Montag, 11. Januar 2010

Kennen lernen

*
So siehst du, meine Mausgeliebte. Wenn ich die Idee hatte, mit
dir nach Rom zu reisen, dann habe ich nicht an eine kurze
Liebesgeschichte gedacht. Ich bin ja auch nicht einfach ein
durchschnittlicher Mensch mit gewöhnlichen Absichten und
Ideen. Ich möchte schon etwas Besonderes im Leben. Und meine
Vorstellung war, dich einmal zu sehen, deine Stimme zu hören,
deine Gesten einzuatmen, deine Mienen zu entschlüsseln, dein
Ja-Sagen Ja sein zu lassen. Eigentlich, um dich in deinen Briefen
besser zu verstehen und um meine Vorstellungen zu verbessern
und zu vervollständigen. Dahinter ist eben mein Wahn, real
sei besser als virtual. Ich bin eben so konservativ.
Ich habe ja auch einen anderen Weg versucht. Ich habe gedacht,
wenn wir uns nicht allein sehen können, so können wir vielleicht
unsere Familien in Kontakt bringen, eine Freundschaft zwischen
den beiden Familien arrangieren. Aber da bin ich bei dir gar nicht
auf offene Ohren gestossen. Vielleicht wäre es auch nicht so leicht,
das gebe ich gerne zu. Vielleicht sind wir wirklich im Stadium 2 der
maladi schon zu weit, um so etwas noch wagen zu können.
*
Ich sitze hier schon bei meinem vierten Kaffee. Nur um dir zu zeigen,
wie ernst ich hier arbeite. Sigmund Freud spricht doch von
Trauerarbeit. Ich glaube, dass es auch die Liebesarbeit gibt. Ich
glaube, dass Liebe eine Anstrengung ist. Sie ist nicht einfach da und
verzaubert alles. Man muss manchmal ziemlich hart für sie arbeiten,
das glaube ich. Und ich kann sehen, dass du das ganz ähnlich siehst.
Wie du dich kümmerst, wie du dich um mich sorgst, wie du kleine
Mitteilungen hinterlässt, wie du dich zeitlich anpasst, damit ich
vielleicht noch vor Arbeitsende ein Mail habe, ich sehe doch, wie du
dich hingibst und wie du lange Mails schreibst als an sich
"schreibfauler" Mensch. Und all das neben deinen anderen vielen
Pflichten, die du "um die Ohren hast", wie wir hier sagen. Du bist
eine Frau, die sich kümmert um die Mitmenschen, um die Pflichten,
um die ganze Situation. Ich muss dir sagen, ich bin sehr berührt, das
alles zu sehen. Und wenn ich nicht davon spreche, heisst es nicht,
dass ich es nicht merke. Es berührt mich immer wieder und ich bin
stets von Neuem hingerissen von deiner zarten und feinen Art, wie du
die Dinge in Ordnung hälst. Und du hälst deinen Kopf aufrecht. Das
mag ich ganz besonders.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen