends heim und bist nicht sicher, ob das schwedische Königspaar auf deinem Sofa sitzt! Man möchte sich vor der eigenen Haustüre noch rasch einen Schlips umbinden und den Atem anhalten, wenn man die Türe aufschliesst!

(---)

Es ist draussen schon Abend geworden (doch eigentlich ist es bloss 17.00h !) und in unseren Büroräumen bin ich allein zurückgeblieben. Alle haben sich in die Weihnachtsferien verzogen. Ich mag diese Atmosphäre . Einzig der Schnee draussen fehlt. Was kann man bloss tun, damit es wieder mal schneit. Die Erwärmung der Erde ist unübersehbar. Die tiefer gelegenen Orte im Wallis haben Mühe, ihre Skilifts in Betrieb zu nehmen und zu halten. Früher gab es auch hier im Jura einige Skistationen, nicht allzu grosse, aber immerhin. Heute sind sie völlig ausser Mode gekommen, eben darum, weil es meist zu wenig Schnee gibt.

Habt Ihr den Baum geschmückt und ist alles bereit für das grosse Familienfest? Wenn ich hier auf die Strasse hinunter schaue, so muss ich feststellen, dass noch nicht Ruhe eingekehrt ist. Viele Leute eilen umher und besorgen sich wohl die letzten Geschenke. Ich habe heute den halben Vormittag Büchleins eingepackt für die Kinder der Nachbarn und meiner Schwester. Das ist genug. Ich hoffe, sie freuen sich darüber. Ich bin, wie jedes Jahr, ziemlich spät dran.

Ich wünsche Dir und Deiner Familie einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
...

Samstag, 21. Dezember 2013

An mein Uneigentum


Liebster Mausfreund,

Schau was ich gefunden (und für dich ausgewählt habe):
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Malou


Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
[...]

Rilke  
Weihnachten 1914 (ein Fragment)



.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Unsere Weihnachten - ein interkultureller Mix


Ämne: dimo
Datum: den 10 december


Liebe Marlena
Heute habe ich mich nach langer Zeit wieder mal verschlafen. Ich bin erst um
7.30h aufgewacht, und dann wie ein Pfeil ins Büro gedüst. Ich mag es nicht,
als letzter dort anzukommen. Heute morgen lag etwas Schnee auf dem Boden und
es ist empfindlich kühler geworden. Ich glaube, das ist jetzt der Winter,
von dem alle alten Leute sprechen. Es ist eigentlich schön, in einem warmen
Büro arbeiten zu können. Und dabei schaue ich hinunter auf den Platz und
sehe die Menschen vermummt vorübergehen.

Dein Julbord sieht fein aus. Es ist ja auch eine besonders festliche
Atmosphäre, wenn jedes Jahr dieselben Köstlichkeiten auf den Tisch kommen.
Und das beginnt schon in der Küche und mit dem Geruch, der durch die
Wohnung zieht, wie Du und Deine Tochter argumentiert haben.

Unsere Weihnachten ist ein interkultureller Mix. Wir sind uns nicht
schlüssig, ob wir am 24. Oder am 25. Dezember feiern sollten. Der 25. ist
doch eigentlich eher die katholische Variante. Das Glöcklein, das Du nennst,
ist unspezifisch. Ich kann mich erinnern, dass bei uns, als wir Kinder
waren, immer ein Glöcklein das Signal und die Erlaubnis gegeben hat, in die
Stube einzutreten. Un die Eltern wollten dann stets noch einen Vorhang
gesehen haben, durch den eine Bewegung, das heisst das Christkind gegangen
sei. Ich habe diesen Vorhang und den Windhauch, der ihn bewegt haben soll,
nie wirklich gesehen. Aber ich kann diese Szenerie in meinem Kopf sehr
prlastisch beobachten. Man sieht nur, wie sehr man den jungen Menschen das
VL einreden kann, so dass sie RL wird. Die Grenzen sind ziemlich unbewacht.
Vor allem bei den Engeln.

Was die Moslems und Weihnachten betrifft, so ist das so, dass S an der
UNO damals natürlich jede Menge Weihnachten und Menschen, die sich um
Weihnachten kümmern erlebt hat. Es war offensichtlich auch so, dass die
vielen Armenier im Iran festlich Weihnachten feiern, und dass sie dann
wahllos Freunde, sowohl Moslems wie Juden dazu einladen. Und gerade letztes
Wochenende habe ich in einem Interview mit einem Vetter der berühmten Anne
Frank gehört, dass seine Familie, eine jüdische offensichtlich, dasselbe in
Basel gemacht hat. Sie fanden das Fest einfach schön, ohne dessen religiöse
Bedeutung mitzunehmen. Aber ich muss gestehen, dass in unserer Familie das
Weihnachtsfest kein sehr eingeprägtes und konstantes Ritual ist. S wechselt,
verziert einmal so, kocht einmal anders, mal ohne Baum mal mit.
Die Kinder sind ja auch nicht mehr so, dass sie mit grossen Augen unter dem
Baum sitzen. Sie haben oft ihre eigenen Anlässe und wollen bald wieder
gehen.

(---)

Ich muss Dich lassen und wünsche einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Montag, 16. Dezember 2013

Re: trüber Montag




Ämne: Gute Nacht..
Datum: den 9 december


Lieber ...,

Nun muss ich dir wohl schnell etwas zurechtlegen damit ich nicht die ganze Nation blamiere. Nicht nur das Essen ist wichtig.. aber ohne das typische Essen wäre es keine schwedische Weihnachtsfeier. Es ist die grösste Mahlzeit des Jahres (am 24. Dezember). Der Schinken ist dabei das wichtigste. Aber dazu kommen noch viele andere Speisen von denen man sich, wenn man keine Gäste hat, nur das nimmt was einem am besten schmeckt. Aber hast du Gäste eingeladen so erwarten sie sich schon ein richtiges Julbord mit vielen verschiedenen Delikatessen.
K hat neulich annonziert dass er einen fertiggebackenen Schinken kaufen kann den wir dann nur zu Hause griljieren. Aber da hättest du Anna und mich hören sollen. Ganz unmöglich!! Denn der Geruch wenn der Schinken im Ofen gebacken wird geht einfach nicht zu entbehren.

Ich werde nicht richtig klug aus euerer Weihnachtsfeier. Hat man in deiner Familie denn auf katholische Weise gefeiert? Ich meine das kleine Glöckchen kommt wohl nur dort vor. Und heutzutage.. du bist doch moslim (;-) Wie genau feierst du Weihnachten?
*
Morgen ist Nobelfest und gleichzeitig sind wir zu einem "julbord" eingeladen in der Schule. Aber viele gehen nicht hin diesmal.
So riesige Feste können manchmal ziemlich langweilig sein wenn man nicht besonders nette Leute gerade an seinem eigenen Tisch hat. Ich bevorzuge es auch in Ruhe zu Hause das Fest im Fernsehen zu geniessen. Dazu kann ich auch selbst etwas gutes essen.

Ja, ich erinnere mich noch an diese kleine Sonnenanbeterin. Sicher ist es ein Kunstwerk.. ;-) Du hast mir damals einiges versprochen was du nie gehalten hast. Ich habe es noch in guter Erinnerung. Aber es ist schon preskribiert.. :-) Übrigens habe ich ja auch noch ein Bild hier hängen was ich in Prag für dich gekauft hatte.

Warst du wieder bei Akunpunktur? Oder warum sonst beim Arzt? Was fehlt dir denn? Ja, ich würde dir gern helfen wenn immer du Hilfe brauchst. Du weisst es. Auch du hilfst mir über manchen trüben Tag hinweg mit deinen schönen Mails.
Heute war zum erstenmal seit ewig ein ganz blauer klarer Himmel. Ich hatte fast vergessen dass es sowas gibt. Aber trotzdem bin ich so müde dass ich keine Energie zu nichts habe. Schlafen möchte ich. Ein paar Monate lang und erst mit der Frühjahrssonne aus meiner Höhle herauskommen.
Vier Minuten gibst du mir noch.. und darum sage ich dir nun
Gute Nacht,
wünsche dir einen schönen Tag morgen,
Marlena

Trüber Montag und faule Engel


Ämne: Momomomomomo
Datum: den 9 december


Liebe Marlena
Nein, so genau hast Du mir nie von Weihnachten erzählt. Dass ihr Schweden
bloss ans Essen denkt, lässt wirklich tief blicken! Bei uns ist es ziemlich
umgekehrt. Und S war immer wieder erstaunt, wie unwichtig an
Weihnachten das Essen ist. Viele Familien kochen eine einfachere Mahlzeit,
weil die Mütter vor allem mit dem Baum und der Schmückung beschäftigt sind.
Das kommt wohl daher, dass bei uns die Engel faul herumliegen oder als
Amor-Knaben zu Liebesaffären anstiften, anstatt tüchtige Weihnachtsbäume zu
schmücken. So müssen hier alles die Mütter machen. Und dann bleibt fürs
Essen nur noch ein heisser Schinken. Ich weiss nicht mehr genau, was wir
jeweils gegessen haben. Auf jeden Fall hatten wir Kinder ohnehin keinen
Appetit. Ich glaube, das war der zweite Grund neben der nachlässigen Engel.
Die Kinder hatten keine Geduld, hinzusitzen und etwas zu essen, sondern
waren nervös und konnten nicht warten, bis das berühmte Glöcklein ertönte.
Wir haben, soweit ich mich erinnere, auch jeweils in der Küche gegessen, was
sehr unüblich und vor allem auch eher eng war. Der Küchentisch war mit einer
Marmorplatte bedeckt. Das war sehr unangenehm beim Essen, denn die Hände
gerieten leicht in eine Unterkühlung, wenn man sie auf den Tisch legte. Kurz
und gut: es war alles etwas provisorisch und nicht besonders gemütlich
angesichts der riesigen Erwartung, gleich ins Wohnzimmer mit dem brennenden
Christbaum zu treten und die Geschenklein unter den Aesten zu erblicken.
Nein, das Essen konnte uns wirklich gestohlen bleiben. Und am späteren Abend
gab es ohnehin süsses Gebäck bis einem beinache schlecht wurde. Das
Abendessen vor dem Weihnachtsabend war so gut wie unnötig.
*
Gestern war im nachmittags in Basel. Es gab eine Aktion der Basler Künstler.
Alle hatten ihr Atelier geöffnet. Man konnte sie besuchen und ihre Werke
anschauen. Sie haben das wohl gemacht, um vor Weihnachten noch ein oder zwei
Werke zu verkaufen. Ich bin in etwa 4 oder 5 Ateliers gewesen. Es war nicht
gerade grossartig, was ich gesehen habe. Allerdings habe ich bei dieser
Gelegenheit meinen alten Lehrer getroffen, bei dem ich mal einen
Modellierkurs gemacht hatte. Er erklärte mir, wo ich meine Arbeit finden
könnte, die ich immer noch bei ihm aufbewahrt habe. So bin ich dann abends
gleich dorthin gegangen und habe mir mein Werk geholt. Ich habe es seit 2
Jahren nicht mehr gesehen und ich war erstaunt, wie eckig diese Figur
aussieht. Es ist eine Art Sonnenanbeterin, kann man sagen. Eigentlich nicht
zu beschreiben. Bref: ein Kunstwerk ;-)).
*
Heute habe ich kaum Zeit. In 3 Minuten beginnt unsere Sitzung. Mittags ist
Club.
Um 14h habe ich eine weitere Sitzung. Um 16h beim Arzt. Ich hoffe, ich werde
diesen bedeckten und etwas trüben Montag überstehen. Und sonst würdest Du
mir wohl helfen dabei, nicht wahr?
Mit einem lieben Gruss
...


Sonntag, 15. Dezember 2013

weder gebranntes Kind noch Rabenmutter!


Lieber ...,

Eigentlich weiss ich nicht genau, was du mit gebranntes Kind meinst.
Wir verwenden ja auch diesen Ausdruck: Gebranntes Kind scheut das
Feuer. Aber ich weiss nicht wie du das mit mir in Zusammenhang
bringst. Ich glaube nicht, dass ich ein Feuer scheue. Aber du wirst
mir sicher erklären, was du damit meinst.

Und Rabenmutter? Ach, mein lieber Mausfreund, weisst du denn nicht,
dass Familie und Mutterschaft mein wahres Element sind? Nicht nur
Mutterschaft sondern Menschenliebe überhaupt. Ich bin ein wahrer Engel
für alle, die einen solchen brauchen. Aber unser kleines ABBaby
braucht mich nicht. Deshalb überlasse ich dir das Pflegerecht.
Natürlich halte ich dann immer noch ein wachendes Auge darauf...

Ich bin oben am Bügeln. Habe mir mein Vögelchen  mit hinauf genommen,
damit er etwas Gesellschaft hat. Und dann habe ich mir im Fernsehen
ein Program angesehen über eine kleine Familie in einem
Flüchtlinglager in Ruanda. Und weisst du, dieses kleine persönliche
Bild von der Armut und Misere dort, macht mich viel mehr geneigt zu
helfen, als die anonymen Massenmeldungen von der Not in der Welt. (Ich
weiss, dass ist schlechtes Deutsch, aber du verstehst es bestimmt).

Als ich noch sehr jung war, habe ich mal ein Gedicht gefunden, (jetzt
weiss ich dass es von Baudelaire stammt), was mir besonders gefallen
hat. Und ganz zufällig, habe ich plötzlich heute diesen kleinen, schon
vergilbten Auschnitt aus einer Zeitung wiedergefunden.
Wie lustig eigentlich. Erinnert mich an jemanden neulich der meinte
"Alles im Leben ist eine Frage um Timing". Ich dachte nämlich an
dieses Gedicht, als du über Subjonctif gesprochen hast.

Gerad jetzt schaut die Sonne hervor. Ich habe sie lange vermisst.
Und nun gehe ich zurück an meinen Bügeltisch.. ;-)

Mit lieben Grüssen
Malou


Samstag, 14. Dezember 2013

14. Dezember


(ungekürzt)

Ämne : Re: Lucia
Datum : Fri, 14 Dec

Liebe Marlena

Deine lobenden Worte sind wie Manna für mein ausgetrocknetes Herz. Allein
ich weiss nicht mehr, welches kleine Drama Du meinst, das ich Dir
geschildert hätte. Vielleicht suche ich am falschen Ort in meinem
Gedächtnis. Und dass mein Gedächtnis eine einzige Dunkelkammer mit
verschiedenen kleinen und grösseren Abteilungen und endlosen Gängen, und
schweren Pforten ist, das weißt Du mittlerweile.
Tut nichts. Doch viele Leute haben mir schon gesagt, ich sollte mehr
schreiben. Und ich tue es ja. Aber dann habe ich wieder Zeiten, wo ich mich
etwas ausruhen möchte, und zum Malen hinüberwechsle. Du weißt, Marlena,
man hat es nicht leicht als Multitalent.:--). Da kommt mir Dürrenmatt in den
Sinn. Er hat gesagt, er ruhe sich mit Malen vom Schreiben aus und mit
Schreiben vom Malen. (Er hat überigens ein riesiges Bild von Varlin in
seinem Arbeitszimmer gehabt). Aber Dürrenmatt hat auch zugegeben, dass er
auf dem technischen Niveau eines Kindes male. Und dennoch waren seine Bilder
sehr gesucht. Vielleicht nicht sosehr wegen des Bildes, sondern wegen des
Namens?
*
Heute haben wir an einer Sitzung die PISA Resultate kurz diskutiert. Stell
Dir vor, in der Schweiz haben wir unter 15-jährigen Jugendlichen 40%
Fremdsprachige. Das sind dann diejenigen, die keinen Text verstehen, keine
zentralen Aussagen identifizieren können und keine eigene Meinung zu den
Aussagen entwickeln. Ich denke, die Schweiz ist wirklich sehr dumm in ihrer
Einwanderungspolitik. Wir haben einen enorm hohen Standortvorteil, was die
Landschaft, was der soziale Friede, was die Arbeitsmoral, den
Ausbildungsstand der Menschen hier betrifft. Die besten Forscher,
Wissenschafter und Künstler würden gerne in unserem Land leben mit all dem
Komfort, welchen es bietet. Aber nein, wir lassen die einfachsten Leute aus
dem hintersten Anatolien zu uns kommen, und ihre jugendlichen Kinder
randalieren, zücken Messer, spielen arrogant Machos, kurz: sind einfach noch
nicht sehr zivilisiert, und machen unsere Strassen unsicher, weil sie
eigentlich aus einer wilden Welt des 18. Jahrhunderts kommen.
Hört sich schon bald an wie ein Rechts-Politiker, was ich hier sage, nicht
wahr? Aber ich glaube wirklich, dass wir die falschen Filter verwenden. Und
einige von uns denken, das geschehe nur aus Schuldgefühlen nach diesem
Krieg mit den amerikanischen Juden, den wir kürzlich hatten.
*
Psychiater und Psychologen unterscheiden sich darin, dass Psychologen die
besseren Psychiater sind.;--)))) Nein, das war ein Witz. Psychiater haben
ein Medizinstudium, d.h. sind Aerzte, und können Medikamente verschreiben
und ihre Leistungen via Krankenkassen abrechnen. Psychologen können das
nicht selbst, sondern - allenfalls - delegiert durch einen Psychiater.
Psychologen haben ein geisteswissenschaftliches Studium (inklusive etwas
Statistik, Neurologie, medizinisches Wissen).
Ja, das dürfte ungefähr der Unterschied sein. In den letzten Jahren haben
sich die Psychiater sehr in Richtung Psychologie weiter entwickelt. Das
heisst, viele davon arbeiten heute beinahe so wie ein Psychologe.
*
Das Bild, welches Du geschickt hast, zeigt wirklich sehr viel Stimmung. Es
mutet mich keltisch an. Und da liege ich ja wahrscheinlich nicht ganz
falsch?? Auf jeden Fall kann ich mir vorstellen, dass man an diesen
Stimmungen hängt, wenn man sie seit Kindheit jedes Jahr erlebt hat. Sie
geben ein heimatliches Gefühl, ein heimisches müsste man noch eher sagen.
Sie bilden den Resonanzraum unserer Existenz, sozusagen, die
Hintergrundmelodien und Echos.
Es ist merkwürdig. Dieses Jahr fällt mir auf, wieviel S unser Haus für
Weihnachten schmückt. Sie erzählt zwar, dass man in Teheran Weihnachten
schon gekannt hat. Man wurde vor allem von armenischen Freunden eingeladen,
und die sind bekanntlich orthodox. Teheran war immer multikulturell. Und bei
der Arbeit an der UNO hat sie natürlich mit vielen christlichen Europäern
und Amerikanern Kontakt gehabt und jede Menge Geschenke zu Weihnachten
erhalten. Aber erst dieses Jahr macht S das so richtig. Natürlich hat sie
bald einmal einen Adventkranz vorbereitet. Oder wir haben für die Kinder
einen Weihnachtsbaum organisiert. Das war dann aber vor allem meine Sache,
inklusive die Behängung.
Ich glaube, man muss einfach eine gewisse Zeit in einer Kultur und ihren
Bräuchen gelebt haben, um sie zu schätzen und sie auch aufnehmen zu können.
Allerdings feiern wir kaum persische Feste. Ausser vielleicht den
Jahreswechsel im März. Aber das kommt vor allem daher, dass meine
Schwiegermutter am ersten Tag des Jahres ihren Geburtstag feiert. Wegen der
Kinder haben wir vor allem Weihnachten, Ostern, St. Nikolaus und Geburtstage
gefeiert.
*
Heute werde ich einen langen Abend im Büro machen. Die Damenparty beginnt
um 1700h und kann bis Mitternacht dauern. Doch die meisten werden so
anständig sein, rund um 2300h heimzukehren. Meine Töchter haben mir geraten,
ins Kino zu gehen und Amélie de Montmartre anzuschauen. Aber ich weiss noch
nicht.
Ich wünsche Dir ein schönes und behagliches Wochenende
In der Lichterwärme rund um Lucia
Mit einem lieben Gruss
...



.

Freitag, 13. Dezember 2013

Lucia 13. Dezember





"Semblable à une apparition céleste, Sainte Lucie vient illuminer les
ténèbres des nuits de décembre. À travers tout le pays, aux premières
heures du jour, les écoles, les hôpitaux, les maisons de retraite et
les lieux de travail reçoivent, dans une atmosphère baignée de magie,
la visite d'une Sainte Lucie et de son cortège. Vêtues de longues robes
blanches, précédées de la Sainte coiffée d'une couronne de bougies, les
jeunes filles s'avancent solennellement, chacune portant une bougie à
la main et chantant des refrains traditionnels. "

Besonders die Worte ".. dans une atmosphère baignée de magie.."
gefallen mir daran, denn diese Feier hat etwas Magisches an sich.  


das Lied "Sankta Lucia"  hier


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Mittwoch, 11. Dezember 2013

Sonntag, 8. Dezember 2013

Barbarische Weihnachts-Geschichte


(---)

Stell Dir vor, Malou, da kommt mir eine barbarische Weihnachts-
Geschichte in den Sinn. Es war in der 4. Primarklasse, würde ich sagen.
Ich hatte eben die Rolle als Joseph im Weihnachtsspiel erhalten und
wusste noch nicht recht, ob das eine Auszeichnung oder eine Strafe
sein sollte. So nebenbei hatte ich mitbekommen, dass ein dünnes und
langes blondes Mädchen Maria spielen sollte. Aber ich habe nicht
erkannt, was das wirklich bedeuten sollte. Erst um 12 Uhr, als wir über
den Schulhof nach Hause zum Mittagessen schlenderten, versuchten
andere Schüler mich (oder vielleicht uns) zu necken, weil wir doch nun
Maria und Joseph, also ein Paar wären. Das war mir nun aber absolut
peinlich, gegen meinen Willen verheiratet zu sein. Und demonstrativ
stiess ich die arme Maria von mir, so dass sie gegen einen Zaun
taumelte. Sie war sehr betrübt, weinte, wenn ich mich recht erinnere.
Doch ich erinnere mich ebenso, dass sie nicht aus körperlichem
Schmerz weinte,sondern wegen des Unrechts, das ihr geschehen war.
ich glaube, sie war sehr verwirrt, dass ich so reagiert hatte. In meinem
Kopf wollte ich keine Maria an meiner Seite und ich hatte sie nicht
gewählt. Aber ebenso war es auch nicht sie gewesen, die diese
Konstellation geschaffen hatte. Das empfand sie wohl als brutale
Ungerechtigkeit. Und recht hatte sie damit.
Wir haben dann, so muss ich annehmen, unseren Part im
Weihnachtsspiel sehr unterkühlt und distanziert gespielt. Ich weiss
noch, wie ich in der Kirche mit dem langen Bart in der Gegend
herumgestanden habe, und wie der Lehrer der Oberstufenschüler
mir deswegen zugezwinkert hatte. Aber ich war mir dessen kaum
bewusst, dass ich einen solchen langen weissen Bart trug, und
ich hatte wohl auch keinen Gedanken an meine Maria verschwendet.
Ich glaube, sie musste eine Gummipuppe im Arm wiegen, eine Puppe,
wie sie auch meine Schwester besass, mit einem kleinen Mundloch,
so dass man ihr erst die Flasche geben konnte, um ihr nachher die
nassen Windeln zu wechseln zu können. Mädchen fanden das
damals herrlich. Mit einem solchen kleinen Ding und einem blauen
Überwurf musste Maria mitten in der Kirche sitzen und mit langsamen
Bewegungen zeigen, dass diese Guppipuppe sozusagen heilig war.
Nicht alles, aber diese kleine Drink- und Piss-Puppe fand ich echt
dämlich. Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, dass das
Jesuskind das Getrunkene ohne irgend eine Zutat in die Hosen
laufen liess. Ich meine, wie kann man sich bei einem heiligen
Menschen so was Tierisches vorstellen? Das war doch irgendwie
widerlich. Auch bei einem Jesus.
Aber ich glaube, wir haben die Szene dann irgendwie hinter uns
gebracht. Ich hatte nicht viel zu sagen, ein oder zwei Sätze,
entäuschend wenig, angesichts des langen Bartes, der mir beinahe
bis zu den Schuhen reichte. So kam es, dass die Gruppe mit den
Blockflöten anfing, Stille Nacht zu pipsen. Und so konnte ich
wenigstens diesen pissenden Jesus etwas vergessen.
Soweit meine Joseph-Rolle. Überigens hatte ich immer gewusst,
dass dieses Jesus- Puppen- Kind nicht von mir stammen konnte.
Damit hatte ich einfach nichts gemein. Und dass der liebe Gott
seine Hand im Spiel gehabt hatte, das wollte mir weder die Maria
noch meine Lehrerin sagen. Sie haben mir das Wichtigste einfach
verschwiegen, Malou! Ich bin praktisch hintergangen worden! Man
hat mir ein pissendes Kind untergeschoben. Wenn Du weißt, was
ich meine.
*
Nun bin ich etwas vom Thema abgekommen. Das Thema war
Gewalt unter Jugendlichen. ...
...

Samstag, 7. Dezember 2013

Blick durchs Fenster

7/12


Reh- und Hasenspuren im Garten




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Freitag, 6. Dezember 2013

Nikolaustag


Datum: den 6 december

Liebe Marlena
---
Heute haben wir hier St. Nikolaus. Die Kinder sind ein bisschen nervös, und
die Eltern nicht minder. Aber das war ja schon immer so. Ich kann mich
erinnern, als der St. Nikolaus damals zu uns gekommen war. Wir sassen alle
auf dem Sofa und schauten in die grosse schöne Stube, die wir sonst während
der Woche nicht betreten durften. Im 19. Jahrhundert soll diese Stube als
Büro eines französischen Generals der napoleonischen Truppen gedient haben,
so hatte mir Onkelchen erzählt. Auf jeden Fall war sie für ein Kind ziemlich
eindrücklich, mit glattem Parkettboden, Täferung aus dunkelm Holz an den
Wänden. Einmal hatte ich vom Sofa, wo wir vor dem St. Nikolaus zu sitzen
pflegten, ein Geheimfach in der Wand gefunden. Das war wirklich sehr
aufgregend gewesen, und in der folgenden Zeit hatte ich oft Süssigkeit dort
versteckt.
Der St. Nikolaus kam allein, jedes Jahr wieder, hatte einen grossen Sack bei
sich und hielt jedem Kind einige Dinge vor, in denen es sich während des
Jahres verfehlt hatte. Ich habe keine Ahnung mehr, was er mir unter die
Nase gerieben hat. Aber ich erinnere mich sehr gut, wie er unser
Dienstmädchen, eine junge, hübsche Italienierin kritisiert hatte, weil sie
manchmal etwas ungeschickt und voreilig gewesen sein soll. Ich hatte den
Eindruck, dass ihr das sehr unangenehm gewesen war. Sie hiess Silvana, und
ich bin sicher, dass ich sie später darüber getröstet habe.
*
Es gibt zwei Arten von St-Nikolaus. Im Wallis, also einem katholischen Teil des Landes kommt der St.Nikolaus mit dem Bischofsstab. Er sieht wie ein Bischof aus, hat natürlich aber auch Bart und ein Gehabe wie St. Nikolaus. Und daneben kommt Schmutzlich, er ist ganz schwarz. Man könnte denken, es sei der Teufel, oder mindestens sonst ein nicht sonderlich vertrauenswürdiges Wesen.
Und dann gibt es den St. Nikolaus in reformierten Gebieten. Dort hat der Mann einen meist roten Anzug mit einer Kaputze und einen langen weissen Bart. Meist hat er auch noch ein riesiges Buch, aus dem er den Kindern die Sünden und Straftaten des Jahres vorhält.
*
Ich kann mich auch an eine Nikolaus-Szene im Kindergarten erinnern. Wir
hatten eine Bank rundum im Raum und sassen gespannt da, bis das grosse
Unikum hereintrat. Und siehe da, der Kerl hatte einen Sack auf dem Rücken,
an dem ein Sack hing. Und aus dem Sack ragte ein Bein in Strumpf und Schuh.
Natürlich wollten wir Kleinen sofort wissen, was mit dem Bein los sei. Und
der komische Kerl meint, dies sei Vreni, die eben nicht folgsam gewesen sei.

Lange Jahre konnte ich kein Mädchen ertragen namens Vreni. Ich
verabscheute sie richtiggehend, nur weil sie hiessen, wie dieses Mädchen,
von dem ich glaubte, es wäre wirklich im Sack des St. Nikolauses
weggetragen worden.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Tomas Tranströmer


 date 23 November 2006 19:31


Lieber ...,
...

In dieser dunklen Zeit vor dem 1. Advent steht das Leben irgendwie
still. Es passiert nicht viel von dem ich dir erzählen könnte. Die
Zeit der treibenden Blätter ist nun vorbei und die Menschen bleiben zu
Hause. Klar, wenn ich in Stockholm wohnen würde, gäbe es viel
Zerstreuung.
G hat mir gestern Abend ein ganz euphorisches Mail geschickt. Sie
war bei einem Schriftstellerabend im Kulturhaus in Stockholm. Niklas,
der junge langhaarige Kollege (erinnerst du dich noch?) hatte
Eintrittskarten besorgt. Der Abend war eine Huldigung an einen unserer
größten Poeten, Tomas Tranströmer, der seit 1990 am halben Körper
gelähmt ist und an Aphasie leidet, doch immer noch produktiv ist. Ein
Schauspieler trug seine Gedichte vor und Tranströmer selbst beendete
die Vorstellung am Flügel. Wie das möglich ist mit einem Arm? Der
stehende Applaus nachher wollte nie enden.

Und G war natürlich auch froh, dass sie die Möglichkeit hatte
sich mit einigen Schriftstellern im Publikum nachher unterhalten zu
können. Auch ihren Professor von der Uni hat sie wiedergesehen.
Du siehst, man könnte neidisch werden. Und ich verstehe ihre
Begeisterung nach einem Abend mit so viel seelischer Nahrung. Hier
muss man sich hier und da einen kleinen Happen suchen, um seinen
Hunger zu stillen.

So ich glaube ich lasse dich für diesmal.
Wünsche dir alles Liebe und Gute,
mit Gs und Ks
Marlena
Kennst du übrigens schon T? Hier ein paar Worte über ihn.

"In this, his 75th year, Tomas Tranströmer can be clearly recognised
not just as Sweden's most important poet, but as a writer of
international stature whose work speaks to us now with undiminished
clarity and resonance." /Enitharmon Press, London.
                                      
                                  ***
..
und hier er selbst
http://www.youtube.com/watch?v=K5NVcA0zipE

(R) 

Literatur-Nobelpreisträger 2011
Bild  6 Oktober 2011




Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent in Schweden





...

Und was treibst du Malou? Bist du an den Weihnachtsvorbereitungen? Das
glaube ich mindestens. Du wirst dein Haus auf Hochglanz bringen und
alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint, nicht wahr?

Und ich, wie gesagt, mit einem Kerzlein unter der Brücke.
Liebe Gs und Qs und Ks und so
....

Re:


"alles beleuchten, was beleuchtenswert erscheint" *smile*

Ja doch, das tun wir alle hier in Schweden. Und nicht nur was
beleuchtenswert erscheint..
In allen Fenstern siehst du, schon vom 1. Advent an, entweder Sterne
oder Leuchter. Früher, als ich noch klein war, gab es diesen schönen
aus Papier, der wirklich wie ein richtiger Stern aussah, wenn er
angezündet war und ein warmes schönes Licht verbreitete. Ich habe
immer noch einen solchen oben bei mir und ich muss sehr vorsichtig
damit umgehen beim aufhängen, denn er leidet schon sehr an
Altersschwäche. Werde ganz nostalgisch wenn ich ihn leuchten sehe.
Doch heutzutage gibt es alle möglichen Sorten. Manche aus dünnem
Holz geschnitzt, andere aus goldglänzendem Metall: Ach, es gibt
wirklich so viele verschiedene Sterne und immer wieder kommen
neue dazu.


Amaryllis

Auch die typischen Weihnachtsblumen dürfen nicht fehlen. Die schönen Amaryllis von denen man nie weiss wieviel Blüten sie tragen werden, die stark duftenden Hyazinthen und vor allem die s.g. Weinachtssterne. Und natürlich hängt eine "gute Hausfrau" auch Weihnachtsgardinen in alle Fenster. Vielleicht kommst du mal bei Ikea vorbei. Dort kannst du bestimmt sehen wie das aussieht. Später dann kommt noch das Luciafest am 13. Dezember, das hier von allen sehr gross gefeiert wird und vorher auch noch das Nobelfest um das uns so viele beneiden :-) Vielleicht schaust du es dir auch ein wenig an? Es wäre schön etwas mit dir zusammen zu tun.




.

Mittwoch, 27. November 2013

Ein Turm



"Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom."

Ja, wir bauen ihn wieder, den Turm. Es ist schön etwas zu bauen. All die schönen Gefühle und Gedanken die man dabei hegt ..die Träume von der Vollendung ... was macht es wenn der Turm nie fertig wird. Der Weg ist die Reise wert. Und warum sollten wir nicht wieder heil herunterkommen? Glaubst du nicht auch dass wir immer wieder eine neue Sprache finden werden in der wir uns verständigen können ;-) Aber du, mit ein paar Jahren Architektstudien hinter dir, wirst mir schon ein wenig dabei helfen müssen damit ich nicht unnötig das Gebäude in Gefahr bringe.

---

(R)

Dienstag, 26. November 2013

... nie mehr





7 November 2007 09:20
subject   7. Nov. 2007

Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am 6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe. Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.

Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die  noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam, wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es wird nie mer möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.

Aber weisst du Malou. Ich habe da eine sehr merkwürdige Vorstellung. Ich weiss, wie sehr mich solche Erinnerungen melancholisch machen. Und je älter man wird, desto weiter reichen solche Vorstellungen in die Vergangenheit. Man fühlt sich wie ein Balanceur auf dem hohen Seil, der tief hinunter sieht. Manchmal habe ich den Eindruck, meine Trennung sei auch der Versuch, von diesem hohen Seil herunterzuikommen. Jetzt ist die Vergangenheit sozusagen gestutzt, und verliert sich nichtmehr in unendlich weiten Hallen des Dämmerlichts.

---

(R)

Freitag, 22. November 2013

Petrarca



Re: Herbstlich

Liebe Marlena
Ja, diese Biographie über Petrarca ist interessant. Ich hatte wirklich nicht allzu viel über ihn gehört bisher. Ps Bruder war Geistlicher. Petrarca selbst war eigentlich Jurist, hat aber sein Studium, das er in Monpellier angefangen und in Bologna fortgesetzt hat, nicht beendet. Durch den frühen Tod seines Vaters sind die beiden Brüder dann reich geworden. Und so konnte Petrarca sich dieser Briefschreiberei widmen. Er war oft Berater von hohen geistlichen Würdenträgern und hatte freundschaftliche Beziehungen zu vielen grossen Leuten in Europa. Und Cicero ist wirklich eines seiner grossen Vorbilder.

Am interessantesten finde ich die Änderungen seines Weltbildes vor dem Hintergrund jenes Dantes, wie er es in der Divina Commedia dargestellt hat. Beide, Petrarca und Dante, waren von ihrer Abstammung her Florentiner. Und beide lebten im Exil sozusagen. P hat immer wieder gegen dieses Avignon gewettert und alle seine Bemühungen in den Versuch gesteckt, einflussreiche Männer zu gewinnen, damit die Kurie der katholischen Kirche zurück nach Rom gehe.In seinem Herzen lebte er für Rom. Gegenüber Dantes vertikalem Weltbild, das durch die Perspektive der göttlichen Allmacht gesehen ist, gibt sich Petrarcas Weltbild horizontal. Es ist wie eine Landschaft, in der man dahinpilgert, und immer neue und verschiedene Erfahrungen macht. Das Wesentliche ist in Petrarcas Welt die Vielheit, gegenüber jener der Einheit bei Dante. Die vielen neuen Erfahrungen, die neuen Dinge, die im Horizont auftauchen, zeigen eine Art Unübersichtlichkeit, wie wir sie heute wieder konstatieren. Individuelle Perspektivität ist das neue Charakteristikum der Weltsicht. Und das ist nun wirklich sehr modern.




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Donnerstag, 21. November 2013

Adventschmuck - Frauensache?





Liebe Marlena


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Ja, von den Herren kannst Du nicht verlangen, dass sie eine Adventdekoration zustande bringen. So was ist in ihren Genen nicht zu finden. Ich meine, dort wo das Adventschmuck-Arrangieren-Gen vorhanden sein sollte, ist einfach eine kleine Lücke. Ein Loch! Wir haben viele Löcher in unserer genetischen Struktur. Das ist erstaunlich. Wir müssen Sorge tragen, dass die übrigen Gene nicht durch die Löcher abfliessen und dass wir zum Schluss dastehen wie leere Milchtöpfe.

Nein, Spass beiseite. Ich habe gestern zuhause einen grossen Kürbis gerüstet. Das tue ich nicht ungern. Es ist im Grunde ein schönes Stück Arbeit. Aber wenn man das mit der elaborierten Technik und mit den ausgezeichneten Fähigkeiten tut, die sich in der männlichen Genstruktur befinden, geht das einigermassen einfach ;--)) Na ja, Kürbisse riechen einfach sehr fein, wenn man sie aufschneidet. Und das Fleisch hat eine wunderschöne Farbe. Deshalb tue ich das. Ich mag Kürbis eigentlich nicht so besonders als Gericht. Er ist ein bisschen fade. Nur einige süsse Sorten schätze ich. Es gibt einen, der wie Edelkastanie schmeckt. Er eignet sich ausgezeichnet zu Fisch. Ich habe mich weiter spezialisiert auf die Zerteilung riesiger Melonen, wie man dazu im Iran fähig sein muss. Auch das ist eine Arbeit, die ich ziemlich gerne tue. Aber Advent-Schmuck, nein, da kann ich nicht gross mitreden. Ich solidarisiere mich mit der Männerwelt und bin mit ihnen einig, dass Adventschmuck definitiv Frauensache ist. Was wir dazu beisteuern könnten, wäre eine Flasche Gewürzwein oder so was, nicht wahr? Oder einen Weissen für eine schöne Zabbajone.

---

Der Arbeit verfallen ..


Liebe Marlena
...
Du hast vielleicht recht, ich mache mich verdächtig, wenn ich zu sehr
als "der Arbeit verfallen" erscheine. Doch alle haben sich schon daran
gewöhnt. ICH BIN WIRKLICH DER ARBEIT VERFALLEN. Ich kann
jederzeit ins Büro, ohne auch nur in Verdacht (welchen eigentlich) zu
geraten. Ich habe IMMER etwas zu tun. Sogar ich selbst schöpfe nicht
mehr Verdacht! Mein Problem ist eher, dass der PC zuhause sehr
schwerfällig arbeitet. Ich habe den Eindruck, dass er sich weigert,
längere Mails zu schlucken. Es ist immer umständlich, bis die Dinger
weg sind. Und ich glaube schlicht und einfach, dass er eigentlich
Mails von zwei oder drei Zeilen vorziehen würde. Aber da gerät er
bei mir an den falschen!!

---

Dienstag, 19. November 2013

a w d w


Liebe Malou
„…awiw“ sollst Du haben.

Ja, die Gréco ist ein Grossmütterchen geworden. Aber in dieser Sendung auf einem französischen Sender hat sie auch gesungen. Und ihre Stimme ist immer noch sehr fest und rhythmisch aufregend und jung. Die Juliette hat in ihren Erzählungen viel Luft genommen. Sie hat erzählt, dass sie sozusagen wie ein Mann gelebt habe. Das heisst, sie konnte bei den Männern mit den Fingern schnippen, und sie sind ihr gefolgt (bis ins Bett, so muss man wohl annehmen). Sie hat sehr positiv geredet über ihr Alter und geschildert, wie sie ihren Ruhm immer noch geniesst.

Was Du über die Erlebnistiefe des Alters sagst, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich ertappe mich bei solchen Gelegenheiten oft, wie ich mich frage, dass ich in meiner Jugend gewisse Dinge viel grösser und viel schöner erleben konnte. Ich glaube, damals gab es einen weiten Horizont der Erwartungen. Alle diese Ereignisse hatten eine Bedeutungsdimension in die Zukunft. Und die war gross und weit und wichtig. Heute denke ich oft: und das war alles? Die Menschen sind doch - alles in allem - sehr menschlich! Na ja, sie sind alle sehr mittelmässig, mich selbst eingeschlossen! Du siehst, ich habe das Gefühl, am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. Na ja, nicht ganz, aber immerhin. Wenn man das Leben als einen Tag nimmt, ist es ungefähr 18.00h heute. Was Wunder, wenn man sich vornimmt, an diesem milden Abend bis 22.00h noch ein bisschen auf die Pauke zu schlagen?
....
So, ich schicke dieses Ding ab. Sonst hängt es hier bloss herum.
MlGukuawdw
...

------------

Re:

Ach, du mein lieber Mausfreund, du versprichst mir awiw - aber über dieses awiw hast du keine Macht. Wenn der liebe Gott will, oder alle anderen guten Mächte.. und auch dann glaube ich nicht an ein "awiw". Es ist zwar mein innerster Wunsch. Oder lass mich sagen der innerste Wunsch meiner Gefühle. Aber mein Verstand sagt mir, dass "awiw" nur ein "vl-awiw" sein kann. Und in diesem VL bin ich eigentlich ganz zufrieden mit dem Dasein. Könnte es eigentlich besser sein?

Freitag, 15. November 2013

Münsterengel in Basel


...  von Tazro Niscino

.



Als ich über die mittlere Brücke ging, begrüsste mich ein frischer Windstoss. Es ist immer wieder so. Auf der Brücke fühlt man die Weite der Welt. Und wenn vielleicht gerade eines dieser grossen Güterschiffe unter der Brücke hindurch tuckert, dann denkt man, man rieche das Meer. Und man fühlt sich mit der grossen weiten Welt verbunden, die doch sonst in der Schweiz, hinter den sieben Bergen, so weit entfernt scheint. Und in diesem Moment weiss man auch, dass der Engel vom Münster, den Nazro Niscino 2002 für ein paar Wochen domestiziert hatte, herunterschaut und uns mit neugierigem Interesse beobachtet wie vielleicht weiter unten am Rhein die Loreley. Allerdings ist dieser Engel ein steifes gotisches Ding und keine mächtige Wallküre wie die Loreley, und wie sie Kokoschka meines Wissens gemalt hat. Vielleicht muss ich dir Malou erzählen, was es mit dieser Domestizierung auf sich hat. Damals im Jahr 2002 gab es eine künstlerische Installation in Basel, die mich einigermassen beeindruckt hat. Ihre Wirkung beruhte auf einer Verschiebung der Verhältnisse. Auf dem Dach des Münsters, das ja hoch über dem Rhein auf einem Felsvorsprung steht, ist ein kleiner metallener Engel befestigt. Er ist vielleicht 50cm hoch und kein Basler hatte ihn je bemerkt, weil er sich ja dort oben viel zu klein und zu unscheinbar ausnimmt. Da kam also dieser Künstler, ich glaube er ist ein Japaner. Er baute einen Zimmergrossen Kasten auf das Dach des Münsters. Er möblierte ihn im Stil des frühen 20. Jahrhunderts mit Sofa, Sesseln, Stehlampe, Büchergestell und ein paar Blumentöpfen. Und auf dem kleinen Klubtisch stand dann dieser besagte Engel, 50 cm hoch, vom täglichen Wetter und ein wenig von Grünspan zerfressen. Man konnte ihn in aller Ruhe anschauen und ich glaube, man konnte ihn sogar drehen. Allerdings sah man, wenn man dann zum grossen Fenster aus diesem Kasten hinausschaute, tief hinunter zum Rhein und über die Stadt hinweg. Man hatte über viele Treppen ein hohes Gerüst zu dieser kleinen Stube mit dem Engel hinaufsteigen müssen. Kurz und gut: man fühlte sich für ein paar Minuten den Engeln und dem Himmel näher und hatte einen lebendigen Eindruck, welches Bild die Welt vom Himmel gesehen wirklich abgibt. Alles in allem: ein göttliches Gefühl.

Und so weiss heute jeder Basler, dass dort oben ein Engel in betender Stellung auf die Menschen herunterschaut, um wohl in der himmlischen Konversation für sie ein gutes Wort einzulegen.

An diesen Engel dachte ich, als ich die Brücke überquerte. Und ich stellte ihn wirklich in die Verwandtsdchaft der Loreley, von der bekanntlich Heine erschütterndes gesagt hatte.


(R)

Montag, 11. November 2013

Ein Brief



Subject: Mit Preisfrage diesmal

Liebe Marlena

Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich sie für die Lehrkräfte, um ihnen zu zeigen, wie sehr sie das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.

Und so bekommen Lehrer ihre Rückmeldungen und Feedbacks von den ehemaligen Schülern aus der Zukunft erst um eine Generation verspätet zurück. Du hast mir auch einmal davon erzählt. Das macht die Arbeit schwer. Man bräuchte doch die Rückmeldung sofort, in der gleichen Stunde, in derselben Minute sogar. Aber nein, sie kommen 20 Jahre später. Lehrer sein ist ein hartes und ein sehr langsames Geschäft. Der Fabrikationsprozess geht im Schneckentempo.

Und hier ist dieser Brief. Ich werde ihn in meinem Vortrag über Hochbegabung verwenden. Du hast mich einmal nach dem Vortrag gefragt. Nein, ich habe ihn noch nicht gehalten. Er ist Mitte Juni, glaube ich. Und ich hoffe, du wirst auch unter den Zuhörern sein ;--)) Im Moment bin ich noch im "Kompositions-Prozess". Der Brief also:

19. November 1957

Lieber Herr G.

Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen. Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen, die Arbeit und die Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.

Signatur

Ich kann dir die Antwort des Lehrers auch kopieren, wenn du das wünschst. Sie ist etwas länger. Aber vielleicht kennst du die Briefe schon, und vielleicht sogar in der Originalsprache, und nicht in deutscher Übersetzung. Ach nein, vielleicht doch nicht original, so rasch wirst du dein Italienisch nicht gelernt haben!

Re:

Lieber ...,

(---)

Hier ein paar Worte von Camus:

"At the heart of all beauty lies something inhuman, and these hills, the softness of the sky, the outline of these trees at this very minute lose the illusory meaning with which we had clothed them, henceforth more remote than a lost paradise . . . that denseness and that strangeness of the world is absurd."

Chéri, deine Preisfrage kann ich nicht beantworten. Du sagst es soll ein Italiener sein aber dann stimmt doch nicht das Jahr, oder? Meinst du Albert Camus damit?
So ich werde an meine Arbeit gehen. Habe gerade eine Tasse guten Kaffee mit dir getrunken. Es ist schön so am Anfang eines Tages eine Weile bei dir zu sein. Ich möchte dich gern umarmen jetzt, zum Abschied.
in Maladi geschrieben
Marlena

PS Das ist keine Antwort auf deinen letzten Brief. Diese kommt später, vielleicht schon heute. Machs gut, mein geliebter Mausfreund.


Re: Re:

---
 
Und natürlich hast du Recht mit Camus. Ist er nicht rührend, dieser Brief? Und die Bemerkung mit dem Italienisch war eine falsche Fährte, eine Finte meinerseits, damit du nicht zu schnell draufkommen solltest. Und jetzt spüre ich einen kleinen zärtlichen Box von dir, wegen meiner verspielten Boshaftigkeit. Du spielst die empörte Geliebte, oder die geliebte Empörte, wie immer!

Und damit bekommst du natürlich noch einen K (3)


*

Wir sehen uns heute abend, hopefully! 

Sonntag, 10. November 2013

Penthesilea, eine Alpha-Dame


Liebe Marlena
---
Am Samstag werden wir die Oper Penthesilea besuchen. Sie hat sehr gute Kritiken.

" Penthesilea, Tochter des Ares, Königin der Amazonen, kam mit ihrem Heer dem Priamos zu Hilfe und fiel durch die Hand des Achilleus."

Das steht in meinem kleinen Mythologischen Lexikon, welches ich hier im Büro zwischen den Germanischen Sagen und den Grimmschen Märchen gefunden habe. Es ist sozusagen die Gymnasiasten-Ausgabe und schwer zensuriert. Ich werde dann zuhause noch die Variante sabbernder Gelehrter nachlesen.

Die Amazonen waren dieses Weiber-Volk mit eigenem Staat irgendwo drüben in der Nähe des Schwarzen Meeres. Penthesilea, eine Alpha-Dame mit diesem wunderschönem Namen, der die letzten 200 Jahre die erotischen Träume aller pubertierenden Gymnasiasten angefeuert hat, war deren Königin. Das Gerücht ging  um, die Amazonen hätten sich jeweils die rechte Brust wegschneiden lassen, um im Kampf mit Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein. Das haben uns gar die prüden katholischen Geistlichen erzählt - ohne freilich genauer zu wissen, wovon sie redeten.. Periodisch musste sich also dieser antike Frauenverein überlegen, wie sie es mit ihrer Nachkommenschaft anpacken sollten. Schon damals war offenbar  Nachhaltigkeit ein Punkt der Traktandenliste! Und so haben die Amazonen alle paar Jahre blutige Raubzüge unternommen, um ein oder zwei Dutzend tüchtige fortpflanzungsfähige Mannsbilder zu klauen und heimzuschaffen. Den Fakten ins Auge schauend: wir haben es hier geschichtlich mit den ersten  'Samenraub' zu tun.
Die Amazonen sollen also dort unten am Eingang zum Bosporus irgendwie auch auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges aufgetaucht sein, um sich - auf beiden Seiten der Front notabene - die prachtvollsten Kerle herauszupicken. Gerade das vertuscht die Gymnasiasten-Variante. Man stelle sich das vor. Der Kampf zwischen Griechen und Trojanern tobt fürchterlich. Das Blut spritzt in respektablen Fontänen. Und dann kommt da  ein Heer von adretten einbusigen Damen herangaloppiert und mischt sich zielbewusst in die tobende und brodelnde Schlacht.
Als die Damen ihre Herren schon gebunden und für die Heimreise gestapelt  hatten, da erspäht Penthesileas Auge noch den absoluten Superstar .Achilles. Sie kann es natürlich nicht lassen. Und es entwickelt sich zwischen den beiden antiken Promis ein merkwürdiges und einzigartiges Liebes- und Kampfspiel, welches der gute Schoeck dann mit besonderem Vergnügen vertont haben soll. Er - Schoek - meint, "Küssen" und "Beissen" reimten sich auf sonderbare Weise.
Ja, klingt alles ein bisschen verwegen. Wir werden sehen, ob wir schweissgebadet wieder aus dem Theater herauskommen?
Liebe Gs und Ks
...

Samstag, 9. November 2013

Re: Nochmals Skagen





Liebe Malou

Ja, das Bild ist sehr schön. Ich mag solche Bilder, wenn ich auch weiss, dass der Stil längst vorbei ist. Er ist wohl postimpressionistisch, ungefähr so wie Bonnard und andere. Alles schaut so sinnlich und lebensfreundlich aus. Das gute Licht, der volle Tisch, die plastisch gemalten Gesichter. Es ist eine durch und durch bürgerliche Malerei, die das bürgerliche Leben geniesst. Und vielleicht sieht man auch ein bisschen von dem speziellen Licht in Skagen, wie Du darauf hinweist. Man hat ja wohl den Eindruck, das sei alles sehr realistisch gemalt, inklusive die Jungendstil Lampe, die oben hängt. Aber ist im Gegenteil sehr gut durchkomponiert. Wenn man sich die Wandaufteilung im Hintergrund anschaut, muss man feststellen, dass sich der Maler viel dabei überlegt hat. Es gibt einen guten Rhythmus quer durch das Bild hindurch. Und die schöne Rückensicht des Typen links im Vordergrund. Das schafft den Eindruck der Tiefe ins Bild hinein. Ja, man hat den Eindruck, dass man selbst auf einem Stuhl in der Runde dieser Geniesser sitzen würde. Und das Glas Rotwein im Vordergrund ist zum Greifen nahe. Daneben die dunkle Person im Gegenlicht. Schön, wie der Bart scheint. Ja, gefällt mir sehr gut. Man möchte doch dabei sein, nicht wahr. Und man fühlt etwas von der Lebendigkeit einer vergnügten Diskussion in freundschaftlichem Kreis. Muss ich mir merken, die Skagen Maler, auch wenn Du sie schon in historischer Zeit mal erwähnt hattest.
...

(R)

Freitag, 8. November 2013

Donnerstag, 7. November 2013

Monsieur Germain an Camus



Subject: Monsieur Germain an Camus

Liebe Marlena
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normale von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.


Algier, am 30. April 1959

Mein lieber Kleiner,
von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen.
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast. Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten. Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis

*
Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. Wir könnten feine Gespräche darüber haben.
Und jetzt bin ich todmüde und schicke dieses Mail. Du musst es nicht gleich alles durchlesen, wenn du keine Zeit hast. Eile ist hier nicht nötig. Aber das wirst du nun ja erst am Ende lesen, kannst es also nicht wissen, bevor du es wirklich gelesen hast.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit, meine Liebe
...

Dienstag, 5. November 2013

Besuch im Louvre



"Unser Lischen hat nur geschmunzelt angesichts unserer Eile,
so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage."

Subject: Wednesday probably (2)
...
Nun ja, eigentlich wollte ich dir erzählen, wie ich bei diesem kleinen Aufenthalt mit A. den Louvre besuchte. Meine Frau war mit der jüngeren Tochter irgendwie unterwegs und es ging schon gegen Abend. Ich redete auf A  ein, dass es eine Todsünde sei, Paris zu besuchen ohne den Louvre gesehen zu haben, das sei sozusagen wie ein Big Mac ohne Ketchup oder so. Sie wollte von diesem Louvre gar nichts wissen, fürchtete, es würde öde und langweilig werden. Schliesslich hatte ich sie soweit, dass wir etwa um 1600h, beim heiligen Versprechen, nicht länger als eine Stunde, die Karten lösten und ich sie also in diesen Louvre schleppte. Wir eilten förmlich durch die langen Gänge, wir fuhren Slalom zwischen den amerikanischen Touristen, wir hätten am besten die Inline-Skates mitgenommen, so eilig gingen wir den Klassikern entlang. Bei einigen besonders berühmten, etwa bei der Mona Lisa – wie ich mich erinnere – musste man sozusagen erst die Fliegen vor dem Bild verscheuchen, damit man kurz einen Blick drauf werfen konnte. Die Fliegen entpuppten sich als die mit Fotoapparaten bewaffneten Scharen von Japanern. So habe ich mir mit A den Louvre angeschaut, in einer knappen Stunde, es war praktisch ein Jogging Parcours. Und heute erinnert sie sich bloss noch an diese kleine Mona Lisa, die hinter dickem Glas und einer Traube von Japanern kaum zu sehen gewesen war. Doch unser Lischen hat nur geschmunzelt, das kann ich dir versichern, angesichts unserer Eile, so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage. Jemand (weiss nicht mehr wer) hat einmal geschrieben, er hätte den Eindruck, Mona Lisa schaue ihn an wie seine Frau, wenn er nach Mitternacht heimkomme und behaupte, er hätte noch im Büro gearbeitet. Das hat er – so finde ich – schön und treffend gesagt. Sie lächelt in der Tat irgendwie ungläubig!

Aber im Grunde genommen wollte ich nur auf deinen Vorschlag eintreten, für den Louvre einen Tag zu reservieren. Es können meinetwegen auch zwei Tage sein, obwohl man ja in diesen Museen totmüde wird (und dann den Arm auf die Schulter seiner Freundin legt, um sich etwas abzustützen, wie du hilfsbereiter Weise vorgeschlagen hast), und obwohl es in Paris noch andere Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen gäbe. Schliesslich möchte ich, dass du mir einmal rasch die Sorbonne zeigst. Die kenne ich noch gar nicht und die würde mich sehr interessieren, obwohl ich irgendwo unter meinen alten Fotos eine Abbildung eines schweren klassizistischen Hofes habe, den ich mal in der Sorbonne geknipst hatte. Und gleich daneben habe ich ein Foto aus einer wunderschönen Bibliothek in der Nähe des Panthéon, benannt nach der Stadtheiligen, wenn ich mich nicht irre.

Nun ja, wir sind wieder einmal in Paris gelandet. Das ist unser kleinster gemeinschaftlicher Nenner, wie man in der Mathematik und im Bruchrechnen sagen würde. Unsere Wege führen nicht nach Rom, sondern nach Paris, meine Mausfreundin. Und hat nicht jemand, im Kampf der Konfessionen, gesagt, Paris sei eine Messe wert?, oder eine Sünde?, das weiss ich nun nicht mehr so genau, ist aber im Grunde auch kein grosser Unterschied.

Sonntag, 3. November 2013

Allerheiligen



 Cimetière du Père Lachaise


Lieber ...,
Gestern haben wir Allerheiligen gefeiert. Schweden ist kein sehr
religiöses Land und die meisten, wenn sie überhaupt etwas sind, sind
Protestanten. Aber es ist komisch wie sehr sie auch die Gebräuche der
katholischen Kirche feiern.
An diesem Tag besuchen die Leute die Gräber ihrer Verstorbenen und
zünden dort Lichter an. Es ist eine schöne Sitte und feierlich, wenn
überall im Dunkeln diese Kerzen brennen.
Ich habe meine Verwandten weit weg von hier, sowohl Lebende wie Tote,
aber manchmal gehe ich auch hier auf den Friedhof. Drei meiner
nächsten Kollegen, mit denen ich auch gut befreundet war, liegen dort
neben einander begraben.

Was ich dir eigentlich erzählen wollte ist, dass man an diesem Tag
einen ganz wunderbaren Dokumentarfilm über den Père-Lachaise Friedhof
in Paris gezeigt hat.. Man zeigte die schönen Grabsteine und machte
kleine Interviews mit Leuten, die die Gräber besuchten. Sie erzählten
welches Verhältnis sie zu dem Toten hatten. Eine junge Japanerin und
Pianistin erzählte wie viel Chopin in ihrem Leben bedeutete und sie
stand eine gute Weile an seinem Grab in Gebet versunken. Ein
Südkoreaner war nach Paris gekommen, um das Grab von Marcel Proust zu
besuchen. Er meinte Proust hätte ihn 10 Jahre lang seelisch ernährt
und nun wollte er sich bedanken indem er ihm ein Stück Kuchen auf den
Grabstein legte. :-) Er schien ein ganz normaler freundlicher junger
Mann zu sein (falls du dich wunderst) :-)
Bei den Leuten aus unserer Zeit, wie z.B. Yves Montand und Simone
Signoret, zeigte man eine kleine Filmsequenz. Bei einer jung
verstorbenen heute unbekannten Sängerin, liess man ihre Stimme hören.
Sie war einmalig. Ich habe dabei an Barbara gedacht, die du mir mal
empfohlen hast. Ihre Stimme klang wie hauchdünnes Glas, das jeden
Moment zerspringen könnte.
Ich hätte gern diesen Friedhof besucht, als ich dort war. Aber leider,
die Zeit war zu kurz.
...

(R)

Samstag, 2. November 2013

Re: Real life?


