Dienstag, 30. September 2025

Ein italienischer Himmel

 


Liebe Malou

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In deinem nächsten Leben wirst du also italienisch parlieren. Und wenn es kein zweites Leben gibt. Dann wirst du im Himmel auf italienische Weise herumlamentieren und palavern? Das stelle ich mir lustig vor. Überhaupt, sich den Himmel italienisch vorzustellen, führt bereits zu einem kleinen Lachanfall. Ja, ich glaube, die Italiener könnten den Himmel sehr gut übernehmen. Sie würden ihn mit ihrem Chaos bereichern. Ich würde mich dann auch sehr gerne an der Türe anstellen, schon nur wegen der vielen schönen Italienerinnen, respektive der dunkelhaarigen Engelein. So könnte ich mir den Himmel durchaus auch vorstellen. Und zu Mittag tragen die ehrwürdigen Erzengel grosse Schüsseln mit Spaghetti auf. Herrlich! Und herrlich auch die Tomatenflecken, die sich auf all den himmlischen, leuchtendweissen Hemden und Röcken ergeben. Wunderbar! Ich glaube, ein italienischer Himmel wäre prima. Und nach all dem Durcheinander und einem Schluck Chianti gäbe es eine himmlische Siesta.


Ich glaube, ich melde mich gleich an.


Montag, 29. September 2025

Chaotismo

Liebe Malou

Ja, der italienische Chaotismo. Die Person, die diese Theorie entwickelt hat, ist ein lustiger Kerl. Er war lange Jahre Auslandkorrespondent für das Schweizer Radio in Rom. Ich meine, es war in jenen Jahren, als Rom noch richtiges Ausland und weit weg war. Und ich erinnere mich an seine Stimme. Als ich hier in meinem Club für das Programm verantwortlich war, hat dieser Victor Willi plötzlich angerufen. Er hat mir - ziemlich eloquent - erklärt, dass er gerade in der Schweiz weile und dass er, weil er seine Pension aufbessern müsse - weil das Schweizer Fernsehen eben leider etwas mickerig zahle - dass er also in Rotary und Kiwanis Clubs Vorträge mache. Ich sagte ihm, dass wir für die Vorträge nichts bezahlen. Normalerweise sind Referenten stolz, bei uns vortragen zu müssen. Wir offerieren das essen. Er wiederholte seine Argumente und so war ich schliesslich einverstanden. Ich glaube, ich habe ihm 100.- oder 150.- SFR versprochen.

Und dann kam dieser Victor Willi und hat einen erstklassigen Vortrag über Italien gemacht. Nebenbei hat er auch noch Reklame gemacht für sein Buch, das er verkaufte, und für Rhetorikkurse, die er gab. Ich glaube, einige meiner Kollegen haben bei ihm schliesslich einen Rhetorikkurs gemacht. Kurz und gut: er entpuppte sich als eine Perle in meinem Programm, und ein Kiwanis Freund, dessen Frau Norditalienerin ist, kam geradezu in Tränen aufgelöst und hat mir dafür gedankt.

Und in diesem Vortrag hat er eben seine Theorie des Chaotismo erklärt. Sein Ausgangspunkt war eine Autopanne, die er mal irgendwo hatte. Und dann hat er mit viel Worten und viel Emotion geschildert, wie er jemanden kennen lernte, der ihn eingeladen hat, bei sich zu übernachten. Wie er trotz der Panne mit Ach und Krach seine Ziele noch erreicht hat. Und wie daraus eine grosse Freundschaft entstanden sei. Ich glaube, der Kerl hat auch noch dafür gesorgt, dass sein Auto wieder in Funktion komme.

Na ja, ich glaube, in Persien ist das ähnlich. Es gibt so viele Dinge, die nicht funktionieren, die anders laufen, als du erwartet hast, die durch Pannen darnieder liegen, dass immer wieder Improvisation und Kreativität gefragt ist. Und man kann sich gegenseitig helfen, und man kann sogar bisweilen Heldentum entwickeln, ohne Zweifel! Aber bei uns in der Schweiz, wo alles funktioniert, wo jeder mit Versicherungen abgedeckt ist, wo die Autos ohne Panne fahren und fahren, da tritt der Mensch kaum mehr in Erscheinung. Na ja, Malou, um kein Geld in der Welt würdest Du auf unsere Mailerei verzichten. Das ist schön gesagt, schon fast ein wenig heldenhaft. Ich danke für das Kompliment. Ich glaube auch, dass Geld tendenziell eher unglücklich macht. Geld scheint gut, solange man nicht zuviel davon hat. Dann ist es ein perfekter Sehnsuchtspunkt. Aber wenn man es hat: um Gottes Willen. Es braucht Nerven und bereitet Sorgen. Nicht dass ich Dir da aus Erfahrung berichten könnte. Aber man merkt das aus diversen Beobachtungen.



Weißt Du, was ich aus meinen Büro-Fotos festgestellt habe? Mein Chaos ist gar nicht so schlimm. Ich meine, mein Pult sieht doch gar nicht eigentlich unordentlich aus. Vielleicht viel beschäftigt. Vielleicht viel interessiert. Vielleicht vielseitig. Aber doch nicht echt chaotisch. Mindestens liegen die Papiere doch alle in Reih und Glied, so wie man sich die preussische Armee vorstellt. Ich kann das so leichthin sagen, weil gestern Abend offenbar unser Putzengelchen hier war. Sie hat aufgeräumt und nimmt sich in der Regel viel Zeit, meine Papiere schön ordentlich auf eine Linie zu bringen. Sie darf ja nichts wegnehmen oder verschieben. Also bleibt bloss, alles ein wenig zu begradigen. Und siehe: wenn ich am Morgen komme, sieht es aus als ob es hier wirklich gemütlich wäre. Es sieht irgendwie 'ordentlich' aus, gepflegt und mit Sorgfalt umspielt. Es ist erstaunlich, wie viel man erreichen kann bloss durch 'begradigen', d.h. die Beigen von Papier einfach gerade rücken. Dieses Wochenende haben wir Doppelstress, würde A sagen. Einerseits ist Muttertag. Andererseits gibt es eine Buchmesse in Basel, die ich gerne besuche. Und dann steht noch Onkelchen auf dem Programm. Das ist ein wenig viel für bloss ein Wochenende. Aber wir werden ja sehen. Ach ja, die Vorbereitung der Sitzung vom Montag habe ich gar noch nicht erwähnt. Und dienstags ist die grosse Sitzung. Nun: alles mit der Ruhe ! Puh, jetzt muss ich mich beeilen.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
MlGuK 
...


Sonntag, 28. September 2025

Rom

 



Ich habe gestern ein Bild entdeckt, das eigentlich ganz interessant ist. Es zeigt eine Gruppe Jugendlicher, die mit ihren beliebten Motorfahrrädern herumhantieren und dabei auch ein bisschen flirten. Die Szene befand sich in einer engen Gasse, was man auf dem Bild nicht bemerkt, nahe der Piazza Venezia.
An der hübschen Wand ist ein Marienbild befestigt, als ob die gute Maria beauftragt wäre, die jungen Leute zu beschützen, mindestens ihnen ihr Wohlwollen herunter zuschicken. Aber das Interessanteste auf dem Bild sind die vielen Leitungen, die rund um dieses Bild herum installiert sind. Wer sowas sieht, der ist nicht erstaunt, dass es ab und zu Wasserbrüche, elektrische Kurzschlüsse und ähnliche Katastrophen in Italien gibt. scheint mir alles ein bisschen improvisiert. Chaotismo eben!



Lidl, Liebe, Hanf und Buchmesse


Ämne: So billig!
Datum: den 25 september  22:43

Lieber ...,
Ich freue mich über deine Komplimente für mein Deutsch. Und doch fühle ich, dass es nicht perfekt ist. In einer Fremdsprache kann man sich eben nicht 100%-ig ausdrücken, wie man will. Die Bildsprache fehlt einem. Ich merke es oft, wenn ich statt des Ausdrucks, den ich auf schwedisch gewählt hätte, und der meiner Meinung nach genau sagt, was ich fühle, auf eine ziemlich heimgemachte Sprache angewiesen bin. Nun ja, du hast dich schon daran gewöhnt und du bist sehr nachsichtig.
*
Hatte ich dir gesagt, dass ich mich von Maj verleiten liess, schon heute zu Lidl zu fahren? Also habe ich sie nach der Arbeit bei ihr zu Hause abgeholt und wir sind hingefahren. Oh Gott! Es gab fast keinen Platz für das Auto und das Geschäft war so voll, dass man an niemandem vorbeigehen konnte. Ich habe festgestellt, dass vor allem Gemüse und Obst unglaublich billig waren im Verhältnis zu unseren Preisen. Z.B rote Paprika kostet kaum 15:- Skr/kilo. Ich habe sie neulich in unserem Geschäft für 48:-/kg gesehen. Blumenkohl kostet jetzt 25:-/kg in unseren Geschäften und bei Lidl 9.90/kg. Du siehst, der Unterschied ist riesig. Und ich kam mit einer grossen Tasche voll von Waren heraus, die mich unter 100:- Skr gekostet haben. (Also cirka 12 Dollar) Darunter gab es u.a. Salamiwurst, eine Schachtel cognacgefüllte Pralinen, Milch, Yoghurt, Apfelsinenjuice, Vichywasser (6 x 1½ liter) und wie gesagt viel Gemüse. Ich sag nur, arme Händler in der Gegend. Sie haben harte Konkurrenz bekommen.

Später bin ich noch zu einem kleinen Nachmittagskaffee zu M gegangen. Sie hatte ein starkes Bedürfnis, über ihre Liebe zu sprechen und ich habe ihr gern zugehört. Ich glaube, es hat sie wirklich hart erwischt.. vielleicht auch ihn. Ich habe nie in meinem Leben mit weder Frauen noch Männern über private Dinge in Fragen Liebe gesprochen - und auch hier nicht. Ich wundere mich immer, wenn ich höre, dass sich Leute intime Dinge erzählen und denke dabei, das kann nicht möglich sein. Dagegen höre ich gern, wie gut und schön sie diesen Mann sieht und wie sie geradezu strahlt vor Glück. Ach, Liebe ist wirklich eine schöne Kraft, die Menschen aufblühen lässt.
Sie hatte einen ganz wunderbaren Kuchen gebacken und vorher haben wir einen Lachstoast gegessen. Sie hat, wie du schon weisst, auch eine Katze. Schon das macht, dass ich gern eine Weile aus meinem Schema ausbreche und hingehe.
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Lache gerade über ein Mail von einem früheren Kollegen, der sehr verbal ist. Im Moment mehr herbal als verbal, wie er selbst meint. Geht im Wald herum und zeichnet vorhistorische Stätten auf die noch niemand gesehen hat und ist gerade dabei in seinem Garten grünes auszurotten, was aus der Komposterde hervorgewachsen ist. Manches hat Blätter wie Entenfüsse anderes wie Heringkiemen. Und dabei hat er auch unverhofft eine Hanfpflanze entdeckt, aus der er sich nun, weil er seine Pfeife aus der Raucherzeit weggeworfen hat, einen Joint rollen wird mit einer Seite aus seinem "Psalmbuch" (Buch mit Kirchenliedern). Ich denke, das wird himmlisch schmecken. ;-))
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In Göteborg findet im Augenblick eine grosse Buchmesse statt und viele meiner Kollegen, besonders diejenigen, die in schwedisch unterrichten, sind heute dort. Ich beneide sie ein wenig darum. Viele Schriftsteller kann man auch dort sehen und hören. Gudrun wird mir wohl morgen davon erzählen.
Hier kannst du ein wenig darüber lesen:  http://www.bok-bibliotek.se/indexeng.htm         
 (Sorry! jetzt informiert man über das Programm 2025)
*
Nein, ich habe noch nicht konkret an eine Wienreise gedacht. Und auch nicht davon gesprochen mit meinen Freunden dort. Während des Schuljahres habe ich sowieso nicht die Möglichkeit dorthin zu fahren. Und wenn ich mal fahre, dann will ich es richtig erleben und etwas länger dort sein. Aber wie du es so beschreibst, klingt es sehr verlockend. Ich wage garnicht daran zu denken. Damals in Sorrento war ich noch mutig und hätte dich gern gesehen.. aber mit der Zeit bin ich etwas ängstlich geworden.

