Sonntag, 21. September 2025

Beginn..

 

Subject: fredagskaffe
Date: Fri, 18 Feb  17:07



Liebe Marlena

Danke Dir für Deinen netten Brief. Deine Briefe freuen mich ebensosehr wie offenbar die meinen Dich. Ich betone es vielleicht nicht so oft, aber ich schätze Deine Notizen und Lebenszeichen sehr, auch wenn Du Dir die Zeit manchmal stehlen musst in Deinem Dreiecksleben. (Das ist übrigens kein offizieller Ausdruck. „Viereck" ist auch kein negativer Ausdruck. Man sagt höchstens von einem, der stur ist, er sei ein Quadratskopf. Oder man spricht von einer „Dreiecksbeziehung", wenn jemand zwei Liebhaber hat. Ich muss es auch, dh die Zeit stehlen, aber ich verstehe es wie eine Erholung, eine Abwechslung, um meinen Gedanken für ein paar Minuten freien Lauf zu lassen, wie man ab und zu mit dem Hund hinaus muss, damit er sich etwas austoben kann. Und dann laufen meine Gedanken, diese langbeinigen Fantasien, bis hinauf in den hohen Norden. Man muss sich einmal einen solchen Internet-Gedanken vorstellen. Er bleibt nicht einmal ganz und an einem Stück. Im Internet wird er zerkleinert und gehackt wie eine frische Zwiebel – so dass mir die Tränen kommen könnten – und dann als winzig kleines Zwiebelstücklein einzeln auf den Weg geschickt. Eines von ihnen läuft geradewegs rheinaufwärts bis etwa Mainz und Wiesbaden (wo sie zur Zeit mit ihrem Karneval anfangen), dreht etwas rechts und steuert Hannover in Niedersachen an, fliegt vielleicht sogar via Bremen und über Schlweswig-Holstein und Dänemark in schwedisches Hoheitsgebiet, um schliesslich nach Stockholm zu gelangen, wo es – wie man hier unten vermutet - doch noch ziemlich kalt sein soll. Doch wieder ein anderes Zwiebelstücklein zieht es vor, via Süden, vielleicht Afrika und Südpol durch die Kabel zu düsen (falls es auf dem Südpol Kabel hat), um Schweden sozusagen von hinten, vom Rücken her zu überraschen. Ein anderes, wahrscheinlich noch neugierigeres, sucht seinen Weg über Amerika und den grossen Pazifik und kommt via Asien, immer etwas nördlich haltend, in Schweden an. Und alle diese kleinen Stücklein versammeln sich – wie die Mitglieder eines Taubenschlages – ziemlich gleichzeitig bei Dir und ordnen sich diszipliniert und ruhig wieder zur alten Zwiebel, so dass Dir die Tränen kommen könnten. Man höre und staune, diese Zwiebel vermag zweimal Tränen und sie zweimal an verschiedener Stelle auf dem Globus hervorzulocken. Ist das nicht bemerkenswert? Hast Du Papiernastücher in der Nähe? Ist es nicht wunderschön, über gehackter Zwiebel echte eigene Tränen zu vergiessen?

Aber das macht doch Dein Leben noch nicht gerade viereckig? Ich hoffe, und ich bin da ziemlich sicher, du hast noch ein paar Ecken in Reserve. Du hast sie, nicht wahr?

Manchmal scheint es mir, liebe Marlena, als ob ein Seufzer durch Deinen Brief ginge. Irgendwo ist da eine dunkle Wolke im Hintergrund, obwohl Du doch von Natur aus eigentlich ein fröhlicher und vergnügter Mensch bist. Du lässt da etwas anklingen, worüber du aber nicht sprichst. Du brauchst mir das auch gar nicht zu erklären, vielleicht ist es etwas sehr persönliches. Auf jeden Fall habe ich diesen Eindruck. Aber dann, wie gesagt, kannst du dich über einen Vogel auf dem Kirschbaum freuen und alles ist gut und leicht. Das hat mich doch beeindruckt.

Deine Mohnblumenkarte konnte ich leider nicht öffnen. Als ich auf diesen Code getippt habe, ist bloss Reklame gekommen. Und so hat es auf Deiner Seite wohl den Anschein gemacht, als ob ich gar nicht geöffnet hätte. Habe ich ja auch nicht, weil ich nicht konnte. Aber du merkst, wie gut respektive schlecht ich mich auf dem PC und im Internet auskenne. Ich bin wie ein Clochard in diesem System und lebe unter den Internet-Brücken mehr oder weniger von den kleinen Resten und Abfällen, die leicht erreichbar und zugänglich sind. All das Komplizierte und Weitverzweigte, das Raffinierte und Exquisite kenne ich absolut noch gar nicht. Das ist eigentlich auch der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, zu chatten. Ich hatte mir gesagt, dass alle jungen Leute dieses Internet kennen während ich davon keine blasse Ahnung habe. „Also, alter Junge, auf und davon, spring hinein ins kalte Wasser", habe ich mir gesagt. Und der alte Junge springt ins kalte Wasser und pantscht und spritzt eine Weile umher, bis er irgendwo und zufällig ein zartes Bein zu fassen kriegt. Und später, wie er sich am Trockenen das Wasser aus den Augen wischt, stellt sich heraus, dass an diesem zarten Bein eine veritable schwedische Studienrätin hängt.

Darum auch habe ich Dich mit dieser Rubens-Kopie missverstanden. Auch ich werde nachforschen, ob ich das Bild unter der Adresse, die du mir angegeben hast, finden kann. Es ist meine Rettung, dass mein eigenes Bild nicht im Internet zu finden ist. Du kannst das Bild von Rubens anschauen, oder du kannst meine Kopie anschauen. Aber du sollst nicht beide nebeneinander stellen. Einer von uns beiden, Rubens oder ich, einer müsste definitiv enttäuscht sein. Denn: The winner takes it all ... Doch für sich allein sieht mein Bild ganz passabel aus. Und ich habe viel dabei gelernt, als ich es gemalt habe.


Es freut mich, dass Du unseren Bichsel kennst. Vor etwa 20 Jahren habe ich in einem Ort in der Nähe von Solothurn gewohnt, wo Bichsel lebt und wo er täglich in den Wirtschaften (dh Pubs und Restaurants) zu finden ist. Bichsel ist ein literarischer Minimalist. Er schreibt sehr wenig in banal erscheinenden, einfachen Sätzen, so dass sie für Kinder geschrieben scheinen. Ich kann mich erinnern, dass ich als Student – um Geld zu verdienen – in einer Sekundarschule als Lehrer-Stellvertreter gearbeitet habe. Es war das erste und letzte mal, dass ich als Lehrer gearbeitet hatte. Und es waren bloss 2 Wochen. Weil ich diesen 12 oder 13jährigen Schülerinnen und Schülern eine Freude machen wollte, habe ich ihnen samstags in der letzten Stunde Bichsels Kindergeschichten vorgelesen. Sie fanden das echt öde und zum Sterben langweilig. Die Geschichten seien eigentlich für den Kindergarten, haben sie sich beschwert. Und so habe ich es mit einer oder zwei Geschichten bewenden lassen. Viel lieber hatten sie dann, wenn wir „Montagsmaler" spielten. Das Spiel kannten sie alle aus dem Fernsehen. Man teilte dafür die Klasse in zwei Parteien. Je ein Spieler stand an der Tafel und bekam von mir einen Begriff, der auf einer Karte geschrieben stand und den nur er sehen konnte. So schnell wie möglich musste er den Begriff (zB Sommernachtstraum oder Gutenachtgeschichte etc.)irgendwie an die Tafel zeichnen und seine Gruppe musste den Begriff so rasch als möglich erraten. Gewonnen hatte schliesslich die Partei, die zuerst alle Begriffe gefunden hatte. Das Spiel war sehr laut. Es war ein Hallo und ein Geschrei, das musst du dir vorstellen. Das ganze Schulhaus hat gewackelt und ich habe darauf gewartet, dass jeden Moment einer hereintreten würde, um zu reklamieren. Aber es kam keiner und das Schulhaus hat noch mehr gewackelt, bis ich die Schüler um 12 Uhr endlich springen lassen konnte. Und so kehrte endlich wieder Ruhe ein in diesem Schulhaus am oberen Zürichsee.

