Sonntag, 26. Februar 2017
Subject: weekend
Feuerwehr oder Schwemme
Liebe Marlena
Drei Mails, womit habe ich das verdient? Ist das der Frühling oder gibt es noch andere Gründe? Und dazu hast Du noch ein langes und zähes Mail garnicht geschickt, sondern zum Teufel gejagt? Das ist nicht leicht zuverstehen. Manchmal bist Du geradezu wortkarg, dh. wohl überbeschäftigt mit anderen Dingen. Und nun dieses!
*
Den langen Lebenslauf von Alva Myrdal habe ich kurz überflogen. Er ist
wirklich sehr lang und sie scheint eine ausserordentliche Frau gewesen zu
sein. Ein aussergewöhnliches Paar muss man wohl sagen. Sartre und Beauvoir
sind mir in den Sinn gekommen. Was an ihrem Leben auffallend ist, dass sie
viele Stationen hat. Und immer wieder hat sie für einige Zeit studieren
können. Das muss sehr bereichernd sein. Das Studium in Genf hängt bestimmt
mit Piaget zusammen. Er war in seiner Zeit der grösste Psychologe, durchaus vergleichbar mit Sigmund Freud (der ja nun, wie wir wissen, eigentlich kein
Psychologe war). Und im Alter ihr Einsatz für den Frieden, für den sie
offenbar auch den Preis bekommen hat. Das war ein erfülltes Leben. Und ich
bin beeindruckt, dass Du Dir eine solche Frau als Beispiel vorgenommen hast.
Es ist schön und gut, einen solchen Stern zu haben.
*
Und dann kommt das Buch des Sohnes heraus .... Missgeburt finde ich ein
hartes Wort. Ich sage immer, die Kinder sind die Achillessehne der Familie,
respektive der Eltern vielleicht sogar. Es gibt doch Lebensarrangements,
die viel verstecken können, die hinter einer wunderbaren Fassade offenbar
blendend vorankommen. Die Kinder zeigen aber, wenn etwas fehlt, wenn
Verzerrungen vorhanden sind. Man kann nicht sagen, dass die Kinder die
Wahrheit darstellen, denn die Wahrheit ist vielleicht das Ganze. Aber sie
zeigen eine Korrektur, eine Reaktion, oder wie man das immer nennen will.
Dass das Gesamtarrangement jedem Mitglied der Familie die ihm eigenen
Möglichkeiten lässt, das ist eben das Wichtige. Gut möglich, dass die
Reaktion des Sohnes mit der Enttäuschung des Vaters einhergeht. Deshalb
finde ich wichtig, dass auch die Eltern von ihren Kindern lernen. Das
gesamte System muss eine Balance haben, dann können einzelne Mitglieder
durchaus ein bisschen ins Extreme abgleiten.
Aber vielleicht spreche ich da von einer Zeit, als die Familie noch unser
Lebensmittelpunkt war. Heute ist das nicht mehr für alle Menschen der Fall,
denke ich. Oder man nimmt die Freundschaften von diesen modernen Singles
sozusagen als eine imaginäre Familie. Das ist nicht undenkbar. Und auch der
Gedanke, dass Singles nicht asozial, sondern besonders sozial seien, ist
nicht ohne. Ihre sozialen Beziehungen sind alle bewusst gewählt und nicht
einfach standesmässig per Geburt entstanden. Das ist natürlich an sich
modern.
Bestimmt ist es ziemlich schwer, sehr erfolgreiche Eltern zu haben. Kinder
wollen doch ihre Eltern erreichen, wenn nicht überholen.
Was mich betrifft, so bin ich mit meinen Kindern durchaus zufrieden. Gut,
ich hätte mit ihnen gerne Latein gelernt und alte Autoren nochmals übersetzt. Aber dieser Wunsch war doch wohl etwas egoistisch. Damit hätte
ich mir gerne alte Erinnerungen zurückgeholt.
(---)
Gratulation für den Schwedischen Sieg gegen die Finnen. Ihr Schweden seid
eine grosse Eishockey-Nation, das haben wir immer gewusst. Ich erinnere mich
an alte Zeiten, da die Russen und die Tschechen, die Amerikaner und die
Kanadier und die Schweden die Sache miteinander ausgemacht haben. Und die
Schweden waren immer ein junges Team mit einem frischen Spiel. Man hat ihnen
nachgesagt, sie wären erstklassige Trinker. Die Sache auf dem Eis ging mehr
oder weniger nebenher. Aber das war bestimmt bloss üble Nachrede. Sie waren
uns überaus sympathisch, weil sie unter den Goliaths sozusagen den David
spielten
---
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
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