Weisst du, dass wir im Januar 4-jähriges Mailjubiläum feiern? Es ist kaum zu glauben! Ich denke, wir haben einander in dieser Zeit mehr gesagt als man sich normal in einer langen Ehe erzählt. Es ist schön, dich als Gesprächspartner zu haben. Und wie gesagt, das Schreiben wird immer leichter.

Hast du das Babybild, von dem du mir erzählt hast gescannt? Ich würde es sehr gern sehen. Ich frage mich, was ich eigentlich mit den Bildern gemacht habe, die ich in Sorrento und auf Capri fotografiert habe. Kann sie nicht mehr am PC finden. Hast du noch eins davon? Das in Axel Munthes Haus auf Anacapri? Oder hast du sie auch verloren?
*
Im Fernsehen läuft wieder ein "Dokument utifrån". Diesmal geht es um eine Zelle von einer Terroristengruppe, die mit Al Qaida liiert ist. Ein algerischer Journalist hat sie infiltriert und zeigt, wie es dort zugeht. Ich werde es mir gleich ansehen.

Jetzt ist man ganz sicher, den Mörder von Anna Lind gefasst zu haben. Und es handelt sich natürlich um einen psychisch kranken, wie erwartet. Doch wurde er nie als so gefährlich betrachtet, dass man ihn einsperren musste. Es gehen viele ähnliche in unserer Gesellschaft herum.
*
Nun lasse ich dich wieder, mein lieber Mausfreund. Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
G+K,
Marlena

Re: echte Liebe oder ...

 

den 25 september 14:04
Re: echte Liebe oder bloss Libl

Liebe Marlena
Das freut mich, dass Dein Deutsch hervorsprudelt wie Seltzer-Wasser. Ich habe mir Dich nie anders vorgestellt als flüssig deutsch schreibend. Wirklich nie. Stets musste ich mich warnen, dass ich vielleicht doch ein bisschen viel von Dir erwarte, seitenlange Mails in deutsch. Aber auch Deine Bemerkung anfangs, dass Du Mails schreibst, indem Du das Wörterbuch auf den Knien blätterst, habe ich nicht sonderlich ernst genommen. Und als ich Dich dann am Telefon gehört habe, musste ich mir recht geben. Dein Deutsch klingt wie von einer Deutschen. Es war so klar und deutlich gesprochen, dass ich nur staunen konnte. Es hörte sich wirklich sehr schön und bestimmt an, und überhaupt nicht so, wie Fremdsprachler sich meist vage ausdrücken.
*
Der Morgen ist geworden, wie er sich angekündigt hat. Blauer Himmel, warmer Sonnenschein, also so, wie man sich die Herbsttage wünscht. Ich war in Basel, sollte nachmittags eigentlich nach Luzern. Aber das tue ich nicht. Ich muss einige Arbeiten hier beenden, und dann gehe ich heim und mache mir einen schönen Abend. Unser Weekly fällt aus, weil Walter eine Sitzung hat. Das ist doch alles ideal so. In Basel habe ich ein paar Komplimente bekommen für die Zeichnung einer Gratulationskarte. Eine Mitarbeiterin erwartet ein Kind, und der Chef dort hatte mich gebeten, doch eine Zeichnung zu machen. Sie wollten ihr und ihrem Mann ein Nachtessen offerieren. Und die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden als Baby Sitter auf das Baby aufpassen. Ich habe versucht, die Leute darzustellen, wie sie auf einer Matratze einen kleinen Säugling in die Höhe heben. Und jetzt sind sie dran, zu raten, wer denn wer sei auf der Zeichnung. Ich sollte in der Tat vorsichtig sein mit solchen Zeichnungen. Man verärgert damit bloss für Jahrzehnte jede Menge von Leuten.
*
Morgen werde ich mit T.H. essen gehen. Er ist der Vater jenes Typen, der mir in NY das Zimmer vermietet hat. Er möchte natürlich wissen, wie es dort drüben bei den Amis läuft und welche Erfahrungen ich gemacht habe. Er diskutiert fürs Leben gern, und er hat viele und internationale Kontakte. Es ist jetzt seit 5 Jahren in Pension und reist seither in der ganzen Welt herum, immer bei Bekannten oder Freunden wohnend. Und er hat sich auf Reiseführungen in den fernen Osten spezialisiert. Bestimmt habe ich Dir schon von ihm erzählt.
Er und seine Frau machen sich etwas Sorgen um ihren Sohn und die Schwiegertochter, weil beide arbeitslos sind. Als ich drüben war, habe ich ihnen ein paar Mails geschrieben und sie beruhigt, dass es ihren Kleinen sehr gut gehe. Nun, das Leben in den USA ist schon ein bisschen härter als bei uns. Und wenn man in die Jahre kommt, sollte man sein Scherflein auf der hohen Kante haben. Und das glaube ich nicht, dass er es hat. Er ist jetzt 40. Auch eine neue Stelle zu finden, wird nicht leichter mit dem Alter. Na ja, es ist nicht meine Sorge, aber ich weiss auch nicht genau, ob ich den Vater warnen soll oder beruhigen. Ich glaube, ich halte mich eher zurück.
*
Momentan habe ich Lust auf etwas Süsses. Soll ich jetzt Liebe oder Lidl suchen? Früher hätte ich eine Zigarette geraucht, oder eine Pfeife. Aber mit dem Alter weiss man gar nicht mehr, was man tun sollte. Nur noch sugarless Chewing-Gum kommt mir in den Sinn! Und das ist wirklich nicht ein Lebenshöhepunkt.
*
Hast Du Deine Wien-Reise schon näher geplant. Ich wette, Du hast es nicht getan. Aber vielleicht hast Du schon mal Deine Bekannten dort drüben vorgewarnt, dass Du mal anreisen könntest. Du musst mich früh genug informieren, damit ich Dich einhole. Dann werden wir im Prater auf dem Riesenrad in den Himmel steigen (und natürlich auf der anderen Seite wieder runter), und wir werden uns 'fesch' finden und Kaffee mit Schlagobers geniessen über der Kronenzeitung. Und im Sacher würden wir Torte schlecken. Ach ja, ich glaube, die Wiener wären schon in Ordnung. Sie haben von allen Europäern am meisten orientalischen Einschlag. Vielleicht ein bisschen ähnlich wie die Ungarn. Und sie haben - nicht zu vergessen - ein solides jahrhundertealtes Unbewusstes, mit dem man ausgesuchte Sprachspiele spielen kann. Am Institut in Zürich, wo ich Familien- und Ehetherapie Ausbildung gemacht hatte, gab es einen Arzt aus Wien. Er war sehr gemütlich. Und er hiess Hofmann, wenn ich mich nicht täusche. Ich kann mich noch an die Situation erinnern, als er erzählt hatte, weshalb und wie er Therapeut geworden sei. Er sei mal an einem Sonntag im Prater gewesen. Dort hätte es aus dem Krieg viele Bombentrichter gehabt, die mit Regenwasser gefüllt waren. Plötzlich sei jemand in ein solches Loch gefallen. Und er sei am Rand gestanden und habe hilflos zugeschaut, Mut zugerufen und gute Ratschläge gegeben. Auf jeden Fall habe sich die Person retten können. Und er hätte da ja wohl eine therapeutische Rolle gespielt: am Rand hilflos fuchtelnd und selbst nicht wissend, was eigentlich das Richtige zu tun sei.
Das hat mir einigermassen eingeleuchtet.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
...



Samstag, 27. September 2025

Papst, Vögel und Liebe



Ämne: Papst, Vögel und Liebe u.a.
Datum: den 25 september  08:46

Lieber ...
Danke für dein frühes, schönes Kaffee-mail. Hat prima geschmeckt. Auch hier sieht es aus, ein ziemlich schöner Herbsttag zu werden. Draussen leuchtet alles noch ganz grün und das Thermometer zeigt 12 Grad. Gestern früh war es nur 2.

Es ist lustig, dass du gerade jetzt vom Papst schreibst. Ich habe nämlich heute morgen im Bett ein langes Interview gehört mit meinem damaligen Studentenpater Lars Rooth, SJ. Er sprach über die Gesundheit (oder sollte man sagen die Krankheit) des Papstes, der es jetzt, neben allen schon bekannten Leiden, auch mit dem Magen zu tun hat. Ich glaube, er ist dem Ende Nahe. Aber nach Pater R. hat er einen starken Willen und einen ungebrochenen Intellekt. Nur sein Körper will nicht mehr. Und da er sich nicht nur von Kardinälen, sondern von Gott selbst ausgewählt meint, will er eben nicht dieses Vertrauen brechen.

Pater Rooth, der viele Jahre im Vatinkanradio gearbeitet hat war sich sehr ähnlich. Seine Stimme klang etwas älter aber seine Art zu sprechen war dieselbe. Du erinnerst dich vielleicht, dass er der Sohn eines früheren Reichsbankchefs ist und der erste schwedische Jesuit seit der Reformation. Damals sah ich ihn als einen unbeschwerten jungen Mann mit viel Humor. Und ich werde nie die Rauchringe vergessen, die während eines seriösen Vortrages, plötzlich  über den Tisch schwebten. Ich dachte manchmal: Wäre er nicht Priester geworden, dann hätte er sich wohl gut als Playboy gemacht. Das sollte er hören! ;-))

*
Gerade hat Maj angerufen. Gestern Abend, hat sie zum ersten Mal ihre grosse Jugendliebe wiedergesehen. Vor einigen Wochen hat er sie plötzlich angerufen und gestern hatte sie ihn zu sich eingeladen und nun ist sie verliebt, wie ein kleiner Teenager. Ich gönne es ihr und freue mich mit ihr. Es ist langweilig, ohne Liebe zu leben. :-)  Wir haben uns  für heute Nachmittag verabredet und werden zusammen zu Lidl fahren um uns ihr Sortiment anzusehen.
*
Du liebst deine Tauben. Ich kann nicht dasselbe sagen von den Elstern und Dohlen, die hier täglich in grossen Scharen vorbeiziehen und manchmal auch Halt machen. Früher mochte ich die Elstern, aber seitdem ich sie erwischt habe, wie sie die kleinen Vöglein aus dem Nistkasten gezogen haben, war es aus mit meiner Liebe. Aber die kleinen Vögel freuen mich immer. Im Moment sitzt eine kleine Blaumeise hier am Fenster. Ich vermisse meine Wellensittiche sehr, wenn ich sie sehe. Und wenn ich im Kaufhaus das Regal mit dem Vogelfutter sehe, möchte ich instinktiv hingehen und solches kaufen.
Vielleicht schaffe ich mir doch noch ein paar neue an. Nur tut es eben weh, wenn sie sterben. Das hält mich am meisten davon ab.
*
Die Polizei glaubt nun fest, dass sie den richtigen Mörder von Anna Lindh erwischt haben. Er hat sich nach der Tat sofort das Haar schneiden lassen und (dem Gerücht nach) hat er auch um psychiatrische Hilfe gebeten, ist aber abgewiesen worden. Na ja, das kann von den Zeitungen erfunden sein. Jedenfalls hat er einmal seinen Vater mit einem Messer überfallen und ihn ernsthaft verletzt. Die Polizei ist sehr verschwiegen. Man kann sie verstehen, wenn man bedenkt, wie sie den vorigen in der Presse ausgehängt haben. Schon hat eine heftige Diskussion über die Gesetze der Pressefreiheit und über die Ethik der Medien begonnen.

*


Jetzt fliegt hier eine ganze Menge von kleinen Kohlmeisen und Blaumeisen herum. Gerade sass eine auf der Rose, die fast zum Fenster herein ragt. Sie sind fleissig in ihrem Sammeln von kleinen Ungeziefer und jeder Garten sollte sich glücklich schätzen über ihre Anwesenheit.
*
Jetzt beginne ich erst richtig aufzuwachen und ich werde mich gleich an die Arbeit machen.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Tag,
Marlena

Weisst du, so unbehindert und schnell wie jetzt habe ich früher nie deutsch geschrieben. Du bist ein ausgezeichneter Lehrer. :-)


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Donnerstag, 25. September 2025

Varlin als mein Modell

Liebe Marlena

Jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestürzt. Oder hast Du es bekommen. Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich berührt. Er gefällt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schöner. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute über Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte lange in Sierre gelebt, und P hat als Architekt ein kleines Museum oberhalb Siders gestaltet. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und überall mit Büchern überstellten kleinen Halle warst Du plötzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.

Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schön, es Dir zu schildern. Es war fuer mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und später vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine außergewöhnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir können das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?

Heute haben wir eine Übung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Fähigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Übung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise würde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Mühe geben und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute später etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz ähnlich.

Ich habe Varlin als mein Modell gewählt. Du weisst, dass er ein guter und scharfäugiger Porträtist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht häufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten hätte ich seine Originalität und seine Radikalität. Hast Du gewusst, dass Varlin mit bürgerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu juedisch und zu wenig künstlerisch. Willy Guggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich hätte auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.

Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stürzt.
ich wünsche Dir einen schönen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen und Küssen
...




Mittwoch, 24. September 2025

Re: Sonntag ...

(R)

Ämne: Lieb von dir.. :-)
Datum: den 19 oktober 21:48

Lieber  ... ,

Ich bin eben hier reingegangen um dir ein mail zu senden und da finde ich dein liebes extramail. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und wenn du wüsstest in welch düsterer Stimmung ich diesen Tag verbracht habe, dann würdest du es erst recht verstehen.

Ein wenig schmunzeln muss ich schon über die persische Art im Umgang mit Menschen, d.h. wie man einen Menschen dorthin kriegt, wo man ihn haben will. Da sind wir Schweden ganz anders. Die Ehrlichkeit selbst, möchte ich sagen. Vielleicht sind wir deswegen auch ziemlich misstrauisch, wenn wir in diese südlichen Länder fahren. Und feilschen können wir auch nicht. Das wissen die guten Geschäftsleute dort unten. Hast du das lustige Ding auf der Site von Side gesehen? Wenn nicht, so schicke ich es dir hier nochmals.  ...
Ganz unten siehst du einen Kupon und darauf steht:


Dieser Zettel gibt dir einen Preis der schon gefeilscht und fertig ist.

Und darüber steht: OM DU PRINTAR... d.h. wenn du diesen Zettel printest und mitnimmst, dann versprechen wir, euch wie Familienmitglieder zu behandeln und den Preis danach anzupassen. Sie haben nämlich gelernt, dass wir Schweden nicht so erpicht sind auf das Feilschen.

Findest du das nicht irgendwie süss? Und natürlich ist wohl auch dieser Zettel eine Finte um uns gerade in das Geschäft zu locken.

Aber du kannst diese Dinge auch, glaube ich. Manchmal denke ich du verwendest auch mir gegenüber etwas Taktik.. tust du doch, oder?

Weisst du, wenn du von Onkelchen erzählst, dann wird mir immer ganz warm ums Herz. Ich denke dann an meinen lieben alten Schwiegervater. Auch er hatte im hohen Alter ein ganzes Harem von Damen, die ihn bewunderten und seine Gesellschaft schätzten. Wenn er hier in der Nähe gewohnt hätte, wäre ich sicher öfters hingefahren nur um mich mit ihm zu unterhalten. Ach ja, es ist schade, dass ich gar keine älteren Verwandten mehr habe. Ich beneide dich sehr um deine.

Habe gerade die Fahrkarten nach Stockholm bestellt für den 28. Wenn man sie mehr als 7 Tage vorher bestellt sind sie um 50% billiger. Maj kommt mit und so werden wir nach meinem Besuch bei dem Spezialisten (schon wieder einer!) ein wenig in der Stadt herumbummeln, bevor wir wieder heimfahren. Ich freue mich darauf Stockholm wiederzusehen.

Am nächsten Tag muss ich wieder fit sein, denn dann kommen alle Grundschullehrer, die in Fremdsprachen unterrichten, zu uns aufs Gymnasium und ich bin ja ein wenig Mitarrangeur. Die Grundschullehrer haben die Schüler von der 7. bis zur 9. Klasse und danach übernehmen wir sie. Oft sind diese Lehrer etwas nervös, weil wir ja die Abnehmer sind und gut sehen, welche Vorkenntnisse ihre Schüler mitbringen. Und es ist auch so, dass man von einigen Schulen Schüler zu uns schickt, die sehr hohe Zeugnisse haben, aber fast nichts können. Nun ja, es gilt wirklich an dem Tag sehr diplomatisch zu sein. Das wichtigste an dem Treffen glaube ich ist, dass sich die Grundschullehrer gegenseitig treffen und miteinander ihre Kurse und Unterrichtsziele diskutieren können.

Ich denke an das kleine Bild, das eine frühere Kollegin,, mit der ich gut befreundet war, an ihrer Wand hatte. Darauf standen drei Worte: AUSHALTEN, HAUSHALTEN, MAULHALTEN. Eine gute Devise, mit der man weit kommen könnte. Besonders das letzte Wort werde ich ein bisschen extra beachten an dem Tag. Aber ich bin nicht allein. G und Å stehen mir zur Seite und dann haben wir auch noch zwei Spanischlehrerinnen und vielleicht auch die in Italienisch. Nachher folgen zwei Tage frei, d.h. am 30. und 31.
*
Du hast eine strenge Woche hinter dir und dann noch dazu diese Besparungssitzung. Es ist doch komisch. Überall fehlt Geld. Auch bei uns muss auf allen Gebieten gespart werden. So hat man in diesem Jahr den Lehrern ca 10% mehr Unterrichtsstunden auferlegt ohne ihre Gehälter zu erhöhen.
Was ist los mit der Welt?
*
Ich hab gerade nach unserem kleinen ABBknirps geschaut. Er wächst nicht gerade schnell, aber immerhin: ich hatte für 39:- gekauft und jetzt steht er in 44,5 Ich werde ihn etwas mehr füttern müssen. Hast du wieder gekauft? Aber mein anderer kleiner (ich hab mehrere wie du weisst) nimmt im Moment zu. Ich meine AstraZeneka. Leider habe ich nur sehr wenig Geld darin investiert. Drum lasse ich es auch kommen wie es kommt. Freue mich wenn es steigt und bin nicht allzu betrübt über das Gegenteil.
*
Wir hören nicht so viel von den Vorhaben des Papstes. Sind ja auch kein katholisches Land. Aber trotzdem bin ich etwas ängstlich, was dieser Mann noch anstellen könnte... Man weiss ja nicht ob er mental noch ganz in Ordnung ist. Scheinbar weigert er sich zurückzutreten. Diese Seligsprechung von Mutter Theresa finde ich ganz in Ordnung. Diese Frau hat viel Gutes getan. Aber trotzdem...

Ach was? Du bist politisch in die Mitte gerutscht? Und ich könnte mir denken etwas nach links zu gehen nur um Persson behilflich zu sein. Ich glaube deine Amerikareise war ein gutes Ding. Du bist genug intelligent um korrekte Beobachtungen zu machen und wenn es sein muss deine Ansichten etwas zu revidieren.

K hatte sich schon sehr auf NY eingestellt aber einige von den Kollegen finden es zu teuer und wollen ein näheres Reiseziel wählen. Schade, denn ich glaube es wäre sehr interessant gewesen New York kennenzulernen. Jedenfalls kommt dazwischen noch eine Messe in London. "Food and Wine" oder war es Whisky? Spielt eigentlich keine Rolle, denn das Ergebnis wird dasselbe sein. ;-))

Die Dänen haben ihre Alkoholpreise so sehr gesenkt, dass nun alle Leute in Südschweden über den "Sund" fahren um dort einzukaufen und der schwedische Staat verliert eine Menge Geld dabei. Deshalb meinen viele, man müsste auch hier die Preise sinken lassen um nicht alle Kunden zu verlieren. Aber der Alkoholkonsum ist schon jetzt beunruhigend hoch und steigt immerzu.
*
Ach nein, du darfst nicht glauben, dass du mich zu sehr verwöhnst. Es tut so gut und wer sollte mich sonst verwöhnen, wenn nicht du? Hier tritt leider die Zensur ein.. ;-)

Nun werde ich zu Bett gehen. Hast du gemerkt wie tüchtig ich das in letzter Zeit tue? Vor zehn Uhr sagst du. Dafür stehe ich morgen etwas früher auf. Ich liebe das Leben am frühen Morgen. Es ist als hätte man die Welt für sich allein.

Gute Nacht, .... Und einen schönen Wochenanfang wünsche ich dir.
G+K
Marlena

Dienstag, 23. September 2025

Herbsttag

 



Hier kündigt der Himmel einen schönen Herbsttag an. Auf dem Rasen glitzert der Tau. Unter dem Baum liegen herrliche Äpfel. Die Luft ist schon etwas frisch. Kaum 10 grad im Moment.

