Dienstag, 19. Juli 2011

Eingeladen

Ich liebe dieses kleine Gedicht, das ich in einem Buch von Annas Lyrikkurs gefunden habe. Bruno K. Öjer heisst der Dichter. Einer unserer Bekanntesten von den Jüngeren.
Gefällt es dir auch?

Inbjuden

inbjuden
dök jag aldrig upp
och det måste ha sårat dom in i märgen
men jag var bara trött

så trött på all falskhet omkring mej
att jag istället vände mej till dom döda
som ivrigt ställde fram sin mat
och ville få mej att äta och dricka
ville att jag skulle stanna kvar
och bli en av dom
deras ögon spann sin dimma
vävde redan i mej
och jag tog ett steg tillbaka
jag vägde för och emot
försökte tänka
vinna tid


Eingeladen
Eingeladen
tauchte ich nicht auf
und es muss sie verletzt haben bis ins Mark
aber ich war nur müde
so müde von aller Falschheit um mich herum
dass ich mich statt dessen an die Toten wandte
die eifrig ihr Essen vorsetzten
und wollten dass ich essen und trinken sollte
wollten dass ich bleiben sollte
und einer von ihnen werden
Ihre Augen spannen ihren Nebel
webten schon in mir
und ich machte einen Schritt zurück
und wog dafür und dagegen
versuchte zu denken
Zeit zu gewinnen

*

Montag, 18. Juli 2011

.. im Norden

Subject: Fortsetzung..
 16:38:24 CEST

Mein Liebster,
Ich habe ein paar Minuten für mich und will sie dir schenken. Wie du siehst habe ich dir noch ein paar Bilder geschickt. Sie sind direkt unter unserem Sommerhaus aufgenommen und genau dort wirst du mich fast jeden Tag sehen können. Auf den drei Bildern kannst du sehen wie man "sik" fischen kann. Es ist ein ziemlich grosser, etwas trockener Fisch, der aber sehr gut schmeckt und von dem die "Norrlänningar" grosse Mengen essen. (Vielleicht sind sie deshalb so intelligent :-) Auch ich habe riesenmengen Fisch gegessen den Sommer als ich Anna erwartete. ;-)
Mach dir keine Sorgen wenn du die Namen nicht behalten kannst. Ich muss dir gestehen dass ich sie jedesmal wieder vergesse (die deutschen Bezeichnungen also).
Bist du mir wieder gut, mein Liebling? Ich möchte dich noch um Verzeihung bitten für gestern. Ich wusste nicht, was ich nun weiss.
Ich liebe dich doch "i lust och nöd" wie es bei uns heisst.

Übrigens, das Netz auf den Bildern wird mit dem kleinen Boot in einem grossen Bogen rausgelegt und dann reingezogen. Es ist eine schöne Touristenattraktion und manchmal kommen sogar Leute in Bussen um das zu sehen bei uns.
Bald werde ich nochmals den Frühling erleben. Denn wenn wir dort oben ankommen blüht sicher noch der Flieder und die Vöglein sind noch in ihren Nistkästen. Ach, es ist alles so schön und ich möchte es dir so gern einmal zeigen.
...
Das Kalix Flusstal streckt sich vom Hochgebirge im Nordwesten bis zum bottnischen Meer
(...)

Das war noch ein wenig über die Gegend wo ich sein werde. Hoffentlich langweilt es dich nicht zu sehr.



Ich schreibe dir bald wieder. Lass auch von dir hören, mein Liebling. Ich vermisse dich sehr
Deine Marlena

Date: Fri, 07 Jul

Donnerstag, 7. Juli 2011

kulturelle Fastenkur - Iran und Norrland

Subject: Re: Ti voglio molto bene
Date: Sat, 08 Jul

Liebste Marlena
Das ist ein so schönes und ruhiges und liebes Mail, dass ich noch ganz gerührt bin. Ich habe es heute morgen rasch gelesen, dann musste ich los an die Sitzung mit dem Redaktor. Und jetzt ist es 1900h und ich bin zurück. Ich danke Dir herzlich, und ich möchte Dich küssen. Ich fühle, dass es die Abschiedsstimmung ist, und die macht mir immer ein bisschen Sorgen, wie du ja weißt.
Die vielen Fische, ach, ich beneide Euch um die Fische. Ich mag sehr gerne Fisch. Und wenn man noch weiss, dass sie aus gesunden und sauberen Gewässern kommen, dann kann man davon leben und braucht fast nichts dazu. Und wenn man sie - last but not least - selbst gefangen hat, dann ist es das höchste der Gefühle und der beste Geschmack.
*
Ich weiss, dass Du diesen Norden sehr liebst und dass er Dir alles bedeutet. Im Iran ist es im Moment 42°, wie mir mein Neffe gester gemailt hat. Also, sei glücklich mit Norrland. Im Iran muss man ständig in der Nähe der Air Condition liegen und darf sich kaum bewegen tagsüber, um nicht gleich in einem Schweissbad zu enden. Doch es gibt auch dort einige Ausweichmöglichkeiten. Man kann in die Berge fahren, wo unsere Schwiegermutter ein Wochenendhaus hat. In den letzten Jahren waren sie während des Sommers meist dort oben. Und die Nàchte sind dort geradezu kühl. Oder man kann in die höchsten Lagen der Stadt fahren, wo die superreichen Leute wohnen. Dort oben gibt es etliche Restaurants und auch Pärke, wo man spazieren kann. Und dann haben wir das Bassin im Garten. Die Schwiegermutter hat zwar nur eine Wohnung in einem Block. Aber letztes Jahr hat sie das Wasser für das Bassin finanziert, weil sich das sonst kaum jemand leisten konnte. Und dieses Jahr wird es ähnlich sein, und dann ist das Bad für uns reserviert. Sie hat eine Rente der Uno, weil N Khan bei der Uno in Teheran gearbeitet hatte. Und weil die Inflation im Iran recht hoch ist, steigt ihre Rente praktisch jeden Monat. Sie kann sehr gut damit leben. Aber sie hat auch ein gutes Herz und gibt viel für Verwandte und arme Leute. Sie ist gläubig, und im Islam ist man verpflichtet, einen Teil seines Vermögens an die armen Menchen zu geben. Und sie tut es sogar für uns auch, hat mir S einmal erzählt, dh sie verschenkt auch soviel, wie wir - wenn wir denn islamisch leben würden - geben müssten.

Sei also zufrieden, Marlena, nach Norrland gehen zu können. Und es ist doch gut für Euch als Familie. So wie du es schilderst ist es ein richtiges Auftanken von Lebensenergie dort oben. Und so wie ich dich kenne, meine Liebe, wirst du das nicht so leicht aufgeben können. Sieh dich also vor, wenn du nach Brasilien auswanderst. Norrland ist dann weit weg. Auf den Fotos konnte ich sehen, wie K den Deckel vom Kamin hebt. Und auf einem älteren Foto wart ihr gerade am Gras mähen und heuen. Und dann eben sieht es aus wie in einem schönen Park und man fühlt sich wohl und zufrieden. Es ist sehr erholsam, das einfache Leben. Es ist sozusagen wie eine kulturelle Fastenkur. Man findet zu den Menschen zurück, nimmt sich Zeit für Kontakte und für die Erinnerungen an alte Tage.

Unsere Mutter hat auch oft diese einfache Lebensweise gesucht in den Ferien. Wir sind dann in irgend eine Ferienwohnung in einem Bergdorf gewesen. Und einmal hat sie mit den jüngeren zwei Geschwistern einen ganzen Sommer in einer Alphütte oben in den Bergen gelebt. Das muss ungefähr so gewesen sein, wie man es in der Geschichte von "Heidi" lesen kann. Kennst du diesen Kinderroman?
Und wenn du dabei "Nicht ohne meine Tochter" liest, so - verzeih mir diese Bemerkung - so passt das nicht ganz in diese Umgebung. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich es nicht gelesen habe. S hat immer wieder geschumpfen wärend der Lektüre und sie hat gedacht, das sei eine absichtliche Verunglimpfung der Perser und ihrer Kultur. Ich habe nur den Film gesehen. Und danach habe ich mir gesagt: doch, so oder ähnlich kann es schon gewesen sein. Es ist möglich, dass ein Perser, ein Arzt in Amerika ganz anders denkt als dann, wenn er nach Hause kommt. Dann gliedert er sich wieder in seine Familie und den Clan ein. Und dann ist er nicht mehr frei zu entscheiden.
Wir haben gelegentlich überlegt, ob wir nicht im Iran leben sollten. Ich aber wollte nicht zuletzt aus diesen Gründen nicht. Die Familie hat absolute Priorität. Sie können Dich jederzeit besuchen und du musst dich so verhalten, als ob du seit Wochen auf sie gewartet hättest. Alles musst du fallenlassen, nur für sie, und du musst ihnen alles offerieren, was du gerade im Haus hast. Und wenn du erfolgreich bist, fängt es an, ihnen so zu gefallen, dass sie gar nicht mehr heimwollen. Und dann offerierst du ihnen auch noch ein Bett. Ach, du kannst dich ruinieren dabei. So ein Leben hätte ich mir schwerlich vorstellen können. Ich brauche viel Ruhe und eine ungestörte Atmosphäre.
Die Familie ist wirklich eine Macht, und sie bildet ein enges Netz, innerhalb dessen du dich bewegen musst. Man muss wirklich rundum Rücksicht nehmen. Damit fühlt man sich vielleicht geborgen und sicher, man nimmt Anteil an den Sorgen und Freuden der anderen Familienmitglieder. Aber man ist nicht mehr frei, wie wir es hier in Europa sind. Und schliesslich sind die Familie nicht nur Eltern und Kind, nein, auch Grosseltern, Tanten und Onkel, Vetter und Basen. Ach ja, es hat gar kein Ende. So war es bei uns auch noch vor ein oder zwei Generationen. Damals hatte man vor allem Kontakt mit den eigenen Verwandten. Man hat sich besucht und man hat sich gegenseitig unterstützt und man hat auch leidenschaftlich gestritten.
Wenn ich also S erzählen würde, dass hier eine nette Schwedin Iran über das Buch von Mahoody kennen lernen will, dann wäre sie hell entsetzt. Und sie würde dir Bücher vorschlagen von Saadi, von Hafez, von diesen alten Klassikern oder vielleicht auch von ein paar jungeren Schriftstellern. Aber bestimmt nicht dieses Buch. Sie würde denken, du lernst Persien von der schlechtesten Seite und auf eine falsche, dh nicht sehr wahre Art kennen. Sie meint, wenn denn etwas daran wahr sei, dann sei es eine sehr einfache, sehr fundamentalistisch religiöse und unkultivierte Familie.
Aber wie gesagt, ich behaupte, es kann wahr sein. Und ich weiss auch, dass eben alte Gesellschaften sehr hart sein können, dass sie strenge Mechanismen haben, um den Zusammenhalt zu schffen. Es ist fast wie der Kampf in der Natur, der ja auch brutal sein kann. Wenn ein persisches Ehepaar scheidet, dann kommen die Kinder zum Mann. Das ist islamisches Gesetz. Und eine Ausnahme kann nur der Mann selbst entscheiden.
Ich habe ein anderes Buch über den Iran gelesen. Es ist von einer jungen Perserin geschrieben, die in den USA studiert hatte und dann zurück in den Iran ging. Sie hat dort die Revolution erlebt. Sie hat sehr schlimme Dinge erlebt. Aber sie hat das alles beschrieben mit einer unerhörten Gelassenheit. Das fand ich sehr kultiviert. Vielleicht kann ich herausfinden, wie der Titel dieses Buches ist. Vielleicht für nächsten Sommer in Norrland?
*
Ich glaube, das ist eines der letzten Mails, das du hier und jetzt  bekommst. Du weißt, ich weiss nicht, was ich im Iran ausrichten kann. Am besten rechnest du mit gar nichts. Und sollte mal was ankommen, dann ist es eine Überraschung. Ich hoffe einfach, dass ihr eine gute Reise habt. Es ist ja lange, zwei Tage. Und dass ihr es schön habt und Energien und Lebensfreude tanken könnt in Norrland. Die Natur ist ja doch eine der wirksamsten Quellen der Energie. Und ich hoffe, dass alles gut läuft und dass ihr jede Menge Fische bekommt.
Und natürlich, liebste Marlena, hoffe ich, dass wir uns Mitte August wieder treffen. Und dass wir uns viel zu erzählen haben und wieder voller Freude Kontakt haben werden.
Und dass ich mich kürzlich "daneben benommen" habe, dafür bitte ich Dich um Entschuldigung. Ich schäme mich wirklich ein bisschen dafür, weil ja auch etwas Alkohol im Spiel war. Das ist nicht gerade gentleman-like!! Es ist wahr, wenn du sagst, du hättest das nicht verdient. Das hast du wirklich nicht. Du hast dich wirklich noch nie "daneben benommen", auch wenn du dich kürzlich für irgendwas entschuldigt hast.
Ich umarme dich und küsse dich über das ganze Gesicht
Bleib meine Marlena
Dein ...

Gewitter

Subject: Gute Nacht, ...


Ach, du mein innig geliebter Mausfreund,
Du hast es geschafft.. Du schreibst so lustig und verrückt dass ich doch lächeln musste obwohl es mir sonst im Moment sehr schwer fällt.. aber das gehört in mein ”real-life” und ich will nicht davon schreiben jetzt. Diese letzten Tage vor der ”Wüste” möchte ich nicht mit traurigen Worten füllen.
*
Als ich schliesslich von meinem Arbeitsplatz aufbrach heute Nachmittag hat es so gegossen dass ich lange vor dem Kaufhaus warten musste bevor ich das Auto verlassen konnte. Und auch dann war ich platschnass als ich es betrat und die Kleider klebten fast unanständig an meinem Körper. :-) K hat erzählt dass hier ein ganz schreckliches Gewitter war, als wir in Italien waren. Es war als wäre die Hölle los gewesen. ...  Hier bei uns haben sich die Lautsprecher des Pcs und der Printer von selbst eingeschaltet.
...
Ach chéri, nun bist du sicher schon sehr gelangweilt. Ich erzähle dir von Blitz und Donner wo du doch eigentlich viel wichtigere Dinge wissen möchtest. ;-)

Wie lange bleibst du denn in Iran? Und wann genau fährst du ab?

Ach .., ich wage garnicht daran zu denken, dass es bald Zeit ist ohne deine Mails zu leben. Ich werde dich keine Sekunde vergessen aber ich werde krank werden vor Sehnsucht nach deinen schönen Briefen.

Ich wollte mehr schreiben aber kam erst sehr spät an den PC. Ich schreibe dir sicher morgen wieder

Du machst mich glücklich.
Deine Marlena

Mittwoch, 6. Juli 2011

Gedankenmails


date 6 July 2006 08:12
subject :-)



Lieber Mausfreund,

In dieser hektischen Zeit wünsche ich, dass du all meine langen
Gedankenmails lesen könntest.

Ich werde versuchen dir nochmals zu schreiben bevor wir in den Norden reisen.
Bis dahin alles Gute.
MlG
Malou

PS Ein Küsschen auf die Schläfe bekommt du.. dort spürt man nämlich
das Blut pulsieren.  Du kennst meine vampyrische Veranlagung.



O wie doch alles, eh ich es berührte,

18 February 2007 10:34
subject Re: O wie doch alles, eh ich es berührte,

Liebe Malou
Wir haben hier wunderschönes Frühsommerwetter, so pflege ich zu sagen.
Es ist zwar kühl am Morgen, aber sobald die Sonne kommt, wird es
ziemlich warm. Die Basler machen sich bereit für ihre Fasnacht, die am
Montag in einer Woche beginnen soll. Natürlich wünschten sie sich
solches Wetter. Aber sie pflegen ihre Rituale auch bei Regen und
Schneegestöber zu geniessen. Ihre Freude lassen sie sich einfach nicht
nehmen. Aber sie tun das mehr oder weniger ohne mich.

Und soll ich dir jetzt auch noch etwas von den drei Tauben erzählen,
diese weissen Dinger, die am hellblauen Himmel und rund um den
Kirchturm kreisen. Es ist merkwürdig, dass sie so weiss ausschauen.
Wenn man sie in der Nähe sieht, sind sie selten so weiss.
Als wir noch in L gelebt haben, gab es einen Nachbarn, der
Tauben hatte. Und als Bub hatte ich mir immer gewünscht, später im
Leben einmal so ein Pärchen Tauben zu halten, die so hübsch
nebeneinader sitzen oder ab und zu in der Gegend herumfliegen. Die
Tauben, die jener Nachbar hatte, waren gänzlich weiss und schienen
mir so sauber und gepflegt wie Tierchen aus Zuckerguss.

Ja, dieses Rilke Gedicht hat eine Wahrheit in sich. Es ist doch
irgendwie verwandt mit der Aussage, das Schöne sei der Anfang des
Schrecklichen. Das ist so einfach gesagt mit ein paar Worten. Und im
Grunde genommen findest du es auf dieser Welt immer wieder und
überall. Es ist in der Liebe so. Es ist im Leben so. Es ist mit den
Dingen so. Es ist wirklich überall irgendwie so.  Darin liegt diese
Melancholie, die man auch bei Rimbaud wieder findet.

Und du, Malou, wann unternimmst du wieder mal eine Reise nach
Stockholm?  Wohin gehst du, wenn du Luft brauchst? Dein Leben scheint
mir so ruhig und geregelt. Und dazu bist du mit Dokumentationsfragen
beschäftigt. Das ist Ordnungsmache im Quadrat. In letzter Zeit denke
ich immer wieder, wie häuslich und gemütlich du es zuhause hast. Das
wird bei mir umso stärker, je mehr ich mich heimatlos fühle.

Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
Liebe Grüsse und Küsse
...

Dienstag, 5. Juli 2011

An mein Uneigentum

date17 February 2007 15:52
subject An mein Uneigentum


Liebster Mausfreund,
Schau was ich gefunden (und für dich ausgewählt habe):
Mit einem lieben Wochenendgruss,
Malou

Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
[...]
Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)

Montag, 4. Juli 2011

Missverständnis



Subject: Re: gute Zeiten schlechte Zeiten

Ach, du mein allerliebster Mausfreund,
Was haben wir nur getan gestern? Alles war doch ein einziges grosses Missverständnis. Ich wollte dir nur ganz schnell etwas süsses zum Nachmittagskaffe schicken, nun es ist Fisch geworden, vielleicht nicht eine meiner brightestens Ideen. Aber da ich sehr in Eile war dachte ich, ich habe jedenfalls Zeit dir ein wenig Information zu senden über den Fluss an dem ich den Sommer verbringe. Ich will dass du mich in meinem richtigen Milieu sehen kannst wenn du einmal in meine Richtung schaust. Und das mit den schlecht gewählten Worten am Ende des mails musst du mir vergeben. Es ist eben nicht so perfekt, mein Deutsch, wie ich es wünschen würde, besonders wenn ich einem Wortkünstler wie dir schreibe.:-)
...
Deinen Brief habe ich noch nicht geöffnet. Ich möchte dir erst dieses Mail schreiben damit du siehst wie ich denke bevor ich ihn gelesen habe.
Du fragst was du falsch machst. Solange du mich liebst machst du nichts falsch. Dann sehe ich alle deine Worte (die lieben und die anderen) als einen Ausdruck deiner Liebe. Aber weisst du, vielleicht solltest du ein wenig mehr vertrauen zu mir haben. Du solltest wissen, dass der gestrige kleine Nachmittagsgruss kein Abschiedsbrief sein kann. Warum sagen wir eigentlich Abschiedsbrief. Es ist doch ”nur” für einen Monat und du weisst dass du jede Minute bei mir sein wirst. Ich werde mein Sommerparadies ganz mit dir erleben und ich bin sicher dass ich es noch nie zuvor so schön gesehen haben werde.

Liebster, ich schicke dir nun zuerst diese Worte weil ich im Moment allein bin.
Schreibe später weiter
...
Marlena

PS Wir fahren erst am Sonntag weil es bis Montag dort oben regnen wird und wir brauchen Sonne wenn wir ankommen. Ich schreib dir mehr darüber später heute, ja?
Kuss mit viel SSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS

Sonntag, 3. Juli 2011

" Ich verabschiede mich " ........?????

Subject:  " Ich verabschiede mich " ........?????

Liebe Marlena,
das ist ein schönes reichhaltiges Mail. Ich glaube, ich muss anfangen Lachs zu fischen. Dann habe ich genügend Gründe, nach Schweden zu gehen und mich dort umzuschauen. Ich glaube das ist es. Meine ganze Familie isst gerne Lachs. Sie würden es begrüssen, wenn ich dorthin ginge, um ein paar grosse Brocken heimzubringen.
Ach Marlena, du wolltest mich anrufen. Wenn ich das höre, dann werde ich ganz unruhig beim Gedanken, was ich verpasst habe. Nein, es ist doch nicht möglich! Es wäre für mich wirklich ein einzigartiger Moment gewesen, mit meiner Marlena reden zu können. Besonders in diesem Moment, vor dem Abschied und dem grossen Unterbruch. Und es wäre gut, vorher nichts gewusst zu haben. Sonst wäre ich ja fast nervös und meine Stimme wäre vielleicht zu laut wegen der Aufregung. Ach, mein Schatz, dass du an sowas gedacht hast, das berührt mich sehr. Und dass es nicht geklappt hat, das erstaunt mich fast gar nicht. Ich sitze hier in einem Hochsicherheitstrakt, wie in einer Bank oder in einem Gefängnis für Schwerverbrecher. Man kommt nicht so leicht herein. Ach wie schade, dass es wirklich nicht geklappt hat. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich vieles umgestellt und dann hätte es wahrscheinlich schon geklappt. Es tut mir leid, Marlena. Aber schon deine Absicht und der Versuch ist für mich eine liebe Geste, fast soviel wie ein richtiges Gespräch. Du bist so lieb, wie kann ich es Dir sagen. Manchmal bist du so weit weg, und dann plötzlich bist du wieder nah und ich habe den Eindruck, ich kann dich wirklich wahrnehmen.
Dass du mir vorher nichts gesagt hast, von deiner Absicht, zu telefonieren, das finde ich echt - wie soll ich sagen - Schwedisch. Nun, vielleicht war es auch für dich eine spontane Aktion? Aber ich glaube, du gehst mit Kommunikation anders um als ich. Schweigen bedeutet vielleicht für dich was anderes als für mich. Über etwas nichts zu sagen, bedeutet was anderes. Ich glaube, wenn du über irgend eine Begebenheit oder Sache nichts sagst, dann wird es grösser in deinem Gefühl, gewichtiger, würdiger. Für mich wird es kleiner, eben nichtssagend, zu vernachlässigen, wenn nichts darüber gesagt wird. Ist es nicht so bei Rilke, dass er irgend einmal das Schweigen entdeckt hat, in deinem Sinne, dass das Schweigen sozusagen die höchste Steigerungder Kommunikation, oder der Mitteilung ist. Aber ich bin eben nur ein Psychologe, und kein Lyriker! Ja, dein Mail hat mir wieder meinen Hunger gestillt. Ich lebe ja wie ein Kamel. Alle vierzehn Tage kriege ich eine grosse Menge, die dann wieder durch die Wüste reichen muss. Aber weißt du, Marlena, ich sage das nicht in Kritik, sondern ich versuche nur zu sehen, was ist. Lebe ich eben wie ein Kamel! ;--) Auf jeden Fall hat mich das Mail sehr gefreut. Es ist voller Fischsorten, die ich nicht kenne. Und weil ich ein bisschen hungrig bin, stelle ich mir viele verschiedene und exzellente Geschmacksrichtungen vor. Ich glaube, die schwedische Kultur ist vielleicht doch ziemlich anders als die unsere. Ich möchte sie wirklich gerne näher kennenlernen. Und eines Tages werde ich nach Schweden kommen und euch alle eure Lachse aus den Flüssen fischen. Das werde ich tun.
*
Und zum Schluss sagst du "ich verabschiede mich". Meine Marlena, wer sagt denn sowas? Es ist alles ein bisschen kühl geschrieben. Ist das die Abschiedsstimmung oder sonst irgend was. Ich verabschiede mich, das sagt die Königin von England zum König von Schweden auf dem Flughafen, wenn die Ehrengarde daneben steht, und sie nicht sagen kann "Ciao Schatz". Ich verabschiede mich, das ist doch etwas unter Lords und Herzoginnen, aber doch nicht unter Mausfreunden. Irgendwas ist da los, meine Liebste. Du bist Spezialistin in der indirekten Kommunikation. Und das führt nun ja bei modernen Menschen doch eher zu Problemen. Also, du wirst es mir dann sagen, was hier los war. Vielleicht irre ich mich ja auch bloss. Das hoffe ich.
Meinst du jetzt mit "ich verabschiede mich" dass das das letzte Mail war vor den Ferien. Oder was soll es heissen. Es ist voller Mehrdeutigkeiten, meine Liebste.
Vielleicht hast du noch Zeit, mir zu erklären. Aber vielleicht musst du es im späten August machen. Doch wir haben Zeit, Marlena, die Welt rennt uns nicht davon.
Ich danke dir für das Mail. Ich muss es dann nochmals lesen, es hat soviel Information drin. Mit den Namen habe ich am meisten Probleme. Ich kann sie nicht behalten.
Ich liebe dich, und ich hoffe, dass du das einen ganzen Sommer lang in deinem Inneren spürst.
Dein ...


(Date: Thu, 06 Jul) 

Ferienantritt, Laptop und "Füdlibürger" ;-)

Ämne: Gruss
Datum: den 4 juli 2001 15:25

Liebe Marlena
Heute ist mein letzter Tag im Büro vor Ferienantritt. Es ging alles drunter und drüber bis heute morgen. Am Montag war ich noch in einer ärztlichen Kontrolle. Im letzten Moment empfahl man mir eine weitere Operation, weil Druckausgleich im rechten Ohr noch nicht normal funktionierte. Und so haben sie mich am Dienstag ein weiteres mal unters Messer genommen. Das war zwar eine ambulante Operation, aber dennoch mit Ausziehen, auf dem Bettgestell, mit einer örtlichen Betäubung. Es ist äusserst unangenehm, wenn sie dir mitten im Kopf herumfummeln. Und diesen Ein-druck hat man, wenn sie mit ihren spitzen Dingern ins Ohr hineinfahren und einen Höllenlärm veranstalten. Es war wirklich schwer zu ertragen.
Und so war ich gestern noch etwas benommen. Ich bin zuhause geblieben und habe geschlafen und etwas geruht. Aber gepackt habe ich eigentlich noch nicht. Ich glaube, ich überlasse es wieder einmal S. Nur bei den Büchern weiss ich mehr oder weniger, was ich mitnehmen will. Aber es ist zuviel. Ich muss noch etwas dezimieren.
*
Ja, Deine Rührung ist völlig in Ordnung und angebracht. Ich habe auf diesem kleinen Laptop geschrieben, was bloss mit sehr spitzen Fingern möglich war, und immer unendlich lang gewartet, bis sich das Ding bis ins Hotmail vorgedrängelt hatte. Es war qualvoll, das hast Du vielleicht nie direkt bemerkt. Ich wollte Dich auch nicht gleich zu Tränen rühren. Aber nun ist das anders. Jetzt ist es, als ob ich mit einem breiten Ferrari zum Himmel fahre. Komfortabel und erstklassig. ;--). Als ob ich mir irgendwo das selige Leben verdient hätte.
Und vielleicht bist Du nicht mein Manual, sondern eigentlich das Muttermal sozusagen (das sollte ein Scherz sein!). Auf jeden Fall bin ich froh, dass W. sein Monopol nicht extrem ausspielen kann. Sonst halte ich mich nämlich an ihn. Oder noch ein wenig an meine Sekretärin, die auch sehr viel weiss. Aber alles und jedes kann ich sie auch nicht fragen.
*
Wenn der Visper meint, die Schweizer seien Füdlibürger, dann meint er bestimmt alle, ausgenommen die Walliser. Ich kenne sie und weiss genau, wie sie das meinen. Das ist die gängige Ideologie im sonnigen Tal. Die übrigen Schweizer sind langweilige Typen, während die eigenen Landsleute wirklich etwas ganz anderes darstellen. Es gibt sogar Leute, die träumen von einer Republik Wallis und einem grossen Casino in der Mitte, um Steuern zu sparen. Ich glaube Peter von Roten hat diesen Gedanken immer wieder ab und zu hochgebracht.
Na ja, die Walliser sind schon ein wenig speziell, eben Südländer, wie die Provenzalen in Frankreich, oder die Bayern in Deutschland. Aber wenn man dann mal hingeht und schaut, wie es in Brig oder in Visp oder Siders so zugeht, da staunt man nur, wie sich alles normalisiert hat in den letzten 20 Jahren.
*
Bei uns haben nun auch die Sommerferien begonnen. ...

Lieber Mausfreund

Ämne: Samstag
Datum: den 1 juli 2001 04:34

Lieber ...,
Wie schön du Menschen beschreiben kannst. Ganz deutlich sehe ich deinen Hans vor mir und auch du wirst deutlicher wenn du mir die Menschen in deiner Umgebung so lebendig machst..Und dein Verwandter hätte sich gefreut wenn er deine Worte gesehen hätte. Nein, du bist nicht böse. Du hast ihn mit viel Wärme und Sympathie beschrieben. Und was könnte ihn mehr freuen als dass Dinge, die er geliebt hat, zu jemanden kommen, der sie schätzt und pflegt.

