Subject: Re: Ti voglio molto bene
Date: Sat, 08 Jul
Liebste Marlena
Das ist ein so schönes und ruhiges und liebes Mail, dass ich noch ganz gerührt bin. Ich habe es heute morgen rasch gelesen, dann musste ich los an die Sitzung mit dem Redaktor. Und jetzt ist es 1900h und ich bin zurück. Ich danke Dir herzlich, und ich möchte Dich küssen. Ich fühle, dass es die Abschiedsstimmung ist, und die macht mir immer ein bisschen Sorgen, wie du ja weißt.
Die vielen Fische, ach, ich beneide Euch um die Fische. Ich mag sehr gerne Fisch. Und wenn man noch weiss, dass sie aus gesunden und sauberen Gewässern kommen, dann kann man davon leben und braucht fast nichts dazu. Und wenn man sie - last but not least - selbst gefangen hat, dann ist es das höchste der Gefühle und der beste Geschmack.
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Ich weiss, dass Du diesen Norden sehr liebst und dass er Dir alles bedeutet. Im Iran ist es im Moment 42°, wie mir mein Neffe gester gemailt hat. Also, sei glücklich mit Norrland. Im Iran muss man ständig in der Nähe der Air Condition liegen und darf sich kaum bewegen tagsüber, um nicht gleich in einem Schweissbad zu enden. Doch es gibt auch dort einige Ausweichmöglichkeiten. Man kann in die Berge fahren, wo unsere Schwiegermutter ein Wochenendhaus hat. In den letzten Jahren waren sie während des Sommers meist dort oben. Und die Nàchte sind dort geradezu kühl. Oder man kann in die höchsten Lagen der Stadt fahren, wo die superreichen Leute wohnen. Dort oben gibt es etliche Restaurants und auch Pärke, wo man spazieren kann. Und dann haben wir das Bassin im Garten. Die Schwiegermutter hat zwar nur eine Wohnung in einem Block. Aber letztes Jahr hat sie das Wasser für das Bassin finanziert, weil sich das sonst kaum jemand leisten konnte. Und dieses Jahr wird es ähnlich sein, und dann ist das Bad für uns reserviert. Sie hat eine Rente der Uno, weil N Khan bei der Uno in Teheran gearbeitet hatte. Und weil die Inflation im Iran recht hoch ist, steigt ihre Rente praktisch jeden Monat. Sie kann sehr gut damit leben. Aber sie hat auch ein gutes Herz und gibt viel für Verwandte und arme Leute. Sie ist gläubig, und im Islam ist man verpflichtet, einen Teil seines Vermögens an die armen Menchen zu geben. Und sie tut es sogar für uns auch, hat mir S einmal erzählt, dh sie verschenkt auch soviel, wie wir - wenn wir denn islamisch leben würden - geben müssten.
Sei also zufrieden, Marlena, nach Norrland gehen zu können. Und es ist doch gut für Euch als Familie. So wie du es schilderst ist es ein richtiges Auftanken von Lebensenergie dort oben. Und so wie ich dich kenne, meine Liebe, wirst du das nicht so leicht aufgeben können. Sieh dich also vor, wenn du nach Brasilien auswanderst. Norrland ist dann weit weg. Auf den Fotos konnte ich sehen, wie K den Deckel vom Kamin hebt. Und auf einem älteren Foto wart ihr gerade am Gras mähen und heuen. Und dann eben sieht es aus wie in einem schönen Park und man fühlt sich wohl und zufrieden. Es ist sehr erholsam, das einfache Leben. Es ist sozusagen wie eine kulturelle Fastenkur. Man findet zu den Menschen zurück, nimmt sich Zeit für Kontakte und für die Erinnerungen an alte Tage.
Unsere Mutter hat auch oft diese einfache Lebensweise gesucht in den Ferien. Wir sind dann in irgend eine Ferienwohnung in einem Bergdorf gewesen. Und einmal hat sie mit den jüngeren zwei Geschwistern einen ganzen Sommer in einer Alphütte oben in den Bergen gelebt. Das muss ungefähr so gewesen sein, wie man es in der Geschichte von "Heidi" lesen kann. Kennst du diesen Kinderroman?
Und wenn du dabei "Nicht ohne meine Tochter" liest, so - verzeih mir diese Bemerkung - so passt das nicht ganz in diese Umgebung. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich es nicht gelesen habe. S hat immer wieder geschumpfen wärend der Lektüre und sie hat gedacht, das sei eine absichtliche Verunglimpfung der Perser und ihrer Kultur. Ich habe nur den Film gesehen. Und danach habe ich mir gesagt: doch, so oder ähnlich kann es schon gewesen sein. Es ist möglich, dass ein Perser, ein Arzt in Amerika ganz anders denkt als dann, wenn er nach Hause kommt. Dann gliedert er sich wieder in seine Familie und den Clan ein. Und dann ist er nicht mehr frei zu entscheiden.
Wir haben gelegentlich überlegt, ob wir nicht im Iran leben sollten. Ich aber wollte nicht zuletzt aus diesen Gründen nicht. Die Familie hat absolute Priorität. Sie können Dich jederzeit besuchen und du musst dich so verhalten, als ob du seit Wochen auf sie gewartet hättest. Alles musst du fallenlassen, nur für sie, und du musst ihnen alles offerieren, was du gerade im Haus hast. Und wenn du erfolgreich bist, fängt es an, ihnen so zu gefallen, dass sie gar nicht mehr heimwollen. Und dann offerierst du ihnen auch noch ein Bett. Ach, du kannst dich ruinieren dabei. So ein Leben hätte ich mir schwerlich vorstellen können. Ich brauche viel Ruhe und eine ungestörte Atmosphäre.
Die Familie ist wirklich eine Macht, und sie bildet ein enges Netz, innerhalb dessen du dich bewegen musst. Man muss wirklich rundum Rücksicht nehmen. Damit fühlt man sich vielleicht geborgen und sicher, man nimmt Anteil an den Sorgen und Freuden der anderen Familienmitglieder. Aber man ist nicht mehr frei, wie wir es hier in Europa sind. Und schliesslich sind die Familie nicht nur Eltern und Kind, nein, auch Grosseltern, Tanten und Onkel, Vetter und Basen. Ach ja, es hat gar kein Ende. So war es bei uns auch noch vor ein oder zwei Generationen. Damals hatte man vor allem Kontakt mit den eigenen Verwandten. Man hat sich besucht und man hat sich gegenseitig unterstützt und man hat auch leidenschaftlich gestritten.
Wenn ich also S erzählen würde, dass hier eine nette Schwedin Iran über das Buch von Mahoody kennen lernen will, dann wäre sie hell entsetzt. Und sie würde dir Bücher vorschlagen von Saadi, von Hafez, von diesen alten Klassikern oder vielleicht auch von ein paar jungeren Schriftstellern. Aber bestimmt nicht dieses Buch. Sie würde denken, du lernst Persien von der schlechtesten Seite und auf eine falsche, dh nicht sehr wahre Art kennen. Sie meint, wenn denn etwas daran wahr sei, dann sei es eine sehr einfache, sehr fundamentalistisch religiöse und unkultivierte Familie.
Aber wie gesagt, ich behaupte, es kann wahr sein. Und ich weiss auch, dass eben alte Gesellschaften sehr hart sein können, dass sie strenge Mechanismen haben, um den Zusammenhalt zu schffen. Es ist fast wie der Kampf in der Natur, der ja auch brutal sein kann. Wenn ein persisches Ehepaar scheidet, dann kommen die Kinder zum Mann. Das ist islamisches Gesetz. Und eine Ausnahme kann nur der Mann selbst entscheiden.
Ich habe ein anderes Buch über den Iran gelesen. Es ist von einer jungen Perserin geschrieben, die in den USA studiert hatte und dann zurück in den Iran ging. Sie hat dort die Revolution erlebt. Sie hat sehr schlimme Dinge erlebt. Aber sie hat das alles beschrieben mit einer unerhörten Gelassenheit. Das fand ich sehr kultiviert. Vielleicht kann ich herausfinden, wie der Titel dieses Buches ist. Vielleicht für nächsten Sommer in Norrland?
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Ich glaube, das ist eines der letzten Mails, das du hier und jetzt bekommst. Du weißt, ich weiss nicht, was ich im Iran ausrichten kann. Am besten rechnest du mit gar nichts. Und sollte mal was ankommen, dann ist es eine Überraschung. Ich hoffe einfach, dass ihr eine gute Reise habt. Es ist ja lange, zwei Tage. Und dass ihr es schön habt und Energien und Lebensfreude tanken könnt in Norrland. Die Natur ist ja doch eine der wirksamsten Quellen der Energie. Und ich hoffe, dass alles gut läuft und dass ihr jede Menge Fische bekommt.
Und natürlich, liebste Marlena, hoffe ich, dass wir uns Mitte August wieder treffen. Und dass wir uns viel zu erzählen haben und wieder voller Freude Kontakt haben werden.
Und dass ich mich kürzlich "daneben benommen" habe, dafür bitte ich Dich um Entschuldigung. Ich schäme mich wirklich ein bisschen dafür, weil ja auch etwas Alkohol im Spiel war. Das ist nicht gerade gentleman-like!! Es ist wahr, wenn du sagst, du hättest das nicht verdient. Das hast du wirklich nicht. Du hast dich wirklich noch nie "daneben benommen", auch wenn du dich kürzlich für irgendwas entschuldigt hast.
Ich umarme dich und küsse dich über das ganze Gesicht
Bleib meine Marlena
Dein ...