Ämne: Montagmorgenundindunklernachtebensowiegestern
Datum: den 8 december 08:25
Liebe Maou
Schon
wieder Montag morgen. Ich bin etwas früh, deshalb habe ich rasch Zeit,
ein kleines Mail zu schreiben. Ich sollte zwar noch etwas
niederschreiben, was sich gestern Abend spät noch vor dem Fernseher
skizziert hatte. Ich glaube, wir sollten eine Information für Eltern
machen über Leghastenie. Und das ist gar nicht so leicht, zu
entscheiden, was man den Eltern sagen soll und was eben nicht.
*
Sicherlich
könnte Hypnose helfen. Handauflegen kenne ich nicht. Das hört sich
etwas abenteuerlich an. Aber wenn sonst nichts hilft, kann man schon
auch solche Methoden ausprobieren. Schliesslich möchte man eine
Besserung erreichen. Was die Hypnose betrifft, so kann ich mir
vorstellen, dass dadurch einiges in Gang kommen kann. Und schliesslich
kann sie nicht gegen die Natur arbeiten. Weshalb nicht. Es sind bestimmt
unsere Erinnerungen im Körper enthalten. Man darf nicht glauben, daran
sei nur das Gehirn beteiligt. Das scheint mir gänzlich unmöglich wenn
man daran denkt, wie der Körper beim Aufkommen von Erinnerungen auch
mitspielt. Oder wie Erinnerungen überhaupt erst über den Körper möglich
werden.
*
Ich weiss nicht, ob ich für Nobelpreisfeiern Zeit habe.
Ich glaube kaum. Das ist doch eine innerschwedische Angelegenheit, oder
etwa nicht? Vielleicht bekomme ich zufällig das eine oder andere zu
sehen. Meist kommen in den Nachrichten kleine Sequenzen.
Coetzee habe
ich gestern morgen am TV kurz gesehen. Doch es war eine kurze
Vorher-Reklame über einen Vortrag, den man am nächsten Mittwoch um
00.30h sehen kann. Ich hätte das gerne angeschaut, aber es ist mir zu
spät am Abend, respektive zu früh am Morgen. Ich schaue mir
Literatursendungen besonders gerne an. Gestern, bei Onkelchen, brauchte
er ziemlich viel Zeit zum Rasieren. Und so habe ich mich in der
Zwischenzeit an den Fernseher gesetzt und bin eine Sendung über die
Literatur vom kürzlich emeritierten Professor für Neuere Deutsche
Literatur in Zürich gesehen. Das erste, was mir dabei aufgefallen ist,
war die Tatsache, dass er fast in unserem Alter ist ;--) Na ja, ein
bisschen älter schon, aber nicht allzu viel. Er war der Nachfolger jenes
bekannten Professors Staiger, den ich noch gehört hatte. Vielleicht war
er in meinen Studienjahren noch Student vorgeschrittenen Semesters
gewesen. Als zweites war mir aufgefallen, dass er gar nicht so gewandt
und beredt war, wie ich mir das vorgestellt hätte. Er war eigentlich in
der Innerschweiz aufgewachsen, und die Provinzialität, die damit
zusammenhängt, war noch deutlich aus ihm herauszuhören. Das hat mich
doch einigermassen erstaunt, dass einer nach einer solchen Karriere
immer noch seine Herkunft zeigt.
Nun, seine Spezialität war es,
Gemeinsamkeiten quer durch die deutsche Literatur aufzuspüren und so die
roten Fäden aufzuzeigen. Er geht aus von der These, dass es bloss eine
Handvoll Geschichten gibt, die immer wieder und in jeder Zeitepoche auf
neue Weise erzählt werden. Jede Autorin oder jeder Autor erzählt seine
Sache neu, aber er steht natürlich in einer alten Tradition, setzt sich
ab ebenso wie er irgendwo auch wieder anknüpft. Diese Gemeinsamkeiten
und Differenzen aufzuspüren, das war offenbar seine Lebensaufgabe. So
ist er beispielsweise Liebesgeschichten, oder aber missratenen
Eltern-Kind -Beziehungen nachgegangen. Das braucht natürlich eine gute
Übersicht, ist aber bestimmt eine interessante Sache. Das hat er, wie er
meinte, aus purem Interesse gemacht. Arbeit sei die reine Freude,
wollte er damit sagen.
Als Beispiel wies er kurz auf Ingeborg
Bachmann hin. Wahrscheinlich war vorher von Max Frisch die Rede gewesen.
Bachmann und Frisch waren ja über einige Jahre liiert, haben zusammen
in Rom gelebt, bis alles in die Brüche ging. Nach Bachmann
kristallisiert sich alles im Leben in der Liebe. Die Liebe ist der
grosse und der hohe Hebelpunkt. Ich habe an Dich gedacht und Deine
Lebensphilosophie, als das gesagt wurde. -- Als sich A für die
Matura vorbereitet hat, musste sie eine Geschichte von Bachmann lesen.
Und ich hatte sie damals auch gelesen, weil A mich darum gebeten
hatte. Sie fühlte sich unsicher in der Interpretation und wollte wissen,
was ich dazu meine. Aber ich war natürlich nicht sicherer. Ich hatte
noch nie Bachmann gelesen und der Inhalt der Geschichte war keinesfalls
leicht durchschaubar. Und irgendwo konnte man lesen, dass irgend ein
Datum in der Geschichte mit dem ersten Zusammentreffen mit Frisch
zusammenfiel. Folglich hatte sie sich auch in dieser verschlungenen
Geschichte mit ihrem Max auseinandergesetzt, dem sie seine spätere
Entfernung so sehr nachtrug. Professor von Matt meinte gestern, dass
Bachmann den Wert der Liebe im Leben sehr hoch ansetzt, dass sie aber
prinzipiell davon ausgeht, dass der Mann darin versagt, versagen muss.
Jeder versagt darin. Sie denkt nicht, dass auch Frauen versagen
könnten, weil vorher schon der Mann versagt hat. Das scheint eine etwas
einseitige Theorie. Aber offenbar ist sie genügend, um daraus etliche
Lyrik zu machen.
*
Über die Friedensnobelpreisträgerin aus dem
Iran wissen wir nicht viel. Ich habe nur einen kurzen Artikel in der NZZ
gelesen. Sie war einmal eine hohe Richterin gewesen, wurde dann aber
ihres Amtes enthoben, uns setzt sich seither für andere Menschen vor
dem Gesetz ein. Und sie hat offenbar immer wieder den Einfluss der
Politik und der Religion auf das Gesetz kritisiert. Sie scheint also
eine mutige und aufrechte Bürgerin ihres Landes zu sein. Und bestimmt
hat die Mullah-Führung bereits auf die Tatsache ihrer Preisverleihung
reagiert und sie als eine Handlangerin des Westens beschimpft. Sie hat
es bestimmt nicht leicht in diesem Land und zu dieser Zeit. Die
Methoden, die dort angewandt werden, um die Leute zu Schweigen zu
bringen, sind hart und nicht zimperlich.
*
Ich hatte versucht, Dir
ein Bild zu senden. Wenigstens eines, das wollte ich tun. Aber es ist
mir nicht gelungen. Es kam jeweils eine Meldung, dass das System versagt
hat. Es ist unerträglich, wie sehr wir von Systemen abhängen. Das ist
schon fast gegen die Menschenwürde!!
Ich wünsche Dir einen prima Wochenanfang.
Mit lieben G und K
...
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Ämne: Glühender Morgenhimmel..
Datum: den 8 december 09:34
Liebster Mausfreund,
Warum
nicht diesen Tag mit einem Mail an dich beginnen? Ich habe schon in
Ruhe meinen Kaffee getrunken. Es war in der Küche, die nun so schön
weihnachtlich geschmückt ist, dass es ein Genuss ist dort zu sein. Ich
merke es immer wieder: Ich geniesse das Leben vor allem mit den Augen.
:-)
Schön schon am frühen Morgen ein Mail von dir zu finden und
interessant was du über den Nachfolger von Staiger schreibst. Aber dass
du eine besondere Lebensphilosophie bei mir entdeckt hast, erstaunt mich
ein wenig. Welche ist das?
Wie denkst du selbst über das Versagen der Männer in Sachen Liebe?
Jetzt
ist der gerade der Himmel ganz einmalig schön. Er glüht in starken
rosaroten Farben. Und davor zeichnen sich die schwarzen Äste des
Kirschbaumes ab. Das solltest du sehen..
Wie schade, dass du
nicht mit mir zum Nobelfest gehen willst. ;-) Es ist ein
Genuss das zu sehen. Wird es denn nicht in allen Ländern gezeigt? Warum
kannst du nicht das Program mit Coetzee auf Video aufnmehmen und später,
wenn du mal Zeit hast ansehen?
Ich muss nun auch an die Arbeit. Denke du bist schon fleissig daran.
So grüsse ich dich lieb
mit H und K, (H auf ein neues Mail von dir und K ganz vorsichtig auf die Schläfe... :-)
Malou
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Ämne: Gleissender Mittag
Datum: den 8 december 14:38
Liebe Maou
Jetzt
ist die Sitzung mal fürs erste vorbei. Wir sind immer sehr knapp an
Zeit und meine Kollegen möchten gerne über dieses und jenes diskutieren.
Und ich muss sie dann unterbrechen. Das tue ich nicht sonderlich gerne,
aber es bleibt mir nicht viel anderes übrig.
Ich habe noch keinen
Kaffee gehabt diesen Morgen. Und das vielleicht bringt mich dazu, schon
am Mittag etwas müde zu werden. Ach, weißt Du nicht, wie schön Du es
hast, nach 8.00h noch in der dekorierten Küche zu sitzen und Kaffee zu
trinken! Es gibt wenige Menschen auf dieser Welt, die das können. Na ja,
die eindeutigen Hausfrauen mal ausgenommen.
*
Deine Philosophie
besteht doch darin, möglichst die Verliebtheit zu suchen, um die Welt in
ihrem Zauber wahrzunehmen. Man könnte meinen, Ingeborg Bachmann denke
ähnlich, aber sie macht vor allem den Männern den Vorwurf, dass sie
darin und auf diesem Niveau nicht mithalten. Na, ich weiss nicht so
genau, was und wie sie denkt. Vielleicht ist sie eine frühe Feministin?
Vielleicht hat sie sehr schlechte Erfahrungen gemacht im Leben?
*
Nein,
ich glaube, das Nobelfest wird bei uns nicht gezeigt. Bloss vielleicht
einige Passagen. Ich erinnere mich an Szenen, die ich im spanischen
Fernsehen gesehen habe. Dort hat der König irgendwelche Preise verteilt
an irgendwelche Männer und Frauen mit respektablen Schärpen und in
altehrwürdigen Räumen. Das und das Sensorium für solche Dinge fehlt uns
Schweizern wohl völlig!?!
*
Im Moment bin ich zum Schlafen müde.
Ich glaube, ich nehme ein Nickerchen, wenn Du erlaubst, damit ich
nachmittags die Augen wieder offen halten kann.
Mit Lieben Krüssen
Rud
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Ämne: Dunkler Nachmittag..
Datum: den 8 december 17:24
Liebster Mausfreund,
Hast
du gut geschlafen? Und bist du froh und munter an deine Arbeit
gegangen? Nun ja, du weisst wir können einen Teil unserer Arbeit nach
Hause verlegen. D.h. viel von der Papierarbeit sowie Tests konstruiren,
Arbeiten korrigieren tut man besser an einer Stelle, wo man nicht
dauernd durch andere Leute gestört wird. Im Arbeitszimmer klingelt an
und zu das Telefon, dann kommen auch öfters Schüler um ihre Lehrer um
etwas zu fragen. W geniert sich nicht mit seinem Kandidaten laut
die Stunden zu besprechen und der PC, der für 5 Personen ausreichen soll
wird oft von diesen gleichzeitig beansprucht, d.h. wenn wir nicht im
Klassenzimmer stehen.
Es ist also in vieler Hinsicht vorteilhaft
gewisse Dinge in Ruhe zu Hause machen zu können und dabei den eigenen PC
zu verwenden.
*
Ich glaube du hast eine lustige Idee von mir was
das Thema Liebe betrifft. Manchmal denke ich schon, dass sich Männer
sehr von uns unterscheiden und dann doch wieder nicht. Ich bin fast
sicher, dass auch jeder Mann von der "richtigen Liebe" träumt, obwohl
ihn ab und zu der Anblick einer schönen Frau "im Bauch kitzelt", wie du
es so lustig ausdrückst.
Ich muss gestehen, dass es eine Zeit gab, wo
ich nicht verliebt war. Das ist schon mehrere Jahre her. Ich dachte ich
hätte nun solche Dinge hinter mich gebracht. Es war ein angenehmes
Gefühl und ich sah fast mitleidig auf meine Kollegen, die immer noch
"mit ihren Hormonen kämpften". Ich war ganz zufrieden und betrachtete
das Dasein mit erhabener Ruhe. Ja, das klingt etwas lustig.. aber ich
finde kein Wort das besser passen könnte. Und dann habe ich mich
nochmals verliebt. Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, denn ich
hörte die Sirenen heulen und mich warnen. Ich hatte absolut nicht die
Absicht mich zu verlieben "um die Welt in ihrem Zauber wahrzunehmen".
*
"das Sensorium für solche Dinge fehlt uns Schweizern wohl völlig!?!
Ach
nein, das hoffe ich doch nicht. Aber natürlich würde ich das ganze
nicht mit solchem Stolz betrachten, wenn es nicht gerade in unserem Land
stattfände. Und ein wenig habe ich das Gefühl, dass alle diese
prominenten Preisträger bei mir zu Gast sind. Es freut mich ganz einfach
ihre Freude über das schöne Fest zu sehen. So viel Schönheit, Eleganz
und Intelligenz unter einem Dach - warum sollte ich da wegschauen?
*
Ach ..., das ist wieder mal ein komisches Mail geworden. Aber ich schicke es ab.
Noch jetzt bevor du nach Hause gehst, hoffe ich.
Mit lieben Grüssen,
und einem schönen K,
Malou
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Ämne: Abruptes Ende.. :-(
Datum: den 8 december 21:10
Lieber ...,
Ist
es mit Absicht, dass du nun das "L" in meinem Namen weglässt und mich
Maou nennst? Zweimal nacheinander hast du das getan. Natürlich darfst du
mir süsse Kosenamen geben. Wie wir bei uns sagen "kärt barn har många
namn" (liebes Kind hat viele Namen). Ich halte an ... fest. Der Name ist
für mich ist wie Musik. Es ist lieb und "tender" (zärtlich auf deutsch?)
und absolut nicht so brutal wie Rud. ;-)
Eine Kollegin, früher
einmal Kandidatin zu dem Titel Miss Schweden, jetzt eine nicht mehr ganz
schlanke 50-jährige Frau, versucht mich nun zu einer Reise nach Berlin
zu überreden. Sie meint, dass wir etwas Abwechslung brauchen
in unserem monotonen Lehrerdasein. Und ich gebe ihr Recht. Sie versucht
auch G und Å mitzukriegen auf diese Reise. Schön wäre es schon.
Ich glaube mit diesen beiden Herren würde man auf einer solchen Reise
keine langweilige Minute erleben. Sie meint, wir müssen uns irgendwie
auf eine schöne Weise von Å und vielleicht auch von G verabschieden.
Und warum nicht mit einem Fest in Berlin, das ein paar Tage dauert??
Ach,
ich habe wirklich Lust dazu. Weiss nicht ob ich dir erzählt habe von
unserer Reise nach Lübeck. Wir sind hingefahren um uns den
Weihnachtsmarkt anzusehen. Er ist fast so berühmt wie der in Nürnberg.
Da waren diese Kollegin und G auch dabei. Es war vor ein paar Jahren
und die Reise wurde von der Schule bekostet. Man sollte sich besser
kennenlernen. Das war ein etwas lustiger Gedanke, da wir schon seit
vielen Jahren gut befreundet waren und öfters gemeinsame Feste hatten.
Jetzt
hatte ich gerade einen Anruf von meinem Direktor. Es gilt einem Kollegen, der
plötzlich vor ein paar Wochen erklärte, dass er mehr Zeit für die
Politik braucht und dann gleich ein paar Klassen im Stich liess, u.a.
eine, die gerade vor ihrer Schlussprüfung in dem Fach Deutsch steht. Der
Direktor hat keinen Vertreter gefunden, d.h. wir anderen Lehrer haben
uns geweigert die Stunden zu übernehmen. Und nun sind die
Schüler wütend .... Man könnte verrückt werden.
Nun hat mir dieser dumme Mann den Abend verdorben.
Ich schreibe dir morgen wieder. Ich hoffe dass du nicht so dumme Leute um dich hast wie ich.
Liebe Grüsse,
Malou