Ja, die Leute sterben um uns herum. Heute war ich schon wieder bei einem Begräbnis. Eine frühere Kollegin von mir die schon eine zeitlang in Rente war ist gestorben. Ich habe dir einmal von ihrem Mann erzählt der einer meiner besten Kollegen war und leider kurz nach seiner Pensionierung starb. Diesmal war es kein überraschender Tod, denn die Frau hatte Krebst im letzten Stadium aber es war trotzdem sehr traurig, weil ihre geliebte Tochter im August ein Kind erwartet und ich hätte es ihr gegönnt die Geburt ihres Enkelkindes erleben zu dürfen.
Die Zeremonie war sehr stimmungsvoll und auch der Männerchor, den ihr Mann so viele Jahre geleitet hatte, war da und hat ein paar Lieder gesungen. Sie waren alt geworden die Herren. Und viele alte Kollegen, von denen ich manche jahrelang nicht mehr gesehen hatte, waren gekommen, u.a. meine älteste Französischkollegin, die mir als ich sie zum ersten Mal sah uralt vorkam, die sich aber in den folgenden 20 Jahren kaum veränderte.
Nun war auch sie alt geworden, aber zum Glück nur der Körper. Sie und der Kulturjournalist (von dem ich dir schon früher mal erzählt habe), mussten eine Stunde auf den Bus warten, und ich entschloss mich ihnen in der Wartezeit Gesellschaft zu leisten. Wir gingen in ein Restaurant, wo wir in alten Zeiten viele schöne Stunden verbracht haben. Damals waren wir noch ein sehr junges Kollegium, und diejenigen die keine Familie hatten, die sie zu Hause erwartete, gingen oft nach der Arbeit zusammen dorthin essen. Es war eine schöne sorglose Zeit.
Und heute, als wir in diesem Lokal sassen (es hat sich kaum verändert in all den Jahren) spürte ich es wieder, dieses herrliche Gefühl von Freiheit, das immer seltener wird. Und wir haben uns über einer Tasse Kaffee an vergangene Zeiten erinnert, aber auch über alle Veränderungen gesprochen, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet Ausbildung stattgefunden haben. Ein trauriges Kapitel.
*
Ich bin ganz gerührt, wenn ich daran denke, dass du mir die ganze Zeit auf dem kleinen Laptop geschrieben hast. Und nun nennst du mich sogar dein kleines Manual.. Na ja, ”mein” gefällt mir ganz gut und ”kleines” ist auch nicht ganz falsch, aber bei Manual muss ich Stop sagen. Wenn ich nicht Anna hätte, könnte ich sicher nicht viel mehr als du auf diesem Gebiet. Aber Anna ist jederzeit bereit uns zu helfen.. Es ist schön dass ich dich nicht vor ihr verstecken muss. Du gehörst ganz einfach auch zu meiner Familie... :-) Das Vierte Blatt, wie du ja schon weisst.
Und dies mit dem Hessegedicht war ein reiner Zufall. Es kam mir wirklich sehr bekannt vor, aber ich wusste nicht mehr wo ich es gesehen hatte - und dann fand ich es in einer Anthologie, die ich am Anfang meiner Karriäre als Lehrbuch hatte. ”Eine Stunde Aufenthalt” hiess das Buch und enthielt wunderbare Kurzgeschichten von verschiedenen deutschsprachigen Schriftstellern. Åke und ich werden ganz nostalgisch wenn wir nur den Namen hören, so gut hat es uns gefallen. Jetzt ist es längst zu schwer geworden fürs Gymnasium. Höchstens an der Uni könnte man es noch benutzen.

Es tut mir leid, dass es dir immer noch nicht gut geht. Aber vielleicht braucht es seine Zeit. Es ist schade dass deine Operation gerade mit der Zeit des Heuschnupfens zusammenfallen musste. Ich bin überzeugt davon, dass es sich bald zum besseren ändern wird. Und nun kommen ja deine Ferien, wo du dich schön ausruhen kannst. Es wird dir gut tun. Ich würde gern einen Versuch machen dich zu kurieren.. manchmal glaube ich dass ich das immer noch könnte. ;-)

Du wolltest ins Wallis fahren, aber daraus ist wohl nichts geworden, oder? Der ”Visper” ist nun schon seit zwei Wochen in der Schweiz. Er wollte eigentlich nur ganz kurz nach Visp gehen und dann Freunde und Bekannte in anderen Teilen der Schweiz besuchen. Er hat noch ein Haus in Zürich und muss den Mieter treffen. Ich würde nicht mit dir über diese Dinge sprechen, wenn er mir nicht ausdrücklich gesagt hätte, dass ich dem anderen Visper alles von ihm erzählen kann. Ich beneide ihn ein wenig. Es muss ein spannendes Erlebnis sein, nach so langer Zeit seine Heimat wiederzusehen. Eigentlich mag er die Schweizer nicht besonders. Er nennt sie ”Füdlibürger” oder so ähnlich und findet dass sie sehr eingeschränkt sind. Aber vielleicht meint er damit besonders die Walliser, zu denen er ja selbst gehört. :-)

So mein lieber Mausfreund. Das wäre es für heute. Ich hoffe dass du noch einen schönen Sonntag hast und wünsche dir einen guten Start in die nächste Woche.
Und ich küsse dich.. nur um zu sehen ob es dir hilft schneller gesund zu werden. ;-)
Mit lieben Sonntagsgrüssen
Marlena

Rom - der Vatican



Subject:  Sommersonntagnachmittag
(4)

Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ein bisschen weitergelesen. Aber allzu spannend ist es nicht, weil noch allgemein.

Bis im Jahre 1870 war das geistliche Oberhaupt der Kirche, der Papst, auch weltlicher Herr über den Kirchenstaat. Die Mauern und Befestigungen machten durchaus einen Sinn. 1870 wurde dann im ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes festgenagelt (damals trennten sich die Neukatholiken von der römischen Kirche, weil sie dies nicht akzeptieren konnten, die Unfehlbarkeit; ist ja auch etwas viel verlangt, dass so ein alter seniler Mann auch noch unfehlbar sein sollte, eine echte Überforderung!! - meine Meinung). Und im gleichen Jahr verlor der Papst den Staat, da dieser vom neuen Königreich Italien annektiert wurde. In die päpstliche Hauptstadt drangen die Truppen, doch vor den Mauern des Vatikans blieben sie stehen. Erst 1929 gab Musolini die weltliche Souveränität des Territoriums wieder zurück und seither ist die vatikanische Residenz der kleinste Staat der Welt.
Der "Heilige Apostolische Stuhl" ist die Zentralregierung der katholischen kirche. Sie steht an der Spitze einer Kirche mit 800 Mio Gläubigen oder nahezu Gläubigen, mehr oder weniger. Von hier aus wird die Kirche regiert. Aber nicht nur. Es gibt auch zahlreiche Ministerien und Aemter ausserhalb des Vatikans, etwa im Palast der Kongregationen, oder sie haben eigene Paläste.
Roma locuta causa finita, heisst der lateinische Satz. Rom hat entschieden und die Sache ist erledigt. Das ist heute noch so, aber keiner weiss, wie die Entscheidungen zustande kommen. Es ist sehr intransparent, und wie gesagzt, letztlich unfehlbar.

