(ungekürzt)
Chère, voilà une confession sans retenue aucune ... (Rilke)
Liebe Marlena
Dein
Sonntags Mail ist schön, ein bisschen nachdenklich, aber schön. Und ich
hoffe, dass die sonnigen Grüsse nicht nur vom Wetter, sondern von dir
direkt stammen, also von deinem sonnigen Gemüt.
Ach, das Rilke
Gedicht ist wirklich sehr dramatisch, eine Dramatisierung der
platonischen Liebe. Sie ist stärker als der Körper, sie braucht den
Körper nicht. Sie ist die absolute Vergeistigung, schon in der Nähe des
Religiösen. Der Gedankengang scheint mir natürlich auch etwas
masochistisch. Und er scheint mir feminin. Liege ich da richtig?
Weißt
du, dass Rilke eine Schwester hatte, die aber früh, kurz nach der
Geburt schon gestorben war? Offenbar hatte seine Mutter ihn dann bis ins
5. Lebensjahr wie ein Mädchen gekleidet und erzogen. Er hat doch schon
sehr feminine und sensitive Züge.
Wenn ich das Gedicht lese und mir
vorstelle, dass du es sagst, zitierst, dann wird es mir etwas komisch
ums Herz. Einerseits ist es so intensiv in der Konsequenz des
Gedankengangs und der Selbsthingabe bis hin zum verbrannten Hirn, so
dass nur noch Blut bleibt. Andererseits denke ich an dich, wie ich dich
auf den zwei Bildern sehe. Also, diese zwei Vorstellungen möchte ich
nicht zu nahe zusammen bringen. Ich sehe dich lieber blühen, Marlena.
Nun ja, die eine Vorstellung ist eben 100% platonisch und die andere ist
zu einem schönen Teil Fleisch und Blut, also ziemlich lebendig.
Was
mich amüsiert hat ist die Tatsache, dass du nach dem Gedicht gesucht
hast, wie ich fast gleichzeitig nach meinen Büchern gesucht habe. Gibt
es wirklich solche Parallelen zwischen Stockholm und Basel? Du hast
dieses schöne Gedicht gefunden und ich habe gefunden:
2 Bände Rainer Maria Rilke Chronik seines Lebens und seines Werkes
Rainer Maria Rilke Duineser Elegien
Letzteres
ist ein kleines dünnes Büchlein. Ich habe es erst im August 98 gekauft.
Ich kann mich noch gut erinnern. Ich wusste sehr wohl, dass ich diese
Duineser Elegien schon zuhause hatte. Trotzdem habe ich das Büchlein in
jenem Sommer gekauft. Ich fand, es sei so schön klein und man könne es
überall mitnehmen.
Und die 2 Bände habe ich mal in einem Antiquariat
billig gekauft. Es ist eine minutiöse Chronik seines Lebens und man kann
praktisch für jeden Tag sehen, wo er gerade war und an wen er Briefe
geschrieben hat. Er war ja ein grosser Briefeschreiber.
Ich will mal
suchen, wann er in Ronda war und was er dort geschrieben hat. Er
schreibt über Ronda am 31. Dezember 1912 an Rodin in Paris:
"Ronda où
je suis à présent est un pays icomparable, un géant de rocher qui
supporte sur les épaules une petite ville blanchie et reblanchie à la
chaux et qui, avec elle, fait un pas sur la mince rivière, tout comme
Saint Christophore avec l'enfant Jésus; je comprends qu' on trouve
partout ici son image dans les églises; et il est tout fait pour en être
le Patron".
Oder am 17. Dezember schreibt er an Fürstin Turn und Taxis von Ronda:
"Hier
wäre nun freilich auch der Ort, recht spanisch zu leben und zu wohnen,
wäre nicht die Jahreszeit...zum Überfluss hat der Teufel den Engländern
eingegeben, hier ein wirklich ausgezeichnetes Hotel zu bauen, in dem ich
natürlich nun wohne, neutral, theuer und wie es sich der und jener
wünschen würde, und dabei bin ich schamlos genug, zu verbreiten, dass
ich in Spanien reise".
Oder weiter "...ich bin seit Cordoba von einer
beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir,
stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin,
wie der Wind in der Orgel. Hier meint man in einem Christlichen Lande
zu sein...Jetzt ist hier eine Gleichgültigkeit ohne Grenzen, leere
Kirchen, vergessene Kirchen, Kapellen die verhungern."
Auch in seinen Briefen ist Rilke sehr bildhaft, originelle Bilder, finde ich.
*
Du
sagst, es sei wie Heroin, und später die Frage, ist es real life oder
ist es virtual life. Und dann erwartest du noch dazu, dass ich streng
sei und dir ins Gewissen rede. Ach Marlena, ich bin überhaupt kein
strenger Mensch. Dazu eigne ich mich nicht sonderlich. Ich bin large,
manchmal sehr, auch mit mir selbst.
Was real und was imaginativ ist,
daran bin ich auch am Überlegen, meine liebe Mausfreundin. Ich glaube,
wir sind noch sehr dazu erzogen worden, Realität und Fantasie zu
trennen. Die heutige Jugend sieht Science Fiction Filme, Horror Filme,
realistische Filme, alles durcheinander. Ich glaube, sie unterscheiden
nicht mehr so genau zwischen Vorstellungen und Wirklichkeiten. Das ist
wohl auch eine Folge des Wohlstandes. Nur materieller Wohlstand erlaubt
zu träumen, von den paar Dichtern einmal abgesehen, die trotz Armut
geträumt haben.
