Sonntag, 31. Januar 2010

folie à deux

Mein schweigsames Fräulein !
Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf
gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat
vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu
kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?
....
Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte
Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern
du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen,
stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann
alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich
alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für
vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame
Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und
die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens;
die Kunst als die Lebensarbeit.
Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der
Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder
meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie
sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder
sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche
Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der
Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie
sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen
wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe
ich schon immer vermutet. Aber...

(Thu, 16 Mar 2000)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen