Liebe Marlena
Ja, meine Liebste, du schickst mir soviele Mails, dass ich gar nicht
weiss, wohin damit. Und alles in letzter Minute. Und wenn dann
meine Fragen hochkommen, dann bist du schon weg.
Aber es ist schön, von Dir zu hören. Und wenn ich die Bilder
anschaue, dann kann ich ein bisschen ahnen, was Euch jedes Jahr
dort hinaufzieht. Das hübsche und gemütliche Holzhaus, und die
parkähnliche Umgebung und all diese Natur und diese Freiheit.
Und wenn ich die Männer sehe mit der Fischbeute, so kann ich
auch ahnen, dass hier ein uraltes Wissen und eine fundamentale
Existenzweise, nämlich die des Jägers, die bis heute überlebt hat,
in modernen Menschen wieder hochkommt. Und das ist sicherlich
eine Art Abenteuertum und ein Gefühl, mit der Natur und mit einem
tiefen menschlichen Ursprung in Kontakt zu sein.
Es erinnert mich an meine Schulkollegen im Wallis, die sich zum
Bergsteigen hingezogen fühlten. Auch in dieser Tätigkeit habe ich
immer eine Sehnsucht nach der Natur und der Urgewalt der
erhabenen Berge gesehen. Einer meiner Freunde ist auch ein
Jäger. Sie jagen vor allem Gemsen in den Bergen. Das ist alles sehr
urtümlich, und ich weiss, dass bodenständige Männer in sowas wie
vernarrt sind.
Ich selbst habe nie eine so starke Beziehung dazu gefunden. Unsere
Familie hat ja immer mehr in der Stadt oder in Ortschaften gelebt.
Ich bin aufgewachsen wie Marcel Proust, sozusagen. Kannst du ihn
dir vorstellen als Lachs-Fischer, Marcel Proust? Nein, er hätte vorher
einen Hustenanfall. Allenfalls würde er einen Goldfisch aus dem
Aquarium fischen, aber auch das ist nicht sicher. Aber goldig müsste
er schon sein, sein Fisch.
*
(Fri, 07 Jul 2000)
Samstag, 30. Januar 2010
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