Datum : Wed, 26 Dec 2001 13:14:30 +0000
Liebe Marlena
Beinahe habe ich bei Euch mitgegessen. Vom Schinken habe ich
bestimmt mehrmals gekostet, und die Haut, deren Produktion
Du so detailliert beschrieben hast, esse ich bestimmt fürs Leben
gern. Und nachher einen Malteser Reis, der die restlichen
Luftlöcher im Magen endgültig schliesst. Ach ja, und dies dopp i
grytan, kann ich mir auf der Zunge wirklich sehr plastisch vorstellen.
Muss in der Kälte, die Ihr habt, wie Götterspeise munden.
Aber dass Ihr mit Heringen und Schnaps vorher Préludes spielt, das
hatte ich nicht erwartet. Das ganze klingt ziemlich opulent. Zum
Schluss des Essens ist man, wie ich vermute, ziemlich geschafft?
*
Ja, das schwedische Haus zur Weihnachtszeit hast Du mir
stimmungsvoll geschildert. Das Licht ist nicht heimlich (das Wort
kommt von "geheim" = secret) sondern heimelig. Vielleicht ist
das schon beinahe Umgangssprache. Aber ich kann mir das alles
ziemlich gut vorstellen. Es ist besonders eindrücklich, wenn man
von der Winterkälte draussen in die Fenster hineinschaut. Das
erinnert mich an meinen Militärdienst. Auf Märschen und
Verschiebungen habe ich abends, in der Dämmerung, stets in
die Häuser hineingeschaut und habe mich in Sehnsucht nach
dieser heimeligen und warmen Atmosphäre verzehrt. Ich habe
die Menschen wirklich mit all meinen Fasern benieden, die im
gemächlichen zivilen Leben sich frei in einer gemütlichen
Wohnung bewegen konnten, während ich hier schwitzend
oder frierend mit meinen Soldaten unterwegs war. Aber es
war - alles in allem - doch eine ziemlich nützliche Erfahrung.
*
Den Papa habe ich im TV nur kurz gesehen. Er hat auf Deutsch
die Weihnachtsgrüsse Urbi et Orbi ins Mikrophon gehaucht.
Und alles hat sich angehört wie bei mittlerer Trunkenheit.
Entschuldige mich, ich bin grässlich. Aber seine Sprache ist
wirklich sehr verwaschen. Aber lustig war, dass ich in jenem
Moment dachte, dass Du zur gleichen Zeit ihn auch sehen
würdest. Ich musste schmunzeln. Den choreographischen
Trick, den Du beschreibst, finde ich gut und elegant. Meine
Sorge betraf nicht so sehr seine Lektüre, sondern ich habe
mir überlegt, ob er denn wirklich genügend warm angezogen
ist, um die beissende Kälte auf der Arkade vor St. Peter zu
ertragen. Wahrscheinlich haben sie ihn mit Infrarotstrahlern
nur so eingekesselt.
*
Ja, unser Onkelchen ist ein grosser Diplomat. Das merke ich
immer wieder. Ich kenne das bei Männern hier sonst nicht sehr.
Onkelchen beweist immer wieder, dass der soziale Kontakt eine
Realität eigener Würde ist. Die Geselligkeit ist eine Kunst, deren
Bedeutung die pure und sachliche Wahrheit in vielen Aspekten
bei weitem übersteigt. Es ist eine Art Respekt für die Menschen,
der jenem für die Dinge vorgeht. Das kann ich manchmal sehr
gut und manchmal sehr schlecht.
*
Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, ...
Freitag, 29. Januar 2010
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