Montag, 28. Juni 2010

"ein wunderschönes Büchlein"

den 5 juni 2003 12:30
Re: Tagebuch..

Liebe Marlena
Das Wetter läuft jetzt endgültig auf den Sommer zu. Es ist warm und angenehm. Von hier oben, meinem Büro, sehe ich, wie sich unten auf dem Platz die Kleidung der Menschen ändert. Jetzt gehen sie wieder in Shorts und Tschirts um. Es ist doch erstaunlich, wie sehr sich Erwachsene immer mehr kleiden wie Kinder. Das kommt wohl von der sogenannten Freizeitgesellschaft, denn in der Freizeit schwinden die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. An der Spielzeugeisenbahn liegen die Söhne ebenso auf dem Bauch wie die Väter.
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Ich habe ein wunderschönes Büchlein, das ich gerade lese. Das wollte ich längst tun, ist mir auch schon von vielen Seiten empfohlen worden. Doch erst gestern habe ich es zufällig im Laden entdeckt. Wahrscheinlich eine Wiederauflage. Und ich empfehle es Dir, Marlena, entweder um es selbst zu lesen, oder aber K unterzuschieben, als Vorbereitung für seine Portugal-Reise. Autor ist Antonio Tabucchi, ein Italiener, Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Der Titel heisst "Erklärt Pereira...". Ich gebe Dir den Klappentext:
"Portugal unter Salazar. Pereira, ein in die Jahre gekommener, bequem gewordener Lokalreporter, redigiert die Kulturseite einer kleinen regimetreuen Lissabonner Abendzeitung. Pereira kümmert die Politik nicht, bis er eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, den er als freien Mitarbeiter für die Zeitung gewinnen will und der sich als Widerstandskämpfer erweist. Der Ästhet Pereira wird immer mehr in das Treiben von Monteiro Rossi und seiner schönen Freundin Marta verwickelt .."
"Das Wunderbare an Tabucchis Parabel ist, dass sie eine moralische Geschichte erzählt, ohne eine Moral von der Geschichte zu haben. Ein Denk-, Spiel- und Rätselstück, wie Tabucchis frühere Bücher - nu mit mehr Bodenhaftung."(Die Wochenppost)
"Ein Glanzstück .... wunderbar schwebend erzählt, als bedürfe es dazu keiner Mühe und Kunstfertigkeit." (Rheinischer Merkur)
Ich habe vor knapp einem Jahr die Verfilmung gesehen, mit Marcello Mastroiani in der Hauptrolle. Das ist einer der wenigen Fälle, wo ich das Buch schätze, obwohl ich den Film schon gesehen hatte. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass die Geschichte von Tabucchi geschrieben worden war. Der in der südlichen Sommerhitze schwitzende Matroiani hat mir einfach gefallen. Und vielleicht noch ein bisschen die altmodische Kleidungen der Leute. Der Roman spielt zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges, zu Zeiten also, da es auch in Europa noch Diktaturen gab. Das Büchlein ist die 10. Auflage erschienen, sehe ich gerade, also sehr erfolgreich. Und Pereira sitzt in jenen berühmten Cafés Lissabons herum, schwitzt, schnauft und trinkt Limonade. Oder er spricht zuhause ans Bild seiner verstorbenen Frau, entschuldigt sich, dass er zu spät kommt, rapportiert ihr den vergangenen Tag. Ich glaube, wenn ich selbst schreiben könne, würde ich sowas in diese Richtung schreiben. Ich meine vom Ton her, und von der Philosophie. Der Roman hat wirklich eine vibrierende Athmosphäre, die mir sehr liegt. Sie flackert so ein bisschen zwischen Leben und Tod.
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Mittwoch, 23. Juni 2010

Proust und Alain de Botton

...
Dank der Fussballmeisterschaften habe ich mein de Botton schon zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmolsen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um wleche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Léoinie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitrt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
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Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseite lassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
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Dienstag, 22. Juni 2010

bald Midsommar

Schwedische Sommernacht 22 Juni 2010

Donnerstag, 17. Juni 2010

Edward Hopper


(fortsetzung)
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Mag sein, dass Hopper auch warmes Licht gemalt hat. Und wenn Du das sagst, kommen mir wirklich ein paar Bilder in den Sinn, wo das zutrifft. Aber das ändert nichts an diesem Grundgefühl der Verlorenheit. Ich sehe vor allem ein Bild einer langen Bar, wo verloren ein paar wenige Menschen sitzen. Sie scheinen völlig beziehungslos. Und ihre bildnerische Darstellung ist von einer Abstraktheit, die es unmöglich macht, individuelle menschliche Züge zu erkennen. Es sind eigentlich keine Menschen, es sind Figuren, Chiffern für Menschen. Und hier eben erinnere ich mich dieses Neon-Lichts, das keine echten Schatten wirft, was alles in eine nivellierende Gleich-Gültigkeit taucht.
*

Kartoffelsäcke?

Ämne : Kartoffelsäcke?
Datum : Wed, 3 Oct 2001 08:11:00 +0200

Liebe Marlena
Puh, das Bild, das Du als Illustration auswählst hat mich laut lachen lassen. Mit diesen zwei Kartoffelsäcken über dem Kopf sehen wir doch sehr erbärmlich aus. Ich weiss nicht, damit kann ich mich schwer identifizieren. Aber an sich finde ich das Bild - nun ja, ich kann nicht sagen schön, aber gut finde ich es, wie viele Bilder von Magritte. Sie sind modern in meinem Empfinden, das heisst, sie sind echte Röntgenbilder unserer Gesellschaft und unserer Welt.
Sie sind nicht rein mimetisch, wie das noch das Ideal der antiken Bilder war. Es gibt doch diese Anekdote von Zeleukis (oder hat er anders geheissen?). Beim Malwettbewerb sind die beiden Kontrahenten daran, ihre Bilder zu entblössen, um den Sieger zu entscheiden. Der eine hat das Tuch schon gelüftet, und die Kirschen sind so gut gemalt, dass die Vögel kommen, um daran zu naschen. Er scheint den Wettbewerb zu gewinnen. Doch dann soll das zweite Bild gelüftet werden. Und siehe da, das Tuch, das es bedeckt, lässt sich nicht wegziehen, denn es ist gemalt. Sehr realistisch gemalt. Letzterer gewinnt den Wettbewerb, denn er war fähig, nicht nur die Vögel,sondern sogar die Menschen zu täuschen.
So also malt Magritte nicht. Obwohl natürlich eine Pointe seiner Malerei darin besteht, dass er stilistisch sehr nahe beim Realismus bleibt. Docseine Bilder sind letztlich gedacht. Sie sind ein Kommentar zur Situation. Welcher Situation? Na ja, unsere Situation, die menschliche, die heutige.
Ich bleibe lieber beim Bild des Turmes, als dass ich zu jenem der Kartoffelsäcke hinüberwechsle. Nein, diese Vorstellung ist mir sehr unangenehm. Ich spüre Platzangst. Ich fühle mich in dieser Art von Blindheit absolut hilflos. Nein Marlena, erspare mir die Kartoffelsäcke.
*
Und was Du von unserer guten Swissair gehört hast, das ist natürlich auch eine Katastrophe. Wir hatten geglaubt, sie würde vorübergehend gerettet durch die beiden Grossbanken. Aber sie haben ...

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im Art Archive


Ämne : Sous le ciel plus de problèmes..
Datum : Tue, 02 Oct 2001 22:36:31 +0000

Lieber ...,
In ein paar Minuten ist es schon Mittwoch und ich habe bis jetzt Tests korrigiert die ich morgen früh zurückgeben will. Etwas mehr als 4 Stunden habe ich gebraucht. Das ist eigentlich nicht so viel denn normal nimmt es zwischen 5 und 7 Stunden.

Ich habe noch dein kleines Telegramm erhalten. Und dann habe ich mir nochmals Bilder von Hopper angesehen im Art Archive im Internet. Die Bilder sind wirklich sehr eigen. Manche haben doch ein schönes warmes Licht und sind trotzdem etwas öde. Auch Anna mag seine Bilder, besonders Gaz gefällt ihr sehr. Und dann haben wir uns noch ein paar andere Künstler angeschaut und sind bei Magritte gelandet. Von ihm habe ich ein Bild gefunden das ich dir gern senden möchte. Es passt irgendwie zu unserer Mausfreundschaft. ;-)
*

Montag, 14. Juni 2010

in Not

Re: Halo meine liebe Wand

Liebe Marlena
Ach meine Liebe, Du bringst mich echt in Not. Deine Mails sind
zuckersüss und klitzeklein wie Surfin-Pralinen, aber ich brauch mal
wieder ein echtes breites gepfeffertes Bergarbeiter-Steak, das mir ein
tüchtiges Fundament abgibt. Verstehst du meine Not? Der Turm bröselt
dahin!
With one incentive & intensive kiss
und mach es gut, mein Turmfräulein
Gruss
...
...

"Liebeslied" Rilke

Marc Chagall Blauer Geiger

Liebe Marlena

Einmal hast du einige Zeilen von Rilke zitiert, ein Liebesgedicht, welches mit dem Bild des Geigenbogens spielt, der über zwei Saiten streicht. Das ist es! Dieses Gefühl, verstanden zu werden in diesen Dingen, die vielleicht nicht gerade das praktische, alltägliche Leben sind, das ist für mich einfach wunderbar. Darum sage ich, du bist meine Muse (ich hoffe, du findest diesen Begriff nicht eine beleidigende Zumutung? Die Muse ist die moderne Variante der minniglichen Frau, der Lady im Turm), du inspirierst mich zu Dingen, die ich sonst nicht beachten würde oder nicht tun könnte. Und natürlich hoffe ich, dass bei dir Ähnliches passiert.

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Samstag, 12. Juni 2010

Liebesnacht

Ämne: Rilke (3)
Datum: den 7 februari 2004 14:49


Liebesnacht


...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor
sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie
Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander
ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie
wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und
sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder
abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

Kleinstädte und Ausflüchte

Ämne: Rilke (2)
Datum: den 7 februari 2004 14:49


Kleinstädte


Man muß sie gesehen haben, diese kleinen und ganz kleinen Städte in meiner Heimat. Sie haben einen Tag auswendig gelernt; den schreien sie immerfort wie große graue Papageien in die Sonne hinein. Nah an der Nacht aber werden sie namenlos nachdenklich. Man sieht es den Plätzen an, daß sie sich bemühen, die dunkle Frage zu lösen, die in der Luft liegt.

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Ausflüchte


"...in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe..."

Mein lieber Freund,
Sie sind sicher in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe in all der Zeit, in der ich (von geschäftlichen Briefen und ganz knappen fälligen "Ja" "Nein" oder Dankworten abgesehen) gar keine Korrespondenz fortgesetzt habe, aus dem besten, aus dem endgültigen Grunde: Arbeit...

Brief an Karl von der Heydt, 12. Dezember 1908

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Fortsetzung: Affen

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Und jetzt bin ich eben von unserem Ausflug in Basel zurückgekommen. Das war nicht übel. Das Wetter zeigte sich von einer angenehmen Seite. Die Führung im Zoo war exzellent. Ein Verhaltensforscher sprach über Gorillas. Und dahinter konnte man eine Kolonie mit einem Männchen und etwa 4 Weibchen mit ebensovielen Jungtieren beobachten. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass das Erbmaterial der Schimpansen und der Menschen zu 99% übereinstimmt, und dass die Distanz der Primaten zu übrigen Affen 1000x grösser ist als die Distanz der Menschenaffen zum Menschen. Wir sind die gleiche Familie. Die Tiere haben Einsicht, können lernen, haben eine hohe Sensibilität, sind individuell erkennbar und haben damit so etwas wie eine Persönlichkeit. Das war wirklich hoch interessant. Ich hatte früher einmal einen solchen Vortrag gesehen, von demselben Forscher. Aber er erzählte völlig andere Dinge. Interessant war es vor allem, die Erklärungen gleich am Verhalten der Tiere im Hintergrund überprüfen zu können. Beispielsweise wurde das Männchen, das eigentlich die Führung der Gruppe übernehmen sollte, noch nicht allzu lange in die Gruppe eingeführt. Doch er ist noch nicht voll erwachsen, obwohl er schon Junge zeugen kann. Erst wenn er sich in einem vernünftigen, beschützenden und beruhigenden Verhalten in der Gruppe bestätigen kann, dann wird er als Chef anerkannt werden. Im Moment hat er zeitweise noch Flausen im Kopf, neckt andere Jungtiere, so dass die Weibchen sofort auf den Plan treten, um sie zu beschützen. Und dabei war dieses Männchen bei weitem das grösste und stärkste Tier im Käfig. Es wäre also für einen blossen Zuschauer ohne Erklärung nicht verständlich, weshalb dieses Männchen zwar einzelne Tiere vom Platz verweist, aber doch die Gruppe nicht dominieren kann. Ich muss mal ein Buch von diesem Jörg Hess lesen. Er kann die Dinge auch sehr gut beschreiben und plausibel machen. Und ich glaube in unserem Beruf ist es gut, den Menschen gelegentlich als Affen anzuschauen, dh. ihn völlig äusserlich zu beobachten, ohne gleich die psychische Seite mit in die Überlegungen zu bringen. Anschliessend haben wir auf dem Rhein eine kleine Fahrt gemacht und einen Apero getrunken, um den Nachmittag mit einem kleinen Spaziergang zu beschliessen. Ich hatte es nicht erwartet, aber es war alles ziemlich angenehm und gut geplant. Und dazu hat uns der Arbeitgeber sogar einige der Kosten übernommen. Kurz und gut: ein gelungener Tag.
*
Und jetzt muss ich heim, um mich für morgen zu rüsten. Morgen sollte ich noch ein Plakat zeichnen und zwei Dinge erledigen, die schon ewig auf meinem Tisch liegen. Ich sollte sie eeeeeeeendlich tun.
Und wo bist Du, was sagst Du? Gibt es Dich noch?
Mit einem lieben Gruss
...

Freitag, 11. Juni 2010

Affen im Basler Zoo

Ämne: Mina
Datum: den 4 september 2002 17:00


Liebe Marlena
Heute haben wir unseren Büro-Tag. Zwei Mitarbeiterinnen haben ein sattes Programm organisiert, so dass wir keine Minute ohne irgend eine Aktivität oder gar Essen in der Landschaft herumstehen. Wir werden am Morgen in den zoologischen Garten Basels gehen, und uns durch den Affenspezialisten informieren lassen. Ich habe diesen Spezialisten schon einmal in einem Clubanlass gehört. Er weiss aus vielen Jahren Arbeit mit den Primaten viel über die Menschenaffen und erzählt Dinge, die uns oft an den Menschen erinnern. Ich erinnere mich noch, wie er erklärte, dass das genetische Material des Gorillas und des Menschen sich nur in 2% unterscheiden. 98%
Verwandtschaft ist doch eine herbe Kritik an uns Gotteskindern, Krone der Schöpfung. Wenn das Wetter hinhält, folgt nach dem Affenhaus die Rheinfahrt mit Apéro. Man sieht dann die Stadt einmal von einer anderen Seite und kann dazu plaudern und Sprüche machen. Das Mittagessen schliesslich ist im Parterre Restaurant im Kasernenareal (1. Stock) vorgesehen. Das Kasernenareal ist, wie der Name sagt, eine alte Kaserne mit einen riesigen Hof. Dort sind heute diverse kulturelle Institutionen, Gallerien etc. untergebracht. Das ganze befindet sich in Kleinbasel, also in jenem Teil Basels, der früher als der ärmere und für die Arbeiter gedacht war. Aber heute ist es sogar schick, auf der Kleinbasler Seite am Rhein zu wohnen.
Der Nachmittag ist, gemäss Organisation unserer Kolleginnen, einem Spaziergang dem Rhein entlang bis hinauf zum Tingeuely-Museum vorgesehen. Bei Regenwetter soll er etwas kürzer ausfallen, und mit einem Besuch des Karikatur-Museums unterbrochen werden. Und schliesslich wollen sie um ca. 16h noch im Goldenen Sternen bei Tee, Kaffee und Kuchen diesen Tag enden lassen. Respektive die Kalorien aufbuttern.

Und wenn ich heute morgen um 6.00h in den Himmel schaue, muss ich fürchten, dass das Schlechtwetterprogramm zum Rollen kommen wird. Ich glaube, es wird sicherlich etwas regnen heute, und ich überlege mir schon, welchen Schirm ich mir unter den Arm klemmen soll.
*

O.W Fischer

Ämne: RE: mittwochs
Datum: den 4 februari 2004 10:31


Liebe Marlena
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Im Fernsehen habe ich vernommen, dass O.W. Fischer verstorben sei. Kennst Du O.W. Fischer. Er war DER deutsche (oder oesterreichische) Filmstar in unserer Jugend, ein Charmeur, ein Held mit Ironie und ein gutausschauender Typ. So wollten wir Jungens damals alle werden, so wie Owe Fischer, der am Bett seiner Schönheit genau die richtigen Worte in den richtigen Nuancen finden konnte, nicht zu süss, aber auch nicht zu hölzern, immer leicht gebrochen in Ironie. Irgend einmal hatte er in einem Film mit Liselotte Pulver den Schokoladensoldaten gespielt, hat ein bisschen mit schweizerischem Akzent gesprochen. Ach, er war uns ein Modell, obwohl wir das nie zugegeben hätten. So haben wir uns unser Erwachsenenalter etwas vage, aber sehr souverän und mit gekonnter Ironie, vorgestellt. Er hat die Damen noch im Negligee zu nehmen gewusst. Er sah gut aus, und seine Geliebten, die er dezidiert küsste, waren niemals nackt, aber man ahnte, was bestenfalls dahinter sein könnte. Ich meine, wir kannten den besten Fall von bestenfalls noch gar nicht. Aber immerhin. Owe war auch insofern eine Ausnahme, als er den deutschen Typen, die sonst auf dem Bildschirm auftauchten, kaum glich. Er war wirklich gut aussehend, was man sonst von ihnen nicht sagen konnte. Und ich glaube, eine Weile hatte ich sogar gedacht, er wäre Schweizer. Und schliesslich hat er seit den 70er Jahren sein Alter in der Schweiz, im Tessin verbracht. Er wurde im Alter etwas merkwürdig. Ich habe 2 oder 3 Interviews gesehen in den letzten paar Jahren. Er war ein Narzist und wohl ziemlich eigenwillig. Er habe einige Bücher geschrieben, mit philosophischem Einschlag, wie die Moderatorin nicht zu erwähnen vergass. Und er hat, wie er immer wieder gesagt haben soll, seine Frau (eine Schauspielerin ebenfalls) und seine Katze überlebt. Gratulation!
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Und jetzt sitze ich wieder hier am Fenster .. und gehe an die Arbeit.
Ich wünsche Dir einen sonnigen Tag.
Mit lieben Kas und Grüs

Leere.. :-(


Ämne: Leere.. :-(
Datum: den 4 september 2002 16:06


Ach, mein lieber Mausfreund, es ist so leer hier im Haus wenn du nicht da bist wenn ich nach Hause komme. Ich bin müde nach dem Tag. Die Erkältung und diese Wärme dazu machen mich ziemlich groggy.

Nur Issi erwartet mich. Sie freut sich wenn ich komme und begrüsst mich mit "Flügelchen". Du weisst, wenn sie den einen Flügel weit ausbreiten. Aber was kann man schon für sinnvolle Gespräche führen mit einer alten Wellensittichdame? Sie ist ja auch schon etwas invalidisiert. Kann nicht mehr fliegen und kaum auf den Füssen stehen. Aber ich habe ihren Käfig so gut eingerichtet dass sie doch fast wie früher leben kann. Bin ein richtiges Genie im Konstruieren von Hilfsmitteln für gehandikappte Vögel. :-) Vielleicht sollte ich mich darauf spezialisieren..

Jetzt werde ich mir schnell einen heissen Kaffee machen und Honig dazu. Und dann ein wenig ausruhen.
Lass bald von dir hören.
L.G.
Marlena

Donnerstag, 10. Juni 2010

Mercier

17 October 2007
Gestern und heute und morgen


Liebe Malou
Ich habe ein Viertelstündchen Zeit. M. hat sich in der Zeit vertan
und ist jetzt doch besetzt. Erst um 15h kann er wirklich.

Helen aus dem Sekretariat hat mir von Mercier erzählt. Das ist ein
Schriftsteller, eigentlich ist er Professor in Berlin, Professor für
Philosophie wohlgemerkt. Jetzt hat er schon etliche belletristische
Bücher geschrieben. Und eben, gestern fand in der Buchhandlung in
Basel eine Lesung statt. Alle sagen, er sehe mir ähnlich. Schon in
Bern hat man mir das gesagt. Fakt ist, dass er selbst Berner ist. Er
lässt Teile seiner Romane gern in Bern spielen. Und offenbar hat er
gestern ganz interessant und mit Charme über seine Bücher Auskunft
gegeben.

Du siehst Malou, vielleicht habe ich meine literarische Karriere schon begonnen, inkognito sozusagen. Übrigens hat Helen dort bei jener Lesung einen ehemaligen Mitarbeiter angetroffen, der erzählt hat, er hätte jetzt seinen ersten Roman, einen Krimi fertiggestellt. Du siehst, alle fangen an zu schreiben. Die Bücher überschwemmen uns. Oft überschwemmen sie uns mit trivialen Gedanken. Wir müssen sie lesen und die ganze Zeit damit verschwenden, um am Ende zu merken, dass sie absolut trivial sind. Man sieht es ihnen leider nicht von aussen an. Aber andererseits sind Bücher auch ein wunderbares Mittel, in die Gedankengänge und ins Seelenleben eines Menschen hineinzusehen. Vor der Zeit des Buches hatte es das wohl nicht gegeben. Und auch beim Buch ist es nicht sofort aufgetaucht. Einer der ersten war wohl Michel de Montaigne. Kennst du ihn?
...

das unvorhersehbare ...

Liebe Marlena
Jetzt beginnt unsere letzte Schulwoche, und dann haben auch wir Schulferien, d.h. die Schüler und ihre Lehrkräfte. Wir sind spät dran verglichen mit euch Schweden, wo es doch hier um einiges wärmer ist als bei euch oben. Und heute sitze ich wie immer in diesem letzten halben Jahr morgens um 0600 an diesem mikrigen laptop und schreibe an meine Marlena, die mein Leben in diesen letzten Monaten sagen wir mental ziemlich revolutioniert hat. Ich kann nicht sagen, sie habe alles durcheinander gebracht. Denn äusserlich ist nicht soviel feststellbar. Alle Planeten gehen in den alten bewährten Bahnen. Aber innerlich hat sich doch sehr viel verändert, und es sind unversehens neue Freuden und neue Leiden dazugekommen. Wo wir doch gedacht haben, es würde nun reichen im Leben, das Wesentliche sei jetzt getan, es gehe jetzt wieder den Berg hinunter. Aber nein, das Leben hat noch zusätzliche Passfahrten und Bergpreise vorgesehen. Das Leben, das unvorhersehbare.

Oder ich denke zurück..

(Forsetzung "Italobar")

Oder ich denke zurück an die vielen schönen Rilke-Zitate, die du mir geschickt hast. Es waren ausschliesslich Liebeszeilen. Irgend einmal ist mir das aufgefallen. Aber auch dann habe ich nichts geahnt. Ich habe noch nicht gedacht, dass du dich mit diesen Zeilen sosehr identifizieren würdest. Ich habe gedacht, du willst mir die schöne Melodie, die reinheit der Sprache, die Verspieltheit der Bilder zeigen. Aber doch nicht gleich echte Liebe. Ich habe gedacht, du legst sie mir hin, wie man dem Freund einen schönen Stein, ein vierblättriges Kleeblatt oder was ähnliches hinlegt, das man auf dem Spazierweg gefunden hat, um mit ihm zusammen die Freude an diesem aussergewöhnlichen Fund zu teilen. Ich habe anfangs nicht gemerkt, dass du die Zeilen direkt an mein Herz adressierst. Nein, das hätte ich von einer schwedischen Oberstudienrätin wirklich nicht erwartet.

Und da stehen wir nun heute mit unserer Sehnsuche. Und ich muss sagen, ich habe seit 10 Tagen nichts mehr von dir gehört. Und das ist unendlich lang. Aber ich versuche mich täglich zu vertrösten und mir zu sagen, dass es in Sorrento eben kein Internetcafé gibt, oder dass das Wetter einfach zu schön ist, um sich in einem Internetraum zu verkriechen, oder dass du dich in dieser kurzen Woche einfach voll und ganz auf A einstellen möchtest, die das braucht. Ich versuche dich auf hundert Arten zu entschuldigen, wenn ich mich frustriert fühle angesichts des brutalen Mail 0 im inbox. Ich kämpfe wirklich dagegen, denn es ist ja auch eine Art von Eifersucht. Aber es ist nicht nur Eifersucht, ich möchte natürlich auch echt wissen, wie es euch geht und was es mit diesem Torquato Tasso auf sich hat. Hoffentlich kannst du ein bisschen was herausfinden über die gute alte zeit von Sorrento und von Capri und Positano. Darüber würde ich gerne hören. Und wenn ihr auf dem Rückflug einen Zwischenhalt in Basel macht, ist alles ok, kein Problem, ich würde euch erwarten.
So ist es, meine allzuschöne allerliebste Marlena, ich habe...

Mittwoch, 9. Juni 2010

Tagebuch

Liebe Marlena
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Du hast gestern abend gesagt, du hast Angst. Wenn du meine Mails lesen wirst, kannst du sehen, dass ich genau davon auch gesprochen habe. Langsam merke ich, dass die Ferien auf uns zukommen. Aber ich glaube, es ist gut, einfach ein schönes Tagebuch zu führen, auf Papier, versteht sich, und es später zu tippen oder daraus zu zitieren. Ich werde meines noch mit Zeichnungen schmücken, damit du mehr siehst. Tagebuch ist wirklich eine feine Sache, finde ich. Man fühlt sich irgendwie immer zu zweit. Man geht viel bewusster durch die Welt. Man ist sich selbst ein guter Freund auf diese Weise, wenn die Freundin nun eben nicht dabei sein kann. Die Welt wird nicht zusammenbrechen diesen Sommer. Sie ist ziemlich stabil gebaut. Und Mitte August werden wir die ersten Mails hin und her schiessen, dass es nur so pfeifft in der Luft. Spätsommer und Herbst ist meine bevorzugte Zeit. Ich mag es, wenn die Tage etwas kühler werden, wenn man wieder den Regenmantel hervorholt. Dann ist es schön, in der Stadt zu flanieren mit sauberen Lederschuhen und ein bisschen eingehüllt, nicht mehr nahezu nackt wie im Sommer. Den Herbst werden wir zusammen geniessen. Es ist der erste Herbst, den wir zusammen geniessen werden. Sind alle Skorpione so, dass sie den Herbst am meisten mögen. Ich weiss es nicht.
*

Montag, 7. Juni 2010

Ein paar Worte nur...


Subject: Ein paar Worte nur..

Lieber ... !
Es tut mir leid dass ich heute nicht an den PC rankam. Ich würde so gern ein bisschen mit dir zusammensein, was ja bei uns bedeutet dass man sich an den PC setzt und schreibt.
Ich habe so alles gepackt, ausser der Sonnencrème :-)
Irgendwie habe ich das Gefühl dass ich in eine grosse Vergangenheit reisen werde.. zurück zur Jahrhundertwende wo Capri noch Mittelpunkt der europäischen Kunst und Kultur war. Auch unser lieber Rilke war dort. Er hat doch sein schönes Liebesgedicht auf Capri geschrieben :-)
“Wie soll ich meine Seele halten
dass sie nicht an deine rührt..?"

Siehst du, diese Frage stelle ich mir ziemlich oft. Auch ich möchte sie manchmal „bei etwas Verlorenem im Dunkel unterbringen".

Vielleicht komme ich noch dazu heute Abend ein Mail zu schicken. Ich fahre morgen um 11.30 von hier und dann beginnt das "grosse Abenteuer".
Ich wünsche ich hätte männlichen Eskort.. aber wir werden es schon irgenwie hinkriegen.