Ich weiss noch nicht, was ich mit diesem Tag machen werde. Was ich tun sollte, weiss ich leider allzu gut. Aber sollen und wollen ist nicht dasselbe.

So grüsse ich dich lieb und wünsche dir weiterhin schöne Ferien als Strohwitwer.

Malou



Rumi

 




Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe
spricht die Mängel frei.
...

(Rumi)





Zitate von Peter Bichsel

 Blick durchs Fenster

23 Mai  22 Uhr

Bienen besuchen Lindenblüten..
noch im Mondschein.

Welch schöner Satz!



Zitate von Peter Bichsel:


Über den Sinn der Literatur

»Ich glaube, der Sinn der Literatur liegt nicht darin, dass Inhalte vermittelt werden, sondern darin, dass das Erzählen aufrechterhalten wird. Weil die Menschen Geschichten brauchen, um überleben zu können. Sie brauchen Modelle, mit denen sie sich ihr eigenes Leben erzählen können. Nur das Leben, das man sich selbst erzählen kann, ist ein sinnvolles.«
(Peter Bichsel, http://www.suhrkamp.de/bichse/bicbio.htm, 26.3.00)

Schreiben ist gefährlich
»Man kann sich nichts vom Leib schreiben. Man schreibt sich alles auf den Leib. Selbst wenn man einen politischen Artikel schreibt, wird das Elend und die Wut immer größer, nicht kleiner. Schreiben ist keine Therapie, Schreiben ist gefährlich. Auch nach dem Brief, den du deiner Freundin oder deinem Freund schreibst, um dein Elend endlich einmal jemandem herauszukotzen, geht es dir nachher nicht besser, sondern schlechter. Schreiben ist unhygienisch, gefährlich.« (Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.99)

Die Tradition des Erzählens
»Die Geschichten dieser Welt sind geschrieben ... und müssen trotzdem immer wieder geschrieben werden, nicht weil wir neue Geschichten brauchen. Sie müssen geschrieben werden, damit die Tradition des Erzählens, des Geschichtenschreibens nicht ausstirbt.«
(Peter Bichsel, http://www.surkamp.de, 26.3.00)

Mit der deutschen Sprache kann man basteln...
»Mit der deutschen Sprache kann man basteln. Und die Sätze bekommen erst Größe, wenn man sie selber macht. "Ich liebe dich." Das kann man einfach so sagen, das können alle, den Satz kennen alle. Aber ein Satz wie "du / liebe / ich / liebe / dich" ist selber gemacht. "Je t’aime" kann niemand selber machen, da kannst du machen, was du willst, das kann man nicht selber machen. Und "I love you" kannst du auch nicht selber machen, das ist einfach da. Aber im Deutschen kann man die selbstverständlichsten Sätze selber machen, und dann werden sie immer gewaltiger. Das Deutsche ist eine besoffene Sprache. Und sie hat besoffene Dichter hervorgebracht wie Jean Paul, der sich Sätze notierte wie: "Bienen besuchen Lindenblüten noch im Mondschein." Das ist ein total Besoffener gewesen, der sich voll ins Pathos stürzte." (Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.00)

Sonntag, 21. September 2025

Beginn..

 

Subject: fredagskaffe
Date: Fri, 18 Feb  17:07



Liebe Marlena

Danke Dir für Deinen netten Brief. Deine Briefe freuen mich ebensosehr wie offenbar die meinen Dich. Ich betone es vielleicht nicht so oft, aber ich schätze Deine Notizen und Lebenszeichen sehr, auch wenn Du Dir die Zeit manchmal stehlen musst in Deinem Dreiecksleben. (Das ist übrigens kein offizieller Ausdruck. „Viereck" ist auch kein negativer Ausdruck. Man sagt höchstens von einem, der stur ist, er sei ein Quadratskopf. Oder man spricht von einer „Dreiecksbeziehung", wenn jemand zwei Liebhaber hat. Ich muss es auch, dh die Zeit stehlen, aber ich verstehe es wie eine Erholung, eine Abwechslung, um meinen Gedanken für ein paar Minuten freien Lauf zu lassen, wie man ab und zu mit dem Hund hinaus muss, damit er sich etwas austoben kann. Und dann laufen meine Gedanken, diese langbeinigen Fantasien, bis hinauf in den hohen Norden. Man muss sich einmal einen solchen Internet-Gedanken vorstellen. Er bleibt nicht einmal ganz und an einem Stück. Im Internet wird er zerkleinert und gehackt wie eine frische Zwiebel – so dass mir die Tränen kommen könnten – und dann als winzig kleines Zwiebelstücklein einzeln auf den Weg geschickt. Eines von ihnen läuft geradewegs rheinaufwärts bis etwa Mainz und Wiesbaden (wo sie zur Zeit mit ihrem Karneval anfangen), dreht etwas rechts und steuert Hannover in Niedersachen an, fliegt vielleicht sogar via Bremen und über Schlweswig-Holstein und Dänemark in schwedisches Hoheitsgebiet, um schliesslich nach Stockholm zu gelangen, wo es – wie man hier unten vermutet - doch noch ziemlich kalt sein soll. Doch wieder ein anderes Zwiebelstücklein zieht es vor, via Süden, vielleicht Afrika und Südpol durch die Kabel zu düsen (falls es auf dem Südpol Kabel hat), um Schweden sozusagen von hinten, vom Rücken her zu überraschen. Ein anderes, wahrscheinlich noch neugierigeres, sucht seinen Weg über Amerika und den grossen Pazifik und kommt via Asien, immer etwas nördlich haltend, in Schweden an. Und alle diese kleinen Stücklein versammeln sich – wie die Mitglieder eines Taubenschlages – ziemlich gleichzeitig bei Dir und ordnen sich diszipliniert und ruhig wieder zur alten Zwiebel, so dass Dir die Tränen kommen könnten. Man höre und staune, diese Zwiebel vermag zweimal Tränen und sie zweimal an verschiedener Stelle auf dem Globus hervorzulocken. Ist das nicht bemerkenswert? Hast Du Papiernastücher in der Nähe? Ist es nicht wunderschön, über gehackter Zwiebel echte eigene Tränen zu vergiessen?

Aber das macht doch Dein Leben noch nicht gerade viereckig? Ich hoffe, und ich bin da ziemlich sicher, du hast noch ein paar Ecken in Reserve. Du hast sie, nicht wahr?

Manchmal scheint es mir, liebe Marlena, als ob ein Seufzer durch Deinen Brief ginge. Irgendwo ist da eine dunkle Wolke im Hintergrund, obwohl Du doch von Natur aus eigentlich ein fröhlicher und vergnügter Mensch bist. Du lässt da etwas anklingen, worüber du aber nicht sprichst. Du brauchst mir das auch gar nicht zu erklären, vielleicht ist es etwas sehr persönliches. Auf jeden Fall habe ich diesen Eindruck. Aber dann, wie gesagt, kannst du dich über einen Vogel auf dem Kirschbaum freuen und alles ist gut und leicht. Das hat mich doch beeindruckt.

Deine Mohnblumenkarte konnte ich leider nicht öffnen. Als ich auf diesen Code getippt habe, ist bloss Reklame gekommen. Und so hat es auf Deiner Seite wohl den Anschein gemacht, als ob ich gar nicht geöffnet hätte. Habe ich ja auch nicht, weil ich nicht konnte. Aber du merkst, wie gut respektive schlecht ich mich auf dem PC und im Internet auskenne. Ich bin wie ein Clochard in diesem System und lebe unter den Internet-Brücken mehr oder weniger von den kleinen Resten und Abfällen, die leicht erreichbar und zugänglich sind. All das Komplizierte und Weitverzweigte, das Raffinierte und Exquisite kenne ich absolut noch gar nicht. Das ist eigentlich auch der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, zu chatten. Ich hatte mir gesagt, dass alle jungen Leute dieses Internet kennen während ich davon keine blasse Ahnung habe. „Also, alter Junge, auf und davon, spring hinein ins kalte Wasser", habe ich mir gesagt. Und der alte Junge springt ins kalte Wasser und pantscht und spritzt eine Weile umher, bis er irgendwo und zufällig ein zartes Bein zu fassen kriegt. Und später, wie er sich am Trockenen das Wasser aus den Augen wischt, stellt sich heraus, dass an diesem zarten Bein eine veritable schwedische Studienrätin hängt.

Darum auch habe ich Dich mit dieser Rubens-Kopie missverstanden. Auch ich werde nachforschen, ob ich das Bild unter der Adresse, die du mir angegeben hast, finden kann. Es ist meine Rettung, dass mein eigenes Bild nicht im Internet zu finden ist. Du kannst das Bild von Rubens anschauen, oder du kannst meine Kopie anschauen. Aber du sollst nicht beide nebeneinander stellen. Einer von uns beiden, Rubens oder ich, einer müsste definitiv enttäuscht sein. Denn: The winner takes it all ... Doch für sich allein sieht mein Bild ganz passabel aus. Und ich habe viel dabei gelernt, als ich es gemalt habe.


Es freut mich, dass Du unseren Bichsel kennst. Vor etwa 20 Jahren habe ich in einem Ort in der Nähe von Solothurn gewohnt, wo Bichsel lebt und wo er täglich in den Wirtschaften (dh Pubs und Restaurants) zu finden ist. Bichsel ist ein literarischer Minimalist. Er schreibt sehr wenig in banal erscheinenden, einfachen Sätzen, so dass sie für Kinder geschrieben scheinen. Ich kann mich erinnern, dass ich als Student – um Geld zu verdienen – in einer Sekundarschule als Lehrer-Stellvertreter gearbeitet habe. Es war das erste und letzte mal, dass ich als Lehrer gearbeitet hatte. Und es waren bloss 2 Wochen. Weil ich diesen 12 oder 13jährigen Schülerinnen und Schülern eine Freude machen wollte, habe ich ihnen samstags in der letzten Stunde Bichsels Kindergeschichten vorgelesen. Sie fanden das echt öde und zum Sterben langweilig. Die Geschichten seien eigentlich für den Kindergarten, haben sie sich beschwert. Und so habe ich es mit einer oder zwei Geschichten bewenden lassen. Viel lieber hatten sie dann, wenn wir „Montagsmaler" spielten. Das Spiel kannten sie alle aus dem Fernsehen. Man teilte dafür die Klasse in zwei Parteien. Je ein Spieler stand an der Tafel und bekam von mir einen Begriff, der auf einer Karte geschrieben stand und den nur er sehen konnte. So schnell wie möglich musste er den Begriff (zB Sommernachtstraum oder Gutenachtgeschichte etc.)irgendwie an die Tafel zeichnen und seine Gruppe musste den Begriff so rasch als möglich erraten. Gewonnen hatte schliesslich die Partei, die zuerst alle Begriffe gefunden hatte. Das Spiel war sehr laut. Es war ein Hallo und ein Geschrei, das musst du dir vorstellen. Das ganze Schulhaus hat gewackelt und ich habe darauf gewartet, dass jeden Moment einer hereintreten würde, um zu reklamieren. Aber es kam keiner und das Schulhaus hat noch mehr gewackelt, bis ich die Schüler um 12 Uhr endlich springen lassen konnte. Und so kehrte endlich wieder Ruhe ein in diesem Schulhaus am oberen Zürichsee.