Ich war damals sehr begeistert von Bichsels Kindergeschichten. Aber sie sind – wie du anklingen lässt – etwas tragische Geschichten. Am lustigsten finde ich die von dem Abenteurer, der rund um die Welt gehen will und dazu eine ganze Armee inklusive eine Armada mit transportieren muss. Bichsel verschafft uns mit seinen einfachen Beschreibungssätzen erstaunliche Einsichten. Er ist, das weißt du sicherlich, früher einmal Lehrer gewesen. Und er habe die Schule nicht sonderlich geliebt, sagt er heute noch jedem, der es hören will. Ich glaube kaum, dass er Eurer pedagogars sällskap beitreten würde.

Wir Schweizer hatten in der letzten Generation drei grosse Schriftsteller: Max Frisch, der Psychologe; Friedrich Dürrenmatt, der Metaphysiker; Peter Bichsel, der Alltagspragmatiker. So würde ich die drei charakterisieren. Bichsel ist der jüngste der dreien und lebt noch. Dürrenmatt finde ich den bedeutendsten, er ist voller komödiantischer Spitzbüberei. Manchmal sind mir seine Theater wie Cabaret-Szenen vorgekommen. Als ich noch ins Gymnasium ging, hat man „Romulus der Grosse" als Studententheater aufgeführt. Ich war damals im Schülerchor, der vor der Aufführung zu singen hatte. Und so habe ich dieses Theater von Dürrenmatt etwa 5 oder 6 mal gesehen. Dürrenmatt hat in allen seinen Themen versucht, den worst-case durchzuspielen. Er war eine richtige Spielernatur, ein Gambler im Spiel des Lebens. Kürzlich hat man in einem Haus in Bern, im Dachzimmer, Malereien von ihm gefunden, die er dort als Student gemalt hatte. Der junge Friedrich hat all die Tapeten vollgemalt bis hinein die Dachschräge. Diese Malerei ist vielleicht nicht hohe Kunst, aber sie ist doch recht ausdrucksstark und dekorativ. Ja, unser guter Dürrenmatt. Er hat auch später noch gemalt und manchmal eindrückliche Werke zustande gebracht. Er hat von sich gesagt „ich male wie ein Kind, aber ich denke dabei nicht wie ein Kind". Und das traf den Nagel auf den Kopf. Wir vermissen ihn etwas, unseren Dürrenmatt, und Max Frisch auch.

Schön, von Dir italienisch zu hören. Hast du von Deiner Tochter gelernt, nicht wahr? Dazu kann ich Dir erzählen, dass meine Mutter sehr gut italienisch spricht, denn sie wurde in Florenz geboren. Das ist allerdings meine Stiefmutter, denn meine leibliche Mutter ist schon gestorben, als ich etwa 11 Jahre war. Der Vater meiner Stiefmutter war in Florenz Lehrer an der Schweizerschule. Sie hatten dort unten natürlich riesige Räume und meine Mutter hatte immer noch diese riesigen Möbel, die man in modernen Wohnungen kaum unterbringen konnte. An der Unterleiste des Esstisches gab es noch eine Klingel, die man einstmals drücken konnte, um die Küche zu informieren, dass sie jetzt das Essen auftragen sollten. Meine Stiefmutter hat uns viel italienische Kultur gezeigt und oft auch italienisch gekocht, was früher in der Schweiz noch nicht so üblich war.

Soweit sogut, Marlena, ich muss langsam schliessen.

Your overlaping life grüsst Dich herzlich

...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen