Meine Liebe Maus-Freundin
Nein, ich fand die Bezeichnung Mailpartner nicht zu vertraulich,
sondern im Gegenteil eben zu formal. Aber sie stimmt natürlich
zu 100%, sie ist beängstigend genau, ich kann nichts dagegen
sagen, meine liebe Mailpartnerin, du hast absolut und vollkommen
Recht damit. Das reiht uns ein in die Serie der Geschäftspartner, der
Tennispartner (im gemischten Doppel beispielsweise), der Lebens-
partner, der Lebensabschnittpartner (gutes Wort, nicht wahr, existiert
wirklich in Deutsch, ist aber wohl im Wörterbuch noch nicht zu finden)
usw. Nun ist ein Mailpartner aber gewiss kein penfriend, sondern eher
ein mouse-friend. Wir sind im Grunde genommen und bei Lichte
betrachtet zwei Mausfreunde, Mausfreundin und Mausfreund.
Das ist die korrekte Bezeichnung, da haben wir sie, hurrah!
***
"Ich bin superschlank und lache herzlich. Wenn ich es ansehe kann ich
mich genau erinnern wie lustig wir es an solchen Abenden hatten. Ach
wie schön und sorglos das Leben damals war!" Das schreibst du, indem
du die Fotos am Pinbrett über deinem PC anschaust und schon fast ins
Träumen kommst. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!"
Dieser kleine Säufzer zum Schluss hat mich berührt. Er macht dich zu
meiner Schwester, denn ich fühle oft genau so. Es ist die Melancholie
des fortgeschrittenen Alters, die da und dort und immer wieder
aufkommt. Es ist die Traurigkeit des Abschieds (davon könnte
Rimbaud ein Liedlein singen!!). Es ist - alles in allem - die süssbittere
Erinnerung ans Paradies, das verlorene, woraus wir vertrieben worden
sind. Wenn meine Töchter abends weg wollen und um Erlaubnis
fragen, ...
Du siehst Marlena, meine Schwester im Geiste, bei mir kommt eine
ähnliche Erinnerung auf, und es macht mich gelegentlich schon
melancholisch, wie doch die Zeit und das Leben rasant vergeht! Der
tägliche Alltag kriecht voran wie eine Schnecke, aber diese grossen
zeitlichen Räume fliehen dahin wie die Südwinde. Ist es nicht
sonderbar und schmerzlich ?
Ganz klar ist Mailen lebensgefährlich. Wer zuviel mailt, der verpasst
das Leben. Und das ist ziemlich gefährlich. Du tönst auch an, dass
du abhängig werden könntest? Das glaube ich zwar nicht, denn du
scheinst dich im allgemeinen sehr gut unter Kontrolle zu haben,
darauf würde ich wetten. Doch wenn dem so sein sollte, wenn du
wirklich abhängig würdest, den Haushalt vernachlässigt, deine
Anna hungernd und verlumpt in einer Ecke dahin vegetierend,
die Mahnungen und Zahlungsbefehle ins Haus flatternd, wenn der Gerichtsvollzieher unten vor der Türe steht, dann gibt es sicherlich
eine Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, die AA, wo du als
AM (anonymer mailer) beitreten kannst und Zuspruch und
Behandlung erhalten würdest. Doch es ist gefährlicher für Leute,
die chatten. Der Chat ist die wirklich lebensbedrohliche Gefahr, da
wirst du mir zustimmen. Vielleicht müssen wir zwei Mausfreunde
zur Abwechslung wieder einmal chatten, nur so zum Spass, nur so
um die gegenseitige Lebendigkeit etwas auszukosten, und der
heillosen nackten Gefahr direkt ins Auge zu sehen.
...
Mittwoch, 20. Januar 2010
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