Gegenüber den päpstlichen Gemächern residiert der "Rat für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche". Er ist die Schaltzentrale der Kurie, aller Kongregationen und Kommissionen.
Das Geheimnis des Vatikans liegt im Paradox einer höchsten Prätention - nämlich die Gewissen von Millionen von Menschen zu bestimmen - und dabei auf einer zwerghaften weltlichen Machtbasis zu stehen.
Am Sonntag kann man den Papst vom Petersplatz aus sehen, wenn er im obersten Stock seines Palastes das Angelus betet und dann den Segen erteilt. Und am Mittwoch kann man ihn an der Generalaudienz in der grossen Halle treffen.
Am einfachsten ist der Eintritt in die Basilika San Pietro, der Hohe Tempel des Katholizismus. Er ist grandios und hat Platz für 60'000 Gläubige. Das kann man kaum glauben, das sind soviele, wie sie ein ganzes Fussballstadion füllen. Aber sie ist schon sehr geräumig, diese Basilika in der Form eines lateinischen Kreuzes. Und in der Mitte steht dieser Altar unter dem Baldachin mit den geschwungenen barocken Säulen.
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Jetzt will ich dir das schicken, meine Liebste, sonst bist du es, die verdurstet. Und das möchte ich keinesfalls. Nicht mal einen trockenen Mund solltest du haben.
Ich küsse dich, mit einem echten Sonntagskuss, wenn du weißt, was ich meine.
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Samstag, 2. Juli 2011

meine Wunschvorstellung

Subject:  Sommersonntagnachmittag
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Meine Wunschvorstellung wäre eigentlich so: Ich arbeite in einem Atelier, male, modelliere. Und die Leute kommen ins Atelier, wo ich meine psychologischen Beratungen mache. Sie setzen sich auf ein Sofa und langsam kommen wir ins Gespräch. Ich könnte sie porträtieren. Vielleicht sind sie scheu und wollen das nicht. Also bastle ich an was anderem. Aber gleichzeitig sprechen wir über die Probleme, die sie beschäftigen. Und wir finden in aller Ruhe und parallel zu meiner Malarbeit eine Lösung. Das wäre doch eine romantische Art zu arbeiten. Wenn ich in Pension gehe, könnte ich das so machen. Das wäre wunderbar. Ich muss nur noch etwas exzentrischer werden, damit mit die Leute als Geheimtip empfehlen und weitererzählen. Und ich muss mir ein ziemlich verrücktes Atelier einrichten, leicht chaotisch, mit einer Sitzecke und sonst mit vielen Utensilien und Farbtuben und all den Dingen, die so schön riechen in einem Atelier. Das wäre wirklich eine ideale Art zu arbeiten. Ich könnte vielleicht 5 Sitzungen machen pro Tag. Und gleichzeitig muss ich nicht so banal den Leuten gegenüber sitzen und sie ausfragen. Ich kann sie einfach machen lassen, bis sie sich von selbst öffnen. Ja, das wäre es, diese Idee muss ich im Auge behalten.
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Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ...

Freitag, 1. Juli 2011

6 Stunden später - Ausstellung über Varlin

Subject:  Sommersonntagnachmittag
(2)
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Und jetzt ist 6 Stunden später, also 1500h, bin ich wieder zurück. Ich musste am Morgen rasch weg, denn ich wollte unbedingt nochmals in diese Ausstellung über Varlin, diesem Züricher Maler und meinem Liebling vor Jahren. Um 1030 sollte eine Führung anfangen, und die wollte ich nicht verpassen. ...
Die Führung war gut, und sie dauerte fast 2 Stunden. Es war eine ältere Dame, die gesprochen hat, offenbar von der Leitung des Museums. Und anschliessend gab es noch Videos über den Künstler zu sehen.
Ich kann dir nicht so genau beschreiben, wie Varlin malt. Aber ich versuche es trotzdem. Er ist in München, Berlin und Paris ausgebildet worden. In Paris hat er Soutine gut gekannt. Wenn du Soutine kennst, dann bist du schon in der Nähe von Varlin, mindestens, was seine Porträts betrifft. Soutine hat auch hinreissende Porträts gemalt. Sie sehen von weit und auf den ersten Blick ganz klassisch aus. Das heisst, die Figur tritt vom dunkeln Hintergrund hervor. Dieser unterstützt die Farben und lässt die Figur leuchten. Näher betrachtet sind die Gesichter dann bei Soutine verzerrt, abgenutzt und von den Leiden dieser Welt ein wenig verstellt. Aber sie sind immer noch schön, vor allem in den Farbkontrasten mit dem Hintergrund. Und so ähnlich malte auch Varlin.
Er hat genau im Jahr, als ich nach Zürich zum Studium kam, den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Das war 1967. (er ist 1900 geboren) Und Dürrenmatt hat nicht die Laudatio gehalten, wie ich dir fälschlicherweise gesagt habe, sondern die Antwort Varlins gesprochen. Varlin war entäuscht, weil er sich in Zürich verkannt fühlte. Damals war die Zeit des Max Bill und der konkreten Malerei, du weißt Marlena, diese geometrischen Formen mit den ungemischten Farben, sehr technisch, sehr kühl. Und Varlin hat immer vor dem Objekt gemalt, und er fühlte sich an den Rand gerückt durch die neue Modeströmung. Und Max Bill, der Sprachführer der Konkreten, war überheblich genug, seine Malerei zu verachten. Und Bill war anerkannt und war in allen Kommissionen und Gremien vertreten. Deshalb wollte Varlin bei der Verleihung des Zürcher Kunstpreises nicht selbst reden und hat das Dürrenmatt machen lassen. Er fühlte sich verletzt und missachtet. Dürrenmatt konnte ja sehr gute Reden schreiben. Wenn er sie selbst gesprochen hat, hörten sie sich etwas komisch an, denn er hatte einen breiten und langsamen Berner Dialekt, dem man nicht viel geistige Urteilskraft zutraute. Aber er führte seine langsamen Sätze behäbig und etwas holperig zu den Höhepunkten, die er sehr komisch gestalten konnte. Und Dürrenmatt war damals schon weltbekannt, er war eine Autorität. Da lachen die Menschen bei den Pointen noch etwas früher als bei einem durchschnittlichen Menschen.

Die Ausstellung also in Aarau. Zum Stil Varlins muss man noch sagen, dass er etwas Karikatureskes hat. Er ist ein bisschen Karikaturist, erzählt den Moment, übertreibt ein bischen mit Witz und Ironie. Und sein Genre ist das Porträt. Er hat wunderschöne Porträts gemacht: seine alte Mutter, seine Zwillingsschwester, seine italienischen Hausmädchen (Brigitte, ein hinreissendes Porträt, sie im Unterrock mit einem knallroten Jupe und einem schönen italienischen Gesicht)

Seine Hündin Zita hat er porträtiert, die grossen Schriftsteller wie Frisch, Dürrenmatt, Loetscher, andere Maler, auch Clochards, Besoffene. Und eine seiner Fähigkeiten war es, Häuser zu porträtieren. Er hat in Zürich Spitäler, das Bezirksgericht, den Bahnhof, die alte Oper, das rote Schloss und viele andere Gebäude gemalt. Oft frontal, Hausfassaden. Wer einmal Architektur studiert und solche Zeichnungen gemacht hat, weiss, dass das nicht leicht sein kann. Er hat auch gekonnt Innenräume auf die Leinwand gebracht, den Ballsaal in Montreux, den Wartsaal, Restaurants in Arles. Und Schliesslich hat er seinen ledernen Fauteuil mehrmals hinreissend schön gemalt, seine Schuhe (wie van Gogh) seinen Schrank, sein Atelier, Schirme. Ach, Marlena, das muss sehr langweilig sein, so über die Bilder zu reden. Komm setz dich neben mich und ich zeige dir den Katalog, den ich gekauft habe. Sie sind alle hier drin in recht guten Reproduktionen.

Du siehst, ich bin begeistert von dieser Malerei. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich vor 25 Jahren eine solche Ausstellung in Aarau gesehen habe. Damals hätte man Bilder kaufen können. Sie waren so um die 10'000.- Das war für mich damals etwas zuviel. Doch heute sind sie mindestens 10 mal soviel wert. Und heute scheint man ihn, den damals verkannten Maler, mehr zu schätzen.

Ich habe mir vor allem seine Porträts von Menschen angeschaut. Davon wollte ich etwas lernen, wenn ich bald meinen Lebensunterhalt als armer Porträtmaler auf dem Momartre fristen muss. Die grosse Kunst ist natürlich, die Figur ins Bild zu stellen. In der Ausstellung hatte es drei Akte, auf dem Bett liegende Frauen, die sehr schön waren. Ich meine nicht die Frauen, ich habe schönere gesehen (;__)))) Kleiner Scherz. Aber die Farben, wie das gemalt ist, die weissen Laken, die Farbe des Fleisches, die Pose, die sie einnehmen. Es kommt eine Lebendigkeit aus den Bildern, die grossartig ist. So ein Bild in der Stube, und die Stube ist voll. Es braucht nichts mehr daneben.

Aber jetzt genug Varlin, sonst langweile ich dich wirklich zu sehr. Nur noch eins. Ich wollte die Nebenwohnung vorbereiten, damit ich dort modellieren und malen kann. Ich habe jetzt soviele Jahre nichts mehr gemacht, und eigentlich ist es schade. Es befriedigt mich, mit den Händen was zu machen, auch wenn ich manchmal während des Malens sehr leide, weil ich den Eindruck habe, es sieht schlimm aus, und ich weiss gar nicht, woran es liegt und was ich ändern sollte. Wenn du mir ein paar aktuelle gute Fotos schickst, werde ich dich porträtieren. Die Fotos können von verschiedener Seite aufgenommen sein. Es ist besser als nur von einem einzigen Foto zu malen. Da bleibt man sklavisch kleben an einem Bild, und das kann nicht gut herauskommen. Aber mit 3 oder 4 Fotos sollte es möglich sein. Ach, ich würde von dir ein wunderschönes Bild malen. Ich meine schön für meine Augen, vielleicht wärst du dann ein bisschen enttäuscht, oder beleidigt, oder würdest sogar nur noch über deinen Anwalt mit mir sprechen;--) und einen richtigen Prozess wegen Ehrverletzung anstrengen. Ach, ein Porträtmaler ist immer in Lebensgefahr, dessen muss man sich bewusst sein. Ich hoffe, ich werde es überleben.

Mein Wunschvorstellung wäre eigentlich  ...

Sommersonntagnachmittag

Subject:  Sommersonntagnachmittag
Date: Sun, 02 Jul 2000 16:19:49 GMT

Liebe Marlena
Ach, wie du dich ins Zeug wirfst und mir schöne Mails schreibst, das berührt mich sehr und ich finde es wunderschön. Es wäre schade um jede Zeile, wenn du sie nicht geschrieben hättest. Und dass du sie mitten im Chaos eines heruntergeräumten Büchergestells schreibst, und mitten in der Nacht, und unter den Verdächtigungen deines Ehemannes mit dem scharfen Blick, das alles kann mir keine Schuldgefühle machen. Es ist einfach zu schön, das von dir zu lesen.
Und dabei gibt es immer wieder Wendungen, oder die Art, wie du die Gedanken formst, wo ich mich dir sehr verwandt fühle. Du weißt schon, wass ich meine, nicht wahr? Ich danke dir, mein Schatz. Du bist lieb mit mir, das weiss ich sehr zu schätzen.
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Über euren Freund höre ich, dass du bezweifelst, er würde die Bücher auch noch lesen, die er rezensiert. Auch das hast du mit soviel Charme gesagt, dass ich dich darob drücken möchte. Und ich fühlte mich natürlich auch etwas angesprochen. Allerdings rezensiere ich meist Kinder- und Jugendbücher, nur gelegentlich sind sie auch für Erwachsene. Heute haben sich die Grenzen ja ein bisschen verwischt. Es ist schon eine Frage, wieviel man von einem Buch gelesen haben muss, bis man es beurteilen kann. Aber es kommt auch sehr aufs Buch an. Sachbücher, Lexika und solche Dinge kann man sehr schnell grob beurteilen. Denn der Teil spricht absolut für das Ganze. Romane dauern am längsten, denn wenn man auch den Stil und die Schreibart von der ersten und der letzten Buchseite ablesen kann, die Windungen der Geschichte, der Leidensweg der Figuren, die Art, wie sie sich in der Geschichte verwirklichen und auch abnutzen, all das hat man dann bei weitem noch nicht erfasst. Ich glaube, von all diesen Leuten, die für diese Basler Bibliothek und Kommission Bücher rezensieren bin ich der einzige, der sie nicht ganz liest. Anfangs habe ich das schon gemacht, aber heute vertraue ich etwas mehr meiner Nase und dem Gefühl. Und natürlich muss man, paradoxerweise, etwas mehr lesen, wenn man ein Buch schlecht beurteilt. Es wäre sonst nicht fair, man könnte irgend einen positiven Aspekt völlig übersehen haben.
Die meisten Bücher sind ja so einigermassen gut bis mittelmässig. Es gibt wenig schlechte, von denen man abraten muss. Und es gibt 5-10% exzellente, von denen ich begeistert bin. Wenn mir ein Buch gefällt, dann kann ich auch viel besser darüber schreiben, ich meine stilmässig. Meine Begeisterung erlaubt mir, origineller und lustiger und einnehmender zu schreiben. Es ist wirklich wie bei der Korrespondenz mit Marlena. Es ist wie wenn die Qualität des Buches auf meine Schreiberei überspringt. Ich bin bloss das kommunizierende Gefäss.
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Jetzt muss ich gehen. Ich melde mich später wieder.
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Und jetzt, 6 Stunden später...

Unordnung und Gast

Subject: Guten Morgen!
Date: Sun, 02 Jul 2000 05:16:27 CEST

Lieber ... !
Ich sitze im Augenblick in einem veritablen Chaos. Du weisst wie es ist, wenn man Bücherschränke ausräumt und die ganze Bodenfläche verdeckt ist, so dass man sich kaum bewegen kann. Es braucht wirklich sehr starke Kräfte dass ich mich hinsetzte und alles liegenlasse. Meine Sehnsucht mit dir zu sprechen ist doch stärker als mein Drang hier so schnell wie möglich Ordnung zu schaffen.
Wir haben gerade zu Mittag gegessen. Es war wieder ein wunderbares Gericht und ich glaube ich muss mich etwas in acht nehmen sonst könnte ich womöglich in Rom mit diesem dicken amerikanischen Hintern erscheinen, der dich schliesslich ganz von mir abschrecken würde ;-) Du hast mal gefragt, ob wir Suppe als Vorspeise essen. Ja, möglicherweise ein dünnes Consommé, aber das ist nicht so üblich. Stattdessen hat man oft irgendeinen Salat mit Meeresfrüchten, also meistens nichts warmes.
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Unser Gast ist ein hochinteressanter Mensch. Er ist ein alter Studienkamerad von K und sie wohnten damals in einem berühmten Studentenhotel für männliche Studierende im Zentrum von Uppsala. Sie hatten ihre Zimmer im selben Korridor. Alle lebten eng zusammen und kannten sich sehr gut, und niemand konnte eigentlich Geheimnisse vor den anderen haben. Es gab viele Originale, die später auch auf verschiedenen Gebieten Karriere machten und Folke (unser Gast) war schon damals einer der originellsten, und obwohl man ihn vielleicht nicht gerade bewunderte, so sah man doch sehr zu ihm auf.
...
Seit vielen Jahren ist er unser Gast während einer Woche (meistens sofort nach Schulschluss). Wenn ich die beiden so sehe und höre, dann denke ich an dich und W. Eigentlich könnte ich ihnen dauernd zuhören, denn wenn zwei so begabte und interessante Leute zusammenkommen dann werden viele Themen angeschnitten, und der eine versucht dem anderen mit neuen Erfahrungen zu imponieren. Vor einer Weile war die Rede von Stalingrad und grauenvollen Details aus dem Krieg, z.B. wie man sehen konnte, wenn jemand starb, dass sein Bart plötzlich lebendig wurde, und die Läuse in grossen Scharen schnell hinüberwanderten zu einem noch lebenden Körper. Folke hat wie K auch Geschichte studiert. Er war eine zeitlang Direktor aber die ”Papierarbeit” hat ihm nicht besonders gefallen und so ist er wieder Studienrat geworden. Er schreibt ausserdem Rezensionen für eine lokale Zeitung über Bücher, die er (wie ich behaupten möchte) nie gelesen hat ;-) Nun, so ist es wohl oft mit solchen Herren. Sie lesen ein paar Zeilen hier und ein paar Zeilen da und dann kopieren sie ganz einfach eine schon irgendwo veröffentlichte Rezension mit ein paar eigenen Zutaten. Und warum sollte es eigentlich dadurch an Wert verlieren? ;-)
Ich gehe ab und zu eine Weile zu ihnen hinunter und sehe nach, ob sie mich sehr vermissen ;-) Dann kehre ich beruhigt wieder zu meinem Ferngeliebten an den PC zurück.
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Ja, du hast recht. Saint-Exupéry hat einen sehr schönen Namen. Aber er ist nicht einer meiner Favoriten. Nur eben das kleine Büchlein ”Le petit prince” hat mir sehr gefallen. Und eigentlich erst später, als ich entdeckte welche schöne Gedanken und Weisheiten sich darin verbergen. Übrigens, auf unserer Tour an der Amalfiküste entlang, bekamen wir jeder einen Kuss, nun du weisst diese kleinen Schokoladeküsse, die alle unter dem Staniol ein kleines Papier mit einem Spruch enthalten. Und weisst du was auf meinem stand? ”On ne voit bien qu’avec le coeur” :-)
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Du möchtest dass wir Proust zusammen lesen? Aber chéri, wie kannst du mir das nur zumuten, wo ich doch ständig mit der Zeit kämpfe. Ich kenne die Frau (nur flüchtig) die ihn ins Schwedische übersetzt hat. Ich glaube sie hat 30 Jahre dazu gebraucht. Nun, beim Aufräumen in den Bücherschränken hier oben, habe ich so viele Bücher entdeckt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich könnte mich gut ein paar Monate damit beschäftigen. Du sagst, dass du ein Buch über die Wikinger rezensiert hast. Wie heisst es denn? Ja, die guten alten Wikinger, das war so eine Sorte von rohen Burschen. Hast du übrigens schon ”Röde Orm” gelesen von Frans G. Bengtsson? Es gehört zu unserem Kulturschatz und ist sehr lesenswert. Ich glaube es würde dir gefallen. Der deutsche Titel ist : Die Abenteuer des Röde Orm , herausgegeben von: Deutscher Taschenbuchverlag, München.
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Ich habe auch ein paar Gedichtsammlungen gefunden. Eins:”Französische Gedichte Von Baudelaire bis Saint-John Perse” und das andere ”Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart”. Aus Spass habe ich mir gesagt ich schlage irgendein Gedicht auf und sehe ob es etwas über uns sagt. Und schau mal was ich fand:

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, dass diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?


Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
und viel zu grauenvoll als dass man klage:
Dass alles gleitet und vorüberrinnt.
...
Es ist von Hugo von Hoffmansthal und heisst ”Über Vergänglichkeit”.

Nun, wir nehmen es mit einem Lächeln. Wenn auch unsere Liebe nicht ewig dauernd würde, so glaube ich doch dass wir eine Freundschaft haben, die bestehen wird.
*
Ich hatte dir versprochen noch heute zu schreiben (und das habe ich ja auch getan ;-) aber leider werde ich es nicht heute abschicken können. K hat schon komische Bemerkungen gemacht über eine ”heimliche Korrespondenz” und du wirst sicher verstehen, wenn ich bis morgen warte mit dem Absenden. Natürlich bin ich dabei wiederum etwas ängstlich, dass mein lieber Wolf in seinem grossen Hunger etwas ungünstiges frisst.. Wie du siehst bin ich überall von Gefahren umgeben und kreuze sozusagen zwischen Skylla und Karybdis.
*
Es ist früh am Morgen, aber ich will dass du mein Mail sofort morgen (heute) findest.
Schreibe dir bald mehr
KKK
Marlena

über die Gotik

...

Ich habe diese paar freien Tage sehr genossen, und ich habe auch ein bisschen gearbeitet. Am Freitag war ich in Basel. Ich habe mir ein grosses Buch gekauft über die Gotik. Es behandelt die Stilgeschichte und ist Teil einer Reihe. Ich habe davon auch schon den Band Rom und ein paar andere. Und auf dem Gotik-Band ist auf dem Frontbild eine wunderschöne Abbildung der Sainte Chappelle von Paris, dem Chor der Königskapelle. Sicherlich kennst du sie. Sie ist auch sehr raffiniert beleuchtet. Die fein gegliederten Säulen widerspiegeln mit ihren Rippen das Licht und zeigen sich als feinleuchtende Lichtlinien, die hinauf zur Decke führen. Und dazwischen sind die wunderbaren Glasfenster, diese Glasvorhänge, muss man beinahe sagen. Es war die Kunst der Gotik, die schweren romanischen Mauern aufgelöst zu haben zu einem reinen Steingerüst, um darin die wunderschönen Fenster platzierien zu können. In der modernen Architektur gab es dann später die sogenannte Curtain-Wall. Das war ein ähnlichs Prinzip. Der Bau wird auf Säulen gestellt, und die Wände tragen nicht mehr, sondern sind nur da als eine Art Paravent, eine feine Abgrenzung gegen aussen, meist aus blossem Glas. Das sind dann diese modernen Glashäuser, in denen sich das ganze Stadt-Panorama spiegelt. Und die Gotik hat das erfunden. Und wenn man gotische Kathedralen von aussen ansieht, muss man ja sagen, dass sie darin einigen Aufwand betrieben haben mit diesen Hilfskonstruktionen und dem ganzen Strebewerk. Es ist ein ganzes Steingerüst, welches das Hauptgebäude zusammenhält, denn sonst würde es nach allen Seiten auseinanderbrechen, wenn diese Streber nicht wären. Die Mauer allein wäre zu schwach und zu dünn, all das zu halten.

Doch ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen.  ...
                                                                                                            Foto: Chris