Mittwoch, 2. Juni 2010

Italo Svevo

Ich bin heute in L. und versuche, die Mittagszeit um die Ecke zu bringen. Eigentlich bin ich ein bisschen faul. Ich lese eine kleine Geschichte von Italo Svevo. Es ist die erste Bekanntschaft, die ich mit ihm mache. So wie Pessoa für Lissabon und Joyce für Dublin, so ist er der Beschreiber Triests, des alten Triest wohl zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als man dort noch Deutsch sprechen konnte.
„Verliebt sich ein wirklich junger Mann, löst die Liebe in seinem Gehirn oft Reaktionen aus, die mit seinem Begehren bald nichts mehr zu tun haben. Wie viele junge Männer, die es sich glücklich in einem gastlichen Bett bequem machen könnten, stellen nicht wenigstens ihre Wohnung auf den Kopf, weil sie glauben, bevor man mit einer Frau ins Bett geht, müsse man erst etwas erobern, erschaffen oder zerstören. Alte Männer hingegen, von denen es heisst, sie seien vor Leidenschaften besser geschützt, geben sich ihnen in vollem Bewusstsein hin und steigen ins Bett der Sünde einzig mit der gebotenen Vorsicht vor Erkältungen.“
Es geht in der Geschichte um die Verliebtheit eines älteren Mannes mit einer sehr jungen Frau, und er beschreibt die seine Seite ganz vortrefflich und mit Charme. Ich glaube, daran würdest Du auch Gefallen finden. Ich meine Svevo, nicht primär an einem älteren Mann! Im Büchlein ist ein Abbild des Autors, ein bürgerlicher Herr mit Stirnglatze, Schnauz, Schlips und Gilet, wie er sich am Tisch und nicht ohne Stil die „letzte“ Zigarette rollt. Seine hohe Stirn und die Augen scheinen mir einigen Humor zu verraten. Aber auch Lebenszugewandtheit irgendwie. Na ja, das gehört ja wohl zum Humor.
„Allerdings war er froh, als sie ging und er alleine blieb. Er war Gespräche mit ernsthaften Leuten gewöhnt, und es war ihm unmöglich, das leere Geschwätz des schönen jungen Mädchens auf Dauer zu ertragen. Man wird sagen, es gebe Künstler, Denker und ernsthaftere Leute als meinen alten Geschäftsmann, die in jungen Jahren das Gezwitscher eines schönen Mundes mit dem grössten Vergnügen ertragen. Aber da sieht man, dass alte Männer in gewisser Hinsicht eben viel ernsthafter sind als die ernsthaftesten jungen Leute“ …
Er hat so einen Jahrhundertwendestil. Und wirklich, hinten sehe ich, dass er von 1861 bis 1928 gelebt hat. Da ist er wohl ein Zeitgenosse Kafkas, Joyce’ und Pessoas. Er hat ursprünglich Hector Aron Schmitz geheissen, und wurde in der Familie Ettore genannt. Triest war damals Hafen und Handelszentrum des Habsburgischen Kaiserreichs. Seine Mutter war Italienerin gewesen aus dem Friaul, sein Vater ursprünglich aus dem Rheinland. Besuchte die israelitische Grundschule in Triest, später ein Internat in Segnitz bei Würzburg, wo er vorrangig eine kaufmännische Ausbildung erzählt. Er liest intensiv deutsche Autoren wie Jean Paul, Schiller, Heine, Goethe, ausserdem Shakespeare und Turgenjew. Weil ihm beide Kulturen, die deutsche und die italienische, gleich nahe liegen, wählt er sich das Pseudonym Italo Svevo. Zurück in Triest arbeitet er sich am Handelsinstitut Pasquale Revoltella einschreibt. Schreibt zuerst Theater. Die finanzielle Lage zwingt ihn, seine Studien abzubrechen und Geld zu verdienen. Er wird Auslandkorrespondent für Deutsch und Französisch bei der Wiener Union-Bank in Triest. Liest die italienischen klassiker Machiavelli, Guicciardini, Boccaccio und die Franzosen Flaubert, Daudet, Baszac und Zola. Svevo arbeitet an Komödien und im Jahr 1895, den Todesjahr seiner Mutter, verlobt er sich mit Livia Veneziani. 1897 Geburt der Tochter Letizia, Mitarbeit and er Zeitschrift Critica sociale. Veröffentlichung von Senilità, widmet sich der Lektüre von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Gontscharow und Ibsen. Diverse Reisen.
1928 stirbt er in Motta di Livenza an den Folgen eines Autounfalls.

Drei Themen bestimmten das Leben und Werk des Schriftsteller Italo Svevo: das Triestiner Bürgertum, der Mythos von der Jugend und das von den Anfängen der Psychoanalyse beeinflusste Konzept der Lüge.
Um die Jahrhundertwende hatte Triest 235'000 Einwohner. Italiener, Slawen, Deutsche, Juden, ein buntes Gemisch von Völkern, Sprachen und Kulturen. Triest war das bedeutendste Zentrum der Monarchie für Dampfschiffahrt, Kaffeehandel und Versicherungen. Franz Josef, der Kaiser, galt als politisches Vaterbild, als Garant der patriarchalischen Familienstruktur, wie sie Italo Svevo in allen seinen Texten so kenntnisreich ironisierte. Im ersten Lebensjahrzehnt Svevos entwickelte sich das absolutistische Habsburgerreich mit den Ausgleichsgesetzen von 1867 zum Verfassungsstaat. Im Todesjahr Svevos 1928 hob die faschistische Regierung in Rom mit der Änderung des Wahlgesetzes die letzten verfassungsrechtlichen Strukturen im Reich Italien auf. Svevos Leben umsannte also eine Periode liberaler Rechtsgebung und Institutionalisierung für die Triestiner Gesellschaft.
Der Bankangestellt und spätere Handelsvertreter für Schiffslack in der Firma seiner Schwiegereltern, die die Geheimrezeptur des Lacks als Familiengeheimnis mit ins Grab nahmen, der Ditayen Italo Svevo, der mit der Literatur immer wieder haderte, das Schreiben immer wieder aufgabe, wurde zu einem der bedeutendsten italienischen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, nicht zuletzt deshalb, weil er die Gesellschaft, in der er lebte, mit einer geradezu modernen ironischen Hassliebe beschrieb.
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So kennst Du meinen neuen Freund, Malou. Aber ich will mit ihm nicht durchbrennen, sondern bloss seine paar kleinen Geschichten lesen. Sie scheinen mir eine gute und feine Unterhaltung.

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