Sonntag, 31. Januar 2010

Kästner und Rinser

Lieber ...
Ich war eigentlich etwas erstaunt als ich sah dass Erich Kästner die Geschichte von dem schweigsamen Fräulein geschrieben hatte. (Sie steht in einer kleinen schon veralterten Anthologie, zusammengestellt für das Gymnasium). Eine andere kleine Geschichte aus demselben Buch ist "Ein alter Mann stirbt" von Luise Rinser. Sie ist traurig und schön und zeigt wie kompliziert das Verhältnis zwischen Eheleuten sein kann. Sie endet mit den Worten:
"Altersschwäche", schrieb der Arzt auf den Totenschein. Ich aber begriff, woran sie gestorben war, und mich schauderte davor, zu sehen, was für unheimliche Formen die Liebe annehmen kann."
Damit wäre ich wieder ganz unwillkürlich bei meinem Lieblingsthema gelandet ;-)
---
Heute werde ich einen stillen Abend im Kreis der Familie verbringen. Das wäre fast unmöglich gewesen bei meinen Eltern... Immer war etwas los und das Haus voller Gäste wenn wir nicht selbst wo eingeladen waren. Mein Onkel liebte es Menschen um sich zu haben, je origineller desto besser. Schauspieler, Sänger, Künstler und Weltenbummler ohne eigentlichen Beruf mengten sich zu unseren nahen Freunden. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen bis in die späte Nacht. Ich hatte an solchen Abenden oft eine Kusine in meinem alter zu Besuch und wir schlichen leise die Treppe hinunter um einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der Erwachsenen zu bekommen.

folie à deux

Mein schweigsames Fräulein !
Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf
gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat
vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu
kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?
....
Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte
Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern
du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen,
stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann
alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich
alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für
vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame
Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und
die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens;
die Kunst als die Lebensarbeit.
Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der
Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder
meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie
sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder
sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche
Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der
Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie
sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen
wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe
ich schon immer vermutet. Aber...

(Thu, 16 Mar 2000)

"Das schweigsame Fräulein"

Subject: Besser spät ...
00:36:34
Lieber ...!
Heute früh, auf dem Weg zur Arbeit, spürte ich es deutlich. Ein ganz
besonderes Licht, die Farbe des Himmels und die Bäume, immer noch
Silhouetten, aber nun schon mit einem leichten lila Schimmer in den
Kronen, deuten es an: Der Frühling ist unterwegs. Ich mag diese Zeit
so sehr, diese Vorahnung von dem Schönen, das bald kommen wird.
Noch weiss ich dass es eine Zeit dauern wird bevor es soweit ist aber
dann kommt plötzlich der Augenblick wo ich alles aufhalten möchte...
noch eine Weile warten ...

Es ist so auch in dem Text von Erich Kästner den ich dir sandte. Ich
möchte nicht dass das Bild fertig wird, ich möchte noch keine
Gardinen... ich möchte den Mann weiter erzählen hören denn ich
ahne was er damit meint und es ist schön ihm zuzuhören :-)

Eigentlich habe ich es dir aus keinem besonderen Grund geschickt
(glaube ich). Aber unser Mailen hat mich an diese kleine Geschichte
erinnert.. vielleicht weil er immer viel mehr sagt als sie ;-)
----
Heute wollte ich eigentlich ein längeres Mail schreiben.. aber es
kommt nächstes Mal.
Ich kann es nicht sein lassen. Schicke dir noch ein Gedicht von Rilke.
Dieses kennst du ganz bestimmt, aber vielleicht hast du es lange nicht
mehr gelesen.

LIEBESLIED
(Capri 1907)
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich
der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süsses Lied.

Ich wünsche dir eine gute Nacht (oder einen schönen Tag)
Marlena
(Fri, 17 Mar 2000)

Samstag, 30. Januar 2010

Ti voglio bene

Liebe Marlena
Ja, meine Liebste, du schickst mir soviele Mails, dass ich gar nicht
weiss, wohin damit. Und alles in letzter Minute. Und wenn dann
meine Fragen hochkommen, dann bist du schon weg.
Aber es ist schön, von Dir zu hören. Und wenn ich die Bilder
anschaue, dann kann ich ein bisschen ahnen, was Euch jedes Jahr
dort hinaufzieht. Das hübsche und gemütliche Holzhaus, und die
parkähnliche Umgebung und all diese Natur und diese Freiheit.
Und wenn ich die Männer sehe mit der Fischbeute, so kann ich
auch ahnen, dass hier ein uraltes Wissen und eine fundamentale
Existenzweise, nämlich die des Jägers, die bis heute überlebt hat,
in modernen Menschen wieder hochkommt. Und das ist sicherlich
eine Art Abenteuertum und ein Gefühl, mit der Natur und mit einem
tiefen menschlichen Ursprung in Kontakt zu sein.
Es erinnert mich an meine Schulkollegen im Wallis, die sich zum
Bergsteigen hingezogen fühlten. Auch in dieser Tätigkeit habe ich
immer eine Sehnsucht nach der Natur und der Urgewalt der
erhabenen Berge gesehen. Einer meiner Freunde ist auch ein
Jäger. Sie jagen vor allem Gemsen in den Bergen. Das ist alles sehr
urtümlich, und ich weiss, dass bodenständige Männer in sowas wie
vernarrt sind.
Ich selbst habe nie eine so starke Beziehung dazu gefunden. Unsere
Familie hat ja immer mehr in der Stadt oder in Ortschaften gelebt.
Ich bin aufgewachsen wie Marcel Proust, sozusagen. Kannst du ihn
dir vorstellen als Lachs-Fischer, Marcel Proust? Nein, er hätte vorher
einen Hustenanfall. Allenfalls würde er einen Goldfisch aus dem
Aquarium fischen, aber auch das ist nicht sicher. Aber goldig müsste
er schon sein, sein Fisch.
*
(Fri, 07 Jul 2000)

Rätsel und Küsschen

Es gibt natürlich noch viele Rätsel, die dich umranken, meine liebe
Marlena. Beispielsweise ist völlig unklar, wie du in diesen Chat
geraten konntest. Wie kommt eine Schwedin aus Stockholm in dieses
robuste, schweizerische Netz? Ich konnte es damals gar nicht glauben,
dass hier auch eine Schwedin herum spaziert. Irgendwie habe ich dies
im "all" mitgehört. Und da habe ich mich mit einem zünftigen
Hechtsprung, wie ich ihn höchstens alle 10 bis 15 Jahre einmal mache,
habe ich mich auf diese Marlena gestürzt. Und siehe da, sie war eine
Studienrätin! So kann das Leben einem spielen! Eine schwedische
Studienrätin im ... zu treffen, das ist etwa so, wie wenn du Lady D im
Zürcher Niederdorf triffst, oder in der Basler Rheingasse meinetwegen
(die Rotlichtmilieus der beiden Städte). Das ist sowas von selten, als
wie den Nobelpreis zu gewinnen, wenn du verstehst, was ich meine?
Du bist sozusagen mein Nobelpreischen, meine geistige Schwester,
meine Mausfreundin! Da komme ich ganz automatisch und ohne
Anstrengung zu den Küsschen.
Bei uns hat sich eingebürgert, oft zu küssen. Das kommt von der
Romandie her, sagt man. Und in der Romandie sagt man, das kommt
von Frankreich her. Und die Franzosen sagen, das kommt vom
französischen Hof. Und der französische Hof gibt Auskunft und sagt,
bei ihnen hatte man das Subventionsgesuch dem König ins rechte Ohr
zu flüstern, und der König hat dann dem Gesuchsteller die Bewilligung
ins rechte Ohr zurückgflüstert. Es sah aus wie Küsschen links und
Küsschen rechts. Aber es war in Wirklichkeit nacktes Verhandeln und
ein beinhartes Geschäft. Ihr Schweden treibt es nüchtern und ihr sagt
"hej". Das klingt wie eine Volvo-Reklame!!! (mein Vater war früher ein
überzeugter Volvo-Fahrer, er hat immer diese riesigen und robusten
Dinger gekauft, in denen man sich von Blech beschützt so sicher fühlte
wie in einem deutschen Leopard; und es gab doch mal - vielleicht in
den 70er Jahren ? - eine Reklame, wo eine tiefe Vikingerstimme
röhrte "Heja Volvo" nicht wahr?). Ihr begrüsst euch also in Schweden
und macht gleichzeitig Volvo-Reklame? Das finde ich echt patriotisch
und oekonomiebewusst. Ihr seid wirklich eine intelligente Nation.
...

Lieber ...,


Wieder ein Tag vorüber.. und wenn ich nachdenke, was ich damit tun
wollte und vergleiche mit dem, was ich getan habe.. Na ja, das
Ergebnis kann ich dir garnicht verraten. Du bist ein so strenger
Mensch geworden. :-)
Jedenfalls kam Siv hier an kurz nach ein Uhr. Sie brachte diesmal den
Lunch mit. Den üblichen: kleine Minipizzas, die in ein paar Minuten
im Ofen aufgewärmt sind. Ich hatte schon einen Salat dazu bereit.
Und dann hätten wir wohl fleissig lernen sollen. Aber ich hatte
gestern am Telefon erfahren, dass unsere Buchhandlung nicht das
Wörterbuch hatte, das ich neulich woanders gesehen hatte, aber
dann hier kaufen wollte, um eben diese wunderbare kleine
Buchhandlung zu unterstützen.
Der Buchhändler wollte es bestellen, aber es zeigte sich, dass es auch
im Verlag nicht mehr zu haben war. Und so habe ich Siv mitgelockt
nach .. um dasjenige zu kaufen, das ich dort gesehen hatte. (Wenn
ich so weiter schreibe könnte doch eigentlich etwas Proustähnliches
dabei herauskommen, oder was meinst du?) *s* Ach, eigentlich habe
ich ja nicht Proust gelesen aber ich stelle mir vor, dass er in einem so
dicken Buch sehr viel über nichts sagt.
Also habe ich das Buch heimgeführt, wie eine Trophäe, mit dem
Gedanken, dass ich das allerletzte im ganzen Land ergattert hätte.
Ein herrliches Gefühl!
----
Ich lache immer noch über deine acht Finger.. Ich würde mich kaum
trauen meine Hände in den Mund zu stecken. Jemand kann doch was
gefährliches reingelegt haben. Einen Scorpion oder so..
Trotz deiner acht Finger, habe ich wohl die Hoffnung aufgegeben ein
Beauvoir-Sartre-verhältnis mit dir zu haben. Ich meine ein solches, wo
man total offen über alles sprechen kann. Doch vielleicht sind wir
auch etwas zu englisch für so was.

Sende dir nochmals ein Bild von dem Mund.. Japaner! Ich mag sie.
Ihre Begeisterung lässt auch uns wieder das Schöne, das uns umgibt,
entdecken.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MlG,
Malou

bocca della vérità und Kirchen in Rom

Liebe Malou
Hei, das ist ja eine wahre Flut von Mails und schönen Gedanken!
Am meisten habe ich mich ergözt mit der Vorstellung, dass ich mit
Dir vor der bocca della verità stehe. Sicherlich würde ich ein bisschen
bleich werden ob all Deiner Fragen. Und dann musst Du wissen,
dass dort immer viele Leute herumstehen, um sich auch dem
Lügendetektor zu unterziehen. Man ist also nicht unter sich mit
seinen Fragen, sondern einem kritischen römischen Publikum
ausgesetzt. Und dann stelle ich vor, wie ich nach all Deinen heikeln
und kritischen und detektivischen Fragen meine Hand herausziehe
... und, siehe da, mit 8 Fingern dran!!

Wie meinst Du, hat Cäsar seine Mosaikböden mitgeschleppt? Die sind
doch nicht transportabel!

Und das Bild von der Via del Cappulari ist hübsch. Es ist erstaunlich,
wie die Leute damals malen konnten. Heute kann das niemand mehr.
Aber damals haben sie noch mit der Fotographie gewetteifert. Und
dazu das mechanische Bild überboten, was die Bildstimmung betrifft.

Ich werde mal sehen, wo ich meine betende Nonne finde. Ich weiss
auch nicht mehr genau, wo ich das Bild aufgenommen habe. Es war
in irgend einer Seitenkapelle einer Kirche. Ich habe eine Vermutung.
Mehr ist es aber nicht. Es gibt soviele Kirchen. Kürzlich habe ich
einen einfachen Stadtplan Roms gesehen. Und überall, wo eine Kirche
steht, ist das auf dem Plan mit einem Symbol markiert. Mann kann
es sich kaum vorstellen. Es gibt den Eindruck, dass du überall im
Zentrum Roms innert 500 m eine Kirche erreichen kannst. Es gibt
soviele Kirchen wie Bushaltestellen, hat man den Eindruck. Das ist
wirklich phänomenal. Aber es ist im Sommer auch sehr bequem,
wenn man alle 500m in einen kühlen, grossen und dunkeln Raum
eintreten kann, um sich wieder auf Normaltemperatur herunter zu
kühlen. Da ist der liebe Gott doch wierklich sehr mildtätig.
(17 February 2005)

"Du und ich in Rom"


Lieber ...,
Vielleicht ist es so wie du sagst. Die Vögel haben es sich überlegt
und kehren nochmals in den Süden zurück. Die Wetterprognose bei
uns sagt, dass wir Ende dieser Woche bis zu -25 grad haben werden in
Südschweden. Gerade jetzt schaut endlich wieder einmal die Sonne
heraus. Sonne auf Schnee, das mag ich besonders.
Gestern war ich in der Bibliothek und habe nach ein paar Büchern
über New York geschaut. Ich habe auch eins gefunden, was nicht
nur ein gewöhnlicher Reiseführer ist, sondern etwas persönlicher
geschrieben ist. Der Verfasser heisst Zac O'Yeah. Ich glaube es wird
K einige gute Tips geben können. Nebenbei gesagt, K geniesst das
Buch von Dylan sehr. Vielleicht solltest du das auch lesen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich habe auch eine wunderschöne
persönliche Reiseschilderung über Rom gefunden mit dem Titel
"Du und ich in Rom", von Sigge Hommerberg geschrieben. Es ist
ein Buch für Leute, die eine Romreise planen, die gerade dort
gewesen sind, oder die sich dorthin sehnen. Vielleicht gehöre ich
in alle drei Kategorien. Einmal möchte ich dorthin fahren, mit dir
bin ich (leider nur in Gedanken) dort gewesen, und schliesslich
meine lebenslängliche Sehnsucht nach dieser Stadt.
Sigge Holmberg besitzt gute kunsthistorische und auch
archeologische Kenntnisse. Ausserdem ist er sehr gastronomisch
interessiert. Das Buch gibt praktische Tips nicht zuletzt über Essen
und Wein. Zwanzig Spaziergänge unter Führung mit Kartenskizzen
zu jedem Kapitel. Und schliesslich ein kleines Nachschlagewerk
über andere Sehenswürdigkeiten und die Adressen zu den beliebtesten
Restaurants und Trattorien des Schriftstellers.
Was sagst du dazu? Ich wünsche das Buch wäre in andere Sprachen
übersetzt. Muss mal bei google nachsehen, ob es so ist. Und weisst
du, das DU in dem Titel des Buches bist immer noch du.
Klar musst du nochmals dorthin. Hast doch den Vatikan verpasst.
Ich würde so gern auf Entdeckungsfahrt gehen mit dir in dieser
romantischen Stadt. Deine vorige Reise war doch nur eine
Rekognozierungsreise, um die Zeit dannspäter besser ausnützen
zu können. ;-)
Ich schicke dir ein kleines Bild mit aus dem Buch, ein Aquarell von
Franz Roesler, vor mehr als hundert Jahren gemalt. Es zeigt die Via
dei Cappelari (Strasse der Hutmacher). Und es sagt, so ungefähr sieht
es heute noch aus. Sogar die Wäsche hängt noch dort. ;-)

Ich sehe gerade, dass du mir einen Artikel geschickt hast. Bin
neugierig darauf. Ja, Gunnar Ekelöf ist einer unserer grossen Dichter.
So lasse dich einen Moment.
Wünsche dir einen schönen Tag noch,
MlGuK
Malou
(16 February 2005)

Eifersucht und Buchfinken

Liebe Malou,
---
Wahrscheinlich ist die Eifersucht der Frauen genetisch
programmiert. Mindestens ist das doch eine ganz gute
Erklärung, viele Komplikationen des Lebens zu erklären.
Man kann doch sagen, dass es Aufgabe einer guten Mutter
ist, ihr Nest zu beschützen und die Versorgung und den
Schutz durch das Männchen zu sichern. Deshalb sucht sie
sich einen starken und gesunden Mann, sozusagen einen
athletischen Jäger. Und sie setzt auch alles in Gang, ihn nicht
wieder zu verlieren. Das sind die besten Aufwachsbedingungen
für die Jungtiere, die sie schaffen kann.

Ich sollte mir wirklich mal ein Buch in Soziobiologie anschaffen.
Dort kann man solche Hypothesen nachlesen, die - wenn vielleicht
auch nicht immer zutreffend - doch manchmal sehr lustig und
fantasievoll sind.
---
Jetzt sehe ich wieder die Buchfinkenschwärme am milchigen
Morgenhimmel. Sie sind immer noch unterwegs. Die Polizei
hat die Autofahrer gewarnt, damit sie vorsichtig sind und die
vielen Tiere nicht achtlos überfahren.Offenbar kennen sich die
Vögel mit Autoverkehr schlecht aus. Haben wahrscheinlich nie
etwas von einem Zebrastreifen gehört!! Und so setzten sie sich
auf die Strasse und bleiben hocken, auch wenn Fahrzeuge
herannahen. Ich glaube, ich habe Dir berichtet. Man sagt, man
soll die Hupe betätigen. Soviel scheinen die Vögel zu begreifen.
(24 February 2005)

Freitag, 29. Januar 2010

Ansicht des Papas


Liebe Malou
Vielleicht ist das schlimmste an der Ansicht des Papas der Bildschirm.
Vielleicht hat der alte Mann immer noch unendliche Glücksgefühle,
wenn er vor dem Petersdom vor aller Welt eine Messe feiern kann
und wenn ihm links und rechts jede Handreichung geboten wird.
Vielleicht fühlt sich das an, wie in dem Moment, da ein Greis seine
alte Geliebte küsst.
Ach, ich weiss es nicht. Es gab in der Schweiz grosse Diskussionen,
weil ein Theologe aus Basel gefordert hatte, der Papst sollte doch
zurücktreten. Er hatte damit die halbe katholische Kirche schweizweit
gegen sich aufgebracht und man warf ihm vor, ein Verräter zu sein.
Zu Zeiten der Inquisition wäre er bestimmt geköpft worden.
Mir war lange nicht ganz klar, weshalb sein Vorschlag so schlimm sein
sollte. Offenbar könnte ein Papst theoretisch zurücktreten. Aber wenn
er das tut, dann ist das Papsttum bloss mehr ein Amt, und nicht
sozusagen die Inkarnation der Stellvertretung Petri. Na, so ungefähr
würde ich mir das vorstellen als Semi-Katholik.
Damals, als in der Schweiz soviel über diese Frage geredet worden
war, gab es auch eine Fernsehdiskussion. Und ich war erstaunt,
wie sehr die zwei jungen Leute (sie kamen aus der katholischen
Innerschweiz, woher auch die Gardisten zu kommen pflegen) den
Papst unterstützten und argumentierten, dass er der ganzen Welt
zeige, wie das Alter eine Realität sei und wie man im Leben auch
Leiden auf sich nehmen sollte. Sie haben den Papst unterstützt
und nicht befürwortet, dass er zurücktrete.
Aber auf dem wunderbaren Petersplatz wirkt das alles halb so
schlimm. Es sieht einfach alles grandios aus bei Sonnenschein
und bei Menschenmassen aus der ganzen Welt. Es ist wirklich
ein friedlicher Moment, hatte ich den Eindruck, natürlich eine
Mischung zwischen Kultur und Folklore.
Was mir auch immer wieder ins Auge sticht, sind die grossen Bilder,
die man oben an St. Peter aufgehängt hatte. Das ist für Protestanten
vielleicht das Allerfremdeste. Dieser gewisse Personenkult bis hin zu
Selig- oder Heiligsprechungen, das können die Reformierten nicht
verstehen.

Urbi et orbi

Datum : Wed, 26 Dec 2001 13:14:30 +0000
Liebe Marlena
Beinahe habe ich bei Euch mitgegessen. Vom Schinken habe ich
bestimmt mehrmals gekostet, und die Haut, deren Produktion
Du so detailliert beschrieben hast, esse ich bestimmt fürs Leben
gern. Und nachher einen Malteser Reis, der die restlichen
Luftlöcher im Magen endgültig schliesst. Ach ja, und dies dopp i
grytan, kann ich mir auf der Zunge wirklich sehr plastisch vorstellen.
Muss in der Kälte, die Ihr habt, wie Götterspeise munden.
Aber dass Ihr mit Heringen und Schnaps vorher Préludes spielt, das
hatte ich nicht erwartet. Das ganze klingt ziemlich opulent. Zum
Schluss des Essens ist man, wie ich vermute, ziemlich geschafft?
*
Ja, das schwedische Haus zur Weihnachtszeit hast Du mir
stimmungsvoll geschildert. Das Licht ist nicht heimlich (das Wort
kommt von "geheim" = secret) sondern heimelig. Vielleicht ist
das schon beinahe Umgangssprache. Aber ich kann mir das alles
ziemlich gut vorstellen. Es ist besonders eindrücklich, wenn man
von der Winterkälte draussen in die Fenster hineinschaut. Das
erinnert mich an meinen Militärdienst. Auf Märschen und
Verschiebungen habe ich abends, in der Dämmerung, stets in
die Häuser hineingeschaut und habe mich in Sehnsucht nach
dieser heimeligen und warmen Atmosphäre verzehrt. Ich habe
die Menschen wirklich mit all meinen Fasern benieden, die im
gemächlichen zivilen Leben sich frei in einer gemütlichen
Wohnung bewegen konnten, während ich hier schwitzend
oder frierend mit meinen Soldaten unterwegs war. Aber es
war - alles in allem - doch eine ziemlich nützliche Erfahrung.
*
Den Papa habe ich im TV nur kurz gesehen. Er hat auf Deutsch
die Weihnachtsgrüsse Urbi et Orbi ins Mikrophon gehaucht.
Und alles hat sich angehört wie bei mittlerer Trunkenheit.
Entschuldige mich, ich bin grässlich. Aber seine Sprache ist
wirklich sehr verwaschen. Aber lustig war, dass ich in jenem
Moment dachte, dass Du zur gleichen Zeit ihn auch sehen
würdest. Ich musste schmunzeln. Den choreographischen
Trick, den Du beschreibst, finde ich gut und elegant. Meine
Sorge betraf nicht so sehr seine Lektüre, sondern ich habe
mir überlegt, ob er denn wirklich genügend warm angezogen
ist, um die beissende Kälte auf der Arkade vor St. Peter zu
ertragen. Wahrscheinlich haben sie ihn mit Infrarotstrahlern
nur so eingekesselt.
*
Ja, unser Onkelchen ist ein grosser Diplomat. Das merke ich
immer wieder. Ich kenne das bei Männern hier sonst nicht sehr.
Onkelchen beweist immer wieder, dass der soziale Kontakt eine
Realität eigener Würde ist. Die Geselligkeit ist eine Kunst, deren
Bedeutung die pure und sachliche Wahrheit in vielen Aspekten
bei weitem übersteigt. Es ist eine Art Respekt für die Menschen,
der jenem für die Dinge vorgeht. Das kann ich manchmal sehr
gut und manchmal sehr schlecht.
*
Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, ...

Ungekürzt

Datum : Wed, 26 Dec 2001 00:13:55 +0000
Lieber...,
Es ist der 25. und eigentlich ist der "grosse" Weihnachtag schon vorüber. Wenn ich Gäste habe an diesem Tag mache ich normalerweise einen Truthahn der mit Blaukraut und vielen anderen Zutaten serviert wird. Und als Nachtisch kommt dann noch Ris à la Malta. Kennst du es? Reis mit Apfelsinenstücken vermischt und dann viel Schlagsahne mit Vanillezucker gesüsst. Oh, es schmeckt ganz einfach herrlich! Aber ich gebe zu, man könnte es nicht jeden Tag essen sonst würde man bald mit einem "amerikanischen Hintern" durch die Gegend wandern.
Diesmal hatten wir keine Gäste und so kann man es ein bisschen nach seinem eigenen Kopf machen. Das was niemand besonders mag lässt man weg und konzentriert sich auf solches was einem besonders gut schmeckt (Rosenkohl u.a.). Und der Schinken ist die Hauptsache. Wir machen immer "dopp i grytan" wie es sich gehört. :-) . Man nimmt tunnbröd (eine Art ganz dünnes knäckebrot) und lässt die Scheiben eine Weile in Schinkenbrühe weich werden. Es schmeckt ganz wunderbar und man isst es so nur am Weihnachtsabend. Vorher gibt es natürlich verschiedene Sorten von eingelegten Heeringen, dazu Schnaps.

Heute war ein schöner fauler Ruhetag. Anna ist im Moment in einen Krimi von Mankell vertieft. Sie meint die Sprache ist nicht besonders gut aber die Handlung ist sehr spannend. K sieht einen Film und auch ich mache was mir am meisten Spass macht.

Ein schwedisches Haus in der Weihnachtszeit ist wirklich ein Genuss fürs Auge. Alles geht in rot und verbreitet ein warmes heimliches Licht. Auch draussen ist es schön.Wenn ich zum Fenster hinaus schau, sehe ich tiefen Schnee. .ganz weich sieht er aus. Ich kann mich nicht erinnern wann wir das vorige mal so schöne weisse Weihnachten hatten. Und im Fernsehen gab es so viel heute zu sehen dass es einem schwer fällt zu wählen. U.a. zeigte man einen Dokumentarfilm "Astrid Lindgren in Småland" in dem sie selbst von ihrem Leben erzählt. Man zeigt die Stellen wo sie aufgewachsen ist und bekommt den Hintergrund zu vielen von ihren Erzählungen. Ich wünsche sehr dass man diesen Film auch in anderen Ländern zeigen würde denn es zeigt eine idyllische Welt (für Ausländer sicher sehr exotisch) die man heute nur selten findet. Aber sie existiert, wenn auch für die meisten nur als ein schöner Traum in ihrem Herzen.
Dann sah ich auch "Last night of the Proms" von Albert Hall. Es war das Programm das vier Tage nach dem Attentat in Amerika stattfand und unterschied sich sehr von dem gewohnten.. aber es war sehr sehenswert.
Übrigens habe ich heute Nacht die Messe von Rom gesehen und es war eine gute humane Choreographie. Immer wenn der Papst eine Weile gesprochen hatte ersetzte man seine Stimme mit der eines einheimischen Speakers. Ich denke man hat in allen Ländern dasselbe getan
*
Gestern Abend bin ich noch einmal ins Internet gegangen und habe dabei deinen schönen langen Brief gefunden. Es war eine wirkliche Überraschung und ich lüge nicht wenn ich sage dass es mein bestes Weihnachtsgeschenk war in diesem Jahr 2001. Und der Absender deiner Karte war auch überraschend.. ich hätte übrigens dieselbe gewählt.. :-)
*
Du erzählst so schön von deinem Onkelchen und es erinnert mich sehr an meinen lieben Schwiegervater. Auch er hörte im hohen Alter nicht mehr gut (er war ja auch fast 90) und hatte einen Hörapparat. Und wenn ich nachmittags von der Arbeit nach Hause kam drehte er ihn an. Es fiel ihm immer etwas schwer denn seine Finger waren steif und die Dinger sind ja nicht leicht zu hantieren. Und Anna, die noch ganz klein war, vielleicht drei Jahre alt, machte eine köstliche Zeichnung von ihm wo sie gerade diese Geste festgehalten hat. Wir mussten sehr lachen. . Manchmal machte er etwas falsch und es piepste ganz schrecklich sodass wir uns die Ohren zuhalten mussten
Du hast es wirklich ganz wunderbar beschrieben .. genau so war es. Ich erinnere mich wenn wir uns beim Essen gegenüber sassen und unterhielten.. ich musste sehr laut sprechen, fast schreien.. und es tat mir sehr leid denn man kann nicht lieb mit jemanden sprechen wenn man schreien muss. Und manchmal wenn er wirklich nicht hörte was ich sagte griff ich zu Papier und Bleistift und schob ihm den Zettel zu. Dann lachte er verlegen und sah mich etwas spitzbübisch an.. ich sehe noch genau sein Gesicht vor mir. Und es ist ein wenig verrückt aber ich glaube die Erinnerung an ihn ist was mich am meisten mit K verbindet. Aber vielleicht sind wir alle Gefangene unserer Vergangenheit.
Übrigens frage ich mich ob dein Onkelchen nicht ein guter Diplomat ist. Vielleicht waren es doch Kartoffeln... oder Reis.. :-)
*
Ich habe auch gelacht über deine Reaktion auf die geplante OFFENHEIT.. Es ist schön dass du mitmachst.. aber Vorsicht ... ;-) Und natürlich bin ich schon sehr gespannt zu erfahren wer du nun wirklich bist..

Ja ..., bald beginnen wir unser drittes Jahr zusammen. Hattest du dir das vorstellen können? Und du hast mein Leben bereichert mit deinen wunderbaren Briefen und bist in dieser Zeit fast ein Teil von mir geworden. ... Es fällt mir nicht leicht zu sagen was ich denke ohne gegen ein paar §§§ zu verstossen. Aber ich muss nichts sagen.. du weißt es schon.

Auch dieses Mail muss ein Ende haben.. und ich mache es rasch,
Mit einem lieben Gruss,
Marlena

Tragische Heldinnen sind bleich..


Liebe Marlena,

... Und das beste daran ist, dass tragische Heldinnen wirklich
bleich sind. Man könnte darüber einen geistreichen Essay schreiben.
Kannst du dir Jeanne d'Arc mollig und mit roten Wangen vorstellen?
Nie im Leben! Oder Medea, die nun wirklich eine sehr tragische
Gestalt ist. Es gibt im Basler Antikenmuseum einen spätrömischen
Sarkophag, wo die tragische Medea auf einer Seite im Halbrelief
dargestellt wird. Die ganze tragische Geschichte, wie sie ihre
Nebenbuhlerin durch vergiftete Kleider hinrichtet und wie sie
schliesslich in einem göttlichen Gefährt entschwebt. Es ist das
schönste Stück im ganzen Museum, und manchmal gehe ich
am Sonntagmorgen dorthin, nur um dieses eine Stück anzuschauen.
Es ist ein ganzes Reliefband, die Länge des Sarkophages, also in ein
einziges Stück Stein gehauen. Und wenn du links zu lesen beginnst,
dann ist zuerst die Hochzeit Iasons mit Gauke, der Tochter des Königs
von Korinth zu sehen. Medea schickt der Nebenbuhlerin ein mit
Zaubermitteln vergiftetes Gewand, das beim Anziehen in Flammen
aufgeht, so das Gauke und Iason, der ihr zu Hilfe eilt, verbrennen.
Um die Rache an dem ungetreuen Gatten zu vollenden, tötet sie auch
ihre beiden Kinder, bevor sie auf ihrem von Drachen gezogenen
Wagen entflieht.
Es gibt auch ein dramatisches Bild von Delacroix im Louvre, wo sie
im Begriffe ist, ihre Kinder zu töten. Ich habe es ziemlich genau in
Erinnerung. Dort schaut sie sehr tragisch die erschrockenen und
vielleicht schockierten Louvre-Besucher an. Es scheint ihr wirklich
ernst zu sein mit ihren Kindern. Und als braver Bürger der Moderne
möchte man intervenieren und ihr das Messer aus der Hand reissen.
Aber das wagt man nicht, denn sie ist kolossal und bleich.
Und bei diesem Sarkophag, wenn du ein paar Schritte zurücktrittst,
siehst du, wie das Band von links nach rechts ziemlich ruhig anfängt.
Es gibt diese vielen Figuren, alle ihre Köpfe auf gleicher Höhe (sie
sind geordnet und deuten eine Menge an, es gibt dafür einen Namen
in der Kunstgeschichte). Und zur Mitte hin wird die Szenerie immer
nervöser und unruhiger. Du hast den Eindruck, der Stein ist
elektrisiert, und dann nach rechts, zum wunderschönen Wagen
Medeas hin, beruhigt sich alles wieder. Es ist wirklich ein
wunderbares Stück. Ich weiss nicht, woher die Basler sowas haben.
Natürlich ist darin der spätgriechische Einfluss sehr sichtbar,
helenistisch heisst das. Es ist also für ein römisches Stück schon
sehr fein, eine Spätentwicklung. Da waren die Römer schon ziemlich
verweichlicht und verzärtelt, hat man den Eindruck. Das ist schon ihr
fin de siecle, ihr langsamer Niedergang nach Augustus.
Wenn du mal nach Basel kommst, würde ich dir dieses Stück zeigen.
Ich hätte noch anderes, aber das würde ich dir zeigen. Es ist einmalig
schön und fast ohne Beschädigungen erhalten.
...

