Dienstag, 28. Februar 2017

Re: weekend



Ämne: Re: weekend

Lieber ...,
Bin ich wirklich schon mal wortkarg gewesen? Kann ich mir garnicht vorstellen. Und ich bin mir auch garnicht bewusst, dass ich dir diesmal viel geschrieben hätte.
Ja doch, es ist  bald vier Jahre.. na ja genauer gesagt 3,5 Jahre her, das wir uns kennengelernt haben. Man sagt dass das ungefähr 25 Jahre im RL entspricht. Und es freut und wundert mich zugleich, dass wir immer noch so beharrlich miteinander korrespondieren.
Aber weisst du, neulich einmal, als du geschrieben hast du hättest dir vorgenommen "ein Mail pro Tag" zu schreiben, da bin ich etwas erschrocken. Wenn ich mir so was vornehmen würde, würde ich es sofort als eine Pflicht betrachten und es würde mich in Stress bringen. Es klingt auch etwas ähnlich wie "eheliche Pflicht" oder lass uns sagen "virtuelle Pflicht". Gott sei Dank habe ich immer noch grosse Lust dir täglich, manchmal sogar mehrmals täglich, zu schreiben. Und es ist mit der Zeit sogar etwas leichter geworden. Wie kann ich dir das erklären? Früher waren meine mails immer viel länger als die, die du schliesslich an deinem PC gefunden hast. Es stand unendlich viel zwischen den Zeilen. ;-)  Ich habe gelernt mich etwas leichter zu zensurieren..
*
Ach, oben unter dem Dach also? Genau wie ich. Sogar ein schräges Dach, das dem Schlafzimmer ein bisschen den Eindruck von einer Hütte verleiht. Irgendwie kuschelig und gemütlich. Und mein Fernseher steht in dem grossen Allraum, der fast das ganze obere Stockwerk ausmacht. Neben dem Schlafzimmer liegt dann noch Annas Zimmer (heutzutage meine Rümpelkammer, ja leider!) und ein kleines Badezimmer samt Garderobe. Eigentlich eine Kammer. Und vom Fenster im Allzimmer habe ich Ausblich über die Felder und den Garten. Es gibt auch einen Balkon. Du siehst, ich habe ein eigenes kleines Appartement, nur für mich allein. Aber wenn ich dir schreibe tue ich es hier unten in K's Büro an dem kraftvollen PC. Oben habe ich auch nicht Internetanschluss.
*
Ja, du hast Recht. Das Wort "bohemisk" gibt es nicht im Deutschen. Eines von den schönen Wörtern die kein direktes Gegenstück haben auf deutsch. Und doch ist es ein so vielsagendes Wort. Du solltest es ganz einfach importieren. :-) Ich habe übrigens schon öfters Wörter verwenden wollen, die keine direkte Übersetzung haben. Sie zu beherrschen ist die Seele einer anderen Sprache zu kennen.
*
Ach, eigentlich hatte ich ja nicht Alva Myrdal als Vorbild. Aber diese Ehe, mit zwei freien Persönlichkeiten, die trotz der räumlichen Entfernung (kam ja öfters vor) zusammenhielten, hat mir imponiert. Vielleicht ein Bisschen wie Sartre und de Beauvoir, aber die späteren hatten wohl keine sexuelle Beziehung. Das finde ich auch etwas komisch. Du nicht?
*
Es ist lustig, wie ich dich konkret vor mir sehen kann. Du schreibst mir so schön von deinem Alltag, dass ich dich wirklich beobachten kann. Ich sehe dich auf den Strassen von Basel, in der Sonne, ein wenig von Wind umweht und ich schmunzle wenn du plötzlich vom Weg abweichst und in einen Bücherladen hineinschlüpfst. Wie lustig du das beschrieben hast, wenn du ein Buch herausnimmst aus dem Regal.. Für solche und ähnliche Schilderungen sollte man dir einen Nobelpreis in Literatur verleihen. ...  Persönlich finde ich du solltest deine Memoiren schreiben. Tust du ja übrigens schon und ich hebe sie auf. Denn ich bin ganz sicher, dass sie einmal später gelesen werden, als ein literarisch hochstehendes Zeitdokument wenn nicht anders.
*
Ja, die Kinder sind unsere Achillesferse. Das ist sehr gut ausgedrückt.
*
So lasse ich dich nun, mein lieber Mausfreund. Und ich hoffe, dass du mir bald wieder schreibst und nicht nur aus Pflicht.

Mit lieben Grüssen
Marlena

PS Will nicht unser zweites Thema vernachlässigen: Sonne und leichter Wind!

Sonntag, 26. Februar 2017

Subject: weekend


Feuerwehr oder Schwemme

Liebe Marlena
Drei Mails, womit habe ich das verdient? Ist das der Frühling oder gibt es noch andere Gründe? Und dazu hast Du noch ein langes und zähes Mail garnicht geschickt, sondern zum Teufel gejagt? Das ist nicht leicht zuverstehen. Manchmal bist Du geradezu wortkarg, dh. wohl überbeschäftigt mit anderen Dingen. Und nun dieses!

*
Den langen Lebenslauf von Alva Myrdal habe ich kurz überflogen. Er ist
wirklich sehr lang und sie scheint eine ausserordentliche Frau gewesen zu
sein. Ein aussergewöhnliches Paar muss man wohl sagen. Sartre und Beauvoir
sind mir in den Sinn gekommen. Was an ihrem Leben auffallend ist, dass sie
viele Stationen hat. Und immer wieder hat sie für einige Zeit studieren
können. Das muss sehr bereichernd sein. Das Studium in Genf hängt bestimmt
mit Piaget zusammen. Er war in seiner Zeit der grösste Psychologe, durchaus vergleichbar mit Sigmund Freud (der ja nun, wie wir wissen, eigentlich kein
Psychologe war). Und im Alter ihr Einsatz für den Frieden, für den sie
offenbar auch den Preis bekommen hat. Das war ein erfülltes Leben. Und ich
bin beeindruckt, dass Du Dir eine solche Frau als Beispiel vorgenommen hast.
Es ist schön und gut, einen solchen Stern zu haben.
*
Und dann kommt das Buch des Sohnes heraus .... Missgeburt finde ich ein
hartes Wort. Ich sage immer, die Kinder sind die Achillessehne der Familie,
respektive der Eltern vielleicht sogar. Es gibt doch Lebensarrangements,
die viel verstecken können, die hinter einer wunderbaren Fassade offenbar
blendend vorankommen. Die Kinder zeigen aber, wenn etwas fehlt, wenn
Verzerrungen vorhanden sind. Man kann nicht sagen, dass die Kinder die
Wahrheit darstellen, denn die Wahrheit ist vielleicht das Ganze. Aber sie
zeigen eine Korrektur, eine Reaktion, oder wie man das immer nennen will.
Dass das Gesamtarrangement jedem Mitglied der Familie die ihm eigenen
Möglichkeiten lässt, das ist eben das Wichtige. Gut möglich, dass die
Reaktion des Sohnes mit der Enttäuschung des Vaters einhergeht. Deshalb
finde ich wichtig, dass auch die Eltern von ihren Kindern lernen. Das
gesamte System muss eine Balance haben, dann können einzelne Mitglieder
durchaus ein bisschen ins Extreme abgleiten.
Aber vielleicht spreche ich da von einer Zeit, als die Familie noch unser
Lebensmittelpunkt war. Heute ist das nicht mehr für alle Menschen der Fall,
denke ich. Oder man nimmt die Freundschaften von diesen modernen Singles
sozusagen als eine imaginäre Familie. Das ist nicht undenkbar. Und auch der
Gedanke, dass Singles nicht asozial, sondern besonders sozial seien, ist
nicht ohne. Ihre sozialen Beziehungen sind alle bewusst gewählt und nicht
einfach standesmässig per Geburt entstanden. Das ist natürlich an sich
modern.
Bestimmt ist es ziemlich schwer, sehr erfolgreiche Eltern zu haben. Kinder
wollen doch ihre Eltern erreichen, wenn nicht überholen.
Was mich betrifft, so bin ich mit meinen Kindern durchaus zufrieden. Gut,
ich hätte mit ihnen gerne Latein gelernt und alte Autoren nochmals übersetzt. Aber dieser Wunsch war doch wohl etwas egoistisch. Damit hätte
ich mir gerne alte Erinnerungen zurückgeholt.

(---)

Gratulation für den Schwedischen Sieg gegen die Finnen. Ihr Schweden seid
eine grosse Eishockey-Nation, das haben wir immer gewusst. Ich erinnere mich
an alte Zeiten, da die Russen und die Tschechen, die Amerikaner und die
Kanadier und die Schweden die Sache miteinander ausgemacht haben. Und die
Schweden waren immer ein junges Team mit einem frischen Spiel. Man hat ihnen
nachgesagt, sie wären erstklassige Trinker. Die Sache auf dem Eis ging mehr
oder weniger nebenher. Aber das war bestimmt bloss üble Nachrede. Sie waren
uns überaus sympathisch, weil sie unter den Goliaths sozusagen den David
spielten

---

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...



Donnerstag, 23. Februar 2017

Pause




Chris,  ... diesmal nicht hinter der Kamera





.

Dienstag, 21. Februar 2017

Wir werden sehen - Sinn des Lebens


Liebe Marlena

(---)

Ein chinesischer Bauer lebte in einem Dorf am Fusse des grossen Berges. Eines Tages war sein Pferd aus dem Stall verschwunden. Der Bauer war sehr verwundert, konnte sich die Sache aber nicht erklären. Und die Leute des Dorfes sind zu ihm gekommen und haben ihr Mitleid ausgesprochen für den schweren Verlust dieses schönen Pferdes. Der Bauer aber liess sich nicht betrüben und sagte bloss: Na ja, wir werden sehen. Zwei Wochen später stand sein Pferd wieder im Stall. Aber es war begleitet von einem Wildpferd, das sich ihm angeschlossen hatte. Und wieder kamen die Leute des Dorfes, diesmal, um den Bauer zu beglückwünschen. Hatte er nicht soeben ein Pferd gewonnen. Doch der Bauer sagte bloss: Na ja, wir werden sehen. Es verging nicht viel Zeit, und der Sohn des Bauern stürzte vom wilden Pferd und brach sich ein Bein, als er versucht hatte, es zu reiten. Die Leute des Dorfes kamen wiederum zum Bauern, um ihm ihr Beileid auszudrücken. Doch der Bauer sprach bloss: Na ja, wir werden sehen. Keine Woche später erschienen staatliche Beamte im Dorf, um Soldaten für die Armee auszuheben. Und sie nahmen alle jungen Männer, die im besten Mannesalter waren und in der Arbeit dringend benötigt wurden, mit, damit sie in der Armee ihr Leben riskieren würden. Nur den Sohn unseres Bauern konnten sie nicht mitnehmen, denn er hatte sein Bein gebrochen. Und wiederum kamen die Leute des Dorfes, um den Bauern zu beglückwünschen. Und wiederum antwortete er ihnen: Na ja, wir werden sehen.

Was ist der Sinn des Lebens? Was ist ein positives und was ist ein negatives Ereignis im leben. Das kann man im Grunde erst am Ende des Lebens sagen. Aber die meisten Menschen können nicht so lange warten und geben den Ereignissen sofort einen Sinn. Es gibt da natürlich Pessimisten und es gibt Optimisten. Die Optimisten, die die Kraft haben, ihr Leben positiv zu sehen, die auch in widerlichen Ereignissen noch positive Möglichkeiten sehen, sie bauen ihr Leben wie ein Turm. Die alten Steine sind stabile Grundlagen für die nächsten Steine. Sie geben dem Turm einen guten Halt. Die Pessimisten werfen jede Menge guter Steine weg, weil sie sie für schlecht befinden. Und so kommen sie nicht richtig vorwärts mit dem Bau.

Ich habe Dir erzählt, dass meine Mutter gestorben ist, als ich ungefähr 11 Jahre alt war. Das war eine Katastrophe, das war für mich ein wahrer Weltuntergang. Ich war als Kind immer sehr Heimweh nach meiner Mutter, während mein jüngerer Bruder viel selbständiger und reifer gewesen zu sein schien. Es war wirklich eine Katastrophe für uns alle (wir waren drei Kinder, und die Mutter ist nach der Geburt des vierten gestorben). Mein Vater war völlig hilflos. Und ich war durcheinander und auf eine gewisse Art total heimatlos. Und ich fühlte mich auf eine diffuse Weise sogar schuldig an ihrem Tod.

Ich will nicht behaupten, dass ich all diese Geschehnisse als Glücksfälle in meinem Leben sehen würde. Aber ich muss doch sagen, sie sind Teil meines Lebens. Sie haben mir nicht nur geschadet, sondern sie haben mich vielleicht auch auf eine Weise aufgebaut. Auf jeden Fall war meine Stiefmutter dann die viel begabtere Mutter, intelligenter, fantasievoller, grosszügiger. Meine Mutter war eigentlich ziemlich pedantisch gewesen.

Also, was soll man dazu sagen? Man soll sagen: Na ja, wir werden sehen!

...

Blick durchs Fenster




21/2 -17



und etwas später 


Vorher möchte ich ...

  Liebe Marlena

---

Die Freiheit des Menschen ist ein grosses Thema. Auch das interessiert mich sehr. Aber vielleicht habe ich im Moment etwas wenig Zeit, mich damit zu beschäftigen. Ein andermal, obwohl es ein Lieblingsthema für mich ist. Aber vorher möchte ich auf meine eigenartige Formulierung zurückkommen, von der du mich fragst, ob ich Lust hätte, sie dir näher zu beschreiben. Du bist in der Tat sehr diplomatisch, wie du fragst! Das macht dich elegant, Marlena, hast du das gewusst? Das finde ich sehr kultiviert. So viel, wie ich es selbst nicht bin. Ich bin direkt und manchmal sogar recht ungeschickt.

Also: die "platonischen Zärtlichkeiten". Du hast mir wunderhübsche Komplimente gemacht im letzten Mail. Ich habe sie "Zärtlichkeiten"; genannt. Es sind doch eigentlich Zärtlichkeiten.

Überigens, da muss ich was Lustiges dazwischenschieben. Im Wallis sagt man, wenn zwei Menschen verliebt sind, sie "karisieren". Als Junge habe ich mich immer gewundert über dieses Wort. Es klang sehr technisch in meinen Ohren. Aber es ist natürlich der französische Einfluss, kommt von caresser (so lautet es doch, oder nicht?).

Also, Deine Komplimente sind wie Zärtlichkeiten. Aber unter Zärtlichkeiten verstehen wir doch meist körperliche Liebkosungen, Küsse, Streicheln usw. Um diese Vorstellung zu neutralisieren, weil sie dir, dem Eisberg, ja wohl nicht sonderlich gefallen würden, habe ich sie platonisch genannt. Du wirst wissen, was platonisch meint. Wir sprechen auch von der platonischen Liebe, die ohne Sexualität und ohne Körper sein soll, wie die Leute sagen. Deshalb diese komische Formulierung: platonische Zärtlichkeiten. Es war ein Kompromiss, ganz einfach!

Damit sind die Rätsel für den Moment gelöst.

Ich bedaure dich um deine Erkältung und hoffe, dass du bald wieder gesund und munter bist.

...

Montag, 20. Februar 2017

Platonische Zärtlichkeiten

  




Ach, Marlena, du machst mir Komplimente, dass ich in den Himmel
wachse wie der Turm zu Babylon und mit der Nase an den Wolken
anstosse. Kennst du das Bild von Bruegel mit dem schönen Turm?
Ungefähr so, die Spitze über den Wolken, aber nicht ganz fertig gebaut,
eigentlich eine Baustelle noch, wenn nicht Ruine gar. Es ist nicht ganz
klar letztlich. Aber du weißt ja auch, was aus dem Turm geworden ist.

Deine schönen Worte sind platonische Zärtlichkeiten, wenn du weißt,
was ich meine. Darum sage ich doch wieder und wieder: von den
Betörungen sind die platonischen die schönsten! So wachse ich denn in
den Himmel, und die Luft wird dünner und dünner hier oben. Schön,
dass du mich begleitest. Hoffentlich kommen wir heil wieder herunter.
Aber ich glaube, wir schaffen das schon.

------

http://derstandard.at/
1339639238967/Eine-grosse-
babylonische-Fantasie  

Wir bauen ...


Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom


Ja, wir bauen ihn wieder, den Turm. Es ist schön etwas zu bauen. All die schönen Gefühle und Gedanken die man dabei hegt ..die Träume von der Vollendung ... was macht es wenn der Turm nie fertig wird. Der Weg ist die Reise wert. Und warum sollten wir nicht wieder heil herunterkommen? Glaubst du nicht auch dass wir immer wieder eine neue Sprache finden werden in der wir uns verständigen können ;-) Aber du, mit ein paar Jahren Architektstudien hinter dir, wirst mir schon ein wenig dabei helfen müssen damit ich nicht unnötig das Gebäude in Gefahr bringe.

...




Samstag, 18. Februar 2017

Mittwoch, 15. Februar 2017

Nachtzug nach Lissabon



„ICH WOHNE IN MIR WIE IN EINEM FAHRENDEN ZUG"

„Ich bin nicht freiwillig eingestiegen, hatte nicht die Wahl und
kenne den Zielort nicht. Eines Tages in der fernen Vergangenheit
wachte ich in meinem Abteil auf und spürte das Rollen. Es war
aufregend, ich lauschte dem Klopfen der Räder, hielt den Kopf in den
Fahrtwind und genoß die Geschwindigkeit, mit der die Dinge an mir
vorbeizogen. Ich wünschte, der Zug würde seine Fahrt niemals
unterbrechen. Auf keinen Fall wollte ich, daß er irgendwo für immer
hielte."

(Pascal Mercier)

Montag, 13. Februar 2017

Gedanken über Mausfreundschaft

oder der Beginn einer solchen:




den 28 mars 2000 09:37
Warum denn Friedenspfeife?



Liebe Marlena
es gibt keinen Grund zur Aufregung. Ich schätze diese vierblättrige Marlena über alles (weißt du was ein vierblättriges Kleeblatt ist? Es ist eine Pflanze, die Glück bringt, weil sie - ausnahmsweise - vier statt nur drei Blätter hat). Genau die Vierblättrigkeit mag ich. Ich kann das sehr gut hinnehmen, dass du gleichzeitig monogam, ladyhaft, sirenenhaft und "studienratsam" (das ist nun doch eine Eigenerfindung, dieses Wort) bist.
Ich finde, du hast das richtige Thema auf den Tisch gebracht und du hast es auch in deiner feinen Art angeschnitten. Finde ich sehr intelligent gemacht, meine Liebe. Es gibt da kein grösseres Problem, vielleicht ein paar kleinere?

Ich habe (in der letzten langen Nacht) auch überlegt, wie wir unsere Mausfreundschaft gestalten können, damit sie - wie soll ich sagen - damit sie lange hält. Das wünsch ich mir nämlich auch. Und dabei ist mir ein etwas banales Bild in den Sinn gekommen. Ich habe nämlich an die öl-exportierenden Länder gedacht, die mit ihrem Bodenschatz häushälterisch und sparsam umgehen müssen, damit er lange hält. Und auf der anderen Seite ist mir die menschliche Liebe in den Sinn gekommen, von der man sagt, dass, je mehr man davon (aus)-gibt, desto mehr sie wird. Das sind nun zwei unterschiedliche oekonomische Strategien. Operieren wir zwei mit Öl oder mit Liebe?

Ich finde, du hast das mit deinen vier Blättern sehr schön gesagt, und ich kann nicht viel mehr sagen, als dass es mir sehr ähnlich geht. Ich glaube, dass das alles neibeneinander möglich ist: ein bisschen Monogamie, ein bisschen Minne, ein kleines bisschen Sirenengesang, ein Stück Fachsimpelei (wie wir in Deutsch etwas abschätzig sagen) und auch - last but not least - ein bisschen Liebe und Sympathie und Mitgefühl. Ist doch die perfekte Mischung. Ich finde, es war sehr intelligent von dir, diese Aspekte ins Spiel zu bringen. Und ich habe versucht, mich zu erinnern, welcher Satz in meinen Mails dir wohl mit "Blaulicht" entgegengekommen war. War es die Aussage: "Je länger desto mehr mag ich dich"?? Und dann sind dir die Antworten deiner Internet-Umfrage durch den Kopf gegangen?

Vielleicht ist die Monogamie das grösste von den kleineren Problemen, indem man damit auch die seelische und geistige Seite versteht. Wenn ich mehr an dich als an meine Frau denke, bin ich dann noch monogam? Ich habe in deinem Horoskop gelesen, dass du sehr loyal und treu bist. Das ist sehr gut und ich glaube, ich habe das auch aus deinen Mails gelesen. Deine erste Priorität ist deine Familie. Meine erste Priorität ist meine Familie. Ist ok so.
Das zweite der kleineren Probleme ist diese Art von Liebe, die entsteht. Ich merke das bei mir, man möchte daraus eine grössere Liebe machen, man möchte sich irgendwie diesem schönen und tragenden Gefühl hingeben. Man möchte alles über die Mausfreundin wissen, über das Leben, die Interessen, die Sorgen das Aussehen, die Familie, die dunkeln Wolken und so weiter. Und das geht vielleicht (oder wohl) nicht. Das kann man nicht erwarten, alles wissen zu dürfen. Ich finde, du bist immer sehr diskret gewesen mit deiner Familie. Und ich habe das immer als etwas elegantes angeschaut. Du hast eben eine gute Erziehung. Ich war ein bisschen weniger disrket, weil ich dachte, du bist so weit weg, ich kann dir fast alles erzählen. Aber ich glaube, ich sollte bei dir nie über meine S klagen (denn ich klage schliesslich auch nicht bei S über dich). Das ist, wenn ich es mir überlege, mein Tabu.

Ich muss mich beeilen, darum halte ich mich heute auch etwas kurz. (hat aber absolut nichts mit dir zu tun, Marlena, Ehrenwort) Ich freue mich irgendwie, dass du dir über unsere Mausfreundschaft Sorgen machst. Auch ich hoffe, dass sie von Dauer sein wird, denn sie gibt mir viel Anregung und Freude und interessante Gedanken und - wie soll ich es zurückhaltend sagen - die Ausstrahlung einer lieben Person. Das möchte ich nicht mehr missen. Manchmal lenkt sie mich auch etwas von meinen Pflichten ab, muss ich ehrlicherweise sagen.
Kurz und gut, meine liebe Marlena, wir verstehen uns prächtig. Und wir werden dazu Sorge tragen. Und irgend einmal werden wir unseren ersten Maus-Streit haben, und auch den werden wir überleben. Sonst würdest du mir echt fehlen!!
Ich wünsche Dir einen schönen Tag und guten Mut.  ...

Sonntag, 12. Februar 2017

Samstag, 11. Februar 2017

Rilke - ein Mausleben


Datum: den 8 februari  21:22


Lieber ..,
Wieder ist ein Weekend vorbei. Bei dir war es sicher anregend und abwechslungsreich. Hier war es still aber doch angenehm und erholsam.
...
Ich habe im Internet nach Gedichten von Rilke gesucht, die ich für G haben wollte. Sie gibt nämlich einen Poesikurs und da meine ich, sollte Rilke nicht fehlen. Und dabei habe ich neue Dinge von Rilke gefunden, die mir sehr gefallen haben. Ich schicke dir diejenigen, die ich besonders mit dir (oder mit uns) verknüpfe. Du musst sie langsam lesen und jede Zeile begründen und du wirst verstehen was ich meine.
Ich glaube Rilke hätte gern ein Mausleben gelebt. Er weiss von ihren Gefahren und ihrer Schönheit. Er kennt unser Turmzimmer. Kein Gestern und kein Morgen, nur Gegenwart. Ich habe schon oft gedacht, dass du für mich eine Tür bist zu anderen Welten. Und du bist für mich auch derjenige, dem ich, obwohl ich dir fast täglich schreibe, am öftesten nicht geschrieben habe. Welch lustiger Einfall, es so zu formulieren. Ich liebe Rilke.
Und die Beschreibung des Kleinstädtchen, das nur einen Tag auswendig kann u.s.w. Rilke kennt die schreiende Monotonie eines Kleinstädchens..
Ich habe mich sehr gefreut über diesen Fund. Hoffentlich wird es dir auch gefallen.




Liebesnacht

...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor
sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie
Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander
ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie
wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und
sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder
abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

  
------------------------------------------------------------------------------------
Zueignung

O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.

 Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)
-------------------------------------------------------------

Kleinstädte

Man muß sie gesehen haben, diese kleinen und ganz kleinen Städte in meiner Heimat. Sie haben einen Tag auswendig gelernt; den schreien sie immerfort wie große graue Papageien in die Sonne hinein. Nah an der Nacht aber werden sie namenlos nachdenklich. Man sieht es den Plätzen an, daß sie sich bemühen, die dunkle Frage zu lösen, die in der Luft liegt.

-------------------------------------------------------------

"...in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe..."

Mein lieber Freund,
Sie sind sicher in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe in all der Zeit, in der ich (von geschäftlichen Briefen und ganz knappen fälligen "Ja" "Nein" oder Dankworten abgesehen) gar keine Korrespondenz fortgesetzt habe, aus dem besten, aus dem endgültigen Grunde: Arbeit...

Brief an Karl von der Heydt, 12. Dezember 1908

Donnerstag, 9. Februar 2017

Mummy, mummy! I've got a prize!

(R)





Mummy, mummy! I've got a prize!
Datum: den 11 december  18:40


Lieber ...,
Jetzt habe ich mir die Rede von Coetzee angehört. Man spürte richtig die Spannung, die in der Luft lag, als dieser ungwöhnliche Mann zum Podium vorschritt um seine Rede zu halten. Und er stand dort auch still eine ganze Weile und wechselte zuerst mal seine Brille. Fast hatte man ein wenig Angst, dass ihn vielleicht der Mut verlassen würde und er stumm wieder an seinen Platz zurückgehen würde.
Aber dann begann er.. Er hat eine schöne klangvolle Stimme, so wie deine... eine ruhige Stimme. Und seine Rede war kurz und originell.. und mittendrin sah man wie seine Verlegerin anfing zu weinen und auch vielen anderen kamen die Tränen. Und dann auch plötzlich, mittendrin in dieser kurzen Rede ein spontaner Applaus von allen Gästen..
Ja, er hat es gut getan, der liebe Coetzee.Und zuguterletzt ist er wieder würdig und wie eine starre Mumie an seinen Platz zurückgegangen.. während die Leute immer noch applaudierten.

....

Mittwoch, 8. Februar 2017

9 dec


Ämne: Malou again
Datum: den 9 december 10:53

Liebe Malou
Ja, wenn ich es nicht schwarz auf weiss gesehen hätte, weil Du es zurückgeschickt hast, so würde ich es nicht glauben. Malou zu Maou: es kann sich dabei nur um eine momentane Schwäche des rechten Ringfingers handeln. Solche Schwächen gibt es bei Menschen, wie Du sicherlich weißt.   ...

Nein, im Ernst, diesen hübschen und kompakten Namen will ich doch nicht ändern. Er hört sich an wie ein Französisch-schwedischer Mischkonzern ;-) Ich mag ihn ganz einfach, aber definitiv mit dem nötigen L.
*
Ist eine prima Idee nach Berlin zu fahren! Dort ist bestimmt einiges los. Aber es gibt natürlich noch viele andere hübsche Städte. Ich kann dir gar nicht aufzählen, welche es da noch gibt, sonst werde ich unruhig unter dem Hintern. Ich war noch nie in München. Bloss das olympische Gelände hatte ich besucht bei einer Durchfahrt. Und dabei haben wir einen Münchner, einen Bierbrauer, in unserem Club. Wir hatten schon mal darüber gesprochen, dass er für einige von uns eine Führung in seiner Heimatstadt machen könnte. Aber es ist dann doch nie dazu gekommen. Und mittlerweile ist er etwas älter geworden. Er ist klein, aber er liebt es, sich schick anzuziehen. Und dann geht er ohne seine Frau in den Strassen flanieren. Letzthin habe ich ihn an der Universität getroffen gleich nach dem K-Lunch. Ich glaube, er geht dorthin, um in irgend einer hochkarätigen Vorlesung ein kleines Nickerchen zwischen jungen Studentinnen zu machen. So was würde ich ihm schwer zutrauen. Er hat von seiner biertrunkenen Stadt natürlich auch den gewissen Charme mitgebracht. Und er möchte ihn auf universitätsniveau austesten. Ist doch - letztlich - begreiflich, nicht wahr?
*
Weshalb macht Ihr Euren Ausflug nicht nach Basel? Seit Donalds Bildervortrag in Tschechien weiss ich, dass die Stadt ein absolutes Kultur-Konzentrat darstellt. Sie haben innerhalb von 27 Quadratkilimeter 30 Museen. Stell Dir das vor! Es gibt Museen wie Pfützen. Und es gibt eine feine Altstadt, die im Moment auch mit einem Weihnachtsmarkt überfüllt ist. Es gibt um die 5 oder 6 Buchläden. Na ja, das sind die, die ich kenne. Es gibt in der Umgebung mehr, zB. jenes nette kleine Buchlädelchen in Arlesheim, wo sie alles haben und wo du eine allerbeste Beratung bekommst, wenn du willst. Es gibt das hübsche Münster ob dem Rhein, mit dem Ausblick auf Kleinbasel und den Rhein. Dort oben spielt ein Teil meines Romans, den ich im Kopf habe. Na ja, halbwegs im Kopf. Es gibt das hübsche Café Schiesser, von dem man so gemütlich auf den alten Marktplatz hinunter sehen kann. Dort trinke ich eine Schokolade zur Lektüre der NZZ am Wochenende. Und es gibt das neue Theater, das der Stadt die Millionen weg frisst. Ach, man kann sich in Basel bestimmt wunderbar die Zeit vertreiben und in irgendwelchen romantischen Altstadtgässchen verloren gehen. Und wenn ihr im Radisson, in unserem Club-Hotel, wohnt, dann ist das bestimmt keine schlechte Absteige. Es gibt sogar ein Bad im Haus. Aber das Essen, wie Du Dich bestimmt erinnerst, ist nicht grossartig. Essen müsstet ihr in der Kunsthalle, Ss Lokal. Sie haben einen exzellenten bürgerlichen Service, lange schwere Tischtücher und einen riesigen Blumenstrauss in der Mitte auf dem Tisch. Man fühlt sich dort ein bisschen wie in jenen Restaurants, die man auf impressionistischen Bildern des 19. Jahrhunderts sieht. Und es liegt alles gleich neben dem berühmten Tingueli-Brunnen, diesem lebendigsten aller Brunnen, der gleich neben dem Theater dahinspritzt und -schleudert und -plätschert und immer viele Besucher anzieht. Wenn er im Winter eingefroren ist, gibt er bei Sonnenschein ein märchenhaftes Bild ab. Da müsstest Du Deine Kamera zücken. Natürlich könntet Ihr auch im Drei Könige übernachten, dem noblen Hotel am Rhein, in dem schon Napoleon und auch Goethe übernachtet haben sollen. Aber dort ist es noch eine Idee teurer und das Essen, was wir mal mit dem Club dort hatten, war nicht umwerfend. Zoe Jenny, die junge Basler Nachwuchsautorin, soll ab und zu dort eine Suite gemietet haben, um schreiben zu können. Sie ist ziemlich bekannt und ziemlich jung. Ich kann sie ein bisschen verstehen, dass sie sich mit aussergewöhnlichen Atmosphären aufzuputschen versucht. Vielleicht wiegt sich immer noch das Bücherschiff im Rhein, das gleich vor dem 3-Könige anzulegen pflegt. Auf diesem Schiff macht die Bibliothek, für die ich rezensiere, jährlich eine Ausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern für Jugendliche, Kinder und Schulklassen. Es gibt dabei Reden, Vorträge, Wettbewerbe, kleine Theaterspiele und vieles mehr. Gar nicht zu sprechen von der hübschen Umgebung Basels … etwa den wunderschönen Rokoko-Dom in Arlesheim, mein Lieblingsstück, so süss, dass ich mir echte Caries geholt habe, die römischen Ausgrabungen in Augst, die netten Dörfer im Elsass, wo man schon französische Ambiance schnuppert und einen prima Gewürztraminer trinken kann.
Ach, ich bin sicher, Ihr würdet Euren Aufenthalt noch verlängern. Ich glaube nicht, dass ihr nach 3 oder 4 Tagen wieder in den kalten Norden heimkehren würdet. Ihr würdet bestimmt zusätzlichen Urlaub eingeben, um noch mehr von dieser Brise in der Nordwestecke der Schweiz zu bekommen. Aber dafür könnte ich natürlich keine Verantwortung übernehmen.
*
Ich muss los
und wünsche Dir alles, was Du willst.
G+K
Rud

PS: Schau mal, wie das kompakt aussieht: G+K und darunter Rud. Erinnert mich an die Signatur von Schiele, diesen kleinen Block am Fusse der Zeichnung.


----------


Ämne: Das Menue ...
Datum: den 9 december 18:03

Nobelbankett

Der Duft von Rahmspinat, der den Gästen in die Nase steigt, führt dazu, dass der eine oder andere Nobelpreisträger seine Aufmerksamkeit nicht dem Redner auf dem Podium schenkt, sondern dem duftenden Teller, der vor ihm steht. Man schreibt das Jahr 1954 und Ernest Hemingway wurde gerade der Nobelpreis in Literatur verliehen. Einen noch größeren Erinnerungswert als die Rede an diesem Abend hat die herrliche geräucherte Lachsforelle, die Artischocken mit Trüffel und als krönender Abschluss – die berühmte Eisbombe. Auch heute spricht man enthusiastisch vom Essen am Nobelbankett, dessen Menüfolge bis zum letzten Tag geheim gehalten wird.

Um sich ein richtiges Nobelmenü schmecken zu lassen, muss man jedoch weder in Physik noch in Literatur einen Nobelpreis gewinnen. Im Stadshuskällaren in Stockholm, der unter dem Blauen Saal (Blå Hallen) liegt, in dem das Nobelbankett stattfindet, werden auch Normalsterblichen das ganze Jahr über Nobelmenüs serviert. Für 1285 Kronen können Sie sich eines der Gerichte bestellen, die der königlichen Familie im Laufe der nunmehr hundert Jahre zurückgehenden Nobelpreisverleihung serviert wurden. Meist bestellt man sich das neuste Menü. Wenn man Geburtstag hat, isst man gern die Menüfolge, die in dem Jahr serviert wurde, an dem man zur Welt kam. Firmen bestellen häufig das Menü, das in ihrem Gründungsjahr serviert wurde. Viele ausländische Besucher wählen das Gericht, das ein Nobelpreisträger aus deren Land gegessen hat. Am beliebtesten ist das Menü aus dem Jahr 1994, in dem Kenzaburo Oe aus Japan der Nobelpreis in Literatur verliehen wurde. Das Menü, das unter anderem eine würzige Roulade aus Entenbrust, Mango und Mangold sowie Kalbsfilet mit Salbei und Pilzen enthält, wurde bereits mehr als 25000 Mal serviert. Und seine Beliebtheit hat dazu geführt, dass der Stadshuskällaren das Menü auf Japanisch drucken ließ. Außer drei Gängen gehören zum Nobelmenü Champagner, Rotwein, Dessertwein, Kaffee und Mineralwasser. Als I-Tüpfelchen werden die Gerichte auf dem schönen Nobelservice serviert. Leider kann das Lokal jedoch nicht alle Nobelmenüs anbieten. Trotz umfangreicher Forschungsarbeit konnte nicht ermittelt werden, was in den Jahren 1905, 1906, 1908, 1923 und 1924 serviert wurde.

Bei einigen Menüs schiebt auch das Gesetz einen Riegel vor. Die Schildkrötensuppe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Male als Vorspeise serviert wurde, ist heutzutage verboten, weshalb man stattdessen eine „falsche Schildkrötensuppe“ serviert. Das einzige, das im Stadshuskällaren beim Nobelmenü neben der königlichen Familie und den Preisträgern fehlt, ist die ungeheure Maschinerie, die hinter den jährlichen Festlichkeiten steht. Die Bedienungen, die beim Nobelbankett arbeiten, und zusammen eine Schlange von über hundert Metern bilden, brauchen ganze 5 Minuten und 40 Sekunden, um sämtlichen Gästen das Essen zu servieren. Hierzu kommen Zigtausend Teller und Schalen, ein halber Kilometer Tischdecken, 25000 Schnittblumen, die in üppigen Gestecken arrangiert sind, und 45 Personen, die nichts anderes tun als Weinflaschen zu öffnen. Allein der Abwasch nach dem Bankett dauert ca. 1 Woche. Trotz der unglaublichen Koordination und Planung, die das Fest erfordert, kam es bislang noch nie zu größeren Zwischenfällen. Ihnen steht heute der Sinn nach königlichen Leckereien? Pech gehabt, leider müssen Sie das Abendessen fünf Tage im Voraus buchen – auch hier ist also Planung angesagt!

Das erste Nobelmenü von 1901
Hors d´oeuvres Pochiertes Glattbuttfilet mit Trüffel und Weißweinsoße. Gebratenes Rinderfilet Imperial, gebratene Haselhuhnbrust in Madeirasoße. Nobeleisparfait, Fruchttortelette.

… und das jüngste
Hummer und Blumenkohlröschen auf Blumenkohlpüree, Krabbengelee und Meereskorallensalat. Nobelbrot. Gänselebergefüllte Wachtel mit Steinpilzragout, sonnengetrockneten Tomaten, frischem grünem Spargel, Madeirasoße und Kerbelpüree. Vanilleeis und Johannisbeerparfait auf dünnem Meringenboden mit Karamellflan. Dazu wurden folgende Getränke gereicht: Champagner Pommery, BRUT I´Hospitalet de Gazin 1998, POMEROL Bernkasteler Graben Riesling Eiswein 1999, MOSEL - SAAR - RUWER Mineralwasser, Kaffee.



Autor Josefin Ekman
Foto vorherige Seite: Gunnar Ask/PRESSENS BILD


-----------

Ämne: feierabendstundensindnah
Datum: den 9 december  18:32

Liebe Malou

Jetzt ist kaum 17.00h und schon draussen dunkel. Drüben, im Café haben sie eine Weihnachtsdekoraton eingerichtet. Und es wirkt ganz gemütlich und freundlich von draussen gesehen. Aber ich wage mich kaum in Restaurants oder Cafés hier im Ort. Als Angestellter des Staates soll man nicht den Anschein machen, man würde in der Zeit, die einen die Bürger finanzieren, öffentlich herumtrinken. Na ja, ist ein bisschen streng gedacht, hat sich aber bewährt. Wenn ich daran denke, wie oft ich als Student in Cafès und Restaurants gesessen habe, dann reut mich schon fast das Geld. Aber ich kann mich damit trösten, dass der Kaffee damals noch Fr. 0.80 kostete (heute in Basel Fr. 3.50 bis 4.00 oder mehr).
Hier in L gab es früher eine kleine Conditorei, wie man sie sich nach dem Song (besser Schlager, wie man früher sagte) vorstellen kann. Vorne war ein kleiner Laden mit Süssigkeiten, Konfekt und Pralinen. Ich hatte mal aus dem Militärdienst meine Oma besucht und dort Pralinen für sie gekauft. Man hatte mich jungen Leutnant fast wie einen Kriegshelden behandelt und flattiert und umworben. ich kam mir merkwürdig vor, war ich doch gerade von Yverdon hergereist, aus jenem französisch sprechenden Ort, wo man das Militär gar nicht besonders mochte. Ich konnte mir das damals nicht erklären, aber heute weiss ich vielleicht, wie das gekommen sein könnte. Die jungen Offiziere der Kaserne gingen abends gerne ins Pâon, jenes Dancing, das gleich in der Nähe lag. Dort wurden sie oft von Einheimischen angepöbelt und runter gemacht. Einmal sollen die Einheimischen einem Offizier in den Hut geschissen haben, wie man hörte. Ich selbst habe nie schlechte Erfahrungen gemacht. Ich glaube, es war im wesentlichen der Neid der jungen Männer, die den Eindruck hatten, bei den heimischen Mädchen nicht mehr genügend succès zu haben. Es gab in einigen Bars und Cafès wirklich charmante welsche Mädchen, in die man sich in dieser holperigen und harten Zeit des Militärs gerne verliebt hätte. Ich kenne einen, auch einen Visper, der ein solches Mädchen später geheiratet hatte. Doch das war nicht in Yverdon, das war in Vallorbe, am äussersten Ende der Schweiz, ungefähr dort, wo sich Füchse und Hasen gute Nacht wünschen. Und er war schon immer ein merkwürdiger Typ gewesen. Vielleicht ist er heute in Südamerika? ;-()

Also, dieses Café hier war so was von altmodisch, eigentlich nur ein dunkler Gang mit kleinen Lämpchen an den Wänden und kleinen Tischchen. Es sah alles so intim aus, dass man kaum wagte, ohne eine weibliche Begleitung einzutreten. Es schien mir, dass das absolut für Einheimische reserviert wäre. Doch ich wollte ja nicht da hinein, ich wollte zu meiner Oma. Die war auch sehr stolz auf meine Uniform und ist gerne mit mir ins Städtchen gegangen. Aber an Sonntagen war da ohnehin nicht viel los.

 Ach, ich bin in diesen Abendstunden mit meinen Gedanken abgekommen. Dabei wollte ich bloss erzählen, wie die Schaufenster drüben in der Drogerie jetzt glänzen und gleissen in dieser Weihnachtszeit. Und natürlich hat man auch die Strassenbeleuchtung verändert.
*
Ich muss jetzt heim, es ist Zeit geworden.
Mit lieben G+K
Rud


------------


Ämne: ..und die Nacht nicht mehr sehr entfernt..
Datum: den 9 december 21:53

Lieber ...,
Wie schön, dass ich nicht zwischen "Mjau" und "Muuu" gelandet bin. Kann also wieder ausatmen. Und natürlich liegt die Betonung auf der letzten Silbe. Ist ja doch französisch. :-)

Ich hatte Konferenz am Nachmittag und kam erst spät ziemlich müde nach Hause. Vielleicht auch müde, weil ich gestern so böse war, dass ich nicht einschlafen konnte vor so 2 Uhr nachts.

Die Konferenz war teilweise ein bisschen hitzig aber im übrigen benahmen sich die Anwesenden wie sont.. d.h. wie Schafe. Seitdem es gilt mit dem Direktor und seinen Ideen zu flirten um höheren Lohn zu bekommen, wagt niemand mehr eine eigene Ansicht über Dinge zu haben. Menschliche Erniedrigung würde ich es nennen. Na ja, ich habe es überlebt sonst sässe ich nicht hier.

Ach, wie schön du Basel beschrieben hast. Einmal werde ich es besuchen. Das habe ich mir versprochen. Aber wann und wie.. das weiss ich noch nicht. Wir hatten früher ein herrliches Videoprogramm, in dem man den Rhein von seiner Quelle hoch oben in den Bergen bis ans Meer verfolgen konnte. Ich habe es leider damals nicht gekauft für die Schule, was ich heute sehr bereue. Hoch oben auf der Alp sah man bauern, die Rätoromanisch sprachen. Es hatte einen schönen eigenartigen Klang. Dann sah man, wie sich der Rhein, wie ein wilder Teenager austobte um später im Bodensee wieder Ruhe zu finden. Dann kam man auch nach Basel. Da erinnere ich mich noch an die Wasserkunst und die schönen Häuser. Ich würde es sehr gern wieder ansehen, jetzt wo Basel etwas ganz besonderes für mich bedeutet. Die Stadt, auf deren Strassen mein Mausgeliebter herumflaniert.
*
Diesen Ausdruck "wo sich Füchse und Hasen gute Nacht sagen" finde ich so lustig. Das tun sie nämlich gerade hier hinter unserem Haus. Die Hasen sieht man oft im Winter und im Frühjahr und die Füchse hört man in der Ferne. Du weisst, wir wohnen, obwohl sehr zentral, doch sehr ländlich. Diese Kombination hat uns immer schon gut gefallen.
*
Meinst du "der" Visper wäre es gewesen, den du gekannt hast? Das glaube ich kaum, denn dieser hat in Australien und Südafrika gelebt und später in Südamerika, wo er eine Indianerin geheiratet hat.
*
Ach, wie herrlich der Artikel von dem Nobelessen! Ich danke dir dafür. Und wenn du hier wärest, würde ich dir auch zeigen, wie es auf den Tellern ausgesehen hat, denn ich habe fast jedes Jahr ein wenig von diesem grossen Bankett auf Video aufgenommen. Und dann könntest du sehen wie alles strahlt und glitzert und die schönen Abendkleider der Damen bewundern. Die Unterhaltung, die wie das Essen bis zuletzt ein wohl verborgenes Geheimnis bleibt, ist auch immer erstklassig. Und dann kommen die Reden der Preisträger. Manche sind sehr humoristisch. Und da ist vor allem die grosse Freude, die alle ausstrahlen an dem Fest. Sie steckt einen geradezu an. Ich würde es gern mit dir ansehen. Ich glaube du würdest darauf reagieren, wie auf NY.
*
Ach, ist das wirklich so? Du hast einen halben Roman im Kopf? und die andere Hälfte auf Papier oder PC? Das freut mich riesig. Erzählst du mir mehr davon? Oder braucht es seine Ruhe?
*
Ich muss noch ein wenig für morgen vorbereiten. Mittwochs stehe ich schon um 7.50 Uhr im Klassenzimmer.

So grüsse ich dich lieb und freue mich schon auf dein nächstes Mail. Ja, das wünsche ich mir am meisten von allem: Mails von dir. Ich bin süchtig geworden.
S+K
Malou


8 dec


Ämne: Montagmorgenundindunklernachtebensowiegestern
Datum: den 8 december  08:25

Liebe Maou
Schon wieder Montag morgen. Ich bin etwas früh, deshalb habe ich rasch Zeit, ein kleines Mail zu schreiben. Ich sollte zwar noch etwas niederschreiben, was sich gestern Abend spät noch vor dem Fernseher skizziert hatte. Ich glaube, wir sollten eine Information für Eltern machen über Leghastenie. Und das ist gar nicht so leicht, zu entscheiden, was man den Eltern sagen soll und was eben nicht.
*
Sicherlich könnte Hypnose helfen. Handauflegen kenne ich nicht. Das hört sich etwas abenteuerlich an. Aber wenn sonst nichts hilft, kann man schon auch solche Methoden ausprobieren. Schliesslich möchte man eine Besserung erreichen. Was die Hypnose betrifft, so kann ich mir vorstellen, dass dadurch einiges in Gang kommen kann. Und schliesslich kann sie nicht gegen die Natur arbeiten. Weshalb nicht. Es sind bestimmt unsere Erinnerungen im Körper enthalten. Man darf nicht glauben, daran sei nur das Gehirn beteiligt. Das scheint mir gänzlich unmöglich wenn man daran denkt, wie der Körper beim Aufkommen von Erinnerungen auch mitspielt. Oder wie Erinnerungen überhaupt erst über den Körper möglich werden.
*
Ich weiss nicht, ob ich für Nobelpreisfeiern Zeit habe. Ich glaube kaum. Das ist doch eine innerschwedische Angelegenheit, oder etwa nicht? Vielleicht bekomme ich zufällig das eine oder andere zu sehen. Meist kommen in den Nachrichten kleine Sequenzen. Coetzee habe ich gestern morgen am TV kurz gesehen. Doch es war eine kurze Vorher-Reklame über einen Vortrag, den man am nächsten Mittwoch um 00.30h sehen kann. Ich hätte das gerne angeschaut, aber es ist mir zu spät am Abend, respektive zu früh am Morgen. Ich schaue mir Literatursendungen besonders gerne an. Gestern, bei Onkelchen, brauchte er ziemlich viel Zeit zum Rasieren. Und so habe ich mich in der Zwischenzeit an den Fernseher gesetzt und bin eine Sendung über die Literatur vom kürzlich emeritierten Professor für Neuere Deutsche Literatur in Zürich gesehen. Das erste, was mir dabei aufgefallen ist, war die Tatsache, dass er fast in unserem Alter ist ;--) Na ja, ein bisschen älter schon, aber nicht allzu viel. Er war der Nachfolger jenes bekannten Professors Staiger, den ich noch gehört hatte. Vielleicht war er in meinen Studienjahren noch Student vorgeschrittenen Semesters gewesen. Als zweites war mir aufgefallen, dass er gar nicht so gewandt und beredt war, wie ich mir das vorgestellt hätte. Er war eigentlich in der Innerschweiz aufgewachsen, und die Provinzialität, die damit zusammenhängt, war noch deutlich aus ihm herauszuhören. Das hat mich doch einigermassen erstaunt, dass einer nach einer solchen Karriere immer noch seine Herkunft zeigt.

Nun, seine Spezialität war es, Gemeinsamkeiten quer durch die deutsche Literatur aufzuspüren und so die roten Fäden aufzuzeigen. Er geht aus von der These, dass es bloss eine Handvoll Geschichten gibt, die immer wieder und in jeder Zeitepoche auf neue Weise erzählt werden. Jede Autorin oder jeder Autor erzählt seine Sache neu, aber er steht natürlich in einer alten Tradition, setzt sich ab ebenso wie er irgendwo auch wieder anknüpft. Diese Gemeinsamkeiten und Differenzen aufzuspüren, das war offenbar seine Lebensaufgabe. So ist er beispielsweise Liebesgeschichten, oder aber missratenen Eltern-Kind -Beziehungen nachgegangen. Das braucht natürlich eine gute Übersicht, ist aber bestimmt eine interessante Sache. Das hat er, wie er meinte, aus purem Interesse gemacht. Arbeit sei die reine Freude, wollte er damit sagen.

