Mittwoch, 12. Dezember 2012

dauern oder trauern?


Ämne: Re: dauern oder trauern ?
Datum: den 21 oktober 2000 12:17


Liebe Marlena
Ja, Kopfschmerzen sind sehr unangenehm, da kann Dich niemand beneiden. Mit Kopfschmerzen kann man nichts tun ausser schlafen, wenn man denn schlafen kann.
Aber das finde ich nun ja sehr süss, Du liegst unter der Decke und liest Rilke, vom mönchischen Leben. Nicht nur der Autor passt, auch das Thema passt, meine Liebe. Ach, ich würde gerne dabei sein, wenn Du das liest und Dir Deine Gedanken machst. Ich habe das nie so sorgfältig gelesen, das Buch vom mönchischen Leben ...

"Du bogst mich langsam aus der Zeit,
in die ich schwankend stieg;
ich neigte mich nach leisem Streit:
jetzt dauert deine Dunkelheit
um deinen sanften Sieg."

Das erinnert mich ein bisschen an jenes Gedicht, das ich Dir einmal zitiert habe, an dieses grandiose Zwiegespräch, nein es ist ein Monolog, denn Nachbar Gott schweigt bekanntlich.

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
In langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
So ists, weil ich dich selten atmen höre
Und weiss: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Du schlägst vor, dauert mit trauert zu ersetzen. Spontan war ich mit Dir einverstanden, denn es passt lautlich ebenso, und es wäre plastischer, psychologischer, kolorierter irgendwie. Dauert ist irgendwie hart und trauert wäre irgendwie weich. Kann man es so sagen?
Aber passt es auch inhaltlich? Es geht um einen leisen Streit zwischen dem Du und dem Ich. (ich brauche im folgenden "Du" und "Ich" wie Namen, nicht als Personalpronomen. Ich hoffe, Du weißt, wie ich es meine.) Und die Dunkelheit ist der Triumpf des Du über das Ich. Verstehe ich das richtig? Das grandiose Du lässt das Ich den Sieg durch seine Dunkelheit spüren. Es ist die Geste des Siegers über den Besiegten. Deshalb glaube ich, dass die Dunkelheit eine gewisse Härte hat, und weniger trauert denn dauert. Die Trauer wäre auf der Ich-Seite, die das zu erdulden hat, dieses Hinausgebogensein aus der Zeit, gegen das das Ich sich in leisem Streit wehrt.
Siehst Du Marlena, auf diesen Schluss käme ich ungefähr. Aber ich bin ja kein Philologe. Und dazu bin ich keine Frau. Und jetzt könnte man weiter interpretieren, und das vielleicht aus einer feminineren Sicht:

Das Du feiert wohl einen sanften Sieg, aber gerade die Tatsache, dass er sanft ist und dass der Streit leise war, zeigt, dass das Du mit dem Ich Mitgefühl hat. Die Trauer wäre dann die Auflösung dieses milden Konfliktes zwischen Du und Ich. Das Du bestraft mit Dunkelheit, aber contre coeur, also mit Trauer. Die Trauer verbindet wieder. Das wäre ebenso schön, und wie ich finde, femininer, das heisst versöhnlicher empfunden. Was meinst Du dazu, Marlena?

"Du bogst mich langsam aus der Zeit,
in die ich schwankend stieg;
ich neigte mich nach leisem Streit:
jetzt dauert deine Dunkelheit
um deinen sanften Sieg."

Ach, Marlena, es ist wunderschön, mit Dir solche Dinge zu diskutieren. Das könnte ich nächtelang tun, bei Kerzenlicht und einem milden Wein. Und zum Schluss würde ich Rilke fast so gut kennen wie Du. Und natürlich stelle ich mir das alles im Wallis vor, wenn die Blätter treiben, und Du aber vielleicht doch eher in Uppsala.
Ich habe die Passage immer wieder hineinkopiert, damit ich sie vor mir habe. Und jetzt lasse ich sie einfach stehen. Sieht doch ganz gut aus.

Doch es geht hier um den Tod, oder nicht? Aber wir wollen doch ewig leben, Marlena!!!
Ich küsse Dich, meine ferne Mausgeliebte
...

1 Kommentar:

  1. Skönt med människor som tar ett par dikter så här allvarligt, Rilke inkluderad.

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