Donnerstag, 28. Januar 2010

Weg eines Mails

Liebe Marlena
Danke Dir für Deinen netten Brief. Deine Briefe freuen mich ebensosehr wie offenbar die meinen Dich. Ich betone es vielleicht nicht so oft, aber ich schätze Deine Notizen und Lebenszeichen sehr, auch wenn Du Dir die Zeit manchmal stehlen musst ...
Ich muss es auch, dh die Zeit stehlen, aber ich verstehe es wie eine Erholung, eine Abwechslung, um meinen Gedanken für ein paar Minuten freien Lauf zu lassen, wie man ab und zu mit dem Hund hinaus muss, damit er sich etwas austoben kann. Und dann laufen meine Gedanken, diese langbeinigen Fantasien, bis hinauf in den hohen Norden. Man muss sich einmal einen solchen Internet-Gedanken vorstellen. Er bleibt nicht einmal ganz und an einem Stück. Im Internet wird er zerkleinert und gehackt wie eine frische Zwiebel – so dass mir die Tränen kommen könnten – und dann als winzig kleines Zwiebelstücklein einzeln auf den Weg geschickt. Eines von ihnen läuft geradewegs rheinaufwärts bis etwa Mainz und Wiesbaden (wo sie zur Zeit mit ihrem Karneval anfangen), dreht etwas rechts und steuert Hannover in Niedersachsen an, fliegt vielleicht sogar via Bremen und über Schlweswig-Holstein und Dänemark in schwedisches Hoheitsgebiet, um schliesslich nach Stockholm zu gelangen, wo es – wie man hier unten vermutet - doch noch ziemlich kalt sein soll. Doch wieder ein anderes Zwiebelstücklein zieht es vor, via Süden, vielleicht Afrika und Südpol durch die Kabel zu düsen(falls es auf dem Südpol Kabel hat), um Schweden sozusagen von hinten, vom Rücken her zu überraschen. Ein anderes, wahrscheinlich noch neugierigeres, sucht seinen Weg über Amerika und den grossen Pazifik und kommt via Asien, immer etwas nördlich haltend, in Schweden an. Und alle diese kleinen Stücklein versammeln sich – wie die Mitglieder eines Taubenschlages – ziemlich gleichzeitig bei Dir und ordnen sich diszipliniert und ruhig wieder zur alten Zwiebel, so dass Dir die Tränen kommen könnten.
Man höre und staune, diese Zwiebel vermag zweimal Tränen und sicher zweimal an verschiedener Stelle auf dem Globus hervorzulocken. Ist das nicht bemerkenswert? Hast Du Papiernastücher in der Nähe? Ist es nicht wunderschön, über gehackter Zwiebel echte eigene Tränen zu vergiessen?

...

Virus

Sun, 28 May 2000
Meine Marlena
Man spricht im Deutschen vom Wonne-Monat Mai. Ich glaube das ist der Grund für meine schwere Maladi im Moment. Es ist wirklich ein akuter Anfall mit schweren Symptomen, fast ein bisschen Fieber und diese Unruhe und dieses Drängen. Vielleicht ist es eine besonders gefährliche Infektionsform, die ich erwischt habe. Vielleicht ist sie schwer zu heilen. Weiss Gott, vielleicht unheilbar!
Und was macht man als Patient dagegen? Etwa kalte Umschläge und Pfefferminzdrops lutschen? Nein, man fragt seine Geliebte, was man tun soll. Denn sie ist ja eigentlich der Virus. Die Heilung kann nur über den Virus geschehen. Man muss ihn irgendwie neutralisieren, isolieren, vielleicht penizillinisieren (dieses Wort gibt es bestimmt nicht, meine Liebe, also nicht in dein vocabulaire aufnehmen). Man könnte auch zur Ader lassen, wie früher die Bader es machten, die gleichzeitig auch die Haare geschnitten haben sollen. Ein paar Blutegel ansetzen und schon lässt meine maladisierende Kraft nach und bald werde ich dastehen so schwach und saftlos und bleich wie eine tragische Heldin.
*

Persönliches

Lieber M,
"Platonische Zärtlichkeiten"... ein herrliche Wortkombination :-) Hättest du Lust mir diesen Ausdruck näher zu erklären ? ;-)
*
Vielleicht hast du dich gewundert als ich meine Mutter "das schwarze Schaf" der Familie nannte. Und sicher hast du es schlimm gefunden da du nie Fragen dazu gestellt hast.
Nun, es ist so. Mein Vater starb als ich noch klein war und so beschloss meine Mutter eine Stelle im Ausland anzutreten. Es wurde wohl nicht gern gesehen. Ein kleines Kind mit ins Ausland nehmen wo es doch bald die Schule beginnen sollte.
Ich bin sehr froh dass ich die Möglichkeit hatte in einem anderen Milieu aufzuwachsen und es hat mein Leben sicher sehr beeinflusst.
Nach zwei Jahren schickte mich meine Mutter über den Sommer zu ihrer älteren Schwester in Schweden. Und da blieb ich hängen ... Meine Mutter heiratete später einen Deutschen und blieb in Deutschland wo auch mein "Brüderchen" geboren wurde.
Es war nicht leicht für mich. Ich erinnere mich noch wie meine Mutter und ich unter Gelächter versuchten mir schnell das Vaterunser beizubringen damit meine Tante nicht merken sollte dass ich so ganz ohne Religion aufgewachsen war. Schwestern können manchmal sehr verschieden sein, und diese beiden waren grundverschieden. Meine Tante (bei der ich also aufgewachsen bin) war eine Dame von Welt die nie das bohemische Leben meiner Mutter akzeptiert hat und mich es auch wissen liess :-(
Ich könnte lange und viel darüber schreiben aber es würde dich sicher langweilen..
...
Vielleicht habe ich genug geschrieben für heute. Bisher muss ich dir ja ziemlich anonym gewesen sein :-)
Lass bald wieder von dir hören. Deine Briefe sind eine gute Medizin gegen alles..
Herzliche Grüsse
Marlena

Mittwoch, 27. Januar 2010

Stockholm Januar 2000

Lieber ...,
Es war interessant zu lesen was die NZZ über das Holoc.Forum
geschrieben hat. Ich habe so einiges davon gesehen und gehört.
U.a. das was in der Synagoge vorgetragen wurde. Was man auch
über das Forum sagt, so hat es mich tief beeindruckt und ergriffen.
Es ging natürlich um die Vernichtung aber eigentlich handelte es
um die menschliche Natur im allgemeinen und dass wir immer
auf der Wache sein müssen gegen die dunklen Kräfte in uns.

Selbstverständlich versucht unser Staatsminister auch politische
Vorteile daraus zu ziehen. Er hat eine katastrophale Südafrikareise
hinter sich die er so schnell wie möglich aus der Erinnerung
vertreiben möchte.
Es ist wie du sagst: Kein Land in Europa kann mit Heldentaten im
2. Weltkrieg pralen Wir hatten natürlich den F. Bernadotte aber
abgesehen von ihm ... ?

ein Clochard im Internet

Liebe Marlena,
---
Aber du merkst, wie gut respektive schlecht ich mich auf
dem PC und im Internet auskenne. Ich bin wie ein Clochard
in diesem System und lebe unter den Internet-Brücken mehr
oder weniger von den kleinen Resten und Abfällen, die leicht
erreichbar und zugänglich sind. All das Komplizierte und
Weitverzweigte, das Raffinierte und Exquisite kenne ich absolut
noch gar nicht. Das ist eigentlich auch der Grund, warum ich
überhaupt angefangen habe, zu chatten. Ich hatte mir gesagt,
dass alle jungen Leute dieses Internet kennen während ich
davon keine blasse Ahnung habe. „Also, alter Junge, auf und
davon, spring hinein ins kalte Wasser", habe ich mir gesagt.
Und der alte Junge springt ins kalte Wasser und pantscht und
spritzt eine Weile umher, bis er irgendwo und zufällig ein zartes
Bein zu fassen kriegt. Und später, wie er sich am Trockenen das
Wasser aus den Augen wischt, stellt sich heraus, dass an diesem
zarten Bein eine veritable schwedische Studienrätin hängt.

Horoskop und Aberglaube

Date: Tue, 14 Mar 2000 12:37:43 GMT
Mein „armer" Krebs
Das „arm" stammt von dir, nicht von mir, meine liebe Marlena.
Vergiss das nicht.
Wie du, so habe auch ich mich in die Literatur gestürzt und die
Horoskope studiert und analysiert und interpretiert. Wie du so habe
auch ich einige ganz phantastische Erkenntnisse ans Licht befördert.
Wie du, so fange auch ich an, „wissenschaftlich" mit dir zu
korrespondieren. Wir müssen die Sache auf den Punkt bringen.
Es soll endlich Klarheit herrschen. Unsere Tagebücher und
Gute-Nacht-Geschichten sollen allmählich substanziellen Gehalt
und Wahrheit transportieren, nicht bloß subjektive Vermutungen
und individuelle Ahnungen. Und dann wird alles gut werden.