Ich war damals sehr begeistert von Bichsels Kindergeschichten. Aber sie sind – wie du anklingen lässt – etwas tragische Geschichten. Am lustigsten finde ich die von dem Abenteurer, der rund um die Welt gehen will und dazu eine ganze Armee inklusive eine Armada mit transportieren muss. Bichsel verschafft uns mit seinen einfachen Beschreibungssätzen erstaunliche Einsichten. Er ist, das weißt du sicherlich, früher einmal Lehrer gewesen. Und er habe die Schule nicht sonderlich geliebt, sagt er heute noch jedem, der es hören will. Ich glaube kaum, dass er Eurer pedagogars sällskap beitreten würde.

Wir Schweizer hatten in der letzten Generation drei grosse Schriftsteller: Max Frisch, der Psychologe; Friedrich Dürrenmatt, der Metaphysiker; Peter Bichsel, der Alltagspragmatiker. So würde ich die drei charakterisieren. Bichsel ist der jüngste der dreien und lebt noch. Dürrenmatt finde ich den bedeutendsten, er ist voller komödiantischer Spitzbüberei. Manchmal sind mir seine Theater wie Cabaret-Szenen vorgekommen. Als ich noch ins Gymnasium ging, hat man „Romulus der Grosse" als Studententheater aufgeführt. Ich war damals im Schülerchor, der vor der Aufführung zu singen hatte. Und so habe ich dieses Theater von Dürrenmatt etwa 5 oder 6 mal gesehen. Dürrenmatt hat in allen seinen Themen versucht, den worst-case durchzuspielen. Er war eine richtige Spielernatur, ein Gambler im Spiel des Lebens. Kürzlich hat man in einem Haus in Bern, im Dachzimmer, Malereien von ihm gefunden, die er dort als Student gemalt hatte. Der junge Friedrich hat all die Tapeten vollgemalt bis hinein die Dachschräge. Diese Malerei ist vielleicht nicht hohe Kunst, aber sie ist doch recht ausdrucksstark und dekorativ. Ja, unser guter Dürrenmatt. Er hat auch später noch gemalt und manchmal eindrückliche Werke zustande gebracht. Er hat von sich gesagt „ich male wie ein Kind, aber ich denke dabei nicht wie ein Kind". Und das traf den Nagel auf den Kopf. Wir vermissen ihn etwas, unseren Dürrenmatt, und Max Frisch auch.

Schön, von Dir italienisch zu hören. Hast du von Deiner Tochter gelernt, nicht wahr? Dazu kann ich Dir erzählen, dass meine Mutter sehr gut italienisch spricht, denn sie wurde in Florenz geboren. Das ist allerdings meine Stiefmutter, denn meine leibliche Mutter ist schon gestorben, als ich etwa 11 Jahre war. Der Vater meiner Stiefmutter war in Florenz Lehrer an der Schweizerschule. Sie hatten dort unten natürlich riesige Räume und meine Mutter hatte immer noch diese riesigen Möbel, die man in modernen Wohnungen kaum unterbringen konnte. An der Unterleiste des Esstisches gab es noch eine Klingel, die man einstmals drücken konnte, um die Küche zu informieren, dass sie jetzt das Essen auftragen sollten. Meine Stiefmutter hat uns viel italienische Kultur gezeigt und oft auch italienisch gekocht, was früher in der Schweiz noch nicht so üblich war.

Soweit sogut, Marlena, ich muss langsam schliessen.

Your overlaping life grüsst Dich herzlich

...

Donnerstag, 18. September 2025

Für und gegen Ameisen


Rubens

 
Ämne: Re: für und gegen Ameisen
Datum: den 15 juni 08:49


Liebe Marlena
Ja, ich glaube, ich weiss doch einigermassen, was Du mit dieser Attacke der Ameisen meinst. Und ich glaube auch, dass Du recht hast. Ich merke das zwar meist nicht bei mir selbst, sondern bei meinen Mitarbeitern.Die Männer haben eine Tendenz, aus jeder kleinen Frage gleich ein Indizienprozess mit grossen Worten zu machen. Dazu kommt mir jenes Bild von Rubens in den Sinn, welches ich vor 20 Jahren einmal kopiert habe. Du hast mir davon mal ein Bild geschickt. Dort sind die Männer mit schimmernden Rüstungen und Helmen bekleidet, während die Frauen und Kinder mehr oder weniger nackt in der Natur herumstehen und agieren. Ich glaube, die Barockmalerei - und nicht nur sie - übt eine raffinierte Faszination durch diesen Kontrast zwischen kaltem Metall und warmem Fleisch. Und das ist es doch, was Du in der Diskussion beobachtest.
Nun ja, wenn ich das sehe, dann bin ich sozusagen in der neutralen und distanzierten Position des Zwitters. Als Mann unterliege ich diesen kulturellen Schemata natürlich jederzeit. Das weiss ich auch. Ich kenne die geheime Lust, eine solche Diskussion vom Zaune zu reissen. Und wenn immer es geschieht, dann erinnere ich mich im Stillen an die Zeit des Gymnasiums und der Universität, wo man diese Art des Kampfes gelernt und eingeübt und immer wieder durchgespielt hat.
Um das hübsche Bild mit den Ameisen aufzunehmen, liebe Marlena, so muss man sich die Sache doch so vorstellen: Die Ameisen, die daherkommen, und vor denen Du fliehen möchtest, um nicht gebissen zu werden, diese Ameisen kommen aus einem dunkeln Versteck. Und wenn Du genau beobachtest, siehst Du, dass sie aus der Rüstung des Mannes krabbeln. Aus allen Ritzen und Öffnungen klettern sie heraus und suchen sich ihren Weg. Und wenn Du Dich dann von Deinem Schock etwas erholt hast, dann wirst Du Dir vorstellen können, wie es sich innerhalb einer solchen Rüstung anfühlen muss. Das ist ein veritables Ameisennest dort drinnen. Das ist der Horror per se. Und trotzdem singt Prefessor Higgins in "My fair lady" "weshalb können Frauen nicht mehr sein wie Männer?".
*
Interessant, welche Eigenschaften Anna für die Zukunft empfiehlt. Das eine kann man übrigens ungefähr mit "Stresstauglichkeit" übersetzen. Finde ich in der Tat eine wichtige Eigenschaft. Am meisten hat mit "Quellenkritik" verblüfft. Ich halte das zwar eher für eine Fähigkeit denn eine menschliche Eigenschaft. Aber es ist richtig und von einem jungen Menschen gedacht, der sich im Internet auskennt. Ich pflege statt dessen die Eigenschaft der Entscheidungsfähigkeit in den Vordergrund. Ich glaube in unserer Welt der zahllosen Möglichkeiten ist es eine wichtige Überlebensstrategie, rasch und instinktsicher zwischen Ja und Nein entscheiden zu können. Und ich würde jetzt - zu meiner Ehrenrettung - die Quellenkritik unter die Entscheidungsfähigkeit nehmen.
(Da siehst Du Marlena, ich brauche das Wort "Ehrenrettung". Ich habe das Wort an sich zwar spielerisch gemeint, so als eine Art zu reden, aber genau genommen kommt es aus jenem gesellschaftlichen Spiel der gerüsteten Männer und der nackten Frauen. Doch jetzt genug der Selbstbezichtigung!!!)

Im Übrigen möchte ich Anna 100% zustimmen. Und gerade die Eigenschaften und Kompetenzen, der Kreativität, der Offenheit, der sozialen Fähigkeiten und der Flexibilität verlangen ein Selbst, das kohärent, aber doch nicht statuesk mit sich selbst identisch ist. Das moderne Subjekt braucht eine lockere Oberflächenstruktur, um sich in dieser verrückten Welt leicht ein- und ausklinken zu können. Die Rüstung ist dafür absolut ungeeignet. Mit einer Rüstung steht man ziemlich steif und den unüberblickbaren Kräften hilflos ausgeliefert in der lebendigen Landschaft.
Ach, und was Du über die Jesuiten sagst, und über die Frage des glücklichen Lebens, womit wir wieder bei Epikur wären, das kann ich im Moment einfach nicht beantworten.

Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende. Du bist glücklich und geniesst die schöne Zeit, das merkt man durch Deine Zeilen.
Mit G+K
...



Re: Veränderte Welt

 


Ämne: Bättre fly än illa fäkta..

(ungekürzt)

Lieber ...,
So ist es, falls du es nicht kennst:
Du sitzt so in aller Ruhe am Flussufer und geniesst das Leben und dann siehst du, wie sich eine Ameise deinem Fuss nähert. Du willst nur verhindern, dass sie darüber kriecht und versuchst, ihr den Weg zu versperren. Und plötzlich hat sie (es ist mir immer ein Rätsel, wie sie das tut) eine ganze Armee von Ameisen mobilisiert, die dich angreifen, bis du für gut findest zu fliehen.

Und so ist es hier auch passiert. Ich war vielleicht etwas unvorsichtig mit meinen Worten und schon hast du ein ganzes Heer von Argumenten gegen mich mobilisiert. Und wie sollte ich mich verteidigen können? Ich kenne meinen Gegner. Ich habe nicht seine scharfen Waffen. ;-)

Manchmal denke ich wirklich dass es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen männlich und weiblich. Wir Frauen begnügen uns oft damit etwas intuitiv zu erkennen während ihr Männer alles auseinandernehmen müsst, um es in ihren Details analysieren zu können und zu verbalisieren. Nun, das gehört ja auch zu deinem Beruf. Du musst mit der neuen Welt vertraut sein, um den Menschen helfen zu können, einen Weg darin zu finden. Denn ein Chaos ist es, was die modernen Menschen überflutet.
Meine Meinung ist noch immer (bin ich da sehr altmodisch?) dass die Familie die grösste Bedeutung hat, um harmonische, sichere Menschen zu schaffen, die diesem Chaos mit Ruhe begegnen können. Wenn sie in ihren frühen Jahren dieses Gefühl von Geborgenheit bekommen, glaube ich, dass sie sich leichter zurechtfinden können, auch in Zeiten starker Veränderung.
Wir haben da einen Text in unserem Französischbuch über eine solche moderne Familie, von der du sprichst, und bevor wir den Text lesen, machen die Schüler immer ein Interview, was ihrer Ansicht nach das Wichtigste ist für eine glückliche Familie. Und alle haben an erster Stelle "Eltern, die sich lieben". Und du als Psychologe weißt, dass es Menschen gibt, die ohne diese warme Atmosphäre aufwachsen müssen. Sicher sind es diejenigen, die euch am meisten brauchen. Und ich glaube, man sollte neben der Familie auch nicht die Religion vergessen. Denn in unserer (zumindest in Schweden) ziemlich atheistischen Welt gibt es doch junge Leute, die dort einen Halt für ihr Leben finden.
Ich habe übrigens Anna gefragt, welche menschlichen Eigenschaften für die Zukunft besonders wichtig sein werden. Und hier ihre Antwort:
Flexibilität, Offenheit (Neugier), soziale Kompetenz, Kreativität, "stresstålighet" (weiss nicht auf Deutsch, aber die Fähigkeit Stress zu ertragen), Stärke und schliesslich in dieser neuen IT-Welt : Quellenkritik, Information sieben können. Voilà!
*
Ach weißt du .., eigentlich kümmert mich diese neue Welt nur wegen Anna (also die neue Generation) und wie du sagst finden sich die jungen Leute irgendwie intuitiv damit zurecht. Was uns kümmert, dich und mich, ist wohl mehr die Frage, wie wir den Rest unseres Lebens gestalten sollen. Wir sind uns bewusst, dass es nicht ewig ist und wir ängstigen uns vor der Frage: Was habe ich daraus gemacht? Weißt du, ich finde, dass ich ein ziemlich glückliches Leben habe und trotzdem kann ich diese Frage nicht sehen, ohne zutiefst zu erschrecken. Und in zehn Jahren (falls ich noch lebe) werde ich mir die Frage stellen: Warum hast du dein Leben nicht geändert? Ich weiss dass ich sie stellen werde ...
*
Lass uns ruhig weiterlesen .., es ist doch schön, Ideen (auch seine eigenen) von anderen gut ausgedrückt wiederzufinden, vielleicht neue Anregungen zu bekommen. Ich bin doch schliesslich kein katholischer Priester, der etwas gegen deine Wahl von "Vorbildern" (sorry, war nur ein Scherz) zu beanstanden hätte. Übrigens gibt es meiner Meinung nach keine mehr nachsichtigen Leute als Jesuiten. ;-)

Ja, ich lese "Das Parfum" und ich kann auch nicht richtig die etwas übertriebenen Worte meiner Kollegen verstehen. Zeitweise langweilt es mich ein wenig, aber ich warte noch immer... Es ist aber ein Genuss, etwas in deutscher Sprache zu lesen und du musst zugeben, dass er sich gut ausdrücken kann. Kannst du mir etwas besseres empfehlen? Gern etwas Gutes von schweizerischen Schriftstellern. Aber es muss etwas sein, das dir besonders gefallen hat.

Nun würde ich gern dieses pretenziöse Ding von einem Mail nochmals durchkontrollieren.. aber dann lösche ich es sicher..und ich möchte doch bald wieder ein Mail von dir..

Hier ist immer noch ganz wunderbares Sommerwetter.. aber ich werde mich nun etwas nützlich machen und die Fenster putzen..
Lass mich bald wieder von dir hören.
Mit einem lieben warmen Gruss und einem Bild von ,,,,
Marlena

Mittwoch, 17. September 2025

Veränderte Welt

 

Ämne:  Identität ????
Datum: den 14 juni 08:27

Liebe Marlena
Dein Brief klingt so unbeschwert und frei, wie man sie nur in sonnigen Ferientagen niederschreiben kann. Du bist beneidenswert. Und Du packst Deine Koffer und suchst nach passender Sommerlektüre. Ach, Du bist wirklich zu beneiden.
Ich bin noch nicht so weit.
...
Ich suche meine Identität? Und das Zeichen eigener Identität sei, dass man sich nicht von anderen beeinflussen lässt? Ach, das glaube ich beides nicht, meine Liebe. Was soll ich dazu sagen. Du ziehst Deine Schlüsse aus meiner Lektüre: Epikur und "Männer" von Schwanitz? Nun ja, das Schwanitz Buch hätte ich nie gekauft, wenn ich ihn nicht selbst im TV gehört hätte. Den Titel hatte ich nämlich schon oft gesehen. Und im Prinzip mag ich sie nicht, diese Ratgeber Bücher für Frauen oder für Männer. Aber seine Argumentation in diesem Fernsehinterview fand ich doch recht eigenwillig. Eigentlich soziobiologisch. Nun, da ich die ersten Kapitel gelesen habe, muss ich mein Lob etwas herunterschrauben. Es ist ein wenig sehr populärwissenschaftlich geschrieben. Aber das ist wohl sein Rezept für Erfolg. Das andere Buch "Bildung" fand ich anspruchsvoller.
Und mein lieber Herr Epikur. Ich muss präzisieren, dass ich nicht Epikur selbst gelesen habe. Es gibt auch nicht viel zu lesen. Der grosse Teil seiner Ideen ist durch Lucretius in seinem De Rerum Natura überliefert. Was ich also studiert habe ist ein Büchlein über den alten Hedonisten. Und ich war eben erstaunt, wie viel Diszipliniertheit er empfohlen hat, während wir doch unter Hedonismus ein mehr oder weniger ausgelassenes Leben verstehen. Das ist die Folge der christlichen Kirche, die sich Epikur als Feindbild ausgesucht hat.
Und nun Deine prinzipiellste Frage: ob ich meine Identität suche? Ach, die Frage zielt ins Herz, Marlena, oder in den Kopf, oder in beides.
Ich will Dir die Frage etwas prägnant, vielleicht übertrieben beantworten. Dann wird das, was ich sagen will, am deutlichsten.
Also höre: seit etwa 10 oder 15 Jahren erschrecke ich, wie schnell und grundsätzlich die Welt verändert. Es war ein ziemlicher Schock, als ich es erstmals feststellte, obwohl sich ja die Weltveränderung sicherlich nicht plötzlich eingestellt hat, sondern kontinuierlich und gemächlich vor sich geht. Aber es ist vielleicht auch wie bei den Lawinen. Im Untergrund und in den diskreten statischen Verhältnissen gibt es feine und viele Kleine Verlagerungen und Verschieben, die man von Aussen kaum sieht. Und das geht soweit, bis schliesslich - synergetisch - das ganze Feld losbricht und den Hang hinunterdonnert.
Schau Dir die Familie an. Kinderzahl, Arbeitstätigkeit der Frau, Disharmonien, Freizeitverhalten, Wohnverhältnisse: seit dem 19. Jahrhundert kleine demographische Verhältnisse. An sich interessant, aber wichtig? Doch mittlerweile, sagen wir seit dem zweiten Weltkrieg, ist die traditionelle bürgerliche Familie so ziemlich zusammengebrochen. Liquidiert, pulverisiert. Heute müssen wir Regel und Ausnahme neu beschreiben.
So geht es mit vielen Lebensbereichen: Mobilität, Arbeitssituation, Wissensexplosion, Globalisierung, Vernetzung, Digitalisierung. Alle diese Tendenzen sind - für sich allein betrachtet - interessante neue Aspekte in der Welt. Aber revolutionär? Revolutionär und umwerfend sind sie wirklich in der Kombination, in der Menge, wie sie auftauchen. Wie in Goethes Zauberlehrling sehen wir der Entwicklung etwas ratlos zu.

Und was sagt sich der kluge Psychologe namens --  --? Er sagt: in dieser Veränderung und in der veränderten Welt kann man nicht mehr leben wie früher. Der exponentielle Anstieg an neuen Möglichkeiten bringt existentielle neue Probleme. Deshalb beispielsweise hat mich Epikur interessiert. Das Bild der Welt in seiner Zeit des Hellenismus hatte wohl einige Ähnlichkeiten mit unseren turbulenten Zeiten. Die Frage ist, wie muss das Individuum sein in dieser unordentlichen Welt?
Ich suche also nicht meine Identität, sondern ich bin am Umbau. Ich möbliere neu! Ich bin überzeugt, dass es ziemlich viel Arbeit bedeutet, die alten Konzepte im Kopf über Bord zu werfen. Das ist nicht so einfach. Das geht eigentlich nur, indem man anstelle der alten neue Konzepte konstruiert. Die jungen Menschen brauchen das nicht zu tun. Sie sehen die Welt und wissen intuitiv meist, was hier los ist. Wir gesetzten Semester haben hier zusätzliche Aufgaben.
Neben meiner nostalgischen Trauer um die alte Welt der Moderne bin ich fasziniert und überaus erregt über die allerneuste Welt mit ihren Veränderungen und ihren Ungeheuerlichkeiten. Und ich weiss, dass ich jungen Leuten nicht einfach alte Ideale predigen kann. Damit werden sie im Dschungel der Zukunft nicht überleben. Sie brauchen neue Ideale und neue Konzepte. Und sie, diese fantastischen Erfindungen, versuche ich, zu erkämpfen. Zum Beispiel mit Epikur, zum Beispiel mit Schwanitz. Ich versuche, mir die Stichworte der Zeit zu erhaschen. Ich versuche mit eine Lebensphilosophie für die Zeit nach der Postmoderne zu konstruieren. Das ist einfach deshalb anstrengend und aufreibend, weil in unserem Alter alles durch den Kopf geht.
Teil dieser neuen Welt ist ein neues Subjekt. Wie denn muss ein neues Subjekt sein, um erfolgreich sein zu können? Und was denn könnte Erfolg sein? Kann Identität des Subjektes dasselbe sein wie es in der Stabilität der Industriegesellschaft war? Das glaube ich nicht. Doch wie das neue Subjekt aussehen muss, das erzähle ich Dir morgen. Wie denn denkst Du, dass es sein sollte? Welches sind beispielsweise die menschlichen Eigenschaften, die für die Zukunft besonders wichtig sind? Was denkst Du? Etwa die Fähigkeit, sich selbst treu zu sein, wie es der Begriff der Identität voraussetzt?
Ich wünsche Dir eine gute Zeit
Mit einem lieben Gruss
...


Ämne: Re: Identität ????
Datum: den 14 juni 

Lieber ...,
Ich habe gerade dein Mail gelesen und jetzt muss ich erst mal fest nach Luft schnappen... Weisst du wie ich mich fühle? Als ob ich am Flussufer im Sand eine Ameise verärgert hätte .. oder nach einer Mücke geschlagen.. Kennst du diese Situation?
Ich werde dein Mail sobald wie möglich beantworten. Bis dahin alles Gute und einen schönen Tag.
Hier ist es unbeschreiblich schön im Augenblick..
G+K
Marlena


Dienstag, 16. September 2025

Onkelchen erzählt

 