Je te laisse, mon amour.
Bald bin ich wieder ganz bei dir ;-)
Ich liebe dich, vergiss es nicht.
Marlena

(Sun, 18 Jun 2000 14:55:24)

die Italobar

Liebe Marlena
---
Und wenn ich so an dich denke, dann habe ich viele schöne Momente in Erinnerung, die wir zusammen gehabt haben, und die wir einzig und allein mit Worten zum Leben erweckt haben. Wir sind irgendwie doch kleine Künstler. Ich denke beispielsweise an die Italobar, die ich die schönste Bar finde, die ich in meinem Leben je besucht habe, mit den auserlesensten Getränken und einem Barkeeper, der einfach wunderbar ist, und einem von diesen hohen Barhockern, der einzig und allein für Marlena reserviert ist. Ich bin ja nun nicht gerade ein allzu geübter Bargänger. Doch ich kenne welche, von denen man das sagen könnte. Zum Barprofi gehört ein gewisses verhalten, eine Art, mit anderen Leuten anzubändeln und ins Gespräch zu kommen, um sie nach ein paar Stunden wieder in die Dunkelheit des Vergessens zu entlassen. Barprofis haben meist ein paar markige Sprüche auf der Zunge, die sehr persönlich klingen, aber im Grunde Schablonen sind. Denn eine Bar ist eine quasi private Lokalität, die aber doch öffentlich ist. Man soll sich zuhause fühlen, obwohl jeder eintreten kann. Das führt zu diesem ambivalenten Verhalten.
Aber in unserer Italobar ist das ganz anders. Die Italobar ist wirklich privat und geradezu intim. Die anderen Leute, die hier noch sitzen mögen, die sympathisch und gutaussehend an den Gläsern nippen und ab und zu verstohlen zu uns herüberschauen, sie sind nur Staffage, sie sind nicht wirklich eigene Lebensmittelpunkte, sondern nur Anhängsel an unserem Liebesgeflüster. Sie haben keinen eigenen Willen, sondern sie dienen nur uns, die wir eine schöne Situation brauchen, um unseren Flirt wirklich werden zu lassen. Sie sind blosse Realisatoren unserer Liebessehnsucht. Dazu sind sie da, und wenn sie das geleistet haben, müssen sie wieder untergehen. Sie haben kein eigenes Recht neben unserer grossen Sehnsuche.
Du siehst, Marlena, ich komme echt ins Deklamieren. Fast ein bisschen feierlich und gehoben. Nun ja, das verdiente sie auch, unsere Liebe, unser literales Kunstwerk, an dem wir beide so hängen.
...

Sonntag, 6. Juni 2010

6 Juni 2005


date 6 June 2005 06:31
subject Merci


Lieber ...,

Heute feiern wir unseren Nationaltag, zum ersten Mal als roten Tag im
Kalender. Anstatt den Pfingstmontag haben wir nun diesen als offiziellen
Feiertag.
...

Samstag, 5. Juni 2010

Schmetterlingpaparazzi


Mitten am Tag ist es so warm, dass man kaum hinausgehen will, aber
unser Nachbar, der Biologe, verfolgt einen seltenen Schmetterling in
unserem Garten mit seiner Kamera. Du weisst, er ist ein sehr guter
Naturfotograf und wird wohl die Bilder in irgendeinem Magazin
veröffentlichen. Ein richtiger Künstler ist er mit seiner Kamera und
träumt genau wie du davon sich ganz seiner Kunst zu widmen. Na ja,
ganz und ganz.. er hat viele Eisen im Feuer.

Schmetterling auf Lavendel



Freitag, 4. Juni 2010

Graf Lennart B.

Re: Nur drei Worte...und ein paar andere
Wed, 31 May 2000 11:17:21 GMT


Liebste Ferngeliebte
Es ist ein cooles Bild, meine Marlena am Steuer auf der Überholspur mit gegen 150 Sachen und daneben die Polizeistreife in Zivil, die sie stehen lässt. Das Bild geniesse ich, es ist wunderbar, die Kennerin von Rilke auf der Rowdy-Tour, die Verlaine-Leserin landet fast bei einem Fahrausweisentzug, weil sie so wild dahinfliegt. Du bist wirklich ein schöner und weiter Mensch. Ich habe es nicht von anfang, aber ich habe es früh bemerkt. Ich bin begeistert. Wir hatten eine Sitzung und mitten in dieser Sitzung ist mir das Bild im Kopf wieder aufgetaucht. Und wahrscheinlich haben alle gedacht, weshalb ich jetzt bloss vor mich hinlächle.
*
Wohin ich gehe, ich treffe dich. Ich finde Schweden überall. Gestern, als ich nicht schlafen konnte, ging in noch kurz an den Fernseher. Was sehe ich da. Eine Talksendung, wie es sie heute viele gibt mit Graf Lennart und Gräfin Sonja. Ich habe diesen langen Kerl noch nie gesehen. Er ist wohl ein echter Schwede, an die 220 cm hoch und blond, allerdings um die 80, nehme ich einmal an. Und seine Frau muss um die 25 Jahre jünger sein. Sie führt den Betrieb auf Mainau, die Gärten und Touristenattraktionen, die Nobelpreisträger-Treffen, andere Symposien. Es ist offentlichtlich seine zweite Ehe, und sie haben in seinem Büro geheiratet. Sie war schon vorher seine Mitarbeiterin, und sie musste auch gleich den Emfpang zur Bekanntgabe seiner Hochzeit organisieren. Allerdings hätten sie nicht allzuviel Applaus bekommen, weil alle ihr Champagne Glas in den Händen hatten. Er war recht komisch, euer Graf Lennart, und machte lustige Sprüche. Ist er ein Onkel des heutigen Königs, oder? Er wollte eigentlich keine Kinder mehr, denn er hatte schon welche aus seiner ersten Ehe. Eine Tochter war dort auch anwesend, und sie ist älter als die jetztige Frau des Grafen. Doch in seiner zweiten Ehe hat er dann noch 4 Kinder. Sie müssen sehr fruchtbar sein, diese Schweden. Besonders wenn sie zu uns hinunter in die Wärme ziehen. Das wird es wohl sein, wenn sie rundum umgeben von schönen Blumen immer wieder Liebe machen können, wenn sie wollen. Offenbar ist er ein guter Blumen-Fotograph, euer Graf Lennart Berndadotte. Ich hätte mir natürlich eine solche Sendung sonst nie angeschaut. Aber weil ich nun ja einige Fäden nach Schweden gesponnen habe, war ich interessiert und habe alles genau verfolgt.
*
Und heute morgen habe ich in der Bibliothek ein Buch geholt über Marcel Reich-Ranitzky. Er ist ein Literaturkritiker, ...

Donnerstag, 3. Juni 2010

Nachtzug nach Lissabon

17 October 2007 16:50
noch ein paar Worte


„ICH WOHNE IN MIR WIE IN EINEM FAHRENDEN ZUG"

„Ich bin nicht freiwillig eingestiegen, hatte nicht die Wahl und
kenne den Zielort nicht. Eines Tages in der fernen Vergangenheit
wachte ich in meinem Abteil auf und spürte das Rollen. Es war
aufregend, ich lauschte dem Klopfen der Räder, hielt den Kopf in den
Fahrtwind und genoß die Geschwindigkeit, mit der die Dinge an mir
vorbeizogen. Ich wünschte, der Zug würde seine Fahrt niemals
unterbrechen. Auf keinen Fall wollte ich, daß er irgendwo für immer
hielte."

(Pascal Mercier)

Ach du...

date 1 October 2006 11:19
subject Ach du...



mein lieber Mausfreund... du siehst mich wieder nicht... bin ich
wirklich wie ein Engel geworden?

date 1 October 2006 11:40
subject Re: Oktober schon..


Liebe Malou
Ja mein Schutzengelchen. Vielleicht brauche ich einen solch treuen
Begleiter. Und von Rilke wissen wir, welch sublime höhere Wesen die
Engel sind. Engel und Liebende, um genau zu sein. Er hat eine eigene
Engeltheorie. Und ich glaube, erst in den Duineser-Elegien tauchen
diese Wesen auf. Er hat sie in Duino, dem Schloss von Thurn und Taxis
bei Triest entdeckt. Ach, ich weiss es nicht mehr so genau, aber so
ungefähr glaube ich mich zu erinnern.

Wir haben hier heute Regenwetter. Und für die nächste Woche soll es
kühler werden. Kein Wunder, wenn ihr dort oben die ganze Wärme hortet!
Warum lasst ihr uns nicht auch ein bisschen davon?

Ich muss heute packen. Ich fühle mich ein bisschen wie in jüngeren
Jahren, wenn ich zum Militär musste. Aber nach 2 oder 3 Tagen fühlt
man sich irgendwo, auch im Stroh zuhause.

Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
G+K

Late again

Lieber ...
Heute musste ich wirklich aufpassen und versuchen nicht an dein Mail zu denken sonst hätte ich plötzlich vor allen Leuten laut lachen müssen. Sag, warum glaubst du dass ich weniger scheu bin als deine alten Tanten? Würdest du ihnen auch so unverhüllt von deiner Männlichkeit erzählen? Stell dir mal vor wie sie dich anschaun würden. Und auch ich weiss nicht mehr ganz wie ich das nun mit meiner platonischen Liebe in Einklang bringen soll. ;-)

Ich werde so müde wenn ich von deinen Schlaforgien lese. Auch ich wünsche mir meistens nichts sehnlicher als mich irgendwo wie eine Katze zusammenzurollen und zu schlafen. Aber vor dem Fernseher? Neulich wäre es mir wirklich fast passiert aber ich bevorzuge doch mein Bett wo ich unter die wohlige Decke verschwinden kann.

Weiss nicht was mit der Schrift hier los ist. Sieht so anders aus. Überhaupt blödelt der hotmail heute ein wenig.

Immer noch nicht hast du mir meine Frage beantwortet. Aber ein spätes Abendmail hast du geschickt und der Adresse nach kommt es aus deinem Büro.
Ja, ich beginne so irgendwie deinen Tagesrythmus zu kennen. Montags ziemlich beschäftigt und Freitags selten ein Mail vor dem Nachmittag. Ach, es ist so schön dass es dich gibt. Weisst du das?

Jetzt wünsche ich dir eine gute Nacht und komme morgen wieder,
Mit lieben Grüssen,
Marlena


(den 15 oktober 2002 22:30
)

Mittwoch, 2. Juni 2010

Fronleichnam

Ämne: Fronleichnam
Datum: den 10 juni 2004 06:10


Liebe Malou
heute habe ich ein volles Programm. Vielleicht ist nicht gut, gleich am Morgen an all das zu denken, was noch kommt. Aber irgendwie steht es vor mir wie der Monte Ceneri, dieser hübsche monströse Berg in der Südschweiz. Und er wirft seine Schatten voraus.

Heute ist Fronleichnam, wenn ich richtig gehört habe. Das war im Wallis damals ein grosser Feiertag. Schon Tage vorher wurden die verschiedenen Altäre auf den Plätzen aufgestellt und dekoriert. Und am Tag dann kam die Prozession gleich eine Strasse weiter an unserem Haus vorbei. Schon morgens in der Frühe wurde mit Kanonendonner geballert und die Musik spielte den Zapfenstreich. Das war eigentlich alles nicht sonderlich aufregend. Aber es erinnerte mich an das Jugendfest in L, dieser grösste aller grossen Feiertage für die Jugend in jener Gegend. Dort gab es auch Kanonendonner in der Früh, dann einen riesigen Umzug mit verschiedenen Musikformationen, einen grossen Umzug mit der Jugend und der Lehrerschaft durch die mit Fahnen und Kränzen geschmückte Stadt. Vor dem grossen alten Schulhaus erhielt man aus der Hand des Gemeindepräsidenten nach einem kleinen Diener ein Fr. 0.50 Stück. Später irgend eine Wecke. Und am Nachmittag war Tanz und freies Karussell und andere Vergnügungen. Es war der grösste Tag, den man als Kind in L erleben konnte. Und die Musik am Morgen, wenn man sich noch im Bett drehte, erinnerte in Visp ein wenig an jenen Tag. In manchen Jahren fuhren wir an diesem Tag während vielleicht 3 Stundenden langen Weg via Lausanne nach Bern, um einzukaufen. Im Wallis gab es damals wenig Einkaufmöglichkeiten. Und so taten wir dies in Bern. Unsere Eltern waren die meiste Zeit beschäftigt, und wir Buben genossen immer wieder die Fahrten auf der Rolltreppe im Einkaufszentrum.

Ich muss an die Arbeit, um den Berg abzubauen.
Und so wünsche ich Dir einen schönen Tag.
mlgukus

Italo Svevo

Ich bin heute in L. und versuche, die Mittagszeit um die Ecke zu bringen. Eigentlich bin ich ein bisschen faul. Ich lese eine kleine Geschichte von Italo Svevo. Es ist die erste Bekanntschaft, die ich mit ihm mache. So wie Pessoa für Lissabon und Joyce für Dublin, so ist er der Beschreiber Triests, des alten Triest wohl zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als man dort noch Deutsch sprechen konnte.
„Verliebt sich ein wirklich junger Mann, löst die Liebe in seinem Gehirn oft Reaktionen aus, die mit seinem Begehren bald nichts mehr zu tun haben. Wie viele junge Männer, die es sich glücklich in einem gastlichen Bett bequem machen könnten, stellen nicht wenigstens ihre Wohnung auf den Kopf, weil sie glauben, bevor man mit einer Frau ins Bett geht, müsse man erst etwas erobern, erschaffen oder zerstören. Alte Männer hingegen, von denen es heisst, sie seien vor Leidenschaften besser geschützt, geben sich ihnen in vollem Bewusstsein hin und steigen ins Bett der Sünde einzig mit der gebotenen Vorsicht vor Erkältungen.“
Es geht in der Geschichte um die Verliebtheit eines älteren Mannes mit einer sehr jungen Frau, und er beschreibt die seine Seite ganz vortrefflich und mit Charme. Ich glaube, daran würdest Du auch Gefallen finden. Ich meine Svevo, nicht primär an einem älteren Mann! Im Büchlein ist ein Abbild des Autors, ein bürgerlicher Herr mit Stirnglatze, Schnauz, Schlips und Gilet, wie er sich am Tisch und nicht ohne Stil die „letzte“ Zigarette rollt. Seine hohe Stirn und die Augen scheinen mir einigen Humor zu verraten. Aber auch Lebenszugewandtheit irgendwie. Na ja, das gehört ja wohl zum Humor.
„Allerdings war er froh, als sie ging und er alleine blieb. Er war Gespräche mit ernsthaften Leuten gewöhnt, und es war ihm unmöglich, das leere Geschwätz des schönen jungen Mädchens auf Dauer zu ertragen. Man wird sagen, es gebe Künstler, Denker und ernsthaftere Leute als meinen alten Geschäftsmann, die in jungen Jahren das Gezwitscher eines schönen Mundes mit dem grössten Vergnügen ertragen. Aber da sieht man, dass alte Männer in gewisser Hinsicht eben viel ernsthafter sind als die ernsthaftesten jungen Leute“ …
Er hat so einen Jahrhundertwendestil. Und wirklich, hinten sehe ich, dass er von 1861 bis 1928 gelebt hat. Da ist er wohl ein Zeitgenosse Kafkas, Joyce’ und Pessoas. Er hat ursprünglich Hector Aron Schmitz geheissen, und wurde in der Familie Ettore genannt. Triest war damals Hafen und Handelszentrum des Habsburgischen Kaiserreichs. Seine Mutter war Italienerin gewesen aus dem Friaul, sein Vater ursprünglich aus dem Rheinland. Besuchte die israelitische Grundschule in Triest, später ein Internat in Segnitz bei Würzburg, wo er vorrangig eine kaufmännische Ausbildung erzählt. Er liest intensiv deutsche Autoren wie Jean Paul, Schiller, Heine, Goethe, ausserdem Shakespeare und Turgenjew. Weil ihm beide Kulturen, die deutsche und die italienische, gleich nahe liegen, wählt er sich das Pseudonym Italo Svevo. Zurück in Triest arbeitet er sich am Handelsinstitut Pasquale Revoltella einschreibt. Schreibt zuerst Theater. Die finanzielle Lage zwingt ihn, seine Studien abzubrechen und Geld zu verdienen. Er wird Auslandkorrespondent für Deutsch und Französisch bei der Wiener Union-Bank in Triest. Liest die italienischen klassiker Machiavelli, Guicciardini, Boccaccio und die Franzosen Flaubert, Daudet, Baszac und Zola. Svevo arbeitet an Komödien und im Jahr 1895, den Todesjahr seiner Mutter, verlobt er sich mit Livia Veneziani. 1897 Geburt der Tochter Letizia, Mitarbeit and er Zeitschrift Critica sociale. Veröffentlichung von Senilità, widmet sich der Lektüre von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Gontscharow und Ibsen. Diverse Reisen.
1928 stirbt er in Motta di Livenza an den Folgen eines Autounfalls.