Als Beispiel wies er kurz auf Ingeborg Bachmann hin. Wahrscheinlich war vorher von Max Frisch die Rede gewesen. Bachmann und Frisch waren ja über einige Jahre liiert, haben zusammen in Rom gelebt, bis alles in die Brüche ging. Nach Bachmann kristallisiert sich alles im Leben in der Liebe. Die Liebe ist der grosse und der hohe Hebelpunkt. Ich habe an Dich gedacht und Deine Lebensphilosophie, als das gesagt wurde. -- Als sich A für die Matura vorbereitet hat, musste sie eine Geschichte von Bachmann lesen. Und ich hatte sie damals auch gelesen, weil A mich darum gebeten hatte. Sie fühlte sich unsicher in der Interpretation und wollte wissen, was ich dazu meine. Aber ich war natürlich nicht sicherer. Ich hatte noch nie Bachmann gelesen und der Inhalt der Geschichte war keinesfalls leicht durchschaubar. Und irgendwo konnte man lesen, dass irgend ein Datum in der Geschichte mit dem ersten Zusammentreffen mit Frisch zusammenfiel. Folglich hatte sie sich auch in dieser verschlungenen Geschichte mit ihrem Max auseinandergesetzt, dem sie seine spätere Entfernung so sehr nachtrug. Professor von Matt meinte gestern, dass Bachmann den Wert der Liebe im Leben sehr hoch ansetzt, dass sie aber prinzipiell davon ausgeht, dass der Mann darin versagt, versagen muss. Jeder versagt darin. Sie denkt nicht, dass auch Frauen versagen könnten, weil vorher schon der Mann versagt hat. Das scheint eine etwas einseitige Theorie. Aber offenbar ist sie genügend, um daraus etliche Lyrik zu machen.
*
Über die Friedensnobelpreisträgerin aus dem Iran wissen wir nicht viel. Ich habe nur einen kurzen Artikel in der NZZ gelesen. Sie war einmal eine hohe Richterin gewesen, wurde dann aber ihres Amtes enthoben, uns setzt sich seither für andere Menschen vor dem Gesetz ein. Und sie hat offenbar immer wieder den Einfluss der Politik und der Religion auf das Gesetz kritisiert. Sie scheint also eine mutige und aufrechte Bürgerin ihres Landes zu sein. Und bestimmt hat die Mullah-Führung bereits auf die Tatsache ihrer Preisverleihung reagiert und sie als eine Handlangerin des Westens beschimpft. Sie hat es bestimmt nicht leicht in diesem Land und zu dieser Zeit. Die Methoden, die dort angewandt werden, um die Leute zu Schweigen zu bringen, sind hart und nicht zimperlich.
*
Ich hatte versucht, Dir ein Bild zu senden. Wenigstens eines, das wollte ich tun. Aber es ist mir nicht gelungen. Es kam jeweils eine Meldung, dass das System versagt hat. Es ist unerträglich, wie sehr wir von Systemen abhängen. Das ist schon fast gegen die Menschenwürde!!

Ich wünsche Dir einen prima Wochenanfang.
Mit lieben G und K
...

----------

Ämne: Glühender Morgenhimmel..
Datum: den 8 december  09:34

Liebster Mausfreund,

Warum nicht diesen Tag mit einem Mail an dich beginnen? Ich habe schon in Ruhe meinen Kaffee getrunken. Es war in der Küche, die nun so schön weihnachtlich geschmückt ist, dass es ein Genuss ist dort zu sein. Ich merke es immer wieder: Ich geniesse das Leben vor allem mit den Augen. :-)

Schön schon am frühen Morgen ein Mail von dir zu finden und interessant was du über den Nachfolger von Staiger schreibst. Aber dass du eine besondere Lebensphilosophie bei mir entdeckt hast, erstaunt mich ein wenig. Welche ist das?
Wie denkst du selbst über das Versagen der Männer in Sachen Liebe?

Jetzt ist der gerade der Himmel ganz einmalig schön. Er glüht in starken rosaroten Farben. Und davor zeichnen sich die schwarzen Äste des Kirschbaumes ab. Das solltest du sehen..


Wie schade, dass du nicht mit mir zum Nobelfest gehen willst. ;-) Es ist ein Genuss das zu sehen. Wird es denn nicht in allen Ländern gezeigt? Warum kannst du nicht das Program mit Coetzee auf Video aufnmehmen und später, wenn du mal Zeit hast ansehen?

Ich muss nun auch an die Arbeit. Denke du bist schon fleissig daran.

So grüsse ich dich lieb
mit H und K, (H auf ein neues Mail von dir und K ganz vorsichtig auf die Schläfe... :-)
Malou

---------

Ämne: Gleissender Mittag
Datum: den 8 december 14:38

Liebe Maou
Jetzt ist die Sitzung mal fürs erste vorbei. Wir sind immer sehr knapp an Zeit und meine Kollegen möchten gerne über dieses und jenes diskutieren. Und ich muss sie dann unterbrechen. Das tue ich nicht sonderlich gerne, aber es bleibt mir nicht viel anderes übrig.
Ich habe noch keinen Kaffee gehabt diesen Morgen. Und das vielleicht bringt mich dazu, schon am Mittag etwas müde zu werden. Ach, weißt Du nicht, wie schön Du es hast, nach 8.00h noch in der dekorierten Küche zu sitzen und Kaffee zu trinken! Es gibt wenige Menschen auf dieser Welt, die das können. Na ja, die eindeutigen Hausfrauen mal ausgenommen.
*
Deine Philosophie besteht doch darin, möglichst die Verliebtheit zu suchen, um die Welt in ihrem Zauber wahrzunehmen. Man könnte meinen, Ingeborg Bachmann denke ähnlich, aber sie macht vor allem den Männern den Vorwurf, dass sie darin und auf diesem Niveau nicht mithalten. Na, ich weiss nicht so genau, was und wie sie denkt. Vielleicht ist sie eine frühe Feministin? Vielleicht hat sie sehr schlechte Erfahrungen gemacht im Leben?
*
Nein, ich glaube, das Nobelfest wird bei uns nicht gezeigt. Bloss vielleicht einige Passagen. Ich erinnere mich an Szenen, die ich im spanischen Fernsehen gesehen habe. Dort hat der König irgendwelche Preise verteilt an irgendwelche Männer und Frauen mit respektablen Schärpen und in altehrwürdigen Räumen. Das und das Sensorium für solche Dinge fehlt uns Schweizern wohl völlig!?!
*
Im Moment bin ich zum Schlafen müde. Ich glaube, ich nehme ein Nickerchen, wenn Du erlaubst, damit ich nachmittags die Augen wieder offen halten kann.

Mit Lieben Krüssen
Rud

-----------

Ämne: Dunkler Nachmittag..
Datum: den 8 december  17:24

Liebster Mausfreund,
Hast du gut geschlafen? Und bist du froh und munter an deine Arbeit gegangen? Nun ja, du weisst wir können einen Teil unserer Arbeit nach Hause verlegen. D.h. viel von der Papierarbeit sowie Tests konstruiren, Arbeiten korrigieren tut man besser an einer Stelle, wo man nicht dauernd durch andere Leute gestört wird. Im Arbeitszimmer klingelt an und zu das Telefon, dann kommen auch öfters Schüler um ihre Lehrer um etwas zu fragen. W geniert sich nicht mit seinem Kandidaten laut die Stunden zu besprechen und der PC, der für 5 Personen ausreichen soll wird oft von diesen gleichzeitig beansprucht, d.h. wenn wir nicht im Klassenzimmer stehen.
Es ist also in vieler Hinsicht vorteilhaft gewisse Dinge in Ruhe zu Hause machen zu können und dabei den eigenen PC zu verwenden.
*
Ich glaube du hast eine lustige Idee von mir was das Thema Liebe betrifft. Manchmal denke ich schon, dass sich Männer sehr von uns unterscheiden und dann doch wieder nicht. Ich bin fast sicher, dass auch jeder Mann von der "richtigen Liebe" träumt, obwohl ihn ab und zu der Anblick einer schönen Frau "im Bauch kitzelt", wie du es so lustig ausdrückst.
Ich muss gestehen, dass es eine Zeit gab, wo ich nicht verliebt war. Das ist schon mehrere Jahre her. Ich dachte ich hätte nun solche Dinge hinter mich gebracht. Es war ein angenehmes Gefühl und ich sah fast mitleidig auf meine Kollegen, die immer noch "mit ihren Hormonen kämpften". Ich war ganz zufrieden und betrachtete das Dasein mit erhabener Ruhe. Ja, das klingt etwas lustig.. aber ich finde kein Wort das besser passen könnte. Und dann habe ich mich nochmals verliebt. Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, denn ich hörte die Sirenen heulen und mich warnen. Ich hatte absolut nicht die Absicht mich zu verlieben "um die Welt in ihrem Zauber wahrzunehmen".

*
"das Sensorium für solche Dinge fehlt uns Schweizern wohl völlig!?!

Ach nein, das hoffe ich doch nicht. Aber natürlich würde ich das ganze nicht mit solchem Stolz betrachten, wenn es nicht gerade in unserem Land stattfände. Und ein wenig habe ich das Gefühl, dass alle diese prominenten Preisträger bei mir zu Gast sind. Es freut mich ganz einfach ihre Freude über das schöne Fest zu sehen. So viel Schönheit, Eleganz und Intelligenz unter einem Dach - warum sollte ich da wegschauen?
*
Ach ..., das ist wieder mal ein komisches Mail geworden. Aber ich schicke es ab.
Noch jetzt bevor du nach Hause gehst, hoffe ich.

Mit lieben Grüssen,
und einem schönen K,
Malou

-----------

Ämne: Abruptes Ende.. :-(
Datum: den 8 december  21:10

Lieber ...,
Ist es mit Absicht, dass du nun das "L" in meinem Namen weglässt und mich Maou nennst? Zweimal nacheinander hast du das getan. Natürlich darfst du mir süsse Kosenamen geben. Wie wir bei uns sagen "kärt barn har många namn" (liebes Kind hat viele Namen). Ich halte an ... fest. Der Name ist für mich ist wie Musik. Es ist lieb und "tender" (zärtlich auf deutsch?) und absolut nicht so brutal wie Rud. ;-)
Eine Kollegin, früher einmal Kandidatin zu dem Titel Miss Schweden, jetzt eine nicht mehr ganz schlanke 50-jährige Frau, versucht mich nun zu einer Reise nach Berlin zu überreden. Sie meint, dass wir etwas Abwechslung brauchen in unserem monotonen Lehrerdasein. Und ich gebe ihr Recht. Sie versucht auch G und Å mitzukriegen auf diese Reise. Schön wäre es schon. Ich glaube mit diesen beiden Herren würde man auf einer solchen Reise keine langweilige Minute erleben. Sie meint, wir müssen uns irgendwie auf eine schöne Weise von Å und vielleicht auch von G verabschieden. Und warum nicht mit einem Fest in Berlin, das ein paar Tage dauert??

Ach, ich habe wirklich Lust dazu. Weiss nicht ob ich dir erzählt habe von unserer Reise nach Lübeck. Wir sind hingefahren um uns den Weihnachtsmarkt anzusehen. Er ist fast so berühmt wie der in Nürnberg. Da waren diese Kollegin und G auch dabei. Es war vor ein paar Jahren und die Reise wurde von der Schule bekostet. Man sollte sich besser kennenlernen. Das war ein etwas lustiger Gedanke, da wir schon seit vielen Jahren gut befreundet waren und öfters gemeinsame Feste hatten.

Jetzt hatte ich gerade einen Anruf von meinem Direktor. Es gilt einem Kollegen, der plötzlich vor ein paar Wochen erklärte, dass er mehr Zeit für die Politik braucht und dann gleich ein paar Klassen im Stich liess, u.a. eine, die gerade vor ihrer Schlussprüfung in dem Fach Deutsch steht. Der Direktor hat keinen Vertreter gefunden, d.h. wir anderen Lehrer haben uns geweigert die Stunden zu übernehmen. Und nun sind die Schüler wütend .... Man könnte verrückt werden.
Nun hat mir dieser dumme Mann den Abend verdorben.