Schloss  Lenzburg

Liebe Marlena
 
Am Sonntag Abend fahren S und ich zu einem Onkel in L.. Jeden Sonntag tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt sehen kann. Man hat von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
Kurt, so heisst mein Onkel, und seine Frau haben uns Kinder immer in den Ferien gehabt, als unsere Mutter gestorben war. Seine Frau Elisabeth fühlte sich als unsere Ersatzmutter. Ich erinnere mich, dass sie erzählt hat, wie unsere Mutter ihr das Versprechen abgenommen hatte: falls ihr einmal etwas zustossen würde, dann sollte sie sich um uns Kinder kümmern. Und Elisabeth hat das versprochen und hat sich dann wirklich um uns gekümmert, dies umso mehr, als sie selbst keine Kinder haben konnte. Als wir später in Visp lebten, fuhren wir jedes Jahr im Sommer zu ihnen in unsere alte Heimat in die Ferien. Elisabeth und Kurt führten gemeinsam eine Confiserie mit Laden und mit Tea Room. Das war für uns Kinder eine höchst interessante und abwechslungsreiche Umgebung, und beide, Onkel und Tante, waren den ganzen Tag in der Nähe. Es gab den Laden mit den vielen, wunderbaren Patisserien als Auslagen, wo wir lernten, den Kunden das Rückgeld herauszuzählen. Es gab die Backstube im Untergeschoss mit 3 oder 4 Arbeitern und Lehrlingen, wo es nach allem Möglichen roch und man da und dort insgeheim den Finger hineinstecken konnte, um zu kosten. Und es gab dieses Tea Room, wo die Leute zum Kaffee oder im Sommer für ein Eis kamen. Und zu all diesen interessanten Dingen kannten wir den Ort Lenzburg aus vergangener Zeit, erkannten noch oft Leute, die uns selbst aber nicht mehr kannten. Und wir gingen fast täglich ins grosse Bad etwas ausserhalb des Städtchens. Verglichen mit dieser Umgebung war Visp arme Provinz. Es gab in Visp damals noch kein Bad, es gab noch keine Tea Rooms und die Jugend bewegte sich noch nicht so frei und locker wie in Lenzburg.
Mit Onkel K also sitzen wir sonntags zum Nachtessen zusammen, und er kommt ins Erzählen. Und er hat viel zu erzählen aus diesem Jahrhundert, das er fast ganz und von A bis Z miterlebt hat. Sein Gedächtnis ist noch wunderbar intakt. Und er war immer ein guter Plauderer und Erzähler gewesen. Mit ihm hatte ich mich stets bestens unterhalten, wie ich das mit meinem Vater nie gekonnt habe. Mein Vater ist ein technischer Mensch. Ihm fliessen die Gedanken nicht. Aber K. ist ein wunderbarer Erzähler mit einem fantastischen Erinnerungsvermögen für Geschichten und Episoden.

Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.

Und er erzählt von seiner Elisabeth, mit der er ein Leben lang gemeinsam dieses Geschäft in L. geführt hatte und die immer eine etwas eigensinnige Frau gewesen war. Er sagt, und das fand ich rührend, er sagt, dass er sich heute besser mit ihr unterhalten könne, da sie gestorben sei. Früher seien sie immer wieder in Streit geraten, weil Elisabeth partout auf ihre Meinung zu beharren pflegte. Aber heute, da sie tot ist, sei das alles viel leichter und besser geworden. Sie sei jetzt umgänglicher.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschaftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.

Und dabei fällt mir bei K. und E. die schöne Geschichte von Philemon und Baucis ein, die man in Ovids Metamorphosen finden kann. Die alten und armen Eheleute Philemon und Baucis haben sich mit der gastlichen Aufnahme von Jupiter und Merkur (waren es diese beiden?) einen Wunsch verdient. Und sie wünschten sich, dass keiner den anderen überlebe, dass keiner das Schicksal zu ertragen habe, den Tod des andern betrauern zu müssen. Dieser Wunsch wurde ihnen gewährt und sie sind beide in je einen Baum verwandelt worden, die in naher Nachbarschaft noch heute beisammen stehen sollen.

Ich danke dir für die ...


Vorfall auf der Lenzburger Krone

 

 

Schloss Lenzburg

Liebe Marlena
 (---)
Vielleicht muss ich dir erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben. Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend. Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt werden wollte.

 


Gleich zwischen unserem Garten, der am Schlossberg oben erhöhht lag, und der Krone führte in einer tiefen Schlucht die Hauptstrasse von Zürich nach Bern. Und die Krone war bekannt, weil hier die Strasse eine Ecke von 90 Grad schlug. Man kann nicht sagen, eine Kurve, damals war es wirklich eine Ecke. Und an Sonntagen wälzte sich eine Kolonne von Fahrzeugen um diese Kronenecke. Und wir Kinder standen mit den Nachbarn, Herr Senn, oben am Geländer und schauten hinunter. Er rauchte seine Zigarre und wir zählten die Autos oder merkten uns die Kantonswappen auf den Nummerschildern. Damals hatte man den motorisierten Verkehr noch nicht mit so viel Misstrauen betrachtet.
Und gelegentlich, wirklich nur ab und zu – aber es waren für einen Jungen die Höhepunkte – gelegentlich also kam ein Lastwagen mit einer langen Ladung Baumstämmen. Und die hatten immer ihre liebe Not, die Kurve um die Kronenecke zu kriegen. Manchmal mussten sie vor- und rückwärts „sägen“, um nicht die Hauswand zu demolieren. Das war immer eine interessante Angelegenheit.
Und einmal, ich bin immer noch bei der berühmten Lenzburger Krone, einmal turnte auf dem Dach der Krone ein verrückter Mann herum. Das Dach lag etwa auf gleicher Höhe unseres Gartens. Ich war damals wohl in der ersten Schulklasse. Und so sah in vis à vis diesen Mann, und aus dem Dachfenster stieg ein zweiter, der notdürftig mit einem Seil befestigt war und sprach dem anderen zu. Ich verstand eigentlich nicht, was da los war. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, das wäre jetzt ein Kriminalfall. Die Polizei verfolgt einen Täter, der auf das Dach geflüchtet war. Aber später sagte man mir, dass der Mann verrückt sei.
Onkelchen erinnert sich auch noch an diesen Vorfall. Er war lange Jahre Kommandant der Lenzburger Feuerwehr und damals mussten sie mit einem Falltuch (nennt man das so?) ausrücken und das ganze Spektakel absichern. Immerhin ist die Krone drei Stöcke hoch. Ich kann mich bloss noch erinnern, dass ich sehr aufgewühlt war nach diesem Schauspiel. Nun ja, dass Menschen auf Dächern herumklettern und sich von anderen Menschen wieder herunterholen lassen, das war nun wirklich eine Neuigkeit. Und vielleicht hat das ja mitgespielt, dass ich später dann doch das Fach Psychologie gewählt habe. Denn neuerdings sind es die Psychologen, die andere Menschen von den Dächern herunterreden.

 ...

 

Wenn ein Mann alt wird ...


Liebe Marlena

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Am Freitag wird unser Onkelchen 95. S  hat ihm angeboten, behilflich zu sein. Er bekommt üblicherweise viele Telefonate. Und ausserdem kommen seine zahlreichen Freundinnen, ihn besuchen. Er stellt ihnen dann Tee oder Wein auf. Aber er trippelt mittlerweile so zögerlich in seiner Wohnung umher, dass es endlos Zeit braucht, bis er einen Punkt erreicht hat. Und wenn man sich einen solchen Tag vorstellt, da gleichzeitig das Telefon läutet, die Hausklingel, und am Tisch sitzen noch zwei alte Damen, die mit ihm plaudern möchten, dann erscheint das ziemlich unmöglich. Es wäre doch einfach, wenn S den Leuten eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen servieren könnte. Und Onkelchen könnte dann sitzenbleiben und plaudern und müsste nicht immer wieder lostrippeln. 

Das ist ja eines der Merkmale: wenn ein Mann alt wird, hat er praktisch nur noch Frauen, die um ihn herum leben. Alle gleichaltrigen Männer sind mehr oder weniger verstorben. Es gibt noch einige Dinosaurier, aber sie sind ebenso eingesperrt in ihre vier Wände, weil sie ja nicht mehr so berg- und strassengängig sind.

Jetzt muss ich aber raschestens los.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...


Samstag, 13. September 2025

Mein Bild - dein Bild (pure Nostalgie)

Liebe Marlena

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Ich finde, Deine Reaktion auf das Bild war etwas knapp. Und dabei habe ich nun beinahe ein Jahr lang nach einem Foto gesucht, und kürzlich hat mir S zufällig dieses eine zugesteckt. Es ist ein Unikat sozusagen, ein Einzelstück, die Ernte eines Jahres, und Du solltest Dir dessen bewusst sein. Es ist praktisch nicht mehr als das vorhanden.

 

RE:

Lieber ...

Ach, dieses wertvolle Foto von dir, dieses einmalige habe ich nicht genug gelobt. Also muss ich es wohl nochmals versuchen. Vielleicht geht es ohne S und M einzumischen.

Erstens siehst du auf dem Bild sportlich aus. Du könntest sehr gut einer dieser hormonstrozenden Harros sein, die man im heutigen ST finden kann. Vielleicht ist es das T-shirt, das es macht. Dann liebe ich dein Kinn. Es sieht sehr männlich aus. Ich habe schon immer eine Schwäche für diese Art von Kinn gehabt. Darüber deine schön geformten weichen Lippen. ...(Zensur)... Deine Nase ist fotogenique. Und deine Augen. Es hat mich etwas überrascht, dass sie so hell sind. Ich würde sie gern live sehen. Und wenn ich dir so in die Augen schaue, dann bin ich mir bewusst, dass ich das im real life kaum wagen würde. Und dann versuche ich, das Bild von dir, das ich in mir trage, mit dem auf dem Foto in Einklang zu bringen. Ich weiss doch, dass du aus Fleisch und Blut bist, aber trotzdem kann ich es nicht richtig fassen, dass du wirklich bist. Es ist fast, als hätte ich vergessen, dass hinter den Mails ein richtiger Mensch steht.. Übrigens siehst du auch poetisch aus und wenn ich nicht wüsste, dass es sich um eine Magenverstimmung handelt, hätte ich glatt geglaubt du leidest an Weltenschmerz. ;-)

Schau mal zu was du mich mit deiner kleinen ironischen Bemerkung verlockt hast. Aber natürlich fühle ich mich geehrt, dieses "Einzelstück" von Foto zu besitzen. Das letzte sozusagen, das du nun auch verschenkt hast. ;-) Oder besitzen die übrigen 59 Mailpartnerinnen auch dieses Bild???


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RE:

Liebe Marlena 

Trotz des tristen Wetters und Deiner nach Eukalyptus lechzenden Erkältung kannst Du solch ein Mail schreiben! (ein!)   Manchmal muss man Dich wirklich etwas kitzeln, damit Du aus Dir rausgehst und Deine Genialität in der Sonne zu gleissen geruhst!! (zwei!!) Es ist schon länger her, dass ich über eines Deiner Mails so sehr geschmunzelt habe. Und das hängt nicht bloss daran, dass Du Dir dieses Mal meine Nase vorgenommen hast!!! (drei!!!) 

Es ist eigentlich mehr, WIE Du schreibst. Und Du kannst es meisterhaft. Die Gedanken und Dinge nach Deiner Art in überraschende Zusammenhänge zu bringen, das ist echt zum Schmunzeln. Und manchmal klingt es ein wenig mammahaft! Auch das hat Charme.  Zumindest hat es meinen baudelairschen Weltschmerz etwas aufgehellt.

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Klar, ich hätte auch mit einer der 59 Frauenzimmer (oder muss ich sagen Adressen) abgehauen sein können! Nach einem unendlich langen und qualvollen Würfelprozess, welche denn Opfer dieses romantischen Anfalls sein dürfe. Und nach diesen dämlichen Qualifikations- und Selektionsprozessen hätte ich die Schönste am Handgelenk genommen und wäre hinunter nach Ronda durchgebrannt. Hemingway meint, Ronda eigne sich für ein solches Unternehmen besonders. Ronda also hätten wir uns geleistet und wären im Hotel gleich neben der tiefen Schlucht abgestiegen, dort wo man vom ehemaligen Strassenräubernest in die waldige und hügelige Landschaft hinunter sieht. Und wir hätten zum spanischen Wein diese riesengrossen und etwas groben Plätzchen gegessen, die sie in Spanien den Stieren praktisch lebendigen Leibes aus den Lenden schneiden. Inkognito wären wir auf Rondas Flaniermeile Arm in Arm auf und ab gegangen, hätten auf die Welt und ihren unglücklichen Lauf gepfiffen und stattdessen in der wunderhübschen kleinen Arena ein paar blutig-schöne Corridas besucht.

Und zwischendurch hätte ich mit meiner schönsten Rothaarigen im Hotelzimmer die Decken aufgewühlt und Bettgestelle flachgelegt. Ein bisschen barock alles, zugegeben. Ungefähr so wie ein gute Flasche Malvoisie, prickelnd, komplex und lebenslustig.

Doch, meine liebe Marlena, wie kann ich erklären, dass ich nach drei Tagen bereits wieder zurück bin?? Der romantische Anfall berücksichtigt nur den explosiven Entschluss, die hastige Abfahrt, den brennenden Wunsch, wegzukommen. Doch wie kommt man wieder zurück? Reuigen Herzens? Asche auf dem Haupt? Triste und voller Schuldgefühle? Oder einfach so, indem man morgens wieder im Büro sitzt und die aufgelaufenen Pendenzen angeht? Die Rückkehr ist ziemlich heikel, nicht wahr? Die Romantik denkt nicht an Rückkehr, wenn sie denn überhaupt denkt! Sie denkt nämlich auch nicht daran, lebenslänglich in Ronda auf und ab zu gehen. Man müsste dann ja gelegentlich mit der nächsten der 59 zum nächsten Ort abhauen. Vielleicht nach Rom mit einer Blonden, nach Paris brunette und Casa Blanca schwarz?

Ich bin also von Ronda zurück!

Mit einem lieben Gruss 

...

Retour d'Amérique

 

Ämne: Retour d'Amérique
Datum: den 1 september 17:09

Liebe Marlena
Es ist bald 10 am. Meine Gastgeber werden um 10 abfahren fuer den Brooklyn Carneval. Es scheint, sie haben das ganze Jahr darauf gewartet. ...

Ach, ich habe nicht gewusst, dass es einen Atlas gibt fuer die Kunst des Kuessens. Da gibt es zivilisierte Regionen und auch unwegsames, gefaehrliches Gelaende. Sozusagen Rotkaeppchen-Wege, wo der Wolf lauert. Ich verstehe. Ich werde mich vorerst an die autorisierten Pfade halten. Man verlaeuft sich so auch viel seltener und kommt auch so zu schoenen Aussichtspunkten. Wie Du zu dieser Schlaefenpartie kommst? Sie ist doch bei aelteren Leuten oft sehr ausgepraegt.

Ich werde ungefaehr am Mittag hier losziehen. Da ist zwar noch sehr viel Zeit. Na ja, vielleicht genuegt es, wenn ich um 14h gehe. Der Bus benoetigt ungefaehr eine halbe Stunde. Und sie fahren alle halben Stunden, wenn ds auch am Labour Day so ist. Das weiss ich eben nicht so genau. Ich haette also noch Zeit, Dir ein kleines Geschenklein zu posten. Moechtest Du was Kitschiges? Na ja, ich will nicht zuviel versprechen.

Deine Idee von Wien ist gut. Ich wuerde auch wieder mal gerne dorthin fahren. Auch Walter ist ein grosser Fan Wiens. Manchmal erzaehlt er mir vom Wiener Zentralfriedhof, als ob es der Garten Eden waere. Ich glaube, seit sich Europa vergroessert, wird Wien immer wichtiger. Es ist unser Brueckenknopf zum Balkan, und die Oesterreicher haben ein besseres Verstaendnis von jenen Menschen dort. Sag mir, wann Du gehst, Marlena, ich werde sehen, was sich tun laesst. Vielleicht muss ich dann einen Kurs in klassischer Psychoanalyse nehmen. Dann werde ich auch gleich das Kanapee mitschleppen. Freud hat im Grunde auch mit Hypnose angefangen. Das hatte er bei Charcot in Frankreich gelernt. Und das habe ich - glaube ich - schon mal erzaehlt. Aber sein Zeitalter war so rationalistisch und vernunftorientiert, dass er glaubte, davon wegkommen zu muessen.

Gestern habe ich im Central Park einen aelteren Mann gesehen, der aus der Handschrift las. Wie ein fortune teller, aber eigentlich Graphologe. Die Kundin war eine Japanerin. Und sie musste etwas auf ein Blatt Papier schreiben. Es waren knappe 5 oder 6 Zeilen. Ich habe eine Weile zuegehort. Ich glaube wirklich, dass er ein bisschen Graphologie kennt. Aber die Datenbasis ist sehr fraglich. Einerseits schreibt eine Japanerin von Kindheit an eine voellig andere Schrift. Und 6 Zeilen sind zu wenig. Er interpretierte z.B. die Tatsache, dass sie ihre Unterschrift links hinsetzte anstatt rechts, wie er es von einem normalen Mitteleuropaeer erwarten wuerde. Man sagte in der Graphologie, Leute, die am linken Rand unterschreiben, sind reserviert, vielleicht scheu, halten sich von anderen Menschen zuerueck. Aber heutzutage kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. In vielen Geschaeftsbriefen setzen sie die Unterschrift neurdings linksbuendig. Seine Aussage war also etwas gewagt. Und er sagte ihr, dass sie ein bisschen stur sei. Ich kann mir vorstellen, wie man zu einer solchen Diagnose kommt. Aber wenn ein Mensch unsere Schrift erst mit 17 oder 18 Jahren zu schreiben beginnt (na ja, ich weiss nicht, die die Japaner das machen), dann bedeutete es etwas anderes. Wenn ich S.s Schrift anschaue, so habe ich den Eindruck, die arabische Schrift des Persischen und die Rechts/links Orientierung haben schon einen Einfluss.

Aber wie auch immer. Wenn ich diese Strassenunternehmer sehe, dann denke ich - lustig - ich koennte mich hier in NY auch durchbringen. Na ja, waere nicht gerade so buergerlich. Aber es waere nicht unmoeglich. Jeder hat seine Spezialitaet. Am Sonntag kam eine junge Frau durch die U-Bahn. Normalerweise wechselt man ja nicht den Wagen waehrend der Fahrt, aber es ist moeglich. In lauter, etwas weinrlicher Stimme verkuendete sie an diesem schoenen Sonntag Morgen, dass sie ohne eigenes Verschulden den Job verloren, keine Wohnung und keine familiaere oder staatliche Unterstuetzung habe, und dass sie im 3. Monat schwanger sei. Und dann ging sie durch und sammelte. Ich glaube, die Leute haben ihr gespendet, weil sie ihren Mut respektierten. An der 5. Avenue habe ich einen gesehen mit einem Stueck Pappe. Darauf stand: homeless, jobless, HIV. Wenn man sehr sarkastisch sein will, kann man sagen, dass er als Bettler hoch qualifiziert sei. Es gibt bestimmt auch solche, die das ausnutzen. Wir schweizer sind ein bisschen misstrauisch. Und irgendwie habe ich die Ueberzeugung, es sei Sache der Amerikaner, ihnen zu helfen.

Auf dem Perron von Grand Central Station habe ich am Sonntag Abend einen Japaner gesehen, den ich schon vor einer Woche gehoert habe. Er hat ein Saiteninstrument, eine Art Tisch, und daran zupft er. Er spielt so konzentriert und er ist sehr ordentlich gekleidet, mit Kravatte und Jacket. Aber gleich ueber ihm ist eine Art Air Condition Maschine, die vollbringt einen solchen Laerm. Und wenn die Zuege ein und ausfahren, wird es gleich doppelt laut. Man hat den Eindruck, er habe wirklich den schlimmsten Ort gewaehlt fuer seine traditionelle asiatische Musik. Aber er spielt wie ein Konzertspieler, mit hochernster Miene und mit Inbrunst. Aber es sind wirklich nur wenige, die ihm eine Kleinigkeit spenden. Es sind vielleicht ein paar Asiaten, die durch die Toene ein bisschen Heimweh bekommen. Und sagt diese Art von Musik nicht besonders viel. Doch letzten Sonntag habe ich ihm gespendet. Ich habe seinen unbeugsamen Willen respektiert.

So, liebe Marlena, bevor ich hier losgehe, werde ich noch einen kleinen Spaziergang im Village machen. Es sind die letzten Eindruecke, die ich mitnehme. Es ist hier Sonntagsstimmung. Fast nichts laeuft. und ich bin sicher, dass auch nicht alle U-Bahnen fahren.
Wir sehen uns wieder in der Schweiz, nicht wahr?
Mit lieben Gruessen und Kuessen in den autorisierten Zonen
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Ämne: Re: Pleasant journey!
Datum: den 1 september 20:03

Liebe Marlena
Jetzt ist 2pm. Und in ein paar Minuten werde ich die Tuere, die selber schliesst, nicht mehr oeffnen koennen. Ich sollte also nichts liegenlassen, vor allem nicht Pass oder Ticket. Und weil hier niemand zum Abschied zu kuessen ist, kuesse ich Dich zum Abschied. Lucky you!
Ich bin - was ich in meinem Leben noch sehr selten getan habe - in ein Musikgeschaeft gegangen. C. hatte davon gesprochen. Und weisst Du, was ich gefunden habe. Eine CD von Barbara. Es gab eine ganze Reihe franzoesischer Platten. Schliesslich bin ich doch bei B gelandet. Greco hat es keine gehabt. Aber ich habe eine schoene von Dir. Und dann bin ich nochmals Toilettenartikel holen gegangen. Ich hatte noch etwas Geld uebrig. Und B´s Wuensche sind gross. Also habe ich noch eine zweite Ladung geholt. Eigentlich wollte ich fuer sie eine CD kaufen. Aber ich kenne mich in diesen modernen Trends so denkbar schlecht aus, dass ich kleine Erfolgschance habe.
Um sicher zu gehen, habe ich also Barbara gewaehlt.
Und jetzt bin ich bei meinem letzten Kaffee. Und dann gehe ich. Ich bin ein bisschen nervoes. Vielleicht der Kaffee? Oder die Unklarheit, bis ich am Flughafen bin. Man sagt von Freud, dass er eine riesige Angst hatte, zu reisen, und dass er schon Stunden vor Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhof war. Na ja, vielleicht werde ich Freudianer. Das kommt der Wiener-Mischung naeher.
Ich glaube, ich habe wirklich alles gepackt. Es gibt nichts, was ich vergessen koennte. Soll ich der Nachbarin zum Abschied einen Kuss auf die Stirn druecken. Ach nein, ich will nicht, dass sie einen Herzstillstand erleidet.
Wir sehen uns morgen, nicht wahr? Habe eine gute Nacht.
Mit lieben Gruessen und transatlantischen Kuessen a la Golfstrom

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