Drei Themen bestimmten das Leben und Werk des Schriftsteller Italo Svevo: das Triestiner Bürgertum, der Mythos von der Jugend und das von den Anfängen der Psychoanalyse beeinflusste Konzept der Lüge.
Um die Jahrhundertwende hatte Triest 235'000 Einwohner. Italiener, Slawen, Deutsche, Juden, ein buntes Gemisch von Völkern, Sprachen und Kulturen. Triest war das bedeutendste Zentrum der Monarchie für Dampfschiffahrt, Kaffeehandel und Versicherungen. Franz Josef, der Kaiser, galt als politisches Vaterbild, als Garant der patriarchalischen Familienstruktur, wie sie Italo Svevo in allen seinen Texten so kenntnisreich ironisierte. Im ersten Lebensjahrzehnt Svevos entwickelte sich das absolutistische Habsburgerreich mit den Ausgleichsgesetzen von 1867 zum Verfassungsstaat. Im Todesjahr Svevos 1928 hob die faschistische Regierung in Rom mit der Änderung des Wahlgesetzes die letzten verfassungsrechtlichen Strukturen im Reich Italien auf. Svevos Leben umsannte also eine Periode liberaler Rechtsgebung und Institutionalisierung für die Triestiner Gesellschaft.
Der Bankangestellt und spätere Handelsvertreter für Schiffslack in der Firma seiner Schwiegereltern, die die Geheimrezeptur des Lacks als Familiengeheimnis mit ins Grab nahmen, der Ditayen Italo Svevo, der mit der Literatur immer wieder haderte, das Schreiben immer wieder aufgabe, wurde zu einem der bedeutendsten italienischen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, nicht zuletzt deshalb, weil er die Gesellschaft, in der er lebte, mit einer geradezu modernen ironischen Hassliebe beschrieb.
*
So kennst Du meinen neuen Freund, Malou. Aber ich will mit ihm nicht durchbrennen, sondern bloss seine paar kleinen Geschichten lesen. Sie scheinen mir eine gute und feine Unterhaltung.

On devient responsable...

Subject: Gutenachtmail!
Date: Sat, 17 Jun 2000 22:39:23 CEST


Lieber ...!

Ich habe unerwarteten Besuch bekommen und so sind ein paar Stunden vergangen die ich eigentlich mit dir verbringen wollte.

Fast möchte ich dich um Verzeihung bitten weil wir mit unserem IKEA eure schöne Landschaft verdorben haben. Gelacht darüber habe ich gewiss nicht.. vielleicht etwas über die Art wie du es erzählt hast, aber geschämt habe ich mich, denn ich weiss wie diese Kolosse aussehen. Und sich so etwas in der schönen schweizerischen Landschaft vorzustellen, da reicht nicht einmal meine meine Fantasie dazu aus.
Nun, einen Vorteil hat es. Du kannst vielleicht etwas schwedische Atmosphäre erleben. Sicher werden da die schwedischen Festtage irgendwie gefeiert wie z.B. Lucia, Midsommar vielleicht Krebsfeste im August. Oder hat man es ganz eurem Land angepasst? Ab und zu finde ich was dort, wie z.B. den Abstellmöbel auf dem die Vogelkäfige stehen. Er ist aus Stahl (also leicht zu reinigen) und hat Räder damit ich die Vögel leicht woandershin schieben kann wenn ich saubermachen muss oder mal ans Fenster ran will.

Themawechsel:
Das mit Rilkepoesi im Walliser Dialekt klingt wirklich gewagt. Der Mann muss ein sehr grosses Selbstvertrauen besessen haben, denn wie wagt man so etwas zu tun ohne alle Rilkeliebhaber zu seinen Feinden zu machen? Und noch dazu ”Liebende” gegen ”Verheiratete” auszutauschen!!!??? Dagegen müsste doch fast die gesamte Menschheit protestieren (zumindest in Gedanken ;-)Zum Glück versteht ja die ganze Menschheit nicht diesen Dialekt und wissen nicht davon ;-)
Zu welcher Kategorie deiner Geliebten gehöre ich denn? Sind wir alle ”heimlich” oder gibt es auch ”unheimliche” dabei?

Spass beiseite. Als ich anfing mit dir zu mailen musste ich plötzlich an ”Le petit prince” von Saint-Exupéry denken. Du kennst es sicher gut. Da steht etwas von Verantwortung, so ähnlich wie: ”on devient responsable de ce qu’on apprivoise” Das hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ich brauche es nicht zu erklären denn du weisst sicher was ich meine.
Findest du es nicht auch komisch dass man im Französischen dieses Wort ”apprivoiser” auch von Menschen verwendet. Wir zähmen ja wie bekannt nur Tiere.
Wenn wir schon beim franz. sind, Friedrich II hatte den Spruch ”honni soit qui mal y pense” über seinem Stall hängen, aber pense mit "a" geschrieben, also ”panse”.Du weißt ja was das bedeutet, oder? Er hatte auch Esprit genau wie sein Freund Descartes, der wie du sicher weißt im Schloss von Stockholm starb (an Zugluft ;-), als er zu Besuch war bei unserer Königin Kristina.

Ich möchte dir gern mehr schreiben aber es ist schon wieder spät geworden und so werde ich es morgen tun. Am Freitag haben wir nämlich den ganzen Tag Konferenzen und so fühle ich mich ziemlich frei am Abend vorher.

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen.Ich möchte gern mit dir anstossen auf unser Glück: Skål! Auch ich bin sehr froh dich kennengelernt zu haben.

Liebe Grüsse
Marlena

beim Papier aufräumen

...

Und so ein Samstag Abend ist ideal, ein bisschen Papier aufzuräumen und dieses und jenes durchzuschauen. Und weißt du, wie das schliesslich geendet hat? Ich habe zwei alte Artikel gefunden und sie (nochmals) gelesen. Der eine war über Toulouse und Saint-Ex, der andere war eine Bildanalyse über Bruegels Bild "Der bethlehemische Kindermord".