Ich schreibe dir morgen wieder. Ich hoffe dass du nicht so dumme Leute um dich hast wie ich.
Liebe Grüsse,
Malou

7 dec


Ämne: Sama und Somo
Datum: den 7 december 11:19

Lieber ...,
So ist auch dieser Tag zu Ende. Samstage gehen eigentlich immer zu schnell vorüber. Heute war auch ein besonderer Tag, weil endlich wieder einmal die Sonne hervorgeschaut hat. Das hat mich so munter gemacht, dass ich mich entschlossen habe noch einige Vorbereitungen für Weihnachten zu machen, die ich dieses Jahr auslassen wollte. Und dabei habe ich entdeckt, wie schön es ist Zeit zu haben für solche Frauenbeschäftigungen. ;)

Hinter mir läuft im Moment ein Film, den Anna auch gerade mit ihren Freundinnen sieht. Ich nehme ihn mir auf Video auf. Er heisst ”Anna und der König” und spielt in Siam. Sehr romantisch. :-) Du kennst ihn vielleicht. Leider ist es in dem Kanal 4, wo Filme mehrmals durch Reklame unterbrochen werden und so muss ich ein Auge darauf halten, damit ich die nicht auch aufnehme.
Heute habe ich gekocht, denn K war sehr mit Sportsendungen beschäftigt. Es hat wunderbar geschmeckt und K hat so viel davon genommen, dass er auf eine Nachspeise verzichten musste. Sowas freut natürlich eine Köchin. :-)
Während ich die Krevetten geschält habe (ein Kilo), habe ich im Radio ein Interwiev gehört mit Exiliraniern in Schweden, die verschiedene Ansichten hatten über den Friedensnobelpreis in diesem Jahr. Und gestern habe ich ein halbstündiges Program mit dieser Friedenspreisträgerin im Fernsehen gesehen. Ich glaube ohne dich würde ich diese Dinge nicht mit so grossem Interesse verfolgen, aber du hast auch den Iran in meine Welt eingefürt. Ich denke manchmal, dass du mein Fenster zur Welt geworden bist.
*
Brrr... heute war es eisig kalt draussen. Um so schöner ist es natürlich in der warmen Stube. Gestern hat es so fest gestürmt in Schweden, dass 100.000 Haushalte stromlos geworden sind. Auch in unserer Region gab es viele aber zum Glück sind wir davon verschont geblieben. Die Leute tun mir leid, denn sicher hatten viele schon ihre Gefrierschränke für Weihnachten gefüllt.
*
So viele Bilder hast du gescannert? Das ist eine ziemlich zeitraubende Arbeit, obwohl man natürlich viel Spass dabei hat. Aber ich habe kein Bild von dir gefunden. Hast du versucht eins zu schicken?
Ja doch, das Hotmail war schon anfang diese Woche verändert. Ich glaube ich hatte dir darüber mein Leid geklagt. War es bei dir noch beim alten? Zuerst fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das sich in einer fremden Stadt verlaufen hat, aber jetzt kenne ich mich schon etwas besser aus. Eigentlich hätten sie uns fragen müssen, ob wir in dieses moderne Gebäude einziehen wollen. Aber es beginnt mir schon gut zu gefallen. Du wolltest doch ein helles offenes Gebäude mit Panoramafenstern, oder? Hast du auch einen grossen gelben Stern auf blauem Himmel rechts am Rand? Und vielleicht gibt es sogar ein paar neue Finessen, aber das muss ich noch herausfinden.
*
Ich glaube es ist inzwischen schon Sonntag geworden. K hört sich Musik an unten am PC. Es ist mein Lieblingssänger, den er endlich auch entdeckt hat. So werde ich mein mail erst morgen abschicken können.

Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Sonntag,
S+K,
Malou

Und nun ist es schon Sonntagmorgen und ich höre mein Lieblingsprogramm im Radio. Ich werde dir nun mein mail absenden falls du vielleicht am Vormittag im Büro bist.
Alles Gute,
M

-------------

Ämne: Sonntagabendindunklernacht
Datum: den 7 december 22:52

Lieber ...,

Es ist Sonntagabend und ich schreibe dir ein paar Zeilen, obwohl du schon heute morgen ein Mail bekommen hast. Ich habe einen ruhigen grauen Tag hinter mir. Das schöne Blau des Himmels, das mich eine Weile verzaubert hat ist wieder grau. Ich wünsche sehr, dass diese dunkle Zeit bald vorüber wäre.

Ich habe nochmals dein Mail über das Vergessen durchgelesen. Lustig, wie du da schreibst, aber auch ein bisschen beunruhigend.
"die wichtigen Erlebnisse sind ganz eigentlich in den Körper eingebrannt, in Muskelspannungen und Sinnesbahnen."
So denke ich, man könnte uns mit Handauflegen oder Hypnose kurieren.

Jetzt sind nur noch zwei Wochen und dann, am 20. werde ich Anna nach Hause holen mit dem Auto. Wir müssen alle ihre Pflanzen nach Hause bringen. Das kann man nicht mit dem Zug tun.
Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn sie hier sein wird. Aber bis dahin gibt es noch viel Arbeit. Anna hat vier Prüfungen und ich habe auch allerlei schriftliche Prüfungen , die ich noch geben muss. Die Tage werden gefüllt sein mit beruflichen Dingen.

Ja, armer Walter. Es ist schlimm, wenn man sich wegen den Kindern Sorgen machen muss. Die eigenen Sorgen sind bedeutend leichter zu ertragen. Und das Leben ist keine leichte Sache für die Jugend von heute. Denk dir nur, wieviel Gefahren überall lauern, die es zu unserer Zeit nicht gab.

Am Mittwoch sind die Nobelfestlichkeiten. Wirst du dir das auch ein bisschen ansehen? Oder sind nur wir Frauen interessiert daran? Ich bin etwas neugierig auf die Rede von dem schüchternen Literaturpreisträger. Was denkst du übrigens über die Verleihung des Friedenpreises an die Iranierin? Und was denkt S über diese Frau?

Wie ging es mit deinen Bildern? Hast du alles so hingekrigt wie du wolltest? Für wann brauchst du sie? Hast du versucht etwas zu schicken? Am besten sendest du es an fotofolder@hotmail.com denn dort gibt es Platz dafür.

Ich bin müde heute. Werde früh zu Bett gehen. Ich glaube ich habe zu wenig geschlafen in letzter Zeit und auch manchmal die halben Nächte wach gelegen. Weiss eigentlich nicht warum.

So sende ich dir meinen kleinen Sonntagabendgruss jetzt ab und wünsche dir einen guten Start in die neue Woche,
S+K,
Malou

Dienstag, 7. Februar 2017

Montag, 6. Februar 2017

6 december


Ämne: St. Nikolaus
Datum: den 6 december  11:33

Liebe Malou
Haben sie Dein Mail Box auch verändert. Ich fühle mich dort gar nicht mehr heimisch. Und heute morgen konnte ich kaum glauben, dass es leer war. Ich habe erst gedacht, ich drücke vielleicht am falschen Ort. Ich fühle mich immer noch wie unsere Grosseltern und wie sie mit dem Fernseher umgehen. Sie haben das alles in ihrer Jugend nicht gekannt.
*
Heute ist erstmals ziemlich kalt. Es ist ziemlich angenehm, an einem freien Samstag Morgen im Büro zu sitzen und in die erstarrte Welt hinauszublicken. Ich habe mir gedacht, ich mache mir kurz einen doppelten Espresso. Das ist sinngemäss das, was ausgebrannte Fixer einspritzen, um wieder hoch zu kommen und auf der Strasse nach neuem Stoff zu handeln. Ich erwarte mir von dieser Trägerrakete einen Looping meines Blutdruckes, um dann bereit zu sein, einige persische Bilder zu scannen, die ich für meinen Vortrag brauchen will. Es ist St. Nikolaustag, wie ich gerade am Radio höre. Ja, das Wetter stimmt zu diesem Fest. Ich habe gestern hier in der Nähe von einem St. Nikolaus vor einem Geschäft zwei Brotpuppen erhalten. Aber bei uns zuhause isst kaum mehr jemand Weissbrot. Sie sind alle so gesund und vernünftig geworden, meine Familie. Ich bin der einzige, der ab und zu nochmals tüchtig daneben haut.
*
Wenn es funktioniert, werde ich Dir ein paar Bilder aus dem Iran schicken. Ich habe ganz wunderschöne aus einem Bildband. Immer, wenn ich sie anschaue, sage ich meinen Töchtern, sie sollten Ethnologie studieren, um später diese alten Nomadenstämme in den Berggebieten und Wüsten Persiens zu studieren. Das wäre ein hochinteressantes Forschungsgebiet. Als wir mit unserer Reisegruppe letztes Jahr dort waren, haben wir in der Nähe von Persepolis eine Nomadenfamilie mit Zelt und einigen Ziegen angetroffen. Doch sie waren eher arm, hatten bloss zwei oder drei Tiere und nur kleine drei oder vier Zelte. Bei den grossen Stämmen gibt es sehr selbstbewusste und gut eingerichtete Menschen mit grossen dunkelbraunen Zelten aus Ziegenleder und riesigen Herden. Einen solchen Stamm würde ich gerne mal besuchen. Sie sollen äusserst gastfreundlich sein und ich glaube auch nicht, dass sie gefährlich sind. In der Wüste gibt es ein hohes Ehrengesetz, dass du jeden Fremden mit allem, was du hast, bewirtest und königlich behandelst. Mindestens das hat die Wüste hervorgebracht!
*
Und dann muss ich noch ein paar Dinge für die Sitzung vom Montag tun. Gestern habe ich mit einer Dame über Prag diskutiert. Sie war für eine Woche dort gewesen, hatte eine Führung und war eigentlich sehr angetan von der Stadt. Es muss wohl wirklich an mir und am Wetter gelegen haben!
*
Und wie geht es Dir. Habt ihr auch St. Nikolaus? Ja, ich glaube, er kommt dort oben mit einem Elch daher, nicht wahr? Ist der Schnee, von dem Du erzählt hast, liegen geblieben? Ich glaube, ich muss dieses Schweden mal im Winter anschauen.

Ich wünsche Dir einen schönen Samstag.
Mit lieben G u K

----------

Ämne: RE: St. Nikolaus
Datum: den 6 december 11:47

Liebster Mausfreund,
Zum ersten mal seit ewig kann ich dir einen sonnigen Gruss senden. Über dem Waldrand steht sie, diese grosse leuchtende Kugel und scheint so herrlich in den Garten und zum Fenster herein. Ich spüre wie meine Lebensgeister wieder erwachen. Ach, es ist einfach herrlich!

Und da finde ich gerade auch ein Nikolausmail von dir. Hatte ganz vergessen, dass heute Nikolaus ist, denn bei uns feiert man das nicht. K ist gerade einkaufen gefahren und deswegen schreibe ich dir gleich ein paar Zeilen bevor ich dein mail lese.
Ach, du bist wirklich lieb, dass du mir dieses Mail sendest obwohl du keins gehabt hast. Ich sende dir dafür meine allerbesten Wünsche für diesen Tag und falls ich dazu komme schreibe ich dir noch ein längeres Mail etwas später heute.
G+K
Malou

----------

Ämne: PS
Datum: den 6 december  13:16

Ich warte schon auf Bilder... am liebsten auch eines mit meinem lieben Mausfreund drauf..
Nochmals lieb
G+K
M

-------------

Ämne: RE: St. Nikolaus number two
Datum: den 6 december 19:37

Liebe Malou
Na ja, ist gar nicht so einfach. Ich habe um die 200 Bilder gescannt. War eine irre Arbeit. Und jetzt bin ich ziemlich geschafft. Vor allem gibt es da keine Bilder, wo man mich sehen würde. Ich bin einfach nicht auf Bildern zu haben, vor allem nicht auf Bildern in Büchern.

Einige Fotos sind wunderschön von Nomadenstämmen in verschiedenen Landesteilen des Iran: Turkmenen, Kurden, Qaschqai, Luren und so fort. Sie benutzen verschiedene Farben für ihre Kleider. Der Iran ist ein Reservoir an Genen. Diese Nomaden leben doch in der Regel endogam, dh heiraten innerhalb des Stammes. Und sie sind wirklich kräftige Menschen. Vielleicht sollten wir Schweizer von dort mal einen Katalog kommen lassen, um einige Flaschen Gene zu bestellen.

Ich habe noch kein bisschen für meine Sitzung vorbereitet. Und dazu sollte ich noch eine Arbeit fertig machen. Es ist wahnsinnig! Vielleicht sollte ich mich besser dran machen.