Chère, voilà une confession sans retenue aucune ... (Rilke)

Liebe Marlena
Dein Sonntags Mail ist schön, ein bisschen nachdenklich, aber schön. Und ich hoffe, dass die sonnigen Grüsse nicht nur vom Wetter, sondern von dir direkt stammen, also von deinem sonnigen Gemüt.
Ach, das Rilke Gedicht ist wirklich sehr dramatisch, eine Dramatisierung der platonischen Liebe. Sie ist stärker als der Körper, sie braucht den Körper nicht. Sie ist die absolute Vergeistigung, schon in der Nähe des Religiösen. Der Gedankengang scheint mir natürlich auch etwas masochistisch. Und er scheint mir feminin. Liege ich da richtig?
Weißt du, dass Rilke eine Schwester hatte, die aber früh, kurz nach der Geburt schon gestorben war? Offenbar hatte seine Mutter ihn dann bis ins 5. Lebensjahr wie ein Mädchen gekleidet und erzogen. Er hat doch schon sehr feminine und sensitive Züge.
Wenn ich das Gedicht lese und mir vorstelle, dass du es sagst, zitierst, dann wird es mir etwas komisch ums Herz. Einerseits ist es so intensiv in der Konsequenz des Gedankengangs und der Selbsthingabe bis hin zum verbrannten Hirn, so dass nur noch Blut bleibt. Andererseits denke ich an dich, wie ich dich auf den zwei Bildern sehe. Also, diese zwei Vorstellungen möchte ich nicht zu nahe zusammen bringen. Ich sehe dich lieber blühen, Marlena. Nun ja, die eine Vorstellung ist eben 100% platonisch und die andere ist zu einem schönen Teil Fleisch und Blut, also ziemlich lebendig.
Was mich amüsiert hat ist die Tatsache, dass du nach dem Gedicht gesucht hast, wie ich fast gleichzeitig nach meinen Büchern gesucht habe. Gibt es wirklich solche Parallelen zwischen Stockholm und Basel? Du hast dieses schöne Gedicht gefunden und ich habe gefunden:
2 Bände Rainer Maria Rilke Chronik seines Lebens und seines Werkes
Rainer Maria Rilke Duineser Elegien
Letzteres ist ein kleines dünnes Büchlein. Ich habe es erst im August 98 gekauft. Ich kann mich noch gut erinnern. Ich wusste sehr wohl, dass ich diese Duineser Elegien schon zuhause hatte. Trotzdem habe ich das Büchlein in jenem Sommer gekauft. Ich fand, es sei so schön klein und man könne es überall mitnehmen.
Und die 2 Bände habe ich mal in einem Antiquariat billig gekauft. Es ist eine minutiöse Chronik seines Lebens und man kann praktisch für jeden Tag sehen, wo er gerade war und an wen er Briefe geschrieben hat. Er war ja ein grosser Briefeschreiber.
Ich will mal suchen, wann er in Ronda war und was er dort geschrieben hat. Er schreibt über Ronda am 31. Dezember 1912 an Rodin in Paris:
"Ronda où je suis à présent est un pays icomparable, un géant de rocher qui supporte sur les épaules une petite ville blanchie et reblanchie à la chaux et qui, avec elle, fait un pas sur la mince rivière, tout comme Saint Christophore avec l'enfant Jésus; je comprends qu' on trouve partout ici son image das les églises; et il est tout fait pour en être le Patron".
Oder am 17. Dezember schreibt er an Fürstin Turn und Taxis von Ronda:
"Hier wäre nun freilich auch der Ort, recht spanisch zu leben und zu wohnen, wäre nicht die Jahreszeit...zum Überfluss hat der Teufel den Engländern eingegeben, hier ein wirklich ausgezeichnetes Hotel zu bauen, in dem ich natürlich nun wohne, neutral, theuer und wie es sich der und jener wünschen würde, und dabei bin ich schamlos genug, zu verbreiten, dass ich in Spanien reise".
Oder weiter "...ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel. Hier meint man in einem Christlichen Lande zu sein...Jetzt ist hier eine Gleichgültigkeit ohne Grenzen, leere Kirchen, vergessene Kirchen, Kapellen die verhungern."
Auch in seinen Briefen ist Rilke sehr bildhaft, originelle Bilder, finde ich.
*
Du sagst, es sei wie Heroin, und später die Frage, ist es real life oder ist es virtual life. Und dann erwartest du noch dazu, dass ich streng sei und dir ins Gewissen rede. Ach Marlena, ich bin überhaupt kein strenger Mensch. Dazu eigne ich mich nicht sonderlich. Ich bin large, manchmal sehr, auch mit mir selbst.
Was real und was imaginativ ist, daran bin ich auch am Überlegen, meine liebe Mausfreundin. Ich glaube, wir sind noch sehr dazu erzogen worden, Realität und Fantasie zu trennen. Die heutige Jugend sieht Science Fiction Filme, Horror Filme, realistische Filme, alles durcheinander. Ich glaube, sie unterscheiden nicht mehr so genau zwischen Vorstellungen und Wirklichkeiten. Das ist wohl auch eine Folge des Wohlstandes. Nur materieller Wohlstand erlaubt zu träumen, von den paar Dichtern einmal abgesehen, die trotz Armut geträumt haben.
Ich finde auch, dass Vorstellungen sehr wirklich, vielleicht müsste man sagen wirksam sein können. Oder die Worte, wie du feststellst. Alles geht im Kopf ab. Die Skirennfahrer machen Mental Training, die Generaldirektoren machen psychologische Kurse, die Leute machen jetzt Telefonsex (ich sage zu S im Spass, ich wünsche mir mal Telefonsex, das sei wirklich etwas, was ich noch nicht kenne. Aber ich habe noch nicht das passende attraktive Telefon gefunden! Die Handys sind mir zu dünn und das Telefon in der Stube ist mir zu hart).
So kann man sich auch eine unterhaltsame Stunde machen, indem man Wäsche bügelt. Es gibt doch diese wunderbare Szene bei Tom Sawyers, als er für Tante Polly den Zaun streichen muss. Sicherlich kennst du sie, Marlena, von Mark Twain. Das ist sehr psychologisch gemacht. Hat mir als Junge immer gut gefallen. Vielleicht war es sogar ein Motiv-Grund (eines unter mehreren) für mich, Psychologie zu studieren. Was ist really real, und was ist not really real. Ach, wer könnte das beantworten?
*
Doch, ich kann dir etwas dazu sagen. Es ist mir vor ein paar Tagen eingefallen, und ich wollte es dir bei Gelegenheit schreiben. Jetzt schreibe ich etwas früher, obwohl es vielleicht gut gewesen wäre, dies oder jenes noch kurz nachzulesen. Es gibt in der deutschen Literatur den grossen Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing. Schon sein Name ist Musik. Er hat im 18. Jahrhundert gelebt und viel geschrieben, unter anderem ästhetische Schriften (Laokoon) und Musterdramen (Emilia Galotti). Das bekannteste dieser Dramen ist Nathan der Weise. In diesem Drama, nach der aristotelischen Regel der Einheit von Ort, Zeit und Handlung geschrieben, kommt es zur Frage, welche Religion die wahre sei: Christentum, Judentum oder Mohammedanismus? Und die Frage wird anhand einer Parabel gelöst, die Lessing aus dem Decamerone von Boccacio hat. Es ist die sog. Ringparabel. Ein Mann hat drei Söhne und gedenkt vor seinem Tod, seinen wunderschönen Ring dem Ältesten zu vererben, denn er ist edel und gut. Er spricht mit dem zweiten Sohn und bemerkt, dass er ihn als Vater ebenso liebt. Und beim dritten desgleichen. Und so entschliesst er sich, zwei Duplikate des Ringes machen zu lassen und jedem seiner Söhne einen zu vererben. Und jeder der drei Söhne meint, er hätte den einzigen und echten Ring.
Ich glaube, Lessing treibt die Geschichte noch weiter, indem es heisst, die Söhne streiten sich, wer den echten Ring hat. Und der Vater sagt ihnen, am Leben und der Art, wie sie edel und gut sind, wird man erkennen, wer von ihnen den echten Ring habe.
Ist das eine Antwort, meine Liebe? An der Serenität im Alltag wird man erkennen, ob die Mausfreundschaft real ist. Ich glaube, bei mir wirkt es schon ein bisschen. Willst du wissen wie? Früher, wenn ich mitten in der Nacht aufgewacht bin, habe ich mich oft geärgert, weil ich schon an den Morgen dachte, da ich wieder früh aus den Federn muss. Heute geniesse ich es, im Bett nachzudenken, was wir reden, was ich dir erzählen kann, nun ja, du weißt, die Kilometermails, die nie geschrieben werden. Oder am Morgen katapultiere ich mich um 530h aus dem Bett mit der Vorstellung, dass im Büro ein Mail auf mich wartet. Jetzt verstehst du vielleicht meinen Hilferuf nach einem Bergarbeiter-Steak.
Aber Marlena, lass mich auf diesen Punkt kommen. Vielleicht magst du das nicht. Aber irgendwie muss ich. Du kannst mir sagen, falls du nicht darüber reden willst. Ich habe den Eindruck, du hast Schuldgefühle. Und ich habe den Eindruck, dass für dich irgendwo ein grosses Problem ist. Ich vermute, es liegt zwischen dir und deinem Mann? Ach, ich wollte dich nie so direkt fragen. Aber es taucht in deinen Briefen immer wieder irgendwie auf. Ich habe mal gedacht, es sei wie ein Seufzer, der durch deine Zeilen geht.
Wenn ich jetzt könnte, würde ich gerne mit ein paar Rilke Zeilen enden. Aber ich weiss nicht, ob es mir so gut gelingt wie dir?

Ach, wen vermögen wir zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Strasse von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, uns so blieb sie und ging nicht.

Aus der 1. Elegie, und es geht für mich dabei um die Vergänglichkeit, ob der ich ziemlich in Melancholie geraten kann. Doch Melancholie ist nicht Trauer, oder?
Ich umarme dich in Gedanken
G&K
...