Montag, 29. September 2025

Chaotismo

Liebe Malou

Ja, der italienische Chaotismo. Die Person, die diese Theorie entwickelt hat, ist ein lustiger Kerl. Er war lange Jahre Auslandkorrespondent für das Schweizer Radio in Rom. Ich meine, es war in jenen Jahren, als Rom noch richtiges Ausland und weit weg war. Und ich erinnere mich an seine Stimme. Als ich hier in meinem Club für das Programm verantwortlich war, hat dieser Victor Willi plötzlich angerufen. Er hat mir - ziemlich eloquent - erklärt, dass er gerade in der Schweiz weile und dass er, weil er seine Pension aufbessern müsse - weil das Schweizer Fernsehen eben leider etwas mickerig zahle - dass er also in Rotary und Kiwanis Clubs Vorträge mache. Ich sagte ihm, dass wir für die Vorträge nichts bezahlen. Normalerweise sind Referenten stolz, bei uns vortragen zu müssen. Wir offerieren das essen. Er wiederholte seine Argumente und so war ich schliesslich einverstanden. Ich glaube, ich habe ihm 100.- oder 150.- SFR versprochen.

Und dann kam dieser Victor Willi und hat einen erstklassigen Vortrag über Italien gemacht. Nebenbei hat er auch noch Reklame gemacht für sein Buch, das er verkaufte, und für Rhetorikkurse, die er gab. Ich glaube, einige meiner Kollegen haben bei ihm schliesslich einen Rhetorikkurs gemacht. Kurz und gut: er entpuppte sich als eine Perle in meinem Programm, und ein Kiwanis Freund, dessen Frau Norditalienerin ist, kam geradezu in Tränen aufgelöst und hat mir dafür gedankt.

Und in diesem Vortrag hat er eben seine Theorie des Chaotismo erklärt. Sein Ausgangspunkt war eine Autopanne, die er mal irgendwo hatte. Und dann hat er mit viel Worten und viel Emotion geschildert, wie er jemanden kennen lernte, der ihn eingeladen hat, bei sich zu übernachten. Wie er trotz der Panne mit Ach und Krach seine Ziele noch erreicht hat. Und wie daraus eine grosse Freundschaft entstanden sei. Ich glaube, der Kerl hat auch noch dafür gesorgt, dass sein Auto wieder in Funktion komme.

Na ja, ich glaube, in Persien ist das ähnlich. Es gibt so viele Dinge, die nicht funktionieren, die anders laufen, als du erwartet hast, die durch Pannen darnieder liegen, dass immer wieder Improvisation und Kreativität gefragt ist. Und man kann sich gegenseitig helfen, und man kann sogar bisweilen Heldentum entwickeln, ohne Zweifel! Aber bei uns in der Schweiz, wo alles funktioniert, wo jeder mit Versicherungen abgedeckt ist, wo die Autos ohne Panne fahren und fahren, da tritt der Mensch kaum mehr in Erscheinung. Na ja, Malou, um kein Geld in der Welt würdest Du auf unsere Mailerei verzichten. Das ist schön gesagt, schon fast ein wenig heldenhaft. Ich danke für das Kompliment. Ich glaube auch, dass Geld tendenziell eher unglücklich macht. Geld scheint gut, solange man nicht zuviel davon hat. Dann ist es ein perfekter Sehnsuchtspunkt. Aber wenn man es hat: um Gottes Willen. Es braucht Nerven und bereitet Sorgen. Nicht dass ich Dir da aus Erfahrung berichten könnte. Aber man merkt das aus diversen Beobachtungen.



Weißt Du, was ich aus meinen Büro-Fotos festgestellt habe? Mein Chaos ist gar nicht so schlimm. Ich meine, mein Pult sieht doch gar nicht eigentlich unordentlich aus. Vielleicht viel beschäftigt. Vielleicht viel interessiert. Vielleicht vielseitig. Aber doch nicht echt chaotisch. Mindestens liegen die Papiere doch alle in Reih und Glied, so wie man sich die preussische Armee vorstellt. Ich kann das so leichthin sagen, weil gestern Abend offenbar unser Putzengelchen hier war. Sie hat aufgeräumt und nimmt sich in der Regel viel Zeit, meine Papiere schön ordentlich auf eine Linie zu bringen. Sie darf ja nichts wegnehmen oder verschieben. Also bleibt bloss, alles ein wenig zu begradigen. Und siehe: wenn ich am Morgen komme, sieht es aus als ob es hier wirklich gemütlich wäre. Es sieht irgendwie 'ordentlich' aus, gepflegt und mit Sorgfalt umspielt. Es ist erstaunlich, wie viel man erreichen kann bloss durch 'begradigen', d.h. die Beigen von Papier einfach gerade rücken. Dieses Wochenende haben wir Doppelstress, würde A sagen. Einerseits ist Muttertag. Andererseits gibt es eine Buchmesse in Basel, die ich gerne besuche. Und dann steht noch Onkelchen auf dem Programm. Das ist ein wenig viel für bloss ein Wochenende. Aber wir werden ja sehen. Ach ja, die Vorbereitung der Sitzung vom Montag habe ich gar noch nicht erwähnt. Und dienstags ist die grosse Sitzung. Nun: alles mit der Ruhe ! Puh, jetzt muss ich mich beeilen.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
MlGuK 
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