Ich wünsche Dir einen schönen Abend. Wenn ich es schaffe, füge ich ein Bild bei. Aber ich bin fast sicher, das ganze kommt dann wieder zurück. Wir werden sehen.
Ich schicke einmal nur das Mail und dann noch mit Attachement. OK?

G + K
...

"ein begabter Vergesser" bei vollem Nebel


Ämne: freitagmorgenbeivollemnebel
Datum: den 5 december  09:53

Liebe Malou
Ob man wirklich nichts vergisst im Leben, das weiss ich nicht. Also bei mir ist das nicht der Fall. Und sollten Hypnotiseure behaupten, es wäre anders, dann muss ich mich als Weltwunder bezeichnen. Ich kann vieles und mit Leichtigkeit vergessen. Ich bin ein sehr begabter Vergesser. Und manchmal bin ich so bass erstaunt, dass etwas war, wie ich es nie für möglich gehalten hätte, dass ich denke, ich wäre während dieses Ereignisses wohl für einen Moment in einer anderen Welt gewesen, um rasch einige kleine Kommissionen zu erledigen. Oder vielleicht bloss im anderen Zimmer? Aber natürlich ist das so genannte Altzeitgedächtnis ein riesiger Speicher, und die wichtigen Erlebnisse sind ganz eigentlich in den Körper eingebrannt, in Muskelspannungen und Sinnesbahnen. Deshalb kommen Erinnerungen so leicht zurück über Geschmacks- und Geruchsempfindungen, und wohl auch über motorische und taktile Erinnerungen. Siehe Prousts Madeleines, eine Erinnerungsfigur, die er offenbar bei Wagner abgeschrieben hat, wie ich kürzlich in einem Artikel gelesen habe. Aber ich glaube nicht, dass er so was abschreiben musste. So etwas weiss doch jeder Mensch irgendwie in seiner privaten Welt.

Ich stelle mir unsere Gedächtnisse vor wie riesige Schubladen, in denen wie in einem Trödlerladen alles kreuz und quer herumliegt. Und weil all diese Dinge und Menschen, alle Farben und Materialien damals einmal einen gewissen Zusammenhang gehabt haben, sei es, dass sie gleichzeitig in einer Szene aufgetaucht sind, sei es, dass sie unter anderen Verbindungen gestanden haben. Weil sie also zusammen in Verbindung stehen und deshalb auch in derselben Schublade lagern, deshalb braucht es ein bisschen Zeit, und alle kommen sie in der Erinnerung wieder zum Vorschein. Manchmal bekommst du einen kleinen Zipfel in Griff, und du zupfst ein bisschen, und schon kollern die nächsten Dinge hinten nach und bald fühlst du dich in der ganzen Schublade wieder heimisch. Aber es braucht ein bisschen Zeit. Man muss sich aufwärmen in der Schublade, um dieses Sensorium zu entwickeln. Man tut gut daran, zu erzählen. Wenn man bloss am Rande steht und hineinschaut, oder vielleicht darüber hinweg sieht, dann kommt einem kaum etwas zurück in die Erinnerung.

Und wenn man den NLP-Spezialisten folgt, dann könnte man annehmen, dass es spezifische Erinnerungen sind, die dich zurückbringen. Der eine hat eine Vorliebe für auditive Erinnerungsfetzen, der andere für visuelle, und so weiter. Im letzten Hypnose-Kurs hatte der Instruktor behauptet, in Trance kämen vor allem komplementäre Sinnesqualitäten zum Vorschein. Wer also im Alltagsleben vor allem visuell funktioniert und diese Modalität im Vordergrund hat, bei dem ist wahrscheinlich, dass er in Trance vor allem auditive Erlebnisse hat.

Das ist schon möglich. Ich habe es bei mir nicht festgestellt. Aber sagen wir, du siehst eine hübsche Frau, ein apartes Wesen mit gepflegtem, vollem Haar, einem hübschen offenen Gesicht und einer Figur, die dich gleich in der Bauchgegend kitzelt … und sie weiss um diese Qualitäten, indem sie sich hübsch kleidet und so ihre Signale noch verstärkt … und dann beginnst du mit ihr ein nebensächliches kleines Gespräch und du findest - nach den ersten Sätzen - alles nur noch halb so verführerisch. Du siehst plötzlich alles Gewöhnliche an ihrer Art, wie sie sich gibt. Die Alltäglichkeit dringt durch all ihre Poren. Da ist es doch wohl möglich, dass die auditive Dimension alles verändert hat. Man merkt es kaum, aber oft ist die Musik das Element, das im Kriminalroman die Spannung herstellt. Mindestens unterstützt es diese Tendenz. Ja, im Film ist es vielleicht noch deutlicher als bei der Frau. Die Musik provoziert gewisse Gefühlslagen, und dann erst kommt die Szene, die du visuell verfolgen kannst.

Deshalb ist es von Vorteil, wenn man eine Stimme hat wie jene Lis Assia. Sie verzaubert die gesamte Erscheinung und man hat die Welt schon gewonnen, noch bevor man überhaupt etwas getan hat.

**
Ich bin gestern rechtzeitig nach Hause gegangen, um meine Müdigkeit zu pflegen, habe vor dem Fernseher bei Fliege fast eine Stunde geschlafen und abends Walter empfangen. Er macht sich Sorgen um seine Kinder. Der Sohn (eigentlich der seiner Freundin) zieht aus und zu seiner Freundin nach Luzern, während die Tochter, die mit ihrem Freund seit 5 Jahren zusammen lebt, offenbar eine Beziehungskrise hat und sich neu umsehen muss.

Manchmal dreht sich das Leben ein bisschen im Kreis
Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende.
Mit lieben Grüssen
...

Sonntag, 5. Februar 2017

RE: Gräuliches Grau ...


Ämne: Grau und schwarz..
Datum: den 4 december 20:05

Liebster Mausfreund,

Ja, sicher ist es so, dass du dich besser an Details erinnern wirst, weil du sie einmal niedergeschrieben hast. Aber wenn ich deine Mails so lese, kommen mir fast zu jedem Abschnitt Erinnerungen, die ich meines Wissens niemals niedergeschrieben habe und ich wundere mich sehr, dass es sie noch in meinem Gedächtnis gibt. Vielleicht vergessen wir wirklich nichts. Das weisst sicher du am besten, da du dich auch in Dingen Hypnose auskennst.
In letzter Zeit habe ich manchmal den Eindruck, oder lass mich sagen die Angst, dass ich mich wiederhole. Du kennst mein Leben schon so gut und ich weiss nicht mehr genau, was ich dir eventuell noch nicht erzählt haben könnte. Aber vielleicht ist es nicht so schlimm, wenn etwas nochmals erzählt wird. Tut man ja schliesslich oft im RL mit Dingen, an die man sich gern erinnert.

Dieser Karpfen z.B. Den haben auch wir, als ich Kind war, am Weihnachtsabend gegessen. Der 24. ist doch, wie du weisst, ein Fastentag bei den Katholiken und also gibt es Fisch anstatt Fleisch. Wir pflegten ihn direkt vom Fischhändler zu kaufen, der in einem kleinen Lieferwagen durch die Strassen fuhr und hupte, so wie es heutzutage noch der Eisverkäufer tut, um uns Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Das hätte er garnicht tun müssen, denn unsere Katzen wussten längst, dass er sich näherte. Und als wir den Karpfen gekauft hatten legten wir ihn in die Badewanne, wo er sich, zu unserem grossen Erstaunen, wieder belebte und dann fröhlich herumschwamm. Wir Kinder hatten einen Riesenspass daran und fütterten ihn mit Brotstücken. Und, wie du dich vielleicht erinnerst, nahm mein kleiner Cousin Gerhard, er war wohl damals 6-7 Jahre alt, Eintritt von allen Kindern in der Nachbarschaft und es war ein wildes Gerenne, die Treppen auf und ab.
Aber es war nicht ganz leicht dieses "neue Haustier" dann auf dem Teller zu sehen.

Karpfen ist doch eigentlich ein Sumpffisch und man isst ihn kaum in Schweden. Man pflanzt ihn manchmal ein, in kleineren Seen, weil er den See sauber hält.

*
Schön, dass du dein Herz bei dir hast.. :-) Und diese Müdigkeit, die nachkommt ist ganz natürlich, wenn einen nach so vielen Erlebnissen und Kontakten mit Menschen, wieder der eintönige Alltag wie ein Hammer auf den Kopf trifft. Dann ist es auch sicher schön eine Delegation von jungen Pädagoginnen zu empfangen, die einen wieder ein bisschen aufheitern können.

Lustig diese Radtour. Anna wollte immer Radtouren machen. Lange Radtouren, deren Ziel sie nicht im Vorhinein bestimmt hatte. Und manchmal, wenn sie keinen gleichaltrigen dafür gefunden hat, bin ich mitgekommen. Es ist eigentlich herrlich die Landschaft mit dem Velo zu erleben. Man kommt genügend schnell voran und man hat den herrlich nahen Kontakt zur Natur. Bei uns ging es dann meistens auf kleinen schmalen Waldwegen voran, und wenn man schon eine lange Strecke hinter sich gelegt hatte, wollte man diese absolut nicht zurückfahren sondern versuchte immer irgendwie auf Umwegen wieder nach Hause zu gelangen.
*
Ach, jetzt erinnere ich mich gerade, das ich noch Informationen über alle meine Schüler an ihre Mentoren abgeben muss morgen. Sie werden dann von diesen an die Eltern und Schüler weitergeleitet. Es ist immer eine Übung in der Kunst etwas zu sagen ohne was gesagt zu haben. Wenn du verstehst, wie ich das meine..

So grüsse ich dich nochmals an diesem dunklen Abend und wünsche dir einen guten Rutsch den letzten Hang hinunter ins bevorstehende Wochenende.
M + K,
Malou

Kleiner Bürogruss ..


den 4 december 2003 16:23
Kleiner Bürogruss


Halo Malou
Ach ich bin so faul und müde, lass mich ein bisschen träumen und in einem Mail herumturnen.
Das Wetter hat aufgehellt. Es ist jetzt auf eine milde Art sonnig, so ungefähr könnte man das fahle Licht nennen. Gegenüber, im grossen haus, wo unten die Drogerie und die Parfumierie zum Wasserturm untergebracht ist, dort raucht ein Kamin leicht vor sich hin. Ich glaube, die Wohnungen oder Zimmer gegenüber wechseln ihre Mieterinnen und Mieter ziemlich häufig. Anfangs, das war in den Sommermonaten, hatte ich noch rassige junge Frauen gesehen. Doch jetzt sind es nur noch absolut junge Dinger. Das Haus hat zwei grosse Stockwerke und während all der Jahre hatte ich oft gedacht, was wohl die Gründe wären, dass dort niemand wohnt. Nun, ich dachte, vielleicht seien die Wohnung als Lager für den Laden benutzt. Jetzt gibt es bestimmt Bewohner, aber es ist ein bisschen unklar, wie viele es sind. Ich kann auf jeden Fall nicht unterscheiden, wer wer ist. Und das ist auch richtig so, ist nicht so wichtig.
Ach, ich bin wirklich zu müde. Hoffentlich geht es Dir besser.
Ich lass Dich.
Mit allerbesten GundK



Subject: RE: Kleiner Bürogruss
Date: Thu, 04 Dec 16:44

Ach, mein armer Mausfreund,
Hat dich das Grau schliesslich auch erwischt? Es ist wirklich bedrückend. Komm, lass uns die Müdigkeit vertreiben. Ich mach dir einen guten Tee und dann erzählen wir uns lustige Dinge und lachen. Lachen macht wieder munter.

Ich habe natürlich nach deinem vorigen mail meine weiblichen Genen hervorgeholt und heute zur Freude meiner männlichen Kollegen den Tisch schön hergerichtet. Ein hübscher leuchter mit 4 Kerzen (nicht elektrisch), eine Vase mit roten Tulpen und Tannenzweigen, ein paar schöne Servietten und eine Dose mit mit Pfefferkuchen. Ihre Augen haben geleuchtet wie bei kleinen Kindern. :-)

Ich schreib dir später noch mehr. Bis dahin einen kleinen Dornröschenkuss.. (warum darf Dornröschen nicht den Prinz wachküssen?)

Wir sehen uns,
Malou


...