Und dazu haben wir ein Glas Wein getrunken, einen "Degustations-Wein" aus Südspanien. Er war nicht sonderlich, unter uns gesagt.

Jetzt wird vielleicht langsam klar, was ich dir damit sagen will. Den Text über Saint-Ex, diesen Typen "fou d'aviation et de poésie", habe ich dir kürzlich erwähnt. Ich habe dein Zitat darin sogar in Französisch gefunden: "On ne voit bien qu'avec le coeur, l'essentiel est invisible pour les yeux". Ich könnte jetzt ohne weiteres anfangen, den "Petit-Prince" wieder zu lesen und mit mit Saint-Ex zu beschäftigen. Mit Leichtigkeit könnte ich das, bloss weil du ihn erwähnt hast und zitiert hast und damit gezeigt hast, dass er für dich wichtig oder bedeutsam ist. Offenbar gibt es auch ein Chanson von Gilbert Bécaud, in dem er die Rückkehr des Petit Prince besingt. Das ist mir nie aufgefallen. In Zukunft werde ich besser auf Bécauds Chanson-Texte achten!

Mit dem zweiten Artikel über Bruegel liegt es ähnlich. Wir haben kürzlich über Bruegel gesprochen, ich habe ein Buch gekauft, in Gedanken haben wir es zusammen angeschaut, und immer noch habe ich das Bild vom babylonischen Turm, das du mir geschickt hast, dieses phänomenale, ganz und gar umwerfende, dieses Jahrtausend- Bild.

Dienstag, 1. Juni 2010

Schiele in Zug

*
Gestern war ich in Zug und Zürich. Zug, vielleicht erinnerst Du Dich an den Namen. Dort hatte vor einigen Monaten diese Schiesserei im Parlament stattgefunden. Es ist ein kleines Städtchen, schön gelegen am Zugersee und mit Sicht in die weissen Berge. Die Menschen dort sind etwas ländlich, das heisst freundlich, gemächlich und bodenständig, wie sie es in der Zentralschweiz eben sind. Ich bin nach Zug gefahren, weil im Kunsthaus Zug zur Zeit eine Ausstellung über Schiele offen ist. Sie öffnet allerdings jeweils erst um 12 Uhr, und ich war schon etwa zwei Stunden früher da. So habe ich in einem Café am See einen Kaffe getrunken und bin schliesslich noch in einer Kapuziner-Messe gelandet. Das war besser, als in der Kälte zu warten. ...
*
So kam ich ziemlich pünktlich ins Museum, ein neu gestaltetes Gebäude mit verschiedenen, nicht zu grossen Räumen. Kennst Du Schiele? Er ist in Wien schon mit 28 Jahren gestorben und hat viele exzellente Zeichnungen hinterlassen. Hier in Zug hat man dank einer Schenkung einige Zeichnungen. Den Rest hat man aus der Albertina in Wien. Die Gemälde gefallen mir nicht. Die Zeichnungen Schieles aber sind sehr expressiv, mit den vielen anorektischen Mädchen Konventionen verletzend. Schiele war ein junger, unanständiger Maler, der wegen seines Umgangs mit Mädchen - so glaube ich mich zu erinnern - auch im Gefängnis gesessen hatte.
Es ist erstaunlich, welche Effekte Schiele mit seinen Bleistiftzeichnungen und etwas Farbe erreicht. Er ist eigentlich ein Graveur. Sein Strich ist so hart und krakelig, betont die Grenze, die Messerschneide zwischen Innen und Aussen. Manchmal hat man den Eindruck, sein Strich sei wie Stacheldraht, der kratzt und verletzt und aufreisst. Und so hat er wohl auch sein Leben gemacht.
Es ist eine hübsche Ausstellung. In den Bleistiftzeichnungen sieht man immer sehr gut das Handwerkliche. Man fühlt sich dem Künstler nah und versteht ihn auf einer physischen und sehr körperlichen Ebene. Daneben hingen einige Arbeiten von Klimt und von Kokoschka. Klimt wirkt geradezu elegant und flüssig neben Schiele.
So habe ich gute zwei Stunden in dieser Ausstellung verbracht und zu sehen versucht, welche Entwicklung Schiele innert ungefähr nur 10 Jahren gemacht hat.

Glück

subject Re: Ach, du
date 24 May 2006 06:53


Liebe Malou
...
Glück ist nicht abhängig von äusseren Umständen. Glück ist eine Einstellungssache. Ich glaube, es hängt viel von unseren inneren Filmen ab, wie glücklich wir sind. Und man muss sagen, dass wir Schweizer wohl nicht sonderlich begabt sind, das Glück zu leben und es zu empfinden. Die Armen (sowohl die arm an materiellen Mitteln wie jene an Geist) können das wahrscheinlich noch am besten. Ich muss mich mal bei Gelegenheit über die Glücksforschung informieren. Sie ist noch jung. Aber bestimmt gibt es schon Erkenntnisse. Das ist - so finde ich - ein interessantes Thema. Glück ist das Wichtigste, in unserem Leben, sozusagen das Mega-Ziel. Die Amerikaner haben dies sogar in ihrer Verfassung festgeschrieben.
Vor 1 - 2 Jahren hatte ich ein Büchlein gelesen mit dem Titel 'Die Sieger'. Es ist eine Sammlung von Kurzbiographien über die bekanntesten und tüchtigsten Leute in Europa, natürlich vor allem jene der Vergangenheit: Dichter, Musiker, Wissenschaftler, Politiker, Erfinder etc. Ich habe die Aussagen nicht mehr genau im Kopf, doch als Quintessenz konnte man festhalten: je berühmter und je tüchtiger desto unglücklicher. Viele haben sehr gelitten unter Depressionen, unter Krankheiten, unter körperlichen Missbildungen. Irgendwie kommt nur noch Goethe als Ausnahme in den Sinn. Goethe war sozusagen unser Sunnyboy, ein von den Göttern verwöhnter. Goethe hat seine Möglichkeiten gut ausgeschöpft, und hat sich auch in der Frauenwelt mit viel Leidenschaft ausgetobt. Aber all die anderen! Ich glaube, wenn man die Biographie von eurem Herr Nobel studiert, kann man zu ähnlichen Erkenntnissen kommen. Er war wohl auch nicht ein sehr glücklicher Mensch.

Darum haben wir als Mittelmässige die heilige Pflicht, glücklich zu sein. Es ist eine Aufgabe, nicht ein Geschenk. Ich weiss, dass es Spezialisten gibt, die eine Technik empfehlen. Ich glaube, das kommt aus dem NLP. Der Rat lautet: Durchsuche dein Leben. Finde die besten Momente heraus. Vergegenwärtige sie dir ausführlich, dh. träume von ihnen, schau sie dir an, fühle sie, höre sie, wie auch immer. Gib jeder Situation einen Namen. So kommst du zu einer Liste von persönlichen Highlights. Nimm diese als die Perlen und die Merkpunkte deines Lebens. Ruf sie dir immer wieder in Erinnerung. Je öfter du das tust, desto stärker werden die Glücksgefühle, die mit jenen Situationen zusammengehen. Je öfter du das tust, desto stärker werden die Glücksgefühle, die mit jenen Situationen zusammengehen. Und desto stärker werden die Glücksgefühle das allgemein Lebensgefühl überfluten.
Klingt doch leicht und einfach. Und funktioniert mit oder ohne Börse.

MLG