Ich finde auch, dass Vorstellungen sehr wirklich,
vielleicht müsste man sagen wirksam sein können. Oder die Worte, wie du
feststellst. Alles geht im Kopf ab. Die Skirennfahrer machen Mental
Training, die Generaldirektoren machen psychologische Kurse, die Leute
machen jetzt Telefonsex (ich sage zu S. im Spass, ich wünsche mir
mal Telefonsex, das sei wirklich etwas, was ich noch nicht kenne. Aber
ich habe noch nicht das passende attraktive Telefon gefunden! Die Handys
sind mir zu dünn und das Telefon in der Stube ist mir zu hart).
So
kann man sich auch eine unterhaltsame Stunde machen, indem man Wäsche
bügelt. Es gibt doch diese wunderbare Szene bei Tom Sawyers, als er für
Tante Polly den Zaun streichen muss. Sicherlich kennst du sie, Marlena,
von Mark Twain. Das ist sehr psychologisch gemacht. Hat mir als Junge
immer gut gefallen. Vielleicht war es sogar ein Motiv-Grund (eines unter
mehreren) für mich, Psychologie zu studieren. Was ist really real, und
was ist not really real. Ach, wer könnte das beantworten?
*
Doch,
ich kann dir etwas dazu sagen. Es ist mir vor ein paar Tagen
eingefallen, und ich wollte es dir bei Gelegenheit schreiben. Jetzt
schreibe ich etwas früher, obwohl es vielleicht gut gewesen wäre, dies
oder jenes noch kurz nachzulesen. Es gibt in der deutschen Literatur den
grossen Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing. Schon sein
Name ist Musik. Er hat im 18. Jahrhundert gelebt und viel geschrieben,
unter anderem ästhetische Schriften (Laokoon) und Musterdramen (Emilia
Galotti). Das bekannteste dieser Dramen ist Nathan der Weise. In diesem
Drama, nach der aristotelischen Regel der Einheit von Ort, Zeit und
Handlung geschrieben, kommt es zur Frage, welche Religion die wahre sei:
Christentum, Judentum oder Mohammedanismus? Und die Frage wird anhand
einer Parabel gelöst, die Lessing aus dem Decamerone von Boccacio hat.
Es ist die sog. Ringparabel. Ein Mann hat drei Söhne und gedenkt vor
seinem Tod, seinen wunderschönen Ring dem Ältesten zu vererben, denn er
ist edel und gut. Er spricht mit dem zweiten Sohn und bemerkt, dass er
ihn als Vater ebenso liebt. Und beim dritten desgleichen. Und so
entschliesst er sich, zwei Duplikate des Ringes machen zu lassen und
jedem seiner Söhne einen zu vererben. Und jeder der drei Söhne meint, er
hätte den einzigen und echten Ring.
Ich glaube, Lessing treibt die
Geschichte noch weiter, indem es heisst, die Söhne streiten sich, wer
den echten Ring hat. Und der Vater sagt ihnen, am Leben und der Art, wie
sie edel und gut sind, wird man erkennen, wer von ihnen den echten Ring
habe.
Ist das eine Antwort, meine Liebe? An der Serenität im Alltag
wird man erkennen, ob die Mausfreundschaft real ist. Ich glaube, bei mir
wirkt es schon ein bisschen. Willst du wissen wie? Früher, wenn ich
mitten in der Nacht aufgewacht bin, habe ich mich oft geärgert, weil ich
schon an den Morgen dachte, da ich wieder früh aus den Federn muss.
Heute geniesse ich es, im Bett nachzudenken, was wir reden, was ich dir
erzählen kann, nun ja, du weißt, die Kilometermails, die nie geschrieben
werden. Oder am Morgen katapultiere ich mich um 530h aus dem Bett mit
der Vorstellung, dass im Büro ein Mail auf mich wartet. Jetzt verstehst
du vielleicht meinen Hilferuf nach einem Bergarbeiter-Steak.
Aber
Marlena, lass mich auf diesen Punkt kommen. Vielleicht magst du das
nicht. Aber irgendwie muss ich. Du kannst mir sagen, falls du nicht
darüber reden willst. Ich habe den Eindruck, du hast Schuldgefühle. Und
ich habe den Eindruck, dass für dich irgendwo ein grosses Problem ist.
Ich vermute, es liegt zwischen dir und deinem Mann? Ach, ich wollte dich
nie so direkt fragen. Aber es taucht in deinen Briefen immer wieder
irgendwie auf. Ich habe mal gedacht, es sei wie ein Seufzer, der durch
deine Zeilen geht.
Wenn ich jetzt könnte, würde ich gerne mit ein paar Rilke Zeilen enden. Aber ich weiss nicht, ob es mir so gut gelingt wie dir?
Ach, wen vermögen wir zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Strasse von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
Aus
der 1. Elegie, und es geht für mich dabei um die Vergänglichkeit, ob
der ich ziemlich in Melancholie geraten kann. Doch Melancholie ist nicht
Trauer, oder?
Ich umarme dich in Gedanken
G&K