Samstag, 4. Februar 2017

Gräuliches Grau in Grau

 



Ämne: Gräuliches Grau in Grau
Datum: den 4 december 09:57

Liebe Marlena
Heute morgen schreibe ich in die blaue Luft hinaus. Oder vielleicht besser in die graue. Das Hotmail ist stur und unbeweglich wie eine schweizerische Hochgebirgskette. Und das Tiefblau des Hintergrundes hilft mir gar nicht dabei.
Heute ist schon wieder Donnerstag. Ist gut, die Woche neigt sich dem Ende zu. Aber es war eine ziemlich nasse und neblige Woche. Gestern hatten wir 15 Vorschulheilpädagoginnen bei uns zu einer Instruktion. Das war vielleicht der Höhepunkt der Woche, der Bergpreis sozusagen. Und jetzt geht es endgültig hinunter ins Tal und dem Wochenende entgegen.

Wenn ich so den Pass hinunter fahre, erinnere ich mich an eine Velotour, die ich mal mit meinem Bruder gemacht habe. Es war ein Entschluss aus dem Bauch. Wir sind, so glaube ich mich zu erinnern, abends um 16.00h oder so abgefahren. Wann tut man denn so was? Die erste Etappe war der Simplonpass, der ja nicht weit war. Voller Energie sind wir dort hinaufgestiegen. Und ich erinnere mich, dass wir die erste Nacht neben Strasse und Eisenbahnlinie geschlafen haben. Alle 10 bis 20 Minuten ist ein Zug vorbeigedonnert. Das war die internationale Strecke Mailand - Paris. Eigentlich war an richtiges Schlafen nicht zu denken. Wir wollten auch eigentlich nicht schlafen, wir waren bloss tot müde. Am nächsten Morgen sind wir hinuntergefahren zum Langensee, Lago Maggiore. Das war natürlich sehr schön, weil südlich und - so glaube ich wieder in der Erinnerung - sehr sonnig. Wir fuhren über Locarno dann hinauf und besuchten Verwandte. In ihrem Wochenendhaus oben am Hang haben wir übernachtet. Die ganze Familie war dort in den Ferien. Der Onkel war ein Werklehrer und grosser Bastler. Er hat das ganze Haus selbst gebaut und hat - wie man hörte - sogar Steine und alte Holzbalken und Türen in seinem Auto über den Gotthart ins Tessin transportiert. Das Häuschen war ein bisschen eng, aber gut. Und unsere Kusine und Vetter waren lustige Kinder. Ich habe noch in meinem Ohr, wie der Onkel seine Tochter rief und sie fragte, ob sie für ihre Vetter keine Suppe kochen wolle. Sie wollte nicht. Nach 1 oder 2 Tagen fuhren wir weiter die kurvenreiche Strasse des Sankt Gotthard-Passes hinauf und schliesslich noch über den Oberalppass. Innerhalb einer Woche hatten wir 3 Pässe überquert. Das tut man heute bloss mehr mit dem Auto, oder in der Regel überhaupt nicht mehr. Die meisten Strecken, solange es bergan ging, mussten wir zu Fuss unser Velo stossen. Und wir hatten unsäglichen Durst. Aber es war ein gutes Erlebnis, einfach so von zuhause wegzukommen und in dieser grossen Welt zu überleben. Die Welt war steil, aber grandios.

Na ja, das war eine kleine Exkursion angesichts der Tagsache, dass ich den Scheitelpunkt der Woche gestern überschritten habe, und mich heute auf der windigen und kurvenreichen Abfahrt ins Tal befinde. Ach ja, das wollte ich eigentlich erzählen. Am letzten Tag dieser Tour kamen wir gegen Abend den Oberalbpass hinunter ins Goms, also den obersten Teil des Wallis. Die Landschaft war so wunderschön und friedlich in der Abendsonne, dass ich ihn niemals mehr vergessen werde. Wir suchten zwar jedes der kleinen Häuschen nach einem Laden ab. Die hiessen dort allenfalls Magasin. Und meist waren sie geschlossen, weil bloss einige Stunden pro Tag offen. Und so mussten wir auf die heiss ersehnte Cola verzichten. Und so kamen wir dann über das friedliche und in der Abendsonne träumende Goms hinunter nach Brig und schliesslich wieder heim. Es war eine Exkursion ohne die geringste Panne gewesen. Das könnte man von heutigen Velos nicht mehr erwarten.
*
Jetzt bin ich in mein Box gelangt und habe Deine Mails gefunden. Distanzunterricht klingt lustig. Das haben wir nicht in der Schweiz. Ich habe mal eine Sendung gesehen aus Australien, wo man mit Radio die Schüler instruiert. Es muss herrlich sein, so unbeobachtet Schule zu geniessen. Man kann jeden Unsinn machen, ohne dass die Lehrer gleich aufspringen. Fantastisch!

Ja, von den Herren kannst Du nicht verlangen, dass sie eine Adventdekoration zustande bringen. So was ist in ihren Genen nicht zu finden. Ich meine, dort wo das Adventschmuck-Arrangieren-Gen vorhanden sein sollte, ist einfach eine kleine Lücke. Ein Loch! Wir haben viele Löcher in unserer genetischen Struktur. Das ist erstaunlich. Wir müssen Sorge tragen, dass die übrigen Gene nicht durch die Löcher abfliessen und dass wir zum Schluss dastehen wie leere Milchtöpfe.
Nein, Spass beiseite. Ich habe gestern zuhause einen grossen Kürbis gerüstet. Das tue ich nicht ungern. Es ist im Grunde ein schönes Stück Arbeit. Aber wenn man das mit der elaborierten Technik und mit den ausgezeichneten Fähigkeiten tut, die sich in der männlichen Genstruktur befinden, geht das einigermassen einfach ;--)) Na ja, Kürbisse riechen einfach sehr fein, wenn man sie aufschneidet. Und das Fleisch hat eine wunderschöne Farbe. Deshalb tue ich das. Ich mag Kürbis eigentlich nicht so besonders als Gericht. Er ist ein bisschen fade. Nur einige süsse Sorten schätze ich. Es gibt einen, der wie Edelkastanie schmeckt. Er eignet sich ausgezeichnet zu Fisch. Ich habe mich weiter spezialisiert auf die Zerteilung riesiger Melonen, wie man dazu im Iran fähig sein muss. Auch das ist eine Arbeit, die ich ziemlich gerne tue. Aber Advent-Schmuck, nein, da kann ich nicht gross mitreden. Ich solidarisiere mich mit der Männerwelt und bin mit ihnen einig, dass Adventschmuck definitiv Frauensache ist. Was wir dazu beisteuern könnten, wäre eine Flasche Gewürzwein oder so was, nicht wahr? Oder einen Weissen für eine schöne Zabbajone.

Lustige Frage, ob ich mein Herz in Tschechien verloren hätte. Habe ich denn ein Herz zu verlieren? Ich meine, ich lass doch meine Dinge nicht einfach so herumliegen, wie zerstreute Damen ihre Handtaschen oder ihre Nastüchlein! Nein, alle Leute hier waren einigermassen erstaunt, wie ich über Prag und die zwei Provinzstädte erzählte, nachdem sie vielleicht meine begeisterten Berichte über N.Y. noch im Ohr hatten. Sie haben gedacht, ich wäre jedes Mal so begeisterungsfähig. Nein, Tschechien hat mich wirklich nicht umgehauen. Obwohl es bestimmt sehr nette Menschen gibt, sind die Menschen dort drüben nicht gerade mein Fall. Ich mag zwar Männer, die nicht zu hart sind, sehr wohl, wie jenen Arzt beispielsweise. Aber er war mir dann schon wieder ein bisschen zu lose, wie er so in seinem Stuhl hing und seine Aussagen dahinbröselte. Es scheint mir - nach all dem, was ich gesehen habe - dass es die Frauen sind, die im postkommunistischen Osten das Leben in der Hand haben und die Feder führen. Männer hatten überall eine mehr oder weniger untergeordnete Rolle gespielt. In den Gesprächen waren sie deutlich einsilbiger als die Damen. Natürlich waren sie auch in der Minderheit. Vielleicht war die Auswahl nicht gerade repräsentativ. Aber so habe ich das erlebt. Im Club Louhy gab es, wenn ich mich recht erinnere, 4 Männer: einer war der deutschstämmige Chilene mit seiner lustigen Frau; ein anderer war ein Engländer, der ebenso als Bauer arbeitet; ein dritter der ehemalige Bürgermeister; und schliesslich war da noch der Besitzer des Hotels, wo wir wohnten, der den ganzen Abend kaum ein Wort gesprochen hat. Alle übrigen Personen waren Frauen. Und sie waren einigermassen scheu und wohl erstaunt, dass hier Männer von einem fremden Stern daherkamen und mit ihnen plaudern und Gedanken austauschen wollten. Sie waren wirklich ein bisschen scheu, wie bei uns die Leute, die aus den hinteren Tälern stammen und jahraus-jahrein niemanden zu Gesicht bekommen. Und wo, so frage ich Dich Malou, wo in aller Welt sollte man in jener verregneten, hügeligen Landschaft mit den schweren Wolken und den melancholischen Gesichtern ein Herz verlieren? In Prag, vor jenem Glockenturm, wo alle Stunden zwölf Apostel die Runde machen um ihre Kneipe zu wechseln haben mich vier lustige Mädchen gefragt, ob ich sie mit ihrer Kamera knipsen würde. Sie waren nicht sonderlich hübsch, aber lustig und vital. Sie waren, wie sich herausstellte, Spanierinnen. Aber nicht mal die Spanierinnen zeigen in Tschechien den Reiz, den sie in ihrem eigenen sonnigen Land haben. Es gab auf diesem Platz (war es der Altstädter-Platz?) überall Weihnachtsstände, wo man Glühwein kaufen konnte. In der Mitte baute man mit echten schweren Eisbrocken eine Eisfläche, wo man vielleicht später im Dezember schlittschuhlaufen konnte. Und da stand auch ein grosser, geschmückter Weihnachtsbaum. Es war zweifellos so etwas wie Vorweihnachtsstimmung. Aber es wirkte alles ein bisschen kommerziell. Es gab sehr viele Kneipen und Wirtschaften und Restaurants. Ach, ich weiss nicht genau, aber es hat mir jedenfalls nirgendwo mein Herz geraubt.
*
Ach Malou, nein, mein Gedächtnis ist wirklich nicht mehr, was es war. Ich war selbst erstaunt, wie viel ich Dir über Tschechien erzählen konnte, denn ich hatte anfangs den Eindruck, es gäbe da wirklich nicht allzu viel zu berichten. Und wenn ich nicht angefangen hätte, wäre wohl alles im Vergessen verloren gegangen. Ich stelle fest, dass ich Dir gewisse Dinge erzähle, und später erzähle ich die Dinge ganz ähnlich meinen Leuten. Wenn ich sie nicht geschrieben hätte, kämen sie mir gar nicht mehr in den Sinn. Die Mails sind meine Rettung, musst Du wissen, andernfalls würde ich der absoluten Amnesie anheim fallen.

In Budweis gibt es eine grosse Bierbrauerei. Ich habe sie erwähnt, nicht wahr. Wir haben sie auch besucht. A. kannte die Marke. Offenbar gibt es sie in den USA überall. Für mich war sie neu. Ich habe in der Kantine der Fabrik auch nur eine Flasche alkoholfreien Biers getrunken, habe mich dem dem Gynäkologen angeschlossen, der seiner Leber zuliebe - wie er sagte - immer so trinkt. Es gibt, so erzählte man, in der Gegend von Budweis viel Wasser. Sie hatten dort auch grosse Überschwemmungen vor einem Jahr. Aber es ist das meiste wieder instand gestellt. Aussen vor der Stadt gibt es offenbar viele Teiche, wo man seit dem Mittelalter Karpfen zieht, was der Stadt Einkünfte bringt. Als typisches Weihnachtsessen gilt ein feines Gericht mit Karpfen. Ich hätte ihn gerne versucht, aber wir haben ihn nicht serviert bekommen. Es gab meist Hähnchen in irgend einer Sauce, dazu Kartoffeln. Und zum Nachtisch Kalorienbomben wie Paladschinken oder Apfelkuchen, am liebsten mit Schlagober. Und als Kaffee gibt es Segredo oder Segrado oder so ähnlich, einen italienischen Kaffee. Offenbar haben die Italiener den ganzen Osten mit ihren Kaffeemaschinen und ihrem Kaffee bereits kolonisiert, ähnlich, wie im Mittelalter und nach den verheerenden Völkerwanderungen die irischen Mönche den Katholizismus tonnenweise nach Europa gebracht haben. Aber er schmeckt nicht wirklich wie ein italienischer Kaffee.

Ich glaube, ich muss ans Telefon.
Deshalb wünsche ich Dir einen feinen Donnerstag. Vielleicht kannst Du ja nochmals liegen bleiben bis 9.00h.
Mit GundK

...