Liebe Marlena
Jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestürzt. Oder hast Du es bekommen. Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich berührt. Er gefällt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schöner. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute über Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch über Balthus angeschaut. Er hatte lange in Sierre gelebt, und P hat als Architekt ein kleines Museum oberhalb Siders gestaltet. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und überall mit Büchern überstellten kleinen Halle warst Du plötzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.
Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schön, es Dir zu schildern. Es war fuer mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und später vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine außergewöhnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir können das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?
Heute haben wir eine Übung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Fähigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Übung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise würde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Mühe geben und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute später etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz ähnlich.
Ich habe Varlin als mein Modell gewählt. Du weisst, dass er ein guter und scharfäugiger Porträtist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht häufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten hätte ich seine Originalität und seine Radikalität. Hast Du gewusst, dass Varlin mit bürgerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu juedisch und zu wenig künstlerisch. Willy Guggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich hätte auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.
Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stürzt.
ich wünsche Dir einen schönen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schönes Wochenende.
Mit lieben Grüssen und Küssen
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