Wie du, so habe auch ich festgestellt, dass wir ein wunderbares
Team wären oder sind (was soll ich jetzt sagen?). Wir würden
eine erfolgreiche Firma abgeben, meine Liebe, es ist wirklich ganz
phantastisch. Krebs und Skorpion passen wirklich so gut zusammen,
eine Idealpaarung geradezu, so dass man uns verbieten muss, dass
wir zufälligerweise zur selben Zeit am selben Ort verkehren, ...
---
Es ist merkwürdig, fast alles, was ich über den Krebs gelesen habe,
habe ich über dich schon irgendwie gewusst, oder geahnt, oder
irgendwie fantasiert. (Nun ja, vielleicht überschätze ich mich
ex post ein bisschen??) Ich hatte von Anfang an den Eindruck,
dass ...
---
Und wir könnten wirklich zusammen eine Internet-Firma
gründen und Kinderbücher produzieren, schwedisch-deutsche Gutenachtgeschichten oder – weiß der Himmel – Rilke-Sonette
oder Postkarten mit platonischen Liebesgrüssen unter die Leute
vertreiben. Du müsstest einfach auf meine Leidenschaft
(sprich Verrücktheit) achtgeben. Darfst mich nicht zu sehr
zwicken oder verletzen, weil ich ja sonst offenbar ...
*
Soweit meine astrologischen Erkenntnisse. Ich habe sie –
gewollt oder ungewollt – etwas ironisch formuliert, weil ich nicht
genau weiß, was ich dabei glauben soll. Mann muss ja nur genug
daran glauben, dann wird es schon stimmen. Kennst du diese
wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den berühmten dänischen
(so glaube ich) Atomphysiker?
Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben
sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das
Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten
bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt,
ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter
an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube??
Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: „Nein, ich selbst
glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es
helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner
Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional
und vielstöckig ist. Sie istwirklich sehr weise und köstlich
zugleich!

Dienstag, 26. Januar 2010

Kafka's Soup

Lieber Mausfreund,
...
Heute habe ich auch von einem neuen Buch gehört:

Kafka's Soup:
A Complete History of World Literature in 14 Recipes
,
das gerade in schwedischer Übersetzung erschienen ist.

Publisher Comments:
I needed a table at Maxim's, a hundred bucks, and a gorgeous blonde; what I had was a leg of lamb and no clues. I took hold of the joint. It felt cold and damp, like a coroner's handshake. I took out a knife and cut the lamb into pieces. Feeling the blade in my hand I sliced an onion, and before I knew what I was doing a carrot lay in pieces on the slab. None of them moved.

—from
"LAMB WITH DILL SAUCE À LA RAYMOND CHANDLER"

Na, du siehst so ungefähr den Stil... und dazu ganz wunderbare Fotos. Denn der Autor ist ein Londoner Fotograf.

Ich glaube ich muss mir dieses Buch besorgen, denn ich bin neugierig geworden, wie man Kafkas Lieblingsspeise beschreiben wird. ;-)

Montag, 25. Januar 2010

Gardisten im Vatican



Habe ich Dir meine schönen Fotos von den Gardisten schon gezeigt?
Die beiden finde ich besonders gelungen. Sie sind auf der Treppe vor
San Pietro aufgenommen. Und - wie man an den Uniformen sieht -
war es auch am Sonntag. Die beiden breiten afrikanischen Hintern
haben mich dazu animiert, von diesem Winkel her zu knipsen. Ich
finde, es gibt einen schönen Eindruck von einer farbenprächtigen
Internationalität.

Rom



Ich habe gestern ein Bild entdeckt, das eigentlich ganz interessant
ist. Es zeigt eine Gruppe Jugendlicher, die mit ihren beliebten
Motorfahrrädern herumhantieren und dabei auch ein bisschen flirten.
Die Szene befand sich in einer engen Gasse, was man auf dem Bild nicht
bemerkt, nahe der Piazza Venezia. An der hübschen Wand ist ein
Marienbild befestigt, als ob die gute Maria beauftragt wäre, die
jungen Leute zu beschützen, mindestens ihnen ihr Wohlwollen
herunterzuschicken. Aber das Interessanteste auf dem Bild sind die
vielen Leitungen, die rund um dieses Bild herum installiert sind. Wer
sowas sieht, der ist nicht erstaunt, dass es ab und zu Wasserbrüche,
elektrische Kurzschlüsse und ähnliche Katastrophen in Italien gibt.
scheint mir alles ein bisschen improvisiert. Chaotismo eben!

Uhrzeiten in Rom

... Auf dem Weg, besonders auf
der Via Merulana hat mich immer wieder erstaunt, wieviele Uhren die
Römer entlang der Strassen aufgestellt haben. Aber jede hatte eine
andere Tageszeigt angezeigt. So musste man annehmen, dass sie Uhren
nicht eigentlich als ein nützliches Instrument, sondern eher als ein
Dekorationsobjekt verstehen. Und wenn eine solche Uhr gerade vor
einem eleganten Geschäft am Rande des Gehsteiges angebracht war,
habe ich mir immer überlegt, dass doch die Leute im Geschäft, die
rundum alles perfekt für die Kunden zuzubereiten trachten, dass sie
sich täglich ärgern müssten ob der falschen Uhrzeit vor ihrem Laden.
Vielleicht ging die eine oder andere Uhr auch richtig. Aber man sollte
sich hüten, daran zu glauben. Bestimmt würde man den Termin verpassen.
---

Samstag, 23. Januar 2010

Chaotismo

---
Habe ich Dir schon erzählt von Victor Willi und der Italianità?
Der ehemalige Korrespondent des Schweizer Radios in Rom hat
wieder referiert in unserem Club. Na ja, vielleicht habe ich Dir
schon erzählt. Er war lustig, obwohl er mittlerweile etwas älter
geworden ist. Und obwohl er praktisch dasselbe erzählt hat wie
letztes Mal vor 6 Jahren, als ich Programmchef war. Und
Höhepunkt seiner Ausführungen ist jeweils, wenn er vom
Chaotismo spricht, von der Liebe der Italiener zum Chaos.
Sie lieben es offenbar, denn es bringt die Menschen zu blühen.
Nur im Chaos kann man wirkliche Grösse, Menschlichkeit und
Mitmenschlichkeit beweisen. Wenn alles rundum funktioniert,
dann verschwindet der Mensch sozusagen von der Bildfläche.
Er wird nicht mehr gebraucht. Aber in Ausnahmesituationen,
im Chaos, da sind Organisationstalent, Flexibilität, Geistesgrössse,
Sympathie für den Mitmenschen, Entschlusskraft und was weiss
ich alles mehr unbezahlbar. Das ist die Kunst der Italiener, den
Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sorgen dafür, dass
nichts funktioniert und alles desorganisiert bleibt. Damit geben
sie dem Menschen eine Chance.
Soweit Willis Theorie des Chaotismo.
*
Und damit muss ich enden.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag, und mir auch.
Mit einem lieben Gruss
...

6) Pippilotti u.a.m

Thu, 20 Dec 08:39:25
Liebe Marlena
Ich bin froh, dass Du bald Deinen Arbeitsstress vor Weihnachten
vorbei hast. Es ist auch hier so. Der Dezember gilt bei uns als
absolute Hochsaison...
------
Wir haben übrigens eine junge Schweizerin, eine Videokünstlerin,
die sich Pippilotti nennt. Gerade hat sie den Kunstpreis der Stadt
Zürich erhalten, jenen Preis, den damals, als ich als junger Student
nach Zurich kam, unter einer fulmianten Rede Dürrenmatts Varlin
entgegen genommen hatte. Und es ist nicht so, dass ihre Eltern sie
so genannt hätten. Ich glaube, sie nannten sie Charlotte, oder Lotti,
wie ich mich aus einem Interview zu erinnern glaube. Aber Pippi
fügte sie selbst hinzu, und man kann annehmen, dass sie dies als
Lebensprogramm verstanden haben will. Im Moment ist sie
schwanger, wie sie eben in jenem Interview sagte, und hat eine
Professur in N.Y. erhalten. ...
----
Wir haben hier Lokalfernsehen eine Moderatorin, ich nehme an,
es ist wohl die einzige, denn der ganze Betrieb ist eher klein. Sie
sieht wohl ziemlich hübsch aus, aber die Interviews, die sie macht,
sind einfach grässlich. Sie hat ihr Konzept im Kopf, liest die Fragen
mehr oder weniger mechanisch ab und erreicht damit nichts als
Geschwätz. Natürlich gibt es einige Leute, die trotzdem gut reden
können und sich in ein feines Licht stellen. Aber vor allem
extravertierte Persönlichkeiten sind meist völlig aus dem Konzept
und nach jeder Passage, in der sie etwas reden und sich anwärmen
können, schlägt die gute Moderatorin mit absoluter Überzeugung wie
mit einem scharfen Beil wieder eine neue Frage ein und unterbricht
den Strom, der ein Gespräch in Gang bringen könnte. Es ist natürlich
viel Unerfahrenheit dabei, aber auch fehlende Sensibilität.
So glaube ich wirklich, dass jenes Interview mit Flusser nicht gut war.
Oft war ja auch unklar, was ist Frage, was ist Antwort. Und vielleicht
ist Flusser ein Mann für Monologe. Das könnte ich mir noch vorstellen.
Was ich von ihm gelesen habe, war er etwas besessen, hatte überigens
in Sao Paulo eine Professur, ohne selbst einen akademischen
Abschluss zu haben. Und er ist sehr lehrerhaft, also altmodisch.
*

5) Flusser immer noch

Tue, 18 Dec 18:05:14
Liebe Marlena
Puh, heute war ein wilder Tag. Ich bin schon frühmorgens nach L
gerast, um dort eine ...
---
Und daneben lese ich immer noch Flusser. Das Interview, das Du
mir in Deiner Frustration herübergeschleudert hast, finde ich nicht
so besonders gut. In einem Interview ist man immer abhängig vom
Niveau des Fragenden. Und das Niveau und die Inspiration ist nicht
bei jedem Menschen gegeben. Vielleicht habe ich auch durch Deine
Reserve etwas mehr Distanz zu Flusser gewonnen. Aber dennoch
finde ich, dass er ziemlich gut argumentiert.
Er ist fantasievoll und in einer gewissen Weise recht dichterisch.
In der Tat, ich habe es schon einmal gesagt, Philosophie ist "starke
Dichtung". Das wird zwar kein Philosoph auf sich sitzen lassen.
Dennoch besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage trifft.
Darauf hast Du noch nicht reagiert, meine liebe Marlena. Rilke
ist Dichtung und Flusser ist Dichtung. Es gibt da nichts, was
grundsätzlich anders wäre, ausser vielleicht das Vokabular. Alle
versuchen sie, der Welt etwas anzudichten.
Und die Welt, geduldig wie sie ist, lässt dies alles geschehen, wie eine
grosse ...

4) Sonntagabendgruss

Flusser.. himself..
Lieber ... ,
Da der Artikel immer noch nicht erschienen ist bei mir (ich hatte
ihn auch an meine Adresse versenden lassen) schicke ich ihn dir
auf diese Weise.
So uninteressant finde ich es wirklich nicht wie du glaubst. Und
Frauen müssen nicht nur "Beeren pflücken". Alle Männer jagen
übrigens auch nicht.

Und hier noch etwas:
Auf derselben Seite im Rilkebuch stand folgendes:

Du bist, der niemals Sonntag hat,
der in die Arbeit eingekehrte,
der sterben könnte überm Schwerte,
das noch nicht glänzend wird und glatt.
Wenn bei uns Mühle steht und Säge
und alle trunken sind und träge,
dann hört man deine Hammerschläge
an allen Glocken in der Stadt.
....
:-)
Ja, ich beginne ein wenig an deiner Existens zu zweifeln.. d.h.
an der Existens des Bildes das ich von dir herumgetragen habe.
Und vielleicht braucht es auch bei mir "blutende Berge" um mich
zu Überzeugen.

War gerade einkaufen. Und was glaubst du, was ich in meiner
Tasche herumtrage? Schokolade.. schweizer Schokolade,
die beste..
Bitte, nimm ein Stück.
Mit einem lieben Sonntagabendgruss
Marlena

3) Nur ein Lächeln lang

Sun, 16 Dec 11:58:40
Lieber ..,
Es war nicht Ironie - nur ein kleines Lächeln über die Herren der
Schöpfung. Ja, lass uns zusammen in die Pralinenschachtel
greifen...
Mit einem lieben Gruss
Marlena

2) Sonntag 16. Dezember "Starke Dichtung"

Sonntag 16. Dezember
Liebe Marlena,
---
Ich habe das schon bemerkt, dass diese Gedanken Flussers für Dich
nicht passen. Aber ich wollte versuchen, sie für mich zusammenfassen.
Also musst Du dazu nicht ironisch werden. Ich weiss sehr gut, was Du
meinst. Man könnte einiges dazu sagen, wenn Du fragst, weshalb wir
weniger, und nicht mehr existieren. Aber vielleicht ist doch besser,
wir greifen angesichts dieser schwerwiegenden Frage zur Schachtel
Pralinen, und entscheiden uns für mehr...
Aber natürlich ist Deine Ironie auch eine Art der Erkenntnis. Sie gibt
mir einen Hinweis auf die Konventionalität der Philosophie, des
philosophischen Diskurses. Es ist sozusagen wie die Mode der Damen.
Niemand kann sagen, weshalb sie im Moment piercen und tatooen.
Es liegt darin keine höhere Wahrheit. Aber es ist eine Tatsache, dass
sie das tun. Und das allein macht es zum bemerkenswerten Phänomen
unserer Welt. Und weil die eine pierct, muss die andere auch piercen.
Es ist alles eine Art Konstruktion, eine Art gemeinsamer Projektion.
Oder einfach gesagt: ein Spiel mit vielen Mitspielerinnen und -spielern.
---
Dein Rilke-Zitat ist schön. Sie auch sind ein Spiel. Man könnte hier
auch fragen: "Gerüchte gehen", womit denn, auf Beinen, oder fliegen
sie eher, vielleicht flattern? Und die Zweifel, tragen sie Bergschuhe,
vielleicht Nike-Sportschuhe heute? Hast Du schon Berge bluten
sehen? Und wenn ja, worin besteht die erste Hilfe? Schnellverband?
Unterbinden vielleicht? Infusionen oder grössere Massnahmen?

Weißt Du Marlena, ich glaube, die Philosophie ist auch bloss eine
Art der Poesie. Hat nicht Rorty gesagt, sie sei "starke Dichtung"?
Das könnte man interpretieren.
Man kann über die Welt viel und vielerlei sagen, was wahr, halbwahr,
fast wahr und beinahe noch wahr ist. Wer entscheidet darüber? Einzig
und allein diejenigen, die daran glauben. Wahrheit ist eine Art von
Glaubensfähigkeit und Glaubensgemeinschaft. Sie ist ein durchaus
soziales Phänomen. Gut kaschiert natürlich, und verabsolutiert. Doch
ich denke, jetzt sind wir endgültig bei Nietzsche gelandet. Er war in der
Tat ein heller Kopf, und irgendwie bin ich stolz darauf, dass die Basler
ihn ohne akademischen Titel zum Professor gewählt haben. Er war so
hell, dass es schon wieder irgendwie krankhaft war. Du siehst, die
Wahrheit hat sehr viel mit Konvention zu tun. Allzu hell ist nicht gut,
denn das blendet, und dann können die Menschen nicht sehen,
respektive glauben.
*
Aber, meine arme Marlena, ich will Dich nicht wieder frustrieren.
Es ist bloss so, dass mir die Pferde durchgehen. Und im Prinzip
schaut mich auch S mit diesen verständnislosen und ungläubigen
Augen an, wenn mir das geschieht. Vielleicht ist die Philosophie
eine Art Jagdrevier, ein Relikt, eine Reminiszenz aus der Zeit der
Jäger und Beerensammler. Es ist die aufregende Tätigkeit des
Jagens, worin Männer ihren Ruf und ihre Unsterblichkeit zu
gewinnen hoffen. Einen wilden Bären zu erlegen, das war schon
etwas. Das schaffte Charisma. Es ist sicherlich kein Ding für
Frauen, die doch lieber beim Beeren-Sammeln bleiben sollten.
(Vielleicht hörst Du Schwanitz in diesen Sätzen?)
*
Und jetzt ist es Mittag geworden, an diesem schönen,
blauhimmligen und kalten Dezember Sonntag. Am Radio
berichten sie über die Ukraine, wo es noch chaotischer und
kälter zu sein scheint. Ich mag diese Filme und Berichte über
die ehemalige UdSSR . Das ist für uns in Europa der wilde
Westen. Statt der gefährlichen Tiere, der unberechenbaren
Indianer und der unkontrollierbaren Natur sind es Chemiewerke,
Mülldeponien, AKW-Ruinen und eine unermessliche Korruption,
die unser Bewusstsein ausser Atem halten. Manchmal frage ich
mich, welche Probleme unsere Kinder mit dieser Situation noch
zu bewältigen haben werden. Im Moment ist es ruhig. Aber es
kann jeden Moment losgehen!
*

1) Samstagabend 15. Dezember

Lieber ...,
Du hast wie ich voraussehen konnte, einen schönen Abend verbracht mit fast allem was zu einem solchen gehört. Und dein kleiner Flirt mit der Putzfrau ;-) Ja, du hast es raus wie man etwas erziehlt. Mit Lob erreicht man immer viel mehr als mit Tadel....
*
Und dieser Artikel.. zuerst fühlte ich nur eine immer zunehmende Frustration denn ich wollte doch schliesslich verstehen (vielleicht auch nur deinetwegen) aber dann auf einmal, ich weiss nicht warum, fing ich an zu lachen. Ich weiss wirklich nicht warum. Natürlich könnte ich alles Mögliche dazu sagen. Aber am besten ist doch dass ich schweige.. ich will weder dich noch den Filosophen beleidigen.. ;-)
Ich habe dir übrigens ein Interview mit Flusser geschickt aber weiss nicht ob es funktioniert hat.
Natürlich sind es wichtige Fragen mit denen er sich beschäftigt. Aber z.B. diese Aussage dass wir immer weniger existieren.. warum immer weniger? Warum nicht immer mehr? Aber dann zum Schluss doch so viel dass wir unseren "Kern" verlieren und uns in ein Chaos auflösen..
---
Ach du Schelm.. zu wenig Liebe und zu wenig Lob??? Dir fehlt bestimmt nichts anderes als möglicherweise ..... eine Schachtel Pralinen. Das ist was auch mir im Moment fehlt.

Neben dem PC liegt das Rilkebuch. Und ich denke ich schlage irgendeine Seite auf und schicke dir auf geratewohl was ich da finde. Und schau hier:

Gerüchte gehn, die dich vermuten,
und Zweifel gehn, die dich verwischen
Die Trägen und die Träumerischen
misstrauen ihren eignen Gluten
und wollen, dass die Berge bluten,
denn eher glauben sie dich nicht.
...
Nichts geht über Rilke..

Ich verabschiede mich für heute.
Lass es dir gut gehn, ...
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Marlena

Freitag, 22. Januar 2010

aus New York

---
Und noch was Lustiges, Marlena (ich wollte Dich schon Madeleine
nennen!!!!), ich habe im Shop der Library eine Shakespeare-
Ausgabe gesehen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich sei auf den Klassiker
verrueckt geworden und wolle dieses 5 kg Werk heimschleppen. Das
ist es nicht. Auf dem Buch liegt ein Totenkopf. Er ist made in China.
Und seit bald 5 Tagen zoegere ich hin und her, ob ich sowas als
Souvenir kaufen soll. Ich wollte immer einen Totenkopf in meiner
Bibliothek. Und dieser sieht ziemlich echt aus. Auf der anderen Seite
wieder denke ich, ein Plastik-Totenkopf ist auch etwas merkwuerdig.
Vielleicht koennte man doch irgendwo einen echten finden. Einen
echten neben einen "made in China": da ist klar, welchem ich den
Vorzug gaebe. Allerdings wuerde ich wohl den echten nicht mit dem
Unterkiefer bekommen. Das waere ein Manko. Ich meine, ich koennte
- nach meinem 10. Whisky oder so - nicht mal mit ihm diskutieren,
weil ihm die untere Haelfte des Mundes fehlte. Er waere sprachlos.
Und was zum Teufel soll ich mit einem sprachlosen Totenkopf. Ich
werde bis zum letzten Moment warten bis zum Entscheid. Ich muss
ja auch an meine Familie denken. Sollte ich sie mit sowas schockieren?
---

Donnerstag, 21. Januar 2010

Friedhof Montparnasse

Liebe Marlena,
--
Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris weilten, besuchte
ich den Friedhof Montparnasse. Allerdings allein, denn zu einem
solchen Unternehmen konnte ich schwerlich die ganze Familie
mitnehmen. Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die Beauvoir
hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt. Vor allem aber wollte
ich das Grab sehen, wo sie beide liegen. Das war etwas merkwürdig,
weil ich ja sonst kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahinwandeln, oder
kann man durchaus vergnügt und selbstverständlich durch die
schmalen Kieswege gehen und nach den Gräbern Ausschau halten
wie nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen gleich beim
Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab ist sehr einfach. Doch
weil
ich schon einmal dort war, suchte ich auch das Grab von
Becket,
und fand nebenbei noch jenes von Gainsbourg. Dort,
rund um einen
riesigen Marmorblock, turnten nämlich ein Paar
junge Mädchen
herum und rauchten wie die Kamine. Sie passten
echt zum dekadenten
Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena?
Sie ist ja sehr sensibel
und kreativ, muss ich zugeben. Aber als Typ
war er ein bisschen
verdorben, zu artistisch. Es war ihm geradezu
ins Gesicht geschrieben.

Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab von Samuel
Becket, einem der grössten Dramatiker unserer Zeit. Es kam mir
vor wie eine grosse, kühle Schutzhülle, etwas abweisend und still
vor sich hin liegend. Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären Gymnasiasten.
Ich habe mir damals nie und nimmer vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von
14 bis 18 Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas wie
Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen können. Lesen,
schreiben, lieben, protestieren, reisen, wieder schreiben, wieder
lesen und so weiter, immer im Kreis herum.
Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir eine kleine
Bibliothek) der öffentlichen Administration, des öffentlichen
Dienstes, wie es in Deutschland so schön heisst, und arbeite von
8-12 und von 14bis 18Uhr. Und alles ist so gewöhnlich und so
grau wie rundum hier, ausser dass ich eine sensationelle geheime
Mailfreundschaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller, Philosoph,
Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung die Leute in
Aufregung und Politiker in Nervosität bringt. Eine romantisches
und kreatives Leben, so habe ich es mir ausgemalt, wenn ich es
mir überhaupt ausgemalt habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen
Whisky und einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber interessant.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lachen. Es waren
natürlich wunderbare Zeiten. Aber wir waren nicht von dieser Welt.
Wir hatten keine Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.
Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie entdecken ihn wieder,
wie auch seinen Gegenspieler Camus. Der Ernst des engagierten
Lebens kehrt wieder. Man hat Sartre zwar unterdessen einiges
vorgeworfen, dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und
dass die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert habe.
Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen "Fall Heidegger".
---

Mittwoch, 20. Januar 2010

Melancholia

Meine Liebe Maus-Freundin
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich,
sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich
zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen
sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen
Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der
Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebens-
partner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert
wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden)
usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher
ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte
betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund.
Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
***
"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich
mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach
wie schön und sorglos das Leben damals war!" Das schreibst du, indem
du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins
Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"
Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu
meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie
des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder
aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte
Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere
Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden
sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis
fragen, ...

Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine
ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon
melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der
tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen
zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht
sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst
das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass
du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du
scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben,
darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du
wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine
Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend,
die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich
eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als
AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und
Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute,
die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da
wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde
zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so
um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der
heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
...

Narzissmus

Lieber ...,
.....
Das was du über "Mailethik" sagst habe ich auch schon öfters gedacht. Manchmal fühle ich mich unhöflich wenn ich nicht reagiere auf irgendetwas das du geschrieben hast. Aber dass ich nicht sofort schriftlich reagiere bedeutet nicht dass ich deine Mails nicht genau lese und darüber nachdenke. Übrigens hat es mir sehr gefallen wie du deinen Montagmorgen beschrieben hast mit dem Vogelgezwitscher. Ich versuche immer den Gedanken von mir fernzuhalten dass dieser schöne Gesang etwas anderes als pure Freude ausdrücken könnte.
Hinter mir im Vogelbauer unterhalten sich unsere Wellensittiche leise miteinander.

Vor mir an der Wand über dem PC-Möbel hängt ein Rahmen mit fünf kleinen Fotos aus verschiedenen Perioden meines Lebens.
Das älteste ist zu Weihnachten aufgenommen. Ich bin vielleicht 10 Jahre alt. Wir sitzen an einem schön gedeckten Tisch. Ganz links mein Opa (morfar =Mutters Vater)). Er ist ein grosser, stattlicher Mann. Sein dunkles Haar ist schon etwas grau und leider kann man nicht die Farbe seiner intensiv veilchenblauen Augen sehen. Er ist die Person die ich am meisten geliebt habe von allen meinen Verwandten.
Neben ihm meine Tante, elegant wie immer in ihrer klassischen Schönheit. Neben ihr ihre beste Freundin und hinter ihr stehend mein Onkel, der grosse Charmeur und Frauen-liebhaber (im Wörteruch steht Weiberheld). Ich selbst stehe zwischen Opa und Tante, ganz hellblond in einem Kleid in dem ich mich immer besonders schön fühlte. Hinter uns der Weihnachtsbaum (niemand hatte so schön geschmückte Christbäume wie wir) :-)
Daneben ein Bild von meiner Studienzeit in Uppsala. Es ist bei einem Fest gemacht worden. Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!
Dann ein kleines Passfoto. Ich sehe ein bisschen aus wie Ingrid Bergman darauf. Auf dieses Bild bin ich ein wenig stolz, denn ich weigerte mich den Kopf so blöd zu verrenken wie es die Fotografen oft haben wollen und hielt ihn trotzig gerade aufgerichtet. :-)
Auf dem nächsten Bild sitze ich an meinem lieben alten Schreibtisch aus Eichenholz (der jetzt in der Wohnung meines Mannes steht)und studiere, wahrscheinlich Deutsch. Es war die erste Zeit in Uppsala und meine "Eltern" hatten noch kein passendes Haus gefunden. So wohnten wir derweilen in einer Mietwohnung mit unseren zwei Katzen. Manchmal wenn wir die Tür öffneten stank es sehr im Treppenhaus und wir dachten: Oh Gott, jetzt hat eine Katze dort verunreinigt.. aber es war nur jemand von den Nachbarn der "Surströmming" gegessen hatte. (Sauerheering ist eine schwedische Delikatesse die man meist in Nordschweden isst). Im Herbst wenn in Schweden Surströmmingszeit ist, kann man leicht riechen wo es "Immigranten" aus Norrland gibt. ;-)
Das letzte Bild ist von einem Strassenfotograf gemacht worden (ich bin 13 Jahre alt) auf der Kungsgatan (Königsstrasse) mitten in Stockholm. Meine Freundin und ich sind mit unseren Schultaschen unterwegs nach Hause. Das Zentrum war sozusagen unser Revier wo wir uns in den langen Pausen herumtrieben. Wenn wir einmal eine richtig lange Pause hatten nahmen wir sogar die Fähre nach Skansen (das grosse Freiluftsmuseum) in Stockholm. Hast du schon davon gehört?
Nun aber genug von Narzissmus sonst wird es dir langweilig ;-)

Der Igel ist also euer Symbol. Wie schön! Wir haben oft Igel in unserem Garten. Die bringen doch Glück, oder? Es gibt ein so schönes Gedicht von einem Igel auf schwedisch. Vielleicht bin ich auch einer. Mit Stacheln um meine Integrität zu schützen.. :-)

Frage

Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von
wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war
Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er
diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben.
Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne
zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer
jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunfts-Arbeit.
Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung
und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst
es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich
finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig
die Bedeutung der Schule darstellt.

-----------
19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um
mich
war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine
viel zu
grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten
habe. Doch
als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke,
nach meiner
Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die
Sie dem armen
kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre
Unterweisung und
Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art
Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist
zumindest eine
Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren
und noch immer
sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen,
die Arbeit und die
Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer
lebendig sind bei
einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters
nicht aufgehört
hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie
von ganzem Herzen.

Signatur

Dienstag, 19. Januar 2010

Fegefeuer

Kennst du das Fegefeuer, Marlena? Ich meine, ich frage nicht, ob
du es aus eigener Erfahrung kennst, sondern ob dir der Begriff
bekannt ist? Eigentlich müsstest du das Fegefeuer kennen.
Ich war immer begeistert vom Fegefeuer und ich habe immer
bedauert, dass die Protestanten nicht eine ähnlich praktische
und gutgeheizte Institution haben. Das Fegefeuer wurde erst
im Spätmittelalter von der Pariser-Schule erfunden. Weiss nicht
mehr,wer die Führer waren: Albertus Magnus, Thomas von Aquin?
Damals kam in Europa der Handel auf. Und bisher hatte es nur
Himmel und Hölle gegeben für die guten und die armen Seelen.
Himmel und Hölle, das war sozusagen der soziale Wohnungsbau,
nur das Nötigste für einfache Leute. Aber Händler und Kaufleute
sind nicht mehr so einfache Leute, die kommen in der Welt
herum, die haben Ansprüche, die wollen ein bisschen Komfort,
die haben schon etwas feinere Manieren. Und für sie hat man an
die Zweizimmerwohnung mit Himmel und Hölle noch ein
Fegefreuer angebaut. Es ist sozusagen der Korridor und das
Vorzimmer. Es ist für all die, für die noch nicht klar ist, ob sie
in den Himmel oder in die Hölle kommen. Im Fegefeuer hast
du noch einen Verhandlungsspielraum. Und das ist doch das,
was die Handelsleute des Spätmittelalters gewohnt waren.
Sie wollten handeln und - wie sagt man - bargain, sie wollten
markten und feilschen mit dem lieben Gott. Sie waren nicht
gerne vor vollendete Tatsachen gestellt. Das war nicht ihr
Leben. Und so hat man im sozialen Wohnungsbau noch
einen Korridor, das Fegefeuer, angebaut. Und dort können
die armen Sünder leiden und braten und dampfen bis zum
Tag des Jüngsten Gerichts. Und dann wird sich entscheiden,
ob sie ihre Sünden abbüssen konnten, oder ob sie dann doch
lebenslänglich bekommen würden. Natürlich wurde damit
auch nötig, die Theorie etwas zu differenzieren. Wer gelangte
direkt in die Hölle und wer hatte noch eine Chance via Fegefeuer.
Kurz und gut, es galt ein paar neue §§ zu erfinden, um den
Verkehr im Jenseits übersichtlich zu gestalten und allzuviele
Pannen zu vermeiden. Ich glaube, nirgends sind Himmel und
Hölle so menschlich und heimatlich eingerichtet wie bei den
lieben katholischen Seelen. Und es würde mir nichts ausmachen,
auch eine davon zu sein. Ich hätte bestimmt einen Fensterplatz
im Fegefeuer. Zweithinterste Reihe womöglich. Aber vielleicht
nehmen sie mich ja nicht, weil ich keine echte katholische Seele
bin. Ich wäre im Fegefeuer einer dieser Immigranten ohne
"green card". Das wäre sehr schlimm, da will ich doch lieber
versuchen, gleich direkt in den Himmel zu kommen.
Soviel zum Fegefeuer.

Süchtig

Subject: Re: Du lebst gefährlich
Lieber...!
Vielen herzlichen Dank für das schöne Mail. So lese ich fast täglich
ein paar Seiten in sehr gutem Deutsch ;-) Eigentlich wollte ich letzthin
nicht von meiner Jugend erzählen, sondern von meiner Frankreichzeit.
Aber da diese Zusammenfallen hat es sich eben so ergeben.

Ich ängstige mich eigentlich nicht allzu viel wegen der "Sirenen".
Durch eine frühere "maladie d'amour" besitze ich wahrscheinlich nun
eine ziemlich gute Immunität gegen dergleichen Bazillen ;-)
Vielleicht ist es bei dir auch so?
Damit nicht gesagt dass ich nicht bald süchtig werde nach deinen
Mails.. denn ein Bisschen wirkt es wie Opium, diese tägliche Dosis
von "Esprit". Besonders was du von den Männern als Koch
geschrieben hast war so einmalig. Immer wenn ich daran denke
muss ich fast laut lachen.
Hast du was dagegen dass ich es einen Kollegen lesen lasse? Es würde
ihm auch imponieren (und meinem Mann natürlich vor allem). Das
was du von den Kosten sagst stimmt auch zu 100 % und natürlich
übernehme ich nachher die Küche, oder schäle sogar noch vorher
die Crevetten oderKartoffeln ;-)
Es ist ein wunderschöner Tag und wenn du hier wärest würde ich gern
einen langen Spaziergang mit dir machen und mich mit dir unterhalten.
*
Ich höre im Moment meine Lieblings-CD seit längerer Zeit: " Vaya Con
Dios, the best of" Kennst du sie? Wenn nicht kann ich sie dir sehr
empfehlen.
*
Eine schwedische Dichterin schreibt:

"Den mätta dagen, den är aldrig störst
den bästa dagen är en dag av törst.."

Der satte Tag ist nie der grösste
Der beste Tag ist ein Tag mit Durst (=wörtlich übersetzt :-)

Du deutest es oft an, diese Thema. Nicht das Ziel sondern der Weg ist
die Reise Wert.. nicht die Erfüllung, sondern der Traum von
Erfüllung.. Du hast recht. Ich habe es auch schon eingesehen *smile*

Nun muss ich aufhören und etwas mehr prosaisches tun.. nämlich den
Staubsauger in die Hand nehmen..
Lass es dir gut gehen und schreibe bald weiter in deinem Tagebuch
Bons baisers
Marlena

Männerclub

Liebe Marlena,
...
Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem solchen
Männerclub: Zu sehen, wie Männer unter sich sind und alt und
älter werden. Das ist ein schlagendes Argument, zu dem Du mir
sicherlich Recht geben wirst. Ein solches Männerexperiment ist
interessant und rührend, bisweilen lehrreich, manchmal angenehm,
oft bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man könnte
behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-geschlechtlichen
Vereinigung anzugehören, ähnlich dem katholischen Klerus oder der
Fremdenlegion. Und vielleicht ist es das auch. Die amerikanischen
Clubs haben meist auch Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten
unserer Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden,
dass wir Damen nicht ausschliessen. Das wäre eine Menschenrechts-
verletzung oder ähnlich, haben die Amerikaner gedroht. Wir haben
dann auch in unserem Club abgestimmt darüber, ob wir ihn für Damen
öffnen sollten.
Ich war damals eigentlich dafür, denn ich habe gedacht, dass die
Atmosphäre sich nur verbessern könnte, wenn noch einige tüchtige,
interessante und womöglich hübsche Damen unter uns sässen. Doch
meine älteren Kollegen haben blendend dagegen argumentiert. Sie
sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den Club, doch
unseren eigenen Frauen sei das nicht zuzumuten. Sie würden
eifersüchtig werden, beleidigt, empört oder wie immer. So haben
wir beschlossen, in unseren Club die Sessel für Damen vakant zu
behalten und uns stattdessen für einen separaten Damenclub
einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und gelegentlich besuchen
wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen, dass sie nicht alle
so tüchtig, so interessant und so hübsch sind.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

Montag, 18. Januar 2010

Pessoa nochmals

Liebe Marlena,
...
Es freut mich, dass Du unseren Pessoa doch noch gefunden hast. Und es scheint, Du bist die Avangarde Schwedens. Du wirst Aufsehen erregen, wenn Du über ihn sprichst. Und wenn die Leute fragen, wer denn dieser Pessoa sei, dann sagst Du, ganz Europa spricht über ihn. Und dass sie alle über ihn sprechen, das wird Dir einleuchten, wenn Du ein Teil des Buches gelesen hast. Es hat was an sich, das schwer zu beschreiben ist. Man hat gesagt, es sei ein Tagebuch ohne Handlung. Eine Biographie ohne Bio. So irgendwie. Und die Tonart sei fröhlich-melancholisch irgendwie. Na, klingt das nicht verlockend?
...

Pessoa

Lieber ...,
Leider kann ich das Buch hier nicht bekommen. Aber ich habe etwas
darüber im Internet gefunden.
Schau dir das an:

http://www.amazon.de/product-reviews/3250250007/ref=dp_top_cm_cr_acr_txt?ie=UTF8&showViewpoints=1

Ich verstehe, dass es dir gefällt.

Lasse später mehr von mir hören,
Bis dahin liebe Grüsse
Marlena

Unruhe

Liebe Marlena,
....
Ich bin wieder mal mit einem Buch beschäftigt. Es gibt eine Neuerscheinung des "Buches der Unruhe" von Fernando Pessoa. Du erinnerst Dich, ich habe den portugiesischen Autoren längst empfohlen. Das Buch stammt aus seinem Nachlass, aus einer riesigen Truhe voller Notizen. Man sagt, es wäre eine Biographie ohne Fakten und alles in allem in einer heiteren Melancholie geschrieben. Ich bin nahe dran, diesen dicken Schmöker zu kaufen, aber ich weiss, dass ich ein "Buch der Unruhe" in Taschenausgabe bereits habe. Es enthält eine Auswahl von denselben Notizen, vielleicht nicht so viele, aber immerhin. Ich wollte darin ein bisschen lesen. Aber ich finde das Büchlein zur Zeit nicht. Ich weiss einfach nicht, wo es zu suchen wäre. Ich habe schon Walter bedrängt, er solle mir das Ausgeleihte endlich wieder zurückgeben. Er schwört, er hätte es nicht. Ich knie Norma auf der Seele, weshalb sie mir das Buch nicht endlich zurückgibt. Sie wird hysterisch und weiss von keinem solchen Buch. Kurt lacht bloss und sagt, er lese seit zwei Jahren wieder in der Bibel. Corinne frage ich nicht, sie liest kaum. Aber Yasmin ist eine emsige Leserin. Aber ich könnte mich nicht erinnern, ihr mal ein Buch geliehen zu haben. Und wenn ich Maya eines gebe, dann schreibe ich es mir auf ein Kärtchen auf. Das habe ich mindestens bisher so gehalten. Natürlich mit Ausnahmen, Du weisst ja, wie inkonsequent ich sein kann. Auch Albert beteuert, von einem Pessoa nie etwas gehört zu haben. Kurz und gut, ich weiss nicht, wo ich mein Buch der Unruhe finden kann, und das macht mich unruhig. Es ist nämlich wirklich wundervoll geschrieben und voller Lebensphilosophie. Und dazu muss man sich immer dieses warme Lissabon vorstellen, diese Perle am Atlantik, wo die kühlen Bisen herblasen. Deshalb habe ich das Büchlein von Tabucchi sosehr genossen. Es hat mich an Pessoa erinnert. Man könnte Pessoa mit Kafka vergleichen. Es sind ähnlich kryptische, vielleicht ein bisschen lebensuntüchtige Persönlichkeiten, und sie schreiben mit ähnlichem Tiefsinn. Das Buch ist ein Fundamentstein im Ursumpf, das etwas Halt geben kann. Lies es, Marlena, wenn Du kannst.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Sonntag, 17. Januar 2010

Peter Bichsel

Bienen besuchen Lindenblüten..
noch im Mondschein.

Welch schöner Satz!
Hier kommt noch ein kleines Komplement zu meinem vorigen Mail:

Zitate von Peter Bichsel:
Über den Sinn der Literatur
»Ich glaube, der Sinn der Literatur liegt nicht darin, dass Inhalte vermittelt werden, sondern darin, dass das Erzählen aufrechterhalten wird. Weil die Menschen Geschichten brauchen, um überleben zu können. Sie brauchen Modelle, mit denen sie sich ihr eigenes Leben erzählen können. Nur das Leben, das man sich selbst erzählen kann, ist ein sinnvolles.«
(Peter Bichsel, http://www.suhrkamp.de/bichse/bicbio.htm, 26.3.00)

Schreiben ist gefährlich
»Man kann sich nichts vom Leib schreiben. Man schreibt sich alles auf den Leib. Selbst wenn man einen politischen Artikel schreibt, wird das Elend und die Wut immer größer, nicht kleiner. Schreiben ist keine Therapie, Schreiben ist gefährlich. Auch nach dem Brief, den du deiner Freundin oder deinem Freund schreibst, um dein Elend endlich einmal jemandem herauszukotzen, geht es dir nachher nicht besser, sondern schlechter. Schreiben ist unhygienisch, gefährlich.« (Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.99)

Die Tradition des Erzählens
»Die Geschichten dieser Welt sind geschrieben ... und müssen trotzdem immer wieder geschrieben werden, nicht weil wir neue Geschichten brauchen. Sie müssen geschrieben werden, damit die Tradition des Erzählens, des Geschichtenschreibens nicht ausstirbt.«
(Peter Bichsel, http://www.surkamp.de, 26.3.00)

Mit der deutschen Sprache kann man basteln...
»Mit der deutschen Sprache kann man basteln. Und die Sätze bekommen erst Größe, wenn man sie selber macht. "Ich liebe dich." Das kann man einfach so sagen, das können alle, den Satz kennen alle. Aber ein Satz wie "du / liebe / ich / liebe / dich" ist selber gemacht. "Je t’aime" kann niemand selber machen, da kannst du machen, was du willst, das kann man nicht selber machen. Und "I love you" kannst du auch nicht selber machen, das ist einfach da. Aber im Deutschen kann man die selbstverständlichsten Sätze selber machen, und dann werden sie immer gewaltiger. Das Deutsche ist eine besoffene Sprache. Und sie hat besoffene Dichter hervorgebracht wie Jean Paul, der sich Sätze notierte wie: "Bienen besuchen Lindenblüten noch im Mondschein." Das ist ein total Besoffener gewesen, der sich voll ins Pathos stürzte." (Peter Bichsel, in: Weltwoche, 11/00 v. 16.3.00)


Monsieur Germain an Camus

Liebe Marlena
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normal von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.

Algier, am 30. April 1959
Mein lieber Kleiner,
von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen.
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast.
Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten.
Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis

Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. ...
(Sun, 14 May 2000)