Sonntag 16. Dezember
Liebe Marlena,
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Ich habe das schon bemerkt, dass diese Gedanken Flussers für Dich
nicht passen. Aber ich wollte versuchen, sie für mich zusammenfassen.
Also musst Du dazu nicht ironisch werden. Ich weiss sehr gut, was Du
meinst. Man könnte einiges dazu sagen, wenn Du fragst, weshalb wir
weniger, und nicht mehr existieren. Aber vielleicht ist doch besser,
wir greifen angesichts dieser schwerwiegenden Frage zur Schachtel
Pralinen, und entscheiden uns für mehr...
Aber natürlich ist Deine Ironie auch eine Art der Erkenntnis. Sie gibt
mir einen Hinweis auf die Konventionalität der Philosophie, des
philosophischen Diskurses. Es ist sozusagen wie die Mode der Damen.
Niemand kann sagen, weshalb sie im Moment piercen und tatooen.
Es liegt darin keine höhere Wahrheit. Aber es ist eine Tatsache, dass
sie das tun. Und das allein macht es zum bemerkenswerten Phänomen
unserer Welt. Und weil die eine pierct, muss die andere auch piercen.
Es ist alles eine Art Konstruktion, eine Art gemeinsamer Projektion.
Oder einfach gesagt: ein Spiel mit vielen Mitspielerinnen und -spielern.
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Dein Rilke-Zitat ist schön. Sie auch sind ein Spiel. Man könnte hier
auch fragen: "Gerüchte gehen", womit denn, auf Beinen, oder fliegen
sie eher, vielleicht flattern? Und die Zweifel, tragen sie Bergschuhe,
vielleicht Nike-Sportschuhe heute? Hast Du schon Berge bluten
sehen? Und wenn ja, worin besteht die erste Hilfe? Schnellverband?
Unterbinden vielleicht? Infusionen oder grössere Massnahmen?
Weißt Du Marlena, ich glaube, die Philosophie ist auch bloss eine
Art der Poesie. Hat nicht Rorty gesagt, sie sei "starke Dichtung"?
Das könnte man interpretieren.
Man kann über die Welt viel und vielerlei sagen, was wahr, halbwahr,
fast wahr und beinahe noch wahr ist. Wer entscheidet darüber? Einzig
und allein diejenigen, die daran glauben. Wahrheit ist eine Art von
Glaubensfähigkeit und Glaubensgemeinschaft. Sie ist ein durchaus
soziales Phänomen. Gut kaschiert natürlich, und verabsolutiert. Doch
ich denke, jetzt sind wir endgültig bei Nietzsche gelandet. Er war in der
Tat ein heller Kopf, und irgendwie bin ich stolz darauf, dass die Basler
ihn ohne akademischen Titel zum Professor gewählt haben. Er war so
hell, dass es schon wieder irgendwie krankhaft war. Du siehst, die
Wahrheit hat sehr viel mit Konvention zu tun. Allzu hell ist nicht gut,
denn das blendet, und dann können die Menschen nicht sehen,
respektive glauben.
*
Aber, meine arme Marlena, ich will Dich nicht wieder frustrieren.
Es ist bloss so, dass mir die Pferde durchgehen. Und im Prinzip
schaut mich auch S mit diesen verständnislosen und ungläubigen
Augen an, wenn mir das geschieht. Vielleicht ist die Philosophie
eine Art Jagdrevier, ein Relikt, eine Reminiszenz aus der Zeit der
Jäger und Beerensammler. Es ist die aufregende Tätigkeit des
Jagens, worin Männer ihren Ruf und ihre Unsterblichkeit zu
gewinnen hoffen. Einen wilden Bären zu erlegen, das war schon
etwas. Das schaffte Charisma. Es ist sicherlich kein Ding für
Frauen, die doch lieber beim Beeren-Sammeln bleiben sollten.
(Vielleicht hörst Du Schwanitz in diesen Sätzen?)
*
Und jetzt ist es Mittag geworden, an diesem schönen,
blauhimmligen und kalten Dezember Sonntag. Am Radio
berichten sie über die Ukraine, wo es noch chaotischer und
kälter zu sein scheint. Ich mag diese Filme und Berichte über
die ehemalige UdSSR . Das ist für uns in Europa der wilde
Westen. Statt der gefährlichen Tiere, der unberechenbaren
Indianer und der unkontrollierbaren Natur sind es Chemiewerke,
Mülldeponien, AKW-Ruinen und eine unermessliche Korruption,
die unser Bewusstsein ausser Atem halten. Manchmal frage ich
mich, welche Probleme unsere Kinder mit dieser Situation noch
zu bewältigen haben werden. Im Moment ist es ruhig. Aber es
kann jeden Moment losgehen!
*
Samstag, 23. Januar 2010
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