Donnerstag, 21. Januar 2010

Friedhof Montparnasse

Liebe Marlena,
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Als wir vor einigen Jahren die ganze Familie in Paris weilten, besuchte
ich den Friedhof Montparnasse. Allerdings allein, denn zu einem
solchen Unternehmen konnte ich schwerlich die ganze Familie
mitnehmen. Ich fuhr also mit der Metro zur Gare Montparnasse und
fand bald darauf die hohe Friedhofmauer. Sartre und die Beauvoir
hatten eine zeitlang hier in der Nähe gewohnt. Vor allem aber wollte
ich das Grab sehen, wo sie beide liegen. Das war etwas merkwürdig,
weil ich ja sonst kaum auf einen Friedhof gehe. Man ist ein bisschen
unsicher in der Gefühlslage. Soll man bedrückt dahinwandeln, oder
kann man durchaus vergnügt und selbstverständlich durch die
schmalen Kieswege gehen und nach den Gräbern Ausschau halten
wie nach alten Freunden.
Ich habe sie gefunden, Sartre und Beauvoir, sie liegen gleich beim
Eingang rechts, an der Mauer. Das Grab ist sehr einfach. Doch
weil
ich schon einmal dort war, suchte ich auch das Grab von
Becket,
und fand nebenbei noch jenes von Gainsbourg. Dort,
rund um einen
riesigen Marmorblock, turnten nämlich ein Paar
junge Mädchen
herum und rauchten wie die Kamine. Sie passten
echt zum dekadenten
Gainsbourg. Kennst du seine Musik, Marlena?
Sie ist ja sehr sensibel
und kreativ, muss ich zugeben. Aber als Typ
war er ein bisschen
verdorben, zu artistisch. Es war ihm geradezu
ins Gesicht geschrieben.

Und ein paar Schrittte weiter lag ein einfaches Grab von Samuel
Becket, einem der grössten Dramatiker unserer Zeit. Es kam mir
vor wie eine grosse, kühle Schutzhülle, etwas abweisend und still
vor sich hin liegend. Sartre war also ein Ziel. Du kennst vielleicht
die Sehnsüchte und Vorstellung von pupertären Gymnasiasten.
Ich habe mir damals nie und nimmer vorgestellt, dass ich einmal so konventionellerweise arbeiten würde, so von 8 bis 12 und von
14 bis 18 Uhr. Nie im Leben, doch nicht ich. Aber so etwas wie
Sartre getan hat, so etwas hätte ich mir vorstellen können. Lesen,
schreiben, lieben, protestieren, reisen, wieder schreiben, wieder
lesen und so weiter, immer im Kreis herum.
Und jetzt sitze ich hier in einem Büro (nun ja, sagen wir eine kleine
Bibliothek) der öffentlichen Administration, des öffentlichen
Dienstes, wie es in Deutschland so schön heisst, und arbeite von
8-12 und von 14bis 18Uhr. Und alles ist so gewöhnlich und so
grau wie rundum hier, ausser dass ich eine sensationelle geheime
Mailfreundschaft habe, die mich lebendig und am Leben behält.
Ach, sowas hatten wir uns vorgestellt: Schriftsteller, Philosoph,
Journalist, öffentliche Figur, dessen Meinung die Leute in
Aufregung und Politiker in Nervosität bringt. Eine romantisches
und kreatives Leben, so habe ich es mir ausgemalt, wenn ich es
mir überhaupt ausgemalt habe. Ein Leben in den Cafés, zwischen
Whisky und einer intellektuellen Geliebten hin und her pendelnd,
gut aussehend und schlimm lebend, bleich, aber interessant.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lachen. Es waren
natürlich wunderbare Zeiten. Aber wir waren nicht von dieser Welt.
Wir hatten keine Ahnung vom Leben. Wir waren kleine Träumer.
Und jetzt soll es eine Sartre Revival geben. Sie entdecken ihn wieder,
wie auch seinen Gegenspieler Camus. Der Ernst des engagierten
Lebens kehrt wieder. Man hat Sartre zwar unterdessen einiges
vorgeworfen, dass er ein Antisemitismus-Gewinnler wäre, und
dass die Résistance immer auch ein bisschen kollaboriert habe.
Aber Sartre wurde doch nie zu einem französischen "Fall Heidegger".
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